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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Gebt einen Imbiß mir auf grünem Rasen,
Wenn auch nicht fein gekocht. Bei meinem Tischtuch
Laßt sprudeln frisch den Quell, und auf den Zweigen
Die freien Vöglein zirpen, zwitschern, hüpfen,
Die Krumen fordernd, die ich fallen laß'.
Ich lieb' nicht Schmaus im Kerker.

Der Waidmann, ein Schauspiel.

Eine Vertiefung in dem Vorzimmer war von einem kleinen Fenster erhellt, und hier nahm Roland seinen Platz, um den Abgang der Herren anzusehen. Jenseits erblickte er unter ihren beiden Bannern ihre Knechte zu Roß, in deren Panzern und Sturmhauben die Sonne flimmerte, wenn sie sich zuweilen bewegten, ab- oder aufstiegen. Diesseits auf dem engen Raume zwischen der Burg und dem Wasser gingen Ruthven und Lindesay langsam den Booten zu, begleitet von der Frau von Lochleven und ihrem Enkel. Roland sah an den Geberden, daß mit vieler Förmlichkeit Abschied genommen wurde, und betrachtete sich, da er eben nichts Besseres zu thun hatte, ferner weit, wie die Boote vom Lande stießen, wie die Ruderer frisch arbeiteten und bald klein und immer kleiner erschienen. Frau von Lochleven und Georg Douglas schienen in derselben Weise beschäftigt zu sein, denn auf dem Rückwege von dem Landungsplatz sahen sie sich oft um und standen endlich still, als wollten sie die Fahrt der Boote mit den Augen verfolgen. Da sie gerade unter dem Fenster Rolands Halt gemacht hatten, konnte Jener deutlich hören, wie die Burgfrau, die Augen auf den See gerichtet, sagte:

»Also hat sie sich dazu bequemt, ihr Leben zu retten auf Kosten ihres Königthums?«

»Ihr Leben, Madame?« fragte der Enkel. »Ich wüßte nicht, wer es wagen dürfte, einen Versuch auf dasselbe zu machen in der Burg meines Vaters. Hätte es mir einfallen können, daß Lindesay deswegen darauf bestanden hätte, seine Leute mit herüber zu bringen, dann sollte weder er noch sie durch das eiserne Thor von Lochleven gekommen sein.«

»Ich spreche nicht von heimlichem Todtschlag, mein Sohn, sondern von öffentlichem Gericht, Verurtheilung und Hinrichtung. Damit ist sie bedroht worden, und solchen Drohungen hat sie nachgegeben. Hätte sie nicht mehr von dem falschen Guisenblut, als von dem des schottischen Königsgeschlechtes in ihren Adern, dann würde sie ihnen in den Bart getrotzt haben. Aber das paßt zu ihrem übrigen Leben; Niederträchtigkeit ist die natürliche Genossin von Lüderlichkeit. – Also für diesen Abend bin ich der Verbindlichkeit überhoben, mich in ihre durchlauchtige Gegenwart einzudrängen? Geh' du, mein Sohn, und leiste beim Mahle dieser abgesetzten Königin den gewöhnlichen Dienst.«

»Erlaubt, Frau Mutter,« sprach Douglas, »ich habe keine große Lust, in ihrer Nähe zu sein.«

»Da hast du Recht, mein Sohn. Eben darum trau' ich deiner Klugheit, weil ich deine Behutsamkeit beobachtet habe. Sie ist gleich einer Insel im Weltmeer, umgeben von Untiefen und Sandbänken, mit herrlichem Grün, das manches Schiff ins Verderben gelockt hat; aber für dich, mein Sohn, bin ich außer Sorgen. Auf der andern Seite können wir sie nicht essen lassen, ohne daß Jemand von uns dienstwillig zugegen ist. Sie könnte ja sterben durch Gottes Gericht, oder der Teufel könnte Gewalt über sie ausüben in ihrer Verzweiflung, und dann gälte es, zu beweisen, daß sie in unserem Hause ehrlich und anständig behandelt worden ist.«

Hier wurde Roland in seinem Zuhören gestört durch einen empfindlichen Klaps auf die Schulter, welcher ihn stark an Adam Woodcocks Abenteuer vom vorigen Abend erinnerte. Er drehte sich um, fast erwartend, den Edelknaben aus der Herberge zum Sankt Michael zu sehen. Er erblickte wirklich Katharine Seyton, aber sie war in weiblicher Kleidung, freilich von ganz anderem Stoffe und Schnitte, als die, welche sie beim ersten Zusammentreffen angehabt, in einer solchen Kleidung, wie sie ihrer Geburt, als Tochter eines großen Herrn, und ihrem Range, als Gesellschafterin einer Fürstin, zukam.

