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Der Abituriententag

Franz Werfel: Der Abituriententag - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDer Abituriententag
publisherFischer Taschenbuch Verlag
printrun168.-172. Tausend
year1980
isbn3596218934
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20151105
modified20170510
projectid4dbc65fe
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Siebentes Kapitel

Der Untersuchungsrichter Sebastian kam am Montag gegen seine sonstige Gewohnheit um eine halbe Stunde zu spät ins Amt. Sein Protokollführer, der junge Rechtspraktikant Doktor Elsner, erklärte sich diese Verzögerung mit dem stumpfen Wetter, das heute herrschte.

Sebastian nämlich gehörte zu jener seltenen Art von Leidenden, die man die Luftdruckkranken nennen könnte. Es standen zwei Barometer auf seinem Schreibtisch, von denen er die stündliche Zukunft seines Wohlbefindens ablas. Seine Nerven witterten im tiefsten Wortsinn die Erträglichkeit oder Unerträglichkeit des Lebens voraus. Dieses Leiden hatte sich mit den Jahren verschärft. Ach, wie selten kamen die Augenblicke, die etwas mehr waren als erträglich. Ein leichter Ostwind zum Beispiel bei heiterem Himmel, ein mäßiger Nordwest, der über ein gelbes Junischweigen hinstreicht, die kurzen Minuten der Entspannung nach einem Gewitter, das durchstrahlte Ozonmeer auf Bergeshöhn.

Das Wetter aber dieses Tages heute war der Erzfeind. Es gehörte die größte Selbstbeherrschung dazu, einen Schritt zu tun, ein Wort zu sprechen, eine Arbeit zu vollbringen. Am liebsten hätte man sich hingelegt und den bleiernen Traum, daß unser Leben ewig währen könnte, hoffnungslos ertragen. Die Luft glich gestocktem Fett. Über die Stadt, die in einem Kessel steckte, war der Deckel gestülpt. Irgendeine Macht aber hatte das Ganze in eine warme Röhre geschoben. Dabei schlug aller Qualm, alle Ausdünstung, der Gestank, der schlechte Atem der Schlote, Häuser, Straßen, Bahnhöfe, der vielen hunderttausend Lebewesen zurück und nach unten, so wie bei einem Ofen, dessen Abzugsrohr verrußt ist. Sebastian nannte diesen verzweifelten Weltzustand in seiner Krankensprache: ›Erstarrter Samum‹.

In der Voraussicht seines Leidens machte Elsner dem eintretenden Chef sogleich den Vorschlag, das Fenster zu öffnen.

»Unglücksmensch! Das lassen Sie bleiben!«

Sebastian schauderte vor dem Gedanken, daß sich der erstarrte Samum ins Zimmer wälzen könnte, das vielleicht noch die Luft besserer Stunden bewahrte. Es dauerte heute lange, sehr lange, bis der Untersuchungsrichter die übliche Weisung gab:

»Bitte lassen Sie vorführen, Elsner!«

Elsner erhob sich, um den Befehl auszuführen, da rief ihn Sebastian von der Tür zurück:

»Und Sie, was halten Sie von diesem Fall?«

Durch solches Vertrauen geschmeichelt, verbreitete sich der junge Mann:

»Ja, Herr Landesgerichtsrat, was soll man dazu sagen? Adler war der letzte, der aus der Wohnung wegging. Wenn die Polizei nicht noch einen allerletzten Klienten der Feichtinger stellig macht, dann weiß ich wirklich nicht ...«

»Und Sie halten diesen Mann, diesen Adler eines Mordes für fähig?«

»Ich verstehe, was Herr Landesgerichtsrat damit sagen wollen. Adler ist ein gebildeter Mensch, ein Journalist, ein Intellektueller ... Aber wenn man ihn näher anschaut, hat der Mann etwas Stumpfes und Totes im Blick, das auf manches schließen läßt. Die Intellektuellen! Wir haben doch in der letzten Zeit an den Intellektuellen unser Wunder erlebt.«

Sebastian gab sich nicht zufrieden:

»Was für ein Mord also liegt vor? Raubmord? Nein! Lustmord? Nein! Affektmord aus Eifersucht, verschmähter Liebe, Rachsucht? Ich halte einen derartigen Triebmord für ausgeschlossen. Adler ist der Feichtinger übrigens nachgewiesenermaßen nur zwei- oder dreimal im Leben begegnet. Nun denn, ich frage Sie, was für ein Mord soll das sein?«

