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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Neuntes Kapitel.

Knie' nieder – schwör's – auf Worte bau' ich nicht,
Wenn sie nicht wahrt ein Aufruf an den Himmel.

Altes Schauspiel.

Aus einem gesunden Schlafe, zu welchem ihn Anstrengung und Ermattung vorbereitet hatten, ward Roland durch die frische Morgenluft und durch die Strahlen der aufgehenden Sonne erweckt. Sein erstes Gefühl war das der Ueberraschung. Denn anstatt durch ein Thurmfenster auf den See von Avenel zu sehen, wie in seinem früheren Schlafgemach, erblickte er jetzt durch eine unvergitterte Oeffnung den verwüsteten Garten des vertriebenen Einsiedlers. Er setzte sich auf in seinem Laubbette und ordnete in seinem Gedächtniß nicht ohne Verwunderung die sonderbaren Begebenheiten des vorigen Tages, die ihm um so sonderbarer vorkamen, je mehr er sie betrachtete. Er hatte die Beschützerin seiner Jugend verloren, und an demselben Tage hatte er die Führerin und Bewahrerin seiner Kindheit wiedergefunden. Jener Verlust schien ihm der Gegenstand steten Bedauerns sein zu müssen, und zu diesem Wiederfinden, meinte er, dürfte er sich nicht unbedingt Glück wünschen. Er erinnerte sich, daß diese Frau, welche zu ihm im Verhältniß einer Mutter gestanden hatte, eben so herrisch als liebevoll gegen ihn gewesen war. Eine sonderbare Mischung von Zuneigung und Furcht war mit seinen frühesten Erinnerungen an sie verknüpft, und die Besorgniß, daß sie Lust haben möchte, seine Bewegungen wieder ihrem gebieterischen Willen zu unterwerfen, – eine Besorgniß, welche zu verbannen ihr Benehmen am vergangenen Abend gar nicht geeignet war – lag schwer in der Wagschale gegen die Freude des Wiederfindens.

»Sie kann nicht im Sinn haben, mich wie einen Mündel zu gängeln, jetzt wo ich alt genug bin, zu beurtheilen, was ich thun und lassen soll. Sie kann das nicht beabsichtigen, oder wenn sie es thut, wird sie sich gewaltig getäuscht finden.«

So sprach sein Stolz. Aber das Gefühl der Dankbarkeit gegen Diejenige, wider welche sein Herz sich auflehnte, that jener Empfindung Einhalt. Er bekämpfte jene unwillkührlich aufsteigenden Gedanken, gleichsam wie eine Versuchung des Teufels. Um sich zu diesem Kampfe zu stärken, griff er nach seinem Rosenkranz. Aber den hatte er bei seinem eilfertigen Abgang von Schloß Avenel vergessen und zurückgelassen.

»Das ist schlimm,« sprach er. »Zwei Dinge hat sie mir auf die Seele gebunden: den Rosenkranz zu beten und es zu verheimlichen. Ich habe mein Wort bis jetzt gehalten, und wenn sie nach dem Rosenkranz fragt, muß ich sagen, ich habe ihn vergessen! Kann ich verlangen, daß sie meiner Versicherung in Betreff der Bewahrung des Geheimnisses meines Glaubens traut, wenn ich das Sinnbild dieses Glaubens so leichtsinnig außer Acht gelassen habe?«

Unruhig ging er in dem Gemache auf und ab. Gewiß war seine Anhänglichkeit an seinen Glauben sehr verschieden von der Schwärmerei seiner Großmutter, allein ihm untreu zu werden, wäre gewiß sein letzter Gedanke gewesen. Die Gebote einer Großmutter waren einer von Haus aus hartnäckigen Seele eingeprägt. So sehr er damals auch noch Kind war, hatte er doch Stolz empfunden über das ihm geschenkte Vertrauen, und hatte den Entschluß gefaßt, solches Vertrauen zu rechtfertigen. Freilich war aber dieser Entschluß der eines Kindes gewesen, und er würde vor Lehre und Beispiele entgegengesetzter Art verschwunden sein ohne die Ermahnungen von Pater Ambrosius, im weltlichen Stande Edward Glendinning genannt. Dieser eifrige Mönch war durch einen Brief ohne Namen, den ein Pilger ihm überbracht hatte, unterrichtet worden, daß ein im katholischen Glauben erzogenes Kind sich jetzt im Schloß Avenel befand, in eben so gefährlicher Lage wie die drei Kinder, welche einst in den feurigen Ofen der Verfolgung geworfen wurden. Der Brief machte den Pater Ambrosius verantwortlich dafür, wenn dies ungern im Bereich des Wolfes gelassene einsame Lamm am Ende die Beute desselben würde. Bei dem Mönche bedurfte es keiner weiteren Ermahnung, als die Nachricht, daß eine katholische Seele der Gefahr des Abfalls ausgesetzt sei. Von da an wurden seine Besuche auf Schloß Avenel häufiger, und er fand immer Gelegenheit zu heimlicher Ermunterung und Belehrung.

