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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Neunzehntes Kapitel.

Es ist's und ist's auch nicht. Was ich gesucht,
Wofür gebetet ich und Ehr' und Leben
Gewagt, ich hab', das ist's und ist's so wenig,
Als wie das Bild im kalten glatten Spiegel
Das warme, runde, lebenvolle Wesen
Ist, das es doch nur vorstellt.

Altes Schauspiel.

Der Thürhüter führte mit einer ernsten Miene, welche einen Blick der Scheelsucht schlecht verbarg, den jungen Roland in ein Gemach im unteren Theile des Palastes, wo sich der Falkner befand, und that Beiden mit kurzen Worten zu wissen, daß dies ihre Wohnung sei, bis auf weiteren Befehl von Sr. Gnaden, und daß sie sich zu den gewöhnlichen Stunden in die Brodkammer, in die Butterkammer, in den Keller und in die Küche zu verfügen hätten, um ihre standesmäßigen Portionen zu empfangen, – Anweisungen, welche der am Hofe bekannte Adam Woodcock vollkommen verstand.

»Was euer Nachtlager betrifft,« fügte der Würdenträger hinzu, »so müßt ihr in die Herberge zum Sanct Michael gehen, angesehen der Palast jetzt voll ist von der Dienerschaft der höheren Herrschaften.«

Kaum hatte der Thürhüter den Rücken gewendet, so rief Adam mit aller Lebhaftigkeit gespannter Neugier:

»Also jetzt, Meister Roland, die Neuigkeiten! – die Neuigkeiten! Komm, knöpfe deine Tasche auf und gib deine Zeitungen her. Was sagt der Regent? Fragt er nach Adam Woodcock? Und ist Alles wieder gut, oder muß der Abt von Unsinn dafür herhalten?«

»Auf dieser Seite ist Alles gut,« antwortete Roland; »im Uebrigen – – Heda, was ist das? Ihr habt die Kette mit dem Schaustück von meiner Mütze abgenommen?«

»Es war hohe Zeit, denn der Thürhüter da, der Spitzbube mit dem essigsauren Gesicht, fing an zu fragen, was Ihr da für einen papistischen Firlefanz trügt. Bei der heiligen Meß! das Schaustück würde Gewissens halber confiscirt worden sein, wie Eure andere Schnurrpfeiferei zu Avenel, welche Jungfer Lilias auf ihren Schuhen herumträgt in Gestalt von ein Paar Schuhschnallen. Das kommt davon, daß Ihr papistischen Trödel mit Euch herumschleppt.«

»Die Vettel!« rief Roland aus. »Hat sie meinen Rosenkranz eingeschmolzen zu Schnallen für ihre plumpe Hufe? Der Zierrath wird gerade so gut daran stehen wie ein Paar Kuhfüßen! – Doch, hol' sie der Teufel; sie mag das Gold behalten. Ich habe der alten Lilias manchen Possen gespielt, wenn ich nichts Besseres zu treiben wußte, und die Schnallen werden ihr als Andenken daran dienen. Wißt Ihr noch, wie ich Holzapfelessig in das Zuckerwerk schüttete, als der alte Wingate und sie am Ostermorgen zusammen frühstücken wollten?«

»Ja wohl, Meister Roland. Des Hofmeisters Maul war den ganzen Morgen darnach so krumm wie ein Habichtschnabel, und jeder andere Edelknabe an Eurer Stelle würde dafür die Peitsche aus dem Thorwartsstübchen gekriegt haben. Aber die Gunst der gnädigen Frau hat Euer Fell vor manchem Hiebe gedeckt. Der Herr gebe, daß ihr Schutz in solchen Dingen gut Früchte an Euch trägt.«

»Wenigstens die Frucht der Dankbarkeit, Adam. Es ist mir lieb, daß Ihr mich daran erinnert.«

»Gut; aber die Neuigkeiten, junger Herr,« sprach Woodcock, »sagt an die Zeitungen. Was ist unser nächster Flug? Was hat Euch der Regent gesagt?«

»Nichts, was ich wieder sagen soll,« antwortete Roland kopfschüttelnd.

»Eh!« rief Adam, »wie klug seid Ihr auf einmal geworden! Meister Roland, Ihr habt in kurzer Zeit merkwürdige Fortschritte gemacht. Ihr waret nahe dran, den Kopf eingeschlagen zu kriegen, und habt Eure goldene Kette gewonnen; Ihr habt Euch einen Feind gemacht, den Meister Thürsteher, wenn Ihr es wissen wollt, mit seinen zwei Beinen wie Vogelstangen, und habt Audienz gehabt bei dem ersten Manne im Reiche. Und jetzt macht Ihr eine so geheimnißvolle Miene, als ob Ihr immer in der Hofluft geflogen wäret, seitdem Ihr ausgebrütet seid. Bei Gott, ich glaube, Ihr würdet laufen mit einem Stücke der Eierschale auf dem Kopfe, wie die jungen Brachvögel, die wir (ich wollte, wir wären wieder hinter ihnen her!) im Stifte und in der Nachbarschaft Steinwälzer zu nennen pflegten. Aber setz' dich, Junge. Adam Woodcock war nie der Kerl dazu, sich in verbotene Geheimnisse einzudrängen. Setz' dich, ich will hin und die Schnabelweide holen. Ich kenne die Küchen- und Kellermeister von lange her.«

