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Der Abituriententag

Franz Werfel: Der Abituriententag - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDer Abituriententag
publisherFischer Taschenbuch Verlag
printrun168.-172. Tausend
year1980
isbn3596218934
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20151105
modified20170510
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Fünftes Kapitel

Ziehende Bilder!

Da ist die gelbe Fledermaus vor meinem Fenster. Zuerst hab' ich sie für einen Zitronenfalter gehalten. Mit jeder Sekunde aber ward sie größer. Und jetzt ist sie eine goldene heraldische Fledermaus, die vor meinen Augen auf und nieder taucht. Ich entlasse sie. Sie fliegt in die Sonne. Und dies alles sollte nur hinter meiner Stirn wohnen, nur die Ausgeburt der Überreizung sein? Diese ungeheuerlichen Gesichter, die vorübergleiten!? Gesichter, aus Moos geformt, aus fauliger Walderde modelliert, Köpfe mit Augendeckeln aus Welklaub, mit Nasen aus Rinde ... Ich brauche die Augen nicht zu schließen, um sie zu sehn. Es ist sogar schwer, sie zu vertreiben, so objektiv sind sie. Vor mir liegt ein Akt mit der großen Aufschrift: ›Mord an der Prostituierten Klementine Feichtinger.‹ Auf dem weißen Umschlag krabbeln Raupen, Würmer und allerlei schattenhaftes Unwesen. Ich sehe aber jetzt ganz andere Dinge. Adler sehe ich.

Die endlos lange Hauptallee eines Parks. Er geht mir voran mit seinem unverkennbaren Schritt. Ich folge ihm. Aber bald entschwindet er, immer kleiner werdend, in dem Punkt, wo die Parallelen der Straßenränder sich schneiden. Weiter nichts. – Er sitzt in einem merkwürdig unschulgemäßen Schulzimmer. Es ist ganz gewiß ein amerikanisches Schulzimmer. Er ist der Lehrer. Knaben sitzen zwanglos auf der Erde um ihn herum. Er liest sehr ernsthaft aus einem Heft vor. Die Knaben aber lachen. Ein Knirps ruft: ›Halloh, Adler!‹ Weiter nichts. – Ein Zimmer! Dies dürfte Klementine Feichtinger sein! Sie steht im Hemd vor dem Spiegel. Ich sehe in diesem Spiegel, wie Adler einen großen Fußball gegen sie schleudert. Ich bin überzeugt, es geschieht aus Ekel. – Untersuchungsgefängnis! Er sitzt in der Zelle Nummer 24. Es ist die Intellektuellenzelle. Ich kenne sie sehr gut. Feierlich starrt er auf die Einbrennsuppe, die er nicht berührt. Sollte ich nicht veranlassen, daß ihm Essen aus dem Restaurant gebracht wird? Er sieht nicht so aus, als könnte er sich selbst verpflegen! Warum denn sitze ich hier an meinem Schreibtisch, anstatt sofort zu ihm zu fahren? Einzig dies wäre meine Pflicht ...

Zwei Teetassen schwarzen Kaffees haben mir neue, vielleicht noch schärfere Klarheit gegeben. Ich bin frisch, als hätte ich acht Stunden Schlaf hinter mir. Ich muß mich vor Willkürlichkeiten hüten. Nur keine falschen Kausalitäten in die Dinge tragen! Material, weiter nichts! Das feinere und feinste Tatsachenmaterial! Meine Aufgabe ist es nicht, eine Beichte abzulegen, um mich zu entlasten oder mich anzuklagen (ich bin nicht Staatsanwalt), meine Aufgabe ist es, mich zu verhören. Dann werden wir sehn ...

   

Man konnte mit Adler nicht davon sprechen. Er hätte sich solchen Gesprächen vielleicht gar nicht entzogen, wie er sich keiner Sache entzog. Aber wenn er hinzutrat, flauten sie sogleich ab. Der Schleier, der um sein Wesen lag, dieses allerzarteste Gewebe der Einsamkeit, machte es unmöglich, daß man weitersprach. Er war schon längst ein Narr; Lehrer und Schüler lachten über ihn, dennoch wagte es kein Mensch, vor ihm schmutzige Dinge zu reden.

Ich kann nicht behaupten, daß mir derartige Gespräche angenehm waren. Noch heute ist mir nichts peinlicher als jenes Schrifttum, das unter dem Vorwand des radikal verratenen Unterbewußtseins das eigene schnaufelnde Bedürfnis nach der Zote selbstbefriedigt. Ich mußte mich stets überwinden, um in den Ton der Kenner einzustimmen. Es fiel mir schwer, aber ich überwand mich, denn ich strebe immer danach, mich anzupassen. Zudem hatte ich doch meinen Begriff vom ›Leben‹ geprägt und würde mich geschämt haben, in einem so wichtigen Bezirk der Verkommenheit nicht angesiedelt zu sein.

