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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Zwölftes Kapitel.

Nein, hör' mich, Bruder! ich bin älter, weiser
Und heiliger denn du. Verstand und Weisheit
Und Heiligkeit besitzen großes Recht,
Das heischt, daß man sie hört.

Altes Schauspiel.

Nachdem die Frauen eingetreten waren und dem im vorigen Kapitel mitgetheilten Gespräch ein Ende gemacht hatten, wandte sich Dame Magdalena Graeme an ihren Enkel und an dessen hübsche Gesellschafterin mit folgenden Worten:

»Habt Ihr mit einander gesprochen, Kinder? Seid ihr mit einander bekannt geworden als Reisegefährten auf demselben, dunkelen, ungewissen Pfad, die der Zufall zusammengeführt hat, und die sich bemühen die Sinnesart derer kennen zu lernen, welche ihre Gefahren zu theilen haben?«

Die muntere Katharine konnte selten einen Scherz unterdrücken, so daß sie oft sprach, wo sie besser gethan hätte zu schweigen.

»Euer Enkel ist so versessen auf die Reise, von der Ihr sprecht, daß er eben davon sprach augenblicklich aufzubrechen.«

»Das ist jetzt Voreiligkeit bei dir, Roland,« sprach die Dame, »so wie gestern übermäßige Langsamkeit zu bemerken war. Die rechte Mitte liegt im Gehorsam, welcher das Zeichen zum Aufbruch abwartet und ihm gehorcht, wenn er es vernimmt. Aber nochmals, Kinder, habt Ihr gegenseitig Eure Gesichter so betrachtet, daß ihr, in welcher nothgedrungenen Verkleidung ihr euch auch treffen möget, stets Eins in dem Andern den geheimen Arbeiter an dem mächtigen Werk erkennt, zu dem ihr Euch vereinen sollt? Betrachtet Euch einander, macht euch bekannt mit jedem Zug in dem Gesicht des Andern. Lernt am Tritt, an der Stimme, an den Bewegungen der Hand, am Blick von jedem Dritten den Genossen unterscheiden, den der Himmel gesandt hat als Beistand in Vollbringung seines Willens. Wirst du dies Mädchen wiedererkennen, wann und wo du sie trifft, Roland Graeme?«

Roland bejahte eben so unbedenklich wie wahrheitgemäß.

»Und du, meine Tochter, wirst du dich der Gesichtszüge dieses Jünglings erinnern?«

»Mutter,« versetzte Katharina Seyton, »ich habe in der letzten Zeit nicht so viele Männer gesehen, daß ich sogleich Euren Enkel vergessen sollte, obwohl ich Nichts an ihm bemerke, was besonderer Erinnerung werth wäre.«

»So gebt Euch die Hände, meine Kinder,« sprach Magdalene Graeme.

Hier aber trat Mutter Brigitte dazwischen, deren Klostervorurtheile während dieses ganzen Gesprächs immer mehr erregt worden waren, und deren Unbehagen nun auf's Höchste gesteigert war.

»Nein, gute Schwester,« sprach sie, »Ihr vergeßt, daß Katharine die verlobte Braut des Himmels ist. Solche Vertraulichkeiten können nicht stattfinden.«

»Es ist in der Sache des Himmels, daß ich ihnen gebiete sich zu umarmen!« rief Magdalene mit der vollen Kraft ihrer gewaltigen Stimme. »Der Zweck, Schwester, heiligt die Mittel, welche wir anwenden müssen.«

»Wer mit mir spricht, nennt mich Frau Aebtissin oder wenigstens Mutter,« entgegnete Dame Brigitte, indem sie wie beleidigt durch das gebieterische Wesen ihrer Freundin sich in die Brust warf. »Die Frau von Heathergill vergißt, daß sie mit der Aebtissin von S. Katharinen spricht.«

»Als ich das war, was Ihr mich nennt,« versetzte Magdalene, »da waret Ihr allerdings Aebtissin von S. Katharinen. Aber beide Namen sind jetzt hin sammt dem Rang, den die Welt und die Kirche daran geknüpft hatten, und wir sind jetzt in den Augen der Menschen zwei arme, verachtete, unterdrückte Weiber, die ihr Alter ohne Ehre einem ärmlichen Grabe zuschleppen. Aber was sind wir in den Augen des Himmels? – Diener, ausgesandt seinen Willen zu thun, – in deren Schwachheit die Stärke der Kirche soll offenbaret werden, – vor denen zu Schanden werden soll die Weisheit Murrays und Mortons finstere Macht. – Und auf Solche willst du die beschränkenden Regeln klösterlicher Abgeschlossenheit anwenden? hast du den Befehl deines Oberen vergessen, den ich dir vorgezeigt habe, und der dich mir in diesen Dingen unterwirft?«

»Auf dein Haupt falle denn das Aergerniß und die Sünde,« sprach die Aebtissin mürrisch.