Der gutmüthige Falkner begab sich an sein Geschäft, eine Mahlzeit herbeizuschaffen. Während seiner Abwesenheit überließ sich Roland dem Nachdenken über die sonderbaren Erlebnisse dieses Morgens. Gestern war er ein unscheinbarer junger Landstreicher, der untergeordnete Begleiter einer Verwandten, von deren gesundem Verstand er selber keine sonderlich hohe Meinung hegte, – und jetzt war er, er wußte selbst nicht warum und in wieweit – der Mitwisser eines Staatsgeheimnisses geworden, dessen Bewahrung dem Regenten nicht gleichgültig war. Es verminderte nicht, sondern vermehrte im Gegentheil das Spannende seiner unerwarteten Lage, daß er selbst nicht recht sah, was ihm denn eigentlich mit den Staatsgeheimnissen anvertraut war, in welche er unwillkürlich eingeweiht worden. Im Gegentheil, es war ihm wie Einem, der eine romantische Landschaft zum ersten Mal erblickt, und zwar in Nebel und Ungewitter. Während das Auge Felsen, Bäume und andere Gegenstände ringsum nur undeutlich durchschimmern sieht, dünken ihm die verhüllten Berge und die mit Finsterniß bedeckten Schlünde um so großartiger, deren Höhe, Tiefe und Ausdehnung zu ermessen der Einbildungskraft überlassen bleibt.

Indeß Sterbliche, besonders in der appetitreichen Zeit vor dem zwanzigsten Jahre, verlieren sich selten so weit auf dem Felde philosophischer oder phantastischer Speculation, daß sie nicht die Stimme ihrer irdischen Bedürfnisse hörten. Mit wohlgefälligem Lächeln begrüßte unser Held (wenn der Leser ihn so nennen will) das Wiedererscheinen seines Freundes Adam Woodcock, der auf einer hölzernen Schüssel ein entsetzliches Stück gekochtes Rindfleisch, und auf einer andern eine reichliche Doppelportion Gemüse, d. h. schottischen Langkohls, hereinbrachte. Hinter Adam kam ein Stallknecht mit Brod, Salz und sonstigem kleinen Zubehör zu einer Mahlzeit.

Als Alles auf dem eichenen Tische stand, versicherte der Falkner, seitdem er den Hof kenne, gehe es von Tag zu Tag schlechter für die armen Edelleute und ihre Knechte; aber jetzt sei es nun gar ein wahres Schinden eines Flohes um die Haut und den Talg. Das sei ein Gedränge zu dem Thürchen, da gebe es so grobe Antworten und so fleischlose Rindsknochen, und an der Butterkammer und an der Kellerthüre so viel Rippenstöße, ohne daß dabei mehr zu gewinnen sei als Schmalbier, höchstens halbgemalzt mit doppeltem Zufluß von Wasser.

»Doch, bei der heil'gen Meß!« schloß er, als er die Speisen unter Rolands arbeitsamen Zähnen rasch verschwinden sah, »es ist besser, das zu benutzen, was die Gegenwart bietet, als um die Vergangenheit zu jammern, sonst verliert man auf beiden Seiten.«

Mit diesen Worten schob Adam Woodcock seinen Stuhl an den Tisch, zog ein Messer aus der Scheide (denn dies Eßwerkzeug führte damals Jedermann bei sich) und folgte dem Beispiel seines jungen Gefährten, bei welchem für den Augenblick die gespannte Erwartung der Zukunft vor der Befriedigung einer durch Fasten gesteigerten jugendlichen Eßlust zurücktrat.

Beide hielten, obwohl die Speisen sehr einfach waren, eine ganz gehörige Mahlzeit auf Kosten der königlichen Küche, und Adam hatte, ungeachtet seines ernstlichen Tadels über das Schloßbier, schon vier herzhafte Züge aus dem Humpen gethan, ehe es ihm wieder einfiel, daß er sich nachtheilig über dasselbe geäußert hatte. Dann warf er sich behaglich in einen alten Großvaterstuhl, streckte sein rechtes Bein aus, schlug das linke darüber und sah mit vergnügter Sorglosigkeit auf seinen jungen Gefährten hin.

»Ihr habt ja mein Lied noch nicht gehört, welches ich für die Aufführung des Abtes von Unsinn gedichtet habe,« sprach er und stimmte lustig an:

»Der Papst zu Rom, der stolze Heid',
Hat uns zu lang verblendet –«

Roland Graeme, welcher sich, wie man leicht denken kann, durch das Spottlied des Falkners nicht sehr erbaut fühlte, griff geschwind nach seinem Mantel und warf ihn um – eine Bewegung, welche augenblicklich Adams Gesang unterbrach.

»Wo zum Teufel gehst du denn schon wieder hin, du unruhiger Geist?« fragte er. »Du hast sicherlich Quecksilber im Leibe, und kannst es so wenig bei traulichem Gespräche aushalten, wie ein Falke auf der Faust, wenn man ihm die Haube abgenommen hat.«

»Wenn Ihr es durchaus wissen müßt, Adam,« antwortete Roland, »ich bin im Begriff, einen Gang zu machen und diese schöne Stadt zu beschauen. Es wäre eben so gut, in der alten Seeburg eingesperrt zu bleiben, wenn man hier die liebe lange Nacht zwischen den vier Wänden sitzen bleiben und alte Lieder anhören wollte.«

»Es ist ein neues Lied, Unglücklicher!« entgegnete Adam, »und das eins von den besten, an die je ein lebhafter Chor angefügt worden ist.«

»Meinetwegen!« sprach Roland; »ich will es ein ander Mal hören, an einem Regentag, wenn die Tropfen wider die Fenster schlagen, und wenn in der Nähe weder Rosse stampfen, noch Sporen klirren, noch Federn wehen, die mich in meiner Andacht stören könnten. Aber jetzt muß ich in die Welt und mich umsehen.«