Unter den Sportsleuten unserer Klasse gab es einen Knaben namens Unzenberger. Er war simpel und stark wie ein Ochse, der größte von uns allen und dadurch, daß er sich wöchentlich zweimal rasieren mußte, zum Halbgott der Mannesreife gestempelt. Von diesem Unzenberger, dessen saftige Gestalt fast die letzte Bank sprengte, gingen rüde Wirbel der Mannbarkeit aus, die auch die Seele der Feinerorganisierten erreichten. In der kehligen Stimme, in der gebirglerischen Mundart des Burschen bekam man Wirtshausstreit, Biersuff, Dienstmädchenküsse und billige Hurenstunden zu spüren. Ressl, der Verwöhnte, Reiche, der kaum je ein Wort mit Unzenberger gewechselt hatte, war von den rüden Wirbeln nicht unberührt geblieben. Auch ihm, wenngleich nicht rauh und wild wie bei dem Dörfler, rührten sich die überfütterten Säfte. Schulhof war ein anderer Fall. Er gehörte zu jenen Lieblingen, denen ihre Natur keine Not macht und die darum die Bestimmung haben, immer und überall auf Frauen zu wirken. Solche Menschen, unschüchtern und immer bewußt, verändern kaum jemals ihr Gesicht. Sie sehen schon als Knaben wie geriebene Männer aus. Sie altern nicht eigentlich, sondern werden verlebt. Mit sechzehn Jahren kennen sie sich schon aus, mit sechzig aber nicht mehr.

Ressl führte mich damals an jenem Ort ein, der mir mehr Angst als Freude einflößte, was ich aber um alles in der Welt nicht eingestanden hätte. Hie und da ging Schulhof mit, gleichgültig und siegessicher. Im übrigen teilten sich die Frauen für mich in drei Kasten ein:

Die höchste Kaste waren die eleganten, herrlichen Damen, die man in einem Gewölk von Pelzen, in zarten Schneiderkleidern auf der Straße traf oder in tiefausgeschnittenen Roben an der Brüstung ihrer Theaterlogen erblickte. Zu diesen unerreichbaren Gestalten führte keine Brücke, nicht einmal die der Träume. Die Möglichkeit, sie kennen zu lernen, ihre Stimme zu hören, lag nicht im Bereich dieses Lebens. Bei ihrem Anblick fühlte man eine sanfte Blendung, ein holdes Brennen, eine verzückte Trauer, das war alles. Sie gehörten anderen Gestirnen an, waren zu erhaben, so fremd, so sehr eine himmlische Klasse, daß man sie kaum auseinanderhielt. Für mich wenigstens hatten sie keine Individualität.

Faltin allerdings, der Junge mit dem breiten Mund und den mageren Armen, wagte sie auf andere Weise zu verehren. Der Verwegene hatte sich gewissermaßen für diese Art Verehrung spezialisiert. Erregt teilte er uns mit, er sei der Frau des Fabrikanten X oder der Baronin Y in ihrer Equipage begegnet. Hals über Kopf sei er auf die Elektrische gesprungen, in der herzbewegenden Voraussicht, die Equipage in der Hauptallee des Lustgartens wieder zu finden. Und richtig, er habe in der Allee eine wohlbedachtgünstige Stellung bezogen und die Schöne viermal an sich vorüber traben lassen. Der Tag Faltins war ausgefüllt von großen Erlebnissen und großen Befriedigungen: Das Abnehmen des Mantels vor einem Stehspiegel der Garderobe! Das Vorüberblinken einer weißen Schulter! Das Zögern eines leichten Fußes! War das nicht genug und übergenug, da man den Genuß noch hatte, andern davon zu erzählen?

Die zweite Kategorie bildeten die Mädchen, die gleichaltrig oder um ein weniges älter waren als wir. Diese jungen Damen gehörten bestimmten Familien der Stadt an, die unter einander Verkehr pflogen. Obgleich wir noch Gymnasiasten waren, wurden einige von uns, darunter auch Ressl, Adler und ich, von den Eltern dieser Mädchen eingeladen, gewissen Unterhaltungen beizuwohnen, die sie für ihre Töchter veranstalteten. Wir durften uns in der Hauptsache am Tennisspiel beteiligen, doch auch bei Nachmittagsgesellschaften und sogar bei Bällen erscheinen. Natürlich spielten wir als die Jüngsten eine unansehnliche Rolle, denn erwachsene Männer, Studenten, ja sogar ›fertige Leute‹ beherrschten das Feld.

Hier war Annäherung, allerdings nur unter strengen, hoffnungslosen Formen, schon weniger ausgeschlossen.

Es war eine andere Zeit. Die Mädchen kehrten mit ihren Röcken die Straße, kicherten untereinander und trugen einen Panzer, der aus Angst, Reinheit und Berechnung geschmiedet war. Sie schienen zu fordern, daß man sie zwar für schön und anbetungswürdig halte, zugleich aber nicht wisse, daß die anbetungswürdige Schönheit über Füße, Waden, Schenkel, Brüste und einen ganzen Leib verfüge.

