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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Dreizehntes Kapitel.

Was? Dagon wieder auf? Ich dächt, wir hätten
Gestürzt ihn, daß er ewig liegen blieb'?
Bringt Axt und Keil, und, Nachbarn, geht zur Hand,
Den Götzen spalten wir zu Winterholz.

Athelstane, oder der bekehrte Däne.

Roland Graeme schlief lange und sanft, und die Sonne stand bereits höher am Himmel, als seine Gefährtin ihn zur Fortsetzung der Reise weckte. Hastig zog er sich an, eilte zu ihr und fand die schwärmerische Alte schon reisefertig auf der Schwelle. Im ganzen Thun dieser Frau zeigte sich überall Raschheit und unbeugsame Beharrlichkeit, beruhend auf einem Fanatismus, der die gewöhnlichen menschlichen Empfindungen und Strebungen auszuschließen schien. Nur eine irdische Neigung schimmerte durch die Kraftäußerungen ihres überspannten Wesens hindurch, wie ein augenblicklicher Sonnenschein zwischen heraufziehenden Gewitterwolken. Dies war ihre mütterliche Zärtlichkeit für ihren Enkel – eine Zärtlichkeit, die fast an Vernarrtheit grenzte, so lange die katholische Religion nicht im Spiel war, die aber augenblicklich zurücktrat, sobald sie in Widerstreit mit ihrem Lebenszweck, mit dem unverrückten Ziel ihres Strebens gerieth. Unbedenklich würde sie ihr Leben hingegeben haben für den irdischen Gegenstand ihrer Zuneigung; aber eben so unbedenklich würde sie diesen selbst auf's Spiel gesetzt und geopfert haben, wenn sie mit seinem Blute die Wiederhebung der katholischen Kirche hätte erkaufen können. Ihr Gespräch auf dem Wege drehte sich – mit Ausnahme von wenigen Gelegenheiten, wo ihre Sorgfalt für ihres Enkels Gesundheit und Leben sich offenbaren konnte – lediglich um die Verpflichtung, die gesunkene Ehre der Kirche wieder aufzurichten und eine katholische Herrscherin wieder auf den Thron zu bringen. Zuweilen deutete sie dunkel und unbestimmt an, daß sie selber vom Himmel bestimmt sei, bei diesem wichtigen Unternehmen eine Rolle zu spielen, und daß sie sich mehr als menschlichen Gutheißens ihres Eifers erfreute. Allein ihre Ausdrucksweise war in diesem Falle so undeutlich, daß der Zuhörer nicht sagen konnte, ob sie wirklich Anspruch auf eine unmittelbare, übernatürliche Berufung machte, wie die berühmte Elisabeth Barton, gewöhnlich die Nonne von Kent genannt Eine schwärmerische Nonne, genannt das heilige Mädchen von Kent, welche die Gabe der Weissagung und Wunderthätigkeit zu besitzen behauptete. Sie verkündete, daß Heinrich der VIII. zur Strafe für die Verheirathung mit Anna Boleyn eines jähen Todes sterben würde, ward dafür vor dem Parlament angeklagt und sammt ihren Mitschuldigen hingerichtet. – Ihr Betrug hatte eine Zeitlang solchen Erfolg, daß selbst Herr Thomas More geneigt war, an sie zu glauben., oder ob sie bloß von der allgemeinen Verpflichtung für jeden Katholiken der damaligen Zeit redete, von welcher sie besonders durchdrungen war.