»Aber keinen Schritt sollt Ihr ohne mich gehen,« sprach der Falkner, »bis der Regent Euch wohlbehalten aus meinen Händen übernommen hat. Also wenn Ihr Lust habt, wollen wir in die Herberge zum S. Michael gehen, da könnt Ihr Gesellschaft genug sehen, aber wohlgemerkt, aus dem Fenster. Denn auf der Gasse herumzulaufen, um Seytons und Leslies zu suchen, und Euch ein Dutzend Löcher in Euer neues Jäckchen bohren zu lassen mit Rappier und Dolch, dazu versteh' ich mich schlechterdings nicht.«

»Also in die Herberge zum St. Michael – ich bin's zufrieden,« sprach Roland, und Beide verließen das Schloß. Am Thor gaben sie den Posten, welche schon für den Abend aufgeführt waren, genau ihre Namen und ihr Vorhaben an, und wurden durch ein kleines Thürchen in dem fest verriegelten Thor entlassen. Bald hatten sie die Herberge zum St. Michel erreicht, welche in einem großen Hofraum stand, etwas von der Straße ab, dicht am Fuße des Caltonbergs. Die Anstalt, weitläufig, wüst und unbehaglich, glich eher einer morgenländischen Karavanserei, wo man zwar Unterkunft findet, sich aber alles Uebrige selber herbeischaffen muß, als einem unserer jetzigen Gasthöfe,

Wo jeglicher Gemächlichkeit sich freut
Der, so dafür die Kosten nur nicht scheut.

Aber für das Auge des in der Welt noch so neuen Roland war das Getümmel und die Verwirrung anziehend und unterhaltend. In dem geräumigen Zimmer, zu welchem sie sich selber ihren Weg suchten, statt von dem Wirth eingeführt zu werden, gingen Reisende und Einheimische ab und zu, trafen sich, grüßten sich, spielten oder zechten, und bildeten so den stärksten Gegensatz zu der eintönigen Ordnung und der ernsten Stille, mit welcher in dem wohlgeordneten Haushalt des Ritters von Avenel Alles betrieben wurde. Wortwechsel jeder Art, vom heftigen Zanke bis zum Scherz, war bei den Gruppen ringsum im Gange, und doch schien das Getöse und das Durcheinander der Stimmen keinen Menschen zu stören und von Niemand bemerkt zu werden, außer von der nächsten Gesellschaft jedes Sprechenden.

Der Falkner suchte sich und seinem Begleiter einen Platz in einem vergitterten Erkerfenster, wo sie für sich allein saßen, und bestellte. Etwas zu essen und zu trinken. Nach zwanzigmaligem Rufen brachte ein Aufwärter den Rest eines kalten Kapaunen, eine Rindszunge und einen zinnernen Krug mit leichtem französischen Landwein.

»Hol' einen Krug Brantwein, du Lump!« rief er dem Burschen zu, und als sein Wunsch erfüllt war, sprach er: »Heut Abend wollen wir lustig sein, Meister Roland, Sorgen kommt morgen.«

Allein Roland war zu sehr gesättigt von der erst vor Kurzem im Schloß eingenommenen Mahlzeit, um an dem neuen Schmause Theil nehmen zu können, und da seine Neugier stärker war als seine Eßlust, zog er es vor, aus dem Fenster auf den großen Hof zu sehen, welchen die Stallungen der Herberge umgaben, und weidete sein Auge an dem bunten Treiben da unten. Woodcock, nachdem er seinen Gefährten mit den Gänsen des Herrn von Macfarlane verglichen, welchen ihre Kurzweil lieber war, als ihr Futter, vertrieb sich die Zeit mit Becher und Schüssel, summte dann und wann den Chor seines in der Geburt erstickten Liedes, und schlug mit den Fingern den Takt dazu auf dem kleinen runden Tisch. In diesem Geschäft wurde er häufig unterbrochen durch die Ausrufungen seines Gefährten, wenn derselbe etwas Neues in dem Hofe unten erblickte, das seine Aufmerksamkeit anzog und fesselte.

Es ging in dem Hofe lebhaft zu, denn die große Zahl von Herren hohen und niederen Adels, welche in der Stadt zusammengeströmt waren, hatte alle Ställe und Wirthshäuser mit ihren Pferden und ihrem kriegerischen Gefolge angefüllt. Etwa zwanzig Knechte putzten in dem Hofe ihre und ihrer Herren Pferde, pfiffen, fangen, lachten und spotteten über einander mit Witzen, welche, in Folge der guten Ordnung auf Schloß Avenel, dem Ohre Rolands ganz fremd klangen. Andere besserten ihre Waffen aus oder reinigten die ihrer Herren. Ein Bursche kam mit einem Bündel von zwanzig Spießen, setzte sich in eine Ecke und begann die weißen Stangen gelb und roth zu bemalen. Andere Lakaien führten große Hirsch- oder Wolfshunde von edler Race, mit Maulkörben, um die Vorübergehenden vor Unannehmlichkeiten zu bewahren. Alles das ging und kam, mischte sich untereinander und schied sich unter den entzückten Augen des Edelknaben, der sich noch nie einen Anblick geträumt hatte, in welchem Alles, was er gern sah, in so bunter Mischung vereinigt war. Jeden Augenblick unterbrach der entzückte Beschauer die ruhige Träumerei des ehrlichen Woodcock und sein in Gedanken gesungenes Lied durch den Ausruf:

