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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Von meinem Haupt leg' ich die schwere Last,
Aus meiner Hand den schweren Herrscherstab;
Mit meinen Thränen wasch' ich ab die Salbung,
Mit meiner Hand geb' ich hinweg die Kron',
Mit meiner Zung' entsag' ich meiner Hoheit,
Mit meinem Hauch lös' jeden Diensteid ich.

Richard II.

Der Freiherr von Ruthven hatte Blick und Haltung eines Kriegers und Staatsmannes. Die Mannhaftigkeit seiner Gestalt und Züge hatte ihm bei seinen Vertrauten den Beinamen Greysteil verschafft, von dem Helden einer damals allbekannten Romanze. Seine Kleidung, ein gestickter Büffelrock, war halb kriegerisch, trug jedoch nicht die schmutzige Nachlässigkeit zur Schau, wie der Lindesay's. Aber als Sohn eines unglücklichen Vaters, und als Vater einer noch unglücklicheren Familie, hatte er in seinem Gesicht einen Zug unheimlicher Düsterheit, wie ihn die Physiognomen jener Zeit. Denen zuschrieben, welche zu einem gewaltsamen und schrecklichen Tode bestimmt seien.

Das Entsetzen, welches das Erscheinen dieses Herrn bei der Königin hervorbrachte, schrieb sich von seiner Theilnahme an der Ermordung David Rizzio's her. Ruthvens Vater hatte die Ausführung dieses Verbrechens geleitet; geschwächt durch eine lange Krankheit, so daß er nicht einmal den Harnisch tragen konnte, war derselbe vom Siechbett aufgestanden, um in Gegenwart seiner Herrscherin einen Mord zu begehen; und sein Sohn war bei Vollbringung desselben nicht müßig gewesen. Kein Wunder, wenn die Königin, in Betracht der Umstände, in welchen sie sich während jener Gräuelthat befand, ein unwiderstehliches Entsetzen vor den Thätern hegte. Sie erwiderte jedoch huldvoll den Gruß des Freiherrn, und reichte ihre Hand dem jungen Douglas dar, welcher niederkniete und sie ehrfurchtsvoll küßte – die erste Huldigung, welche Roland der gefangenen Königin erweisen sah. Diesen Gruß erwiderte sie schweigend. Einige Augenblicke herrschte Stille, während der Hofmeister des Schlosses, ein finsterblickender Mann, nach Anweisung von Georg Douglas, einen Tisch und Schreibzeug hinstellte. Auf ein stummes Zeichen seiner Gebieterin schob der Kammerjunker einen Sessel auf diejenige Seite des Tisches, wo die Königin stand, so daß der Tisch eine Schranke zwischen ihr und dem ungebetenen Besuch bildete. Der Hofmeister entfernte sich mit einer tiefen Verbeugung. Sobald er die Thür hinter sich zugemacht hatte, brach die Königin das Schweigen und sprach:

»Mit Erlaubniß, gnädige Herren, ich will mich niedersetzen. Meine Gänge sind zwar gegenwärtig nicht so weit, daß sie mich stark ermüden sollten; indessen finde ich doch im Augenblicke Ruhe nöthiger als sonst.«

Somit nahm sie Platz, und ihre Wange mit ihrer schönen Hand beschattend, betrachtete sie scharf die Herren nacheinander. Maria Fleming hielt ihr Schnupftuch vor die Augen und Katharine Seyton und Roland Graeme wechselten einen Blick, welcher bewies, daß Beide zu sehr von dem Gefühle der Theilnahme und des Mitleids für ihre unglückliche Gebieterin durchdrungen waren, um an irgend Etwas zu denken, was sie selber betraf.

»Ich warte auf den Inhalt Eurer Botschaft, gnädige Herren,« sprach die Königin, nachdem sie eine Minute lang dagesessen hatte, ohne daß ein Wort gesprochen worden wäre. »Ich warte auf Eure Botschaft von Denen, welche Ihr den Geheimen Rath nennt. Ich hoffe, es ist eine Bitte um Verzeihung, ein Ersuchen, daß ich meinen rechtmäßigen Thron wieder einnehme, ohne mit gebührender Strenge mein Strafrecht zu üben wider Die, so mich desselben beraubt haben.«

»Madame,« versetzte Ruthven, »es ist schmerzlich für uns, harte Wahrheiten einer Fürstin zu sagen, welche uns lange regiert hat. Wir kommen, Verzeihung anzubieten, nicht anzuflehen. Mit einem Worte, Madame, wir haben Euch im Namen des Geheimen Rathes einzuladen, diese Urkunden zu unterzeichnen, welche sehr zur Beruhigung des Staats, zur Förderung von Gottes Wort und zu Eurer eigenen künftigen Wohlfahrt beitragen werden.«

»Erwartet man, daß ich diese schönen Worte auf Treu und Glauben annehme? Oder darf ich den Inhalt dieser versöhnlichen Papiere erfahren, bevor man mich auffordert, sie zu unterzeichnen?«

»Ohne Zweifel, Madame,« antwortete Ruthven. »Es ist unsere Absicht und unser Wunsch, daß Ihr leset, was Ihr unterzeichnen sollt.«

»Sollt?« wiederholte die Königin mit Nachdruck. »Doch das Wort paßt zur Sache. Leset, gnädiger Herr.«

Der Freiherr von Ruthven begann eine Urkunde zu lesen, welche auf den Namen der Königin lautete und enthielt: daß sie in früher Jugend zur Verwaltung des Königthums von Schottland berufen worden sei, und hierin großen Fleiß angewendet habe, bis sie an Leib und Seele dermaßen ermüdet worden, daß ihr jene Verwaltung zuwider sei, und daß sie sich nicht länger den Mühen der Staatsgeschäfte unterziehen könne. Und sintemal Gott sie mit einem artigen und hoffnungsvollen Sohn gesegnet, wünsche sie diesem noch bei ihren Lebzeiten die Thronfolge zu sichern, die ihm nach dem Geburtsrechte zukomme.

