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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Achtzehntes Kapitel.

– – – Schau dort die Wolken, Kaspar;
Unruhig schlummert da die wilde See
Im gelben Glanz des Sonnenscheins, der schwindet.
So schlummert, Freund, das unzufriedene Land,
Wenn die Partei'n noch ihrer Kraft mißtrauen
Zum Kampf im offnen Feld.

Albion, Ein Gedicht.

Der Jüngling blieb am Eingang des Hofes stehen und bat seinen Führer, ihn einen Augenblick ausschnaufen zu lassen.

»Laßt nur einen Augenblick mich umsehen, Alter,« sagte er zu ihm; »Ihr bedenkt nicht, daß mir ein solcher Anblick ganz neu ist. – Also das ist Holyrood, wo flotte Herren und schöne Frauen, wo die Weisen und Mächtigen zusammenkommen?«

»Ei freilich!« antwortete Woodcock. »Aber ich wollte, ich könnte Euch behauben wie einen Habicht, denn Ihr macht Augen, als suchtet Ihr einen zweiten Kampf oder eine zweite Fanfarona. Ich wollte, ich hätte Euch wohlbehalten untergebracht; Ihr macht ja Augen wie ein Stockaar.«

Es war in der That ein ungewohnter Anblick für Roland, der Vorhof eines Palastes, mit seinen manchfaltigen Gruppen, die Einen strahlend vor Freude, Andere gedankenvoll und, wie es schien, belastet mit öffentlichen und Privatgeschäften. Hier schritt einher oder stand der ergraute Staatsmann mit vorsichtigem und doch dabei gebieterischem Blick, im Pelzmantel und in Zobelpantoffeln, – dort der Krieger in Stahl und Büffelleder gehüllt, ein langes Schwert auf dem Pflaster klirren lassend, mit bärtiger Oberlippe und gerunzelter Stirn sich das Ansehen gebend, als fordere er stets die Gefahr heraus, – ein Ansehn, welches sich vielleicht nicht immer durch die That bewährte. Dort ging der Diener des gnädigen Herrn, ein Eisenfresser, demüthig vor seinem Gebieter und dessen Gleichen, unverschämt gegen jeden Andern. Dazu kamen der arme Bittsteller mit ängstlichem und niedergeschlagenem Blick, – der Beamte, im Gefühl seiner Würde Leute auf die Seite stoßend, die mehr als er, vielleicht seine Wohlthäter waren – der stolze Priester, der eine fettere Pfründe,– der stolze Landherr, der eine Verleihung von Kirchengütern nachsuchte, – der räuberische Häuptling, welcher seine Begnadigung für die seinen Nachbarn zugefügten Unbilden erwirken wollte, – der geplünderte Freisaß, der Rache forderte für das erlittene Unrecht. Dazu die Musterung und Aufstellung von Wachen, der Abgang und die Ankunft von Boten, das Stampfen und Wiehern von Rossen außerhalb des Thores, und innerhalb das Blinken von Waffen, das leichte Rauschen von Federn und das Klirren von Sporen. Kurz, es war jene glänzende, bunte Verwirrung, in welcher das jugendliche Auge den Inbegriff aller Herrlichkeit, der Blick des erfahrenen Mannes hingegen viel Zweifelhaftes, Trügerisches, Falsches, Leeres sieht: Hoffnungen, die nie erfüllt, Versprechungen, die nie gehalten werden sollen, – Stolz im Gewand der Demuth, Uebermuth unter der Larve offener und edelmüthiger Güte.

Ueberdrüssig der gespannten und entzückten Aufmerksamkeit, welche der Jüngling dem ihm so neuen Schauspiel schenkte, bemühte sich Adam Woodcock, ihn vorwärts zu bringen, ehe das Uebermaß seines Staunens die Aufmerksamkeit der scharfsichtigen Hofleute auf sich zöge. In diesem Augenblicke ward er von einem schmucken Diener bemerkt in dunkelgrünem Federbarett und in gleichfarbigem Mantel mit sechsfachem Besatz von Silberborten und violettem, silberbesetztem Saum. Beide brachen gleichzeitig in den Ausruf des Wiedererkennens aus:

»Was? Adam Woodcock bei Hof?« und: »Was? Michel Flieg-im-Wind? – Wie läuft die alte Windhündin jetzt?«

»Mit dem Alter geht's schlechter, wie bei uns auch, Adam. Acht Jahre lang bei diesem Gras – kein doppeltes Paar Beine trägt einen Hund ewig. Aber wir behalten sie der Art wegen und so entgeht sie dem Wassertod. – Aber was steht Ihr da und reißt die Augen auf? Ich versichre Euch, mein gnädiger Herr hat nach Euch verlangt und nach Euch gefragt.«

»Mein gnädiger Herr von Murray hat nach mir gefragt? Der Regent des Königreichs?« erwiderte Adam. »Ich hungere und durste danach, dem guten Herrn meine schuldige Aufwartung zu machen. Ich denke, der gute gnädige Herr erinnert sich noch der Kurzweil auf dem Carnwathmoor und meines Drummelzier Falken, der die Habichte von der Insel Man ausstach und meinem gnädigen Herrn ein hundert Kronen von dem südländischen Freiherrn gewann, den sie Stanley nannten.«

»Nein, ich will dir nicht schmeicheln, Adam,« entgegnete sein Freund vom Hof; »er erinnert sich weder deiner, noch deines Falken. Er hat seitdem manchen höheren Flug gemacht, und hat auch seine Beute getroffen. Aber komm, komm mit dorthin; ich denke, wir sollen noch auf die alte Rechnung gute Kameraden sein.«

»Aha,« sprach Adam, »Ihr meint, ich soll Euch helfen einer Flasche den Hals brechen. Aber erst muß ich meinen Nestling da unterbringen an einem Orte, wo er kein Mädchen zu hetzen und keinen Jungen zu stechen findet.«

»Ist das Bürschchen von der Art?« fragte Michel.

