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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Siebzehntes Kapitel.

Edina! Perl' in Schottlands Kron',
    Gruß deinen Thürmen und Palästen!
Wo unter seines Königs Thron
    Der Reichstag saß dem Land zum Besten.

Burns.

Also das ist Edinburg?« fragte der Jüngling, als die Reisenden eine der Höhen im Süden erreichten, welche einen Ueberblick über die nordische Hauptstadt gewähren. »Das ist das Edinburg, von welchem wir so viel gehört haben?«

»Das ist's, dort das alte Rauchloch, wie man's nennt; denn Ihr seht auf fünf Meilen weit den Rauch über ihm schweben, wie ein Stockaar über einer Brut junger Enten kreist. Ja, dort ist das Herz von Schottland, und jeder Schlag desselben wird gefühlt vom Rand des Solway bis zur Spitze der Duncansbai. Seht, dort ist das alte Schloß, und seht, rechts auf jener Anhöhe, das ist das Schloß Craigmillar – das war zu meiner Zeit ein lustiger Platz.«

»War es nicht dort,« fragte Roland leise, »wo die Königin Hof hielt?«

»Ja wohl,« antwortete der Falkner. »Damals war sie Königin, aber jetzt dürfen wir sie nicht mehr so nennen. – Je nun! – sie mögen sagen, was sie wollen, – manch treues Herz wird trauern um Maria Stewart, wenn auch Alles wahr ist, was man ihr nachsagt. Denn seht, Meister Roland, sie war das lieblichste Geschöpf, das ich je mit meinen Augen gesehen habe, und keine Frau im Lande hatte mehr Gefallen am schönen Flug eines Falken. Ich war bei dem großen Wettflug auf dem Roßlin-Moor zwischen Bothwell – ein Unglück, daß sie je diesen Bothwell gesehen hat! – und zwischen dem Freiherrn von Roßlin, der den Flug eines Habichts so gut beurtheilen konnte, wie nur irgend ein Mann in Schottland. Ein Faß Rheinwein und ein goldner Ring waren eingesetzt, und der Flug wurde so schön gemacht, wie nur je einer für rothes Gold und goldnen Wein. – Da sie zu sehen auf ihrem weißen Zelter, der dahinflog, als verschmähte er, mehr zu berühren, als die Blüthen des Haidekrautes, und ihre Stimme zu hören, welche, klar und lieblich wie Drosselschlag, sich in unser lustiges Rufen und Pfeifen mischte, und alle die großen Herren zu bemerken, die um sie herumsprengten – glücklich der, so ein Wort oder einen Blick erhaschte – über Moor und Gruben, Arm und Bein wagend, um den Ruhm eines guten Reiters zu gewinnen und das Lächeln des strahlenden Auges einer schönen Königin! – ach, sie wird wenig Falkenjagd zu sehen bekommen, da wo sie jetzt liegt. Pracht und Lust eilen vorüber, wie der Flügelschlag eines Habichts.«

»Wo ist denn diese arme Königin jetzt eingeschlossen?« fragte Roland Graeme, Theilnahme empfindend für eine Frau, deren Schönheit und Anmuth selbst auf den ungebildeten und gleichgültigen Adam Woodcock einen solchen Eindruck gemacht hatte.

»Wo sie eingesperrt ist?« entgegnete der ehrliche Adam. »Hm, in einem Schloß im Norden, sagt man; – ich meines Theils weiß nichts weiter. Was soll man sich den Kopf zerbrechen um Dinge, die sich nicht ändern lassen. Hätte sie von ihrer Gewalt einen guten Gebrauch gemacht, so lange sie dieselbe hatte, dann wäre sie nicht in eine so schlimme Lage gekommen. Man sagt, sie muß ihre Krone dem kleinen Kinde von Königssohn abtreten, denn man will sie ihr nicht länger anvertrauen. Unser Herr ist bei dieser Sache so geschäftig gewesen, wie seine Nachbarn. Sollte die Königin je wieder in Besitz kommen, dann würde vermuthlich Schloß Avenel dafür brennen müssen, es wäre denn, daß er ein ganz feines Spiel spielte.«

»In einem Schloß im Norden ist die Königin Maria in Haft?« fragte Roland.

»Ja – wenigstens heißt es so. In einem Schloß jenseits des großen Flusses, der dort herabkommt, und der wie ein Fluß aussieht, in der That aber ein Arm der See ist und bitter wie Salzlake.«

»Und unter allen ihren Unterthanen,« fragte der Jüngling bewegt, »ist keiner, der Etwas zu ihrer Befreiung wagen will?«

»Das ist eine kitzliche Frage,« antwortete der Falkner, »und wenn Ihr sie oft stellt, Meister Roland, dann muß ich Euch sagen, man wird Euch selber in eins dieser Schlösser einthun, wenn man es nicht vorzieht, Euch den Kopf abzureißen, um sich fernere Mühe mit Euch zu ersparen. – Etwas wagen? – Hm! Murray hat den Wind im Rücken und fliegt so hoch und stark, daß der Teufel es ihm gleichthun mag. – Nein, nein; dort ist sie und dort muß sie liegen, bis der Himmel ihr Erlösung endet, oder bis ihr Sohn an's Ruder kommt. Aber Murray wird sie nie wieder loslassen, er kennt sie zu gut. – Merkt, wir gehen jetzt nach Holyrood, da findet Ihr Neuigkeiten die Menge und Hofleute die sie erzählen. Aber nehmt meinen Rath an und seufzt ruhig, wie die Schotten sagen. Hört Jedermanns Meinung und behaltet die Eurige für Euch. Und wenn Ihr eine angenehme Nachricht hört, so springt nicht gleich auf, als wolltet Ihr Euch ohne Weiteres für die Sache in Harnisch werfen. Unser alter Meister Wingate – der kennt das Hofvieh recht gut – der sagt: Wenn man Euch erzählt: der alte König Kübel ist wieder lebendig geworden, – so müßt Ihr erwidern: Wirklich? das ist das Erste, was ich höre, – und müßt es so ruhig hinnehmen, als ob es Euch Jemand als etwas Neues sagte, der alte König Kübel sei todt und begraben. Drum seid behutsam in Eurem Benehmen, Meister Roland; denn verlaßt Euch darauf, Ihr kommt unter eine Art, die hat Augen wie ein hungriger Habicht. Und laßt Euren Dolch nicht aus der Scheide fahren um jedes krummen Wortes willen, welches Ihr sprechen hört; denn Ihr werdet so hitzige Degen finden, wie Ihr selber seid, und dann gibts Aderlaß ohne den Rath von Arzt oder Kalender.«