»Derohalben,« fuhr die Urkunde fort, »haben Wir aus mütterlicher Liebe, so Wir zu besagtem Unserem Sohne tragen, Uns der Krone, Regierung und Lenkung des Königreichs Schottland begeben und entschlagen, und begeben und entschlagen Uns derselben durch diesen Unsern Brief von freien Stücken zu Gunsten besagten Unseres Sohnes, auf daß derselbe als geborner Fürst des Landes Unser Nachfolger sei in demselben Maße, als ob wir durch eine Krankheit entfernt worden wären, und nicht durch Unser eignes Thun. Und auf daß diese Entsagung Unserer königlichen Gewalt ihre volle Kraft habe und Niemand sich mit Unwissenheit entschuldige, geben, verleihen und vertrauen Wir Unseren getreuen Vettern, Freiherrn Lindesay of the Byres und Wilhelmen Freiherrn von Ruthven, unbeschränkte Vollmacht, in Unserem Namen zu erscheinen vor so Vielen vom Adel, von der Geistlichkeit und von den Bürgerschaften, als sich zu Stirling versammeln mögen, und dort in Unserem Namen und für Uns öffentlich und in Gegenwart der Stände der Krone, Regierung und Leitung dieses Unseres Königreichs Schottland zu entsagen.«

Hier unterbrach die Königin die Lesung mit dem Ausdrucke des höchsten Erstaunens.

»Wie ist das, meine Herren?« rief sie. »Sind meine Ohren rebellisch geworden, daß sie mich mit so sonderbaren Lauten täuschen? – Doch es ist kein Wunder. Sie haben so lange mit Rebellion zu thun gehabt, daß sie wohl meinem Verstand die Sprache derselben zuführen können. Sagt, meine Herren, ich hätte mich verhört, sagt zur Ehre des schottischen Adels und zu Eurer eigenen, daß meine sehr getreuen Vettern von Lindesay und Ruthven, zwei Freiherren von kriegerischem Rufe und altem Stamme, nicht das Gefangenhaus ihrer guten Gebieterin besucht haben zu einem solchen Zwecke, wie diese Worte andeuten. Sagt um Ehre und Treue willen, daß meine Ohren mich getäuscht haben!«

»Nein,« erwiderte Ruthven ernst, »Eure Ohren täuschen Euch nicht. Sie haben Euch damals getäuscht, als sie sich gegen die Predigt des Evangeliums verschlossen und gegen den ehrlichen Rath Eurer treuen Unterthanen, und als sie offen standen der Schmeichelei von Dankverdienern und Verräthern, ausländischer Kammerdiener und inländischen Gesindels. Das Land kann nicht länger die Regierung einer Person dulden, die sich selber nicht zu regieren weiß. Darum bitte ich Euch, dem letzten Wunsche Eurer Unterthanen und Rathgeber zu willfahren und Euch und uns die Verhandlung so unangenehmer Gegenstände zu ersparen.«

»Und ist das wirklich Alles, was meine liebenden Unterthanen von mir begehren, gnädiger Herr?« fragte Maria in einem Tone bitterer Ironie. »Begnügen sie sich wirklich mit der Gefälligkeit, daß ich die Krone, welche mir kraft meiner Geburt zukommt, einem Kinde überlasse, welches nicht viel über ein Jahr alt ist? – daß ich mein Scepter wegwerfe und eine Kunkel ergreife? O nein! das ist zu wenig verlangt. Diese andere Pergamentrolle enthält Etwas, das nicht so leicht zu bewilligen ist, und was meiner Bereitwilligkeit, den Bitten meiner Unterthanen zu entsprechen, einen höheren Werth verleihen kann.«

»Dies Pergament,« antwortete Ruthven in demselben Tone unerschütterlichen Ernstes und indem er die Urkunde aufrollte, »dies ist die Urkunde, durch welche Ew. Durchlaucht Euren nächsten Blutsverwandten, den ehrenfestesten und zuverlässigsten Eurer Unterthanen, Jakob, Grafen von Murray, zum Reichsverweser während der Minderjährigkeit des jungen Königs bestellt. Er hat seine Bestallung bereits vom Geheimen Rathe.«

Die Königin stieß einen schwachen Schrei aus, schlug die Hände zusammen und rief:

»Kommt dieser Pfeil aus seinem Köcher? – von meines Bruders Bogen? – Ach! ich habe auf eine Rückkehr aus Frankreich gewartet, als auf mein einziges, wenigstens nächstes Mittel zu meiner Befreiung! Doch als ich hörte, daß er die Regierung übernommen, da vermuthete ich, er würde sich schämen, sie in meinem Namen zu führen.«

»Madame, ich muß um Eure Antwort auf das Begehren des Rathes bitten,« sprach Ruthven.

»Das Begehren des Rathes!« erwiderte die Königin. »Sagt lieber, eines Räuberhaufens, der mit Ungeduld der Theilung der Beute entgegensieht. Auf ein solches Begehren, vermeldet durch den Mund eines Verräthers, dessen Schädel, wäre mein weibisches Mitleid nicht dazwischen getreten, längst über dem Stadtthor hätte stehen müssen, auf ein solches Begehren hat Maria von Schottland keine Antwort.«

»Ich hoffe,« erwiderte Ruthven, »daß der Widerwille Ew. Durchlaucht gegen meine Person die Starrheit Eurer Entschließung nicht vermehren wird. Wohl mögt Ihr bedenken, daß der Tod des Günstlings Rizzio dem Hause Ruthven Haupt und Führer gekostet hat. Mein Vater, mehr werth als ein ganzes Land voll solcher Schmarotzer, ist im Elend und mit gebrochenem Herzen gestorben.«

Die Königin drückte ihre Hände vor das Gesicht, lehnte ihre Arme auf den Tisch und weinte so bitterlich, daß die Thränen zwischen ihren zarten Fingern hindurchdrangen, mit welchen sie dieselben zu verbergen suchte.

