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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Siebentes Kapitel.

Wenn i zwischen den Fingern a Sechserle hab,
Krieg' i Kredit in a jedweder Stadt.
Doch bin i arm, dann heißt's: Troll di fort!
Armuth trennt Freundschaft an jeglichem Ort.

Altes Lied.

Während der Abgang des Edelknaben Anlaß zu der im vorigen Kapitel mitgetheilten Unterredung gab, hatte der ehemalige Günstling schon eine ziemliche Strecke seines einsamen Weges zurückgelegt, ohne zu wissen, welches Ziel er vor sich hatte. Den Nachen, in welchem er die Burg verlassen, hatte er nach der vom Dorf entferntesten Stelle des Ufers gerudert, weil er von den Bewohnern desselben nicht bemerkt werden wollte. Sein Stolz flüsterte ihm zu, daß er in seinem Zustand der Ungnade lediglich der Gegenstand ihrer Verwunderung und ihres Mitleids sein würde, und sein Edelsinn sagte ihm, daß jedes Zeichen von Theilnahme an seiner Lage Anlaß zu einer mißgünstigen Meldung im Schloß geben würde. Ein unbedeutender Vorfall überzeugte ihn übrigens, daß er in letzterer Beziehung wegen seiner Freunde außer Sorgen sein durfte. Es begegnete ihm ein junger Mann, der einige Jahre älter war, als er, und sich früherhin überglücklich geschätzt hatte, an seiner Kurzweil im Wald und am Wasser als Handlanger Theil nehmen zu dürfen. Rolf Fischer ging auf ihn zu und grüßte ihn mit der Zutraulichkeit eines demüthigen Freundes.

»Ei, Ei, Meister Roland, hier im Feld, und ohne Hund und Habicht?«

»Wer weiß, ob ich je wieder einem Habicht oder Hund zurufe,« versetzte Roland. »Ich bin fortgeschickt, das heißt, ich habe das Schloß verlassen.«

Rolf staunte. »Was? Ihr sollt in den Dienst des Ritters übertreten, die schwarze Jacke anziehen und die Lanze nehmen?«

»Nein,« antwortete Roland. »Ich verlasse den Dienst von Avenel für immer.«

»Und wo geht Ihr hin?« fragte der Bauernbursch.

»Das ist eine Frage, die zu ihrer Beantwortung Zeit erfordert,« versetzte der verungnadete Günstling. »Diesen Punkt hab' ich erst noch ins Reine zu bringen.«

»Ei was,« sprach Rolf, »ich bin Euch gut dafür, es ist einerlei, welchen Weg Ihr einschlagt. Die gnädige Frau hat Euch gewiß nicht eher entlassen, als bis sie Euch die Taschen Eures Wamses ein wenig ausgestopft hatte.«

»Schmutziger Sklav!« rief Roland, »meinst du, ich hätte eine Gabe angenommen von einer Person, die mich der Verleumdung und dem Verderben Preis gibt auf Anstiften eines salbadernden Predigers und einer naseweisen Magd? Das Brod, welches ich mit einem solchen Almosen erkauft hätte, würde mich beim ersten Bissen erstickt haben.«

Rolf betrachtete seinen weiland Freund mit der Miene der Verwunderung und halber Verachtung.

»Wozu sich ereifern?« sprach er endlich. »Jeder kennt seinen Magen am besten. Wäre ich um diese Tageszeit auf einem schwarzen Moorgrund und wüßte nicht, wohinaus, so würde es mir gar nicht unlieb sein, einen Goldgulden oder zwei in der Tasche zu haben, möchte ich dazu gekommen sein wie ich wolle. – Wollt Ihr vielleicht mit mir gehen in meines Vaters Haus, das heißt für eine Nacht, denn auf morgen erwarten wir unsern Oheim Nickel mit all seinen Leuten – wie gesagt, für eine Nacht.«

Die lieblose Beschränkung des Anerbietens einer Unterkunft auf eine einzige Nacht und die geringe Herzlichkeit des Anerbietens überhaupt empörte Rolands Stolz.