»Ihr sollt sehen, wie gesetzt ich sein werde, und wie behutsam,« versicherte Roland. »Aber, heilige Jungfrau, was ist das für ein schönes Haus, das ganz in Trümmern liegt so nahe bei der Stadt? Hat man hier den Abt von Unsinn gespielt und den Spaß mit Verbrennung der Kirche geendigt?«

»Da sieh!« antwortete Adam, »schon wieder fliegt Ihr in's Blaue hinein, wie ein wilder Falk, der weder auf Lockung noch Wink achtet. Das ist eine Frage, die Ihr so leise hättet thun sollen, wie ich sie beantworten werde.«

»Wenn ich lange hier bleibe, werd' ich wahrscheinlich den Gebrauch meiner Stimme verlieren,« versetzte Roland. »Aber was sind das für Trümmer da?«

»Die Kirch' im Felde,« antwortete der Falkner mit einem leisen, ausdrucksvollen Flüstern und den Finger auf den Mund legend. »Fragt nicht weiter darnach. Jemandem ist ein schlechter Streich gespielt worden, und Jemand hat die Schande davon gehabt. Dort ist ein Spiel angegangen, das vielleicht in unseren Tagen nicht ausgespielt wird. – Der arme Heinrich Darnley! So eselhaft er war, verstand er doch Etwas von einem Falken. Aber in einer schönen Mondnacht haben sie ihn selber auffliegen lassen.«

Die Erinnerung an diese Schauergeschichte war noch so frisch, daß Roland seine Augen mit Entsetzen von den Trümmern abwandte, in welchen sie vorgefallen war, und die Anschuldigungen gegen die Königin, welche sie veranlaßt hatte, traten ihm in solcher Stärke vor die Seele, daß sie ein Gegengewicht bildeten gegen das Mitleid, welches er für ihre hülflose Lage zu empfinden angefangen hatte. In der Aufregung, welche theilweise im Entsetzen, mehr aber in lebhafter Neugier ihren Grund hatte, ritt Roland über den Schauplatz jener furchtbaren Ereignisse, deren Kunde bis in die entferntesten, einsamsten Gegenden Schottlands gedrungen war, wie der Widerhall eines fernen Donners im Gebirge.

»Jetzt,« dachte er, »jetzt oder nie werd' ich ein Mann werden und mitwirken bei jenen Thaten, welche die einfältigen Bewohner unserer Weiler sich einander wieder erzählen, als wären sie von höheren Wesen verrichtet. Ich will jetzt erfahren, warum der Ritter von Avenel seinen Helmbusch so viel höher trägt, als die in der benachbarten Freiherrschaft, und wie Leute durch Muth und Weisheit ihren Weg von dem grauen Bauerrocke zum Gold- und Scharlachmantel finden. Man sagt, ich habe nicht viele Weisheit, um mich damit zu empfehlen. Wenn dem so ist, so muß es die Herzhaftigkeit thun. Denn ein Mann will ich sein unter den Lebendigen oder eine Leiche unter den Todten.«

Von diesen Träumen des Ehrgeizes wandte er seine Gedanken auf das Vergnügen, und stellte mancherlei Vermuthungen an, wann und wo er Katharine Seyton sehen und in welcher Weise er die Bekanntschaft mit ihr erneuern sollte. Seine Einbildungskraft war mit diesen Vermuthungen beschäftigt, als er bemerkte, daß sie in die Stadt eingeritten waren, und alle andern Gefühle machten dem schwindelnden Staunen Platz, welches einen Landbewohner ergreift, wenn er sich zum ersten Male in den Straßen einer großen und volkreichen Stadt befindet, als Einer unter Tausenden.

Die Hauptstraße Edinburgs war damals, wie noch jetzt, eine der breitesten in Europa. Die außerordentliche Höhe der Häuser, die Manchfaltigkeit der gothischen Giebel und Zinnen und Austritte, welche sich zu beiden Seiten am Himmelsblau abzeichneten, dabei die Breite der Straße an sich konnte auch wohl die Bewunderung eines mehr bewanderten Beschauers erregen, als Roland Graeme war. Die in den Mauern der Stadt zusammengedrängte Bevölkerung, damals noch vermehrt durch die vielen Herren von der Partei des Königs, welche gekommen waren, dem Regenten Murray ihre Aufwartung zu machen, schwärmte wie Bienen auf der schönen Straße. Statt der Ladenfenster, in welchen jetzt die Waaren zur Schau gelegt werden, hatten die Handelsleute ihre offenen, in die Straße hinausgehenden Buden, in welchen ihr ganzer Waarenvorrath vor Augen lag, wie in den neueren Bazars. Und obwohl die Waaren nicht gerade von der köstlichsten Art waren, glaubte Graeme doch die Reichthümer der ganzen Welt zu erblicken in einigen Ballen flämischer Tücher und in den ausgehängten Tapetenmustern. An andern Orten hatte er Hausgeräthe und Silbergeschirr zu bewundern. Noch mehr zogen ihn die Messerschmiedsbuden an mit Schwertern und Dolchen von schottischer Arbeit, und mit Vertheidigungswaffenstücken, die aus Flandern eingeführt wurden. Bei jedem Schritte fand er so viel zu bewundern und zu betrachten, daß Adam Woodcock nicht wenig Mühe hatte, ihn zwischen all' diesen Wunderwerken vorwärts zu bringen.