»So, schöner Junker?« sprach sie; »nicht wahr, Lauschen ist eine Eurer Edelknabentugenden?«

»Schöne Schwester,« erwiderte er in demselben Tone, »wenn ein gewisser Freund von mir eben sowohl mit den übrigen Theilen unserer Geheimwissenschaft vertraut ist, wie mit den Künsten des Fluchens, Renommierens und Hauens mit der Reitgerte, dann braucht derselbe keinen Edelknaben in der Christenheit um weitere Aufklärung über seinen Beruf zu fragen.«

»Wenn diese hübsche Rede nicht etwa besagen soll, daß Ihr selber seit unserem letzten Zusammentreffen mit der Reitgerte gezüchtigt worden seid, was ich keineswegs unwahrscheinlich finde, dann glaubt mir, schöner Junker, bin ich in Verlegenheit, wie ich Eure Meinung errathen soll. Aber es ist keine Zeit dazu, dies jetzt zu erörtern; – sie kommen mit der Abendmahlzeit. Laßt es Euch gefallen, Herr Junker, Eure Schuldigkeit zu thun.«

Vier Diener traten ein mit Speisen, vor ihnen der finstere alte Hofmeister, welchen Roland bereits gesehen hatte, hinter ihnen Georg Douglas, Enkel der Frau von Lochleven, als Burgvogt und als Stellvertreter seines Vaters, des Burgherrn. Douglas trat ein mit übereinandergeschlagenen Armen und mit gesenktem Blicke. Mit Hülfe von Roland Graeme ward in dem Wohnzimmer ein Tisch gedeckt, auf welchen die Diener mit vieler Förmlichkeit die Speisen stellten. Als Douglas und der Hofmeister die Tafel gehörig bestellt sahen, verbeugten sie sich tief, als ob die Königin am Tische säße. Die Thür ging auf, Douglas erhob seine Augen, senkte sie aber sogleich wieder, als er bemerkte, daß bloß Frau Maria Fleming eintrat.

»Ihre Durchlaucht,« sprach die Kammerfrau, »will nicht zu Nacht essen.«

»Hoffen wir, daß sie sich anderweit dazu bewegen läßt,« entgegnete Douglas. »Mittlerweile habt die Güte, Fräulein, zu sehen, daß wir unsere Schuldigkeit thun.«

Ein Diener bot Brod und Salz auf einer silbernen Schüssel dar, und der alte Hofmeister schnitt von jedem der nach der Reihe dargebotenen Gerichte einen kleinen Bissen ab, welchen er kostete. So war es damals Gewohnheit an den Tafeln der Fürsten, welche oft besorgten, der Tod möge unter der Hülle der Speisen einen Weg zu ihnen finden.

»Also die Königin will heute Abend nicht erscheinen?« fragte Douglas.

»So ist ihr Wille,« antwortete die Kammerfrau.

»Dann ist unsere fernere Aufwartung überflüssig,« sprach der Burgvogt. »Wir lassen Euch für Euch bei Eurem Mahle und wünschen Euch guten Abend.«

Er entfernte sich langsam, wie er gekommen war, und mit demselben Ansehen tiefer Niedergeschlagenheit. Ihm auf dem Fuße folgten die Bedienten. Die beiden Damen setzten sich zu Tische, und Roland Graeme stand bereit, sie zu bedienen.

Katharine Seyton flüsterte ihrer Gesellschafterin Etwas zu und diese fragte darauf leise, mit einem Blicke auf Roland:

»Ist er von edlem Blut und wohl erzogen?«

Die Antwort schien zu befriedigen, denn sie wandte sich sofort an Roland mit den Worten:

»Setzt Euch, Junker, und eßt mit Euren Mitgefangenen.«

»Erlaubt mir lieber, meine Schuldigkeit in Bedienung derselben zu thun,« entgegnete Roland, begierig, zu beweisen, daß er die Regeln des Ritterthums inne hatte, welche Ehrerbietung gegen das schöne Geschlecht, zumal gegen Frauen und Jungfrauen von Stande, vorschrieben.