Elsner wurde aufmerksam. Wollte ihn der Chef auf die Probe stellen? Hatte man höheren Orts eine Beschreibung seiner Fähigkeiten eingefordert? Er begann vorsichtig:

»Wenn Herr Landesgerichtsrat gestatten, so möchte ich auf die moderne Seelenforschung hinweisen, die sich mit solchen Motiven beschäftigt, die nicht auf der Hand liegen ...«

Elsner erschrak. Er hatte daneben gehauen. Sebastian lehnte diesen Hinweis in unangenehmer Form ab:

»Lassen Sie mich gefälligst mit Ihrer Seelenforschung in Frieden! Ich habe mir meine eigene Meinung gebildet.«

Der Schriftführer hielt das Gespräch für abgeschlossen. Sebastian aber stellte noch einmal mit einer merkwürdigen Heftigkeit die Frage:

»Klipp und klar! Halten Sie den Mord für möglich oder nicht?«

Elsner lavierte:

»Ich glaube ... eher nein.«

Schneidend entschied Sebastian:

»Ich aber halte ihn durchaus für möglich!«

›Das Wetter‹, überlegte der junge Mann, ›und diese zersetzende Rechthaberei!‹ Dann hörte er:

»Beginnen wir bitte!«

Elsner wunderte sich, daß Sebastian den Beschuldigten, der auf dem ins Licht gerückten Stuhl des Verbrechers saß, nicht anschaute, sondern seinen Blick in der genauen Tangente zu Adlers Gesicht in den Winkel sandte, der dunkel zwischen Wand und Bücherschrank lag. Er wunderte sich ferner, daß der Chef fast übertrieben in jene Mundart verfiel, die er gewöhnlich unterdrückte und nur in erregten oder ärgerlichen Momenten annahm. Es war ein nasales, leichtwienerisches Beamten- und Edelmannsdeutsch, das, auf nervöser Flucht begriffen, zierlich und tückisch zugleich über die Worte hintanzte. Sebastian verfiel in diese vaterererbte Manier, wenn er Verlegenheit oder Anteilnahme verbergen wollte:

»Da sind Sie ja, lieber Herr Adler! Wir hatten beide genügend Zeit gestern, übereinander nachzudenken. Ich über Sie zumindest. Noch einmal lege ich Ihnen ans Herz: Sehen Sie in mir keinen Feind! Verstehen Sie mich recht! Ich sitze nicht hier, um mich listiger Weise in Ihr Vertrauen einzuschmeicheln. Ich will Ihnen helfen. Es würde mich nicht minder glücklich machen als Sie, wenn man das Verfahren niederschlagen oder wenigstens eine modifizierte Anklage erreichen könnte. Bitte lassen Sie sich führen!«

Die Samum-Migräne begann Sebastians Kopf immer enger zu umklammern. Er formulierte die erste Frage:

»Sie behaupten also, Herr Adler, daß Sie nicht der letzte Besucher der Feichtinger gewesen seien?«

»Wie kann ich das behaupten, Herr Hofrat? Ich weiß es ja nicht.«

»Selbstverständlich! Sie haben recht! Das können Sie ja gar nicht wissen ... Elsner, es ist nicht notwendig, diese Frage ins Protokoll aufzunehmen.«

Sebastian bedachte: ›Ich bin vollkommen verwirrt. Das war die Frage eines Idioten oder abgebrühten Kriminalbeamten. Er hat in ihr eine Schlinge gewittert. Ich stoße ihn immer weiter zurück. Gott, wie nur soll ich diese Stunde zu Ende ertragen! Seine Stimme verwirrt mich. Sie ist tiefer geworden. Gestern hatte ich doch eine ganz andere Stimme im Ohr.‹

Die Stimme aber sagte jetzt in bittflehendem Ton:

»Ich bin unschuldig, Herr Hofrat.«

Hastig kam ihr Sebastian zu Hilfe:

»Ja, lieber Freund, ich glaube Ihnen, daß Sie unschuldig sind. Aber wir müssen versuchen, diese Unschuld offenbar zu machen. Und dann, es gibt eine unendliche Skala von Schuld und Unschuld. Unser Strafgesetz schöpft Gottseidank nur einen Trinkbecher voll aus dem Meer der sittlichen Zusammenhänge.« (Welch ein blöder Vergleich, spürte er, Meer, Trinkbecher! Das Meer ist ohne Schuld. Drittklassig unbegabt!) »Wenn es ein anderes Strafgesetz gäbe, säße ich vielleicht so vor Ihnen, wie Sie vor mir. Aber davon wollte ich gar nicht sprechen. Wovon wollte ich nur sprechen? Ja! Ich wollte darauf hinweisen, daß man sehr wohl eine Schuld bekennen kann, die sich im Zuge eines Geschworenenprozesses zur Unschuld wandelt.«

Adler schien diesen Gedankengang nicht zu begreifen. Er beteuerte leise:

»Aber ich habe ja keine Schuld zu bekennen.«

Elsner sah sarkastisch-gelangweilt auf seine lange Bleistiftspitze. (›Das ist kein Verhör, das ist ein Sauhaufen‹, entschied sein fachmännischer Geist. ›Er hört sich ja immer gern, aber so wie heute war's noch nie. Der Richter läuft wie eine Grammophonwalze, und der Beschuldigte kommt nicht zu Wort.‹)

Sebastian entnahm jetzt den Polizeiakten ein Blatt:

»Klementine Feichtinger ist durch einen Revolverschuß getötet worden. Ich zitiere den Bericht, der vom Gerichtsarzt und Schießsachverständigen abgefaßt worden ist. Der Schuß wurde aus einer Entfernung von zwei oder drei Metern abgegeben. Das Projektil entstammt einer Sieben-Millimeter-Browningpistole. Nirgend weist der Wundrand Verbrennungen auf. Pulverteilchen konnten nicht festgestellt werden. Demnach erscheint ein Selbstmord als ausgeschlossen. – Weiter: Im Besitze des Verhafteten befand sich eine Sieben-Millimeter-Browningpistole. Eine Patrone war verschossen ... Ich, Herr Adler, halte einen Selbstmord gar nicht für ausgeschlossen. Nehmen wir an: Zwei Menschen sind lebensmüde. Ein Mann und eine Frau. Sie beschließen gemeinsam zu sterben. Das haben ja schon bedeutende Menschen vor ihnen getan. Ich denke an Kleist ... Sie selber beschäftigen sich ja gewiß mit Poesie und Literatur, Herr Adler, was?«

»In meiner Jugend habe ich mich damit befaßt.«

»Römer- und Kaiserdramen? Was? ... Aber wir wollen nicht abschweifen. Zwei Menschen also haben beschlossen zu sterben. Die Frau bietet als erste ihre Brust der Kugel dar. Der Mann drückt ab. Die arme Frau ist nicht gleich tot, sie windet sich in Qualen, die ihn erschüttern, die er vielleicht eine Stunde lang mitansehn muß, ohne das Herz zu haben, noch einmal zu schießen. Dann aber, als die Reihe an ihn kommt, ist sein ganzer Mut verraucht. Er hat den Tod gesehn, er kann nicht mehr.«

Adler durchschwieg die Pause, die Sebastian machte, ehe er fortfuhr:

»Unser Strafgesetz ist der Vieldeutigkeit des Lebens nicht gewachsen. Aber die Rechtspraxis versucht auszugleichen. Gelingt solch ein Doppelselbstmord nur zur Hälfte – und wie oft kommt das vor –, dann spricht heute wohl kein Gericht mehr das Mordverdikt aus. Man kann fast mit Sicherheit annehmen, daß die Geschworenen selbst eine mildere Fragestellung mit Nein beantworten. Haben Sie mir jetzt etwas zu sagen, Herr Adler?«

Der Beschuldigte blieb starr:

»Nein, nein! Auch dazu kann ich mich nicht bekennen.«

Da sagte Sebastian:

»Herr Doktor Elsner! Haben Sie doch bitte die Güte und erkundigen Sie sich persönlich beim Präsidium, ob etwas für mich bereitliegt! Und dann, wenn Sie Lust haben, können Sie ganz gut eine Stunde lang spazieren gehn.«

Elsner war verschwunden.