»Edle Herren,« sprach Herr Robert Melville, »dies ist zu hart. Ew. Herrlichkeiten werden mir die Bemerkung erlauben, daß wir hiehergekommen sind, nicht um alten Hader wieder aufzurühren, sondern um die Mittel zu finden, neuen zu verhüten.«

»Herr Robert Melville,« versetzte Ruthven, »wir wissen am besten, zu welchem Zwecke wir hieher abgeordnet sind und warum Ihr, obwohl eigentlich ohne Noth, uns beigegeben worden seid.«

»Bei meiner Hand!« brummte Lindesay, »ich weiß nicht, warum wir mit dem guten Ritter beschwert worden sind, es sei denn, daß er die Stelle eines Stückes Zucker vertreten soll, welches Apotheker in ihre heilsamen aber bitteren Arzneien werfen, einem eigensinnigen Kinde zu Gefallen, – eine überflüssige Mühe, wie mir däucht, wo Männer andere Mittel haben, das Tränklein hinunterzubringen.«

»Edle Herren,« sprach Melville, »Ihr müßt am besten Eure geheimen Weisungen kennen. Ich denke den meinigen am besten nachzukommen, indem ich den Vermittler zwischen Ihro Durchlaucht und Euch zu machen suche.«

»Schweigt, Herr Robert Melville!« rief die Königin, sich mit glühendem Antlitz erhebend. »Mein Schnupftuch, Fleming. – Ich schäme mich, daß Verräther Macht haben, mich so zu erregen. – Sagt mir, stolze Herren,« fuhr sie fort, ihre Thränen abwischend, »welche Berechtigung auf Erden können Unterthanen haben, die Rechte eines gesalbten Hauptes in Frage zu stellen, die angelobte Unterwürfigkeit abzuschütteln und die Krone von dem Haupte zu nehmen, auf welches Gott sie gesetzt hat?«

»Madame,« antwortete Ruthven, »ich will offen mit Euch reden. Eure Regierung ist von dem Unglückstage von Pinkiecleuch, wo Ihr ein Wiegenkind waret, bis jetzt, wo Ihr als eine erwachsene Dame vor uns stehet, ein solches Trauerspiel von Verlusten, Unglücksfällen, Bürgerzwist und Krieg nach Außen gewesen, daß sich seines Gleichen nicht in unseren Jahrbüchern findet. Franzosen und Engländer haben aus Schottland einen Kampfplatz gemacht, um darin ihren alten Streit auszufechten. Bei uns ist eines jeden Mannes Hand wider seinen Bruder gewesen; kein Jahr ist vergangen ohne Empörung und Gemetzel, Verbannung der Großen und Unterdrückung der Geringen. Wir können das nicht länger ertragen, und darum bitten wir Euch, als eine Fürstin, der Gott die Gabe versagt hat, auf weisen Rath zu hören, und auf deren Thun und Vornehmen nie ein Segen geruht hat, Platz zu machen für anderweite Regierung des Landes, auf daß gerettet werde, was noch übrig ist von diesem zerrütteten Reiche.«

»Edler Herr,« entgegnete Maria, »es scheint, Ihr werft auf mein dem Verderben geweihtes Haupt diejenigen Uebel, welche Ihr mit weit größerem Recht Euren eigenen unruhigen, wilden und unbändigen Gemüthern zuschriebet – der wahnsinnigen Heftigkeit, mit welcher Ihr, die Großen Schottlands, einander befehdet, vor keiner Grausamkeit zurückschaudernd, um Euren Grimm auszulassen, schwere Rache nehmend für geringe Beleidigungen und den weisen Gesetzen trotzend, welche Eure Vorfahren gemacht haben, um solcher Grausamkeit zu steuern, Euch empörend wider die gesetzmäßige Gewalt und Euch so betragend, als wäre kein König im Lande, oder vielmehr, als wäre Jeder König auf seinem Gehöft. Und nun werft Ihr die Schuld auf mich, auf mich, der das Leben verbittert, deren Glück zerstört worden ist durch Euren Zwiespalt. Habe ich mich nicht selber genöthigt gesehen, an der Spitze von wenigen Begleitern durch Berge und Wildnisse zu ziehen, um den Frieden zu erhalten und der Unterdrückung zu steuern? Hab' ich nicht den Harnisch auf dem Leibe und Pistolen an meinem Sattel getragen, genöthigt mich weiblicher Sanftmuth und der Würde einer Königin zu entäußern, um meinem Gefolge ein Beispiel zu geben?«

»Wir geben zu, Madame,« sprach Lindesay, »daß die durch Eure schlechte Regierung veranlaßten Kämpfe Euch wohl zuweilen mitten in einer Maskerade oder in einem Hopser aufgeschreckt, oder daß dieselben den Götzendienst der Messe oder die jesuitischen Rathschläge eines französischen Gesandten gestört haben. Aber die längste und beschwerlichste Reise, die meines Wissens Ew. Durchlaucht unternommen hat, war von Hawick nach Schloß Hermitage Zum Besuch des verwundeten Bothwell., und ob diese zum Wohle des Staates oder zu Eurer Ehre gereichte, das zu entscheiden überlasse ich Eurem Gewissen.«

Die Königin wandte sich zu ihm mit unaussprechlicher Lieblichkeit in Ton und Geberde und mit dem bezaubernden Blick, den der Himmel ihr verliehen hatte, als wollte er zeigen, daß die herrlichsten Gaben oft unvermögend sind, die Zuneigung der Menschen zu gewinnen.

»Lindesay,« sprach sie, »in so barschem Tone und mit so groben Vorwürfen habt Ihr nicht zu mir gesprochen an jenem schönen Sommerabend, wo Ihr und ich zusammen nach der Scheibe schossen gegen den Grafen von Mar und gegen Maria Livingstone, und ihnen den Abendimbiß abgewannen im Hausgarten zu St. Andrews. Der Junker von Lindesay war damals mein Freund und gelobte, mein Streiter zu sein. Wie ich den Freiherrn von Lindesay beleidigt habe, weiß ich nicht; vermuthlich haben höhere Würden andere Gesinnungen gebracht.«

So hartherzig auch Lindesay war, schien doch diese unerwartete Erinnerung ihn zu erschüttern, wenigstens im ersten Augenblick. Er erwiderte:

»Madame, es ist bekannt, daß Ihr damals Jedem den Kopf verdrehen konntet, der Euch nahe kam. Ich mache nicht Anspruch auf den Ruhm, weiser gewesen zu sein, als Andere. Aber schmuckere Leute und bessere Höflinge schoben bald meine ungezierte Ergebenheit bei Seite, und ich denke, Ihr könnt Euch der Zeiten erinnern, wo meine ungeschickten Versuche, die Manieren anzunehmen, welche Euch gefielen, zum Gespött der Hofpapageien, der Marien Vier schottische Fräulein, Jugendgespielinnen, später Kammerfrauen der Königin. Zwei derselben waren die obengenannte Livingstone und die mehrerwähnte Fleming. und der Französinnen wurden.«