»Ja wohl, bei meiner Kapp', er stößt auf alles Wild,« antwortete Woodcock.

»Dann ist's besser, er geht mit uns,« sprach Michel Flieg-im-Wind. »Ordentlich zechen können wir jetzt nicht; ich will nur den Mund ein wenig anfeuchten, und damit müßt Ihr Euch ebenfalls begnügen. Ich möchte die Neuigkeiten von S. Marien hören, ehe Ihr meinen Herrn sehet, und ich will Euch dagegen sagen, aus welcher Ecke der Wind dort bläst.«

Mit diesen Worten führte er die Ankömmlinge zu einer Seitenthür im Hofe, ging voran durch mehre finstere Gänge mit dem sicheren Schritt eines Kenners der geheimsten Winkel des Schlosses, und brachte sie in ein kleines, mit Matten belegtes Gemach. Hier setzte er seinen Gästen Brod und Käse und eine Flasche schäumenden Bieres vor. Der Falkner that sofort seinem jungen Gefährten Bescheid mit einem tüchtigen Schluck, der beinahe die Flasche leerte. Nachdem er Athem geschöpft und den Schaum aus seinem Schnurrbart geschleudert, bemerkte er, daß seine Angst um den Jungen ihn habe ganz verlechzen lassen.

»Trinkt besser,« sprach der gastfreie Freund, indem er sofort die Flasche aus einem nebenstehenden Krug auffüllte. »Ich kenne den Weg zur Speisekammer. – Jetzt aber merkt auf das, was ich sage. Diesen Morgen ist der Graf von Morton gewaltig erhitzt zu meinem gnädigen Herrn gekommen.«

»Aha! sie hegen also noch die alte Freundschaft?« bemerkte Woodcock.

»Ei was denn?« entgegnete Michael. »Eine Hand wäscht die andere. Aber gewaltig erhitzt war mein gnädiger Herr von Morton, und, die Wahrheit zu sagen, er sieht bei solchen Gelegenheiten ganz unlustig, gleichsam teufelmäßig aus, – und er sagte zu meinem gnädigen Herrn – ich war gerade in dem Zimmer und erhielt Befehle wegen eines Flugs Habichte, die von Darnoway geholt werden sollen, – die nehmen es mit Euren langgeflügelten Falken auf, Freund Adam.«

»Das will ich glauben, wenn ich sie eben so hoch fliegen sehe,« versetzte Adam in Parenthese.

»Also,« fuhr Michel fort, »Herr von Morton ganz erhitzt, fragte meinen gnädigen Herrn Reichsverweser, ob man recht an ihm gehandelt habe, – ›denn mein Bruder,‹ sagt' er, ›sollte Komthur von Kennaquhair werden und alle Stiftsgüter sollten in eine Freiherrschaft für ihn verwandelt werden, und da,‹ sagte er, ›haben die falschen Mönche die Frechheit gehabt, einen neuen Abt zu wählen, dessen Anspruch meinem Bruder in die Quere kommt; und außerdem hat das Gesindel in der Nachbarschaft Alles, was noch in der Abtei übrig war, geplündert und verbrannt, so daß mein Bruder kein Wohnhaus findet, wenn er die faulen Hunde von Pfaffen hinausgehetzt hat.‹ Wie mein gnädiger Herr ihn so im Eifer sah, sprach er sanft zu ihm: ›Das sind böse Zeitungen, Douglas, aber ich hoffe, sie sind nicht wahr, denn Halbert Glendinning ist gestern südwärts gezogen mit einem Fähnlein Spieße, und sicherlich, wenn einer dieser beiden Fälle eingetreten wäre, daß die Mönche sich unterstanden hätten, einen Abt zu wählen, oder daß die Abtei verbrannt worden wäre, wie Ihr sagt, dann würd' er sicherlich auf der Stelle Vorkehrungen getroffen haben zur Bestrafung solcher Vermessenheit und Uns einen Boten gesandt.‹ Und der Graf von Morton antwortete: – jetzt merkt, Adam! ich sage dies aus Liebe zu Euch und zu Eurem Herrn und aus alter Kameradschaft, und weil mir Herr Halbert Gutes gethan hat und noch ferner thun kann, und weil ich den Grafen von Morton nicht leiden kann, (wie er denn überhaupt mehr gefürchtet, als geliebt wird,) also wär' es ein schlechter Streich, mich zu verrathen – ›Aber,‹ antwortete der Graf dem Reichsverweser, ›nehmt Euch in Acht, gnädiger Herr, und traut diesem Glendinning nicht zu sehr; er kommt von Bauernart, die nie den Großen treu ist.‹ – Beim heiligen Andres, das waren seine Worte. – ›Ueberdem,‹ sagt' er, ›hat er einen Bruder zu S. Marien, von dem läßt er sich gängeln, und befreundet sich an der Grenze mit Buccleuch und Fernieherst Diese beiden Grenzerhäuptlinge waren große Freunde der Königin Maria., und wird sich an sie anschließen, wenn Aussichten zu einem Umsturze da sind.‹ Und mein gnädiger Herr antwortete, als ein offener edler Herr, wie er ist: ›Psch! mein gnädiger Herr von Morton, für Glendinnings Treue will ich bürgen; und was seinen Bruder betrifft, der ist ein Träumer, der denkt an Nichts, als an Buch und Brevier. Und wenn Etwas der Art geschehen ist, wie Ihr erzählt, so erwarte ich von Glendinning die Kutte eines gehenkten Mönchs oder den Kopf eines aufrührerischen Bauers gesandt zu erhalten, denn er versteht sich auf scharfe und schnelle Justiz.‹ Und mein gnädiger Herr von Morton verließ den Palast, wie mir schien, etwas unzufrieden. Aber von dieser Stunde an hat mich mein Herr mehr als ein Mal gefragt, ob kein Bote von dem Ritter von Avenel eingetroffen sei. Alles das habe ich Euch erzählt, damit Ihr Eure Rede danach einrichtet. Denn mir scheint, meinem gnädigen Herrn wird es übel gefallen, wenn Etwas der Art, wie mein gnädiger Herr von Morton sagt, geschehen ist, und wenn Euer Herr nicht ernste Vorkehrungen dagegen getroffen hat.«

In dieser Mittheilung lag Etwas, worüber das kühne Antlitz Adams erbleichte trotz der Stärkung, welche ein natürlicher Muth aus dem herrlichen Braunbier von Holyrood geschöpft hatte.