»Lieber will ich auf dem frischen Haidekraut schlafen, wie ich manche Nacht ohne Noth gethan habe, als in der räucherigen Höhle Eures Vaters, die nach Braunkohlendunst und Schnaps riecht, wie eines Hochländers Mantel.«

»Meinetwegen, junger Herr, wenn Ihr so ekel seid,« versetzte Rolf Fischer. »Ihr werdet vielleicht noch Gott danken, wenn Ihr ein Braunkohlenfeuer riecht und einen Schnaps, falls Ihr lange in der Weise wandert, wie ihr vorhabt. Ihr hättet die Finger lecken sollen nach meinem Anerbieten. Nicht Jeder hat Lust, sich Unwillen zuzuziehen durch Herbergung eines fortgeschickten Dieners.«

»Rolf« sprach Roland Graeme, »erinnert Euch, daß ich Euch seiner Zeit durchgewichst habe, und dies ist dieselbe Reitgerte, welche Ihr geschmeckt habt.«

Rolf, ein vierschrötiger ausgewachsener Bauernlümmel und sich seiner völligen Ueberlegenheit bewußt, lachte verächtlich über die Drohungen des feingebauten Jungen.

»Es ist vielleicht noch derselbe Stock, aber nicht mehr derselbe Rock,« versetzte er, »und dieser Reim ist so gut, als fände er in einem Lied. Seht, weiland meiner gnädigen Frau Edelknabe, wenn Ihr Eure Gerte aufhobt, da war es nicht Furcht vor Euch, sondern vor denen über Euch, die meine Gerte unten hielt, und ich weiß nicht, was mich abhält, alte Schulden mit diesem Haselstecken abzuzahlen, und Euch zu zeigen, daß es Eurer gnädigen Frau Livree war, die ich schonte, und nicht Euer Fleisch und Blut, Meister Roland.«

So wüthend Roland Graeme war, hatte er doch noch Besonnenheit genug, um zu sehen, daß er sich durch Fortsetzung dieses Wortwechsels eine derbe Züchtigung von dem Bauer zuziehen würde, der so viel älter und stärker war als er. Während sein Gegner mit Hohnlachen ihn herauszufordern schien, fühlte er die ganze Bitterkeit seiner Erniedrigung und brach in einen Strom von Thränen aus, welche er vergebens mit beiden Händen zu verbergen suchte. Selbst der rauhe Bauer wurde durch die Noth seines ehemaligen Gefährten gerührt.

»Nein, Meister Roland,« sprach er, »ich habe bloß Spaß mit dir gemacht. Ich möchte dir Nichts zu leide thun, wär' es auch nur um alter Bekanntschaft willen. Aber sieh' in Zukunft auf das Maß eines Mannes, ehe du vom Durchwichsen spricht. Da sieh', dein Arm ist wie eine Spindel gegen den meinen. – Horch, da hör' ich Adam Woodcock seinem Habicht zurufen. – Komm, Alter, wir wollen uns einen lustigen Nachmittag machen und munter in meines Vaters Haus eintreten trotz Braunkohlenrauch und Schnaps. Vielleicht können wir Euch auf einen ehrlichen Weg bringen, Euer Brod zu verdienen, wiewohl es seine Schwierigkeit hat in diesen lumpigen Zeiten.«

Der unglückliche Edelknabe antwortete nicht und zog nicht die Hände von seinem Gesicht zurück. Fischer fuhr in seiner wohlgemeinten Trostrede fort:

»Seht, Alter, da Ihr noch meiner gnädigen Frau Liebling waret, hielten die Leute Euch für stolz, und Manche dachten, Ihr wäret ein Papist und Gott weiß, was noch. Jetzt, wo Ihr Niemand mehr habt, der Euch die Stange hält, müßt Ihr verträglich und herzlich sein und hübsch der Kinderlehre beiwohnen und damit den Leuten jene Sachen aus dem Kopf bringen, – und wenn der Prediger sagt, Ihr habt Euch verfehlt, müßt Ihr mit dem Strom schwimmen, und wenn ein Edelmann oder eines Edelmanns Edelknecht Euch ein hartes Wort oder einen leichten Schlag gibt, müßt ihr bloß sagen, ich danke für das Ausklopfen meines staubigen Wamses, oder sonst Etwas der Art, wie ich bei Euch gethan habe. – Horch, da pfeift Woodcock wieder. Kommt, ich will Euch alle Pfiffe unterwegs lehren.«