»Herr Junker,« sprach Katharine, »es wird Euch wenig Zeit für Euer Mahl bleiben. Verliert sie nicht mit Förmlichkeit, oder Ihr möchtet Eure Höflichkeit bereuen, ehe der nächste Morgen kommt.«

»Eure Rede ist zu frei, Mädchen,« fiel die ältere Dame ein. »Die Bescheidenheit des jungen Mannes kann Euch zum Muster dienen in Eurem Benehmen gegen Einen, den Ihr heute zum ersten Mal gesehen habt.«

Katharine schlug die Augen nieder, warf aber vorher einen unbeschreiblich schalkhaften Blick auf Roland. Diesen redete ihre Gesellschafterin sodann im Tone einer Beschützerin an:

»Achtet nicht auf sie, Junker; sie weiß wenig von der Welt außer den Formen eines Klosters auf dem Lande. Nehmt Euren Platz am Ende des Tisches ein und erquickt Euch nach Eurer Reise.«

Roland gehorchte willig, denn dies war die erste Speise, die er an diesem Tage genoß. Lindesay und sein Gefolge schienen keine menschlichen Bedürfnisse zu kennen. Trotz seiner starken Eßlust aber hielt ein angeborner Zartsinn gegen Frauen, das Verlangen, als ein wohlerzogener Edelmann zu erscheinen, und wohl auch das Vergnügen, Katharinen gefällig zu sein, seine Aufmerksamkeit stets rege zur Verrichtung der vielen namenlosen Dienstleistungen, welche die Galanterie jener Zeit erforderte. Er schnitt säuberlich und mit Anstand vor, und suchte sorgfältig die feinsten Bissen aus, um sie den Damen vorzulegen. Errieth er einen Wunsch derselben, so sprang er vom Tische auf, ihn zu erfüllen, schenkte Wein ein, vermischte ihn mit Wasser, wechselte Teller und machte alle Honneurs bei der Tafel mit munterer Geschäftigkeit, tiefer Ehrerbietung und anmuthiger Raschheit.

Als er sah, daß sie nicht weiter aßen, beeilte er sich, der älteren Dame die silberne Kanne, das Becken und das Handtuch mit demselben ernsten Anstande darzureichen, den er gegen die Königin beobachtet haben würde. In derselben Weise reichte er die genannten Stücke auch Katharinen Seyton dar, nachdem er in das Becken reines Wasser gegossen. Vermuthlich war die gewesene Nonne entschlossen, seine Selbstbeherrschung auf die Probe zu stellen. Denn während sie die Hände wusch, spritzte sie dem geschäftigen Diener Wasser ins Gesicht. Wenn es wirklich ihre Absicht war, ihn zu verwirren, so bestand Roland die Probe, und ließ sich weder in Verlegenheit noch zum Lachen bringen. Dagegen verdiente sich Katharine einen strengen Tadel von ihrer Gefährtin, welche ihr Ungeschicklichkeit und Unanständigkeit vorwarf. Katharine antwortete nicht, sondern nahm eine verdrossene Miene an, fast wie ein verzogenes Kind, welches auf Gelegenheit wartet, seinen Aerger über einen verdienten Vorwurf an Jemandem auszulassen.

Frau Maria Fleming, sehr zufrieden mit dem Diensteifer des Kammerjunkers, drückte diese Empfindung durch einen Blick gegen ihn aus und sprach zu Katharinen:

»Ihr konntet wohl sagen, daß unser Mitgefangener wohlgeboren und sein erzogen ist. Ich möchte ihn nicht durch mein Lob eitel machen, allein seine Dienste lassen uns recht gut die von Georg Douglas missen, welche dieser sich nicht anders bequemt uns zu leisten, als wenn die Königin selber zugegen ist.«

»Hm! Das möchte ich doch bezweifeln,« entgegnete Katharine. »Georg Douglas ist einer der hübschesten Herren in Schottland, und es ist ein Vergnügen, ihn zu sehen, selbst jetzt, wo die Düsterheit von Schloß Lochleven ihm dasselbe Ansehen von Schwermuth gegeben hat, das es allen anderen Gegenständen verleiht. Als er zu Holyrood war, wer hätte da voraussagen mögen, daß der junge, muntere Douglas sich dazu verstehen würde, hier in Lochleven den Schließer zu spielen, und keinen besseren Zeitvertreib zu haben, als ein paar hülflose Weiber einzusperren? – ein sonderbares Amt für den Ritter vom blutenden Herzen! Warum überläßt er es nicht seinem Vater oder seinen Brüdern?«