»Edler Herr,« sprach die Königin, »ich bedaure, Euch in nachlässiger Heiterkeit beleidigt zu haben, und ich kann bloß sagen, es geschah unabsichtlich. Ihr habt volle Rache dafür, denn« (bemerkte sie seufzend) »in Heiterkeit werd' ich Niemanden mehr beleidigen.«

»Unsere Zeit geht verloren, Madame,« fiel Ruthven ein. »Ich muß Euch um Eure Entscheidung bitten über diesen wichtigen Gegenstand, welchen ich Euch vorgetragen habe.«

»Was, edler Herr? den Augenblick, ohne eine Minute zum Ueberlegen?« fragte die Königin. »Kann der sich so nennende Rath das von mir erwarten?«

»Madame,« antwortete Ruthven, »der Rath ist der Meinung, daß seit der Zeit, welche zwischen der Nacht von König Heinrichs Ermordung und dem Tage von Carberry-Hill verflossen ist, Ew. Durchlaucht sich auf die jetzt vorgeschlagene Maßregel hätte gefaßt halten sollen, als auf den leichtesten Ausweg aus vielfachen Gefahren und Schwierigkeiten.«

»Großer Gott!« rief die Königin; »also als einen Vortheil wollt Ihr mir vorstellen, was jeder christliche König als einen Verlust der Ehre, gleich dem Verlust des Lebens betrachten muß. Ihr nehmt mir meine Krone, meine Macht, meine Unterthanen, meinen Reichthum, meine Herrlichkeit. Was, um aller Heiligen willen, könnt Ihr mir als Ersatz bieten, wenn ich mich füge?«

»Wir geben Euch Verzeihung,« antwortete Ruthven streng, »wir geben Euch Zeit und Mittel, Euer übriges Leben in Buße und Abgeschiedenheit hinzubringen, wir geben Euch Frist, Euren Frieden mit dem Himmel zu machen und das reine Evangelium anzunehmen, welches Ihr stets zurückgestoßen und verfolgt habt.«

Die Königin erblaßte auf die Drohung, welche in diesen Worten, wie in dem harten Tone des Redenden zu liegen schien. –

»Und wenn ich Eurem mit solcher Härte gestellten Verlangen nicht entspreche, was erfolgt dann?«

Sie sprach dies in einem Tone, welcher den Kampf natürlicher und weiblicher Furcht mit dem Gefühl verletzter Würde verrieth. – Es herrschte Stille, als ob Niemand Lust hätte, auf die Frage eine bestimmte Antwort zu geben. Endlich sprach Ruthven:

»Es ist wohl kaum nöthig, Ew. Durchlaucht, die da wohlbelesen ist in den Gesetzen wie in den Jahrbüchern des Königreichs, daran zu erinnern, daß Mord und Ehebruch Verbrechen sind, wofür ehedem wohl auch Königinnen den Tod erlitten haben.«

»Und wo, edler Herr, oder wie habt Ihr eine so gräßliche Anklage wider Die gefunden, welche vor Euch steht?« fragte die Königin. »Die schändlichen Verleumdungen, welche die öffentliche Meinung in Schottland vergiftet, und mich als hülflose Gefangene in Eure Hände geliefert haben, sind sicherlich kein Beweis.«

»Wir brauchen keinen weiteren Beweis,« antwortete der harte Freiherr von Ruthven, »als die schamlose Heirath zwischen der Wittwe des Ermordeten und dem Hauptmanne der Mörderbande. Die, welche ihre Hände vereinigt haben im verhängnißvollen Maimonat, hatten bereits Herz und Sinn vereinigt in der That, welche jener Heirath nur wenige Wochen vorherging«

»Edler Herr! edler Herr!« entgegnete die Königin lebhaft, »erinnert Euch, daß noch von anderer Seite als von meiner die Einwilligung zu dieser verhängnißvollen Verbindung, der unheilvollsten Handlung eines unheilvollen Lebens, gegeben worden ist. Die Mißgriffe der Fürsten sind oft Eingebungen böser Rathgeber; aber ärger denn Teufel sind diejenigen Rathgeber, welche verlocken und verrathen, und dann die Ersten sind, ihre unglücklichen Fürsten verantwortlich zu machen für die Folgen ihres eignen Rathes. – Habt Ihr, edle Herren, nie von einer schriftlichen Erklärung des hohen Adels gehört, in welcher diese unglückselige Verbindung der unglückseligen Maria anempfohlen wird? Mich däucht, wenn man diese Schrift genau betrachtet, findet man darin die Namen Morton, Lindesay und Ruthven unter Denen, welche in mich drangen, jenen unglücklichen Mann zu heirathen. – Ach! mannhafter und treuer Herr Herries, der du nie Falschheit und Ehrlosigkeit kanntest, du knietet vergebens vor mir, um mich vor der Gefahr zu warnen, und doch warst du der Erste, dein gutes Schwert für mich zu ziehen, als ich für die Verachtung deines Rathes büßte! Treuer Ritter und echter Edelmann! welch ein Unterschied zwischen dir und diesen bösen Rathgebern, welche jetzt mein Leben bedrohen dafür, daß ich in die von ihnen gelegten Schlingen gefallen bin!«

»Madame,« sprach Ruthven, »wir wissen, daß Ihr eine Rednerin seid; und deshalb vermuthlich hat der Rath Leute hierher geschickt, welche mehr mit dem Krieg vertraut sind, als mit der Sprache der Schulen oder den Ränken der Staatsklugheit. Wir begehren bloß zu wissen, ob Ihr gegen Zusicherung Eures Lebens und Eurer Ehre die Regierung des Königreichs Schottland niederlegen wollt.«

»Und welche Gewähr habe ich,« fragte die Königin, »daß Ihr den Vertrag halten werdet, wenn ich meinen königlichen Stand austausche gegen Einsperrung und gegen die Erlaubniß, im Stillen zu weinen?«

»Unsere Ehre und unser Wort,« antwortete Ruthven.