Ich erfüllte damals diese platonische Forderung restlos.

Die letzte Kaste setzte sich aus den Weibern zusammen, die an dem Orte hausten, den mir Ressl eröffnet hatte. Diese Weiber waren nichts als stieres nacktes Fleisch, das sich mit gemeinem Zugriff über uns wölbte und statt Freuden Schauder schuf und Beklemmung.

In diesen drei Formen erschien mir, dem Siebzehnjährigen, die Liebesmöglichkeit der Welt, in die ich hineingeboren war.

Adler blieb unberührt.

Hier schien sein Adel unschändbar zu sein. In seinem Wesen wühlte Gier ebensowenig wie Eitelkeit. Er war anders als wir, die immer etwas vom Leben wollten, die es an sich zu reißen suchten, selbst wenn dieses Leben nur Traum und Phantasterei war. Adler wollte nichts und brauchte nichts. Das Leben drohte ihm deshalb immer rachsüchtiger. Wenn wir ihn in Ruhe ließen, hielt er den schweren Kopf gesenkt. Er war reich.

Ich bin vielleicht der Einzige, der die leise, kaum wahrnehmbare Schwärmerei bemerkt hat, die Adler für Marianne hegte. Dieses unausgesprochene, selbstvergessene Verhalten zu Frauen ist mir später nur noch einmal begegnet, bei einem Gelehrten, den viele für einen Heiligen halten.

Marianne und Martha waren zwei Schwestern unserer Bekanntschaft, beide bildschöne Geschöpfe: Marianne, die ältere, hatte einen beschwingten Gang, schwarze Haare und in beglückendem Gegensatz dazu tiefblaue Augen. In sie verliebt zu sein, war Mode, die Ressl, wie alle andern Moden, bei uns eingeführt hatte. Gerade in mein Herz war diese Mode besonders, ja schmerzhaft tief eingedrungen.

Bei Begegnungen mit Marianne bekam ich Herzklopfen und leichte Schwindelanfälle. Wenn ich sie von ferne auf der Straße gewahrte, war der Tag dem Glück gewonnen. Ich konnte lange Stunden in der Nähe ihres Hauses patrouillieren, mich an der Vorfreude ihres Kommens sättigend. Wenn sie nicht kam, hatte ich meinen Teil an Seligkeit doch dahin.

Dennoch aber ging ich abends mit Ressl ins Gran Canon. So trübe war die Sphäre unserer Jugend, daß wir hierin keinen Widerspruch fühlten. Eins hatte mit dem andern nichts gemein.

Zweimal wöchentlich fanden wir uns auf den weiten Sportplätzen des Tennisklubs ein. Die Mädchen waren umschwärmt von verehrenden Herren, die wir alle für fabelhafte Lebemänner hielten, bewunderten und haßten. All diese Offiziere, reichen Tagediebe, Gents in ihrem tadellosen weißen Dreß würdigten uns Schüler keines Blickes. Die Mädchen selber verschwendeten auch nicht viel Worte an uns. Dies war auch besser so! Denn mit ihnen zu reden, fiel bis auf Schulhof allen schwer. Wir fanden keinen Gesprächsstoff, stotterten Unsinn und litten unter dem peinlichen Bewußtsein, zu schwitzen. Schauen war jedenfalls schöner als sprechen.

Da ich ein begabter Spieler war, wurde ich oft den Doublepartien der Großen zugezogen. Dann fühlte ich mich hoch erhoben, mein Ehrgeiz schwelgte und ich geriet außer mir vor Kraftgefühl.

Es gab übrigens sehr viele Plätze. An manchen Tagen herrschte Mangel an Partnern. So konnte jeder von uns ganz leicht zum Spiel kommen.

Nur Adler schloß sich aus.

Er saß stundenlang auf der Zuschauerbank jenes Feldes, wo Marianne spielte, ohne ein Wort zu reden. Sein kurzsichtiges Antlitz zeigte eine heitere Aufmerksamkeit, die an keinem verschmachteten Selbstgefühl litt.

Ich glaube, er war wirklich zum Künstler und Philosophen geboren, weil er sein Genügen am bloßen Zusehen fand, ohne sich je ins Leben mischen zu wollen.

Wenn ich mit von der Partie war, die er betrachtete, konnte ich bemerken, daß er sich über meine Gewandtheit freute. War das zu glauben? Ich hatte jenes Gelächter angeschlagen, das noch jetzt jede Turnstunde für ihn zur Hölle machte. Und er litt nicht darunter, ihn bedrückte es nicht, daß ich dort, wo er versagte, mit meinen Gaben glänzte?? Ebenso unbestechlich erkannte er diese Gaben an, wie er sich sonst durch all meinen Dunst nicht täuschen ließ.

Und ich?!

Wenn gerade keiner der vollgültigen Kavaliere anwesend war, durften wir die jungen Damen von den Klubplätzen nach Hause begleiten.

