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Der Abituriententag

Franz Werfel: Der Abituriententag - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDer Abituriententag
publisherFischer Taschenbuch Verlag
printrun168.-172. Tausend
year1980
isbn3596218934
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20151105
modified20170510
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Sechstes Kapitel

Kio, grimmig die Mittelstraße zwischen den Bankreihen durchwandernd, blieb stehn und pirschte sich dann auf Zehenspitzen leise von hinten an Adler heran:

»Fahren Sie fort im Text, wo wir soeben stehngeblieben sind!«

Adler bewegte ein wenig seinen schweren Kopf, seufzte auf und schlief weiter.

Hohngelächter keimte in allen Bänken.

»Ruhe«, donnerte der Klassenvorstand mit solchem Ernst, daß Totenstille sich eisig sogleich verbreitete. Er packte den Schläfer unter der Achsel und riß ihn auf. Dann betrat er mit knallenden Soldatenschritten das Podium:

»Vortreten, Adler!«

Der Gerufene stellte sich in der Einsamkeit zwischen Bänken und Katheder auf. Dies aber bekam er und bekamen wir zu hören:

»Übermorgen findet die letzte Lehrerkonferenz dieses Schuljahres statt. Der Würfel fällt, und Sie haben das Spiel verloren, Adler. Dies habe ich nunmehr bei allen Herren Kollegen in Erfahrung gebracht. Ihnen, dem ich einst eine glorreiche Laufbahn vorausgesagt habe, ist es gelungen, selbst einem Komarek den Rang streitig zu machen. Es sind aber auch noch andere da, über die das Gericht hereinbrechen wird. Ja, Ressl, Sie haben allen Grund, sich hinter Ihrem Vordermann zu verstecken. Und Sie, Sebastian, werden mich durch Ihr unschuldiges Gesicht nicht täuschen. Es ist der Fluch der bösen Tat, dieses unschuldige Gesicht. Ich habe eine dreißigjährige Staats- und Lehramtspraxis hinter mir, und die unschuldigen Gesichter gehen mir schon bis oben hinaus. Machen Sie lieber ein schuldiges Gesicht und stürzen Sie sich in letzter Minute auf die Arbeit! Das Schiff geht unter. Rette sich, wer kann! Si fractus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae. Aber genug davon, denn Horaz gehört in den Lehrstoff der höchsten Klasse, die einige von Ihnen nicht erreichen werden.«

Persönliches Leid brach hier in die Rede ein:

»Noch im Vorjahr habe ich mich gefreut, mit einer fähigen Klasse aufzusteigen und Sie alle ausnahmslos dem praktischen Leben übergeben zu können, das Sie in Form des Universitätsstudiums und Einjährigfreiwilligen-Jahres erwartet. Sie haben mir diese Freude gründlich vergällt. Könnte ich's, würde ich mich noch heute von Ihnen zurückziehn. Ich gebe in jeder Stunde alles her, was ich besitze, und bin ein alter Mann. Sie aber sind jung und erwidern meine Hingabe mit Unaufmerksamkeit, Geschwätze, Gewetze, mit Lektüre unter der Bank, mit Geschmiere ober der Bank und hundert andern Allotriis. Sunt pueri pueri, pueri puerilia tractant. Sie sind aber längst keine Knaben mehr. Ganz im Gegenteil, fürcht ich!«

Jetzt fiel sein Blick wieder auf Adler, der regungslos vor dem Katheder stand. Kio fuhr sich ans Herz:

»Und Sie schlafen vor meinen Augen. Dieses Übermaß von Nichtachtung wagen Sie mir entgegenzubringen, der ich mir auf dem heißen Boden Bosniens in der Affäre von Maglaj eine allerhöchste Dekoration erworben habe ... Es gehen in dieser Klasse viele Dinge vor, die sich dem Licht des Tages entziehn. Alltäglich sind zwei, drei von euch krank oder wegen häuslicher Verwicklungen unabkömmlich. Wie komme ich mir vor? Wie ein Spitalschreiber komme ich mir vor, der die Patientenliste führt. Hier ist eine k. k. Lehranstalt und kein Taubenschlag! ... Doch Sie, Adler, mögen folgendes zur Kenntnis nehmen. Es besteht keine Hoffnung mehr! Ergreifen Sie ehetunlichst den Wanderstab! Haben Sie mich verstanden? Der Lehrkörper will von Ihnen nichts mehr wissen. Selbst der germanistische Kollege, Professor Stowasser, findet Ihren schriftlichen Gedankenausdruck unreif, prätentiös und aufgeblasen. Sie haben ihn erbittert. Der historische Kollege Wojwode ist mit seiner Fürsprache nicht durchgedrungen. Ich selber kann für Sie nichts mehr tun. Und ich will auch nichts mehr tun, da Sie, mir zu Dank, in meiner Unterrichtsstunde sich dem Schlafe ergeben. Machen Sie sich deshalb mit Ihrem Schicksal unverzüglich vertraut, das Sie nur sich selber zuzuschreiben haben. Oft genug habe ich Ihnen die Hand zur Rettung hingehalten. Sapienti sat! Heute ist Freitag! Am Montag findet die Konferenz statt, die über Tod und Leben einiger anderer noch entscheiden wird. Am Dienstag werden Sie Ihren Herrn Vormund zu mir senden! Setzen!!«

Die Totenstille hielt weiter an.

Jeder fühlte, daß die Philippika nicht eine der üblichen Standreden Kios war, sondern daß ihm heute das Herz blutete. Noch immer bewahrte er Schweigen und kehrte nicht zum Tacitus zurück. Der grimmig-trübe Blick eines antiken Feldherrn, der den Verlust einer Schlacht beobachtet, drang durchs kahle Fenster und blieb an der hoffnungslosen Fassade eines Zinshauses hängen.

Wir hatten die Dinge zu weit getrieben. Mit dem häufigen Schulschwänzen, den nächtlichen Ausschweifungen des Spiritismus, der Trinkgelage, des Tavernenbesuchs war Anarchie, wie ich sie erträumt hatte, in die Klasse eingedrungen, die sich den Lehrern in hundert Einzelheiten offenbarte. Geistige Überheblichkeit trat hinzu. Durften Kenner des modernen Parnasses, denen verwegene Namen der Mode leicht von den Lippen flossen, dazu verhalten werden, ›den Gang der Handlung von Schillers Wilhelm Tell‹ nachzuerzählen? Auf solche Prüfungsforderungen gab es doch nur eine Antwort: Verächtliches Schweigen. Und während des Vortrages der exakten Wissenschaften, ›die für das Leben nicht in Betracht kamen‹, wäre Aufmerksamkeit doch liebedienerische Kriecherei gewesen. Nicht nur Adler, die ganze Klasse sank. Selbst die führende Geige, Fischer Robert, klang verstimmt, so sehr sie sich auch ins Zeug legte. Aber der beste Konzertmeister ist in einem schlechten Orchester verloren. Es war unser Ehrgeiz, während des Unterrichts eine unruhige Privattätigkeit zu entfalten. Wollte Burda, mein Nachbar, der ja der geborene Pflichtmensch ist, sich dem Gegenstand hingeben, so trat und zwickte ich ihn so lange, bis er sich seines würdelosen Eifers schämte. Wir lasen Zeitschriften, wir schrieben Briefe, verdrehten Sprichworte zu frechen Paradoxen, zeichneten Karikaturen, schickten einander Epigramme und erwarteten mit Folterqualen das Schlußläuten, um uns ins Leben zu stürzen.

Noch heute ist es mir ein Rätsel, wie es uns Kindern gelingen konnte, so viele Nächte außer dem Haus zu verbringen. Die Umstände trafen für unsere Lebensgier günstig zusammen. Ressls Eltern bewohnten ein großes Stadtpalais, das eine Aufsicht ohne Kerkermeister unmöglich machte. Adlers Mutter war ja eine schwerkranke, bettlägrige Frau. Schulhof, dessen Eltern in einer Kleinstadt wohnten, lebte in freier Pension. Ich selbst bewohnte eine hübsche Stube im zweiten Stock über den Zimmern meiner Tanten. Unbemerkt konnte ich kommen und gehn, wann ich wollte. Von der alten Wirtschafterin, die mich verhätschelte, hatte ich mir, bald schon nach meinem Einzug, den Hausschlüssel erbettelt.

Nun stand die Katastrophe vor der Tür.

Die Lehrer hatten sich entschlossen, um der wachsenden Zuchtlosigkeit entgegenzutreten, mindestens ein Opfer dem Orkus zu weihen. Adler war für ein solches Opfer wie geschaffen. Dieser Mensch, dessen Riesenkopf wie eine Sonnenuhr die Länge des Schattens anzeigte, der sich über ihn gesenkt hatte, dieser Mensch ohne Falsch und Hinterhalt, der am bequemsten zu erwischen und zu vernichten war.

Gewiß werden Kio und Wojwode für ihn gekämpft haben, aber diese Alten waren schwach und verbraucht gegen den neuen Mann, der zu Beginn dieses Jahres zu uns gestoßen war.

Deutschlehrer Stowasser, der streng nationale Burschenschaftler, haßte Adler, er haßte seinen ›intellektuellen‹ Stil, den er für frech und verworfen erklärte; er strich seine Aufsätze ohne weitere Begründung von oben bis unten durch und traktierte sie mit der Note: ganz ungenügend. Diese Schneid aber, die aller Gerechtigkeit offen ins Gesicht schlug, hätte sich Deutschlehrer Stowasser nicht geleistet, wenn ihm die Erbitterung anderer Lehrer und Adlers eigene fast krankhafte Wehrlosigkeit nicht zu Hilfe gekommen wäre.

Kio führte mit leiser, mürrischer Stimme die Lateinstunde zu Ende. Adler saß unbeweglich da, den Kopf feierlich starr über des Tacitus Germania gebeugt.

Nach dem Mittagsläuten pflegte sich unsere Gesellschaft gewöhnlich noch im Gastzimmer einer Delikatessenhandlung in nächster Nähe von Sankt Nikolaus zu versammeln. Heute saßen wir allein an dem Tisch, Adler und ich. Kios Donnerworte hatten Entsetzen verbreitet und die andern verscheucht. Die menschliche Katastrophenfeigheit, das Sich-klein-machen, das Nichts-wissen-wollen, zeigte sich nun im raschen Verschwinden aller andern. Züchtig waren sie nach Hause geeilt, sich in ihrem Winkel zu verkriechen und zu lernen. Schon bildete sich um Adler jener Bannkreis der Leere, der von den Menschen um jedes Opfer gezogen wird.

Adler, wachsgelb, starrte auf den Tisch:

»Dienstag ist alles aus ... Vor meiner Mutter bin ich gerichtet ... Und mein Onkel steckt mich noch vor den Ferien in sein Magazin ... Ich bin begraben für immer!«

Ich suchte nach Trost für ihn:

»Wir haben jetzt Ende Mai, Adler! Schulschluß ist am fünfzehnten Juli. Das sind noch volle sieben Wochen. Bis dahin wird sich vieles verändern.«

»Am Dienstag muß ich meinen Vormund zu Kio schicken.«

»Halt! Du sagst ihm einfach, dein Onkel sei verreist. Deine Mutter ist krank. Wenn ein Brief oder Tadelzettel kommt, fangen wir ihn ab.«

»Wozu die Sache hinausschieben? Früher oder später! Ich werde mich umbringen oder Tuch verkaufen ...«

Er umklammerte mit ganzer Faust das Likörglas:

»Nein! Das sage ich dir! Nie, nie werde ich zu diesem Menschen gehn ...«

»Umbringen?« Schwer wog dieses Wort auf der Zunge.

