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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Kupferstich

Catharina Seyton

Einleitung.

Aus dem in der Einleitung zum Kloster Gesagten ist zu entnehmen, daß der Verfasser diesen Roman so ziemlich als mißrathen betrachtete. Zwar haben die Buchhändler nicht über schlechten Absatz geklagt, da die Beliebtheit eines Schriftstellers durch ein einzelnes Werk weder gewonnen noch verloren wird. Fluth und Ebbe wollen Zeit haben. Allein ich verhehlte mir nicht, daß in meinem Verhältniß – nicht vorwärts kommen beinahe so viel war, wie zurückgehen, und da ich natürlich den Grund der Abnahme nicht in mir suchen wollte, so wollte ich wenigstens klar darüber werden, ob die Verringerung des Beifalls, den ich gefunden, ihren Grund in schlechter Behandlung oder in übler Wahl des Gegenstandes hatte.

Ich gestehe, ich habe mit zu denjenigen gehört, welche das Gehirn eines Schriftstellers wie eine Milch betrachten, die sich nur ein Mal abrahmen lasse, und welche jungen Schriftstellern ewig das alte Lied vorsingen: Seid haushälterisch mit euren Kräften und wahrt euren Ruf, damit ihr nicht zur Alltäglichkeit herabsinket. Ich habe nie sehr nach dem Namen eines geschätzten Schriftstellers gegeizt, weil ich weniger als Andere auf literarischen Ruf gehalten habe, oder wenigstens auf denjenigen Beifall, der mir zu Theil geworden war. Denn wäre es auch schlimmer als Ziererei, zu leugnen, daß meine Eitelkeit befriedigt worden sei durch das Glück, welches ich mit Arbeiten in dem durch Zufall mir angewiesenen Fach gemacht habe, so bin ich doch stets weit davon entfernt gewesen, den Novellisten oder Romanschreiber für eine wichtige Person in der Gelehrtenrepublik zu halten. Doch ich will mir den Vorwurf ersparen, daß ich den Leser mit meiner werthen Person langweile, zumal da ich meine Meinung über diesen Gegenstand vollständig in dem Briefe ausgesprochen habe, welcher die Einleitung zu Nigels Schicksalen bildet. Denn wenn derselbe auch unter einem erdichteten Namen geschrieben ist, so ist er doch so ernst gemeint, als wäre er abgefaßt »ohne meinen Mantel und Kragen.«

Genug, als ich glaubte, mit dem Kloster kein Glück gemacht zu haben, empfand ich Lust, zu versuchen, ob ich nicht meinen sogenannten Ruf – auf die Gefahr hin, ihn ganz zu verlieren – durch ein neues Wagniß wiederherstellen könnte. Ich sah mich in meiner Bibliothek um, und es drang sich mir die Bemerkung auf, daß von Chaucer bis auf Byron die beliebtesten Schriftsteller die fruchtbarsten gewesen waren. Selbst der Aristarch Johnson hat zugegeben, daß die Eigenschaft der Federfertigkeit und Fruchtbarkeit an sich einen Werth habe, abgesehen von dem Gehalt. Ich glaube, es ist Churchill, welcher in seinen vorurtheilsvollen Augen wenig Werth hat, dem er aber das Verdienst der Vielschreiberei zugesteht, etwa in folgenden Ausdrücken: »Holzapfelbäume können eben nur Holzäpfel tragen, doch verdient derjenige den Vorzug, welcher eine große Menge der, wenn gleich nicht werthvollen, Frucht trägt, vor demjenigen, welcher nur wenige bringt.«