Endlos dünkten mich damals diese Wege, die vom Hügelgelände hinab über die schwebende Kettenbrücke in die schlechtgelüftete Stadt führten. Die Kettenbrücke roch stark nach Teer. Seitdem ist für mich der Begriff ›April‹ und ›Verliebtheit‹ unlöslich mit Teergeruch verknüpft.

Auf einem dieser Geleitwege voll krampfiger Qual, die man genau spürte, und krampfiger Beseligung, die nicht so genau zu Bewußtsein kam, ging ich lange Zeit allein neben Marianne. Hinter uns schritt Ressl zwischen Martha und einem andern Mädchen, vor uns Adler mit gesenktem Kopf, in seiner steifen Art, ganz für sich.

Ich spürte Mariannens energischen und doch unirdischen Gang in meinen Nerven. Manchmal berührte mich das Tennisrakett, das sie in schwingenden Händen hielt. Sie verströmte einen leichten, durch die Bewegung des Spiels aufgelockerten Duft. Ich rang nach Worten. Meine Pflicht war es doch, dieses Mädchen, das den Redestrom kenntnisreicher und routinierter Männer gewohnt war, zu unterhalten. Nichts fiel mir ein. Die ganze lange Brücke gingen wir schweigend entlang. Dann stieß ich irgendeine Albernheit über den Sport, die Stadt, einen Theaterabend aus. Die Worte wurden in meinem Mund übertrieben, sie bekamen einen falschen Enthusiasmus, der mich beschämte. Ich spürte sie als etwas widerlich Rundes an meinem Gaumen. Sie fanden nicht zu ihr, sie blieben nicht schweben, wie Kugeln fielen sie herab, daß ich sie hätte mit dem Fuße wegstoßen können.

Dann war ich wieder fertig und leer.

Ich sah Adler. Nicht um ihn herabzusetzen, sondern aus dem schon schicksalsmäßigen Verhältnis, das mich zwang, niederträchtig zu sein, deutete ich auf ihn, ahmte seinen Gang nach und fand meinen Gesprächsstoff:

»Sehn Sie nur! Ist der Junge nicht zum Totlachen?«

Marianne aber warf den Kopf zurück und bekam eine ganz spitze Nase:

»Ich liebe es nicht, wenn man auf Kosten anderer eine Unterhaltung bestreitet ...«

Ein andermal geschah etwas Rührendes, das aber Marianne nicht erkannte.

Es war mitten im Spiel. Die beiden Parteien wechselten gerade die Seite. Da, in diesem für sein Vorhaben ungünstigsten Moment, erhob sich Adler von der Zuschauerbank und trat mit seinen entschlossenen Blindenschritten auf Marianne zu. Ungeduldig blieb sie stehn. Ich sah, wie Adler eine seiner ruckweisen Verbeugungen machte, lange Zeit schwieg und dann ein paar Worte hervorstieß. Er überreichte dem Fräulein schließlich ein abgegriffenes Reclam-Bändchen, in dem wie ein Lesezeichen eine langstielige gealterte Rose steckte, die sich im gleichen Augenblick aus Widerwillen oder Bosheit zu entblättern begann. Die unschöne altjungferliche Blume wirkte wie ein Sinnbild von Adlers Ungeschick und Pech.

Mit einem ganz verständnislosen Gesicht nahm Marianne das Gewidmete entgegen. Die Herren grinsten. Adler aber machte wiederum seine Verbeugung und ging zur Bank zurück. Ich verstand sofort. Er hatte dem Mädchen eines seiner zerlesenen Lieblingswerke zum Opfer gebracht. Ich wollte zuerst laut die Bedeutung dieses Geschenkes erklären, aber die Kavaliere zeigten sich höhnisch belustigt, eine peinliche Stimmung herrschte, und ich vermochte es nicht. Da geschah es – es war schon ziemlich spät und die meisten Spieler hatten sich verlaufen –, daß ich mit Marianne im Vorraum des Klubhauses zusammenstieß. Sie war gerade im Begriffe, in die Garderobe zu gehn, um sich für die Straße umzukleiden. Nun hielt sie mich an:

»Was bedeutet das?«

Und mit leichtgenierten Händen zog sie das Reclam-Bändchen hervor, das wirklich gar nicht mehr sauber war. Ich warf einen schnöden Blick auf das Buch:

»Bunte Steine! Stifter ist Adlers Lieblingsdichter. Er wünscht wohl, daß Sie das Buch lesen, Fräulein Marianne ...«

Sie fingerte interesselos an den Seiten:

»Ich kenne nichts von Stifter ...«

»Sie haben damit wirklich wenig verloren ... Er ist einer der langweiligsten Schriftsteller der Welt ... Es kommen lauter schrecklich gute Menschen bei ihm vor ... Und dann ist er so belehrend ... Mögen Sie belehrende Sachen?«

»Belehrend? Das ist schlimm«, urteilte sie.