»Zum Umbringen, weißt du, hat es Zeit bis zum letzten Augenblick. Jetzt aber müssen wir nachdenken, was sich tun läßt.«

Alles, was Adler bisher erduldet hatte, war seelisches Schicksal gewesen, seine äußere Sicherung blieb unberührt davon. Er war Gymnasiast wie wir alle und durfte seinen Weg gehn. Jetzt aber stürzte mit einem Schlag diese Sicherung zusammen. Das Leben warf ihn auf den Abfallhaufen, wo der Onkel und seinesgleichen sich wohl fühlten und aus ihm ›einen Menschen machen‹ würden. Die einzige wirklich feindselige Regung, die ich an Adler je wahrgenommen habe, bestand in einem furchtverzerrten Haß gegen jenen Vormund. Er schilderte ihn als einen geizigen Hämling, der sein Geschäft mit pathetischer Einbildung führte und sein Warenlager samt der Tageslosung für weltbewegende Dinge hielt, die nur durch die tiefe Ungerechtigkeit der Zeitläufte ihm nicht größere Ehren einbrachten. Daß ein Mensch nicht in die Reihen des Tuchhandels treten wollte, war Schwachsinn oder etwas Ärgeres. Bei seinem Neffen wenigstens, der die Universität besuchen wollte, die doch keinen anderen Zweck hatte, als aus Söhnen von Hungerleidern selbst Hungerleider zu machen. Auch er haßte, nach Adlers Meinung, den Neffen, denn wenn er ihn zu Hause oder auf der Straße traf, hatte er immer eine kränkende Bemerkung parat: »Wozu hast du so eine hohe Stirn, Franz? Bürgerlich romantisch vielleicht?« Oder: »Muß ein junger Mensch wirklich immer Brillen tragen? Du kannst dich bei deinem Vater bedanken. Er hat auch nicht zwei Schritte weit gesehn.« Das Traurigste aber war, daß Adlers Mutter, die ihn gewiß liebte, den ganzen Tag lang mit Worten dieses Onkels räsonierte, auf seiten des Erbfeindes also stand, mit dem sie sich verschworen hatte, den eigenen Sohn zu vernichten, damit es ihm wohlergehe auf Erden.

Die Schule war Adlers Lebensraum, wo er noch eine Weile atmen durfte, die Gnadenfrist, die ihm vergönnt war, und der Hoffnungsschimmer einer späteren Rettung.

Dies war nun dahin.

Obwohl es mir selber hart genug an den Kragen ging und mein eigenes Schicksal mehr als zweifelhaft war, in diesem Augenblick dachte ich voll Mitleid nur an Adlers Tragödie.

Ach, es gibt im erwachsenen Leben keine, die dieser Sklaventragödie an Furchtbarkeit nachstünde! Denn nicht einmal die Waffe der lächelnden Gleichgültigkeit ist dem Sklaven des Jugendalters gegeben, jenes ›es geht vorüber‹ und ›so wichtig ist nichts auf Erden‹, das nur der freie Mensch kennt. Wie oft zerbricht ein Kind an der Angst des Geschöpfes, das durch keinen Rechtsvertrag geschützt ist!

Adler wiederholte:

»Ich weiß nicht, wie ich leben soll.«

Da hatte ich einen Einfall, der mir kalt das Rückenmark hinabschauerte:

»Paß auf, Adler! Ich will jetzt eine Idee aussprechen, die Idee eines Verbrechens ...«

Nach diesen Worten konnte ich eine Weile nicht weiterreden. Dann:

»Fischer hat heute den Klassenkatalog aus dem Sprech- ins Konferenzzimmer tragen müssen ... Verstehst du mich, Adler?«

Er starrte noch immer unbewegt aufs Wachstuch des Tisches.

»Der Klassenkatalog liegt also nicht wie gestern versperrt in der Kathederschublade, sondern offen im Konferenzzimmer ...«

Jetzt erst hob er den Kopf.

»Was die Profaxen reden, Adler, ist nicht so wichtig! Der Klassenkatalog ist wichtig. Denn nur auf Grund der dort eingetragenen Noten kann die Konferenz entscheiden. Verstehst du mich jetzt? Man muß mit großem Scharfsinn vorgehn, hie und da ein ›Nichtgenügend‹ in ein ›Genügend‹ verwandeln, mehr ist ja auch nicht nötig. Und daß ich ein todsicheres Radierpräparat habe, das weißt du ja, Adler ...«

Er keuchte auf und krampfte die Nägel in meine Hand.

»Ich werde vielleicht dieses Verbrechen für dich begehn, Adler. Jawohl, es ist ganz gewiß kein Spaß, es ist ein Verbrechen und fällt nicht in die Disziplinarordnung, sondern unters Strafgesetz: Dokumentenfälschung! Wenn man erwachsen ist, kriegt man so an die drei oder vier Jahre dafür. Das weißt du ja selbst. Aber wir wollen sehn, vielleicht tu ich's für dich ...«

Mir war sehr weich zu Mute jetzt:

»Ich habe dich manchmal gefrozzelt, Adler! Dein Fehler, wenn du's mir nicht vergolten hast! Aber vielleicht hast du geglaubt, ich sei nicht dein Freund!? Nun, du siehst, deine Verehrer haben sich gedrückt, Bland und Burda! Es sind eben Stucker und nichts anderes. Jetzt wirst du vielleicht einsehn, wer dein Freund ist ...! Komm, gehn wir!«

Die Straße flutete schon sommerlich bunt. Noch immer zogen schlenkernde Scharen von Gymnasiasten aller Klassen, die sich verspätet hatten, vorbei. Die Turmuhr von St. Nikolaus schlug halb eins. Mit verschwörerischem Raunen befahl ich Adler, mich um sieben Uhr abends im Dunkel der Kirche zu erwarten. Dieser Raum schien mir zum Stil meines Planes zu passen. Dann schickte ich ihn fort. Keiner sollte uns beisammen sehn. Überall wuchsen schon Gefahren aus der Erde. Adler gehorchte wortlos wie ein Untergebener. Stumm gingen wir auseinander.

Abenteuerliche Angst, abenteuerlicher Rausch erfüllten mich und ein moralischer Stolz dazu, denn ich wollte ja für einen andern ein Verbrechen begehn.

Als ich um halb sieben Uhr in die Kirche trat, wartete Adler schon. Zur Vorsicht trug ich ein Heft mit lateinischen Hausarbeiten in der Hand. Ich griff immer wieder in meine Tasche, wo das Fläschchen mit dem Putzmittel steckte, das jede Schrift spurlos fortzaubern konnte. Schnell instruierte ich Adler, er solle ein paar Minuten nach mir das Schulhaus betreten, wenn ihm jemand entgegentrete, vorgeben, er habe ein Buch in unserm Klassenzimmer vergessen, sodann aber in den Konferenzsaal abschwenken, wo ich ihn schon erwarten würde.

Das Tor des Gymnasiums war geschlossen. Ein erstes unerwartetes Hindernis! Ich läutete. Der Schuldiener sah mich mißtrauisch an. Ich spürte, wie mein ganzer Körper langsam naß wurde. Doch gelang es mir sehr leicht, ungeduldige Eile zu spielen:

»Hören Sie, Herr Pettner, ich muß ins Konferenzzimmer hinauf, dieses Heft hier abgeben.«

»Das Konferenzzimmer ist nach Schluß abgesperrt. Ich darf niemanden hineinlassen ...«

»Aber Herr Pettner, machen Sie doch keine solchen Geschichten! Ich habe Befehl von Kio, ihm mein Heft hinauf zu legen. Er kommt heute noch zur Korrektur.«

»So warten Sie hier unten auf ihn!«

»Warten? Fällt mir nicht ein! Ausgeschlossen! Glauben Sie, ich habe Lust, mir meinen ganzen Abend zu verderben? Lassen Sie mich hinauf! Er will das Heft vorfinden.«

Ich zitterte schon, der Pedell würde mir das Heft abfordern, um es Kio zu übergeben. Aber er sagte nur:

»Schüler im Konferenzzimmer ...? Das sind Neuerungen!«

»Gott, ich kann ja auch gehn, Pettner, dann aber werden Sie den Krach auslöffeln: Sie kennen ja Kio.«

Ich hatte ihn schon bis zur Treppe gedrängt:

»Sagen Sie, Herr Pettner, mir kommt's so vor, als wäre ich den letzten Wein noch schuldig, den ich bei Ihnen getrunken habe ...«

Eine Stimme aus der Pedellenloge schrie: »Vater!« Gott sei Dank! Pettner gab den Kampf auf.

»Das Konferenzzimmer ist noch geöffnet«, sagte er, »vom Reinemachen.«

Jetzt kam Adler und stammelte unhörbar seinen Spruch. Mit brummiger Resignation gab uns der Alte den Weg frei.

Das Schicksalszimmer lag am Ende eines Ganges, der vorher ein Knie machte. Die Tür stand weit offen: Eimer und Besen der Scheuerfrauen waren noch gar nicht fortgeräumt. In fliegender Hast mußte die Tat ausgeführt werden.

Auf dem grünen Riesentisch lagen alle acht Klassenkataloge des Gymnasiums neben- und übereinander, grüngraue Foliobände. Ein Griff, und mit dem unsrigen zum Fenster, wo noch ungedämpftes Licht auf dem kleinen Zeichentisch lag! Ich sehe schnelle Wolken mit rotgelben Wundrändern. Ich sehe gespenstige Gegenstände, Lehrmittel, die zur Reparatur kommen sollten: eine Schlange und einen ausgestopften Affen.

Ich schlug natürlich meinen Namen zuerst auf. Das Resultat war elend genug. Aber ein Verdammungsurteil fand ich nicht. Wenn Zeit blieb, wollte ich meine Fortuna auch noch korrigieren. Ich stellte mein Diebswerkzeug hin, das Fläschchen, Wischer und Tupfer! Adlers Name! Er selber beugte sich weit über mich. Ich jagte ihn hinaus:

»Steh Wache, um Gottes willen!«

Zuerst nahm ich die Mathematik vor. Ich rief ihm zu:

»Drei Nichtgenügend! Eines lassen wir stehn, aus den zwei andern machen wir Genügend!«

Adler hauchte närrischerweise ein »Bitte sehr.«

Ich selber war ganz ruhig geworden. Mich durchdrang ein lustreicher Zustand von indolentem Mut, als hätte ich zu meinem Werke ungemessene Zeit und Ruhe. Gar nicht hastig zündete ich mir hier im Hauptquartier des Rauchverbots eine Zigarette an. Ich ließ einige Tropfen auf die beiden ›Nicht‹ fallen und wartete, bis die Tinte aufgesogen war. Wieder stand Adler hinter mir. Wieder jagte ich ihn hinaus. Dann nahm ich den Tupfer. Das erste ›Nicht‹ verschwand.

Nun aber wandelte mich eine wohlige Frechheit an, der unbezwingliche Wunsch, das Schicksal herauszufordern und Adler mit Kaltblütigkeit zu foltern. Die gruselige Vorstellung, der Pedell könne jetzt eintreten, streichelte wollüstig die Nerven des Geschlechts. Ich unterbrach meine Arbeit und pfiff vor mich hin und suchte bedächtig einen Aschenbecher in diesem Zimmer. Als ich mich umwandte, stand Kio vor mir. – Die Wendeltreppe und den Separateingang der Lehrer hatte ich nicht in Rechnung gezogen.