Bei aufmerksamer Betrachtung der Patriarchen der Literatur, deren Laufbahn eben so lang als glänzend war, habe ich zu bemerken geglaubt, daß bei dem langen Gebrauch ihrer Kräfte zuweilen wohl auch Mißlungenes zum Vorschein kam, daß aber solche Fehlgeburten den Lieblingen ihrer Zeitgenossen Nichts schadeten. Neue Werke von ihnen brachten die Fehler der früheren in Vergessenheit; sie waren mit der Literatur ihres Landes verwachsen, und nachdem sie sich lange von den Kritikern hatten Gesetze vorschreiben lassen müssen, waren sie dahin gekommen, dergleichen selber vorzuschreiben. Wenn ein solcher Schriftsteller endlich von der Lebensbühne abtrat, da fühlte das Publikum erst recht, wie sehr er seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hatte. Ich erinnerte mich einer Stelle in Grimms Correspondenz, worin ausgesprochen wird, daß der erste Eindruck der zahlreichen Abhandlungen, welche Voltaire bis ans Ende eines langen Lebens herausgab, beim jedesmaligen Erscheinen der war, die vorliegende stehe den früheren nach, weil man sich nicht anders denken konnte, als, der Patriarch von Ferney müsse endlich den Punkt erreicht haben, von wo aus seine Größe abnehme. Allein am Ende stellte die öffentliche Meinung die zuletzt erschienenen Werke Voltaires auf gleiche Linie mit denjenigen, welche früher Frankreich entzückt hatten. Aus dieser und aus ähnlichen Erfahrungen glaubte ich schließen zu dürfen, daß neue Werke oft von dem Publikum weniger nach ihrem eigenthümlichen Werth beurtheilt werden, als nach fremdartigen Vorstellungen, welche man zum Lesen derselben mitbringt, und über welche ein Schriftsteller durch Geduld und Thätigkeit zu triumphieren hoffen dürfte. Gewagt ist der Versuch:

»Fällst du hinein, gut' Nacht, sink' oder schwimm'.«

Allein derselbe Fall ist bei jedem literarischen Versuch, und Leute von sanguinischem Temperament lassen sich dadurch nicht schrecken.

Ich kann meinen Gedanken in dieser Beziehung verdeutlichen durch Hinweisung auf eine Erfahrung, die man häufig auf Reisen macht. Wenn wir einen Abschnitt eines Weges besonders langweilig oder umgekehrt sehr anziehend, bedeutend kürzer oder viel länger gefunden haben, als wir erwarteten, dann ist unsere Einbildungskraft geneigt, den ursprünglichen Eindruck so zu vergrößern, daß wir bei Wiederholung der Reise gewöhnlich urtheilen, wir hätten die vorherrschende Eigenschaft zu hoch angeschlagen, und daß uns der Weg nun einförmiger oder angenehmer, kürzer oder gedehnter vorkommt, als wir erwartet hatten und auch, als er wirklich ist. Eine dritte und vierte Reise ist erforderlich, um uns zu einem richtigen Urtheil über seine Schönheit, Länge und sonstigen Eigenschaften zu befähigen.

Gerade so ist es, wenn das Publikum über ein neues Werk urtheilt. Hegt es geringe Erwartung von demselben, und wird es nachher zu seiner Ueberraschung gewahr, daß dasselbe Beifall verdient, so geräth es leicht in Entzücken, spendet ihm übermäßiges Lob und erhebt den Verfasser zu einem Rang, welcher eben so schwierig zu behaupten, wie schmerzlich zu verlieren ist. Schwindelt es dann dem Verfasser auf dieser Höhe, erschrickt er vor dem Schatten seines Ruhmes, dann mag er sich von der Lotterie zurückziehen mit dem Preise, welchen er gewonnen hat und ihn genießen; aber bei der Nachwelt wird seine Ehre genau nur im Verhältniß zu seiner Arbeit stehen. Wagt er sich hingegen zum zweiten Mal auf die Rennbahn, dann kann er darauf rechnen, mit einer Strenge beurtheilt zu werden, die eben so groß ist, wie die frühere Gunst. Läßt er sich bei dieser Gelegenheit durch eine üble Aufnahme abschrecken, so mag er ebenfalls dem weiteren Ringen nach Ruhm entsagen. Weicht er aber nicht von der Stelle und läßt es darauf ankommen, wie ein Federball bald in die Höhe geschlagen zu werden, bald wieder zu fallen, dann darf er hoffen, am Ende den ihm gebührenden Rang in der öffentlichen Meinung zu behaupten und die allgemeine Aufmerksamkeit zu fesseln, in der Art, wie der Baccalaureus Samson Carrasco sich rühmte, den Wetterhahn La Giralda zu Sevilla auf Wochen, Monate oder Jahre fest zu stellen, das heißt auf so lange, als der Wind von einer Seite her bläst. Nach diesem Grad von Popularität hatte der Verfasser die Kühnheit zu streben, und um sie zu erlangen, entschloß er sich kecklich, dem Publikum dadurch nicht aus dem Gesicht zu kommen, daß er häufig vor demselben auftrat.