Während sie also selber nicht deutlich zu verstehen gab, daß sie als mehr, denn ein gewöhnliches menschliches Wesen betrachtet sein wollte, schien das Verhalten einiger Wanderer, denen sie beim Eintritt in den fruchtbareren und volkreicheren Theil des Thales begegneten, zu beweisen, daß man ihr höhere Eigenschaften beilegte. Zwar gingen zwei Bauern, die eine Ochsenheerde trieben, ein Paar Bauerndirnen, deren Ziel eine Lustbarkeit zu sein schien, ein dienstloser Söldner in rostiger Sturmhaube, ein, an einem abgeschabten schwarzen Mantel und seiner Büchertasche kenntlicher, fahrender Schüler – an unseren Wanderern vorüber, ohne sie zu beachten, oder mit einem Blicke der Geringschätzung; ja, zwei oder drei Kinder, deren Aufmerksamkeit durch die pilgermäßige Tracht der Alten erregt wurde, stimmten ein Hohngeschrei an und riefen: »He! eine alte Meßschwester!« Aber ein Paar andere Leute, welche in ihrem Inneren Ehrfurcht für die gefallene Priesterherrschaft bewahrten, warfen erst einen ängstlichen Blick umher, ob Niemand sie bemerkte, bekreuzten sich dann hastig, knieten vor Schwester Magdalene, wie sie sie begrüßten, nieder, küßten ihre Hand und selbst den Saum ihres Gewandes und empfingen demüthig das Benedicite, mit welchem sie ihre tiefe Ehrerbietung belohnte. Und dann sprangen sie auf, sahen sich abermals ängstlich um, ob sie nicht bemerkt worden seien, und setzten eilig ihren Weg fort. Selbst Angesichts von Leuten des herrschenden Glaubens waren Einzelne kühn genug, durch Kreuzen ihrer Arme und Senken des Hauptes entfernt und stumm anzudeuten, daß sie die Schwester Magdalene erkannten und ihre Person sowohl wie ihr Vorhaben ehrten.

Sie unterließ nicht, ihren Enkel auf diese jeweiligen Ehren- und Achtungsbezeugungen aufmerksam zu machen.

»Ihr seht, mein Sohn, sprach sie, »daß die Feinde nicht im Stande gewesen sind, den guten Geist gänzlich zu unterdrücken oder den guten Samen völlig auszurotten. Mitten unter Ketzern und Schismatikern, unter Räubern des Kirchenguts und Spöttern über Heilige und Sacramente ist noch ein treues Häuflein geblieben.«

»Das ist wahr, Mutter,« versetzte Roland; »aber mir kommt es vor, als könnte es uns nur wenig helfen. Seht Ihr nicht, daß alle die, welche Eisen an der Seite tragen, und die, denen man anmerkt, daß sie von höherem Stande sind, an uns vorbeistreichen, wie an den geringsten Bettlern? Denn die, welche uns Zeichen von Theilnahme geben, sind die Aermsten unter den Armen, die Elendesten unter den Dürftigen, welche weder Brod mit uns theilen, noch ein Schwert zu unserm Schutze haben, noch Befähigung das Schwert zu gebrauchen, wenn sie es besäßen. Der arme Wicht, welcher zuletzt mit solcher Andacht vor Euch gekniet hat, und welcher im Inneren von Krankheit, äußerlich vom Hunger ausgemergelt scheint – dieser bleiche, zitternde, jämmerliche Wicht, kann der Etwas helfen bei den großen Planen, die Ihr im Sinne führt?«

»Sehr viel, mein Sohn,« antwortete die Alte milder, als der Jüngling vielleicht erwartete. »Wenn dieser fromme Sohn der Kirche von dem Altar von S. Ringan zurückkehrt, zu welchem er jetzt auf meinen Rath und unter dem Beistand frommer Katholiken wallfahrtet, – wenn er zurückkehrt, geheilt von seiner verzehrenden Krankheit, gesund und kräftig, wird dann der Ruhm seiner Gläubigkeit und der wunderbare Lohn derselben nicht lauter zu den Ohren dieses bethörten Volkes von Schottland reden, als der Lärm, welcher allwöchentlich auf tausend ketzerischen Kanzeln gemacht wird?«

»Ja, Mutter, ich fürchte nur, mit der Hand des Heiligen ist's vorbei. Wir haben seit langer Zeit nicht gehört, daß der Heilige ein Wunder gethan hätte.«

Die Alte heftete einige Augenblicke schweigend den Blick auf ihn und fragte dann mit zitternder Stimme:

»Bist du unglückselig genug, an der Kraft des Heiligen zu zweifeln?«

Der Jüngling beeilte sich zu antworten:

»Ich glaube, wie die heilige Kirche befiehlt und bezweifle nicht St. Ringans Kraft zu heilen. Ich bemerke nur mit geziemender Ehrerbietung, daß er in der jüngsten Zeit keine Geneigtheit zur Uebung derselben an den Tag gelegt hat.«