»Ich nehme sie auf mich,« erwiderte Magdalene. »Umarmt Euch, Kinder.«

Allein Katharine, welche vermuthlich vorausgesehen hatte, wie der Streit endigen würde, war aus dem Zimmer entschlüpft und täuschte somit die Erwartung des Enkels nicht minder, wie die der Großmutter.

»Sie ist hinausgegangen, einige Erfrischungen zu bereiten,« sprach die Aebtissin. »Sie werden aber denen schlecht behagen, welche in der Welt leben; denn ich wenigstens kann mich nicht von den Regeln, welchen ich mich durch mein Gelübde unterworfen habe, darum entbinden, weil es den Gottlosen gefällt, das Heiligthum zu zerstören, in welchem sie beobachtet zu werden pflegten.«

»Es ist gut, Schwester,« versetzte Magdalene, »auch den kleinsten Zehnten von Münze und Kümmel zu entrichten, den die Kirche verlangt, und ich tadele nicht deine gewissenhafte Beobachtung deiner Ordensregeln. Aber sie sind durch die Kirche eingeführt und zum Besten der Kirche, und es ist billig, daß sie bei Seite gesetzt werden, wenn das Heil der Kirche auf dem Spiele steht.«

Die Aebtissin erwiderte nichts auf diese Bemerkung.

Ein mit der Menschennatur besser Bekannter, als der unerfahrene Jüngling, würde Unterhaltung gefunden haben in der Vergleichung der verschiedenen Arten von Schwärmerei in diesen beiden Frauen. Die ängstliche, beschränkte und mißvergnügte Aebtissin klebte an alten Gebräuchen und Ansprüchen, welche durch die Reformation ihr Ende gefunden hatten, und war unter Widerwärtigkeiten, wie sie im Glück gewesen war, voller Bedenklichkeiten, schwachköpfig und bigott. Der hochstrebende Feuergeist ihrer Freundin hingegen verlangte einen freieren Spielraum und band sich nicht an die gewöhnlichen Regeln bei den außerordentlichen Planen, welche ihre kühne und wirre Einbildungskraft ersann. Allein anstatt diese unterscheidenden Eigenthümlichkeiten der beiden alten Damen zu beobachten, wartete Roland Graeme lediglich mit Ungeduld auf die Rückkehr Katharinens, vermuthlich in der Hoffnung, daß die Aufforderung zu geschwisterlicher Umarmung erneuert werden würde, da seine Großmutter geneigt schien, überall ihren Willen durchzusetzen.

Allein auch dies Mal wurden seine Erwartungen oder Hoffnungen, wenn wir sie so nennen sollen, getäuscht. Denn als Katharine auf den Rath der Aebtissin wieder eintrat und eine irdene Wasserschüssel und vier hölzerne Teller und Becher auf den Tisch stellte, verfolgte die Dame von Heathergill, zufrieden mit der Willkühr, mit welcher sie den Widerspruch der Aebtissin niedergeschlagen, ihren Sieg nicht weiter – eine Mäßigung, für welche ihr Enkel ihr schlechten Dank wußte.