Jene Besuche konnten aber weder häufig noch lang genug sein, um dem Knaben mehr einzuflößen, als eine blinde Anhänglichkeit an die Gebräuche, welche der Priester ihn lehrte, und die Befestigung seines Entschlusses, sein Geheimniß zu bewahren. Jene Anhänglichkeit beruhte mehr auf der Meinung, daß es schimpflich sei, dem Glauben seiner Väter untreu zu werden, als auf Ueberzeugung von der Wahrheit der Lehren desselben. Er betrachtete seinen Glauben als ein Hauptunterscheidungszeichen von seinen Umgebungen, und hielt sich kraft desselben um so mehr berechtigt, diejenigen Hausgenossen, welche ihn nicht leiden konnten, zu verachten, und den Ermahnungen des Kaplans Warden sein Ohr zu verschließen.

»Der Schwärmer!« dachte er bei sich während mancher der häufigen Reden des Kaplans gegen die römische Kirche. »Er läßt sich nicht träumen, welche Ohren eine heillose Lehre vernehmen, und mit welchem Abscheu sie eine Lästerungen gegen die heilige Religion anhören, durch welche Könige irdische, und Märtyrer himmlische Kronen erlangt haben!«

Aber in solchen Gedanken stolzen Trotzes gegen die Ketzerei und ihre Bekenner, und in dem an jene Gedanken geknüpften Gefühle edler Unabhängigkeit, sowie in dem Gefühl des Widerwillens gegen den Protestantismus, dessen Lehrer Warden seinen stolzen Sinn beugen wollte – in diesen Gedanken und Gefühlen bestand aber auch der ganze Glaube Rolands. Es fiel ihm nicht ein, Belehrung über die Glaubensformeln zu suchen, zu welchen er sich bekannte. Sein Schmerz über den Verlust des Rosenkranzes, der ihm durch Pater Ambrosius in die Hände gespielt worden war, glich mehr der Scham eines Kriegers, der sein Feldzeichen verloren hat, als der eines frommen Eiferers, der nachlässig gewesen ist in Bewahrung eines sichtbaren Zeichens seiner Religion.

Jedenfalls war es demüthigend für ihn, zu denken, daß seine Nachlässigkeit seiner Großmutter kund werden dürfte.

»Niemand als sie,« dachte er, »hat dem Pater Ambrosius diesen Rosenkranz für mich geschickt, und meine Nachlässigkeit ist eine schlechte Vergeltung ihrer Güte, sie wird nicht unterlassen, mich nach demselben zu fragen, und wenn sie nicht ihre gewohnte Weise abgelegt hat, wird meine Antwort sie sicher in Zorn bringen.«

Während dieses Selbstgesprächs trat Magdalene Graeme in das Gemach. »Den Morgensegen über dein jugendliches Haupt, mein Sohn!« sprach sie mit einer Feierlichkeit, welche dem Jüngling zum Herzen drangen. Schwermüthig und ernst floß der Segen von ihren Lippen in einem Tone, worin Frömmigkeit und mütterliches Gefühl vereinigt waren. »So früh bist du aufgestanden von deinem Lager, um den ersten Hauch der Dämmerung zu erhaschen! Das ist nicht recht, Roland. Genieße des Schlummers so lange du kannst. Bald wird die Zeit kommen, wo waches Auge dein Loos sein wird, wie das meine.«