»Was sagte er von einem Bauernkopf, der grimmige Herr von Morton?« fragte er kleinlaut.

»Mein gnädiger Herr, der Reichsverweser,« antwortete Michel, »der war es, welcher sagte, er erwarte, falls die Abtei beschädigt wäre, daß Euer Ritter ihm den Kopf des Rädelsführers des Gesindels einliefern würde.«

»Aber nein!« sprach Adam, »heißt denn das als ein guter Protestant handeln? oder als ein ächter Herr von der evangelischen Einigung? Wir waren doch ihre lieben Kinder, als wir die Klöster in Fife und Perthshire zusammenrissen.«

»Ja,« versetzte Michel, »das war damals, wo die alte Mutter Rom noch in Besitz war, und wo die großen Herren entschlossen waren, ihr nicht zu lassen, wo sie in Schottland ihr Haupt hinlegte. Aber jetzt, wo die Priester an allen Enden davongelaufen, und wo ihre Güter und Häuser unseren Großen gegeben sind, da können sie kein Werk der Reformation darin sehen, daß wir die Paläste eifriger Protestanten zerstören.«

»Aber ich sage Euch, Sanct Marien Stift ist nicht zerstört,« erwiderte Woodcock in steigender Unruhe. »Ein paar lumpige gemalte Fenster sind dort eingeschlagen worden – Dinge, die kein großer Herr in seinem Hause dulden würde, – einige steinerne Heilige hat man auf die Nase fallen lassen, wie den alten Widdrington bei der Chevy-Hatz Schlacht bei Otterburn, 1388.. Aber was Feueranlegen betrifft, da ist nicht eine Lunte bei uns angezündet worden, ausgenommen das Schwefelhölzchen, welches der Drache brauchte, um das Werg in Brand zu setzen, welches er gegen S. Georg auszuspeien hatte. Nein, dagegen hatte ich Vorsorge getroffen.«

»Was? Adam Woodcock,« fragte Michel, »ich hoffe, Ihr werdet doch nicht die Hände in dieser sauberen Geschichte gehabt haben? Seht, Adam, ich möcht' Euch nicht erschrecken, zumal, da Ihr so eben von der Reise kommt. Aber verlaßt Euch darauf, Graf Morton hat Euch eine Jungfer von Halifax heruntergebracht, deren Gleichen Ihr in Eurem Leben nicht gesehen. Die kriegt Euch um den Hals, daß Euer Kopf in ihren Armen bleibt.«

»Psch!« entgegnete Adam, »ich bin zu alt, um mir den Kopf von einem Mädchen verdrehen zu lassen. Ich weiß, mein gnädiger Herr von Morton geht einem schönen Mädchen so weit zu Gefallen, wie nur Einer. Aber wie hat ihn denn der Teufel nach Halifax geführt? Und wenn er dort eine lockere Dirne geholt hat, was hat die mit meinem Kopfe zu thun?«

»Sehr viel!« antwortete Michel. »Herodes Tochter, als sie mit ihren Füßchen so groß Unheil anrichtete, hat den Kopf eines Mannes nicht säuberlicher weggetanzt, als diese Jungfer von Morton Die Jungfer von Morton, eine Art von Guillotine, welche der Reichsverweser Morton (bedeutend später, als oben angedeutet) von Halifax nach Edinburg gebracht hat. Er war der Erste, dessen Kopf unter der Maschine fiel.. Das ist eine Axt, Alter, eine Axt, die von selber herunterfällt, wie ein Schiebfenster, und dem Scharfrichter die Mühe erspart, sie zu heben.«

»Eine schlaue Erfindung, meiner Treue,« sprach Woodcock. »Gott bewahr' uns davor!«

Roland, welcher sah, daß das Gespräch der beiden alten Kameraden kein Ende nehmen wollte, und nach dem, was er so eben gehört, um das Schicksal des Abtes besorgt war, unterbrach ihre Unterredung.

»Ich denke, Woodcock, Ihr thätet besser, Eures Herrn Brief dem Reichsverweser zu übergeben. Ohne Zweifel sind darin die Vorfälle zu Kennaquhair auf die für alle Betheiligten günstigste Weise geschildert.«

»Der Junge hat recht,« bemerkte Michel Flieg-im-Wind, »mein gnädiger Herr wird mit Ungeduld darauf warten.«

»Das Kind ist klug genug, sich warm zu halten,« sprach Adam, aus seiner Falkentasche den Brief seines Herrn an den Grafen von Murray hervorholend; – »und so bin ich auch. Da, Meister Roland, seid so gut und überreicht dies dem Herrn Reichsverweser. Zur Audienz paßt besser ein junger Edelknabe, als ein alter Falkner.«

»Wohl gesprochen, lustiges Yorkshire!« entgegnete Michel. »Und eben warst du doch noch so sehr darauf erpicht, unsern guten Herrn zu sehen. Willst du vielleicht den Jungen in die Schlinge schieben, um dich selber vom Strick loszumachen? Oder meinst du, die Jungfer würde seinen schönen jungen Hals lieber umschlingen, als deine alte gebräunte Gurgel?«