Die Personen nicht minder als die Sachen waren der Betrachtung werth. Hier ging eine reich geputzte Frau in ihrem seidnen Schleier, vor ihr ein Kammerherr, der ihr Platz machte, hinter ihr ein Edelknabe, der ihre Schleppe und eine Kammerfrau, welche ihre Bibel trug, und daran erkennen ließ, daß der Weg der Herrschaft nach der Kirche ging. Dort sah man in gleicher Richtung eine Gruppe Bürger gehen mit kurzen flämischen Mänteln, weiten Pumphosen, Wämsern mit hohen Kragen und Federbaretten, – eine Tracht, welcher die Schotten lange treu blieben. Dann kam der Geistliche selber in seinem schwarzen Genfer Mantel und seinem Kragen, mit Ernst und Aufmerksamkeit dem Gespräche verschiedener ihn begleitender Personen zuhörend, welches sich ohne Zweifel auf den Gegenstand bezog, den er im Begriff war auf der Kanzel abzuhandeln. Aber nicht bloß solche fromme Gestalten ließen sich sehen. Vielmehr erblickte Roland, fast so oft er an eine Ecke kam, einen feinen Herrn, der in der neuen französischen Modetracht einherstolzierte mit geschlitztem Wamse, die Nestel von gleicher Farbe wie das Futter, an der Linken einen langen Degen, an der Rechten einen Dolch, hinter ihm eine Anzahl handfester Knechte, bewaffnet mit Schwertern und kleinen, runden Schilden, an welchen ein Stachel die Stelle des Buckels vertrat.

Zwei solche Truppe von Bewaffneten, jeder mit einem angesehenen Manne an der Spitze, begegneten sich in der Mitte der Straße, oder wie es damals hieß: auf der Krone des Dammwegs. Dies war ein Ehrenplatz, der in Schottland mit eben so viel Hartnäckigkeit in Anspruch genommen wurde, wie in England der Weg dicht an den Häusern. Die beiden Anführer schienen von gleichem Range und durch politische oder Privat-Feindschaft gegen einander gereizt zu sein. Sie gingen vorwärts, ohne einen Zoll links oder rechts auszuweichen, bis sie dicht vor einander standen. Einen Augenblick standen sie still, dann zogen sie die Degen. Ihr beiderseitiges Gefolge ahmte ihr Beispiel nach, so daß in einem Augenblicke etwa zwanzig Schwerter in der Sonne blitzten und aneinander und auf den Schilden klirrten. Die Dienerschaft auf beiden Seiten rief den Namen ihrer Herrschaft; die einen schrieen: »Helft! Hie Leslie! Hie Leslie!« die Andern: »Seyton! Seyton!« mit dem Beisatz: »Setzt an! Setzt an! Schlagt die Kerls zu Boden!« Hatte der Falkner vorher eine Noth gehabt, seinen jungen Gefährten vorwärts zu bringen, so war es ihm jetzt unmöglich. Roland hielt sein Pferd an, klatschte vor Lust in die Hände und schrie so laut, wie irgend einer der Streitenden.

Der Lärm auf der Hochstraße zog einige andere Truppen von Edelleuten mit ihrer Dienerschaft und einzelne Vorübergehende herbei, welche, so wie sie von einem Kampfe zwischen jenen beiden vornehmen Männern hörten, für den einen oder den andern Partei nahmen.

Das Gefecht ward hitzig, und obwohl die Knechte mit den Schilden und Schwertern mehr Geklirr machten, als einander Schaden zufügten, so theilten doch die mit Rappieren – einer gefährlicheren Waffe, als das gewöhnliche schottische Schwert – versehenen Männer gefährliche Wunden aus. Zwei waren schon niedergestreckt. Die Partei Seytons, weniger zahlreich, als die andere, mit welcher sich etliche Bürger vereinigt hatten, begann zu weichen. Roland Graeme sah ihren Führer, der sich tapfer wehrte, von der Uebermacht hart bedrängt und konnte sich nicht länger halten.

»Adam Woodcock!« rief er, »wenn Ihr ein Mann seid, so zieht vom Leder und laßt uns den Seytons beispringen!«

Ohne eine Antwort abzuwarten oder auf den Falkner zu hören, der ihn dringend bat, sich nicht in einen Streit zu mischen, der ihn nichts anginge, sprang der feurige Jüngling vom Pferde, zog sein kurzes Schwert, drängte sich unter dem Ruf: »Seyton! Seyton! Setzt an!« in den Haufen ein und streckte einen von denen nieder, welche einem Mann am härtesten zusetzten. Diese plötzliche Verstärkung ermuthigte die schwächere Partei, so daß sie wieder Boden gewann. Jetzt aber erschienen vier städtische Beamte, kenntlich an ihren Sammtmänteln und goldenen Ketten, mit einer Bedeckung von Hellebardieren und von Bürgern mit Spießen, warfen sich zwischen die Streitenden und nöthigten sie, von einander abzulassen. Die feindseligen Parteien entfernten sich nach verschiedenen Richtungen und ließen einige Schwerverwundete auf dem Platze.

Der Falkner, der vor Verdruß über seines Gefährten Unbesonnenheit sich den Bart zerrauft hatte, ritt jetzt mit dem ledigen Pferde, welches er am Zügel hielt, zu ihm heran, und begrüßte ihn mit:

»Meister Roland! Meister Gelbschnabel! Meister Hasenfuß! Wollt Ihr so gut sein, aufzusitzen und Euch fortzumachen? oder wollt Ihr hier bleiben und Euch ins Gefängniß führen lassen um dieser sauberen Arbeit willen?«

Roland, welcher die Seytons auf ihrem Rückzug begleiten wollte, als gehörte er zu ihnen, wurde durch diese unzierliche Anrede zu der Einsicht gebracht, daß er eine alberne Rolle spielte. Einigermaßen beschämt, gehorchte er dem Falkner, schwang sich rasch auf ein Pferd, ritt einen der Beamten um, welcher ihn anhalten wollte, und sprengte mit seinem Gefährten die Straße hinab, so daß er bald außer dem Bereich des Haufens war, der ihm mit Geschrei nachlief.