Der Ton, in welchem sie sprach, bewies, daß trotz der gewöhnlichen Beschäftigung ihrer Seele mit Andachtsübungen doch der Gedanke an ihren Pflegling sie noch mit den Banden menschlicher Empfindung an die Erde fesselte. Aber sie blieb nicht lange in dieser Stimmung, welche sie vermuthlich als ein augenblickliches Vergessen ihres hohen Berufes betrachtete, und mit verändertem Ton rief sie:

»Auf, Jüngling, und rege dich. Es ist Zeit, daß wir diesen Ort verlassen!«

»Und wohin gehen wir?« fragte Roland. »Und was ist der Zweck unserer Reise?«

Die Alte trat einen Schritt zurück und betrachtete ihren Enkel mit Staunen und Unwillen.

»Wozu eine solche Frage?« sprach sie. »Ist es nicht genug, daß ich vorangehe? Hast du so lange mit Ketzern zusammengelebt, daß du endlich gelernt hast, dein eignes dünkelhaftes Urtheil an die Stelle gebührender Ehrerbietung und geziemenden Gehorsams zu setzen?«

»Jetzt ist es Zeit,« dachte Roland bei sich, »entweder meine Freiheit zu behaupten oder auf ewig ein gehorsamer Sklave zu sein.«

Aber noch ehe er etwas erwidern konnte, ging seine frühere Ahnung in Erfüllung. Sie kam auf den Gegenstand zurück, der ihre Seele für gewöhnlich zu beschäftigen schien, obwohl sie, wenn sie wollte, so gut wie nur irgend Jemand ihre Religion verheimlichen konnte.

»Dein Rosenkranz, mein Sohn!« sprach sie. »Hast du deinen Rosenkranz gebetet?«

Roland erröthete. Er sah den Sturm herankommen, verschmähte aber, ihn durch eine Lüge abzuwenden, und erklärte frei:

»Ich habe meinen Rosenkranz auf der Burg Avenel gelassen.«

»Deinen Rosenkranz vergessen?« rief sie, »Untreu der Religion und dem Gebot der Natur, hast du verloren, was dir aus so weiter Ferne und mit solcher Gefahr gesandt worden war – ein Zeichen treuester Liebe, an welchem jede Perle dir hätte so theuer sein sollen, wie dein Augapfel?«

»Es thut mir leid, Mutter,« antwortete der Jüngling; »er war mir ein theures Andenken von Euch. Im Uebrigen hoffe ich Gold genug zu gewinnen, wenn ich mich ins Leben werfe, und bis dahin muß ein Rosenkranz von schwarzem Eichenholz oder von Haselnüssen aushelfen.«

»Da hör' ein Mensch!« rief die Großmutter. »So jung, wie er ist, hat er schon die Lehren der Teufelsschule inne! Der vom heiligen Vater selber geweihte und durch einen Segen geheiligte Rosenkranz ist ihm weiter Nichts als eine Anzahl goldener Knöpfe, deren Werth er durch gemeinen Erwerb ersetzen kann, und deren Kraft auch einigen aufgereihten Haselnüssen beiwohnt! Das ist Ketzerei! So hat Heinrich Warden, der Wolf, der in der Heerde wüthet, dich denken und sprechen gelehrt.«

»Mutter,« versetzte Roland, »ich bin kein Ketzer. Ich glaube und bete nach den Vorschriften der Kirche. Ich bedaure diesen Unfall, aber ich kann ihn nicht ändern.«

»Du kannst ihn bereuen,« entgegnete seine geistliche Führerin, »bereuen in Staub und Asche, Buße dafür thun durch Fasten und Beten, statt mich anzusehen mit einer Miene, als hättest du bloß einen Knopf aus deiner Mütze verloren.«

»Mutter,« antwortete der Jüngling, »beruhigt Euch. Ich will meinen Fehler bekennen in der nächsten Beichte, zu der ich Gelegenheit finde, und ich will thun, was der Priester mir als Buße auferlegt. Mehr kann ich für das schwerste Vergehen nicht thun. – Aber, Mutter,« fuhr er nach einer augenblicklichen Pause fort, »laßt es Euch nicht ferner mißfallen, wenn ich Euch frage, wohin unsere Reise geht, und was ihr Zweck ist. Ich bin kein Kind mehr, ich bin ein Mann, der selber über sich verfügt. Ich habe Flaum am Kinn und ein Schwert an der Seite. Ich will Euch zu gefallen mit Euch bis ans Ende der Welt gehen; aber ich bin es mir selber schuldig, nach Ziel und Zweck der Wanderung zu fragen.«