Katharine fuhr in dessen fort, ein ärmliches Einsiedlermahl aufzutragen, welches fast lediglich aus abgebrühtem Kohl bestand, gewürzt mit ein wenig Salz und aufgetragen in einer hölzernen Schüssel, und wozu kein besseres Beiessen gegeben ward, als grobes Gerstenbrod in geringer Menge. Das erwähnte Wasserbecken enthielt das einzige Getränk. Nach einem lateinischen, von der Aebtissin gesprochenen Tischgebet, setzten sich die Gäste zu ihrer kärglichen Mahlzeit nieder. Die Einfachheit derselben schien bei dem weiblichen Theil der Gesellschaft kein Unbehagen zu erwecken. Sie aßen nicht viel, aber wie es schien, mit Appetit. Allein Roland Graeme war an bessere Kost gewöhnt. Herr Halbert Glendinning, welcher in seiner Haushaltung den Großen zu spielen liebte, führte eine Wirthschaft, wie die großen Herren im nördlichen England. Wahrscheinlich gedachte er hierdurch um so mehr sich als den hinzustellen, wozu er geboren war; als einen großen Landesherrn und als Hauptmann einer Kriegerschaar. Zwei Ochsen und sechs Schafe wurden wöchentlich geschlachtet, wenn er zu Hause war, und diese Zahl wurde nicht sehr verringert während seiner Abwesenheit. Ferner wurden wöchentlich sechs Scheffel Malz zu Bier gebraut, wovon die Leute im Hause nach Belieben trinken konnten. Brod wurde im Verhältniß zum Bedarf der Dienerschaft gebacken. In diesem Ueberfluß nun hatte Roland Jahre lang gelebt, und das war eine schlechte Vorbereitung zu lauwarmem Gemüse und Brunnenwasser. Wahrscheinlich drückte sich auf seinem Gesicht die Empfindung des Unterschiedes aus, denn die Aebtissin bemerkte:

»Es scheint, mein Sohn, die Tafeln des ketzerischen Freiherrn, in dessen Gefolge Ihr lange gewesen seid, sind mit leckerern Gerichten besetzt, als die der leidenden Töchter der Kirche. Und doch habe ich in den festlichsten Nächten, wenn die Nonnen an meiner Tafel essen durften, die feinen Bissen, welche bei solchen Gelegenheiten aufgetragen wurden, nicht als halb so köstlich betrachtet, wie dies grüne Gericht und dies Wasser, womit ich lieber mich begnügen will, als im Geringsten von der Strenge meines Gelübdes abgehen. Nie soll es heißen, daß die Herrin dieses Hauses es zu einem Ort der Schmauserei gemacht hat, während die Tage der Trübsal und des Kummers über die Kirche gekommen waren, von der ich ein unwürdiges Glied hin.«

»Du hast wohl gesprochen, Schwester,« nahm Magdalene Graeme das Wort; »aber es ist jetzt nicht bloß die Zeit des Leidens, sondern auch die des Handelns. Und da nun unser Pilgermahl beendigt ist, so laß uns abtreten, um uns auf unsere morgende Reise vorzubereiten und Rath zu halten über die Weise, in welcher diese Kinder zum Dienste Gottes verwandt werden sollen, und über die Maßregeln, mit welchen wir ihrer Unbedachtsamkeit und Unbesonnenheit begegnen mögen.«

Trotz der keineswegs heiter stimmenden Mahlzeit fühlte doch Roland sein Herz freudig klopfen bei dieser Aufforderung, welche seiner Meinung nach zu einem weiteren tête-à-tête zwischen ihm und der hübschen Novize führen mußte. Allein er hatte sich abermals verrechnet. Es schien, Katharine hatte nicht Lust, ihm in diesem Stück zu Willen zu sein. Sei es, daß Zartgefühl sie bestimmte oder Eigensinn oder eine der unbestimmten Schattierungen zwischen beiden, mit welchen die Weiber gern das rauhere Geschlecht quälen und zugleich fesseln, – genug sie erinnerte die Aebtissin, daß sie eine Stunde vor der Vesper sich entfernen müsse. Die Oberin nickte alsbald beifällig, und sie stand auf, um wegzugehen. Bevor sie die Gesellschaft verließ, machte sie eine Verneigung gegen die Frauen, indem sie die Kniee so weit bog, bis ihre Hände dieselben erreichten. Eine geringere Vorbeugung machte sie gegen Roland, indem sie den Oberleib ein wenig vorwärts und den Kopf ein wenig herabsenkte. Sie that dies mit allem Anstand; doch der, welchem der Gruß galt, glaubte in ihrem Wesen eine boshafte Freude über seine Täuschung zu bemerken.