»Hat dies Land es etwa verdient?« fragte die Alte, rasch dem Gipfel einer Anhöhe zuschreitend und dann stehen bleibend. »Hier,« sprach sie, »stand das Kreuz, das Grenzmal des Stiftes St. Marien, hier auf dieser Höhe, von wo das Auge des frommen Pilgers zuerst das alte Kloster zu Gesicht bekam, das Licht des Landes, die Wohnung von Heiligen, das Grab von Königen. Wo ist jetzt dies Sinnbild unseres Glaubens? Es liegt auf der Erde – ein gestaltloser Block, von welchem Bruchstücke weggeführt sind zum niedrigsten Gebrauch, bis endlich keine Spur von seiner ursprünglichen Gestalt mehr vorhanden ist. Schau ostwärts, mein Sohn, wo sonst die Sonne herrliche Thürme bestrahlte, von denen Kreuze und Glocken heruntergerissen sind, wie wenn die alten Einfälle wilder Heiden sich erneuert hätten. Schau hin auf jene Zinnen, deren theilweise Zerstörung wir selbst aus dieser Entfernung bemerken können, und frage, ob dies Land von den Heiligen, deren Bilder und Altäre entweiht sind, andere Wunder als die der Rache erwarten kann! Wie lange,« rief sie mit einem Blick nach oben, »wie lange soll sie noch ausbleiben?«

Sie hielt inne und begann dann wieder mit begeistertem Nachdruck:

»Ja, mein Sohn, Alles auf Erden ist nur für eine Zeit; – Lust und Schmerz, Triumph und Elend folgen einander wie Wolken und Sonnenschein. Nicht für immer ist der Weinberg zertreten, die Lücken werden ausgebessert, die fruchtbaren Reben werden wieder aufgebunden werden. Heute noch hoff' ich wichtige Nachrichten zu hören. Zaudre nicht; vorwärts! Die Zeit ist kurz, das Gericht gewiß.«

So begann sie wieder fortzuschreiten auf dem nach der Abtei führenden Pfade – einem Pfade, der ehedem sorgfältig durch Pfosten und Pfähle bezeichnet war, um den Pilger zurecht zu weisen. Aber diese Zeichen waren jetzt ausgerissen und zerstört. Nach einem halbstündigen Gange befanden sie sich vor dem einst prächtigen Kloster, dessen Kirche zwar noch unversehrt dastand, dessen übrige Theile aber der Wuth der Zeiten nicht entgangen waren. Die lange Reihe von Zellen und Zimmern für die Mönche in zwei Seiten des großen Vierecks war fast ganz verfallen. Das Innere war durch Feuer verwüstet, dessen Wuth nur die massiven Außenwände hatten widerstehen können. Das Haus des Abtes, welches die dritte Seite des Vierecks bildete, hatte zwar einige Beschädigung erlitten, war aber noch bewohnt von den wenigen Brüdern, welche man noch zu Kennaquhair bleiben ließ, mehr indem man ein Auge zudrückte, als mit förmlicher Genehmigung ihres Fortbestehens als Brüderschaft. Ihre stattlichen Wirthschaftsgebäude, ihre schönen Güter, ihre prächtigen Kreuzgänge waren insgesammt verfallen, und ein Theil der Baustoffe war von Leuten im Dorfe und in der Nachbarschaft weggeholt worden, welche, ehedem Unterthanen des Klosters, keinen Anstand nahmen, sich einen Theil der Beute zuzueignen. Roland sah, wie Bruchstücke von herrlich ausgehauenen gothischen Pfeilern in den elendesten Hütten die Stelle von Thürpfosten oder von Schwellen an einem Kuhstall vertraten.

Die Kirche selber war weniger beschädigt als die übrigen Klostergebäude. Aber die Bilder, welche einst die Nischen zwischen den vielen Säulen und Strebepfeilern ausgefüllt hatten, waren als Götzenbilder heruntergerissen worden ohne viele Rücksicht auf die prächtigen Ueberwölbungen und Fußgestelle. Es wäre nur zu wünschen gewesen, daß die Zerstörung dabei stehengeblieben wäre; im Uebrigen konnte die Erhaltung dieser Alterthümer nicht in die Wagschale gelegt werden gegen die Einführung des reformierten Gottesdienstes.