Raufereien, wie die beschriebene, waren damals in Edinburg so häufig, daß man selten viel darauf achtete, wenn sie vorüber waren, falls nicht etwa ein bedeutender Mann gefallen war, dessen Tod seinen Freunden die Pflicht auflegte, bei der ersten Gelegenheit Rache zu nehmen. Der Arm der Polizei war so schwach, daß solche Gefechte oft Stunden lang dauerten, wenn die Parteien zahlreich und sich gleich waren. Seit Kurzem jedoch hatte der Regent, ein durchgreifender Mann, in Betracht des aus solchen Gewaltthätigkeiten entspringenden Unheils, die städtischen Behörden bewogen, eine Schaarwache auf den Beinen zu halten, um solchen Raufereien zuvorzukommen, oder die Kämpfer auseinander zu treiben.

Der Falkner und sein junger Begleiter ritten jetzt die Stiftsstraße hinunter und ließen ihre Pferde langsamer gehen, da sie keine Verfolger bemerkten. Roland ließ den Kopf hängen, wie im Bewußtsein, daß er keine sehr kluge Rolle gespielt habe, als sein Gefährte ihn folgender Maßen anredete:

»Wollt Ihr so gut sein, Meister Roland, und mir Eins sagen, nämlich, ob Ihr einen Teufel in Euch habt, oder nicht?«

»Ich hoffe zu Gott, nein, Meister Adam Woodcock,« antwortete Roland.

»Nun so möcht' ich denn wissen,« fragte Adam weiter, »welcher andere Antrieb oder Einfluß Euch immer in blutige Händel verwickelt. Was um's Himmels willen habt Ihr mit den Seytons oder Leslies zu schaffen, deren Namen ihr in Eurem Leben vorher nicht gehört habt?«

»Da seid Ihr irre, lieber Freund,« antwortete der Jüngling. »Ich habe meine Gründe, für die Seytons zu sein.«

»Das müssen sehr geheime Gründe sein,« versetzte der Falkner; »denn ich hätte darauf wetten mögen, daß Ihr nie Einen dieses Namens gekannt hättet, und ich möchte immer noch glauben, daß Eure heillose Liebhaberei am Klirren mit kaltem Eisen, welches auf Euch dieselbe Zaubergewalt übt, wie das Klappern einer kupfernen Pfanne auf einen Bienenschwarm, mehr als Bekümmerniß um Seyton oder Leslie Euch bewogen hat, Eure Nase in einen Handel zu stecken, der Euch schlechterdings Nichts anging. Aber laßt es Euch gesagt sein, wenn Ihr mit Jedem das Schwert ziehen wollt, der hier auf der Hochstraße das Schwert zieht, dann könnt Ihr Euch für Euer ganzes Leben die Mühe sparen, Eure Klinge wieder einzustecken; denn ich dächte, Euer Leben würde dann nicht viele Stunden währen. Das Alles gebe ich Eurer ernstlichen Erwägung anheim.«

»Auf mein Wort, Adam, ich ehre Euren Rath, und ich verspreche, ihn so treulich zu befolgen, als wär' ich Euer geschworner Lehrling in der geheimnißvollen Kunst, mit Weisheit und Sicherheit auf meiner neuen Laufbahn zu wandeln.«

»Daran werdet Ihr wohl thun,« sprach der Falkner. »Ich will Euch nicht tadeln, daß Ihr einen Grad Hitze zu viel habt, weil ich weiß, ein wilder Falke läßt sich ziehen, aber eine Henne vom Miste nicht. Von zwei Fehlern habt Ihr den besseren. Aber außer Eurem besonders regen Sinn für Raufen und für das Herausreißen des an Eurer Seite hängenden Begleiters habt Ihr auch die vortreffliche Eigenschaft, den Weibsen unter die Schleier zu gucken, als wolltet Ihr eine alte Bekanntschaft herausfinden. Wiewohl ich sollte mich sehr wundern, wenn Ihr eine erspäh'tet, da ich weiß, wie wenig von diesem Federwild Ihr gesehen habt, – eben so sehr, wie mich Eure große Theilnahme an dem Seyton eben gewundert hat.«

»Ruhig, Alter! das ist eitel Narrheit,« versetzte Roland. »Ich wollte nur sehen, was für Augen diese Edelfalken unter ihren Hauben haben.«

»Das ist ein gefährlicher Gegenstand der Untersuchung,« bemerkte der Falkner. »Lieber möchtet Ihr Eure entblößte Faust einem Adler hinhalten, daß er sich darauf setzte. – Seht, Meister Roland, diese hübschen wilden Gänschen lassen sich nicht ohne Gefahr beizen. Sie verstehen das Tauchen, Hervorschießen und Flattern wie das munterte Wild, auf das nur je ein Falke losgegangen ist. Ueberdies ist jedes Weib mit einem Gatten oder lieben Freund, oder Bruder oder Vetter, oder wenigstens mit ihrem geschwornen Knecht versehen. – Aber Ihr hört nicht auf mich, Meister Roland, obgleich ich ein so guter Kenner des Wildbrets bin,– Ihr seid ganz Auge für jene hübsche Jungfer, die vor uns die Straße hinuntertrippelt. Wahrlich, ich möchte darauf wetten, sie ist eine herrliche Tänzerin im Reigen und beim Hopser. Ein Paar silberne Mohrenschellen müßten diesen hübschen Knöcheln so wohl anstehen, wie die Wurffesseln dem schönsten norweger Habicht.«

»Du bist nicht klug, Adam,« versetzte Roland, »ich gebe keinen Knopf auf das Mädchen, noch auf ihre Knöchel. – Zum Teufel! Man muß doch Etwas ansehen!«