»Vielleicht geht es ihm wie uns, daß er keine andere Wahl hat,« antwortete Frau Fleming. »Aber, Katharine, du hast deinen kurzen Aufenthalt am Hofe wohl benutzt, daß du dich noch erinnerst, was Georg Douglas damals war.«

»Ich habe meine Augen gebraucht, was ich vermuthlich sollte, und es war der Mühe werth. Als ich im Kloster lebte, waren sie ein sehr unnützes Zubehör, und jetzt, wo ich zu Lochleven bin, dienen sie zu Nichts, als auf die unendliche Stickarbeit zu sehen.«

»Ihr sprecht so, da Ihr kaum erst ein Paar kurze Stunden bei uns seid. – Ist dies das Mädchen, welches in einem Kerker leben und sterben wollte, wenn sie nur ihre gnädige Königin bedienen dürfte?«

»Nein, wenn Ihr ernstlich schmält, ist mein Scherz zu Ende,« erwiderte Katharine Seyton. »Ich möchte in Anhänglichkeit an meine arme Pathin der ernsthaftesten Dame nicht nachstehen, welche je weise Sprüche auf der Zunge und einen zwiefach gestärkten Kragen um den Hals gehabt hat. Ihr wißt es, ich möchte es nicht, Dame Maria Fleming, und es hieße mich beschimpfen, wollte man das Gegentheil behaupten.«

»Sie wird die andere Hofdame herausfordern,« dachte Roland, »sie wird ihr gewiß den Handschuh hinwerfen, und wenn Dame Maria Fleming das Herz hat, ihn aufzuheben, so werden wir einen förmlichen Zweikampf erleben!«

Aber die Antwort der Frau Maria Fleming war der Art, den Grimm zu besänftigen.

»Du bist ein gutes und treues Kind, Katharinchen,« sprach sie. »Aber Gott stehe Demjenigen bei, der eines Tages ein so schönes Geschöpf zu seiner Wonne und ein so böses Ding zu seiner Qual haben wird. Du bist im Stande, zwanzig Ehegatten rasend zu machen.«

»Ei was,« erwiderte Katharine. »Derjenige muß schon halb verrückt sein, welcher mir Gelegenheit dazu gibt. Aber ich bin froh, daß Ihr nicht im Ernst böse auf mich seid,« fuhr sie fort, sich in die Arme ihrer Freundin werfend und sie auf beide Wangen küssend. »Ihr wißt, theure Fleming, daß ich zu kämpfen habe, sowohl mit meines Vaters Stolz, als mit meiner Mutter Hoffart. Gott segne sie! – sie haben auf mich diese guten Eigenschaften vererbt, da sie mir sonst wenig zu hinterlassen haben, wie jetzt die Zeiten sich gestalten. So bin ich denn naseweis und muthwillig; aber laßt mich nur eine Woche in diesem Schloß sein, theure Fleming, und mein Sinn wird so zahm und sanft sein wie der Eurige.«

Maria Flemings Halten auf Form und äußere Würde konnte diesen herzlichen Worten nicht widerstehen. Sie erwiderte Katharinens Liebkosungen, und antwortete auf ihre letzte Bemerkung:

»Verhüt' es Gott, theure Katharine, daß Ihr irgend Etwas von Eurer Heiterkeit und Munterkeit verlieren solltet, die Euch so wohl ansteht. Haltet nur Euren Witz diesseits der Grenze der Tollheit, und er wird lediglich eine Wohlthat für uns sein. Aber laß' mich gehen, tolle Dirne, ich höre den Ruf unserer Allergnädigsten Frau.«

Damit machte sie sich los, und ging nach der Thür von Mariens Gemach, aus welchem man den leisen Ton einer silbernen Pfeife vernahm, wie sie gegenwärtig noch die Hochbootsmänner auf Kriegsschiffen führen, damals aber in Ermangelung der Klingeln das gewöhnliche Mittel waren für Frauen, selbst vom höchsten Rang, ihre Dienerschaft zu rufen. Nachdem sie aber etliche Schritte gegen die Thür gemacht, drehte sie sich um, näherte sich dem Pärchen, welches zurückblieb, und sprach leise, aber in ernstem Tone:

»Ich hoffe, es ist unmöglich, daß irgend Jemand von uns je vergessen kann, daß wir, so wenig unserer auch sind, den Haushalt der Königin von Schottland bilden, und daß in ihrem Unglück alle kindische Lustigkeit nur dazu dienen kann, ihren Feinden einen Triumph zu bereiten, welche bereits reichlich alle kleinen Thorheiten ausgebeutet haben, die von der munteren Jugend an ihrem Hofe begangen worden sind.«

Mit diesen Worten verließ sie das Gemach.