Es war kein Schlag auf den Kopf, den ich verspürte, sondern ein leichter Schreck, der merkwürdig säuerlich-süß im Munde schmeckte.

Ich überlegte als erstes? Was wird Adler tun?

Jeder andere hätte das unermeßliche Glück, nicht ertappt worden zu sein, mit einem Stoßgebet ausgenützt und wäre davongerast. Adler aber trat in das Zimmer.

Kio sprach kein Wort. Er sah uns gar nicht an. Mit großen Schritten ging er auf und ab, nahm mit bewußtlosen Fingern allerlei Gegenstände in die Hand, in deren Anblick er sich mit wilder Aufmerksamkeit vertiefte. Wir sahen, wie seine plastischen Schläfenadern plötzlich hoch anschwollen, erstarrten Blitzen gleich. Er schleuderte das Buch, das er gerade in der Hand hielt – Gindelys Geschichte der Neuzeit für Mittelschulen –, mit einem Knall in die Ecke. Und wieder ging er auf und ab. Endlich blieb er vor mir stehn und sagte, bebenden Ekel in der Kehle, nichts als:

»Sie riechen nach Tabakrauch.«

Und mit einer rasenden Bewegung, als wolle er mich auf die Straße schleudern, riß er das Fenster auf. Er hatte alles gesehn. Der Tropfen auf dem zweiten ›Nicht‹ war inzwischen zu einem großen, blauen Klecks angeschwollen.

Noch immer kein Wort. Er setzte sich und sah starr zum Kirchturm hinüber, als er mich ganz heiser anrief:

»Sebastian!«

»Ich bitte, Herr Professor ...«

Aber er machte nur eine leichte und erschöpfte Handbewegung zur Tür hin.

Wir fuhren aus dem Zimmer.

Vor dem Tor herrschte ich Adler an:

»Geh jetzt! Zwei richten nichts aus. Ich werde ihn abfangen.«

An der nächsten Straßenecke blieb ich stehn und wartete eine volle Stunde. Als er dann kam, tat er so, als bemerke er mich nicht, und übersah meinen Gruß. Da wagte ich mich nicht an ihn heran. Ich hatte allen Mut verloren. Nun ging ich hinter ihm her, so daß er's nicht merken konnte und ich ihn doch nicht aus den Augen verlor. Abendlich berauschte Straßen! Die Welt hatte jetzt ein vollkommen neues Wesen angenommen. Die gleichmütig-dicken Menschenzüge fluteten dicht an mir vorbei, und dennoch so weitentrückt. Ich allein schritt in einer einsamen Nebelhülle von Schicksal, die mich belebte und zugleich betäubte wie ein schweres Punschgetränk. Wer wird mich retten? Und doch hätte ich diesen Zustand schrecklicher Erwartung nicht leicht hergegeben, diese ohnmachtsnahe Lust.

Jeder Kriminalist kennt ja die sonderbare Aufgeräumtheit, die Verbrecher kurz nach der Verhaftung zeigen. Oh, ich habe etwas Ähnliches sehr früh, ich habe es bei diesem Gang kennen gelernt.

Manchmal verlor ich den Lehrer dennoch aus dem Blick. Aber schnell hatte ich ihn wieder eingeholt. Nun bog er in stillere Straßen ein. Er trat in eine Trafik, sich eine Zeitung zu kaufen. Ich verschwand in einen Hausflur, daß er mich beim Heraustreten nicht erkenne.

Wir waren in einer nördlichen Vorstadt angelangt, wo nur ärmliche Menschen wohnen. Ich lernte verstehn: Kio ist nicht nur Ordinarius, er ist auch Mensch, und ein ärmlicher dazu. Nicht so leicht und fast erschütternd war's, diese Verwandlung zu begreifen. Kio entwuchs dem Bild, das ihn als unsern Herrscher zeigte, Aoriste prüfend oder die Affäre von Maglaj schildernd. Jupiter hatte einen beinahe schäbigen Rücken, und sein Nacken war mager und altersbraun.

Vor einem schmalen Haustor machte er Halt und wartete. Hatte er doch gefühlt, daß ich ihm folgte? Ich schlich näher. Ohne sich nach mir umzuwenden, sprach er in den dunklen Flur hinein:

»Folgen Sie mir!«

Krachende Stiege, enge Wohnung! Kio ließ mich in ein dunkles Zimmer treten. Dumpfer Knall des Auerlichts, ein Kindheitslaut, der aus der Welt verschwunden ist!

Jupiter wohnte in einer Wohnung.

Er schien eine Frau zu haben, denn aus der Küche kam ein langgezogenes: »Emil!«

An seinen vier Wänden hingen Stiche, die lebhafte Momente aus dem bosnischen Feldzug darstellten, und unter ihnen hing die vergrößerte Photographie eines jungen Mannes, mit einem Palmzweig geschmückt. Ein alter Offizierssäbel lehnte irgendwo. Auf dem Schreibtisch aber häuften sich in vielen hohen Stößen die Hefte der lateinischen und griechischen Komposition. Manche lagen aufgeschlagen mit den blutbefleckten Seiten grammatikalischer Schlachtfelder. In jener Stunde, die mich das erstemal ins Leben warf, fühlte ich das alltägliche Elend dieser vielen Hefte.

Jupiter zog einen Hausrock an:

»Setzen Sie sich!«

Ich nahm auf der Kante eines Stuhles Platz.

»Kennen Sie, Sebastian, den Beruf Seiner Exzellenz, Ihres Herrn Vaters?«

»Ja.«

»Nennen Sie ihn!«

»Präsident des Obersten Gerichtshofs.«

»Präsident des Obersten Gerichtshofs! Seine Exzellenz ist also Richter über allen Richtern und somit Richter über alle Menschen in Österreich. Habe ich recht?«

»Ja.«

»Ihr Herr Vater bestätigt jedes gerechte Urteil über einen Staatsbürger, das ihm vorgelegt wird. Sprechen Sie!«

»Ja.«

»Und wenn ihm ein gerechtes Urteil über einen Übeltäter vorgelegt wird, der sein eigener Sohn ist, was wird er tun?«

»Herr Professor ...«

»Ich frage Sie, was Seine Exzellenz diesfalls tun wird?«

»Herr ...«

»Er wird es schmerzerfüllt bestätigen!«

»Ich habe ...«

»Sie haben gar nichts, Sebastian. Denn auch ich werde, nicht anders als Ihr Herr Vater, der Gerechtigkeit freien Lauf lassen.«

»Ich habe mir ja nichts zuschulden kommen lassen, Herr Professor ...«

Kio nahm mein Fläschchen aus der Tasche und verlas die Etikette:

»Tintentod. Macht binnen wenigen Minuten jeden Fleck und jede Schrift spurlos verschwinden.«

»Die Flasche gehört nicht mir.«

»Und wem gehört sie?«

»Ich weiß es nicht.«

»Und was hatten Sie im Konferenzsaal zu suchen?«

»Wir, Adler und ich, wollten uns im Klassenzimmer ein vergessenes Buch abholen. Da sahen wir die offene Tür und sind aus Neugier hineingegangen.«

»So!? Und aus Neugier haben Sie den Klassenkatalog zur Hand genommen?«

Ich schwieg.

»Und aus Neugier haben Sie das gemeine Delikt der Fälschung begangen?«

»Ich habe es nicht begangen.«

Kios Stimme klang auf einmal nicht mehr richterlich:

»Es wäre gut, Sie würden sich mir gegenüber nicht aufs Leugnen verlegen.«

Nur ein Hauch gelang mir:

»Ich bin unschuldig.«

»Sie behaupten somit, daß Adler dieses Delikt verübt hat?«

Wiederum schwieg ich. Leer und stumpf war's in mir. Die einzige Regung, mich selber auf die niedrigste und gewöhnlichste Art herauszuschlagen.

Kio war jetzt weder Lehrer noch Richter. Scharf wandte er sich mir zu, als läge zwischen uns beiden ein Ehrenhandel vor:

»Ich erwarte, daß Sie diese Behauptung zurückziehn!«

Ich schwieg.

»Sebastian! Homo sum, nil humani a me alienum puto. Haben Sie mich verstanden?«

»Ja!«

»Wo aber die Ehrlosigkeit und die Schufterei beginnt, dort hört für mich der homo auf!«

Mir kam meine eigene Stimme kaum zum Bewußtsein:

»Es war ja nicht mein Name ...«

Kio sprang auf, lief aus dem Zimmer, kehrte aber gleich wieder zurück. Ich hatte während des ganzen Verhörs das Bild des jungen Menschen in Leutnantsuniform angestarrt. Ohne zu wissen warum, klammerte ich mich an diese Photographie, als könnte sie mir Hilfe bringen. Kio bemerkte es und wurde immer nervöser und nervöser. Ich aber, der spürte, daß mein Blick ihn beirrte, starrte den Leutnant nur noch fester an. Auch jetzt, da Kio wortlos im Zimmer hin und her lief. Er jedoch stampfte plötzlich auf, und mit der gleichen rasenden Bewegung, mit der er das Fenster des Konferenzsaals aufgerissen hatte, holte er jetzt das Bild seines Sohnes vom Nagel und stellte es mit dem Gesicht zur Wand. Lange mußte er auf und ab gehn, um sich zu beruhigen. Dann fragte er, leise, über seine Schulter weg: »Sind Sie bereit, mir zu Händen eine schriftliche Erklärung abzugeben, daß Adler der Schuldige ist?«

Ich gab keine Antwort. Nach einer Weile sah ich Kios wohlbekannte Handschrift auf einem weißen Blättchen. Wie im Traum unterschrieb ich. Achtlos warf Kio den Zettel zur Seite. Diese und wohl auch noch andere Einzelheiten hätten mir zeigen können, daß er uns nicht richten, sondern retten wollte! Mir aber fiel nichts mehr auf.

Kio schien über mein Aussehen zu erschrecken. Er näherte sich mir und legte seine kalte Hand auf meine Stirn.

»Wollen Sie nicht ein Glas Milch zu sich nehmen?«

Und eigenhändig brachte mir der alte Lehrer das Getränk aus der Küche, das ich folgsam leerte, während sein unendlich gramvolles Gesicht mir ganz nahe kam.

Es folgte eine Nacht des tiefen Schlafes.

Am nächsten Morgen spürten alle, daß sich eine große Sache begeben hatte, obgleich von keiner Seite eine Erwähnung geschah. Dies war ja auch nicht nötig. Jeder Gemeinschaftskörper beginnt unbewußt zu fiebern, wenn eines seiner Glieder erkrankt oder von Gefahr bedroht wird.

So fieberte auch die Septima zu Sankt Nikolaus, ohne zu wissen, was vorgefallen war. Es war ein angenehmes Fieber übrigens für die meisten, denn die prickelnde Erwartung einer Katastrophe lag in der Luft, bei der es doch immer mehr Zuschauer als Opfer gibt. Ressl und Schulhof umschlichen mich neugierig. Sie stellten schüchterne Fragen. Ich versank im Homer. Am unheimlichsten aber wirkte Faltin. Er war das feinstdenkbare Präzisionsinstrument für derartige Erdbeben. Doch weil er eine allzu empfindliche Magnetnadel vorstellte, gab er zu großen Ausschlag und zeigte statt eines Striches alle zugleich an. Hundert Vermutungen und Gerüchte strahlten von seinem Platz über die ganze Klasse: Wir wären im Gran Canon erwischt worden ... Der Schwänzturnus sei aufgedeckt ... Komarek habe dem Professor Stowasser mit dem Stock gedroht ... All diese Gerüchte spielten für kurze Augenblicke wenigstens die Rolle der Wahrheit. Faltin aber zitterte in seinen Grundfesten vor seliger Unruhe. Nach der großen Pause stürzte er ins Klassenzimmer:

»Sie sind alle beim Alten, beim Direktor.«

Das kam sehr oft vor. Aber heute hatte es seine unabwendbare Bedeutung. Er verschwand sofort, um seinen Horchposten zu beziehen. Einen Augenblick später fuhr sein Kopf wieder zur Tür herein:

»Jetzt geht Stowasser fort.«

Eine harmlose Tatsache, von der auf einmal ungewisse Beklemmung ausging. Laut schlug Faltin die Tür hinter sich zu. Aber zehnmal mindestens noch riß er sie wieder auf, um eine beglückte Situationsmeldung des nahenden Unheils ins Zimmer zu schleudern. Adler und ich saßen ruhig, sprachen weder miteinander noch auch mit den andern.