»Das sind zu geringe und schwache Bürgschaften, edler Herr,« erwiderte die Königin. »Fügt wenigstens eine Handvoll Distelflaum hinzu, um ihnen Gewicht in der Wagschale zu geben.«

»Fort, Ruthven!« rief Lindesay. »Sie ist stets taub gegen alle Zureden gewesen, außer von Speichelleckern und Fuchsschwänzern. Laßt sie bei ihrer Weigerung verharren!«

»Wartet, gnädiger Herr,« sprach Herr Robert Melville, »oder vielmehr, verstattet mir nur einige Minuten Gehör von Seiten Ihrer Durchlaucht. Wenn meine Anwesenheit zu irgend Etwas dienen soll, so muß ich die Eigenschaft eines Vermittlers haben. Ich beschwöre Euch, verlaßt das Schloß nicht und brecht die Verhandlung nicht ab, bis ich Euch Nachricht bringe über die endliche Willensmeinung Ihrer Durchlaucht.«

»Wir wollen eine halbe Stunde im Saal warten,« entgegnete Lindesay. »Durch Verachtung unseres Ehrenwortes hat sie die Ehre meines Namens angetastet. Laßt sie nun selber zusehen, welchen Weg sie einschlagen will. Wenn die halbe Stunde verfließt, ohne daß sie sich dem Begehren der Nation fügt, dann wird ihre Laufbahn bald beendigt sein.«

Ohne viele Umstände verließen die beiden Freiherren das Gemach und stiegen die Treppe hinab unter dem Klirren von Lindesay's Schlachtschwert bei jedem Tritt, den er that. Georg Douglas folgte ihnen mit einer Geberde des Staunens und Mitgefühls gegen Melville, welche dieser erwiderte.

Sobald sie weg waren, warf sich die Königin, ihrem Schmerz, ihrer Angst und Aufregung freien Lauf lassend, in den Sessel zurück, rang die Hände und schien verzweifeln zu wollen. Ihre Dienerinnen, obwohl selber weinend, bemühten sich, sie zu beruhigen, und Herr Robert Melville kniete nieder, um seine Zureden mit den ihrigen zu vereinigen. Nachdem sie einem heftigen Ausbruch des Kummers freien Lauf gelassen, sprach sie endlich zu Herrn Robert:

»Kniet nicht vor mir, Melville, höhnt mich nicht mit äußerlicher Huldigung, an der das Herz keinen Antheil hat. Warum bleibt Ihr bei der Abgesetzten, Verurtheilten? bei ihr, die vielleicht nur wenige Stunden zu leben hat? Ihr habt Gunst genossen eben sowohl, wie die Uebrigen, warum fahrt Ihr länger als sie mit dem Schein der Dankbarkeit fort?«

»Edle Frau,« sprach Herr Robert, »so wahr mir Gott helfe in meiner Noth, mein Herz ist so treu gegen Euch, als ob Ihr noch im vollen Besitz Eurer Hoheit wäret.«

»Treu gegen mich? treu gegen mich?« wiederholte die Königin spöttisch. »Still, Melville. Was soll die Treue bedeuten, die mit der Falschheit meiner Feinde Hand in Hand geht? Deine Hand und dein Schwert sind nie so genau mit einander bekannt gewesen, daß ich dir in irgend Etwas vertrauen könnte, wobei Mannhaftigkeit erfordert wird. – O Seyton, wäre doch dein kühner Vater hier, der eben so weise wie treu und tapfer ist!«

Roland Graeme konnte nicht länger der Begierde widerstehen, seine Dienste einer so unglücklichen und schönen Fürstin anzubieten.

»Edle Frau,« sprach er, »wenn ein Schwert irgend hinreichen kann, die Weisheit dieses besonnenen Rathgebers zu unterstützen oder Eure gerechte Sache zu vertheidigen, hier ist mein Gewehr und hier ist meine Hand, bereit es zu ziehen und zu gebrauchen.«

Er hob bei diesen Worten das Schwert mit der Linken in die Höhe und legte die Rechte an den Griff.

Bei diesem Anblick rief Katharine Seyton: »Edle Frau, mich dünkt, ich sehe ein bedeutungsvolles Zeichen von meinem Vater,« ging auf Roland zu, faßte ihn beim Mantel und fragte ihn ernstlich, woher er das Schwert habe.

Roland antwortete mit Verwunderung: »Mich dünkt, dies ist nicht der Ort, Scherz zu treiben. Ihr, Fräulein, wißt sicherlich am besten, woher und wie ich das Gewehr bekommen habe.«

»Ist dieß die Zeit zu Possen?« rief Katharine. »Zieht auf der Stelle das Schwert aus der Scheide!«

»Wenn die Königin es mir befiehlt,« versetzte der Jüngling mit einem Blick auf seine Gebieterin.

»Schäme dich, Mädchen!« rief die Königin. »Willst du den armen Jungen zu einem nutzlosen. Kampf mit den zwei bewährtesten Kriegern Schottlands hetzen?«

»In Ew. Durchlaucht Sache,« sprach der Kammerjunker, »will ich mein Leben gegen sie wagen!«

Mit diesen Worten zog er das Schwert halb aus der Scheide, und ein um die Klinge gewickelter Pergamentstreifen fiel auf die Erde. Katharine Seyton hob ihn hastig auf.

»Es ist meines Vaters Handschrift,« sprach sie, »und es enthält ohne Zweifel einen pflichtschuldigen Rath an Ew. Majestät. Ich wußte, daß man vorhatte, dies Schwert zu schicken, aber ich erwartete einen andern Ueberbringer.«

»Meiner Treu', schönes Kind,« dachte Roland für sich, »wenn Ihr nicht wußtet, daß ich der Ueberbringer einer so geheimen Botschaft war, so wußte ich es noch weniger.«

Die Königin betrachtete das Pergament und versank in tiefes Nachdenken. Endlich sprach sie:

»Herr Robert Melville, dieser Zettel enthält den Rath, mich in das Unvermeidliche zu fügen und die von diesen harten Männern überbrachten Urkunden zu unterzeichnen, als eine Person, welche den Eingebungen natürlicher Furcht vor den Drohungen von Empörern und Mördern folgt. Ihr, Herr Robert, seid ein weiser Mann, und Seyton ist sowohl klug wie tapfer. Keiner von Euch Beiden, denk' ich, würde mich in dieser Angelegenheit mißleiten.«

»Edle Frau,« sprach Melville, »ich besitze nicht die Körperstärke der Freiherren Herries und Seyton, aber im Diensteifer für Ew. Majestät will ich hinter Keinem von Beiden zurückstehen. Ich kann nicht kämpfen für Euch, wie diese Herren, aber Keiner von ihnen ist mehr bereit, in Eurem Dienste zu sterben.«