Unsere Pilger sahen die Zerstörung dieser geheiligten Engel- und Heiligenbilder mit sehr verschiedenen Empfindungen. Der Alterthümler darf bedauern, daß solche Zerstörung nothwendig gewesen; Magdalenen Graeme erschien sie als ein Frevel, welcher die schwerste Rache des Himmels verdiente. Darin stimmte ihr Enkel in diesem Augenblick mit ihr überein. Doch weder sie noch er liehen ihren Gefühlen Worte, sondern äußerten dieselben bloß durch Aufheben der Hände und Augen. Roland wollte auf die große östliche Thüre der Kirche zugehen, aber seine Führerin hielt ihn zurück.

»Diese Thüre,« sprach sie, »ist längst verrammelt, damit der ketzerische Pöbel nicht erfahre, daß unter den Brüdern zu S. Marien noch Männer sind, welche es wagen, Gott da zu verehren, wo ihre Vorgänger im Leben gebetet haben und im Tode begraben worden sind. Folge mir dorthin, mein Sohn.«

Roland folgte ihr. Magdalene warf einen schnellen Blick umher, um zu sehen, ob sie beobachtet waren – denn die Gefahr hatte sie Vorsicht gelehrt, – und gebot dann ihrem Enkel, an einem Thürchen zu klopfen, welches sie ihm andeutete.

»Aber klopfe leise,« fügte sie hinzu mit einem Winke, welcher Vorsicht empfahl. Da keine Antwort erfolgte, bedeutete sie ihrem Enkel, das Klopfen zu wiederholen. Endlich öffnete sich die Thüre, aber nur halb, so daß man kaum den schmächtigen und ängstlichen Pförtner bemerkte, der sich der Beobachtung der außen Stehenden entzog, zugleich aber sich bemühte, sie zu besehen, ohne selbst gesehen zu werden. Welch' ein Unterschied gegen das stolze Bewußtsein seiner Würde bei dem Pförtner in früheren Tagen, wenn dieser mit wichtigem Gesicht und gerundetem Bauch den nach Kennaquhair kommenden Pilgern entgegentrat. Anstatt eines feierlichen:»Intrate, mei fili« Tretet ein, meine Kinder. – vernahm man jetzt ein zitterndes: »Ihr könnt jetzt nicht herein, die Brüder sind in ihren Kammern.« – Als aber Magdalene Graeme mit gedämpfter Stimme fragte: »Hast du mich vergessen, Bruder?« – da vertauschte er die entschuldigende Weigerung mit der Einladung: »Tretet ein, verehrte Schwester, tretet eilig ein, denn böse Augen schauen auf uns.«

Sie traten ein, warteten bis der Pförtner mit argwöhnischer Hast das Thürchen verschlossen und verriegelt hatte, und wurden dann von ihm durch verschiedene dunkle und krumme Gänge geführt. Während sie langsam dahinschritten, sprach er zu der Alten mit gedämpfter Stimme, als fürchte er, die Wände möchten seine Worte hören:

»Die Patres sind in dem Kapitelhaus, würdige Schwester, – ja, in dem Kapitelhaus – um einen Abt zu erwählen. O Benedicite, – kein Glockengeläut, kein Hochamt, kein Oeffnen der großen Thüre darf jetzt statt finden, daß das Volk seinen geistlichen Vater sehen und verehren möchte! Unsere Patres müssen sich verbergen, mehr Räubern gleich, die einen Hauptmann wählen, als gottseligen Priestern, die einen infulirten Abt erkiesen.«

»Achte das nicht,« erwiderte Magdalene Graeme. »Die ersten Nachfolger Sanct Peters selber wurden nicht im Sonnenschein erwählt, sondern im Sturm, nicht in den Hallen des Vaticans, sondern in den unterirdischen Gewölben und Kerkern des heidnischen Roms. Sie wurden nicht beglückwünscht mit Freudengeschrei, mit Kanonen- und Musketensalven und Feuerwerk, – nein, Bruder, – sondern mit den rauhen Stimmen der Lictoren und Prätoren, welche kamen, die Väter der Kirche zum Martertod zu schleppen. Aus solchen Widerwärtigkeiten ist einst die Kirche erhöht worden, und durch eben solche wird sie einst gereinigt werden. – Merke wohl, Bruder, in den stolzesten Tagen der infulirten Abtei ist nie ein Oberer erwählt worden, den sein Amt halb so sehr geehrt hätte, wie der geehrt sein wird, der jetzt, in den Tagen der Trübsal, es auf sich nimmt. Auf wen, Bruder, wird die Wahl fallen?«