»Sieh einmal, Adam! – sieh einmal den schönen Braunen! Sanct Antonius! was er für ein prächtiges Vordertheil hat! – Und sieh da den Grauen, den der Kerl dort in der Friesjacke so ungeschickt putzt, als hätt' er nie etwas Anderes als eine Kuh unter den Händen gehabt! Wär' ich nur unten, ich wollt' es ihm weisen! – Und da, Adam, seht einmal den schmucken mailänder Harnisch, den der Knecht da putzt, – ganz von Stahl und Silber, wie unseres Ritters Prachtrüstung, von der der alte Wingate so viel erzählt! – Und seht einmal dort die hübsche Dirne, die durch sie Alle sich durchwindet mit ihrem Milcheimer! Ich wette, sie hat lange Zeit gebraucht von ihrem Gäßchen hierher. Sie hat ein rothes Mieder, wie Euer Liebchen Cäcilie Sunderland, Meister Adam!«

»Bei meiner Kapp, Junge,« entgegnete der Falkner, »es ist gut, daß du da aufgezogen worden bist, wo das Gnadenkraut wuchs. Selbst auf Schloß Avenel warst du schon ein arger Wildfang. Wärst du aber hier aufgewachsen, einen Bogenschuß weit vom Hofe, dann wär' aus dir der ärgste Galgenstrick von Edelknaben geworden, der je eine Feder auf der Mütze oder Stahl an der Seite getragen hat. Wahrlich, ich wünsche, es möge ein gutes Ende mit dir nehmen.«

»Ei, so laß doch zum Teufel dein albernes Summen und Trommeln, alter Adam, und komm an's Fenster, ehe du deine fünf Sinne in dem Maßkruge da ersäuft hast. Sieh, da kommt ein lustiger Spielmann mit seinem Schwarme, und ein Weibsbild mit ihm, das tanzt und hat Schellen an den Knöcheln. Sieh, wie die Knechte und Knappen ihre Pferde und die Rüstungen stehen und liegen lassen und sich im Kreise zusammenstellen, um die Musik zu hören. Komm, alter Adam, wir wollen auch hin!«

»Ihr sollt mich Schafskopf nennen, wenn ich hinuntergehe,« erwiderte Adam. »Ihr könnt ganz in der Nähe so gute Musik machen, wie nur immer der Landstreicher zu machen im Stande ist, wenn es Euch nur gegeben wäre, darauf zu hören.«

»Die Dirne in dem rothen Mieder bleibt auch stehen. Adam – bei Gott! sie fangen an zu tanzen. Die Friesjacke will mit dem rothen Mieder tanzen, aber sie ist spröde und mag nicht.«

Plötzlich änderte er seinen leichten Ton in den ernsten Staunens um und rief: »Himmelskönigin, was seh' ich!« Und von dem Augenblicke an blieb er stumm.

Der kluge Adam Woodcock, welcher mit träumerischem Behagen die Ausrufungen des Jünglings angehört hatte, während er sich das Ansehen gab, als achte er nicht darauf, bekam am Ende Lust, Rolands Zunge wieder in Bewegung zu bringen, um Anlaß zu haben, sich innerlich Etwas zugute zu thun auf eine genaue Bekanntschaft mit all' den Erscheinungen, welche so sehr die Verwunderung seines jungen Gesellschafters erregten.

»Nun, was seht Ihr denn, Meister Roland,« fragte er, »daß Ihr so plötzlich stumm geworden seid?«

Roland antwortete nicht.

»Der Junge hat den Teufel im Leib,« sprach Woodcock. »Er hat sich die Augen ausgeguckt und die Zunge in Stücke geschwatzt, glaub' ich!«

Hastig trank er seinen Krug aus und trat zu Roland heran, der wie eine Bildsäule dastand, die Augen unverwandt auf den Hof geheftet, ohne daß Woodcock in dem lustigen Schwarm unten irgend Etwas hätte entdecken können, was so gespannter Aufmerksamkeit werth gewesen wäre. Das Spiel des alten Musikanten hatte mehre Zuhörer von der Straße in den Hof gezogen, als eine Person zum Thor hereinkam, welche ausschließlich die Aufmerksamkeit Rolands fesselte. Diese Person schien mit ihm von gleichem Alter oder eher jünger zu sein, und der Tracht und Haltung nach von demselben Stande wie er, all' die Eitelkeit zur Schau tragend, welche sich mit einer hübschen, wiewohl kleinen und schmächtigen Gestalt und einer zierlichen, theilweise von einem Purpurmantel verhüllten Kleidung vertrug. Beim Eintreten warf der Fremde einen Blick nach den Fenstern hinauf, und zu seinem Erstaunen erkannte Roland unter der rothen Sammetmütze und der weißen Feder die ihm so tief ins Gedächtniß eingeprägten Gesichtszüge, das glänzende reiche Haar, die lachenden blauen Augen, die schön geformten Brauen, die fast gerade Nase, die Rubinlippen, deren gewöhnlicher Ausdruck ein schalkhaftes halbunterdrücktes Lächeln zu sein schien, – mit einem Worte die Gestalt und das Gesicht von Katharine Seyton in Mannstracht, die, wie es schien, glücklich das Benehmen eines kecken Edelknaben nachahmte.

Dies war die Erscheinung, welche Rolanden zu seinem letzten Ausrufe veranlaßt hatte.