»Ganz recht, Meister Roland Graeme,« sprach der Führer; »nur möcht' ich Euch bitten, Eure Gegenstände besser zu wählen. Seht, da geht kaum irgend ein Weib in seidenem oder Perlen-Schleier über die Gasse, welche nicht, wie ich vorhin sagte, entweder ihren Kammerherrn vor sich, oder ihren Verwandten, Liebhaber oder Gemahl neben sich, oder ein Paar handfeste Kerle mit Schild und Schwert dicht hinter sich hat. – Aber Ihr achtet so wenig auf meine Worte, wie ein Stockaar auf einen Goldammer.«

»O, allerdings acht' ich auf Eure Rede,« sprach Roland, »aber haltet mir meinen Klepper ein Bischen, ich komme wieder so geschwind, als man auf einen Pfiff antwortet.«

Mit diesen Worten warf Roland zum größten Erstaunen Adams, dem der Schluß seiner Rede auf der Zunge erstarb, ihm den Zügel seines Kleppers zu, sprang herab und lief in einen Eingang unter einem Bogen, eben dem Mädchen nach, welches, wie sein Freund ihn beschuldigte, so sehr seine Aufmerksamkeit gefesselt hatte.

»Heilige Maria! Heilige Magdalene! Heiliger Benedict! Heiliger Barnabas!« rief der arme Falkner, als er sich so plötzlich genöthigt sah, mitten in der Stiftsstraße Halt zu machen, und seinen Pflegbefohlenen wie verrückt einer Jungfer nachrennen sah, die er – meinte Adam – in seinem Leben nicht gesehen. »Sanct Satan! Sanct Beelzebub! Da möchte man doch bei Heiligen und Teufeln fluchen. Was die schwere Noth ist dem Jungen in den Kopf gekommen? Und was soll ich derweile machen? Sie schneiden dem armen Jungen den Hals ab, so gewiß, als ich am Fuß der Rosenberger Höhe geboren bin. Wenn ich nur Jemand fände, der die Pferde hielte. Aber hier im Norden sind sie so fein, wie in unserem lustigen Yorkshire, da heißt's: Laß den Zügel los, bist den Gaul los – wie wir sagen. Wenn ich jetzt nur Einen von unseren Leuten sähe. Ein Eichenbusch wäre jetzt eine goldne Quaste werth. Oder einen von den Leuten des Regenten. – Aber die Pferde einem Fremden anvertrauen – das kann ich nicht – und vom Platze weichen, während der Junge in Gefahr ist, das mag ich nicht.«

Wir müssen den Falkner in seiner Noth verlassen und dem hitzigen Jüngling folgen, der seine Verlegenheit verursacht hatte.

Der letzte Theil von Woodcocks Vorlesung war, wie dieser bemerkt hatte, größtentheils für Roland verloren gegangen, weil Roland in einer der weiblichen Gestalten, welche in Schleiern von gestreifter Seide, wie noch heutzutage die Brüsseler Frauen tragen, über die Straße gingen, eine Aehnlichkeit mit der wohlgewachsenen und lebhaften Katharine Seyton zu erkennen glaubte. Während der Falkner ihm weise Lehren in die Ohren predigte, folgte sein Auge unverwandt dem anziehenden Gegenstand. Die Jungfer bog endlich in einen der gewölbten Eingänge ein, welche von den weiter zurückstehenden Häusern auf die Stiftsstraße führten. Unter diesem Eingang mit einem von zwei großen steinernen Füchsen gehaltenen Wappenschild, hob die junge Dame den Schleier auf, wahrscheinlich, um zu sehen, wer der Reiter sei, der ihr so scharf nachgespäht, und Roland erblickte in dem Schatten der seidenen Hülle genug von den blauen Augen, den schönen Locken und dem blühenden Gesicht, um wie ein unerfahrener Tollkopf, dessen Eigenwille nie Widerstand gefunden hatte und selten vernünftiger Ueberlegung unterworfen worden war, dem Falkner die Zügel zuzuwerfen und ihn den aufwartenden Herrn spielen zu lassen, während er auf dem gepflasterten Hofe Katharinen nachrannte.

Nach dem Sprüchwort geht nichts über Weiberlist. Katharinens List aber wußte kein besseres Rettungsmittel, als tüchtig zuzulaufen und ihre Wohnung zu erreichen, ohne daß Roland ihr bis dahin mit den Augen folgen konnte. Allein einem Jünglinge von achtzehn Jahren, der hinter einem Mädchen her ist, thut man es nicht leicht in der Schnelligkeit zuvor. Katharine floh über einen gepflasterten Hof, geschmückt mit großen steinernen Vasen, aus welchen Eiben, Cypressen und andere immergrüne Gewächse emporragten, die in ihrer unfreundlichen Düsterheit wohl zu dem hohen, schwerfälligen Gebäude hinter ihnen paßten. Der Hof bildete ein Viereck, rings von schwarzen Mauern mit Fenstern in fünf Reihen über einander umgeben. Ueber allen Fenstern befanden sich schwere Architrave mit heraldischen und religiösen Sinnbildern.

Durch diesen Hof flog Katharine Seyton gleich einer gehetzten Hindin mit aller Anstrengung der hübschen Beine, welche selbst das Lob des nachdenklichen und behutsamen Adam Woodcock erworben hatten. Sie eilte einer großen Thür mitten im Hintergrund des Hofes zu, zog an dem Knauf, bis die Klinke aufging, und verschwand in dem alten Gebäude. Aber war sie gleich einer Hindin geflohen, so war ihr Roland gleich einem jungen Hirschhunde gefolgt, der zum ersten Mal auf seine Beute losgelassen wird. Er verlor sie nicht aus den Augen; wie denn bei solchen Wettläufen der männliche Theil, welcher sehen will, einen großen Vortheil vor dem weiblichen voraus hat, welcher nicht gesehen werden will, so daß ein großer Vorsprung dem letzteren wenig hilft. Roland sah am Eingang ihren Schleier fliegen, hörte ihre Fußtritte, so leicht sie auch waren, auf dem Pflaster des Hofes und erblickte ihre ganze Gestalt, als sie in die Thüre eintrat.