»Auf wen anders kann sie fallen, oder – ach! – wer würde es wagen, die Berufung anzunehmen, außer der würdige Zögling des verklärten Eustachius, der gute und wackere Pater Ambrosius!«

»Ich weiß es,« sprach Magdalene; »mein Herz sagte mir's, lange bevor Eure Lippen seinen Namen ausgesprochen. Tritt vor, herzhafter Kämpe, tritt vor den Riß! Erhebe dich, kühner und erfahrener Pilot, und fasse das Steuer, während der Sturm tobt! Stell' den Kampf wieder her, muthvoller Erheber des sinkenden Banners! Schwing' den Stab und die Schleuder, du edler Hirte der zerstreueten Heerde!«

»Ich bitte, seid still, Schwester!« sprach der Pförtner, indem er eine Thüre öffnete, welche in die große Kirche führte. »Die Brüder werden alsbald erscheinen, um ihre Wahl mit einer feierlichen Messe zu verherrlichen. Ich muß ihnen vorangehen beim Zug auf den Hochaltar. Alle Aemter dieses Gotteshauses sind jetzt in einem einzigen armen, abgelebten Greise vereinigt.«

Er verließ die Kirche, und Magdalene und Roland blieben allein in dem weiten gewölbten Raum, dessen reiche aber reine Bauart verrieth, daß die Kirche aus dem Anfange des vierzehnten Jahrhunderts, der besten Zeit der gothischen Baukunst, herrührte. Aber die Nischen waren ihrer Bilder beraubt hier im Innern, wie außen, und die Wuth des Zerstörens hatte die Gräber von Kriegern und Fürsten sowohl getroffen, wie die Altäre des Götzendienstes. Große alterthümliche Schwerter und Lanzen, welche über den Gräbern alter Helden gehangen hatten, lagen jetzt auf der Erde unter den Resten von Weihgeschenken, welche fromme Pilger zur Verherrlichung der sterblichen Ueberreste ihrer Schutzheiligen dargebracht hatten, Bruchstücke der Bildsäulen von Rittern und Frauen in kniender und liegender Stellung über ihren Gräbern lagen vermischt mit den Trümmern von ausgemeißelten Heiligen und Engeln, welche die Gewaltthätigkeit von ihren Standorten herabgestürzt hatte.

Das bedenklichste Anzeichen war, daß, nachdem diese Gewaltthätigkeiten nun doch schon seit vielen Monaten verübt waren, die Mönche so sehr allen Muth und alle Entschlossenheit verloren hatten, daß sie nicht einmal wagten, den Schutt wegzuräumen und der Kirche wieder ein einigermaßen anständiges und ordentliches Ansehen zu geben, was ohne viele Mühe hätte geschehen können. Aber Schrecken hatte den Muth des schwachen Restes einer ehedem so mächtigen Körperschaft gelähmt, und im Bewußtsein, daß man sie nur noch mitleidig in ihrem alten Sitze duldete, wagten sie keinen Schritt, der als eine Behauptung ihrer alten Rechte hätte gedeutet werden können, und begnügten sich mit der geheimen Uebung ihrer gottesdienstlichen Bräuche mit möglichster Vermeidung alles Aufsehens.

Einige der älteren Brüder waren unter dem Drucke dieser schweren Zeiten ins Grab gesunken, und da, wo man sie beerdigt hatte, war der Schutt weggeräumt. Ueber Pater Niclas war ein Stein gelegt, welcher meldete, daß er Profeß gethan unter Abt Ingelram, dessen er so oft gedacht hatte. Ein anderer, später gelegter, flacher Stein deckte den Leichnam Philipps des Küsters, berühmt durch seine Wasserfahrt mit dem Gespenst von Avenel. Ein dritter Stein, der neueste, zeigte die Umrisse einer Inful und die Inschrift: Hic jacet Eustachius Abbas Hier liegt Abt Eustachius.. Einen Zusatz des Lobes seiner Gelehrsamkeit und seines Eifers für die katholische Kirche hatte man nicht zu machen gewagt.