»Ich glaube es, alter und treuer Rathgeber,« erwiderte die Königin; »und glaube mir, Melville, ich habe dir nur einen Augenblick Unrecht gethan. Lies, was Herr Seyton Uns geschrieben hat, und gib Uns deinen besten Rath.«

Er überblickte das Pergament und antwortete:

»O, meine theure königliche Gebieterin! Nur Verrath könnte Euch einen andern Einschlag geben, als Herr Seyton hier angedeutet hat. Er, Herries, Huntly, der englische Gesandte Throgmorton und Andere, die Euch wohl wollen, sind einstimmig der Meinung, daß alle Urkunden, die Ihr innerhalb dieser Mauern ausstellt, nichtig und kraftlos sind, als Ew. Durchlaucht abgenöthigt durch Zwang, durch Erduldung gegenwärtiger Uebel und durch Furcht vor Menschen und vor Unheil, welches auf Eure Weigerung erfolgen müßte. Gebt darum der Gewalt nach und seid versichert, daß Ihr Euch durch Unterzeichnung der Papiere, die sie Euch vorlegen, schlechterdings nicht bindet, da Eurer Handlung des Unterzeichnens dasjenige fehlt, was ihr allein Gültigkeit verleihen kann, der freie Wille der Ausstellerin.«

»Allerdings,« versetzte Maria, »sagt so der edle Herr Seyton. Doch dünkt mich, von Seiten der Tochter einer so langen Reihe von Herrschern beweiset es wenig königlichen Sinn und wird sich dereinst nicht schön lesen in den Jahrbüchern, daß Maria ihr Erbrecht aufgegeben hat, weil Empörer mit Drohungen in die drangen. Nein, Herr Robert Melville, die Verräther mögen arge Drohungen und kecke Worte ausstoßen, aber sie werden es nicht wagen, Hand an Unsere Person zu legen.«

»Ach, edle Frau,« antwortete Melville, »sie haben schon so viel gewagt und sich so großer Gefahr dadurch ausgesetzt, daß sie so weit gegangen sind, daß sie nur einen Schritt noch haben zum Schlimmsten und Aeußersten.«

»Nein,« sprach die Königin, indem ihre Befürchtungen wieder die Oberhand gewannen, »schottische Herren würden sich doch wohl nicht dazu hergeben, ein hülfloses Weib zu ermorden?«

»Bedenkt, edle Frau,« antwortete Melville, »welche schreckliche Auftritte man in unseren Tagen erlebt hat. Welche That ist so schwarz, daß sich nicht schottische Herren gefunden hätten, sie zu begehen. Der Herr von Lindesay ist, abgesehen von seinem finsteren und fühllosen Wesen, ein naher Verwandter von Heinrich Darnley; Ruthven hat seine besondern, weitaussehenden und gefährlichen Plane. Ueberdies spricht der Rath von schriftlichen und mündlichen Beweisen, von einem Kästchen mit Briefen – und Gott weiß, wovon noch.«

»Ach, guter Melville,« antwortete die Königin, »wär' ich nur der strengen Gerechtigkeit meiner Richter eben so sicher, wie meiner Unschuld. Aber –«

»O, haltet inne, edle Frau!« unterbrach Melville. »Selbst die Unschuld muß sich manchmal eine Zeitlang vor schmählicher Verleumdung beugen. Uebrigens seid Ihr hier –«

Er hielt inne und sah sich um.

»Sprecht weiter, Melville,« redete ihm die Königin zu. »Nie ist Jemand in meine Nähe gekommen, der mir übel gewollt hätte, und selbst diesen armen Edelknaben, welchen ich heute zum ersten Male in meinem Leben sehe, will ich getrost Eure Mittheilung mit anhören lassen.«

»Wohlan, edle Frau,« sprach Melville, »wie die Sachen stehen, und da er Ueberbringer der Botschaft des Herrn Seyton ist, will ich es wagen, vor ihm und vor diesem schönen Fräulein, deren Treue und Zuverlässigkeit ich nicht bezweifle, die Bemerkung auszusprechen, daß es andere Mittel gibt, als einen förmlichen Proceß, wodurch abgesetzte Könige oft umkommen, und daß nach Macchiavel zwischen dem Gefängnisse und dem Grabe eines Königs nur ein Schritt ist.«

»O wär' er nur schnell und leicht für den Leib,« entgegnete die unglückliche Fürstin, »wär' er nur ein gefahrloser und glückseliger Wechsel für die Seele, kein Weib auf Erden würde dann diesen Schritt so gern thun, wie ich! – Doch, ach! Melville, wenn wir an den Tod denken, erheben sich tausend Sünden, die wir wie Würmer unter die Füße getreten, gleich feurigen Schlangen wider uns. Es ist Verleumdung, daß sie mich der Theilnahme an Darnley's Tod anschuldigen, aber, heilige Jungfrau! ich habe zu sehr Anlaß zu dem Verdachte gegeben – ich habe Bothwell geheirathet.«

»Denkt jetzt nicht daran, edle Frau,« sprach Melville, »denkt lieber daran, wie Ihr für den Augenblick Euch und Euren Sohn retten wollt. Fügt Euch dem gestellten ungerechten Begehren und hofft, daß bald bessere Zeiten kommen.«

»Edle Frau,« begann Roland Graeme, »wenn es Euch gefällt, will ich augenblicklich durch den See schwimmen, dafern mir ein anderer Weg nach dem Lande verweigert wird, will an die Höfe von England, Frankreich und Spanien gehen und melden, daß Ihr diese schändlichen Urkunden lediglich aus Todesfurcht unterschrieben habt, und will kämpfen wider Jeden, der das Gegentheil behauptet.«

Die Königin drehte sich um, und reichte mit einem jener süß lächelnden Blicke, welche für die ganze Dauer des Lebenstraumes jede Gefahr überreich bezahlen, ihre Hand dem Jünglinge dar, ohne übrigens ein Wort zu sprechen. Roland kniete ehrerbietig nieder und küßte sie.