Mitten während einer fremden Stunde erschien Kio unter uns. Kerzengerade schoß alles auf. Er verkündete scharf:

»Montag, um zwölf Uhr mittags, finden sich Adler und Sebastian bei mir im Sprechzimmer ein!«

Von dieser Sekunde an waren wir beide, wie mit Handfesseln zusammengekettet, zu einer verfemten Einheit geworden. Selbst die Großschnauzen der Schulverachtung, Schulhof und Ressl, machten einen verschämten Umweg um uns. Wir waren allein.

Wir blieben in meiner Wohnung. Die Tanten waren, wie sie es im Frühjahr oft taten, über Samstag und Sonntag zu Freunden aufs Land gefahren.

Ich fand nicht den Mut, Adler meine schurkische Lüge einzugestehn. Ich sagte einfach, Kio wisse alles. Er habe uns beide betreten und mache keinen Unterschied. Immer wieder ertappte ich mich auf dem Gedanken: wenn Adler plötzlich aus der Welt verschwände, könnte sich für mich alles zum Guten wenden. Die Erklärung meiner Unschuld hatte ich ja zu Handen Kios gefertigt. Nicht auf meiner Buchseite war das Verbrechen nachweisbar.

Aber Adler lebte!

Keine Macht der Welt konnte ihn verschwinden machen. Schonungslos entwarf ich das Bild der Zukunft:

Am Montag würde uns Kio in seinem Sprechzimmer den Befehl erteilen, vor der Konferenz zu erscheinen. Wenige Stunden später findet unter des Direktors Vorsitz das Verhör statt. Kein Leugnen hilft, denn das corpus delicti, der blaue Klecks im Klassenkatalog, ist weithin sichtbar vorhanden. Kio und Wojwode können, selbst wenn sie es wollten, keinen Verteidigungs- oder Vertuschungsversuch unternehmen. Das Urteil wird gefällt, das heißt ein Protokoll über unsere gemeinsame Missetat wird aufgenommen und an die höhere Schulbehörde geleitet, die den Verdammungsspruch zu verhängen hat. In der Wartezeit, ehe das unwiderrufliche Endurteil herabgelangt, wird uns der weitere Schulbesuch untersagt, damit die bessere Jugend von der Einwirkung verbrecherischer Elemente verschont bleibe. Dann – es ist noch keine Woche verstrichen – erscheint schamrot und mit gesenktem Kopf Fischer Robert in unserer Wohnung, um uns zu verkünden, daß wir dann und dann im Gymnasium zu erscheinen haben. Bei Verhängung eines einfachen Karzers muß der Direktor anwesend sein, bei diesem feierlichen Akt aber, der ganz gewiß wie sonst nur dynastische Gedenktage im großen Turnsaal stattfindet, ist die ganze Anstalt zugegen, der volle Lehrkörper, alle Schüler, selbst die Kinder aus den untersten Klassen, und wer weiß, vielleicht auch die Eltern oder deren Stellvertreter. Festkleidung ist selbstverständlich vorgeschrieben. Tante Aurelie erscheint im Witwenschleier. Adlers Mutter wird vielleicht im Rollstuhl in den Saal gefahren werden. Dann ruft uns der Direktor vor – er steht auf einem eigens errichteten, palmengeschmückten Podium – und legt in unsere Hand das Dokument der Schande, das uns für ewige Zeiten aus dem Nikolausgymnasium und aus allen Mittelschulen des Reiches ausstößt. Vielleicht, fügte ich hinzu, wird der Gesangslehrer dann noch ein Stück auf dem Harmonium spielen, die Eltern oder deren Stellvertreter ziehen das Taschentuch, und der Schulchor singt: ›Die Himmel preisen des Ewigen Ehre!‹ Mit diesem Akt aber ist das Trauerspiel noch nicht zu Ende. Es wird so lange währen, als unser Leben währt. Der Besuch einer Universität ist uns für alle Zeiten verschlossen. Ich kann also nicht Jurist werden, nicht Staatsbeamter, wie es mein Vater von mir fordert, und wie es auch meine einzig mögliche Zukunft ist. Der Präsident des Obersten Gerichtshofs vernimmt, daß er einen Schwerverbrecher zum Sohn hat. Da kann selbst ich es ihm nicht verübeln, daß er mir befiehlt, einen andern Namen anzunehmen als den seinigen. Er selber wird diese Namensänderung betreiben oder durchführen. Daß ich von ihm keinen Heller mehr erhalte, ist selbstverständlich. Schließlich wird auch meinen Tanten verboten werden, mir länger Unterkunft zu gewähren. Adler aber könne Gott danken, wenn der Vormund ihn als unbezahlten Kommis in seinem Tuchgeschäft anstelle und ihn täglich nur einer hämischen Bemerkung würdige: ›Um das Lagerbuch richtig zu führen, muß man auch ein gebildeter Mensch sein, mein Lieber!‹ Ob er nun zwanzig, vierzig, sechzig Jahre alt sei, immer werde er unbezahlter Kommis bleiben ...

Es war Sonntag, elf Uhr morgens, als ich den Vorschlag machte, noch einmal am Kelche des Lebens zu nippen und eine Henkersmahlzeit der Seele zu feiern. Wir brachen auf, um, wie ich glaubte, das letztemal in diesem Leben die Spielplätze meiner Verliebtheit aufzusuchen.

Als wir oben ankamen, brach ein wütender Platzregen los, der die vielen netzumgrenzten Felder wie in Kreidestaub hüllte. Wir erfuhren, daß alle Herrschaften sich ins Gartenrestaurant geflüchtet hatten. Das Klubhaus war leer. Wieder kam mir der unverschämte Ledergeruch entgegen, dieser würzige Duft gegerbter Verwesung. Ich stieß die Türe zu den Ankleideräumen der Damen auf. Adler erschrak. Da er mich nicht zurückhalten konnte, folgte er mir. Kein Mensch befand sich in den Zimmern, wo eine peinliche Ordnung und Stille herrschte. Es hing kein Hut und kein Kleidungsstück an den Rechen, alle Kasten waren versperrt, nichts fand sich, was an Frauen erinnerte.

Dort aber, fast in der Mitte des zweiten Zimmers, standen zwei kleine Schuhe. Ungeheuer lebendig standen sie da, keck vorgestellt der eine, nachzögernd der andere, die niederschmetternde Vision eines Frauenschritts, mächtiger als alle Wirklichkeit. Da hielt ich mich nicht und heulte los. Es war kein Ausbruch empfindsamer Tränen, es war die ums Leben betrogene Erbitterung eines Galeerensklaven, die losbricht. Ich glaube, daß ich ein kurzes Gebrüll ausgestoßen habe. Adler kam auf mich zu und faßte mit liebreizender Unbeholfenheit meine Hand. Aber er verstand nur, daß ich weinte, nicht daß ich wütend war. Er sah Tränen im allgemeinen, ein Leid, eine Seele, nicht Sebastian, nicht mich, dieser abstrakte Unmensch. Ich stieß ihn fort, ich warf mich über die Schuhe und riß eine Schnalle ab.

Marianne, die mit zwei andern Damen eintrat, hatte, Gott sei Dank, davon nichts bemerkt.

»Was macht ihr hier?« fragte sie streng.

Seit gestern abend war ich umgewandelt. Keine Spur von Schüchternheit steckte mehr in meiner Kehle:

»Wir suchen Sie, Fräulein Marianne.«

Sie erstaunte merklich über meinen Ton, folgte uns aber vors Haus. Der Regen hatte aufgehört.

Ich sah sie frei an, wie noch nie. Sie trug ihr weißes Sportkostüm und einen Regenmantel drüber, den der Wind bewegte:

»Wir kommen, um Abschied von Ihnen zu nehmen, Fräulein Marianne!«

»Was heißt das? Machen Sie denn eine Reise?«

»Reise oder nicht! Man wird in der nächsten Zeit allerlei Dinge zu hören bekommen. Bewahren Sie uns bitte ein freundliches Andenken!«

Ich spürte genau, daß ich sehr unsympathisch wirkte, daß ich ihr unangenehm war. Sie wurde zur herablassenden Dame, die mit zwei Kindern spricht:

»Ich hoffe, daß ich Ihnen noch überhaupt kein Andenken werde bewahren müssen.«

»Oh, unterschätzen Sie solch ein Andenken nicht! Es gehört mehr Mut dazu, als man meint, vor gewissen Leuten einzugestehn, daß man sie gekannt hat. Ich weiß nicht, ob Sie diesen Mut haben werden, Fräulein Marianne!«

»Bisher verstehe ich kein Wort von all dem Geschwätz ...«

Ich blähte mich immer mehr auf:

»Es sind aber auch solche Leute wieder auferstanden. Heute noch schäbige, verworfene Nichtse, die niemand anspuckt, und morgen setzen sie die Welt in Erstaunen ... Man erinnert sich wieder gütigst. Das soll schon vorgekommen sein.«

Sie zeigte Langeweile:

»Ich glaube, Sie täten besser daran, sich fleißiger mit Ihren Schulbüchern zu befassen.«

»Sie halten uns also für Schulbuben, Fräulein Marianne?«

»Ganz gewiß halte ich Sie dafür.«

»Ich kann Ihnen aber unter Diskretion verraten, daß wir seit gestern keine Schulbuben mehr sind. Wir stehen verdammt im Leben. Nicht wahr, Adler?«

»Ja! Das ist wahr«, sagte er.

Sie sah ihn an. Verlassen und einsam stand er da wie ein junger Blinder. Sein Gesicht war ganz grau. Mütterlichkeit regte sich in Marianne:

»Ist Ihr Freund krank?«

»Nicht kränker als ich. Uns beiden fehlt das gleiche.«

»Nein, das glaube ich nicht. Sie sind nicht im geringsten bedauernswert. Ihm aber fehlt wirklich etwas. Warum kümmert man sich nicht mehr um ihn?«

Da fuhr ein Sturm von Frechheit in mich:

»Fräulein Marianne! Ich muß Ihr Angebot, mit Ihnen im Turnier zu spielen, dankend ablehnen. Ich habe keine Zeit.«

Sie fand zuerst kein Wort. Dann sagte sie, aber ohne Schlagfertigkeit:

»Ich spiele überhaupt nie in einem Turnier.«

Die Nadel der Schuhschnalle bohrte sich in meine Hand. Ich fühlte einen entsetzlichen Mut. Wäre sie stehn geblieben, ich hätte mich auf sie gestürzt und sie an mich gerissen. Sie aber trat leise auf die Torstufe:

»Ich muß hinein.«

Flüchtig reichte sie mir die Hand. Als Adler aber seine Verbeugung machte, fuhr sie ihm mit einer weichen und unbeschreiblich liebkosenden Bewegung übers Haar.