Roland, unbedachtsam und seinem Kopf folgend, wie wir ihn geschildert haben, mit dem Leben nicht weiter bekannt, als aus den Romanen, die er gelesen, ließ es sich nicht einfallen, inne zu halten, wo er ein ersehntes Ziel vor sich hatte. Herzhaft und zuversichtlich näherte er sich der Thüre, durch welche der Gegenstand seiner Neugier entschlüpft war. Ihrem Beispiele folgend zog er den Knauf an, die schwere Klinke ging auf, und er trat ein mit derselben Hast, mit welcher er seinen Begleiter verlassen hatte. Er befand sich in einem geräumigen düsteren Vorsaal, in welchen ein schwaches Licht durch vergitterte Fenster von gemaltem Glas einfiel aus dem Hofe, den wegen der Höhe der ihn umschließenden Gebäude selten ein Sonnenstrahl beleuchtete. Die Wände des Saales waren mit alten verrosteten Harnischen behängt, und zwischen diesen Rüstungen erblickte man große, steinerne Wappenschilder, mit geblümten doppelten Einfassungen, ausgehauene Waizengarben, Freiherrnkronen u. s. w. – Dinge, welchen Roland Graeme nicht einen Augenblick. Aufmerksamkeit schenkte.

Seine Blicke suchten lediglich die Gestalt Katharinens, die, in dem Vorsaal sich sicher wähnend, sich in einen großen, eichenen Sessel geworfen hatte, um Athem zu schöpfen. Das Geräusch, mit welchem Roland eintrat, störte sie aus ihrer augenblicklichen Ruhe auf. Sie fuhr mit einem schwachen Schrei des Erstaunens empor, und entfloh durch eine der Flügelthüren, welche von verschiedenen Seiten aus diesem Vorsaale in andere Gemächer führten. Diese Thüre, welcher Roland sich sofort näherte, bildete den Eingang zu einer großen, hellen Gallerie, an deren oberem Ende er verschiedene Stimmen und Fußtritte hörte, welche sich der Vorhalle näherten. Die Vorstellung von ernstlicher Gefahr brachte ihn zur Besinnung, und er ging mit sich zu Rathe, ob er bleiben, oder sich zurückziehen sollte. In diesem Augenblicke trat Katharine durch eine Seitenthüre wieder ein, lief mit derselben Hast auf ihn zu, mit welcher sie vor einigen Augenblicken vor ihm geflohen war, und sprach:

»Welcher Unstern führt Euch hierher? Flieht, flieht! oder Ihr seid des Todes – oder halt! – sie kommen – Flucht ist unmöglich – sagt, Ihr seid gekommen, Euch nach dem Freiherrn von Seyton zu erkundigen.«

Schnell verschwand sie wieder durch die Seitenthüre und in demselben Augenblick fuhren zwei Thürflügel an dem oberen Ende der Gallerie auf, und sechs oder sieben junge Edelleute in reicher Tracht, größtentheils mit gezogenen Schwertern, drangen in den Vorsaal ein.

»Wer ist der, so es wagt, in unsere Wohnung einzudringen?« fragte Einer.

»Haut ihn in Stücke!« rief ein Anderer. »Laßt ihn büßen für seine Frechheit. Er ist ein Diener der Rothes.«

»Nein, bei Sanct Marien!« sprach ein Anderer, »er ist ein Diener des Erzteufels und geadelten Bauers Halbert Glendinning, der sich Herrn von Avenel nennt, einst ein Hintersaß, jetzt ein Plünderer der Kirche.«

»So ist's,« sprach ein Vierter. »Ich kenne ihn an dem Eichenbusche. Besetzt die Thüre; er soll Rede stehn für seine Frechheit.«

Zwei der jungen Herrn zogen rasch vom Leder und stellten sich an die Thüre, durch welche Roland in den Saal eingetreten war, die Uebrigen rückten ihm auf den Leib. Roland hatte so viel Verstand, um einzusehen, daß jeder Versuch zum Widerstand nutzlos sein würde. Mehrere Stimmen auf einmal, von denen keine freundlich klang, fragten ihn: wer er sei? woher er komme? wie er heiße? was er hier zu thun? wer ihn geschickt habe? Diese vielen Fragen auf einmal rechtfertigten für den Augenblick sein Stillschweigen, und ehe er Veranlassung fand, dasselbe zu brechen, trat eine Person in das Gemach ein, bei deren Erscheinen Die, welche den jungen Roland so grimmig umstanden, ehrerbietig zurückwichen.

Es war ein hochgewachsener Mann, dessen dunkles Haar bereits mit Grau untermischt war, obwohl in seinem Auge und in seinen stolzen Zügen sich noch die volle Lebenskraft der Jugend ausdrückte. Am Oberleib war er entkleidet bis auf das feine holländische Hemd, dessen weite Falten mit Blut befleckt waren, und über welches er einen karmesinrothen kostbaren Pelzmantel geworfen hatte. Auf dem Kopfe trug er eine karmesinrothe Sammetmütze, auf der einen Seite mit einem seinen goldnen Kettchen aufgeschlagen, welches dreimal um die Mütze herumging und mit einem Schaustück befestigt war, – ein bei den Großen damaliger Zeit gewöhnlicher Schmuck.

»Wen habt ihr hier, Söhne und Vettern, daß ihr euch so unfreundlich um ihn herumdrängt?« fragte er. »Wißt ihr nicht, daß dies Dach Jedem eine ehrliche Behandlung zusichern sollte, der hierher kommt in ehrlichem Frieden oder in offener, mannhafter Feindseligkeit?«

»Aber, gnädiger Herr,« erwiderte einer der jungen Leute, »das ist ein schlechter Gesell, der als verrätherischer Spion kommt!«

»Ich weise diesen Vorwurf zurück,« sprach Roland zuversichtlich. »Ich bin gekommen, mich nach dem Freiherrn von Seyton zu erkundigen.«

»Das klingt sehr glaubwürdig in dem Munde eines Dieners von Glendinning,« versetzten die Ankläger.