»Sanct Georg und Sanct Andreas!« dachte er, »hat man je ein so verwegenes Mensch gesehen! Sie scheint sich ein wenig ihrer Mummerei zu schämen, denn sie hält die Ecke ihres Mantels vor's Gesicht, und ihre Farbe ist lebhafter. – Aber Sancta Maria, wie sie sich in dem Gedränge Bahn macht mit festem und kühnem Schritte, als hätte sie nie einen Weiberrock um die Hüften gebunden! – Bei Gott! sie hebt ihre Gerte empor, als wollte sie damit Denen über's Ohr hauen, welche ihr am meisten im Wege stehen. – Bei der Hand meines Vaters! sie benimmt sich wie das Muster eines Edelknaben! – Was? sie wird doch nicht im Ernste auf die Friesjacke losschlagen?«

Er blieb nicht lange in Ungewißheit. Der mehrerwähnte Lümmel stand dem geschäftigen Edelknaben im Wege, und da er mit bäurischer Hartnäckigkeit oder Dummheit seinen Platz behauptete, fuhr ihm die aufgehobene Gerte so empfindlich auf die Schultern, daß er auf die Seite sprang und den Theil rieb, welcher eine so unmanierliche Andeutung erhalten hatte, daß er einer höheren Person im Wege stand. Der Geschlagene stieß ein paar Flüche des Unwillens aus, und Roland wollte schon hinunter rennen, um der verwandelten Katharine Beistand zu leisten. Allein die Lacher im Hofe waren gegen die Friesjacke, welche überhaupt in jenen Tagen keine Aussicht hatte, zu ehrlichem Kampfe mit Sammet und Stickerei zugelassen zu werden. Allgemein verhöhnt, schlich der Bursche zu seiner Arbeit, den Grauen zu putzen, zurück, und die Dirne im rothen Mieder, welche mit ihm in dem Wirthshause diente, hatte die Grausamkeit, dem Urheber seiner Schmach ein Lächeln des Beifalls zuzuwenden, indem sie mit einer Zuversichtlichkeit, welche nur der städtischen, nicht der ländlichen Milchmagd eigen sein konnte, denselben anredete:

»Sucht Ihr vielleicht. Jemand hier, schöner junger Herr, daß Ihr so eilig zu sein scheint?«

»Ich suche,« antwortete das vermeinte Herrchen, »ein Stück von einem Jungen mit einem Steineichenzweige auf der Mütze, mit schwarzen Haaren, schwarzen Augen, grüner Jacke und mit dem Ansehen eines Zierlings vom Lande. Ich hab' ihn in allen Ecken und Gäßchen der Stiftstraße gesucht, – der Teufel hol' ihn!«

»Um Gotteswillen, Nönnlein!« murmelte Roland ganz entsetzt.

»Ich will ihn Euch gleich ausfindig machen, schöner junger Herr,« sprach die Wirthsmagd.

»Thut das,« erwiderte der kleine Edelknecht, »und wenn Ihr mich zu ihm bringt, sollt Ihr heut Abend einen Groschen haben und einen Kuß am Sonntage, wenn Ihr einen sauberern Rock anhabt.«

»Um Gottes willen, Nönnlein!« murmelte Roland abermals. »Das geht über's Bohnenlied.«

Einen Augenblick darauf trat die Magd in's Zimmer und führte den Gegenstand seiner Verwunderung ein. Die verkleidete Vestalin überblickte rasch und keck die verschiedenen Gruppen in dem alten weitläufigen Zimmer. Roland hingegen fühlte sich beengt durch eine gewisse Verschämtheit, während er sich gestand, daß eine solche Empfindung gar nicht zu dem kühnen, stürmischen Wesen passe, worauf er sich so viel zu Gute that. Er nahm sich zusammen und beschloß, vor diesem eigenen Mädchen nicht die Augen niederzuschlagen, sondern ihrem Auge mit einem so listigen, durchdringenden, launigen Blicke zu begegnen, daß sie sofort merken müsse, er sei im Besitze ihres Geheimnisses und Herr ihres Schicksals, und daß sie sich wenigstens zu einem achtungsvollen und bittenden Blicke bequemen müsse.

Dies war sehr gut ausgedacht. Aber in dem Augenblicke, wo er das pfiffige Gesicht schneiden wollte, welches seinen Triumph sichern sollte, begegnete er dem kecken, festen, unverwandten Blick aus dem Falkenauge des Bepurpurten, welcher ihn sofort als den Gegenstand seiner Nachforschungen erkannte, mit der größten Unbefangenheit auf ihn zuging und ihn anredete:

»Herr Eichenspitz, ich möchte Euch sprechen.«

Die kalte, zuversichtliche Ruhe, mit welcher diese Worte ausgesprochen wurden, brachten Rolanden ganz aus der Fassung, obwohl die Stimme ganz dieselbe war, welche er in dem alten Kloster gehört, und obwohl die Gesichtszüge, in der Nähe betrachtet, denen Katharinens noch mehr ähnlich sahen, als aus der Ferne. Er wußte nicht, ob er von Anfang an in Irrthum gewesen sei. Die Verschlagenheit, welche sich auf seinem Gesichte ausdrücken sollte, wandelte sich in schafsmäßige Verschämtheit, und das halb unterdrückte, vielsagende Lächeln wurde zum albernen Kichern dessen, der lacht, um seine Verwirrung zu verbergen.

»Versteht man in deinem Lande nicht schottisch, Eichenspitz?« sprach das verwandelte Wesen. »Ich sage, ich will mit dir sprechen.«

»Was wollt Ihr mit meinem Gesellschafter, mein Hähnchen?« fragte Woodcock, für seinen Gefährten das Wort nehmend, dessen plötzliche Sprachlosigkeit ihm unbegreiflich war.