Finster schweigend ging ich mit ihm über die Brücke nach Hause. Wie wir es oft taten, blieben wir an einer bestimmten Stelle stehn und sahen in den grauen Fluß hinunter, den ein langes Wehr kämmte wie schmutzig-weißes Haar. Ich setzte die Betrachtung unseres Elends fort:

»Daß wir hinausgeschmissen werden, Adler, das ist nicht alles! Vielleicht gehört unser Fall vor eine andere Instanz, als den Landesschulrat. Vielleicht tritt er ihn dem Jugendgericht ab. Und dann werden wir in eine Besserungsanstalt gesteckt, in die Katorga, in die Hölle ... Was sagst du dazu?« Adler überlegte sehr lange, dann schloß er:

»Es ist nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich.«

Zu Hause teilte man uns sogleich mit, unser Mitschüler Fischer Robert sei hier gewesen, um mir einen Auftrag von Professor Kio zu überbringen. Er habe eine Stunde lang gewartet und sei dann mit einem Brief in der Hand zu dem andern Herrn gegangen. Er werde aber heute nicht mehr wiederkommen.

Wir saßen einander mit erstarrten Körpern gegenüber:

»Da hast du es, Adler!«

Eine Ahnung leuchtete in ihm auf:

»Und wenn es etwas Gutes ist?«

»Wie kann es denn etwas Gutes sein? Das Verbot, morgen in die Schule zu kommen, bestenfalls!«

»Wenn er uns aber sprechen will?«

»Das Verhör wird noch früh genug stattfinden.«

»Sollte ich nicht nach Hause gehn, Sebastian?«

»Nach Hause? Deine Mutter hat längst den Brief in der Hand. Dein Onkel sitzt schon bei ihr. Wenn du Lust hast, kannst du ja nach Hause gehn.«

Verzweiflung brach aus ihm:

»Nein, ich kann nicht nach Hause gehn.«

Und er warf den Kopf über seine Arme.

Es war schon sechs Uhr abends, als wir langsam in die Idee des gemeinsamen Selbstmords glitten. Ich hatte das Wort als erster ausgesprochen. Adler lag auf dem Diwan meines Zimmers. Dieses Wort schien ihn glücklich zu machen. Er hatte es erwartet, wie eine Erlösung, an die er nicht zu denken gewagt. So selbstverständlich war ihm der Tod, daß er nicht die kleinste Bewegung machte. Auch ich hatte keine Furcht. Eine starke Spannung beherrschte mich, als läge etwas sehr Interessantes vor mir, eine Reise, ein abenteuerliches Erlebnis.

Alles bekam mit einem Schlag eine andere, gehobene Bedeutung.

Schülerselbstmord! Nicht mehr gelten wir als Verbrecher. Alle Schuld fällt auf die Lehrer. Die Zeitungen werden sich unser annehmen. Ein scharfes Strafgericht fegt den Lehrkörper auseinander. Die Schule bleibt geschlossen. Man wird an unserem Grabe Reden halten. Wir sind zu Helden geworden, zu blutigen Opfern der Tyrannei, hoch emporwachsend über alle Ressls, Faltins und Burdas ...

Für diese Gedanken hatte Adler wenig Verständnis. Er begann zu erörtern, auf welche Weise wir die Tat begehen sollten. Morgen dürften wir ja nicht mehr leben. Aber eine Waffe besaßen wir nicht. Auch hätte der Revolver vorausgesetzt, daß einer von uns zum Mörder werde. Gift konnten wir uns nicht verschaffen. Vor dem Erhängen empfand Adler Abscheu. Es blieb das Leuchtgas.

Wir beschlossen, Schirm und Lichtgestell von der Tischlampe meines Zimmers herunterzutun. Die Tür wurde verriegelt, die Fenster dicht verschlossen. Jetzt war noch zu überlegen, ob wir Briefe zurücklassen sollten. Ich dachte zuerst an ein solennes ›Sendschreiben an die Menschheit‹. Adler erklärte diesen Gedanken für ekelhaft. Später aber bestand ich darauf, daß jeder von uns auf einen Zettel folgende Worte hinterließ:

›Ich scheide freiwillig aus dem Leben.‹

Dann schlug ich Adler vor, sich angekleidet auf mein Bett zu legen. Ich selbst wählte den Diwan. Adler lag schon. Er hatte Eile. Jetzt öffnete ich den Gashahn. Schnell noch trat ich an den Waschtisch, um mich fürs Sterben zurecht zu machen: Ich zog mir einen neuen Scheitel, den ich mit Brillantine festlegte, damit der Todeskampf ihn nicht zerstöre. Alles war getan. Still legte ich mich auf den Diwan, wie ein Ritter auf sein Grabmal. Es war Nacht geworden.

Schlief er schon? Ich rief ins Dunkel:

»Adler! Kannst du nicht eine Stelle aus deinem ›Friedrich‹ hersagen?«

Keine Antwort. Er schlief.

Doch dann kam eine Stimme von der andern Wand her. Da ich den großen Kopf und die starrenden Augen nicht sah konnte es eine Stimme ohne leibliche Herkunft sein:

»Entsende, Priester, deinen Bannstrahl nur!
Zerschmettre den, der längst zerschmettert ist!
Das Meer tanzt um die Klippe ohne Schuld ...«

»Weiter!«

»Blödsinn! Es ist Kitsch!«

»›Das Meer tanzt um die Klippe ohne Schuld ...‹ Das ist tadellos, Adler! Siehst du, mir wäre so etwas niemals eingefallen. Ich hätte einfach gedichtet: ›Das Meer umspült die Klippen.‹ – Ach was, nicht einmal das hätte ich gedichtet. Aber du hast eine ganze Vision in die Zeile gelegt. Das Meer ist ein Mädchen oder eine Frau. Sie trägt irgend etwas Weißes, ein helles Sportkostüm, nein, höchstwahrscheinlich Mull, gewiß trägt sie Mull. Und sie tanzt ruhig, ganz allein, ganz für sich um die Klippe. Eine alte, ekelhafte Klippe – ich sehe deutlich unsern Direktor –, und sie tanzt dieser Klippe um den Ziegenbart. Den Hofknicks machen kann sie auch, das Meer. Immer wieder entfernt sie sich im Hofknicks, das Meer. Sag einmal, Adler, mar maris, Wortstamm mar, das ist doch der gleiche Stamm wie Maria? Was? Glaubst du, daß vielleicht das Meer mit der Jungfrau Maria zusammenhängt, oder überhaupt mit dem Namen Maria ...?«

»Stern des Meeres ... Leicht möglich ... Aber schlaf nun endlich!«

»Siehst du, ich glaube, daß ich jetzt eine philologische Entdeckung gemacht habe. Dem Fischer wäre der Zusammenhang zwischen dem Meer und allen Marien der Welt nicht eingefallen. Er ist nur eine Ratsche oder eine Streubüchse. Man schüttelt Merksätze aus ihm: ›Begierig, kundig, eingedenk, teilhaftig, mächtig, voll ziehen den Genetiv nach.‹ Er kommt nicht einmal drauf, daß Genetiv den gleichen Stamm hat wie Genitalien. Was? Dafür aber prangt sein Zeugnis wie eine weißgekleidete Jungfrau ...«

»Schlaf!«

»... Ohne Schuld ... Das ist das Schönste an deinem Vers! He ...! Adler!«

»Ja?«

»Spürst du schon etwas?«

»Nichts!«

»Ich auch nicht.«

»Das dauert noch lange.«

»Adler! Weißt du, daß du viel begabter bist als ich. Dein ›Friedrich‹ ist ein geniales Werk ...«

»Blödsinn! Er ist ganz unreif! Gib doch endlich Ruhe!«

»Ich werde dir etwas sagen, lieber Adler! Steh auf, geh fort, laß mich hier allein krepieren! Was kann dir diese Geschichte schaden? Rede dich morgen auf mich aus! Sag, du hast von dem Ganzen nichts gewußt! Und überhaupt pfeif drauf! Du bist ein Genie und wirst einmal den Nobelpreis bekommen. Ich aber, ich bin unbegabt ...«

Ich hörte, wie Adler im Dunkel eine Bewegung machte und sich zu mir hinüberwandte. Nichts war zu sehn. Und dennoch sah ich den unerbittlichen, unbestechlichen Grund seiner Augen:

»Unbegabt, Sebastian ... Das ist bei dir etwas ganz andres ... Darüber müßten wir lange reden ... Aber wozu noch lange reden ...? Jetzt ist ja alles schon gleichgültig ... Schweig und schlaf!«

Ich bekam keine Antwort mehr.

Mit einem leisen Ton strömte das Gas aus. Es war, als sei das Element der Zeit hörbar geworden: Eine gleichförmigröchelnde Melodie.

Mit einem Ruck setzte ich mich auf. Welch ein Wahnsinn! Leise rief ich den Sterbegenossen an. Ruhig schlafend rührte er sich nicht mehr.

Wenn ich aus dem Zimmer gehe, wenn ich ihn verlasse, dann ist er ja aus der Welt verschwunden, dann bin ich gerettet. Niemand kann dann mehr beweisen, daß ich es war, der die Zensur gefälscht hat. Niemand auch kann beweisen, daß ich von seinem Selbstmord das geringste wußte. Ich gehe ganz einfach aus dem Haus und kehre erst nach Mitternacht heim, wenn schon alles vorüber ist. Wer will behaupten, daß ich der Mörder sei? (Nur meinen Abschiedszettel muß ich vernichten.) Wir sind einfach in meinem Zimmer zusammengekommen, um gemeinschaftlich zu studieren. Gegen sieben Uhr habe ich plötzlich Kopfschmerzen bekommen und bin spazieren gegangen. Zu Adler sagte ich vorher, er möge ruhig bei mir bleiben und es sich bequem machen, ich würde sehr lange ausbleiben, um meine Kopfschmerzen loszuwerden ... Ein lückenloses Alibi!

Ich trat im nun erwachten schwachen Straßenschein an Adlers Lager. Er schlief mit halboffenem Mund. Er hatte die Brille abgenommen. Sein Gesicht war schön. Leise schlich ich aus dem Zimmer. Leise schloß ich die Tür hinter mir.

Groß und einsam war das Haus.

Agnes, die Wirtschafterin, und die Mädchen meiner Tanten hatten alle Sonntagsausgang. Mein Mut reichte nicht, um dieses Haus des Todes zu verlassen. Der Flügel stand offen. Während mein Kamerad oben seinem Ende entgegenschlief, setzte ich mich ans Klavier und griff ungewöhnliche Akkorde. Dabei lag mein Kopf fest auf den Tasten, und ich sprach zu dem schwarzen und weißen Elfenbein: »Das Meer tanzt um die Klippe ohne Schuld ...« Aber Geld werde ich doch brauchen! Woher heute Geld nehmen? Wo überhaupt soviel Geld hernehmen, wie es in einer solchen Situation notwendig werden kann?

Aurelie pflegte manches Schmuckstück in ihrem Wäscheschrank zu versperren. Ich dachte an den Korb mit den vielen ausgeschiedenen Schlüsseln, der im Schlafzimmer der Tante zu finden war. Einer vielleicht würde sperren. Einer sperrte. Ich hielt einen großen altertümlichen Hängeschmuck in der Hand.