»Geh, geh!« antwortete der Falkner. »Dein Witz fliegt hoch, wenn er nur auch trifft. Ich sage dir, der Junge hat Nichts zu fürchten. Er hat Nichts mit dem Spaße zu thun gehabt; – ein kostbarer Spaß war es, Michel, so schön, wie nur je tolle Kerle einen gespielt haben. Und ich hatte ein eben so kostbares Lied dazu gemacht; – wenn wir nur so glücklich gewesen wären, es aussingen zu können. Aber nichts davon weiter geredet – tace ist, wie ich früher gesagt habe, gut Latein. Bring' den Jüngling zur Audienz, und ich will hier bleiben mit dem Zügel in der Hand, bereit, die Sporen bis an den Radknopf dem Gaule in den Leib zu stoßen, falls der Habicht nach mir fliegen sollte. Ich will bald das Soltra-Ufer zwischen mir und dem Regenten haben, wenn er mit mir ein schlimmes Spiel vorhat.«

»So komm denn, mein Junge,« sprach Michel, »wenn du durchaus vor dem lustigen Yorkshire in den Sprenkel sollst.«

Mit diesen Worten ging er voran durch krumme Gänge, und Roland folgte ihm auf dem Fuße. Endlich gelangten sie zu einer breiten steinernen Wendeltreppe, deren Stufen so lang und breit und zugleich so niedrig waren, daß es ungewöhnlich leicht war, hinaufzugehen. Sie stiegen etwa die Höhe eines Stockwerks hinauf, und dann wandte Michel sich seitwärts und drückte die Thür eines finsteren Vorzimmers auf. Die Dunkelheit war hier so groß, daß Roland stolperte und beinahe gefallen wäre über eine niedrige Stufe, welche ungeschickter Weise auf der Schwelle angebracht war.

»Nehmt Euch in Acht,« sprach Michel Flieg-im-Wind ganz leise, nachdem er sich vorher sorgfältig umgesehen, ob Niemand horchte; »nehmt Euch in Acht, junger Freund. Wer auf diesen Brettern fällt, steht selten wieder auf. Seht Ihr dies hier?« sprach er noch leiser, auf einige dunkelrothe Flecken auf dem Fußboden deutend, welche ein durch eine schmale Oeffnung einfallender Lichtstrahl beleuchtete, – »seht Ihr das, junger Mensch? Geht behutsam, denn hier sind vor Euch Leute gefallen.«

»Was meint Ihr?« fragte der Jüngling, den ein Schauder überlief, ohne daß er eigentlich wußte, warum. »Ist es Blut?«

»Ja wohl!« flüsterte der Diener, den Jüngling am Arm vorwärts ziehend. »Blut ist's, – aber wir haben keine Zeit, danach zu fragen oder auch nur danach zu sehen. Blut ist es, schändlicher und gräßlicher Weise vergossen und schändlich und gräßlich gerächt. Es ist« (hier ward sein Ton noch vorsichtiger) »das Blut von Signor David.«

Roland's Herz bebte, als er sich unerwartet an dem Orte von Rizzio's Ermordung befand, welche selbst in dieser rohen Zeit allgemeines Entsetzen erregt und in jedem Schlosse und in jeder Hütte, folglich auch auf Avenel, mit Staunen und Bedauern vernommen worden war. Ohne ihm Zeit zu weiteren Fragen zu lassen, drängte Michel ihn vorwärts mit einer Hast, in der sich das Geständniß aussprach, daß er sich zuviel mit einem gefährlichen Gegenstande befaßt habe. Auf sein Anklopfen öffnete sich eine niedrige Thür, deren Hüter Michels Mittheilung empfing: es warte auf Gehör bei dem Regenten ein Edelknabe, der Briefe von dem Ritter von Avenel bringe.

»Die Sitzung wird den Augenblick geschlossen sein,« sprach der Thürhüter. »Gebt mir das Päckchen, S. Gnaden, der Regent, wird alsbald den Boten vor sich bescheiden.«

»Das Päckchen,« antwortete Roland, »muß von mir dem Regenten selbst überliefert werden. So lauteten die Befehle meines Herrn.«

Der Thürhüter musterte ihn von Kopf bis zu Fuß, als wäre er erstaunt über seine Verwegenheit, und erwiderte dann etwas gereizt:

»So, junger Herr? du krähst laut für ein junges Huhn und noch dazu von einem ländlichen Miste.«

»Wär' es Zeit und Ort dazu,« versetzte Roland, »so solltest du sehen, daß ich mehr thun kann, als krähen. Thu' deine Schuldigkeit und laß den Reichsverweser wissen, daß ich auf seinen Befehl warte.«

»Du bist ein naseweiser Bube, mir von meiner Schuldigkeit zu reden,« sprach der Hofbeamte. »Aber ich werde Gelegenheit finden, dir zu zeigen, daß du die deinige versäumst. Einstweilen warte da, bis man nach dir verlangt!«

Und damit schlug er dem Boten die Thür vor der Nase zu. Michel Flieg-im-Wind, welcher sich während dieses Wortwechsels von seinem jungen Begleiter fern gehalten hatte, nach dem Grundsatze aller Hofleute aller Zeiten, überschritt jetzt die Klugheitsmaßregel insoweit, daß er sich ihm wieder näherte.