»Nichts was Euch angeht, alter Hahn von der Stange,« versetzte das Herrlein; »bekümmert Euch um Eure Vogelpurganzen. Ich merke an Eurer Tasche und an Eurem Handschuh, daß Ihr Leibdiener einer Art von Aasvögeln seid.«

Der Rothmantel lachte bei diesen Worten, und das Lachen erinnerte Rolanden so lebhaft an das, mit welchem Katharina die Unterhaltung in dem alten Kloster eröffnet hatte, daß er beinahe herausgeplatzt wäre: »Bei Gott, Katharina Seyton!« Indeß er hielt den Ausruf zurück und sagte nur:

»Herr, ich glaube, wir sind uns nicht ganz fremd.«

»Wenn das ist, so müssen wir im Traume beisammen gewesen sein,« versetzte der Rothmantel, »und ich habe bei Tage zu viel zu thun, um mich dessen zu erinnern, was mir des Nachts durch den Kopf geht.«

»Oder vielmehr, Euch den folgenden Tag an Leute zu erinnern, die Ihr den Abend zuvor gesehen habt« fügte Roland hinzu.

Der Rothmantel warf ihm einen Blick der Betroffenheit zu und entgegnete:

»Ich verstehe so wenig, was Ihr meint, wie der Gaul, den ich reite. Wenn Ihr mit Euren Worten beleidigen wollt, so werdet Ihr mich bereit finden, sie in dem Sinne zu nehmen, so gut wie nur irgend ein Junge in Lothian.«

»Ihr wißt wohl, obschon Ihr Euch fremd stellt, daß es mir nicht einfallen kann, mit Euch Streit anfangen zu wollen,« erwiderte Roland.

»So laßt mich denn meine Botschaft ausrichten, damit ich von Euch loskomme,« sprach der Rothmantel. »Tretet hierher, daß die alte Lederfaust da uns nicht hören kann.«

Sie traten in den Erker, welchen Roland beim Erscheinen des Rothmantels im Zimmer verlassen hatte. Letzterer warf einen durchdringenden Blick umher, ob sie nicht beobachtet seien, und wandte dann der Gesellschaft den Rücken. Roland that desgleichen, und der Rothmantel zog ein prächtiges kleines Schwert hervor mit silberner vergoldeter Scheide in erhabener Arbeit und ebendergleichen Griff.

»Ich bring' Euch,« sprach er, »dies Gewehr von einem Freunde, der es Euch gibt unter der feierlichen Bedingung, daß Ihr es nicht eher aus der Scheide zieht, als bis Eure rechtmäßige Herrscherin es Euch befiehlt. Man kennt Eure Hitze und die Keckheit, mit welcher Ihr Euch in fremde Händel mengt. Darum ist Euch das als Buße auferlegt von Denen, welche Euch wohlwollen und deren Hand Einfluß auf Euer Schicksal haben wird zum Guten oder zum Schlimmen. Das ist es, was ich Euch zu sagen habe. Also wenn Ihr ein zuverlässiges Wort für ein zuverlässiges Schwert geben und es mit Hand und Handschuh versprechen wollt, so ist's gut. Wo nicht, so bring' ich den Flamberg Denen zurück, die ihn geschickt haben.«

»Darf ich nicht fragen, wer diese sind?« sprach Roland, mit Wohlgefallen das herrliche Gewehr betrachtend.

»Mein Auftrag geht schlechterdings nicht dahin, eine solche Frage zu beantworten, erwiderte der Purpurmantel.

»Aber wenn ich angegriffen werde, darf ich es da nicht zu meiner Vertheidigung ziehen?« fragte Roland.

»Nicht diese Waffe,« antwortete die Schwertträgerin. »Euer eigenes Schwert steht Euch zu Diensten, und dann, wozu schleppt Ihr Euch mit dem Dolche?«

»Zu nichts Gutem,« fiel Adam Woodcock ein, der eben nahe herangetreten war. »Das kann ich Euch bezeugen so gut wie Einer.«

»Zurück, Bursch!« rief der Rothmantel. »Du hast ein naseweises Gesicht, welches zu einer Ohrfeige kommen kann, wenn es sich da finden läßt, wo es nichts zu schaffen hat.«

»Zu einer Ohrfeige, mein kecker Junker Michel?« entgegnete Adam, trat jedoch wieder zurück. »Behaltet Eure Finger bei Euch, oder, bei Unserer lieben Frauen, auf Ohrfeige folgt Ohrfeige!«

»Beruhigt Euch, Adam,« bat Roland; – »und erlaubt mir, schöner Herr (denn so wollt Ihr ja jetzt angeredet sein), erlaubt mir die Frage, ob ich dies Schwert nicht herausziehen darf, bloß um zu sehen, ob der herrlichen Scheide und dem kostbaren Griffe auch die Klinge entspricht?«

»Schlechterdings nicht,« antwortete der Rothmantel. »Mit einem Worte: Ihr nehmt es unter der Bedingung, es nicht eher zu ziehen, als bis Ihr den Befehl dazu von Eurer rechtmäßigen Herrscherin empfangt, oder Ihr laßt es in meiner Hand.«

»Unter dieser Bedingung und als aus Eurer freundlichen Hand kommend, nehm' ich das Schwert an,« sprach Roland, indem er es ergriff. »Aber glaubt mir, wenn wir bei einer wichtigen Unternehmung zusammen arbeiten sollen, wie ich Grund habe zu glauben, dann wird Vertrauen und Offenheit von Eurer Seite nöthig sein, um meinen Eifer gehörig anzufeuern. Ich dringe jetzt nicht weiter in Euch. Genug, Ihr versteht mich.«

»Ich verstehe Euch?« fragte der Rothmantel mit einem Ausdrucke des Erstaunens. »Ich will des Teufels sein, wenn das wahr ist. Da steht Ihr und lächelt und kichert und macht ein pfiffiges Gesicht, als ob wir über eine wichtige Intrigue im Einverständnisse wären, und doch hab' ich Euch in meinem Leben zuvor nicht gesehen.«

»Was?« fuhr Roland auf; »Ihr wollt leugnen, daß wir uns schon einmal gesehen haben?«

»Ja, das will ich vor jedem christlichen Gerichtshof« antwortete der Rothmantel.