»Ich danke Euch,« sprach Roland Graeme, indem er sich bemühte, eine Miene der Gleichgültigkeit und der Ueberlegenheit anzunehmen. »Ich habe einen andern Weg vor mir, und wäre es auch nicht, so könnte ich doch nicht den Eurigen betreten.«

»Ganz recht, Meister Roland,« versetzte der Bauer. »Jeder Mann versteht seine eigne Sache am besten. Also will ich Euch nicht von Eurem Weg abbringen. Gib eine Patschhand, Alter, aus langer Bekanntschaft. Was? Kein Händedruck, ehe wir scheiden? Meinetwegen. Ein eigensinniger Kopf folgt seinem eigenen Weg. Also lebt wohl, und meinen Morgensegen über Euch.«

»Guten Morgen, guten Morgen,« sprach Roland hastig. Der Bauer ging rasch und pfeifend von dannen, dem Ansehen nach zufrieden, eine Bekanntschaft los geworden zu sein, deren Ansprüche beschwerlich werden konnten, und die nicht mehr die Mittel hatte ihm nützlich zu sein. Roland zwang sich vorwärts zu gehen, so lange sein ehemaliger Vertrauter ihn noch sehen konnte, damit dieser nicht auf Wankelmuth und Ungewißheit bei ihm schließen möchte, wenn er ihn stehen bleiben sähe. Es kostete ihm aber viele Mühe. Er war wie betäubt und schwindlich. Der Boden schien ihm unter den Füßen zu wanken, wie ein Sumpf, und mehr als einmal war er nahe daran, zu fallen, obwohl sein Weg über festen Rasen ging. Trotz der inneren Aufregung, welche sich durch diese Anzeichen kund gab, schritt er entschlossen fort, bis die Gestalt seines Bekannten in der Ferne hinter einem Hügel verschwand. Dann aber sank ihm plötzlich der Muth. Er setzte sich auf dem Rasen nieder, wo Niemand ihn sehen konnte, und weinte bitterlich vor Kummer, Angst und im Gefühl gekränkten Stolzes.

Nachdem der erste Ausbruch des Schmerzes vorüber war, empfand der verlassene Jüngling die Erleichterung, welche gewöhnlich solchen Ergießungen folgt. Seine Thränen rannen noch immer seine Wangen hinab, aber sie waren nicht mehr durch Trostlosigkeit ausgepreßt. Ein milderes Schmerzgefühl war an die Stelle getreten bei der Erinnerung an seine Wohlthäterin, an die unermüdliche Liebe, mit welcher sie, trotz mancher Handlungen strafwürdigen Muthwillens, an ihm gehangen hatte, mit welcher sie ihn geschützt hatte gegen die Ränke Anderer sowohl, wie gegen die Folgen seiner eignen Thorheit, und welche sie ihm fortdauernd zugewandt haben würde, hätte nicht seine grenzenlose Anmaßung sie genöthigt ihm ihren Schutz zu entziehen.

»Welche Herabwürdigung ich auch erduldet habe,« sprach er, »sie ist der gerechte Lohn meiner Undankbarkeit. War es recht von mir die Pflege und mehr als mütterliche Fürsorge meiner Beschützerin anzunehmen und ihr meine Religion zu verheimlichen? – Doch sie soll erfahren, daß ein Katholik nicht weniger dankbar ist, als ein Puritaner; sie soll sehen, daß ich unbesonnen gewesen bin, aber nicht boshaft, daß ich in den Augenblicken meiner größten Tollheit sie geliebt, geachtet und geehrt habe, und daß der Waisenknabe wohl leichtsinnig, aber nicht undankbar gewesen ist!«

Von diesen Gedanken erfüllt drehte er sich um und begann mit schnellen Schritten den Rückweg nach dem Schloß einzuschlagen. Doch die erste Hitze eines Reuegefühls verrauchte bald bei dem Gedanken an den Hohn und die Verachtung, mit welcher die Hausgenossenschaft vermuthlich die Rückkehr des gedemüthigten Flüchtlings betrachten würde, in der Meinung, daß er sich genöthigt sähe um Verzeihung und um Erlaubniß zum Wiedereintritt in seinen Dienst zu bitten. Er mäßigte seinen Schritt, aber er blieb nicht stehen.