Magdalene Graeme las nacheinander die kurzen Inschriften dieser Grabsteine und verweilte länger bei dem des Abtes.

»Zur guten Stunde für dich,« sprach sie, »aber zur schlimmen Stunde für die Kirche bist du abgerufen worden. Laß deinen Geist bei uns sein, heiliger Mann! ermuthige deinen Nachfolger, in deinen Fußtapfen zu wandeln, gieb ihm deine kühne Erfindsamkeit, deinen Eifer und deine Bedachtsamkeit. In Frömmigkeit steht er selbst dir nicht nach.«

Während sie so sprach, öffnete sich eine Thüre, welche durch einen Gang nach der Abtswohnung führte. Dies verkündete das Herannahen der ehrwürdigen Väter nach dem Chore, wo sie ihren erwählten Oberen auf den Hochaltar führen wollten.

In früheren Zeiten war dies eines der glänzendsten unter den vielen Schauspielen, welche die römische Kirche ersonnen hatte, um die Ehrfurcht der Gläubigen anzulocken. Die Zeit, während welcher die Abtei erledigt war, galt als eine Zeit der Trauer, oder in ihrer sinnbildlichen Ausdrucksweise, als Zeit der Wittwenschaft. Diese Trauerzeit verwandelte sich in Lust und Jubel, wenn ein neuer Oberer erwählt war. Wenn bei dieser feierlichen Gelegenheit die großen Flügelthüren geöffnet wurden, und der neue Abt im vollen Glanze seiner Würde erschien mit Ring und Inful und Dalmatica und Hirtenstab, vor ihm her greise Fahnenträger und Knaben mit Rauchfässern, hinter ihm der ehrwürdige Zug der Mönche nebst allem Andern, was die hohe Würde, zu welcher er erhoben war, andeuten konnte, dann war ein Vortreten das Zeichen zur Anstimmung des großartigen Jubilate von Orgel und Spielleuten und zu dem Hallelujah-Ruf von Seiten der versammelten Brüderschaft.

Jetzt war das Alles ganz anders. Unter Schutt und Graus schlichen sieben oder acht gebeugte Greise, welche sich schnell in die vorschriftsmäßige Ordenskleidung geworfen, wie ein Zug von Gespenstern aus der geöffneten Thüre über Steine und Mörtel nach dem Hochaltar, um ihren erwählten Oberen zum Gebieter über einen Trümmerhaufen einzusetzen. Das Ganze sah aus wie ein Häuflein verirrter Wanderer, welche sich in der Wildniß des steinigen Arabiens ein Oberhaupt wählen, oder wie eine schiffbrüchige Mannschaft, welche aus ihrer Mitte einen Hauptmann ernennt auf dem kahlen Eiland, auf welches das Schicksal sie verschlagen hat.

Leute, welche in friedlichen Tagen am meisten nach hohen Stellen trachten, beben vor der Bewerbung zurück in solchen ereignißvollen Zeiten, wo der Besitz derselben weder mit Bequemlichkeit noch mit Glanz verbunden ist, vielmehr nur den Vortritt in Gefahren und Mühen giebt und das unglückliche Haupt dem Murren seiner unzufriedenen Genossen sowohl, wie dem ersten Angriffe des gemeinsamen Feindes aussetzt. Aber Derjenige, welchem jetzt das Amt eines Abtes von S. Marien übertragen worden, war seinem Berufe gewachsen. Kühn und voll Begeisterung, dabei edelmüthig und versöhnlich, gewandt und weise, und dabei voll Eifer und Raschheit, hätte er nur im Dienste einer besseren Sache, als eines sinkenden Aberglaubens, stehen sollen, um sich zum Range eines wahrhaft großen Mannes zu erheben.

Aber wie das Ende das Werk krönt, so giebt das Ziel den Maßstab, nach welchem menschliches Thun zu messen ist. Wer mit aufrichtigem Sinne und Edelmuth in einer schlechten Sache kämpft und fällt, den kann die Nachwelt nur als ein Opfer eines edelmüthigen aber unglückseligen Irrthums betrachten. Unter solche Opfer müssen wir Ambrosius, den letzten Abt von Kennaquhair, zählen, dessen Plane wir verwerfen, da ihr Gelingen die Ketten veralteten Aberglaubens und geistlicher Tyrannei in Schottland neu geschmiedet haben würde, aber dessen Fähigkeiten Werthschätzung verdienen, und dessen Tugenden selbst den Gegnern seines Glaubens Achtung abnöthigen.