»Und Ihr wollt auch leugnen, daß es uns anempfohlen war, unsere Gesichtszüge wechselseitig genau zu betrachten, damit wir uns unter jeder Verkleidung, zu welcher die Umstände uns nöthigten, einander erkennen möchten als geheime Arbeiter an einem großen Werke? Erinnert Ihr Euch nicht, daß Schwester Magdalene und Dame Brigitte« – –

»Brigitte und Magdalene!« unterbrach ihn der Rothmantel achselzuckend und mit einem Blicke des Bedauerns. »Das ist denn doch Wahnsinn und Träumerei. Hört, Meister Eichenspitz, Ihr seid nicht wohl bei Trost; stärkt Euch mit einer Kraftsuppe, deckt Euren schwachen Verstandeskasten mit einer wollenen Nachtmütze, und Gott sei bei Euch.«

Als er diese höfliche Abschiedsrede geschlossen, fragte ihn Adam Woodcock, der sich an den Tisch mit dem jetzt leeren Krug gesetzt hatte:

»Nun, da Ihr Eure Botschaft ausgerichtet habt, wollt Ihr jetzt freundschaftlich einen Becher mit uns trinken und ein gutes Lied anhören?«

Und ohne eine Antwort abzuwarten, begann er:

»Der Papst zu Rom, der stolze Heid',
Hat uns zu lang geblendet –«

Wahrscheinlich hatte das starke Getränk eine Veränderung in dem Gehirn des Falkners hervorgebracht, sonst würde er bedacht haben, daß es gefährlich sei, an einem öffentlichen Orte politische oder theologische Scherze zu machen zu einer Zeit, wo die Gemüther so aufgeregt waren. Doch hatte er Besinnung genug, seinen Mißgriff einzusehen und innezuhalten, als er bemerkte, daß das Wort Papst die Unterhaltung der einzelnen Gruppen unterbrach, und daß Manche sich in die Brust warfen und bereit zu sein schienen, an dem bevorstehenden Streit Theil zu nehmen, während ordentlichere und vorsichtigere Leute geschwind ihre Zeche bezahlten und Anstalten machten, den Ort zu verlassen, ehe es Ernst wurde.

Dazu war alle Aussicht. Denn der fremde Edelknabe erhob seine Reitgerte und rief:

»Wer in meiner Gegenwart unehrerbietig von dem heiligen Vater der Kirche spricht, ist eine ketzerische Wolfsbrut, und ich will ihn durchhauen wie einen schlechten Köther.«

»Und ich will dir deinen jungen Hals brechen, wenn du dich untersteht, einen Finger gegen mich aufzuheben,« erwiderte Adam, und den Drohungen des jungen Eisenfressers zum Trotz hob er wieder an:

»Der Papst zu Rom, der stolze Heid',
Hat uns zu lang –«

Weiter kam er nicht, denn ehe er singen konnte »geblendet,« ward er selbst geblendet durch einen Hieb mit der Gerte des aufgebrachten Rothmantels. Wüthend fuhr er empor und tastete nach dem frechen Widersacher, den er bald gefaßt haben würde, hätte nicht Roland ganz gegen seine sonstige Art den besonnenen Friedensstifter gespielt und sich zwischen. Beide geworfen, mit dem Ausruf:

»Woodcock! Ihr wißt nicht, mit wem Ihr es zu thun habt! – Und du,« sprach er zu dem Rothmantel, der Adams Wuth verlachte, »mach', daß du fortkommt. Wenn du bist, wofür ich dich halte, dann hast du gute Gründe dazu.«

»Dies Mal hast du es getroffen, Eichenspitz,« versetzte der Rothmantel, »vermuthlich aber doch nur zufällig. – Wirth, gebt dem Knecht da eine Flasche Wein, um sich den Schmerz aus den Augen auszuwaschen – und hier ist ein Laubthaler für ihn.«

So sprechend, warf er das Geld auf den Tisch und verließ mit schnellem aber festem Schritt das Zimmer, keck rechts und links sehend, und Schnippchen schlagend gegen einige achtbare Bürger, welche sagten, es sei eine Schande, daß man solche Frechheiten zu Gunsten des Papstes dulde, – und nach den Griffen ihrer Schwerter suchten, welche sich unglücklicher Weise in die Falten ihrer Mäntel verwickelt hatten.

Der Widersacher war verschwunden, ehe Einer sein Gewehr gefaßt hatte, und so hielten sie es nicht für nöthig, das kalte Eisen aus der Scheide zu ziehen, sondern bemerkten nur:

»Das geht denn doch zu weit, einem armen Mann in's Gesicht schlagen zu sehen für Absingung eines Liedes gegen die babylonische Hure! Wenn die Kämpen des Papstes die Stockmeister in unseren Wirthshäusern spielen, dann werden wir bald die alten Schorköpfe wieder bekommen.«

»Der Vogt sollte sich drein legen,« sprach ein Anderer, »und fünf oder sechs Partisanen bereit halten, die auf den ersten Pfiff hereinkämen, diesen Herrchen zu weisen, was sie zu thun haben. Denn seht, Nachbar Zerrleder, es paßt nicht für ehrsame Hausväter, wie wir, uns mit den gottlosen Stallknechten und frechen Edelknaben der Großen herumzubalgen, diesem Gezücht, das fast nichts Anderes gelernt hat, als Blut vergießen und lästern.«

»Das mag sein wie es will, Nachbar,« versetzte Zerrleder, »ich wollte den Jungen so gründlich gegerbt haben, wie nur je ein Lammfell, wenn ich nur in dem Augenblick an den Griff meines Spaniers hätte kommen können. Aber ehe ich meinen Gurt gedreht hatte, war das Herrchen fort.«