»Der Teufel hole das vorwitzige Ding!« dachte er, obwohl die Gegenwart der Aebtissin solche unheilige Gedanken hätte unterdrücken sollen; – »sie ist so hartherzig, wie die lachende Hyäne, von der in den Geschichtsbüchern erzählt wird. Sie hat eine Gesinnung, die ich ihr wenigstens diese Nacht nicht vergessen werde.«

Die alten Damen zogen sich gleichfalls zurück, nachdem sie dem jungen Menschen bedeutet hatten, daß er unter keiner Bedingung sich vom Kloster entfernen, noch sich an den Fenstern zeigen solle, weil (sagte die Aebtissin) die rohen Ketzer jede Gelegenheit ergriffen, den geistlichen Orden Aergerniß zu geben,

»Das ist ärger als die Strenge von Meister Heinrich Warden selber,« sprach Roland, als er sich allein befand. »Denn das muß man ihm nachsagen, so streng er auch in Forderung der gespanntesten Aufmerksamkeit während seiner Predigten war, so ließ er uns doch nachher machen, was wir wollten, ja er nahm sogar Theil an unserm Zeitvertreib, wenn er denselben ganz unschuldig fand. Aber diese alten Weiber stecken ganz in Düsterheit, Heimlichkeit und Selbstverleugnung. – Nun, wenn ich denn weder den Fuß vor die Thüre setzen, noch den Kopf zum Fenster hinausstrecken soll, so will ich wenigstens zum Zeitvertreib sehen, was das Innere des Hauses enthält. Vielleicht erwische ich in irgend einem Winkel die blauäugige Lacherin.«

Somit ging er aus dem Gemach hinaus durch die Thüre gegenüber jener, durch welche die beiden Alten sich entfernt hatten (bei ihnen sich einzudrängen hatte er natürlich keine Lust), und wanderte von Gemach zu Gemach, mit knabenhafter Neugier das Gebäude durchstöbernd. Hier kam er durch einen langen Gang, in welchen sich auf beiden Seiten die kleinen Zellen der Nonnen öffneten. Diese Zellen waren alle verlassen und entblößt von dem unbedeutenden Hausrath, den die Ordensregel verstattete.

»Die Vögel sind ausgeflogen,« dachte Roland; »aber ob sie sich schlechter befinden in der freien Luft, als in diesen engen feuchten Käfigen, das überlaß ich der Frau Aebtissin und meiner ehrwürdigen Verwandtin miteinander auszumachen. Ich denke, die junge wilde Lerche, welche sie zurückgelassen haben, würde am liebsten unter Gottes freiem Himmel singen.«

Eine enge Wendeltreppe, deren Unbequemlichkeit geeignet schien, die Nonnen an ihre Pflicht des Fastens und Kasteiens zu erinnern, führte ins Erdgeschoß zu einer Reihe von Gemächern, welche noch mehr verfallen waren, als die bisher besehenen. Sie hatten den ersten Sturm der Verwüster auszuhalten gehabt. Thüren, Fenster, hier und da selbst Zwischenwände waren eingeschlagen. Als Roland so von Zerstörung zu Zerstörung kam und schon daran dachte, die langweilige Beschauung aufzugeben und auf das Zimmer, von welchem er ausgegangen war, zurückzukehren, ward er durch das Brüllen einer Kuh ganz in seiner Nähe überrascht. Der Ton war ihm an dem Orte und in dem Augenblicke so unerwartet, daß er zusammenfuhr, als hätte er die Stimme eines Löwen gehört, und die Hand an den Dolch legte. In demselben Augenblicke erschien in der Thüre des Gemaches, aus welchem der Ton gekommen war, die zarte, liebliche Gestalt von Katharine Seyton.

»Guten Abend, wackerer Kämpe!« sprach sie. »Seit den Tagen Widos Der Übersetzer benutzt hier die germanisch-althochdeutsche Form »Wido« für das im Original verwendete englische bzw. französische »Guy« (italienisch und neuhochdeutsch: »Guido«). – Anm.d.Hrsg. von Warwick war Keiner so würdig, einer grauen Kuh die Stirne zu bieten.«

»Kuh?« entgegnete Roland. »Ich dachte, es wäre der Teufel, der in meiner Nähe brüllte. Wer hat je gehört, daß in einem Kloster ein Kuhstall war!«

»Kalb und Kuh, läßt man hier jetzt zu,« antwortete Katharine, »denn wir sind jetzt nicht im Stande, sie auswärts zu halten. Aber ich rathe Euch, lieber Herr, wieder hinzugehen, wo ihr hergekommen seid.«

»Nicht eher, als bis ich Euren Pflegling gesehen, schöne Schwester,« entgegnete Roland, und trat in das Gemach ein, ungeachtet der halb ernsthaften, halb mit lachendem Munde gemachten Einwendungen des Mädchens.