»Ihr seid ein hoffnungsvoller Springinsfeld,« sprach er, »und ich sehe, das alte Yorkshire hatte Recht mit seiner Behutsamkeit. Fünf Minuten seid Ihr am Hofe und habt Eure Zeit so wohl angewendet, daß Ihr Euch den mächtigen Thürhüter des Rathszimmers zum Todfeind gemacht habt. Alter, Ihr hättet fast ebensowohl wagen dürfen, Euch mit dem Unter-Kellermeister zu überwerfen.«

»Einerlei, was er ist!« entgegnete Roland Graeme. »Ich will Jeden, mit welchem ich spreche, lehren, mir höflich antworten. Ich bin nicht von Avenel gekommen, um mich in Holyrood über die Achsel ansehen zu lassen.«

»Bravo, mein Junge!« sprach Michel, »Ihr habt einen hohen Sinn, wenn Ihr ihn nur behaupten könnt. – Seht, die Thür geht auf.«

Der Thürhüter erschien und sagte in höflicherem Tone, daß Seine Gnaden, der Regent, die Botschaft des Ritters von Avenel vernehmen wolle. Eingeführt von ihm trat Roland in das Gemach, aus welchem so eben der Reichsrath nach Beendigung seiner Sitzung entlassen worden war. In dem Zimmer stand ein langer eichener Tisch, umgeben von eichenen Stühlen ohne Lehnen und von einem großen, mit karmesinrothem Sammet überzogenen Armstuhl am oberen Ende. Schreibzeug und Papier lagen auf dem Tische scheinbar unordentlich durcheinander. Einige der Geheimen Räthe, welche zurückgeblieben waren, nahmen eben ihre Degen, Mäntel und Mützen, empfahlen sich dem Reichsverweser und entfernten sich durch eine große Thür, derjenigen gegenüber, durch welche Roland eingetreten war. Es schien, der Graf von Murray habe einen Witz gemacht, denn die lächelnden Mienen der Staatsmänner drückten die wohlgefällige Aufnahme aus, welche der herablassende Scherz eines Fürsten bei Hofleuten findet. Der Regent selber lachte herzlich, indem er sagte:

»Lebt wohl, meine Herren, und empfehlt mich dem Hahne aus dem Norden.«

Nach diesen Worten wandte er sich um gegen Roland, und die Spuren wirklicher oder angenommener Heiterkeit verschwanden von seinem Gesichte, wie die vorübergehenden Bläschen auf dem dunkeln Spiegel eines stillen, tiefen Sees, in welchen ein Reisender einen Stein geworfen hat. In einer Minute hatten seine edlen Züge ihren natürlichen Ausdruck tiefen und selbst schwermüthigen Ernstes wieder angenommen.

Dieser ausgezeichnete Staatsmann – als solchen erkannten ihn seine bittersten Feinde an – besaß sowohl die volle äußerliche Würde, wie fast alle edlen Eigenschaften, welche der hohen Stellung entsprachen, in welcher er sich befand. Hätte er als rechtmäßiger Erbe den Thron bestiegen, so würde er wahrscheinlich als einer der weisesten und größten Könige Schottlands in der Geschichte dastehen. Aber daß er seine Macht nur der Absetzung und Einkerkerung seiner Schwester und Wohlthäterin verdankte, das war ein Verbrechen, welches nur Diejenigen entschuldigen können, welche glauben, Ehrgeiz rechtfertige Undankbarkeit.

Er war einfach gekleidet in schwarzen Sammet, nach flämischem Schnitte; der einzige Schmuck, den er trug, war eine Spange mit Juwelen, mit welcher die Krempe seines hohen Hutes auf einer Seite aufgeschlagen war. Seinen Dolch hatte er an der Seite, sein Degen lag auf dem Tische.

Vor diesen Mann nun trat der Jüngling mit banger Ehrfurcht, ganz im Widerspruch mit seiner gewöhnlichen Unverzagtheit und Lebhaftigkeit. Von Natur und durch seine Erziehung war Roland keck, aber nicht unverschämt; er beugte sich leichter vor der moralischen Ueberlegenheit eines hochbegabten und berühmten Mannes, als vor Ansprüchen, die bloß auf Rang und äußeren Glanz gegründet waren. Er würde vielleicht sehr gleichgültig vor einen Grafen getreten sein, den bloß ein Wehrgehenk und seine Krone auszeichnete, aber vor dem ausgezeichneten Krieger und Staatsmann, der die Macht eines ganzen Volkes in seiner Hand zu vereinigen wußte, vor dem Führer der Heere Schottlands beugte sich sein Stolz.

Die Größesten und Weisesten fühlen sich geschmeichelt durch bescheidene Anerkennung der Jugend, welcher ein solches Verhalten so wohl ansteht. Murray nahm mit vieler Höflichkeit dem verschämten und erröthenden Edelknaben den Brief aus der Hand und antwortete freundlich auf den gestotterten Gruß, welchen derselbe von Herrn Halbert Glendinning ausrichtete. Er verschob es sogar einen Augenblick, den Seidenfaden zu zerreißen, mit welchem der Brief verschlossen war, und fragte den Jüngling, dessen Schönheit ihm auffiel, nach seinem Namen.

»Roland Graham?« wiederholte er auf die zögernde Antwort des Gefragten. »Von den Grahams aus dem Stamme Lennox?«

»Nein, gnädiger Herr,« antwortete Roland. »Meine Eltern haben in dem Streitigen Lande gewohnt.«

Murray fragte nicht weiter, sondern begann den Brief zu lesen. Während dieses Geschäftes verfinsterte sich seine Stirn, als erführe er etwas eben so Unerwartetes als Mißfälliges. Er ließ sich auf dem nächsten Sitze nieder, runzelte die Stirn, bis seine Brauen fast aneinander stießen, las den Brief noch einmal und blieb einige Minuten in Nachdenken versunken. Endlich blickte er auf, und sein Auge begegnete dem des Thürhüters, welcher sich vergebens bemühte, den Blick spähender Neugier plötzlich in den unbefangener Gleichgültigkeit zu verwandeln – jenen Blick, der sieht, aber Nichts zu bemerken scheint, wie er Jedem zu empfehlen ist, welcher sich in einem Augenblicke bei seinem Vorgesetzten befindet, wo dessen Gefühle und Gedanken sich unwillkürlich verrathen. Große Männer sind eben so eifersüchtig auf ihre Gedanken, wie die Gemahlin des Königs Kandaules auf ihre Reize, und sind geneigt, Diejenigen zu strafen, welche sie, wenn auch unwillkürlich, in geistiger Entblößung gesehen haben.