Das Benehmen des neuen Abtes diente für sich selber, einer Feierlichkeit Würde zu geben, welche alles äußeren Glanzes entbehrte. Im Bewußtsein der sie bedrohenden Gefahr und in der Erinnerung an die besseren Tage, welche sie gesehen, schienen die Mönche von Schrecken, Kummer und Scham erfüllt zu sein, und eilten über die gottesdienstliche Handlung hinweg, wie über ein erniedrigendes und zugleich gefährliches Geschäft. Anders Pater Ambrosius. Freilich lag auf einem Gesichte tiefe Schwermuth, als er in dem Mittelgange unter den Trümmern der Heiligthümer einherschritt. Aber sein Blick war nicht niedergeschlagen, sein Tritt fest und feierlich. Er schien zu denken, daß die Hoheit, welche er jetzt übernehmen sollte, in keiner Weise von den äußeren Umständen abhing, unter welchen er sie übernahm, und wenn sein unerschütterliches Gemüth dem Kummer und der Furcht zugänglich war, so war es Schmerz und Angst nicht um sich, sondern um die Kirche, der er sich geweiht hatte.

Endlich stand er auf den zerbrochenen Stufen des Hochaltars, barfuß, wie die Regel es vorschrieb, in der Hand den Hirtenstab – denn der Ring und der Inful, reich mit Juwelen besetzt, waren die Beute der Ketzer geworden. Es kamen keine gehorsamen Lehenträger, Mann für Mann, Huldigung zu leisten und Gaben darzubringen zum Ankauf eines Zelters und einer reichen Satteldecke für ihren geistlichen Oberen. Kein Bischof wohnte der Feierlichkeit bei, um in die Reihen der Kirchenfürsten einen Würdenträger aufzunehmen, dessen Stimme auf dem Reichstag so viel galt, wie die seinige. Eilfertig und mit Abkürzung der vorgeschriebenen Förmlichkeiten traten die Mönche Einer nach dem Andern vor, um ihrem neugewählten Abte den Friedenskuß zu geben zum Zeichen brüderlicher Liebe und geistlicher Unterwürfigkeit. Dann wurde schnell Messe gelesen, so schnell als geschähe es für junge Leute, welche auf die Jagd eilten, und nicht als wäre es der feierlichste Theil einer feierlichen Weihung. Dem Priester, welcher sie las, zitterte die Stimme, und oft sah er sich um, als fürchtete er unterbrochen zu werden, und die Brüder hörten zu, als wünschten sie, die kurze Amtshandlung möge noch mehr abgekürzt werden Um die Vergnügungen der Großen und die religiösen Bräuche in Einklang mit einander zu bringen, pflegte man in katholischen Ländern für Jagdgesellschaften abgekürzte Messen zu lesen. Diese hießen Jagdmessen, und ihre Kürze sollte der Ungeduld der Zuhörer entsprechen..

Diese Zeichen von Besorgniß und Ungeduld steigerten sich im Fortgange der Ceremonie, und es schien als wären sie nicht bloß durch Einbildung veranlaßt. Denn während der Pausen des Lobgesangs ließen sich von Außen Töne ganz anderer Art vernehmen, erst aus der Ferne, dann näher und immer näher, bis sie die Ohren der Andächtigen betäubten. Das Blasen von Hörnern in schreienden Mißtönen, das Geklingel von Schellen, das Rühren von Trommeln, das Quäken von Dudelsäcken, das Zusammenschlagen von Becken, der Lärm aus menschlichen Kehlen bald als Gelächter, bald als Aeußerung des Zornes, gellende Weiber- und Kinderstimmen, vermischt mit den tieferen Tönen der Männerstimmen – bildeten einen Babel von Tönen, welches die Klostergesänge erst übertäubte und endlich verstummen machte. Ursache und Erfolg dieser Unterbrechung wird im nächsten Kapitel geschildert werden.

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