Es muß dabei bemerkt werden, daß des Verfassers Incognito ihm um so größeren Muth gab, seine Bestrebungen um die Gunst des Publikums zu erneuern, und einen ähnlichen Vortheil verlieh, wie Hans der Riesentödter durch seinen Tarnrock hatte. Indem er bald nach dem Kloster den Abt erscheinen ließ, übte er den bekannten Kunstgriff, welchen Bassanio empfiehlt:

»Hatt' ich als Knab' verloren einen Pfeil,
Schoß einen andern ich von gleicher Kraft
In gleicher Richtung, und gab besser Acht,
Und fand den ersten dann.«

Und – um die Vergleichung fortzusetzen, seine Pfeile ließen sich, gleich denen des jungen Ajax, um so leichter abschießen, da er für seine Person der Kritik unzugänglich war, wie der griechische Schütz unter seines Bruders siebenfachem Schild.

Sollte der Leser nach den Gründen fragen, auf welchen die Hoffnung beruhe, daß der Abt gut machen werde, was beim Kloster verfehlt war, so muß ich fürs Erste seine Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen für den einleitenden Brief an den erdichteten Hauptmann Clutterbuck, in welchem der wirkliche Verfasser, nach dem Beispiel seiner Vorgänger in diesem Gebiet der Dichtung, eine der Personen seines Drama benutzt, um, etwas künstlicher, als durch eine direkte Anrede, dem Publikum seine Ansichten mitzutheilen. Ein unterhaltender Erzähler von Feenmährchen, Pajon, Verfasser der Geschichte von Prinz Soly, hat ein Beispiel gegeben, wie sich dieß Verfahren auf eine angenehme Weise anwenden läßt, indem er den Schutzgeist des Landes der Romantik als mit einer der Personen des Mährchens redend einführt. In diesem einleitenden Brief theilt der Verfasser dem Hauptmanne Clutterbuck im Vertrauen mit, daß, wie er gefunden, das Weiße Fräulein dem Zeitgeschmack nicht entsprochen, und daß er sie vom Schauplatz entfernt hat.

In Betreff einer andern Veränderung ist der Verfasser früher nicht so aufrichtig gewesen. Das Kloster sollte dem ursprünglichen Plan nach wunderbare Begebenheiten enthalten, die sich an die Thatsache knüpfen, daß zu Melrose das Herz des großen Robert Bruce beigesetzt war. Aber dem Verfasser fehlte Muth und Lust, diesen Theil der ersten Skizze auszufüllen, und was er im ersten Theil nicht versucht hatte, darauf wollte er noch weniger in der Fortsetzung zurückkommen. Sonach ist die Entdeckung des Herzens, um welche die Einleitung zum Kloster sich zum größten Theil dreht, ein ohne Noth vorgebrachtes Geheimniß, welches am Ende sehr ungenügend erklärt wird. In diesem Stück konnte ich jedoch glücklicher Weise das Beispiel des Verfassers von Caleb Williams für mich anführen. Dieser läßt sich nämlich nie herab, uns von dem wirklichen Inhalt der eisernen Kiste zu benachrichtigen, welche in seinem anziehenden Werke von so großer Wichtigkeit ist und dem Schauspiel Colman's seinen Namen gegeben hat.

Das Publikum hatte ein Recht, nach dieser Sache zu fragen, allein von Seiten des Verfassers schien es unklug zu sein die Erklärung zu geben. Wie lobenswerth auch immer die Geschicklichkeit sein mag, welche alle losen Fäden einer Erzählung am Ende zusammenfaßt, wie die Strickerin am Ende ihres Strumpfes, so müßte ich mich doch sehr täuschen, wenn nicht in manchen Fällen ein größerer Vortheil erlangt wird durch das Ansehen von Wahrheit, welches der Mangel der Erklärung einem Werke verleiht. Im wirklichen Leben stoßen jedem Menschen Dinge zu, deren wahre Ursache er nie erfährt, und sollten wir den auffallendsten Unterschied zwischen einer wahren und einer erdichteten Erzählung angeben, so würden wir sagen: Erstere ist dunkel, zweifelhaft und geheimnißvoll in Betreff der entfernteren Ursachen der in ihr enthaltenen Begebenheiten, in letzterer hingegen ist es Pflicht des Erzählers, genügende Auskunft zu geben über die Ursachen der einzelnen von ihm berichteten Ereignisse: mit einem Wort, über alles Rechenschaft zu geben. Der Leser ist, wie Mungo im Vorlegschloß, nicht zufrieden, wenn er Etwas liest, was er nicht vollständig begreift.