»Und außerdem paßt er gar nicht zu Adler ... Diese Vorliebe ist mir unbegreiflich ...«

Sie hielt schon die Türschnalle:

»Ihr Freund ... Vor dem muß man sich in acht nehmen ...«

»Wie meinen Sie das, Fräulein ...?«

»Warum redet er denn nie ein Wort ...? Ich kann mir denken, daß er einmal etwas tun wird, was niemand erwartet hat.«

Diese Erkenntnis sprach das junge Mädchen aus, von dem ich geglaubt hatte, daß es die Existenz Adlers überhaupt nicht bemerke. In dem Vorraum war es ziemlich dunkel. Es roch überaus stark nach Ledersachen. Ein Geruch, der für mich immer etwas Unverschämtes hat. Marianne dachte nach:

»Ihr Freund ist mir übrigens sympathisch, sogar sehr sympathisch ... Wenn er nur nicht rote Haare hätte!«

Ich machte die blödsinnige Bemerkung:

»Dafür kann er am allerwenigsten. Schiller hat auch rote Haare gehabt.«

Der Geruch des Leders wurde immer unverschämter. Marianne ließ die Türschnalle los. Sie war bereit, die Unterhaltung fortzusetzen. Zwei gegensätzliche Wünsche rissen an mir: Oh, würde dies niemals enden – der eine! Oh, wäre ich weit fort – der andere! Sie machte einen Schritt von der Türe weg:

»Sie spielen ausgezeichnet, Herr Sebastian! Wo haben Sie's denn so gut gelernt?«

»In Wien hatte ich immer ausgezeichnete Partner ...«

»Natürlich! Sie sind ja Wiener ...«

Und mit einem schwärmerischen Klang:

»Wien!«

Ich spürte, wie mich dieses Wort in ihren Augen erhöhte. Fast war ich kein Gymnasiast mehr. Sie klagte:

»Gott! Könnte ich nur in Wien leben!«

»Warum?«

»Hier gibt es doch gar keine wirklich jungen Menschen ...« Und lachend:

»Alle Männer sind hier ein bißchen so wie Ihr Freund Adler ...«

Nun stand sie mir ganz nah:

»Passen Sie nur auf, daß Sie nicht auch so werden!«

Ich wagte nicht zu atmen. Sie tippte mit dem Finger auf meine Hand:

»Was meinen Sie, sollten wir uns beide nicht zum Turnier einschreiben lassen? Als Double-Paar! Ich bin ja gerade keine Künstlerin, aber mit Ihrer Hilfe könnten wir ganz gut abschneiden.«

Ich hatte nicht mehr die Kraft, begeistert zu sein. Da schien es ihr zu dumm zu werden. Sie machte Schluß:

»Vergessen Sie nicht unser Gartenfest!«

Und sie überließ mir lange ihre Hand.

Betäubt taumelte ich aus dieser ersten Liebesstunde meines Lebens.

In der zweiten Maiwoche fand das Fest statt. Marthas und Mariannens Eltern hatten einen der unbenutzten Palastgärten der Stadt gemietet, um für ihre Töchter diese garden party zu veranstalten.

Fast alle von uns waren zu dem Fest geladen, das zweihundert Personen wenigstens versammelte. Ich ging mit Ressl und Adler hin. Für die üblichen Vergnügungen war recht üppig gesorgt. Unter uralten Bäumen standen Büffelzelte, Glückshäfen, Champagnerbuden. Blumen- und Coriandolischlachten wurden ausgetragen.

In dem köstlichen Barockpavillon fand der Ball statt. Eine große Kapelle donnerte von der Estrade.

Ich forderte Marianne zum Walzer auf.

Sie sei vergeben.

Ich dachte an unsere Liebesstunde und glaubte ein Anrecht zu haben.

Ein zweites-, ein drittesmal trat ich zu ihr. Wieder ein Korb! Beim fünftenmal endlich konnte sie nicht anders und mußte meinen Wunsch erhören. Wir tanzten eine Runde. Sie aber sprach mit mir kein Wort, lag nur pro forma in meinen Armen, hielt das Gesicht vor mir ab- und einem ihrer überlegenen Bewunderer zugewandt, der den ganzen Walzer, das unterbrochene Gespräch fortführend, saalentlang mit uns chassierte. Ich war tödlich beleidigt, suchte aber Entschuldigungsgründe für Marianne. Es gelang mir, mich zu beruhigen.

Später traf ich sie in einem entlegenen Teil des Parks wieder. Sie saß auf einer Bank neben einem geschniegelten Herrn. Ein hell-lila Kleidchen! (Es sieht sehr modern aus, denn in meinem Gedächtnis hat es sich mit der Mode verwandelt.) Dennoch gefiel sie mir jetzt nicht. Sie hatte die Beine übergeschlagen und taktierte mit dem Fuß. Dies störte mich. Der große elegante Herr, der mir nicht mehr ganz jung zu sein schien (dreißig Jahre war ja schon ein patriarchalisches Alter), erzählte ihr eine Geschichte, in der viele Adelsnamen vorkamen. Er sprach zerzogen, gelangweilt und durch die Nase. Ich kenne das. Sie aber schien sich durch die Gesellschaft dieses Herrn ausgezeichnet zu fühlen. Ich wollte vorübergehn, da rief sie mich an:

»Sebastian! Sie könnten einen Auftrag übernehmen.«

Ich rührte mich nicht.