»Du bist es dir selber schuldig, undankbarer Knabe?« fragte die Alte, auf deren längst erblichener Wange die Röthe des Zornes aufstieg. »Dir selber bist du nichts schuldig, kannst du Nichts schuldig sein. Mir bist du Alles schuldig: dein Leben, als du ein kleines Kind warst, deinen Unterhalt, als du gehen und stehen konntest, die Mittel des Unterrichts und die Hoffnung auf Ehre. Ehe du die edle Sache verlassen solltest, der ich dich geweiht habe, wollte ich dich lieber als Leiche zu meinen Füßen sehen!«

Beunruhigt durch die heftige Aufregung, mit welcher sie sprach, und welche ihren alten Körper zu erschüttern drohte, beeilte sich Roland zu antworten:

»Ich vergesse nichts von dem, was ich Euch verdanke, theuerste Mutter. Zeigt mir, wie mein Blut meine Dankbarkeit bewähren kann, und Ihr sollt sehen, ob ich es spare. Aber blinder Gehorsam ist so wenig verdienstlich, wie vernünftig.«

»Heilige und Engel!« rief Magdalene, »muß ich diese Worte hören von dem Kind meiner Hoffnung? von dem Pflegling, an dessen Bette ich geknieet, und um dessen Wohl ich jeden Heiligen im Himmel mit Bitten bestürmt habe? Roland, nur durch Gehorsam kannst du deine Liebe und Dankbarkeit beweisen. Was hälfe es, wenn du vielleicht den Gang, den ich dir vorschreibe, befolgtest, nachdem ich ihn dir erklärt hätte? Du würdest dann nicht meinem Gebot folgen, sondern deinem eignen Ermessen; du würdest dann nicht den Willen Gottes thun, mitgetheilt durch deine beste Freundin, der du Alles verdankst, sondern du würdest den Eingebungen deiner blinden Vernunft folgen. Höre mich an, Roland! du bist zu einer Bestimmung berufen, der herrlichsten, die einem Menschen werden kann, und es ist die Stimme deiner ältesten, besten, einzigen Freundin, durch die du berufen wirst. Willst du widerstehen? Dann gehe deines Weges, verlaß mich hier – meine Hoffnungen auf Erden sind dann dahin. Ich will vor jenem entweihten Altar niederknieen, und wenn die rasenden Ketzer zurückkehren, mögen sie ihn mit dem Blut einer Märtyrerin benetzen!«

»Theuerste Mutter,« sprach Roland, dessen früheste Erinnerungen an ihre Heftigkeit durch diesen leidenschaftlichen Ausbruch erneuert wurden, »ich will Euch nicht verlassen. Ich will bei Euch bleiben; keine Welt soll mich von Eurer Seite reißen. Ich will Euch schützen, vertheidigen. Ich will mit Euch leben und für Euch sterben!«

»Ein Wort, mein Sohn!« entgegnete die Alte, »wiegt alles dies auf. Sage mir: Ich will Euch gehorchen.«

»Zweifelt nicht daran, Mutter,« versetzte der Jüngling. »Ich will es und zwar von Herzen gern. Nur – –«