Melville fuhr fort in seinem Vortrage:

»Edle Frau, der Augenblick ist dringend und Ihr dürft diese Boote, welche ich eben fertig machen sehe, nicht über den See fahren lassen. Hier sind Zeugen genug: Eure Fräulein, dieser kühne Jüngling, ich selber – falls ich für Eure Sache mit Erfolg reden kann, denn übereilt möchte ich mich nicht bloßstellen – aber auch ohne mich sind hier Zeugen genug zum Beweise, daß Ihr vor der Gewalt und aus Furcht Euch den Forderungen des Rathes gefügt habt, nicht aber mit freier und aufrichtiger Zustimmung. – Ihre Boote sind bereits bemannt. O! erlaubt Eurem alten Diener, die zurückzurufen!«

»Melville,« sprach die Königin, »du bist ein alter Hofmann. Wann hast du je gesehen, daß ein regierender Herr Unterthanen zurückgerufen hat, welche mit solchen Worten von ihm geschieden waren, wie diese Botschafter des Rathes – ohne daß dieselben vorerst sich gedemüthigt und entschuldigt hätten? Mag es mich Leben und Krone kosten, ich will sie nicht mehr vor mir erscheinen heißen.«

»O, edle Frau,« bat Melville, »sollte eine leere Förmlichkeit hier ein Hinderniß sein? Wenn ich Euch recht verstehe, so seid Ihr nicht ungeneigt, auf guten Rath zu hören. – Doch Eure Bedenklichkeit ist gehoben. Ich höre, sie kommen zurück, Euch um Eure Entschließung zu fragen. – Folgt dem Rathe des edlen Seyton, und Ihr werdet vielleicht wieder über Die gebieten, welche sich jetzt einen Triumph über Euch anmaßen. Still! ich höre sie im Vorsale.«

Kaum hatte er geendigt, so öffnete Georg Douglas die Thür und führte die beiden Freiherren ein.

»Wir kommen, Madame,« sprach Ruthven, »Eure Antwort auf die Vorlage des Rathes zu fordern.«

»Euer letztes Wort,« fügte Lindesay hinzu. »Denn mit Eurer Weigerung müßt Ihr die Ueberzeugung verbinden, daß Ihr Euer Schicksal beschleunigt und auf die einzige noch übrige Möglichkeit verzichtet habt, Euren Frieden mit Gott zu machen und Euren Aufenthalt in dieser Welt zu sichern.«

»Edle Herren,« sprach Maria mit unbeschreiblicher Anmuth und Würde, »den Uebeln, welchen wir nicht widerstehen können, müssen wir uns unterwerfen. Ich will diese Pergamente unterschreiben mit derjenigen Freiheit, welche meine Lage mir verstattet. Wär' ich dort an jenem Ufer mit einem flüchtigen Rosse und zehn guten und treuen Rittern um mich, dann wollt' ich eher meine ewige Verdammniß unterschreiben, als meine Thronentsagung. Aber hier, in der Burg Lochleven, mit tiefem Wasser rings um mich und Euch, edle Herren, neben mir – habe ich keine andere Wahl. Gebt mir die Feder, Melville, und seid Zeuge dessen, was ich thue, und weshalb ich es thue.«

»Wir hoffen, Ew. Durchlaucht wird sich nicht als durch Besorgniß vor uns gezwungen betrachten, zu unterzeichnen, was Euer freiwilliges Werk sein muß.«

Die Königin hatte sich schon über den Tisch gebückt und die Pergamente vor sich gelegt. Als sie aber Ruthvens Worte hörte, blickte sie auf, legte die Feder hin und sprach:

»Wenn man von mir die Erklärung erwartet, daß ich meine Krone freiwillig niederlege und anders als gezwungen durch Androhung von größerem Unheil gegen mich und meine Unterthanen, dann will ich meinen Namen nicht unter eine solche Unwahrheit setzen – auch wenn ich dadurch wieder in vollen Besitz von England, Frankreich und Schottland kommen könnte – Reiche, die mir einst alle gehörten, entweder wirklich besessen oder dem Rechte nach.«

»Hütet Euch, Madame,« rief der ergrimmte Lindesay, und faßte dabei mit seiner gepanzerten Hand den Arm der Königin und drückte ihn heftiger als er eigentlich wollte – »Hütet Euch, mit denen zu streiten, welche die Stärkeren sind, und welche Euer Schicksal in der Hand haben!«

Er hielt ihren Arm gefaßt, ihr grimmig in die Augen sehend, bis Ruthven sowohl wie Melville ihm zuriefen: »Schämt Euch!« während Douglas, bisher ein scheinbar gleichgültiger Zuschauer, sich von der Thür aus in Bewegung setzte, um sich drein zu legen. Der rohe Freiherr ließ los und verbarg seine Beschämung über diesen rohen Ausbruch seiner Leidenschaft unter einem finsteren, verächtlichen Lächeln. Die Königin zog mit einem Ausdrucke des Schmerzes ihren Aermel in die Höhe und zeigte auf ihrem entblößten Arm die rothen Spuren seiner Eisenfinger.

»Herr,« sprach sie, »als Ritter und Edelmann hättet ihr meinem schwachen Arme die harte Probe ersparen sollen, daß die größere Stärke auf Eurer Seite ist, und daß Ihr entschlossen seid, Gebrauch davon zu machen. – Aber ich danke Euch dafür – es ist der entscheidendste Beweis, wie das Geschäft dieses Tages beendigt worden ist. Ich nehme Euch zu Zeugen, Herren und Frauen, daß ich diese Urkunden unterschreibe, gehorsam dem Handzeichen meines gnädigen Herrn von Lindesay, welches Ihr hier auf meinem Arme eingedrückt sehet.«

Lindesay wollte sprechen, aber Ruthven kam ihm zuvor mit den Worten:

»Schweigt, edler Herr. Laßt die Frau Maria von Schottland ihre Unterschrift deuten wie sie will; unsere Sache ist es, sie zu schaffen und sie dem Rathe zu überbringen. Sollte später Streit über die Weise entstehen, wie sie gegeben worden ist, dann wird noch Zeit genug sein, ihn auszumachen.«

Lindesay begnügte sich, in den Bart zu brummen: »Ich hab' ihr nicht wehe thun wollen. Ich sehe, Weiberfleisch ist so weich, wie frisch gefallener Schnee.«