»Was liegt daran!« dachte er. »Laß sie blinzeln, deuten, nicken, die Zähne blecken, von gedemüthigtem Hochmuth sprechen, dem der Fall gefolgt sei. Was liegt mir daran! Es ist eine Buße, die meine Thorheit verdient hat, und ich will sie geduldig auf mich nehmen. Aber wenn auch sie, meine Wohlthäterin, wenn auch sie mich für schmutzig und schwachherzig genug halten sollte, nicht bloß ihre Verzeihung, sondern auch die Wiedereinsetzung in die mit ihrer Gunst verknüpften Vortheile zu erflehen – ihren Verdacht solcher Niederträchtigkeit kann ich – will ich nicht ertragen.«

Er blieb stehen, und sein Stolz, vereinigt mit seiner angebornen Hartnäckigkeit wider ein besseres Gefühl, flüsterten ihm zu, daß er eher sich den Hohn der Frau von Avenel zuziehen, als ihre Gunst wiedergewinnen würde durch Verfolgung des Weges, den die erste Hitze des Reuegefühls ihn hatte einschlagen lassen.

»Wenn ich nur irgend einen scheinbaren Vorwand hätte,« dachte er, »den ich als Grund meiner Rückkehr angeben könnte, irgend eine Ausrede, welche mich vor dem Anschein bewahrte, daß ich als ein herabgewürdigter Gnadebettler, als ein fortgejagter Knecht wieder erschiene, dann könnte ich wohl hingehen. So aber kann ich nicht. Das Herz im Leibe würde mir zerspringen!«

Diese Gedanken durchkreuzten sich in seiner Seele, als ihm etwas dicht vor den Augen vorüberflog und fast die Feder auf seiner Mütze streifte. Er sah empor und erblickte den Lieblingsfalken Herrn Halberts, welcher ihm um den Kopf herumschwebte und seine Aufmerksamkeit, als die eines wohlbekannten Freundes, in Anspruch zu nehmen schien. Roland streckte den Arm aus und ließ den gewohnten Ruf ertönen, und augenblicklich setzte sich der Falke auf sein Handgelenk und begann sich zu putzen und von Zeit zu Zeit ihm einen scharfen, strahlenden Blick eines braunen Auges zuzuwerfen, als wollt' er ihn fragen, warum er ihn nicht mit gewohnter Zuneigung liebkose.

»Ach Diamant,« rief er, als ob der Vogel ihn verstände, »ich und du müssen hinfort einander fremd bleiben. Manch' flotten Schuß hab' ich dich machen, manch' schönen Reiher dich niederstoßen sehen. Aber das ist vorbei. Für mich gibt's keine Beize mehr!«

»Ei warum denn nicht, Meister Roland?« sprach Adam Woodcock, der Falkner, welcher in diesem Augenblick hinter einem Erlengebüsch hervortrat, »warum sollte es für Euch keine Beize mehr geben? Sagt, Alter, was wär' unser Leben ohne unsere Kurzweil? Du kennst das lustige alte Lied:

›Und lieber wollt' Allan im Kerker ja liegen,
Als frei sein am Ort, wo der Falk' nicht kann fliegen.
Und lieber mocht' Allan wohl liegen im Grab,
Als leben, wo's Hunde und Falken nicht gab.‹«

Die Stimme des Falkners war freundlich und herzlich, und der Ton, in welchem er seinen Gassenhauer halb sang, halb sprach, drückte Offenheit und Zutraulichkeit aus. Aber die Erinnerung an ihren Streit machte Roland verlegen und ließ ihn zu keiner Antwort kommen. Der Falkner sah sein Zögern und errieth die Ursache.