»Verlaßt das Gemach, Hyndman!« herrschte der Regent ihm zu, »und richtet Eure Beobachtung anderswohin. Ihr seid zu schlau für Euren Posten, welcher Leuten von geringeren Fähigkeiten gebührt. – So! jetzt seht Ihr alberner aus, als vorher« – (man kann sich denken, wie Hyndman durch die Zurechtweisung aus der Fassung gebracht war). »Bewahret diesen Starrblick, und er wird Euch vielleicht Euer Amt bewahren. Fort!«

Der Thürhüter entfernte sich, wie vom Donner gerührt, und vergaß nicht, unter den andern Gründen seines Widerwillens gegen Roland Graeme auch den aufzumerken, daß derselbe Zeuge dieses seines Schimpfes gewesen. Nachdem er das Gemach verlassen hatte, redete der Regent den Jüngling an:

»Euer Name ist Armstrong, sagt Ihr?«

»Nein,« antwortete Roland, »mein Name ist Graeme – Roland Graeme, dessen Vorfahren den Namen von Heathergill führten im Streitigen Lande.«

»Richtig, ich wußte doch, daß es ein Name aus dem Streitigen Lande war. Hast du Bekannte in Edinburg?«

»Gnädiger Herr,« antwortete Roland, bemüht, diese Frage zu umgehen (denn es fiel ihm sogleich ein, die Klugheit gebiete, von Seyton Nichts zu erwähnen), »ich bin kaum eine Stunde in Edinburg, und zwar zum ersten Mal in meinem Leben.«

»Was? und bist Herrn Halbert Glendinnings Edelknabe?«

»Ich bin als Edelknabe meiner gnädigen Frau erzogen worden,« antwortete der Jüngling, »und habe Schloß Avenel zum ersten Mal seit meiner Kindheit verlassen – erst vor drei Tagen.«

»Meiner gnädigen Frau Edelknabe!« wiederholte der Graf für sich. »Sonderbar, daß er den Edelknaben seiner Frau in einer so wichtigen Angelegenheit sendet. – Morton wird sagen: das stimmt zu der Ernennung seines Bruders zum Abt. Aber am Ende paßt doch ein unerfahrner Jüngling am besten dazu. – Was hast du Gutes gelernt?«

»Jagen und Baizen, gnädiger Herr!« antwortete Roland.

»Kaninchen jagen und Amseln baizen?« fragte der Reichsverweser lächelnd. »Denn das ist das Waidwerk von Frauen und ihren Dienern.«

Tief erröthend und mit einigem Nachdruck erwiderte Roland:

»Ausgewachsenes Hochwild, gnädiger Herr, und Reiger vom höchsten Flug, ein Wild, was vielleicht in der Sprache von Lothian mit den Namen Kaninchen und Amseln bezeichnet wird. Desgleichen versteh' ich auch ein Schwert zu schwingen und eine Lanze einzusetzen, wie man die Dinge bei uns an der Grenze nennt, welche im Binnenlande vielleicht als Schilf und Binsen bezeichnet werden.«

»Deine Rede klingt wie Metall,« sprach der Regent, »und ich verzeihe die Schärfe um der Wahrheit willen. – Also weißt du, was zum Dienst eines Reisigen gehört?«

»Soweit Uebung ohne wirklichen Felddienstes lehren kann,« antwortete Roland. »Unser Ritter gestattete Niemandem in seinem Haushalt, auf die Streife zu reiten, und ich habe nie das Glück gehabt, eine Schlacht zu sehen.«

»Das Glück!« wiederholte der Regent mit einem Lächeln des Kummers. »Sei versichert, junger Mensch, Krieg ist das einzige Spiel, von welchem beide Theile als die Verlierenden aufstehen.«

»Nicht immer, gnädiger Herr,« entgegnete Roland mit der ihm eigenen Kühnheit, »dafern das Gerücht wahr spricht.«

»Wie, junger Herr?« sprach der Regent, seinerseits erröthend und vielleicht eine unkluge Anspielung auf sein Emporsteigen im Bürgerkriege argwöhnend.

»Gnädiger Herr,« fuhr Roland in unverändertem Tone fort, »ich meine, wer wacker kämpft, gewinnt nothwendig Ruhm im Leben oder Ehre im Tod; folglich ist der Krieg ein Spiel, von welchem Niemand als der Verlierende aufstehen kann.«

Der Reichsverweser lächelte und schüttelte den Kopf. In demselben Augenblicke ging die Thür auf, und es erschien der Graf von Morton.

»Ich komme in Eile,« sprach er, »und unangemeldet, weil ich wichtige Neuigkeiten habe. – Es ist, wie ich sagte. Edward Glendinning ist zum Abt ernannt, und« – –

»Still, gnädiger Herr!« entgegnete der Regent. »Ich weiß es, aber« – –

»Ihr wußtet es vielleicht vor mir, gnädiger Herr von Murray,« fiel Morton ein, indem eine dunkelrothe Stirn noch dunkler und röther wurde.

»Morton,« entgegnete Murray, »beargwohnt mich nicht, – rührt nicht an meine Ehre. Ich habe genug von Verleumdungen von Feinden zu leiden, laßt mich nicht auch gegen den ungerechten Verdacht meiner Freunde zu kämpfen haben. – Wir sind nicht allein,« fügte er hinzu, »sonst könnt' ich Euch mehr erzählen.«

Mit diesen Worten führte er den Grafen in eine der Fenstervertiefungen, in welcher sie unbehorcht ihr Gespräch fortsetzen konnten. Roland bemerkte, daß die Unterredung lebhaft war, daß Murray ernsthaft und dringend in seinen Vorstellungen zu sein schien, Morton aber mit eifersüchtiger und beleidigter Miene zuhörte, welche sich allmählig bei den Zusicherungen des Regenten aufheiterte.