Auf Katharine Seyton schien diese Erinnerung einen tiefen Eindruck zu machen. Sie sank auf den Sitz zurück, von welchem sie aufgestanden war, um Frau Fleming zu umarmen, und saß eine Zeitlang stumm da, die Stirn auf ihre Hände gestützt. Roland Graeme betrachtete sie mit Aufmerksamkeit, und mit einer Mischung von Gefühlen, die er vermuthlich selber weder sondern noch erklären hätte können. Als sie langsam ihr Haupt aus der Lage erhob, in welche eine augenblickliche Unzufriedenheit mit sich selbst es gesenkt hatte, begegneten ihre Augen denen Rolands und belebten sich allmählig wieder mit ihrem gewöhnlichen Ausdruck neckischer Lustigkeit, welcher sehr natürlich einen ähnlichen Ausdruck in denen des eben so munteren Jünglings hervorrief. Einige Minuten saßen sie so da, sich einander ansehend mit Ernst in den Zügen und Scherz in den Blicken, bis endlich Katharine das Stillschweigen brach.

»Dürfte ich bitten, schöner Herr,« sprach sie im gesetzten Tone, »mir zu sagen, was Ihr in meinem Gesichte sehet, das Euch veranlaßt, eine so schlaue Miene anzunehmen? Wenn man den Blick betrachtet, mit dem Ew. Wohlgeboren mich beehren, so sollte man fast glauben, daß eine wundersame Vertraulichkeit zwischen uns besteht. Und doch, so wahr mir Unsere liebe Frau helfe! hab ich Euch nur zwei Mal in meinem Leben gesehen.«

»Und welches waren diese glücklichen Anlässe, wenn ich so frei sein darf, zu fragen?« entgegnete Roland.

»Im St. Katharinenkloster zum Ersten,« antwortete das Fräulein, »und zum Zweiten während fünf Minuten eines gewissen Streifzuges, welchen es Euch gefiel, in die Wohnung meines Herrn Vaters, des Freiherrn von Seyton, zu machen, von welchem Ihr zu meinem und vermuthlich auch zu Eurer Verwunderung zurückkommt mit einem Zeichen der Freundschaft und des Wohlwollens, anstatt mit zerschlagenen Knochen, welche letztere eher als Lohn zu vermuthen waren, in Betracht des Jähzornes des Hauses Seyton. Ich fühle mich tief gekränkt, daß Eure Erinnerung der Auffrischung bedarf in Bezug auf einen so wichtigen Gegenstand: und daß mein Gedächtniß in Bezug auf einen solchen Umstand treuer sein sollte, als das Eurige, ist wahrhaft demüthigend.«

» Euer Gedächtniß, schöne Jungfrau, ist nicht so ganz treu,« versetzte der Kammerjunker; »denn Ihr habt das dritte Zusammentreffen vergessen in der Herberge zum St. Michel, wo es Euch gefiel, Eure Reitgerte meinem Gefährten über das Gesicht zu legen, ohne Zweifel, um zu zeigen, daß in dem Hause Seyton weder der Jähzorn, noch der Gebrauch von Wams und Hosen dem salischen Gesetz unterworfen und lediglich auf die männlichen Abkömmlinge beschränkt sind.«

»Schöner Herr,« antwortete Katharine mit einem festen Blick des Erstaunens, »wenn nicht Euer gesunder Verstand Euch verlassen hat, dann weiß ich wahrlich nicht, was ich von Eurer Rede halten soll.«

»Auf mein Wort, schöne Jungfrau,« antwortete Roland, »und wär' ich ein so großer Hexenmeister, wie Michel Scott, so könnt' ich kaum den Traum enträthseln, den Ihr mir da vormacht. Hab' ich Euch nicht vergangene Nacht in der Herberge zum St. Michael gesehen? Habt Ihr mir nicht dies Schwert gebracht mit dem Befehl, es nicht zu ziehen, außer auf Befehl meiner angestammten und rechtmäßigen Herrscherin? Und hab' ich nicht gethan, wie Ihr mich geheißen? Oder ist dies Schwert ein Stück Latte? mein Wort ein Strohhalm? meine Erinnerung ein Träumen und mein Augenpaar nichtsnutzige Späher, welche Raben mir aus dem Kopfe hacken möchten?«