Während ich diese Tat vollführte, war mein Herz nur wenig von Angst und viel mehr von Rührung erfüllt. Ich hatte meine Tanten bisher nicht für Frauen gehalten, sondern eben nur für Tanten. Jetzt, während ich Aurelie in ihrem Schlafzimmer bestahl, offenbarte sich mir zum erstenmal das heimlich-fremde Hausen der Frauen: Diese zarte Ordnung im Wäscheschrank, verschämt und schamlos zugleich, mit Geweben, unwirklich wie Lüge, mit kleinen Taschentüchern, die keine sind. Auf dem Spiegeltisch die Flakons und Toilette-Schaustücke, die ich so oft schon gesehn, ich sah sie zum erstenmal. Ach ja, Aurelie war erst vierunddreißig Jahre alt. Während ich meinen Raub in der Hand hielt und Adler starb, riß ich verborgene Schubladen auf, um im weiblichen Wirrwarr von Brennscheren, Nagelfeilen, Haarnadeln, Fingerhüten, einzelnen Handschuhen, Wattesäcken, Brieffetzen, Rechnungen, Stoffresten zu wühlen und vielleicht noch andere, unbekannte Dinge zu entdecken.

Wieviel Zeit war vergangen? Zehn Minuten oder eine Stunde? Als ich das Schlafzimmer verließ, fiel mich irre Angst an. Alles war stockdunkel. Ich hatte kein Licht zu machen gewagt.

Hinauf und in mein Zimmer! Dicker Gasgeruch schwoll mir entgegen. Ich riß das Fenster auf.

Adler rüttelnd:

»Steh auf! So geht es nicht. Steh auf! Du mußt fort!«

Adler erwachte nicht. Vielleicht war er schon vergiftet.

Ich versuchte ihn hochzuheben:

»Du mußt fort! Du mußt verreisen!«

Er fiel immer wieder zurück. Endlich blieb er mit geschlossenen Augen am Bettrand sitzen.

»Du mußt fort, Adler!«

Er gähnte lange, dann lallte er:

»Und du bist doch sehr unbegabt, Sebastian ...«

»Komm zum Fenster! Steh auf!«

»Deine Gedichte, lieber Sebastian, die hast du ja nur übersetzt ... Sie klingen so, so ... französisch ...«

Es gelang mir, ihn bis zum Fenster zu schleppen. Ich hielt seinen Kopf in die frische Luft hinaus wie in fließendes Wasser. Er lallte noch immer aus der Betäubung:

»Es war ja schon so gut und schön ... Es ging alles ... vorschriftsmäßig ... Warum tust du das? ... Warum weckst du uns?«

»Sei ruhig, Adler! Du mußt nicht sterben. Ich habe eine viel bessere Idee!«

Ein Krampf zog seine Brauen zusammen:

»Laß mich endlich! Deine Ideen sind mir schon schrecklich ...«

Er begann zu erwachen. Ich führte ihn in den Salon hinab, ich setzte ihn in einen Lehnstuhl, ich machte Licht, ich gab ihm eine Zigarette:

»Rauch, damit du nicht wieder einschläfst! Wir wollen etwas essen und trinken.«

In der Küche fand ich eine halbe Flasche Wein und Fruchtkuchen. Als ich damit ins Zimmer zurückkam, hatte Adler die Zigarette fallen lassen. Der Teppich wies ein Brandloch auf. Dann aber aß er den ganzen Kuchen auf. Ihm wurde besser. Ich flehte:

»Kannst du mir zuhören, Adler?«

»Ja, ja ... natürlich ...«

»Ich habe wirklich eine erlösende Idee, die dir das Leben rettet. Was auch immer geschieht, du müßtest zu deinem Vormund. Ist es da nicht besser, daß du einfach fliehst, wegfährst? ...«

Er sah mich stumpf an:

»Und du?«

»Ich? Mein Vater ist doch eine große Macht. Sie werden nicht bis zum Äußersten gehn. Dazu kommt, daß du abgängig sein wirst. Es droht ein Riesenskandal. Man wird alles vertuschen ...«

Adler wühlte eifrig in seinen Taschen:

»Ich kann ja gar nicht wegfahren.«

Ich hielt ihm den Schmuck entgegen:

»Das hier ist Tausende wert!«

Er stand halb auf:

»Du hast diese Brosche deiner Tante gestohlen!«

»Was geht das dich an?«

»Aber man wird die Hausmädchen verdächtigen.«

»Das ist mir jetzt vollkommen gleichgültig und kann dir ebenso gleichgültig sein.«

»Ich nehme den Schmuck nicht!«

»Unsinn! Du kannst ihn später einmal ersetzen. Du wirst übrigens Geld nehmen.«

Er rang nach anderen Einwänden.

»Ich kann ja meine Sachen nicht packen ... Ich darf ja nicht nach Hause gehn ...«

»Du bekommst meinen eigenen Koffer, Adler, und alles was ich besitze dazu!«

Ich lief auf den Hausboden, zog meine große Reisetasche hervor und stürzte in mein Zimmer. Ohne nachzudenken, warf ich meine ganze Wäsche in das Gepäckstück, Anzüge, Stiefel, selbst meinen neuen Smoking, auf den ich sehr stolz war. Ich erinnere mich, daß ich sogar eine lange Zeit mit verzweifeltem Eifer nach einer ungebrauchten Zahnbürste suchte, die ich irgendwo wußte.

Adler war wieder eingeschlafen. Ich riß ihn aus dem Lehnstuhl. Er jammerte:

»Legen wir uns doch oben hin ... Das Einschlafen war ja viel schöner, als alles andere werden kann ...«

Er muß auf die Straße, dachte ich, freie Luft atmen!

Nun zogen wir ziellos durch die Nacht. In der linken Hand schleppte ich die schwere Reisetasche, mit der rechten Adler. Ich hatte die Empfindung, einen Toten hinter mir her zu schleifen, einen Ermordeten in einem Sack. Aber ein Toter muß weg, selbst ein Toter, den man liebt. Nur eines: Ich durfte nicht aufhören zu reden. Die ganze Nacht lang hatte ich die Aufgabe, immer zu reden, unaufhörlich. Das Wichtigste war, diese Kraft die ganze Nacht lang in mir wachzuhalten. Und immer nur denken: Er muß weg!

Ich zog Adler in ein Durchhaus und stellte die Tasche hin:

»Es ist doch nicht das erstemal, daß wir einen Fluchtplan besprechen, Adler. Ich habe ja nur eine Idee aufgegriffen, die du selber schon ausgesprochen hast. Nicht wahr, du erinnerst dich? Siehst du, du erinnerst dich!«

Während ich sprach, hörte ich Adlers Mutter: ›Man kann den Franz nicht allein ins Leben schicken. Immer sehe ich ihn im Traum, wie er auf einer Straßenkreuzung überfahren wird.‹ Was half das? Überfahren konnte er auch hier in dieser Stadt werden! Das war kein Grund, mich aufzuopfern. Er mußte fort, fort! Ich plapperte weiter: »Hast du mir nicht erzählt, daß ganz leidliche Verwandte von dir in Hamburg leben, die dir vielleicht im Kampf gegen deinen Onkel Hilfe leisten würden? Das ist ja nur ein Anhaltspunkt. Mein Gott, ich rate dir nicht, zu diesen Leuten zu gehn. Es könnte sogar unangenehme Verwicklungen für uns geben. Aber im Notfall mußt du dich nicht ganz allein fühlen. Siehst du, ich sage nur aus diesem sentimentalen Grunde ›Hamburg‹ und nicht ›London‹ und nicht ›Paris‹, was an sich weit interessanter wäre. An deiner Stelle würde ich ein paar Tage in Hamburg bleiben. Aber dann, Adler, unbedingt mit dem erstbesten Schiff nach Amerika.«

Er lehnte gegen die herabgelassenen Rollbalken eines Ladens und wiederholte:

»Nach Amerika.«

Ich glaubte, aus seinem Ton zu vernehmen, daß er sich mit der Abreise vertraut zu machen beginne. Ihn belauernd, schwärmte ich:

»Amerika! Da gibt es heute keine Schiffsjungen- und Liftboyromantik mehr! Dort werden auch Menschen deiner Art groß. Gerade geistige Menschen finden besonderen Anwert, weil es noch wenige gibt. Ich habe es gelesen. Demokratie, Adler, Demokratie! Du hast Zukunft vor dir, während ich ein verzweifelter Europäer bleiben werde. Übrigens Amerika oder nicht Amerika. Ich maße mir gar nicht an, dir einen Rat zu geben. In acht Tagen wirst du die Welt besser kennen als ich. Freu dich doch, Adler! Beruhige mich! Sag, daß du dich freust!«

Sein Kopf schwankte:

»Freuen? Warum soll ich mich freuen?«

»Wegen des Geldes mußt du dir keine Sorgen machen. Geld ist gewiß die Hauptfrage! Aber für den Anfang ist gesorgt. Du wirst soviel mithaben, daß du als Gentleman ans Land gehn und ein paar Monate splendid leben kannst. Das Weitere ergibt sich sodann ganz von selbst. Mit ein wenig Geschick findest du sogleich Verbindungen. Du mußt mir natürlich schreiben. Ich kann dir auch gewiß dann und wann aushelfen. Aber bitte schreibe mir ja nicht nach Hause, sondern poste restante. Wer weiß, vielleicht werden Haussuchungen stattfinden. – Schreibe mir unter der Chiffre: Kampfgenossen!«

Ich selber hörte meinem Gerede nur mit halbem Ohr zu. Die Frage der Geldbeschaffung stand schreckhaft vor mir auf. Es war zehn Uhr abends, es war Sonntag. Wer sollte mir den geraubten Schmuck abkaufen oder mich an einen Käufer weisen? Ressl, Schulhof, Faltin? Unmöglich! Es waren Knaben, nicht fähig, eine ernste Sache zu ertragen. Seit gestern war ich nicht mehr ihresgleichen. Ich mußte einen Mann finden.

Wie ein Ton, der immer stärker angeschlagen wird, erklang der Name Komarek in mir. Ja, er, der mir die Ohrfeige versetzt hatte, er war ein Mann, der einzige, der helfen konnte. Aber wo wohnte er? Ich dachte an den Gemüsemarkt, wo er mit der Tasche aufgetaucht war. Da sagte ich traumwandlerisch Straße und Hausnummer vor mich hin, die wie alle Adressen der Schüler zu Beginn des Jahres vom Klassenvorstand verlesen wurden.

Wiederum schleppte ich Adler und die Handtasche vorwärts.

Das Haus lag in einem engen Viertel der alten Stadt, das längst nicht mehr besteht. In einer kleinen Kneipe verstaute ich den Menschen und die Tasche. Es war schwer, unter den vielen Wohnungstüren die richtige zu finden. Eine Stimme grellte ins Dunkel: »August, da ist einer, der dich sprechen will.«

Komarek, in Hemdsärmeln, ohne Kragen, stand vor mir. Überall schnupperten Gesichter. Unsichtbare Füße in Schlapfen schlichen treppauf, treppab. Ich hatte es mir doch leichter gedacht.