»Im Vestibül liegt wahrscheinlich ein Brief für Herrn von Radischovsky. Wollen Sie nicht nachfragen und uns den Brief bringen?«

Sie machte die entsprechende Bewegung:

»Ach so ... das ist Herr Sebastian ...«

Der Geschniegelte stand weder auf noch gab er mir die Hand. Er knautschte nur etwas von Liebenswürdigkeit. Marianne aber fühlte sich bemüßigt, meine Existenz an diesem Ort zu rechtfertigen:

»Sein Vater ist ein hohes Tier ... Kassationshof ... oder so was ähnliches ...«

Mir war der Mund ausgetrocknet. Ich hatte keine Antwort. Sie aber sprach auch schon durch die Nase und unterdrückte die Banalität nicht:

»Einer der Kleinen von den Meinen.«

Ich schlug die Richtung zum Pavillon ein. Doch dachte ich keinen Augenblick daran, den Auftrag auszuführen. Nein! Meinen Hut nehmen und fort! Aber was war damit getan? Sie würde es gar nicht bemerken! Mich jagte ein Wahn im Kreise: Gott, Gott, wie kann ich mich Zwerg an dieser Göttin rächen!!

Da begegnete ich Adler. Er war wie immer ganz zufrieden, ›am Gitter des Lebens zu stehn‹. Er tanzte nicht. Er sprach mit keinem Menschen ein Wort.

Ich nahm ihn beim Arm, ich klammerte mich an seine Ruhe. Eine halbe Stunde lang strichen wir umher. Dann kamen wir auf eine Rasenfläche, wo viele Menschen umherstanden. Marianne war eben aus dem Zelt getreten. Sie trug eine große Schüssel mit Konfekt und bot den Gästen ringsum davon an.

Ich kann nicht erklären, woher mir dieser alberne und ekelhafte Einfall kam, der zu Mariannens Beleidigung dienen sollte.

»Hast du Geld?« fragte ich Adler.

Er blinzelte erstaunt.

»Willst du denn kein Konfekt nehmen, Adler?«

»Ja! Aber wozu brauche ich Geld?«

»Wenn du keines hast, so helfe ich dir aus.«

»Ich habe heute welches. Aber warum ...«

»Du mußt ja bezahlen, was du nimmst!«

»Aber wir sind doch eingeladen!«

»Wir sind eingeladen. Das stimmt. Da schau dir nur diese vielen Menschen an! Weißt du, ich habe das bestimmte Gefühl, es ist ein Wohltätigkeitsfest, das hier gegeben wird. Die Haustochter selber reicht die Schüssel herum. Ich kann nicht genau sehn, was die Leute zahlen. Wir dürfen uns nicht lumpen lassen. Wie gesagt, ich helfe dir gerne aus. Aber du mußt mindestens zehn Kronen auf die Schüssel legen. Gott weiß, wohin der Reinertrag fließt.«

Ich zweifelte nicht, daß Adler, der in solchen Dingen ahnungslos war, gehorchen würde. Marianne trat auch zu uns und präsentierte die Süßigkeiten. Ich wartete. Adler, der wegen seiner schlechten Augen immer nur langsam und unsicher hantieren konnte, nahm ein winziges Schokoladewürfelchen und legte vorsichtig den einzigen Zehnkronenzettel, den er besaß, auf die Schüssel. Es geschah durchaus nichts davon, was ich mir im Stil der Kameliendame vorgestellt hatte. Marianne wurde weder blaß noch wütend. Sie stutzte einen Augenblick, dann aber gab sie mit einem erstaunten Lächeln und fast belustigt, Adler sein Geld zurück.

Die sinnlose und unverständliche Beleidigung war mißlungen. Der peinliche Augenblick aber hat bis heute eine Lebensfrische behalten, die mich verlegen werden läßt.

Ich sah Adler an.

In ganz seltsamer Weise ballte er die Fäuste unterm Kinn und starrte auf den Boden. In dieser Leidenshaltung fand ich ihn viele Minuten später noch.

Am Abend verließ ich gemeinsam mit Schulhof das Fest.

»Ich bin vollkommen stier, ich brauche Geld«, klagte er.

Da bat ich ihn, mir die Photographie zu zeigen, die er sich verschafft hatte. Sie stellte Marianne und Martha im Rokokokostüm dar. Marianne prangte als Kavalier. Zarte Mädchenbeine – unerdenkliches Geheimnis damals – gaben sich preis. Ich kaufte Schulhof das Bild um sechs oder sieben Kronen ab.