»Ei, ei, Meister Roland,« sprach er, »denkt Ihr, ein halber Engländer, daß ich, der ich ein ganzer bin, Groll gegen Euch hegen würde, zumal jetzt, wo Ihr in Noth seid? Das wäre, wie es die Schotten machen (meinen gestrengen Herrn ausgenommen), die freundlich und falsch sein können und die Zeit abwarten und, wie sie sagen, ihre Gedanken für sich behalten können und mit Euch aus einer Schüssel essen und aus einem Becher trinken und mit Euch jagen und beizen, und wenn die Zeit gelegen ist, eine alte Feindschaft mit der Spitze des Dolches abmachen. Eine ehrliche Yorkshirer Seele behält alte Späne nicht im Sinn. Ihr hättet mir einen harten Schlag versetzen dürfen, und ich hätte ihn leichter von Euch hingenommen, als von einem Andern ein hartes Wort; denn Ihr habt einen guten Begriff von Falknerei, wiewohl Ihr darauf besteht, daß das Fleisch für Nestlinge gewaschen werden müsse. Reicht Eure Hand her und hegt keinen Groll.«

Obwohl sein stolzes Blut sich gegen die Vertraulichkeit empörte, mit welcher der ehrliche Adam ihn anredete, so konnte er doch der ungeschminkten Offenheit des Mannes nicht widerstehen. Mit der einen Hand sein Gesicht bedeckend, hielt er die andere dem Falkner hin und erwiderte den freundlichen Druck der seinen.

»Das ist herzig,« sprach Woodcock. »Ich habe immer gesagt, Ihr hättet ein gutes Herz, obwohl Ihr sicherlich ein Stück vom Teufel an Euch habt. Ich bin des Weges daher gekommen mit dem Falken in der Absicht, Euch ausfindig zu machen, und der Schlingel von Halbwisser dort hat mir gesagt, in welcher Richtung ihr Euren Flug genommen habt. Ihr habt immer zu viel auf diesen schlechten Vogel gehalten, und doch versteht er nichts vom Waidwerk, außer, was er von Euch gelernt hat. Ich erfuhr, was zwischen Euch beiden vorgegangen war, und jagte ihn von mir. Ich möchte lieber einen Rupfer Ein Habicht, der das Federwild bei den Federn faßt, anstatt im Fleisch. auf meiner Stange haben, als einen falschen Schuft an meiner Seite. – Jetzt aber, Meister Roland, sagt an, wohin der Flug?«

»Wie es Gott gefällt,« antwortete der Edelknabe mit einem Seufzer, den er nicht unterdrücken konnte.

»Nein Alter, laßt die Flügel nicht hängen darum, daß Ihr fortgeschickt seid,« sprach der Falkner. »Wer weiß, ob Ihr nicht um so höher steigt. Seht unseren Diamant hier; es ist ein edler Vogel und sieht flott aus mit seiner Kappe und seinen Schellen und seinen Fesseln, aber mancher wilde Falk in Norwegen möchte seine Eigenschaften mit ihm nicht vertauschen. Und das ist's, was ich von Euch sagen wollte. Ihr seid nicht mehr meiner gnädigen Frau Edelknabe, Ihr werdet nicht mehr so sein gekleidet und so wohl genährt, Ihr schlaft nicht so weich und seht nicht so flott aus. Was ist dabei verloren? Seid Ihr nicht mehr ihr Edelknabe, so seid Ihr dafür Euer eigner Herr und könnt gehen, wohin Ihr wollt, ohne auf Ruf oder Pfiff zu achten. Das Schlimmste ist der Verlust der Kurzweil, aber wer weiß, wozu Ihr es bringen könnt? Man sagt, Herr Halbert selber – ich spreche mit Ehrerbietung von ihm – wäre seiner Zeit froh gewesen, wenn er des Abts Förster hätte sein können, und jetzt hat er seine eignen Hunde und Habichte und obendrein Adam Woodcock zum Falkner.«

»Ihr habt recht und sprecht vernünftig, Adam,« antwortete der Jüngling voll Selbstgefühl, »der Falke steigt höher ohne Schellen, als mit denselben, auch wenn die Schellen von Silber sind.«

»Das heißt herzhaft gesprochen« entgegnete der Falkner. »Und wohin nun?«

»Ich gedenke in die Abtei Kennaquhair zu gehen und mir den Rath von Pater Ambrosius zu erbitten.«

»Vergnügte Fahrt wünsch' ich Euch von Herzen,« sprach der Falkner, »wiewohl Ihr vermuthlich die alten Mönche in Kümmerniß finden werdet. Es heißt, das Volk will sie aus ihren Zellen vertreiben und eine Teufelsmesse in der alten Kirche aufführen, in der Meinung, daß man lange genug ihre Streiche geduldet hat, und wahrlich, ich bin derselben Ansicht.«

»Um so mehr wird es dann gut sein, wenn Pater Ambrosius einen Freund zur Seite hat,« sprach der Edelknabe mannhaft.