Fremd, unterwürfig klang mir meine Stimme:

»Komm, bitte, auf die Treppe!«

Er folgte mir bis unters trübe Licht:

»Was willst du?«

»Komarek, ich sage dir, Adler muß weg!«

»Wenn er weg muß, wer hält ihn?«

»Ich bin zu keinem andern gekommen als zu dir, Komarek, in dieser furchtbaren Sache ...«

»Soll ich dir die Hand dafür küssen?«

»Du sollst mir nicht die Hand küssen, aber du sollst bedenken, was du mir angetan hast!« Er sah zum Licht hinauf und sagte nichts. Einige von den schnuppernden Gesichtern hatten sich bis zur Hälfte der Treppe vorgewagt. Man sah die gierigen Schnauzen und eingefallenen Wangen halbwüchsiger Mädchen, seiner Schwestern vielleicht. Ich mußte scharf und leise sprechen:

»Es ist eine schreckliche Schweinerei vorgekommen. Ihr habt es ja heute in der Schule alle gefühlt. Adler hat eine schreckliche Schweinerei gemacht ...«

»Bei euch müssen immer erst Schweinereien vorkommen, damit etwas los ist. Ich mache nie eine Schweinerei und werde sekkiert.«

»Was willst du haben? Am Ende kommst du doch immer durch, und auf die Behandlung kannst du nach der Matura pfeifen. Aber, Komarek, hier handelt es sich um etwas ganz anderes, um Tod und Leben! Der Hinausschmiß ist das wenigste, aber Prozeß, Gericht, Gefängnis ...«

Tränen liefen mir in den Mund. Komarek aber sah noch immer zum Licht hinauf:

»Was soll ich dabei? Ich habe gottlob nichts damit zu tun.«

»Du sollst, du mußt mir helfen! Adler wird morgen früh mit dem Schnellzug der Staatsbahnen um fünf Uhr dreißig nach Deutschland fahren ...«

»Und warum fährst nicht du

Eine Maske des Mißtrauens grinste mich an.

»Du wirst es ja morgen von acht bis zwölf erleben, daß ich die ganze Schweinerei allein ausbade. Aber Adler soll sich retten. Schwöre, daß du uns nicht verraten wirst!«

Komarek sprach ernst, es war Gesinnungssache:

»Ihr seid nicht meine Freunde, die Profaxen aber sind meine Feinde!«

»Wir brauchen Geld, viel Geld! Dieser Schmuck muß jetzt gleich verkauft werden. Komarek! Hilf uns!«

Er dehnte gleichgültig-langsam die Worte:

»Und was, wenn ich dich anzeige?«

»Nein! Ich habe keine Angst. Du tust das nicht.«

Er nahm das Gehänge und hielt es zum Licht. Die schnuppernden und schlurfenden Schatten tanzten vor Neugier. Komareks Hände waren sehr erfahren und sehr alt. Er sagte:

»Jolowicz ...«

Dann verschwand er, kam angekleidet zurück und führte mich ins Gassengewirre.

Jolowicz saß über einen illustrierten Zeitschriftenstoß gebeugt. Ich las: ›La beauté de la femme.‹ Welch ein unerschrockener Mann war Komarek, was alles mußte er schon erlebt haben, daß er der schweigenden Abwehr dieses bösen Menschen widerstand, der sich nicht um unsere Gegenwart kümmerte. Er legte wortlos den Schmuck auf den Tisch. Mir entfuhr's:

»Ich brauche Geld.«

Komarek stieß mich wütend in die Seite.

Jolowicz aber lief jetzt in seinem verzauberten Schloß herum. Er drückte auf den Nabel einer nackten Figur, deren Augen von innen zu beleuchten waren, er setzte ein Orchestrion in Gang, das den Radetzkymarsch ins Zimmer pfefferte. Ich zog mich in meine tödliche Erschöpfung zurück wie in ein Schilderhaus. Worte hörte ich, laut geschrien, wie in einer Bahnhofshalle, wenn der Zug einfährt: »Unmoderne Fassung« ... »Man wird da Scherereien haben« ... »Die Herren Eltern, Freunderl« ... »Unterschreiben« ... Der Radetzkymarsch fegte seine Platzregenschwaden in das Feilschen hinein.

Endlich hielt ich sehr viele Hundertkronenscheine in der Hand, ein unausdenkliches Kapital für meine Vorstellung.

»Schweigen, schweigen, Komarek«, flehte ich, als wir wieder Luft atmeten. »Du bist schon so ein Mensch, du«, sagte er und gab einer faulen Aprikose, die auf dem Pflaster lag, einen wütenden Tritt. »Wie könnte ich reden? Jetzt hast du mich ja in die Schweinerei hineingezogen.«

Und ohne zu grüßen, bog er ab.

Ich löste Adler in der Kneipe aus, nahm das Gepäck und suchte einen menschenleeren Winkel. Dort zählte ich die Scheine in seine Hand. Er aber war kein Lebendiger mehr, er schwankte, ein Schatten.

Wie einem Schwerhörigen schrie ich ihm ins Ohr:

»Achthundert, Adler! Das ist eine ungeheure Summe! Davon kannst du ein Jahr lang leben.«

Er hielt das Geld in einer roten, erstarrten Hand.

Da nahm ich selbst die Brieftasche aus seinem Rock und ordnete die acht Scheine.

Dann begann die grauenhafteste aller Irrnächte. Welch ein Bild! Ich mit dem Koffer und dem torkelnden Schatten! Wir zogen von Lokal zu Lokal. Selber hielt ich mich im Trinken zurück. Aber wo es nur ging, bestellte ich für Adler schwedischen Punsch. Dies war ein Getränk, das er mit der Zeit liebgewonnen hatte.

Mich beherrschte der Wahn, ich müsse reden, ohne Unterbrechung reden, sonst schwinde mein Einfluß, und alles könne im letzten Augenblick zusammenbrechen. Nun ist es schon schwer, eine einzige kurze Stunde mit einem Menschen, immer das Wort führend, zu verbringen. Ein lebendiger Mensch, ach, er antwortet, er verneint, er bejaht, er hilft. Aber ein Toter? Adler war ein Toter. Ich hatte ihn nur um eine kleine Frist zu früh aus dem Todesrausch erweckt. Als ich ihn ins Leben zurückriß, hat er sich gewiß nach dem Hades umgeblickt. Zu weit wohl war er schon vorgedrungen über die erlaubte Schwelle der Todeserfahrung, über die gesetzte Ausdehnungsgrenze der Seele.

Besessen, ohne jede Pause, redete ich. Mein Hirn pulste. Ein entsetzliches Verlangen brannte in mir, diesen Toten, mit dem ich in einer schmalen Gruft eingekapselt war, loszuwerden.

Überall war dieses heimliche Gruftgefängnis ausgespart im Schaum und Rauch der Lokale, in denen wir saßen. Die Gruft war ein Glassturz, man konnte nicht atmen. Ich mußte mich befreien, den Toten loswerden. Einen Toten muß man loswerden, das ist ja nichts Böses, das ist ein Weltgesetz; loswerden, nicht nur im räumlichen, nein, auch im ewigen Sinn! Aber nur durch unausgesetztes Reden konnte ich den Toten niederhalten. Darum war an Schlafen nicht zu denken. Nach dem Schlaf ist alles verwandelt, beginnt alles wieder von neuem ...

Gegen drei Uhr warfen uns die Kellner aus der letzten Weinstube.

Noch war es nicht Tag. Da wollte ich Gott noch einmal die Chance geben, mir diesen Menschen zu entreißen. Ich erinnerte mich, daß Kio einen Boten zu uns gesandt hatte. Vielleicht dachte er doch daran, meine Missetat zu vertuschen. Vielleicht war doch nicht alles verloren. Vielleicht lauschte ein Wunder auf unser Kommen.

Und die gleichen Straßen, die ich so leicht am Abend der Katastrophe dem Lehrer nachgeschlichen, durchzog ich nun mit meinen schweren Gewichten rechts und links. Was geschehen sollte und könnte, ich wußte es nicht. Ich tat's für mich nicht, ich tat es für Adler. Gott mochte zusehn! Ich gab ihm eine Chance.

Die hohl schallende Stunde zwischen Nacht und Morgen hatte das Haus in der nördlichen Vorstadtstraße noch ärmer gemacht, noch abgeschabter, noch älter. Die narbige Haut schälte sich. Und dennoch, ein Wunder war vorgedrungen bis an die Strandlinie des Irdischen. Denn hinter dem zweitletzten Fenster, rechts im dritten Stock, brannte Licht. Kios Fenster. Adler kannte es. Kio korrigierte noch. Und mit lächerlicher Gewißheit sah ich einen Satz vor mir voll listiger Schwierigkeiten, den er in siebenundzwanzig Heften durchspürte. ›Wenn Vercingetorix beizeiten seine Gesandten abgefertigt hätte, wäre der Legat nicht in der Lage gewesen, wie er sich es vorgenommen hatte, sein Winterlager abzubrechen.‹

Ein leiser Ton entrang sich dem Munde Adlers: »Kio.« Und wiederum: »Kio, Kio!« Es klang wie der ferne Ruf einer Schleiereule. Und nun fiel auch ich ein. Wir beide lockten mit diesem dämmerungstraurigen Vogelruf immer dringlicher den Mann hinter seinem Fenster. Doch als es schon laut wie ein Hilfeschrei die leere Straße entlang scholl und irgendwo unwillig mit Fensterflügeln geschlagen wurde, drehte Kio sein Licht ab und ging schlafen. Gott war gleichgültig geblieben. Aber von der Himmelslücke her, aus dem Rachen des ersten Morgengrauens schob sich eine dumpfe Wand von Männern näher. Die Straßenarbeiter drangen in die Stadt ein. Vor ihnen stöhnte und rauschte die Walze.

Härter packte ich Adler an. Mein Mund schwatzte.

Nun saßen wir im städtischen Park. In aller Ewigkeit würde ich die Bank erkennen, auf der wir saßen. Der Himmel brenzelte schon. Es wurde immer heller. Das Licht aber war körperlich, es war ein kalter Wind, der über mein Fieber hinfröstelte. In den Bäumen hob ein scharfgezacktes, zänkisches Morgengeplärre an, ohne Vorspiel, urplötzlich. Das beleibte Ziergeflügel des Parkweihers watschelte kleinbürgerlich aus seinen grünen Inselhäuschen hervor. Dann aber begannen die Schwäne vor meinen Augen fürstliche Kreise zu ziehn.

Adlers Kopf hing zur Seite. Er war eingeschlafen. Aber er durfte ja um Himmelswillen nicht einschlafen, und ich durfte nicht schlaff werden. Während der wenigen Minuten, da meine Kraft nachließ, hatte er sich davongemacht. Reden, reden! Ich schüttelte ihn:

»Du, ich glaube, deine kühne Flucht wird in der Stadt Furore machen. Der Marianne wird das gewaltig imponieren. Sie wird sich in dich verlieben. Alle stichst du aus. Da, sieh, ich schenke dir ihre Photographie ...«

Wie recht hatte ich gehabt! Schon nach fünf Minuten Schlafes saß ein veränderter Adler neben mir. Er zerknüllte boshaft das Kostümbild Mariannens und schleuderte es auf den Rasen:

»Furore!? Nur du, nur du willst immer Furore machen!«

Sein Widerstand wuchs. Und es lag noch eine volle Stunde vor mir:

»Wir sind natürlich überreizt, Adler. Aber bald sitzt du im Zug und schläfst. Du Glücklicher, du wirst schlafen, während ich vor der Konferenz stehe.«

»Schlafen? Wer hat uns das Schlafen verdorben, du Feigling?«

»Warum beschimpfst du mich? Warum bin ich ein Feigling?«

Er triumphierte:

»Glaubst du, ich habe nicht bemerkt, daß du aufgestanden und davongelaufen bist, du Deserteur?!«

»Wie hätte ich dich retten können, ohne mich zu retten?«

»Wer gibt dir das Recht, mich zu retten? Wer bist du denn überhaupt!?«

Dies war nicht mehr der Schatten Adlers. Dies war die Stimme, die in einer unendlich verschollenen Zeit zu mir gesprochen hatte: ›Sei froh, daß du mittun darfst, und warte auf die Rolle, die man dir zuweisen wird.‹

Adler schnellte auf:

»Du bist zu feig zum Selbstmord und zu feig zum Mord. Ja, zu feig, zu feig!«

Ich wurde immer schwächer und matter:

»Gestern war ich nicht zu feig, Adler, für dich ein Verbrechen zu begehn ...«

Er stand hoch und straff vor mir. Von seiner Stirn schien eine jahrealte Erstarrung zu weichen. So hatte ich ihn niemals gesehn. In mir aber war nicht mehr Kraft genug da, mich zu erheben. Seine Stimme wurde immer frischer:

»Ich kann nicht mehr nach Hause! Das ist wahr. Ich muß also durchbrennen. Ich habe gar nichts dagegen. Manchmal hast du recht mit dem, was du sagst. Aber du hast ja gar kein Recht, Recht zu haben! Es ärgert mich, daß es dein Wille ist. Ich werde durchbrennen, wann ich es will, und nicht, wann du es willst. Vor dir beuge ich mich nicht ...« Jäh machte er einen Sprung und rannte davon.