»Nein, ich lasse keine Beschränkungen dieses Versprechens gelten,« unterbrach die Alte. »Der Gehorsam, den ich verlange, ist unbedingt, und Segen über dich, du theures Angedenken von meinem geliebten Kinde, daß du die Kraft hat, ein menschlichem Stolze so schwer fallendes Versprechen abzulegen. Glaube meinem Wort, daß du in dem Unternehmen, welches du beginnt, zu Genossen hat die Mächtigen und Tapferen, die Macht der Kirche und den Stolz des Adels. Gelingen oder Mißlingen, Leben oder Sterben – dein Name wird mit den Namen Derer vereinigt werden, in Gemeinschaft mit welchen Gelingen und Mißlingen gleich ruhmvoll, Leben und Tod gleich wünschenswerth sind. Also vorwärts! vorwärts! Das Leben ist kurz und unser Plan ist schwierig. Engel, Heilige und alle himmlischen Heerschaaren haben jetzt ihre Augen auf dies unfruchtbare, vom Hauche des Verderbens getroffene Schottland gerichtet – was sag' ich? Auf Schottland? Nein auf uns, Roland, auf das schwache Weib, auf den unerfahrenen Jüngling, welche unter den Trümmern, in welche Verruchtheit das Heiligthum verwandelt hat, sich der Sache Gottes und ihrer rechtmäßigen Herrscherin weihen. Amen, so sei es! Die gesegneten Augen von Heiligen und Märtyrern, welche unseren Entschluß sehen, sollen Zeugen der Ausführung sein, oder ihre Ohren, die unser Gelübde hören, sollen unseren Todesseufzer hören, wenn wir umkommen für die heilige Sache.«

Bei diesen Worten hielt sie den Jüngling mit einer Hand fest, während sie mit der andern nach oben deutete, gleichsam um ihm jeden Einspruch gegen die Anrufung, welche mit in seinem Namen geschah, unmöglich zu machen. Nachdem sie ihre Anrede an den Himmel vollendet, ließ sie ihm nicht Zeit zu weiterem Zaudern oder zur Forderung einer Erklärung über ihr Vorhaben. Eben so plötzlich wie am vorigen Abend ging sie aus der feierlichen Rede zu dem Gespräch einer sorgsamen Mutter über und bestürmte ihn mit Fragen über seinen Aufenthalt auf Schloß Avenel und über die Ausbildung, die er dort erlangt hatte.

»Das ist recht,« sprach sie, nachdem sie ihre Wißbegier befriedigt; »mein Edelfalk ist wohl abgerichtet worden und wird hoch fliegen; aber die, so ihn erzogen, werden Ursache finden, sich wegen der Höhe seines Fluges nicht nur zu verwundern sondern auch zu fürchten. – Jetzt zum Morgenimbiß, und mache dir keine Sorgen darum, daß er spärlich ausfällt. Ein Gang von wenigen Stunden wird uns in gastlichere Wohnungen bringen.«

Ihr Frühstück bestand aus dem Ueberrest der Vorräthe des vergangenen Tages, und so wie es beendigt war, brachen sie auf. Magdalene Graeme ging festen und raschen Schrittes, wie man es von ihren Jahren nicht erwarten durfte, voran, und Roland folgte, gedankenvoll und unruhig und keineswegs zufrieden mit dem Zustand von Abhängigkeit, in welchen er wieder versetzt zu sein schien.

»Soll ich denn ewig,« sprach er für sich, »von dem glühenden Verlangen nach Unabhängigkeit und Selbstthätigkeit verzehrt werden und doch ewig durch Umstände in die Lage versetzt sein, dem Willen Anderer gehorchen zu müssen?«

Die Bezeichnung »Edelfalk« in der Schlußrede der alten Magdalene ist aus einem schönen alten Volkslied entlehnt, welches unter dem Titel »Fause Foodrage« in der, Sammlung schottischer Grenzerlieder enthalten ist. Eine vom Thron verdrängte Königin vertauscht ihren unmündigen Sohn, um ihn vor den Verräthern zu retten, die seinen Vater erschlagen haben, mit der Tochter einer treuen Freundin, und läßt sich aus über die Erziehung der Kinder und über die geheimen Bezeichnungen, unter welchen sie sich wechselseitig Nachricht von ihren Kindern geben wollen.

»Es lernt bei Euch mein Edelfalk
Wohl bändigen ein Pferd,
Und ich lehr' lesen Eure Taub'
Und schreiben, wie begehrt.
Lehrt brauchen meinen Edelfalk
Den Bogen und das Schwert,
Und ich lehr' Eure Turteltaub'
Sich schmücken, wie begehrt.
Und in der Kirch' und auf dem Markt
Heißt's bei uns: mit Verlaub,
Frau, sprecht, was macht mein Edelfalk?
Wie geht's, Frau, meiner Taub'?«

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