»Aber, mein junger Fürchtdichnicht,« bemerkte der Falkner, »der Freund wird sich nicht zum Besten dabei befinden, daß er dem Pater Ambrosius zur Seite steht. Er kann bei der Gelegenheit die derbsten Stöße davon tragen.«

»Das ist mir gleichgiltig,« versetzte der Jüngling, »die Furcht vor einem Stoß soll mich nicht abhalten. Aber ich fürchte, mein Besuch bei Pater Ambrosius möchte die Klosterbrüder in Ungelegenheit bringen. Ich will in S. Cuthbert's Zelle übernachten, wo mich der alte Priester aufnehmen wird, und will von da aus Pater Ambrosius um Rath fragen lassen, ehe ich hinunter ins Kloster gehe.«

»Bei Unserer Lieben Frauen,« sprach der Falkner, »das ist ein guter Gedanke. – Und nun,« fuhr er fort, seine bisherige Offenheit mit einer unbehülflichen Befangenheit vertauschend, als ob er Etwas zu sagen hätte, was er nicht recht von sich zu geben wüßte – »Ihr wißt doch, daß ich einen Beutel Dieser Beutel, wie Alles, was zur Falkenjagd gehörte, galt als eine ehrenvolle Auszeichnung und ward oft von Leuten von hohem und niederem Adel getragen. Einer der Somervilles von Camnethan ward Herr Hans mit dem rothen Sack genannt, weil er seinen Falkenbeutel mit rothem Atlas überzogen zu tragen pflegte. trage mit Fleisch für meine Habichte und so weiter. Aber wißt Ihr auch, womit der Beutel gefüttert ist?«

»Ohne Zweifel mit Leder,« antwortete Roland, betroffen über die Zögerung, mit welcher Adam eine scheinbar so einfache Frage that.

»Mit Leder, mein Junge?« erwiderte Woodcock; »ei freilich, aber auch mit Silber. Seht her,« sprach er und zeigte einen geheimen Schlitz in dem Futter seines Amtsbeutels – »da sind sie, dreißig gute Heinrichsgroschen, so gut, wie sie nur immer in des dicken Heinzens Tagen gemünzt worden sind, und zehn von ihnen stehen Euch von Herzen gern zu Diensten – und jetzt ist das Unglück heraus.«

Roland's erster Gedanke war, diese Unterstützung zurückzuweisen. Aber sogleich fiel ihm ein, daß er das Gelübde der Demuth gethan hatte, und daß dies eine Gelegenheit sei, seinen Entschluß auf die Probe zu stellen. Er antwortete mit Selbstbeherrschung und mit so viel Ungezwungenheit, als ihm bei einer seiner Neigung so widersprechenden Handlungsweise möglich war, daß er das freundliche Anerbieten dankbar annehme, konnte sich jedoch nicht enthalten, zur Beruhigung eines empörten Stolzes hinzuzufügen, er hoffe seine Schuld bald abtragen zu können.

»Wie Ihr wollt, wie Ihr wollt, junger Mann,« sprach der Falkner freudig und zählte aus seinem Beutel seinem jungen Freund die edelmüthig angebotene Unterstützung auf die Hand. Und dann fügte er heiter hinzu:

»Jetzt könnt Ihr in die Welt gehen; denn wer versteht ein Pferd zu reiten, ein Horn zu blasen, einen Jagdhund zu rufen, einen Habicht steigen zu lassen und Schwert und Schild zu handhaben, wer ein ganzes Paar Schuhe an den Füßen, eine grüne Jacke auf dem Leib und zehn lilienweise Groschen im Beutel hat, kann dem Peter Gram sagen, er soll sich in seinen eigenen Wurffesseln aufhängen. Lebt wohl, und Gott sei bei Euch!«

Mit diesen Worten drehte er sich rasch um, als wolle er den Danksagungen Rolands entgehen, und ließ diesen seinen Weg allein fortsetzen.

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