Sebastian erhob sich, ging mit raschen, sonderbar federnden Schritten um den Schreibtisch herum und trat auf Adler zu. Seine sehr stark näselnden Worte, zwischen denen er keine Pausen machte, klangen so, als sage er etwas recht Nebensächliches, nicht der Rede Wertes:

»Adler! Was? Du hast mich auch erkannt?«

Dabei hielt er ihm einen leicht eingeknickten Arm hin, an dem eine ratlose Hand herabhing. Sein Blick aber blieb nach wie vor auf den Kastenwinkel gerichtet. Die dargebotene Hand wurde nicht ergriffen.

»Ich weiß nicht, was Herr Hofrat meinen ...«

Immer flüchtiger schleiften die Endungen von Sebastians Worten ineinander. Er setzte ihnen die Lichter eines künstlichen Lachens auf:

»Es ist ja eine ganze Weile seit unserm Abschied vergangen, Adler. Was? Aber ich habe dich gleich gespürt. Vorgestern!«

»Herr Hofrat ...«

»Laß das doch! Ich bin kein Hofrat.«

Schwer lastete der Mann auf dem Verbrecherstuhl. Er sah ungepflegt aus wie alle Neulinge nach ein paar Tagen Untersuchungshaft. Auch war er stark geworden und hatte einen fetten Nacken bekommen. Eine beklemmende Tagfinsternis herrschte in dem Zimmer. An solchen Tagen wie diesem zünden die Menschen Licht beim Mittagessen an und erhoffen doch kein erlösendes Gewitter. Man hörte nichts als Adlers Atem, den kämpfenden Atem eines Menschen, der herzkrank war oder Zentnerlasten auf der Brust trug. Mit vier leichten Schritten flüchtete Sebastian in den Winkel beim Bücherschrank. Er bemerkte das Bild dort im Dunkel nicht, das er selbst, sich zur richterlichen Warnung, hingehängt hatte. Der berühmte Gefangenenhof von Arles. Der Kreislauf der Verfluchten.

Er sah nun Adlers großen Rücken, der unter den schweren Atemstößen zitterte wie eine schwarze Schiffswand bei hohem Seegang.

Sebastian rührte sich in seinem Winkel nicht. Ganz dünn klang sein Wort nun:

»Hast du einen Grund, dich mir nicht zu erkennen zu geben?«

Da sagte die Stimme, die zu diesem vom Sturm erschütterten Rücken gehörte:

»Gott weiß, daß ich keinen Grund habe.«

Sebastians Antwort suchte Adler:

»Gott weiß, daß du einen Grund hast.«

Und in ihren Winkel gedrückt, angesichts dieses atemauf- und abschwankenden Rückens, der sich nicht umwandte, fädelte die Seele Sebastians Wort an Wort:

»Sag nicht, daß wir Kinder gewesen sind, Adler! Ich lasse es nicht gelten. Auch was ein Kind tötet, wird nicht wieder lebendig. Fünfundzwanzig Jahre, das ist nichts. Zeit, das ist nichts! Ich habe es furchtbar tief erfahren. Nein, ich lüge dir nichts vor. Natürlich habe ich nicht immer daran gedacht, aber gewußt, Adler, gewußt habe ich es immer. Und auch daß du wiederkommen wirst, habe ich gewußt, seit jenem Tag. Oh, wie habe ich mich davor gefürchtet! Damals kam ja ein Brief von dir. Ich habe ihn ungelesen zerrissen. Wie selig war ich, als deine Mutter starb, denn nun verschwand deine Spur aus der Stadt völlig. Weißt du, daß ich zwanzig Jahre lang keine Reise gemacht habe aus Angst, dir in der Welt zu begegnen. Oh, schweig jetzt, ich bitte dich, rede noch nichts! Dies ist eine furchtbare Stunde, Adler! Ich verstehe sie selber nicht. Ich kann sie nicht lösen. Eine Gleichung mit hundert Unbekannten. Ich rede nur, weil ich ohnmächtig bin, die Wahrheit zu sagen! Hilf mir! Ich flehe dich an, hör nicht das Falsche, hör nicht die Worte, hör mich, mich!! Und sprich nicht, jetzt noch nicht!«

Adler hatte nicht geredet. Nur sein Kopf war ein wenig vorgesunken.