»Wenn Eure Augen Euch bei andern Gelegenheiten nicht treuer dienen, als bei Eurem Gesicht im St. Michael,« sprach Katharine, »dann wüßt' ich, abgesehen vom Schmerz, eigentlich nicht, wie die Raben Euch damit groß Unheil anrichten würden. – – Horch, die Glocke! – Um Gottes willen, still! Man stört uns.«

Kaum hatte der dumpfe Ton der Burgglocke angefangen durch das gewölbte Gemach zu hallen, als die Thür des Vorzimmers aufging, und der Hofmeister mit seinem strengen Blick, seiner goldnen Kette und seinem weißen Stab eintrat, – hinter ihm die Diener, welche das Mahl aufgetragen hatten, und welche jetzt mit derselben gemessenen Förmlichkeit die Teller u. s. w. entfernten.

Der Hofmeister blieb unbeweglich stehen wie ein altes gemaltes Bild, während die Diener ihr Geschäft verrichteten. Nachdem dies geschehen, nachdem Alles von dem Tisch weggenommen, das Tischblatt selber von den Böcken abgehoben und an die Wand gestellt war, rief er, ohne sich an Jemand insbesondere zu wenden, fast in dem Tone eines Herolds, der eine Kundmachung verliest:

»Meine edle Frau, Dame Margaretha Erskine, vermählte Douglas, läßt Frau Marien von Schottland und ihre Dienerschaft wissen, daß ein Diener des wahren Evangeliums, ihr ehrwürdiger Kaplan, diesen Abend wie gewöhnlich erläutern, predigen und unterweisen wird nach der Weise der evangelischen Einigung.«

»Hört, Freund, Meister Dryfesdale,« sprach Katharine, »ich merke, diese Ankündigung ist eine allnächtliche Gewohnheit bei Euch. Nun bitt' ich Euch, zu bemerken, daß Frau Fleming und ich – denn ich hoffe, Eure unziemliche Einladung betrifft bloß uns, – St. Peters Weg zum Himmel erwählt haben. Also wüßt' ich nicht, wem Eure gottselige Ermahnung, Kinderlehre oder Predigt dienlich sein könnte, außer diesem armen Jüngling, welcher eben sowohl wie Ihr in Satans Händen ist, und darum besser thäte, mit Euch Gottesdienst zu halten, als uns in unserer Andacht zu stören.«

Der Kammerjunker war nahe daran, die in diesen Worten enthaltene Behauptung rundweg in Abrede zu stellen, als ihm einfiel, was zwischen ihm und dem Reichsverweser vorgefallen war. Zugleich sah er, daß Katharine den Finger aufhob, als wollte sie ihn an Etwas erinnern, und so bequemte er sich, fernerweit, wie auf Schloß Avenel, seine Religion zu verhehlen, folgte dem Hofmeister in die Burgkapelle und wohnte hier dem Abendgottesdienste bei.

Der Kaplan hieß Elias Henderson. war ein Mann in der Blüthe der Jahre und besaß vortreffliche Anlagen, sorgfältig entwickelt durch die beste Erziehung, welche diese Zeit gewähren konnte. Namentlich wußte er mit Schärfe einen Beweis zu führen, und zu Zeiten waren seine Versuche. eine Sache anschaulich zu machen, unterstützt von natürlicher Beredtsamkeit. sehr glücklich. Rolands Glaube ruhte, wie schon früher erwähnt, auf keiner festen Grundlage, und war ihm mehr durch die Gebote seiner Großmutter und durch die Lust, dem ,Burgkaplan zu Avenel zu trotzen, empfohlen, als durch eine eigentliche Ueberzeugung. Der Kreis feiner Vorstellungen hatte sich unter den Auftritten, die er seit Kurzem erlebt, bedeutend erweitert, und es kam ihm jetzt schimpflich vor, gar Nichts von dem Streit zwischen den Bekennern der alten und der neuen Lehre zu wissen. Also hörte er mit mehr Aufmerksamkeit. als ihm bisher bei solchen Gelegenheiten gegeben war, einer lebhaften Erörterung der Hauptstreitpunkte zwischen den beiden Kirchen zu.

So verging der erste Tag auf Schloß Lochleven. Die nächstfolgenden waren bei weitem einförmiger.

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