Am nächsten Tag spürte ich während der Schulpausen, daß Adler versuchte, sich von mir zurückzuziehen. Ich fragte ihn etwas. Er gab keine Antwort. Ich trat zu der Gruppe, in der er stand. Er wandte sich weg. Ein niederdrückendes Bewußtsein des Verlustes und der Leere überkam mich. Ich mußte kämpfen! In der Stunde des Professors Wojwode, in der man machen konnte, was man wollte, schrieb ich ihm einen Brief. Ich weiß nicht, was in dem Briefe stand. Meine Angst unbedingt! Gewiß habe ich alles umgekehrt, ihm Vorwürfe gemacht, ihn angeklagt. Dieser Brief war wie eine gespreizte Hand, mit der ich ihn von hinten berührte. Nach der Schule kam er zu mir. Er machte keine Bemerkung über mein Schreiben, doch wir gingen miteinander. Seit langer Zeit das erstemal schlug ich wieder die Richtung ein, wo seine Wohnung lag, um ihn zu begleiten. Ein schreckhafter Rausch war das: Er ist mir verfallen!

Weich drang die Frage aus mir:

»Möchtest du mir nicht eine deiner neuen Arbeiten zeigen, Adler?«

Er horchte auf. Er zögerte. Dies war ihm ja wichtiger als alles andere. Schon ein Jahr war vergangen, daß er uns kein Werk vorgelesen hatte. Nicht nur war von mir seine geistige Vorherrschaft zertrümmert worden, ich hatte alle andern auch abgedrängt von seinem Wege. Selbst Bland durchlebte eine Zeit, wo er – nun hielt er bei Stendhal und Oscar Wilde – dem Dandytum nachstrebte und mit der gelehrten Gründlichkeit seines Wesens Krawattenfarben zu Strümpfen abstimmte. In seinem Zimmer wurde nicht mehr über Gott gestritten, sondern man schmiedete elegante Aphorismen. Diese Kunst bestand zumeist darin, daß man bekannte Sprichworte umdrehte. Wir berauschten uns an geistreichen Funden dieser Art: ›Wer selbst hineinfällt, gräbt andern eine Grube.‹

So hatte denn auch Adler Bland verlassen.

Ich stand mit ihm vor seiner Haustür:

»Ist es nicht merkwürdig, Adler, aber ich war noch niemals bei dir oben? Ich kenne deine Wohnung nicht. Ich habe keine Ahnung, wie du lebst ... Überhaupt, ich habe keine Ahnung von dir ...«

»Ich weiß es«, sagte er.

»Wir sind doch Freunde, Adler ... Ich wünsche mir es wirklich; daß du mir deine neuen Sachen vorliest ... und zwar allein und in deinem Zimmer.«

Ich hatte Furcht, er würde meinen Vorschlag zurückweisen, denn er dachte lange nach. Dann aber sah er mich hell an:

»Komm nachmittag.«

Dies, und tausend andere Dinge noch, lebt in mir weiter! Es würde in mir nicht weiter leben, wenn es geblieben wäre, was es ist: das fluktuierend Böse, die gewöhnliche Häßlichkeit zwischen Mensch und Mensch. Die Dinge leben, weil sie zum Verbrechen wuchsen, dessen ich straffällig wäre, wenn es keine Verjährung und eine Gerechtigkeit gäbe. Aber gibt es eine Verjährung?

Und die Gerechtigkeit?

Er las mir zwei kleinere Prosaarbeiten vor. Die eine hieß: ›Die Welt kommt durchs Fenster in meine Kammer.‹ Es war eine Geschichte, deren Sinn ich nicht recht verstand, in einer ganz merkwürdigen Sprache abgefaßt. Ein Kaminfeger kam darin vor, der auf dem Dachfirst eines gegenüberliegenden Hauses sich bewegt und zugleich auch in der Kammer des Dichters da ist, nur größer und schwärzer. Dies mochte vielleicht bedeuten, daß die Wirklichkeit in unserm Innern wirklicher sein kann als an ihrem eigenen Ort.

Ich sah die Kammer des Dichters, in die ich nach einundeinhalbjähriger Freundschaft noch nicht eingedrungen war. Übrigens hatte Adler nicht nur mich, sondern auch die andern bisher auf unmerkliche Weise ferngehalten. Es war wirklich eine Kammer. Wenn auch nicht gerade klein, so besaß sie doch nur ein Fenster und dieses ging tatsächlich auf eine Feuermauer und trübe Dachlandschaften hinaus, wo ein Kaminfeger zur großartigen Erscheinung emporwachsen mußte. Vor diesem Fenster stand nicht ein Tisch, sondern eine Nähmaschine, die einen ranzigen Geruch von Öl und Zwirn verbreitete. Die Stube war sehr leer: Bett, Tisch, zwei Stühle, ein Männerbildnis!

Ich hätte nicht einen Tag darin zu leben vermocht. Aber sie paßte ganz genau zu Adler. Viele Generationen blickloser Menschen waren hier zu Hause. Alles blieb inneres Leben.