»Der Teufel sei sein Geleitsmann,« sprach ein Anderer, »und Friede sei mit uns. Ich stimme dafür, Nachbarn, daß wir bezahlen und brüderlich nach Hause gehn, denn auf St. Gilgen Thurm läutet es zu Nacht, und um diese Zeit wird es unsicher auf der Straße.«

Die guten Bürger zupften ihre Mäntel zurecht und machten Anstalt zum Fortgehen, während der Lebhafteste unter ihnen die Hand an seinen Andrea Ferrara legte und bemerkte:

»Wer auf der Hochstraße von Edinburg zum Lob des Papstes reden will, der thut wohl, Sanct Peters Schwert zu seiner Vertheidigung mitzubringen.«

So machte sich der Aerger über die Frechheit des jungen Aristokraten in leeren Drohungen Luft. Einen ernstlicheren Unwillen hatte Roland Graeme bei Adam Woodcock zu bekämpfen.

»Geht, Alter,« sprach er, »es war ja nur ein Schwips über den Kinnbacken. Schnäuzt Euch, wischt die Augen aus, und Ihr werdet besser sehen, als vorher.«

»Bei diesem Licht, welches ich nicht sehen kann,« entgegnete Adam, »du bist mir ein falscher Freund, junger Mensch! Du hast dich weder meiner angenommen, wo ich Recht hatte, noch mich meinen Streit selber ausfechten lassen.«

»Pfui! schämt Euch, Adam Woodcock,« versetzte Roland, das Spiel umkehrend und seinerseits die Rolle des Lehrmeisters eines ordentlichen und ruhigen Verhaltens übernehmend. – »Pfui! sag' ich. Wie mögt Ihr solche Reden führen. Ihr seid mit mir geschickt, um meine unschuldige Jugend vor Schlingen zu bewahren – –«

»Ich wollte, Eure unschuldige Jugend wäre am Galgen!« versetzte Adam, welcher merkte, wo der Tröster hinaus wollte.

»Und statt mir ein Beispiel der Geduld und Nüchternheit zu geben,« fuhr Roland fort, »wie es dem Falkner von Herrn Halbert Glendinning zukommt, sauft Ihr, Gott weiß wie viele Flaschen Bier, und dazu eine Maß Wein und ein Nösel Schnaps!«

»Es war nur ein Buttelchen,« entgegnete der arme Adam, den das Bewußtsein seiner Unklugheit auf die Vertheidigung beschränkte.

»Es war aber genug, um Euch gehörig zu netzen,« versetzte der Jüngling. »Und statt zu Bett zu gehen, um Euren Rausch auszuschlafen, bleibt Ihr sitzen, und brüllt Eure Lieder von Päpsten und Heiden, bis Euch fast die Augen ausgeschlagen werden. Wenn ich mich nicht drein gelegt hätte, würde der Bursche da Euch die Kehle abgeschnitten haben, denn er zog ein Messer, so breit wie meine Hand und so scharf wie ein Scheermesser; und dabei beschuldigt Ihr mich noch in Eurer trunkenen Undankbarkeit, daß ich Euch im Stich gelassen habe! Sind das Lehren für einen unerfahrenen Jüngling? Schande über Euch, Adam!«

»Dazu sag' ich von Herzen Amen,« antwortete Adam. »Schande über meine Thorheit, daß ich etwas Anderes als frechen Spott erwartet habe von einem Edelknaben, wie du, der seinen Vater im Gedränge sehen dürfte und über ihn lachen würde, statt ihm zu helfen.«

»Ei was, ich will dir ja helfen,« versetzte lachend der Edelknabe, »das heißt, ich will dir helfen, deine Kammer zu erreichen, guter Adam, wo du Wein und Bier, Zorn und Unwillen ausschlafen und morgen mit dem gesunden Verstand erwachen sollst, mit welchem die Natur dich gesegnet hat. Das sag' ich dir aber, wenn du dich je wieder über mich auf hältst, daß ich ein wenig vorschnell mit der Faust bin und zu hastig meinen Dolch heraus habe, dann soll deine Ermahnung die Einleitung zu der denkwürdigen Geschichte von der Reitgerte im Sanct Michel bilden.«

Mit solchen Trostworten brachte er den entmuthigten Falkner zu Bette, und warf sich dann selbst auf seinen Strohsack. Wenn der Bote, den er gesehen hatte, wirklich Katharina Seyton war, welch ein Mannweib, welch ein Hausteufel mußte sie dann sein! welche unnachahmliche Frechheit und Keckheit mußte sie besitzen! Das Eisen auf ihrer Stirn reichte ja hin, zwanzig Edelknaben auszustaffiren!

»Und dazu gehört doch schon Etwas!« meinte Roland. »Aber ihre Züge, ihr Blick, ihr leichter Gang, ihr lachendes Auge, die Kunst mit welcher sie den Mantel zu werfen wußte, um so wenig wie möglich von ihrem Körperbau sehen zu lassen,– ich bin froh, daß ihr wenigstens dies Stück weiblicher Anmuth geblieben ist, – die Stimme, das Lächeln – es muß Katharine Seyton gewesen sein, oder der Teufel in ihrer Gestalt! Nur Eins ist gut bei der Geschichte, ich habe dem Adam das Maul gestopft, der sich zum Sittenprediger und Hofmeister bei mir aufgeworfen hatte, von dem Augenblick an, wo er den Falkenkäfig verlassen.«

Mit diesem Trost und mit der glücklichen Gleichgültigkeit der Jugend gegen die Zukunft verfiel Roland Graeme in festen Schlaf.

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