Als sie sich immer mehr in ihr Gespräch vertieften, wurden sie lauter, indem sie wahrscheinlich die Anwesenheit des Edelknaben vergaßen, der so stand, daß sie ihn nicht sehen konnten. Roland vernahm auf diese Weise mehr von ihrer Unterredung, als er Lust hatte zu hören. Denn niedrige Neugier nach den Geheimnissen Anderer, wie man sie vielleicht bei einem naseweisen Edelknaben vermuthen konnte, war nie Rolands Fehler gewesen, und bei all seiner Unbesonnenheit konnte es ihm nicht entgehen, daß es gefährlich sei, Zeuge der geheimen Unterredung dieser gefürchteten und mächtigen Männer zu werden. Indeß, er konnte weder seine Ohren verstopfen, noch schicklicher Weise das Zimmer verlassen, und bis er sich auf ein Mittel besann, seine Anwesenheit bemerklich zu machen, hatte er bereits so viel von dem Gespräche gehört, daß sein plötzliches Vortreten als Unschicklichkeit erscheinen und vielleicht eben so gefährlich werden konnte, wie das ruhige Abwarten. Was er hörte, war nur ein Bruchstück, aus welchem ein mit den Zeitverhältnissen bekannter Politiker allerdings den Sinn des Ganzen hätte errathen können, welches aber den unerfahrenen Jüngling nur auf unbestimmte Vermuthungen führte.

»Alles ist bereit,« sprach Murray, »Lindesay reist ab. Sie darf nicht länger zögern. Ihr seht, ich handle nach Eurem Rath, und verhärte mich gegen mildere Rücksichten.«

»Allerdings, gnädiger Herr,« versetzte Morton, »wenn es gilt, Macht zu erlangen, dann zaudert Ihr nicht und geht kühn auf Euer Ziel los. Aber seid Ihr auch eben so sorgsam, das Gewonnene zu vertheidigen und zu erhalten? – Wozu dies Wesen von Dienern um sie herum? Hat Eure Schwester nicht Knechte und Mägde genug, um sie zu bedienen, daß Ihr auch noch dies überflüssige und gefährliche Gefolge verstattet?«

»Schämt Euch, Morton! Einer Fürstin, meiner Schwester – kann ich ihr die gebührende Bedienung verwehren?«

»Ja,« versetzte Morton, »so fliegen alle Eure Pfeile, – geschickt abgeschnellt und nicht übel gezielt; – aber ein Hauch närrischer Zärtlichkeit kommt immer in die Quere und lenkt den Bolzen vom Ziele ab.«

»Sagt das nicht, Morton!« erwiderte Murray. »Ich habe gewagt und gewirkt« – –

»Ja,« unterbrach der Graf, »genug, um zu gewinnen, aber nicht genug, um zu erhalten. Zählt nicht darauf, daß sie so denken und handeln wird. Ihr habt ihren Stolz tief verletzt und sie an ihrer Macht angegriffen; ein Pflaster auf die Wunde ist für Nichts. Die Sachen stehen so, daß Ihr den Namen eines liebevollen Bruders verwirken müßt, um den eines kühnen und entschlossenen Staatsmannes zu behaupten.«

»Morton!« rief Murray ungeduldig, »ich kann diese Vorwürfe nicht vertragen. Was ich gethan habe, hab' ich gethan, was ich ferner thun muß, das will und werd' ich thun. Aber ich bin nicht von Eisen, wie Ihr. Ich kann nicht vergessen – – Genug hiervon. Mein Vorsatz steht fest.«

»Und ich wette,« sprach Morton, »die Auswahl dieser häuslichen Tröstungen bleibt« – –

Hier flüsterte er Namen, welche Roland nicht hören konnte. Murray antwortete eben so leise, steigerte aber gegen Ende des Satzes seine Stimme, so daß Roland hörte:

»Seiner halt' ich mich durch Glendinnings Empfehlung versichert.«

»Und diese verdient vielleicht ebensoviel Vertrauen, wie sein Benehmen in der Abtei S. Marien. Ihr habt doch gehört, daß seines Bruders Erwählung stattgefunden hat. Euer Günstling, Herr Halbert, hat ebensoviel brüderliche Liebe, wie Ihr, gnädiger Herr.«

»Bei Gott, Morton, dieser Vorwurf verdiente eine unfreundliche Antwort. Allein ich verzeihe ihn, denn Euer Bruder ist hier ebenfalls betheiligt. Uebrigens, diese Wahl wird umgestoßen. Ich sag' Euch, Graf von Morton: so lange ich das Reichsschwert führe in meines königlichen Neffen Namen, soll weder Herr noch Ritter in Schottland meine Macht bestreiten, und wenn ich Hohn von meinen Freunden erdulde, so ist es lediglich, weil ich sie als Solche kenne und ihnen ihre Thorheiten um ihrer Treue willen verzeihe.«

Morton schien eine Entschuldigung zu murmeln, und der Regent erwiderte darauf in einem milderen Tone und schloß mit den Worten:

»Uebrigens hab' ich ein anderes Pfand, außer Glendinnings Empfehlungen, für die Treue dieses jungen Menschen. Seine nächste Verwandte hat sich als Bürgschaft für ihn in meine Hände gegeben.«