Die arme, einsame Kuh, jetzt die einzige eigentliche Klausnerin in dem Kloster, hatte zur Wohnung ein geräumiges Zimmer, welches einst der Speisesaal der Nonnen gewesen war. Die Decke ward durch ein geripptes Gewölbe gebildet, die Wand war mit Nischen verziert, aus welchen die Heiligenbilder herausgeworfen waren. Diese Reste zierlicher Baukunst bildeten einen besonderen Gegensatz zu dem plumpen Stall, der in einer Ecke des Gemaches für die Kuh gebaut, und zu dem Heuschober, welcher daneben aufgehäuft war.

»Meiner Treue,« sprach Roland, »das Grauchen hat hier eine herrlichere Wohnung als irgend Jemand in dem Hause!«

»Ihr thätet am besten, bei ihr zu bleiben und mit kindlicher Sorgfalt die Stelle ihres Sprößlings einzunehmen, welchen sie das Unglück gehabt hat zu verlieren,« versetzte Katharine.

»Wenigstens, hübsches Katharinchen, will ich dableiben, um Euch ihr Nachtlager bereiten zu helfen,« erwiderte Roland, indem er eine Mistgabel ergriff.

»Nein, nein,« sprach Katharine, »erstlich versteht Ihr nicht, ihr diesen Dienst zu erweisen, und zweitens werdet Ihr mir ein Ausschelten zuziehen, was mir ohne dem oft genug zu Theil wird.«

»Was? dafür, daß Ihr meinen Beistand annehmet?« sprach der Jüngling, – » meinen Beistand, der ich Euer Verbündeter in einem hochwichtigen Geschäft sein soll? das wäre ja gar zu unvernünftig. – Und da es mir eben einfällt, so sagt mir doch, was ist das für eine gewaltige Unternehmung, zu der ich bestimmt bin?«

»Ein Vogelnest auszunehmen, sollt' ich denken in Betracht des Kämpen, den sie auserwählt haben,« antwortete Katharine.

»Meiner Treu,« versetzte der Jüngling, »wer ein Falkennest ausgenommen hat auf den nackten Felsen von Polmoodie, der darf sich Etwas darauf einbilden, schöne Schwester. – Doch das ist jetzt vorbei. Der Teufel hol' das Nest, die Nestlinge und ihr Futter, gewaschen oder ungewaschen; denn das Füttern dieser Laufevögel war am Ende die Ursache, daß ich auf diese gefährliche Wanderfahrt geschickt worden bin. Abgesehen davon, daß ich das Glück gehabt habe, Euch, schöne Schwester, anzutreffen, könnt' ich das Heft meines Dolches fressen vor Verdruß über meine Thorheit. Aber da wir Reisegefährten sein sollen – – –«

»Arbeitsgefährten, nicht Reisegefährten,« fiel das Mädchen ein. »Denn zu eurem Troste sei es gesagt, daß die Frau Aebtissin und ich morgen früher abreisen, als Ihr und Eure verehrte Verwandtin, und daß ich Eure Gesellschaft gegenwärtig zum Theil um deswillen dulde, weil es vielleicht lange dauert, ehe wir wieder zusammentreffen.«

»Beim heiligen Andreas, das geht nicht,« antwortete Roland. »Wenn ich jagen soll, so thue ich es nicht anders, als daß wir nebeneinander jagen.«

»Ich fürchte,« entgegnete Katharine, »daß wir in diesem und in andern Stücken thun müssen, wie wir geheißen werden. – Horch! ich höre die Stimme meiner Tante.«

Wirklich trat die alte Dame ein und schoß einen strengen Blick auf ihre Nichte, indeß Roland Besonnenheit genug hatte, sich mit dem Stricke der Kuh zu schaffen zu machen.