»Ich weiß, was du sagen willst, ich kenne deine Einwendungen alle. Schuld? Was ist das? Wir haben unsern Körper, unser Blut, unser Hirn, unsere Ahnen übernommen. Da wir unser eigenes Schicksal nicht formen können, wie könnten wir Schuld haben am Schicksal der andern? Gut, gut! Ich kenne das. Wenn ich dich nicht hinausgestoßen hätte, hättest du dich selber oder ein andrer ein wenig später verstoßen. Gut! Es hat so kommen müssen. Aber was hilft mir das, da ich doch dein Leben zerstört habe!? Ich bekenne, was du auch getan hast, ich, nur ich bin verantwortlich dafür.«

Adler fuhr sich jetzt mit den geballten Fäusten an die Schläfen und stieß zwei Laute eines Taubstummen aus. Es klang wie: »Nein! Nein!« Sebastian hielt die Augen geschlossen. Er war blaß wie ein Narkotisierter:

»Nein! Sag das nicht! Sag nicht: Gewissen! Ich halte nichts davon. Zuviel habe ich gesehn und erlebt. Ich selbst bin vollkommen gewissenlos. Immer wieder habe ich Frauen verlassen und mich um die Kinder nicht einmal gekümmert, die ich mit ihnen vielleicht habe. Oh, weniger als kein Gewissen! Ich habe sie, ihren Stimmklang, ihr Haar, ihre Augen vergessen, ohne Rest, ohne Reue. Ich hätte zehnmal morden können, ohne eine schlaflose Nacht zu riskieren. Siehst du aber? Das ist es ja! Dich habe ich in keinem Augenblick vergessen. Ich bekenne, daß ich dein Leben zerstört habe. Aber ich bekenne auch, daß ich an dir gescheitert bin. Als du bei mir warst, hat mich dein hoher Wert zum Verbrecher gemacht, als ich dich aber ausgestoßen hatte, da hat er mir die Seele geraubt für immer. Jetzt, wo der Tod mir so lächerlich nahe ist, bekenne ich, daß mein Leben an dir gescheitert ist. Denn dich, gerade dich hätte ich lieben müssen!«

Adlers Rücken duckte sich gleich einem Büffel, der die Hörner senkt. Sebastian aber hörte von ferne sich selber reden, wie ein Sterbender das Trostwort des Priesters hört:

»Ich weiß, daß es Vergeltung gibt, aber keine Verzeihung. Denn Vergeltung ist Gesetz, Verzeihung nicht ... Es ist Wahnsinn, aber ich bitte dich um das, was es nicht gibt ...«

Mit einem schluchzenden Gebrüll sprang Adler auf. Der Stuhl des Verhörs schmetterte zur Erde:

»Um Gottes willen! Ich habe es nicht getan!«

Da schrie auch Sebastian. Oder war es mehr ein Singen?

»Nein, du nicht ... du nicht ...«

Was jetzt geschah, erblickte dieses Zimmer mit dem schweren Amtstisch, dem Rechtsbücherschrank, dem Verbrecherstuhl und den andern erbarmungslosen Möbeln zum ersten- und letztenmal. Mit einem tödlich verzerrten Antlitz stürzte sich der Richter auf den Angeklagten und umklammerte ihn. Es sah aus, als würden die beiden Männer nun einen Ringkampf auf Tod und Leben beginnen. Aber Sebastian glitt an Adler herab, und dieser hielt ihn mitten im Fall wie einen Verwundeten auf und stützte ihn unter der Achsel. In dieser starren Haltung eines schmerzlichen Bildwerks verblieben sie eine Minute, zwei Minuten. Dann rasselten aus Adlers Brust die Worte:

»Aber Herr Hofrat!«

Langsam hob Sebastian den Kopf. Wer war das? Er stand. Mit entsetzter Verwunderung starrte ihn ein wildfremdes Gesicht an und suchte in seinen Zügen den Wahnsinn oder die mörderische Hinterlist zu enträtseln. Nein, dieses Gesicht hatte er noch niemals gesehen. War Adler plötzlich geflohen und dieser hier zurückgeblieben? Ein riesiger, gebuckelter Schädel? Ja! Kurzsichtige Augen, Brille? Ja! Aber die schmutzig-grauen Locken, die beim ersten Verhör so rot in der Sonne aufgeleuchtet hatten, sie zeigten jetzt nur schwarze und weiße Fäden.

Es war das schwermütige und aufgewühlte Haupt eines Literaten, der es zu nichts gebracht hatte und jetzt ins Unglück gestürzt war.

In diesem Haupt war Adler nicht zu finden.