Die Königin unterzeichnete mit gleichgültiger Hast die Pergamente, als ob sie unbedeutende Sachen oder bloße Förmlichkeiten enthielten. Dann stand sie auf, verbeugte sich gegen die Herren und wollte sich nach ihrem Schlafgemache entfernen. Ruthven machte ein steifes Kompliment, Melville eine Verbeugung, bei welcher der Wunsch, ein Mitgefühl auszudrücken, in Widerstreit gerieth mit der Furcht, in den Augen seiner Mitgesandten zu anhänglich an seine frühere Gebieterin zu erscheinen. Lindesay blieb aufrecht stehen, schritt dann wie in Folge eines plötzlichen Antriebes um die Ecke des Tisches herum, ließ sich auf ein Knie nieder, faßte die Hand der Königin und küßte sie. Dann ließ er sie los, stand auf und sprach:

»Frau, du bist ein herrliches Geschöpf, obwohl du Gottes edelste Gaben mißbraucht hat. Ich leiste deinem männlichen Sinne diese Huldigung, welche ich der Macht nicht habe leisten mögen, die du lange ungebührlicher Weise geübt hat. Ich kniee vor Maria Stewart, nicht vor der Königin.«

»Die Königin sowohl, wie Maria Stewart, bedauern dich, Lindesay,« erwiderte Maria; »sie bedauern dich und vergeben dir. An der Seite eines Königs wärest du ein ehrenreicher Kriegsmann gewesen, – vereint mit Rebellen bist du bloß ein guter Haudegen in der Hand eines Räubers. – Lebt wohl, gnädiger Herr Ruthven, glätterer aber ärgerer Verräther. Lebe wohl, Melville. Mögest du Herren finden, welche sich besser auf Politik verstehen, als Maria Stewart, und Mittel haben, sie reichlicher zu belohnen! – Lebt wohl, Douglas. Laßt Eure geehrte Großmutter wissen, daß Wir für den Rest des Tages allein zu bleiben wünschen. Gott weiß, daß es Uns noth thut, Unsere Gedanken zu sammeln.«

Alle verbeugten und entfernten sich. Kaum waren sie im Vorzimmer, so geriethen Ruthven und Lindesay in Wortwechsel.

»Zankt nicht mit mir, Ruthven,« hörte man Lindesay sagen, als Antwort auf eine unvernehmliche Anrede Ruthvens; »zankt nicht mit mir; ich will es nicht hören! Ihr habt mir dies Henkergeschäft aufgeladen, und selbst dem Henker ist es verstattet, Die um Verzeihung zu bitten, an welchen er sein Amt verrichtet. Ich wollte, ich hätte so gute Ursache, dieser Frau Freund zu sein, als ich habe, ihr Feind zu sein – dann solltet Ihr sehen, ob ich Leib und Leben im Kampfe für sie sparte.«

»Du bist mir ein süßer Junge, für eine Frau zu kämpfen, und zwar aus Anlaß einer gerunzelten Stirn und einer Thräne,« versetzte Ruthven. »Solche Streiche sind dir doch schon seit langen Jahren aus dem Sinne.«

»Beurtheilt mich nicht schief, Ruthven,« entgegnete Lindesay, »Ihr gleicht dem geschliffenen stählernen Brustschilde, das sich schöner ansieht, aber nicht weicher, nein, zehnmal härter ist als ein Glasgower Brustharnisch von gehämmertem Eisen. Genug. Wir kennen einander.«

Sie stiegen die Treppe hinab, und man hörte sie die Boote herbeirufen. Die Königin bedeutete ihrem Kammerjunker, sich in das Vorzimmer zu verfügen und sie mit ihren Frauen allein zu lassen.

 

Anmerkungen zum Kapitel:

Die Einzelnheiten der in vorstehendem Kapitel geschilderten merkwürdigen Begebenheit sind Dichtung, die Begebenheit an sich aber ist geschichtlich. Ritter Robert Lindesay, Bruder des Herausgebers der Denkwürdigkeiten, erhielt zuerst den kitzlichen Auftrag, die gefangene Königin zur Niederlegung ihrer Krone zu bewegen. Als er sich rundweg weigerte, denselben zu übernehmen, wurde beschlossen, den Freiherrn von Lindesay abzuordnen, einen der Rohesten und Gewaltthätigsten in der Partei, mit dem Auftrage, erst gute Worte zu geben, und wenn diese nicht hälfen, härter zu reden. Knox nennt den Freiherrn von Ruthven als Mitabgeordneten. Dieser war der Sohn jenes Ruthven, welcher die Hauptrolle bei Rizzio's Ermordung gespielt hatte, und von ihm und Lindesay zusammen stand wenig Erbarmen zu erwarten.

Die Anwendung so plumper Werkzeuge deutete auf die Entschließung Derer, welche die Königin in ihrer Gewalt hatten, die Sache aufs Aeußerste zu treiben, falls sie Marien hartnäckig fänden. Dem vorzubeugen, ward Herr Robert Melville nach Lochleven geschickt, welcher in der Scheide seines Schwertes Briefe an die Königin hatte vom Grafen von Athole, von Maitland, von Lethington, und sogar von Throgmorton, dem englischen Gesandten, welcher damals für die Königin war. Diese Briefe enthielten die dringende Bitte an sie, dem Drange der Zeiten nachzugeben und die Urkunden zu unterschreiben, welche Lindesay ihr vorlegen würde, ohne sich durch den Inhalt derselben zurückschrecken zu lassen. Zugleich war darin versichert, daß dieser Schritt, gethan im Zustande der Gefangenschaft, weder nach den Gesetzen, noch nach den Forderungen der Ehre oder des Gewissens bindend für sie sein würde, sobald sie ihre Freiheit erlangt hätte. So auf den Rath eines Theiles ihrer Unterthanen den Drohungen des anderen nachgebend – sie hatte erfahren, daß Lindesay mit einem prahlerischen, d. h. drohenden Wesen erschienen war – unterschrieb die Königin – »mit einigem Widerstreben und mit Thränen,« sagt Knox – eine Urkunde, durch welche sie die Krone ihrem unmündigen Sohne abtrat, und eine andere, welche den Grafen von Murray zum Reichsverweser bestellte. Alle Geschichtsschreiber scheinen darin übereinzustimmen, daß Lindesay sich bei dieser Gelegenheit mit großer Rohheit benahm. Die Urkunden wurden am 24. Juli 1567 unterzeichnet.

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