»Der junge Herr,« sprach Katharine ernsthaft, »hilft mir eben die Kuh fester an ihren Pfosten anbinden, denn vergangene Nacht hatte sie den Kopf zum Fenster hinausgestreckt und mit ihrem Brüllen das ganze Dorf in Aufruhr gebracht. Die Ketzer werden uns im Verdacht der Zauberei haben, wenn sie die Ursache der Erscheinung nicht entdecken, oder wir werden unsere Kuh verlieren, wenn sie dieselbe gewahr werden.«

»Seid deswegen außer Sorgen,« sprach die Aebtissin etwas spöttisch; »denn die Person, an welche sie verkauft ist, kommt so eben, sie abzuholen.«

»Also gute Nacht, meine arme Gesellschafterin,« sprach, Katharine, das Thier auf die Schultern patschend. »Ich will hoffen, du kommst in gute Hände, denn meine glücklichsten Stunden sind in der letzten Zeit die gewesen, wo ich dich gewartet habe; – ich wollte, ich wäre zu keinem besseren Geschäft geboren worden.«

»Pfui über dich, du schwachherzige Dirne!« rief die Aebtissin. »Ist das eine Rede, wie sie einer Person des Namens Seyton ziemt? oder einer Schwester dieses Hauses, die auf dem Pfade der Auserwählten wandelt? – und obendrein eine Rede, ausgesprochen vor einem fremden jungen Manne? – Geh' in mein Betzimmer, Kind, lies dort deine Horen, bis ich komme und dir eine Vorlesung halte, welche dich den Segen, den du besitzest, soll schätzen lehren.«

Katharine wollte sich schweigend entfernen mit einem halb betrübten, halb schalkhaften Blick auf Roland, als wollte sie sagen: »Ihr seht, was Euer unzeitiger Besuch mir zugezogen hat.« Plötzlich aber besann sie sich, ging auf Roland zu und reichte ihm die Hand, indem sie ihm guten Abend sagte. Der Händedruck hatte stattgefunden, noch ehe die erstaunte Alte dazwischen treten konnte, und Katharine hatte Zeit zu sagen:

»Verzeiht mir, Mutter. Wir haben lange kein freundliches Gesicht gesehen. Seitdem die Unordnungen im Lande in unsere stille Zurückgezogenheit eingebrochen sind, haben wir nur Düsterheit und Uebelwollen erblickt. Ich sage diesem jungen Menschen freundlich Lebewohl, weil er in Freundlichkeit zu uns gekommen ist, und weil Zehn gegen Eins zu wetten ist, daß wir uns in dieser Welt nie wieder treffen. Ich sehe besser als er, daß die Unternehmungen, in welche Ihr Euch stürzt, zu groß sind, als daß Ihr die Leitung in Eurer Gewalt behalten könntet, und daß Ihr jetzt einen Stein rollt, der Euch am Ende sicher zerquetschen wird. Ich sage dem Opfer, das mit mir fallen wird, Lebewohl!«

Sie sprach dies in einem Tone tiefen Gefühls, welcher gänzlich von ihrem gewöhnlichen leichten Wesen verschieden war, und bewies, daß unter der Oberfläche jugendlicher Flatterhaftigkeit und gänzlicher Unerfahrenheit mehr Verstand und Gefühl verborgen war, als ihr bisheriges Benehmen an den Tag gelegt hatte.

Die Aebtissin verließ schweigend mit ihr das Gemach. Die beabsichtigte Zurechtweisung erstarb ihr auf der Zunge, und der ahnungsvolle Ton, in welchem ihre Nichte guten Abend gesagt hatte, schien sie ergriffen zu haben. So ging sie voran in das Zimmer, wo sie zuvor gewesen waren, und in welchem einige kleine Erfrischungen wie die Aebtissin es nannte, bereitet waren, bestehend in Milch und Gerstenbrod. Magdalene Graeme kam auf erhaltene Einladung aus dem anstoßenden Gemache, Katharine aber ließ sich nicht mehr sehen. Während des kurzen Mahles ward wenig gesprochen, und nach Beendigung desselben ward Roland in die nächste Zelle entlassen, wo ihm eine Lagerstätte bereitet war.