Sebastian stellte sich, abgewandt, zum Fenster, um durch eine Weile ruhigen Atmens sein Wesen zu glätten. Es wollte nicht ganz gelingen. Er wartete. Dann aber prüfte er sich wie ein Schauspieler im Augenblick des Auftritts, gab sich einen Ruck und floh mit federndem, ja fast hüpfendem Schritt hinter seinen Schreibtisch:

»Sie erinnern sich also nicht an das Nikolausgymnasium?«

»Nein, ich schwöre, nein, Herr Hofrat!«

»Aber Sie heißen ja Franz Adler ...«

»Franz Josef Adler aus Gablonz!«

Sebastian ließ sich niederfallen und wandte den Blick nicht vom aufgeschlagenen Akt Klementine Feichtinger:

»Ja ...Es ist wahr ...Es ist wirklich wahr ...Franz Josef und Gablonz, beides steht in Ihrem Nationale ...Die Unterscheidungsmerkmale ...Ich habe sie überlesen oder vergessen ...«

Und er machte eine unentschiedene Geste höflicher Förmlichkeit, mit der man einen Gast zum Sitzen einlädt, etwas, was nicht zu diesem Ort paßte. Der Häftling blieb auch stehn, während Sebastian eine verlegene Erschöpfung zu bemänteln suchte:

»Es tut mir sehr leid, lieber Herr ... Aber das von vorhin ... ist nicht mehr ungeschehn zu machen ... Ich muß Sie bitten, es zu vergessen und mich zu entschuldigen ... Ich habe Sie mit einem alten Schulkameraden verwechselt, mit dem Sie einige Ähnlichkeit besitzen ...«

Der Häftling murmelte, wieder in sein Schicksal ergeben:

»Es gibt sehr viele Leute meines Namens.«

Sebastians Worte klangen immer tonloser:

»Es ist selbstverständlich, lieber Herr ..., daß Ihnen diese sonderbare Verwechslung nicht zum Schaden gereichen soll. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß ich Ihren Fall mit der gleichen Energie behandeln will, als wären Sie wirklich jener ... Bitte, lassen Sie sich durch den Kopf gehen, was ich über den versuchten Doppelselbstmord sagte. Sind Sie aber vollkommen unschuldig, so werden wir alle Mittel aufbieten ... Vorderhand, auf Wiedersehn ...! Und vergessen Sie ... wie gesagt ...«

Der Häftling wich, rückwärtsschreitend, aus dem Zimmer. Er war froh, fortzukommen, obgleich er es sich vorgenommen hatte, endlich auf einem regelrechten Verhör zu bestehn, wie es jedem Verhafteten gebührte. Auf seinen Mienen lag noch immer entsetzte Verwunderung.

Jetzt öffnete Sebastian ein Fenster. War's auch Stickluft, die draußen wogte, sie kam doch aus freien Räumen. Die Straße unten schleppte sich hin. Ihre Bahnen, Wagen, Pferde, Menschen, alles schob sich mit kleinen Rucken und Schritten vorwärts, alles wollte endlich irgendwohin münden, wo es nichts mehr von sich selber wissen mußte. Nur die Hunde schienen fröhliches Leben zu haben, denn sie trieben sich in Kreisläufen und auf Abwegen umher. Die kleine Parkanlage, die ihr Gesicht dem Landesgericht zuwandte, war in Ohnmacht gefallen wie ein Mensch. Die glatte grüne Fläche dichtverschlungener Bäume starrte erblaßt und ergraut. Wie ein Riesenkissen lastete die tote Luft auf den schlaftrunkenen Geräuschen des Lebens. Der Straßenlärm klang wie ersticktes Gekicher. Etwas Weißliches, Molkiges hatte sich in der Atmosphäre verbreitet. Es war wie banale Worte, die sich in ein unglückstummes Gespräch drängen. Keine Erlösung winkte, nur Erweichung.

Doktor Elsner fand seinen Chef wieder, wie er mit halbem Oberkörper aus dem Fenster hing.

»Es ist doch ein bißchen besser geworden«, wagte er zu bemerken.

»Ich finde nicht.« Sebastian lehnte die Trostlüge ab.