Alles war für mich verloren, wenn ich die alte Kraft nicht wiedergewann. Ich riß meinen Körper empor, als wäre er eine fremde Last, mir nicht gehörig. Und nicht nur mich, auch noch die schwere Last der Tasche hatte ich bei der Verfolgung zu schleppen.

Keuchender Lauf über Kieswege, Rasenflächen, Abhänge, durchs Birkenwäldchen, am Weiher vorbei und wieder zurück. Erster Stadtlärm, Vogelgezwitscher, Uhren, Glockenschläge, Lokomotivpfiffe, von den übernächtigen Sinnen verzerrt und aufgebauscht, peitschten auf uns ein. Überm Teich, auf einem schmalen, künstlichen Felsplateau, stand ein hochgekuppelter Käfig, in dem ein Steinadler gefangen saß. Hier konnte ich den Flüchtling stellen. Wir rasten um den Käfig herum. Der Vogel wurde unruhig, begann zornige Schnabelhiebe gegen das Gitter zu führen, stäubte graue Federn in die Luft und verbreitete den blutigen Pestgeruch allen Raubzeugs.

Während der rasenden Rundjagd:

»Halt! Adler! Ich tu dir ja nichts ...«

Er keuchte im Lauf:

»Ich geh jetzt doch nach Haus ... Wer hindert mich? ...«

»Niemand ... Geh nur nach Haus ... zum Onkel ... laß dich einsperren ...«

Nun mischte der verstörte Steinadler seinen Schrei in unsere Schreie.

Endlich gelang es mir, Adler, als er zur Seite ausbrechen wollte, den Weg abzuschneiden. Ich hielt ihn in den Armen. Er aber umfing mich und preßte meinen Brustkorb immer fester zusammen. Wehe mir, derselbe Kampf würde jetzt beginnen wie damals. Da nahten Schritte. Ich flüsterte scharf:

»Achtung! Polyp!«

Und wirklich, ein Polizist kam langsam auf uns zu. Aufzuckender Gedanke: Die Polizei hat die Sache schon in der Hand. Er kommt, mich zu verhaften. Der Wachmann stellte sich breit vor uns hin. Er hatte eine lächerliche Gestalt und Stimme:

»Was treiben Sie hier für Unfug? Ich bitte weiter zu gehn.«

Da prustete Adler los und wand sich unter einem Anfall seines Lachens. Der Schutzmann runzelte die Stirn. Hatte er die Pflicht, gegen solchen Hohn einzuschreiten? Aber es waren nur Jungen, und Jungen lachten manchmal über ihn. So zog er es denn vor, eine Amtshandlung zu vermeiden. Zögernd, mit seinem großen, nunmehr tauben Rücken, scharrte er davon.

Doch Adler lachte noch immer, als er sich schon von mir weiterschleppen ließ. Bald wurde er still und folgte mir von selbst. Eine neue Heiterkeit lag in den Worten, die er immer wiederholte:

»Was kannst denn du mir tun? Du?«

Ich löste die Fahrkarte nach Hamburg. Wir betraten die Bahnhofshalle. Adler hockte auf meinem Koffer wie ein artiges Kind. Als er, ein Vierjähriger, verlassen im Getreide saß, muß er mit den gleichen versunkenen Augen zu den Wolken emporgesehen haben wie jetzt zum Eisengebälk.

Fünfzehn Minuten noch, und ich werde befreit sein, ich werde Adler los sein für alle Zeit. Was kann mir dann noch geschehn? Meine Rubrik im Klassenkatalog ist unberührt. Und die Flucht sagt alles. Hamburg ist weit. Doch wenn er zurückkehrt?! Nein! Adler ist der Mensch, der niemals zurückkehrt. Verschwunden bleibt er für immer. Und ich bin erlöst von dem Schuldigen, der meine Qual und mein Verbrechen herausgefordert hat. Ich werde heute ganz bestimmt in der Schule einen Ohnmachtsanfall bekommen und erkranken. Das ist eine glänzende Wendung. Ein Ohnmachtsanfall wirkt immer stark, und Krankheit erschreckt alle. Die Krankheit wird mir über viele Wochen hinweghelfen. Zehn Minuten noch! Gott, Gott, jetzt nur keinen Zwischenfall mehr, keine Verspätung, keine Bekannten!

Gott aber entsandte noch einen letzten Zwischenfall. Komarek war auf dem Bahnsteig erschienen. Er maß mich feindselig:

»Ich hab es mir in der Nacht überlegt. Es ist besser, du fährst weg, und Adler bleibt hier!«

Ich zerrte ihn zur Seite, daß Adler uns nicht hören konnte:

»Komarek! Um Gottes willen, davon verstehst du nichts. Du weißt ja gar nicht, was vorgegangen ist. Willst du, daß Adler ins Gefängnis kommt?!«

»Nein, da wäre mir's schon lieber, du kämest hinein.«

Stolz fuhr ich ihn an:

»Darauf kannst du lange warten. Mir geschieht nichts, gar nichts! Mein Vater ist der höchste Richter in Österreich.«

»Das ist wahr ... Dir geschieht nichts ... Aber andern geschieht viel ...«

Ich sah zu Adler hin. Er saß freundlich da. Meine Logik erstarkte:

»Da siehst du es selber, Komarek: Wenn ich die Sache allein ausbade, gibt es eine Hoffnung. Wenn Adler dableibt, ist alles zu Ende, und auch du fliegst hinaus!«

»Wieso ich? Was gehn mich eure Schweinereien an?«

»Das werde ich dir gleich sagen, lieber Komarek. Gut! Ich gebe die Fahrkarte zurück! Wir bringen Adler nach Hause, wir treten um acht Uhr an. Aber schon um halb neun wird eine Bombe geplatzt sein, daß man es bis nach Wien hören muß. Die Folge: Das Nikolausgymnasium wird gründlich ausgemistet werden. Und daß du zum Mist gehörst, daran zweifelst du doch selber nicht.«

Komarek ließ den Kopf hängen. Mein Schluß war lückenlos:

»Wenn es dagegen heißen wird, bei uns herrschen so grausame Zustände, daß ein Schüler die Flucht ergreifen mußte, dann, Komarek, wird man nicht uns, sondern die Profaxen zur Verantwortung ziehn.«

Er zeigte die Zähne:

»Glaubst du wirklich?«

»Ich weiß es. Es ist ja meine Idee. Die Alten werden in Pension gejagt, die Jüngeren strafversetzt und Stowasser wird entlassen!«

»Also die Profaxen werden einmal sehn, wie es ist ... Das wäre schon gut ...«

Eine große Lustigkeit zog in seine Augen ein. Er konnte sich nicht beherrschen und zischte:

»Diese Hunde!!«

Nun aber eilte er zu Adler und ergriff schnell die Tasche, denn der Zug lärmte durch die Halle.

Ich weiß nicht mehr, wie er ihn in den Waggon brachte. Plötzlich waren beide verschwunden. Der Zug saugte die Menge in sich ein. War Adler unter den Menschen? Noch einmal ein Blitz der Angst! Dann aber sah ich Komarek, wie er das Gepäck in ein Abteil trug. Eine Minute später trat er zu mir hinab und meldete:

»Er schläft! So müde ist er, der arme Kerl!«

Und auch ich erblickte durch ein wolkiges Fensterglas Adlers schlummerndes Haupt, undeutlich und entrückt diese kolossale Knabenstirn, die jetzt leichenhaft gelb war unter dem rötlichen Haar.

Komarek gestand:

»Ich habe ihm Äpfel hineingelegt und Butterbrot.«

Und dann, verschämt und eitel zugleich, als wäre es doch das Minderwertigste nicht, was ein Komarek zu geben habe:

»Es sind Himbeeräpfel.«

Mit der letzten Anspannung starrte ich auf den Stationsvorstand, der das Zeichen gab. Doch als der Pfiff ertönte, muß ich gesagt haben:

»Komarek, ich kann nicht mehr ... Ich glaube, ich kann nicht mehr.«

*

Der Landesgerichtsrat Doktor Ernst Sebastian wußte nicht, wie lange er in solcher Lage geschlafen habe: die Arme auf den Schreibtisch gelegt und den Kopf in ihnen vergraben. Auch in der Zeit fand er sich nicht gleich zurecht. Mittagssonne, überlegte er, Sommersonne, Sonntagssonne! Sein nächster Gedanke war: ›Wie unangenehm dieses Verhör morgen!‹

Nun fiel sein Blick auf die Schriftblätter, die vor ihm lagen. Wie war das möglich? Es mußten doch viel, viel mehr sein. Er hatte das Gefühl, in traumhaft langen Stunden, mit hinfliegender Hand Seite um Seite sein siebzehntes Lebensjahr wiedererweckt zu haben. Und diese wenigen Blätter hier, sie sollten alles sein? Die ersten waren noch mit einer dichten Kurzschrift bedeckt, die aber immer loser und verworrener wurde. Oft schien sie nur aus einzelnen Stichworten zu bestehen, aus Merksätzen und kurzen Sentenzen. Irgendeine bestimmte Reihenfolge zeigte sich nicht. Später mischten sich in den unkenntlichen Text allerlei Zeichnungen: Bärtige Köpfe, Tiergesichter, ein Baum mit einer Gartenbank, eine seltsame Fledermaus. Auf großen leeren Flecken fand der Erstaunte lateinische Schulsätze, chemische Formeln, das Wort ›ganzungenügend‹ und ähnliche Gymnasialvisionen.

Nun glaubte er sich zu erinnern, daß er einmal, vor unendlich langer Zeit, auf diese Seiten starrend, sinnlose Worte und Spielereien hingekritzelt habe. Oh, diese widerwärtige Gewohnheit! Schon in der Schule war er ein berüchtigter Löschblattschmierer gewesen!

Er wollte sich in die ersten Zeilen vertiefen. Ihm schwindelte. Die Sigel, Kurven, Kürzungen seiner eigenwilligen Stenographie bäumten sich auf, rissen sich voneinander los und wurden zur uraltgeheimnisvollen Bilderschrift eines längst verschollenen Volkes. Höhnisch entzogen sich ihm die Hieroglyphen seines eigenen Textes. Er schloß die Augen, um sich zu sammeln. Als er sie öffnete, sah er wieder nur Vögel, Nasen, Geräte, Wellen, Brüste. Heute ging es nicht. Er schob das Konzept weg.

Da offenbarte sich ihm auf der letzten Seite, als Schlußvignette gleichsam, eine großgemalte mathematische Formel:

Sofort griff sich Sebastian an den Puls. Er schlug hart und unregelmäßig.

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