Die sonderbaren Umstände, in welchen er sich befand, hatten die gewöhnliche Wirkung, daß sie ein baldiges Einschlafen verhinderten. Ein anhaltendes Murmeln in dem Gemach, welches er verlassen hatte, ließ ihn vermuthen, daß die beiden alten Weiber bis spät in die Nacht ihre Berathung fortsetzten. Er hörte, wie sie sich trennten, und wie die Aebtissin sagte:

»Mit einem Worte, Schwester, ich verehre Euren Charakter und die Gewalt, mit welcher meine Obern mich bekleidet haben. Doch scheint es mir, wir sollten, bevor wir diesen gefährlichen Weg betreten, einen oder den andern unter den Vätern der Kirche zu Rathe ziehen.«

»Und wie und wo sollen wir einen getreuen Bischof oder Abt finden, bei welchem wir uns Raths erholen könnten?« entgegnete Magdalene.

»Der getreue Eustachius ist nicht mehr; er ist entrückt einer Welt voll Uebel und der Tyrannei der Ketzer. Möge Gott und Unsere liebe Frau ihn von seinen Sünden loszählen und die Büßung seiner menschlichen Schwächen abkürzen! Wo sollen wir einen Anderen finden, mit welchem wir zu Rathe gehen könnten?«

»Gott wird für seine Kirche sorgen,« erwiderte die Aebtissin, »und die getreuen Väter, welche noch in dem Gotteshause zu Kennaquhair geduldet sind, werden zur Wahl eines Abtes schreiten. Sie werden den Stab nicht fallen, die Inful nicht im Winkel stehen lassen auf die Drohungen der Ketzerei hin.«

»Das werd' ich morgen erfahren,« sprach Magdalene Graeme. »Doch wer übernimmt jetzt auch nur für eine Stunde ein Amt anders, als um mit den Räubern Theil an der Plünderung zu nehmen? Der morgende Tag wird uns sagen, ob Einer der tausend Heiligen, die aus diesem Gotteshause hervorgegangen sind, noch ferner auf dasselbe in seinem Elend herabblickt. Lebe wohl, Schwester; zu Edinburg treffen wir uns.«

»Benedicite!« antwortete die Aebtissin, und Beide trennten sich.

»Also nach Kennaquhair und nach Edinburg geht unser Weg,« dachte Roland. »Diese Kunde hab' ich durch eine schlaflose Stunde gewonnen. Das paßt ganz zu meinen Absichten. Zu Kennaquhair werd' ich den Pater Ambrosius sehen, zu Edinburg gedenk' ich Mittel zu finden, mir einen Weg in der Welt zu bahnen, ohne meine liebreiche Alte länger zu belästigen. Und zu Edinburg werd' ich auch die kleine Hexe von Novize wieder sehen mit ihren blauen Augen und ihrem reizenden Lächeln.«

Er schlief ein und träumte von Katharine Seyton.

 

Anmerkung zum Kapitel:

Die Schilderung des Katharinenklosters wie die der Cuthbertsklause beruht auf Dichtung. Einen oder zwei Züge von der Verödung im Innern habe ich aus einer Erzählung meines Vaters entlehnt. In seiner Jugend (also etwa vor achtzig Jahren, denn er war 1729 geboren) hatte er einen Besuch bei einer alten Edelfrau in einer berühmten Grenzburg zu machen. Ein sehr kleiner Theil des weitläufigen verfallenen Gebäudes reichte zur Wohnung für die damaligen Besitzer hin. Mein Vater machte sich einen Zeitvertreib daraus, die unbewohnten Theile zu durchwandern. In einem Speisezimmer mit herrlich gewölbter Decke lag ein großer Haufen Heu, zu welchem sich von verschiedenen Seiten Kälber herbeidrängten. Während mein Vater eine dunkle verfallene Wendeltreppe hinaufstieg, lief ein Windhund vor ihm hinauf und rettete ihm dadurch wahrscheinlich das Leben. Das Thier stürzte nämlich durch eine Fallthür oder Oeffnung in der Treppe und offenbarte damit seinem Herrn die Gefahr des weiteren Hinaufgehens. Da der Hund aus einer großen Tiefe heraufheulte, so holte mein Vater den alten Kellermeister herbei, der unter Allen noch am Besten in dem Schloß Bescheid wußte, und ließ ihn eine Art von Stall aufschließen, in welchem sich Packan gesund und wohlbehalten fand, da der Ort mit demselben Stoff angefüllt war, wie die Ställe des Augias, somit das Thier nicht hart aufgefallen war.

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