»Haltet inne, Leutchen,« sprach Herr von Seyton, – denn er war der Mann in dem blutigen Hemd – »laßt mich diesen Jüngling betrachten. Bei Gott, es ist derselbe, welcher vor wenigen Minuten so kühn an meine Seite trat, während einige meiner schlechten Bursche mehr Rücksicht auf ihre werthe Person nahmen, als auf die meinige! Laßt ab von ihm. Er verdient Ehre und freundliches Willkommen von Euch, statt dieser rauhen Behandlung.«

Gehorsam diesem Gebote traten Alle zurück, und Seyton ergriff Roland's Hand und dankte ihm für seinen bereitwilligen und tapfern Beistand.

»Ohne Zweifel,« fügte er hinzu, »hat dieselbe Theilnahme, welche Ihr in dem Kampf bewiesen habt, Euch hierhergeführt, um wegen meiner Verwundung nachzufragen.«

Roland antwortete mit einer tiefen Verbeugung.

»Oder,« fragte der Freiherr, »kann ich Euch vielleicht einen Dienst erweisen zum Dank für Euren tapferen Beistand?«

Roland hielt es für's Beste, bei der Erklärung stehen zu bleiben, welche der Freiherr selber ihm für seinen Besuch an die Hand gegeben hatte, und erwiderte: »Die einzige Ursache, warum ich mich hier eingedrängt habe, war der Wunsch, Gewißheit zu erhalten, ob der gnädige Herr außer Gefahr sei, denn ich glaubte bemerkt zu haben, daß Ew. Gnaden eine Verletzung empfangen hatten.«

»Eine Kleinigkeit,« sprach der Freiherr. »Ich hatte bloß mein Wams ausgezogen, damit der Wundarzt einen Verband auf den unbedeutenden Ritz legen möchte, als diese unbesonnenen Jungen uns mit ihrem Geschrei störten.«

Roland machte eine tiefe Verbeugung, um sich zu beurlauben; denn nachdem er der Besorgniß entledigt war, als Spion behandelt zu werden, fing er an zu fürchten, sein Begleiter Adam, den er so ohne Umstände verlassen hatte, möchte ihn in weitere Ungelegenheit bringen, entweder dadurch, daß er in das Haus einträte, um nach ihm zu fragen, oder dadurch, daß er fortritte. Allein der Freiherr ließ ihn nicht so ohne Weiteres gehen.

»Wartet, junger Mann,« sprach er, »und laßt mich Euren Stand und Namen erfahren. Seyton ist seit einiger Zeit mehr gewohnt, Freunde und Diener von sich ab fallen zu sehen, als Hülfe von Fremden zu empfangen. Doch die Zeiten können sich ändern, so daß er in Stand gesetzt wird, die, so ihm wohl wollen, zu belohnen.«

»Mein Name ist Roland Graeme, gnädiger Herr,« antwortete der Jüngling. »Ich bin Edelknabe, für den Augenblick im Dienst von Herrn Halbert Glendinning.«

»Das hab' ich ja gleich von Anfang an gesagt,« fiel einer der jungen Leute ein. »Ich verwette mein Leben, das ist ein Pfeil aus des Ketzers Köcher, eine Kriegslist von Anfang bis zu Ende, um seinem Spion Euer Vertrauen zuzuspielen. Sie verstehen es, Weiber und Knaben als Zuträger abzurichten.«

»Das ist falsch, wenn es in Beziehung auf mich gesprochen ist,« versetzte Roland. »Kein Mensch in Schottland könnte mich dazu bringen, eine so schmutzige Rolle zu spielen.«

»Ich glaube dir, Knabe,« sprach Herr Seyton, »denn deine Hiebe waren zu ernstlich, als daß sie im Einverständniß mit den Empfängern hätten geführt sein können. Sei jedoch versichert, daß ich keineswegs erwarte, von Jemand aus deines Herrn Haushalt Hülfe in der Noth zu erhalten, und ich möchte wissen, was dich bewog, mir mit Gefahr deines Lebens beizuspringen.«

»Erlauben Ew. Gnaden,« antwortete Roland, »ich denke, mein Herr selber würde nicht ruhig zugesehen haben, wie ein achtbarer Mann durch die Uebermacht zu Boden geworfen wird, wenn ein Arm ihm hätte helfen können. Solche Lehre des Ritterthums ist uns wenigstens auf Schloß Avenel eingeprägt worden.«

»Der gute Saame ist auf einen guten Boden gefallen,« sprach Seyton; »aber ach! junger Mensch, wenn du solch' ehrlichen Krieg in diesen ehrlosen Tagen führen willst, wo überall das Recht durch die Gewalt unterdrückt wird, dann, armer Junge! wird dein Leben nur kurz sein.«

»Mag es kurz sein, wenn es nur ehrenreich ist,« entgegnete Roland. »Erlaubt mir nun, gnädiger Herr, mich Eurer Gnade zu empfehlen und mich zu entfernen. Ein Gefährte wartet mit meinem Pferde auf der Straße.«

»Nimm wenigstens dies, junger Mann,« sprach Herr Seyton, die Kette von seiner Mütze losmachend, »und trag es um meinetwillen.«

Mit nicht geringem Stolze nahm Roland das Geschenk an, welches er schnell um seine Mütze schlang. Nochmals verbeugte er sich vor dem Freiherrn, verließ den Vorsaal, durchschritt den Hof und erschien auf der Straße in dem Augenblicke, wo Adam Woodcock, ungeduldig über sein Ausbleiben, eben die Pferde wollte stehen lassen und ihn aufsuchen.

»In wessen Scheuer bist du zuletzt eingebrochen?« rief er, indem ihm bei seinem Anblicke ein Stein vom Herzen fiel, obwohl er Rolanden am Gesicht ansah, daß er einen sehr aufregenden Auftritt gehabt hatte.