Darum habe ich in der Einleitung zum Abt jeden Versuch unterlassen, die vorhergehende Geschichte zu erklären oder Unverständlichkeiten in derselben zu entschuldigen.

Eben so wenig würde es klug gewesen sein, in der Einleitung zum Abt auszusprechen, worauf ich die Hoffnung baute, daß dieser Roman mehr ansprechen würde, als seine Vorgänger. Ein spannender Titel oder die Ankündigung eines beliebten Gegenstandes ist ein Recept, auf welches die Buchhändler viel halten, welches aber die Verfasser nicht immer wirksam finden. Die Sache verdient einen Augenblick der Erwägung.

In jedem Lande gibt es historische Charactere, welche eine unfehlbare Zauberkraft besitzen, Neugier zu erregen und die Aufmerksamkeit zu fesseln, weil Jeder, der nur im Geringsten einiges Interesse für das Land hat, dem sie angehören, viel von ihnen gehört hat und mehr von ihnen zu hören verlangt. Eine Erzählung, welche sich um die Schicksale Alfreds oder Elisabeths in England, oder um die von Bruce oder Wallace in Schottland dreht, wird sicher schon bei der bloßen Ankündigung große Neugier erwecken und dem Verleger den Absatz des größten Theils einer Auflage sichern, noch ehe der Inhalt näher bekannt ist. Dies ist für den Buchhändler von der größten Wichtigkeit, denn er ist damit von vorn herein gedeckt, alle seine Auslagen sind ihm ersetzt. Anders ist es bei dem Verfasser; denn unleugbar fühlen wir uns leicht weniger befriedigt durch Werke, von denen wir, verleitet durch Titel und lobpreisende Ankündigungen, übertriebene Erwartungen gehegt haben. Man hat sich zum Voraus gedacht, was das Werk solle und wolle, man hat sich falsche Vorstellungen gemacht oder dieselben angenommen, und obwohl die Schwierigkeit des Werks uns wiederholt an Heißsporns Aufgabe erinnert »des Stroms Gebraus zu überschrei'n,« so darf doch derjenige, welcher es wagt, sich auf mehr Spott gefaßt machen, wenn es mißlingt, als auf Lob, wenn es glückt.

Trotz dieser Gefahr, welche einen Verfasser bedenklich machen sollte, einen Gegenstand zu wählen, welcher, indem er zum Voraus die Neugier spannt, leicht zu Täuschung der Erwartung führt, wäre es doch schlimm, wenn der Dichter oder Maler sich abschrecken lassen wollte, historische Porträte zu liefern, lediglich weil es so schwer sei, die Aufgabe genügend zu lösen. Man muß einigermaßen dem edlen Trieb vertrauen, welcher oft den Künstler auf Gegenstände von großer, ihm keineswegs unbekannter Schwierigkeit führt, die zu überwinden er sich aber auf seinen Muth und seine Kraft verläßt.

In dem Fall besonders, wo ein Schriftsteller merkt, daß die Theilnahme an seinen Werken erkaltet, wird man ihm Recht geben, wenn er geschickt seinen Gegenstand und den Titel so wählt, daß er hoffen darf, nochmals angehört zu werden. In dieser Befürchtung und Hoffnung habe ich es gewagt, in einer Dichtung das Andenken an die Königin Maria wieder aufzufrischen, jene Königin, die so interessant ist durch ihren Geist, ihre Schönheit, ihr Mißgeschick und durch das Geheimniß, welches noch immer und wahrscheinlich auch für immer auf ihrer Geschichte ruht. Ich verhehlte mir dabei nicht, daß das Mißlingen ein entschiedenes Unglück sein werde, und daß mein Unternehmen dem eines Zauberers gleiche, der einen Geist beschwört, ohne zu wissen, ob er denselben in seiner Gewalt haben werde, und natürlich beachtete ich um so mehr diejenigen Grundsätze der Dichtung, welche meiner Ansicht nach auf die geschichtliche Novelle Anwendung finden.

Genug über die Absicht bei Abfassung des Abtes. Hinweisungen auf die geschichtlichen Thatsachen finden sich, wie gewöhnlich, in den Anmerkungen erklärt. Der Bericht von Marias Entweichung aus dem Schloß im Lochleven ist ausführlicher, als er sich in den Geschichtsbüchern jener Zeit findet.

Abbotsford, 1. Januar 1831.

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