»Das läßt sich hören,« erwiderte Morton; »aber als ehrlicher Freund muß ich Euch immerhin bitten, auf Eurer Hut zu sein. Die Feinde regen sich wieder, gleichwie Bremsen und Hornisse wieder herumschwärmen, sobald der Sturm vorüber ist. Georg von Seyton ging diesen Morgen mit zwanzig Mann hinter sich über die Straße, und hatte eine Balgerei mit meinen Freunden vom Hause Leslie. Sie stießen an der Wage auf einander und fochten hitzig, bis der Vogt mit seiner Schaarwache als dritter Mann erschien und sie mit den Hellebarden auseinander stieß, wie man Hunde und Bären auseinander bringt.«

»Er hat von mir Befehl zu solchem Einschreiten,« bemerkte der Reichsverweser. »Ist Jemand verwundet worden?«

»Georg von Seyton selber vom schwarzen Rudolf Leslie – der Teufel hol' das Rappier, daß es ihn nicht durch und durch gestoßen hat! Rudolf hat einen Denkzettel davon getragen durch einen Hieb von einem Edelknaben, den Niemand kannte. Richard Seyton von Windygowl hat einen Stich durch den Arm, und zweien von den Leslies ist umsonst zur Ader gelassen worden. Das ist all' das edle Blut, welches bei dem Lärm vergossen worden ist. Ein Paar Knechten auf beiden Seiten sind die Knochen zerschlagen oder die Ohren herunter gehauen worden. Die Hausknechtsweiber, welche vermuthlich die einzigen Verlierenden sind, wenn die Kerls verunglücken, haben sie von der Straße geschleift und heulen einen besoffenen Todtengesang über sie.«

»Ihr nehmt das Ding leicht, Douglas,« bemerkte der Regent. »Diese Raufereien und Fehden würden der Hauptstadt des Großtürken Schande machen, geschweige der eines christlichen und reformierten Staates. Aber, wenn ich am Leben bleibe, soll dies Wesen abgestellt werden, und wer meine Geschichte liest, soll sagen, daß, wenn mein grausames Schicksal war, durch Entthronung meiner Schwester emporzusteigen, ich die gewonnene Macht benutzt habe zum Besten des Gemeinwesens.«

»Und Eurer Freunde,« fügte Morton hinzu. »Und so verlasse ich mich darauf, daß Ihr augenblicklich Befehl geben werdet, die Abtswahl dieses Tagdiebs Edward Glendinning zu vernichten.«

»Euer Verlangen soll augenblicklich erfüllt werden,« sprach der Reichsverweser, trat vor und rief: »Heda! Hyndman!« In diesem Augenblicke fiel ein Blick auf Roland Graeme. »Meiner, Treue, Douglas,« sprach er, sich um wendend, »hier sind Drei zu Rathe gewesen.«

»Und nur Zwei können einen Rath bewahren,« erwiderte Morton, »der Bursch muß bei Seite geschafft werden.«

»Pfui, Morton! ein Waisenkind? – Hör' mein Kind, du hast mir einige deiner Fertigkeiten genannt. Kannst du die Wahrheit sprechen?«

»O ja, gnädiger Herr, wenn es mir dienlich ist,« antwortete Roland.

»Es soll dir hier dienlich, und Unwahrhaftigkeit soll dein Verderben sein. Wie viel hast du gehört oder verstanden von dem, was wir hier zusammen gesprochen haben?«

»Nur wenig, gnädiger Herr,« antwortete Roland unerschrocken, »was meiner Fassungskraft angemessen war. Ich meine, ich hätte einen Zweifel aussprechen hören an der Treue des Ritters von Avenel, unter dessen Dach ich erzogen worden hin.«

»Und was hast du darauf zu entgegnen, junger Mensch?« fragte der Regent weiter, ihn scharf in's Auge fassend.

»Das hängt von dem Stande Derjenigen ab, welche gegen die Ehre des Mannes sprechen, dessen Brod ich lange gegessen habe,« antwortete Roland. »Stehen dieselben unter mir, so sag' ich: ›Ihr lügt‹ – und behaupte meine Rede mit dem Stocke. Stehen sie mir gleich, so sag' ich desgleichen und bin zum Kampfe mit dem Schwerte bereit. Stehen sie über mir« – Hier hielt er inne.

»Sprich frei heraus!« sagte der Reichsverweser. »Also wenn Höhere Etwas sagten, das der Ehre deines Herrn zu nahe träte?«

»Dann würd' ich sagen,« antwortete Graeme, »daß es übel gethan sei, dem Abwesenden Böses nachzusagen, und daß mein Herr ein Mann ist, der Jedem Rechenschaft von seinen Handlungen zu geben vermag, der sie ihm offen und mannhaft abverlangt.«

»Und das wäre mannhaft gesprochen,« versetzte der Regent. »Was meint Ihr dazu, Herr von Morton?«

»Ich meine,« antwortete Morton, »wenn das Bürschchen einem alten Freunde von uns eben so sehr in Verschlagenheit, wie im Gesichte gleicht, so möchte ein großer Unterschied sein zwischen dem, was er spricht, und dem, was er denkt.«

»Und wem meint Ihr, daß er so sehr gliche?« fragte Murray.

»Ei, dem treuen und zuverlässigen Julian Avenel,« antwortete Morton.

»Aber der Junge ist aus dem Streitigen Lande,« entgegnete Murray.

»Das mag sein. Aber Julian war ein Wildschütz, der sich einen weiten Gang nicht verdrießen ließ, wenn er einer schönen Ricke auf der Fährte war.«

»Tolles Zeug!« versetzte der Reichsverweser. – »He! Hyndman! Neugier!« rief er dem Thürhüter zu, welcher sofort eintrat, »führe diesen jungen Menschen zu seinem Gefährten. – Ihr beide,« sprach er zu Graeme, »werdet euch bereit halten, auf den ersten Wink aufzusitzen.« – Damit winkte er ihm höflich, sich zu entfernen, und endigte die Zusammenkunft.

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