»Frag' mich Nichts!« rief Roland, lustig auf sein Pferd springend. »Sieh', wie kurze Zeit dazu gehört, eine goldne Kette zu gewinnen,« sprach er, auf seine Mütze deutend.

»Nun, da sei Gott vor, daß du sie gestohlen oder geraubt hat,« sprach der Falkner; »und wie du auf andere Weise dazu gekommen sein solltest, kann ich nicht begreifen. Ich bin oft hier gewesen, oft ganze Monate lang, aber kein Mensch hat mir je eine Kette, oder ein Schaustück gegeben.«

»Du siehst, ich habe Beides nach kürzerer Bekanntschaft mit der Stadt gewonnen,« antwortete der Jüngling. »Aber beruhige dein ehrliches Herz. Das, was rechtschaffen gewonnen und freiwillig gegeben ist, kann weder geraubt, noch gestohlen heißen.«

»Ei, so häng' dich mit deiner Fanfarona So nannte man die goldnen Ketten, welche die Kriegsmänner jener Zeit trugen. Das Wort ist spanisch; denn die Sitte, solche kostbare Zierden zu tragen, herrschte zuerst bei den Eroberern der neuen Welt. um den Hals!« sprach der Falkner. »Wasser kann dich nicht ersäufen, Hanf nicht erdrosseln. Als Edelknabe meiner gnädigen Frau wirst du fortgeschickt, und als Edelknecht meines gnädigen Herrn kommst du wieder. Dafür, daß du einem Edelfräulein in ein großes Haus nachläuft, erhältst du eine Kette sammt Schaustück, wo ein Anderer den Stock auf den Buckel, wenn nicht gar den Dolch in die Rippen gekriegt haben würde. – Da sind wir vor der alten Abtei. Nehmt Euer gutes Glück mit Euch, wenn Ihr über dies Pflaster geht, und Ihr werdet es zu Etwas bringen.«

Mit diesen Worten hielten sie die Pferde an vor dem hohen gewölbten Eingang der Abtei oder des Palastes Holyrood, welcher den Endpunkt der von ihnen durchrittenen Gasse bildete. Der düstere Thorweg führte in einen Hof, wo man eine unregelmäßige Steinmasse mönchischer Gebäude vor sich hatte. Ein Flügel des Baues steht noch und bildet einen Theil des zu Karls I. Zeit im neueren Geschmack erbauten Palastes. Am Thor übergaben Adam und Roland ihre Pferde dem bereitstehenden Knecht, welchem der Falkner im hohen Ton gebot, sie wohlbehalten in den Stall zu bringen, bemerkend:

»Wir sind Leute des Ritters von Avenel.«

Rolanden flüsterte er zu:

»Wir müssen uns hier geltend machen als das, was wir sind, denn Jeder wird hier für den angesehen, als den er sich zu zeigen weiß. Wer zu bescheiden ist, muß auf die Seite, wie das Sprichwort sagt. Drum, Alter, die Mütze aufs Ohr und frisch zugestiegen.«

So eine wichtige Miene annehmend, wie sie seiner Meinung nach dem Range und der Bedeutsamkeit eines Herrn entsprach, führte Adam Woodcock seinen Begleiter in den Hof des Palastes Holyrood.

 

Anmerkung zum Kapitel:

Georg, der fünfte Freiherr Seyton, war der Königin Maria unwandelbar treu unter allen Wechseln ihres Schicksals. Er war der Obersthofmeister, und in dieser Eigenschaft ließ er sich malen mit seinem Amtsstab und der Unterschrift:

In adversitate patiens,
In prosperitate benevolus.
Hazard yet forward,

d. h. In Noth geduldig, im Glücke gütig. Frisch vorwärts in Gefahr.
An verschiedenen Stellen seines Schlosses ließ er als sein religiöses und politisches Glaubensbekenntniß anschreiben:

Un Dieu, Un Foy, Un Roy, Un Loy.

Er schlug die Erhebung in den Grafenstand aus, welche Königin Maria ihm zu derselben Zeit anbot, wo sie ihren natürlichen Bruder zum Grafen von Mar (späterhin Grafen von Murray) beförderte. Bei dieser Gelegenheit schrieb Maria oder ließ schreiben folgende lateinische und französische Zeilen:

Sunt comites ducesque alii, sunt denique reges,
Sethoni dominum sit satis esse mihi.
Il y a des comptes, des roys, des ducs, ainsi
C'est assez pour moy d'estre Seigneur de Seton.

Was sich übersetzen läßt:

Graf, Herzog, König mögen Andere sein;
Freiherr von Seton sei der Name mein.

Dies erinnert an den »Stolz, der Demuth nachgeäfft« im Wahlspruch der Coucy:

Je suis ni roy, ni prince aussi;
Je suis le Seigneur de Coucy.

Zu Deutsch:

Ich bin nicht Fürst noch König. Sieh,
Ich bin der Freiherr von Coucy.

Nach der Schlacht bei Langside sah Lord Seton sich veranlaßt, im Ausland Zuflucht zu suchen, und lebte zwei Jahre in der Verbannung. Während dieser Zeit sah er sich genöthigt, zur Fristung seines Lebens in Flandern Fuhrmann zu werden. Unter der Regierung Jakobs VI. kam er wieder in Gunst und erhielt sein Erbgut wieder. Nach dieser Verbesserung seiner Lage ließ er sich am nördlichen Ende seiner schönen Galerie als Fuhrmann mit einem vierspännigen Wagen abmalen. Er scheint ein Kunstfreund gewesen zu sein, denn es ist auch ein schönes Familienbild von ihm vorhanden, welches ihn im Kreis der Seinen darstellt. Dies Bild befindet sich auf dem Lustschloß von Lord Somerville, eines Verwandten der Familie Seton, bei Melrose. Pinkerton hat es in Kupfer stechen lassen.

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