Der Rechtspraktikant ordnete den Akt Feichtinger:

»Ich habe auf dem Präsidium etwas gehört, was den Herrn Landesgerichtsrat sehr interessieren wird ...Die Polizei soll einem allerletzten Besucher der Ermordeten auf der Spur sein ...Es liegt eine neue Anzeige vor ... Wenn etwas daran ist, wird man uns sofort verständigen.«

Sebastian wandte sich jäh um. Sein Mund stand eine Weile lang offen, ehe er die Worte sprach:

»Dann ... ja dann ... war mir ein Substitut der Gerechtigkeit gesandt ...«

Bevor aber Elsner noch über den Sinn dieser dunklen Worte nachdenken konnte, sah er, daß der überaus soignierte und zurückhaltende Herr eine so große Gebärde machte, wie er sie ihm niemals zugetraut hätte. Sebastian hob die Arme und griff, seinen Kopf zurücklegend, hoch über sich hinaus. So suchen auf alten Bildern biblische Gestalten das flatternde Kleid der aufwärts entstürzenden Engel zu erhaschen. Der Schreck der Verkündigung verlor sich wie ein feuriger Punkt im Raum.

Und wirklich, Sebastian hatte einen der unwiederholbaren, unwiedervorstellbaren Augenblicke unseres Daseins erlebt, in denen es zur Zündung kommt zwischen Gott und Mensch.

Sogleich aber sank er zusammen und schämte sich seiner Ekstase, schämte sich Gottes wie eines Wesens, in dessen Gesellschaft man sich nicht gerne öffentlich zeigt:

»Eine merkwürdige Sache! Ich habe diesen Franz Adler mit einem gewesenen Mitschüler verwechselt.«

Elsner staunte:

»Da hätte ich ja den Herrn Landesgerichtsrat schon vorgestern aufklären können. Der Mann wird nicht Franz genannt, sondern trägt den Spitznamen Rätseljosef. Er ist eine bekannte Figur in den Cafés der Boheme und im Schachklub. Ich selber habe ihn oft gesehn.«

Sebastian war es unangenehm, einem Untergebenen gegenüber noch weiter zu gehn. Aber da er sich entblößt hatte, mußte auch dies noch gesagt werden:

»Wir haben – meine Gymnasialklasse nämlich – vorgestern einen Erinnerungstag gefeiert. Und unter dem Einfluß dieser Feier habe ich wohl ein Gesicht in das andere hineingesehn ... Nach einem Vierteljahrhundert ist das ja kein Wunder ...«

»Oh, solche Dinge kommen vor«, bestätigte der Schriftführer.

Sebastian ging einige Male auf und ab. Er warf einen Blick auf den Gefangenenhof von Arles:

»Man muß dafür sorgen, daß dieser Mensch gegebenenfalls sogleich auf freien Fuß gesetzt wird. Ich bitte noch heute um telephonischen Bericht!«

»Zuverlässig, Herr Landesgerichtsrat.«

Sebastians Lippen überkam ein Lächeln, das sich fast zum Spott steigerte. Es war ihm trefflich gelungen, Gottes Gegenwart zu vertuschen. Er hielt in seinem Denk-Gang inne:

»Sie sind ein geeichter Stenograph, Elsner, nicht wahr?«

»Ja, im Nebenamt. Ich unterrichte sogar.«

»Also da würde es mich wirklich interessieren, ob Sie auch nur einen Satz dieses Manuskriptes zu lesen vermögen.«

Und er reichte ihm mit zögernder Hand die Blätter hin, auf welche gestern in schnellem Schriftsturz und wirrem Gekritzel ein Teil seines Lebens übergeströmt war, wie er glaubte.

Elsner drehte das Konzept nach allen Seiten, hielt es nah, hielt es fern, trat zum Licht, trat wieder zurück und erklärte endlich:

»Nein, ich entziffere kaum ein Wort. Das System ist mir wirklich völlig unbekannt. Aber wenn Herr Landesgerichtsrat befehlen, werde ich die Schrift einem Sachverständigen zur Auflösung übergeben.«

Mit raschem Griff nahm Sebastian sein Stenogramm zurück:

»Es ist nicht nötig, Elsner, danke! Ich bin sogar froh darüber, daß diese Seiten nicht recht zugänglich sind, denn wer weiß, vielleicht ist alles anders, als ...«

Er brach ab und sperrte, sie zusammenraffend, diese Geschichte einer Jugendschuld eilig in eine seitliche Schublade seines großen Richterschreibtisches.

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