Adler hatte rasch und leise gelesen, wie aus Angst vor Störung. Da erscholl auch schon eine Frauenstimme aus dem Nebenzimmer. Er zuckte zusammen, erhob sich mit der ihm eigenen starren Höflichkeit und öffnete die Tür:

»Küß die Hand, Mama, ich bin hier!«

»Und wer ist bei dir?«

»Sebastian!«

»Mit dem will ich sprechen.«

Ich mußte eintreten. Das Zimmer war groß und weniger kahl. Voll von aufgeputzten Dingen, die der Besitzerin wertvoll schienen. Ein sehr großer Mohr hielt eine Lampe. Die Mumie einer Palme moderte im Winkel. Die Witwe Adler lag im Bett. Sie reichte mir eine naßkalte Hand hin, die merklich aufs Leben böse war. Kein Zug ihres dunkeln, eingeschwundenen Gesichts erinnerte an ihren Sohn. Sie zog mich sofort hastig ins Vertrauen:

»Ich weiß, wer Sie sind! Gerade Sie müßten ihm ins Gewissen reden ...«

»Wie meinen, gnädige Frau ...«

Sie sprang willkürlich mit Worten und Sätzen um, die sie selten beendete:

»So ein unpraktischer Mensch ...«

»Bitte?«

»Lauter brotlose Sachen ... Schieb ihm einen Fauteuil zum Bett, Franzl!«

Ich sank tief ein. Sie predigte:

»Ein unpraktischer Mensch muß in ein gemachtes Bett! Was hat er dagegen? Mein Bruder ist ein goldener Mann. Immer sagt er: Der Franz, der wird sich noch den Kopf einnehmen. Die ganze Nacht schläft er nicht ...«

Adler wollte seine Mutter unterbrechen. Aber ihr klagender Wortstrom war nicht mehr aufzuhalten:

»Sorgen hab ich, lieber Herr Sebastian ... So, wie Sie mich hier sehn, liege ich manchmal wochenlang da ... Wenn ich nur gesund wäre und Kraft hätte ... Wenn ich nur ewig für den Jungen sorgen könnte ... Immer hab ich alle Last allein schleppen müssen ... Mein seliger Mann, Sie wissen ja, wie er geendet hat, war ganz genau wie er ... Wie aus dem Gesicht und aus dem Leben geschnitten ... Auch er ist immer auf und ab gegangen, auf und ab, und wenn ich ihn dann etwas gefragt hab, hat er sich erschreckt, genau wie er ... Ein Doktor? Ich sage Ihnen, ein Doktor, das heißt Hungerleider auf lateinisch, bei einem so unpraktischen Menschen ... Und er hat es gar nicht nötig ... Sein Onkel hat ein gutgehendes Geschäft und sagt immer zu mir: Paß auf, Pauline, aus dem Franz mache ich noch einen Menschen ...«

Adler schüttelte sich:

»Ich werde nie zum Onkel gehn, Mama!«

Die Frau regte sich auf:

»Da sehn Sie es! ... Wer weiß, ob du überhaupt je Doktor werden wirst ... Professor Kio sagt, daß du ganz erschreckend zurückgegangen bist und daß es mit dir ein schlimmes Ende nehmen wird.«

»Du warst bei Kio, Mama?«

»Ja, ich habe mich heute aufgerappelt und bin in die Sprechstunde gegangen ... Professor Kio hat mich gewarnt ... Ihr beide solltet miteinander nicht verkehren ... Ihr tut einander nicht gut, sagt er ... Er wird schon wissen, warum.«

»Ich weiß wirklich nicht, was Kio damit meint, gnädige Frau.«

»Entweder treibt sich der Franz in der Nacht auf der Straße herum oder er geht nebenan auf und ab ... Wann schläft er? ... Er wird krank werden ... Er wird den Weg seines Vaters nehmen ... Gott! Wenn Sie den Franzl gesehen hätten, als er klein war! Das süßeste Kind auf der ganzen Welt ... Alle Leute haben das damals gesagt ... Augen hat er gehabt, blau wie der Tag ... Aber unpraktisch war er schon immer ... Jedes Jahr sind wir im Sommer ins Bad gefahren ... Ich bitte Sie, wir haben in guten Verhältnissen gelebt ... Eines Tages gehn wir in den Feldern spazieren, ich rede und rede mit meinem seligen Mann, da auf einmal ist der Franzl nicht mehr da, das Kind ist verschwunden ... Wir suchen, suchen, stundenlang ... Ich glaub schon, daß ich wahnsinnig werden muß ... Herr Sebastian, noch jetzt kommen mir die Tränen ... Wissen Sie, als wir ihn aufgefunden haben, er war vier Jahre alt, hat er nicht geweint, nein, er schaut in die Luft und denkt nach ... Gar nicht bemerkt hat er die vielen Stunden ... Der unpraktische Mensch ... Ihn kann man nicht allein ins Leben schicken ... Im Traum sehe ich immer, wie er auf einer Straßenkreuzung überfahren wird ... Gott, Gott ...«

Adler stand abgewandt. Die Mutter jammerte erschöpft weiter:

»Ich denke mir immer: Ein junger Mensch ... Aber das hat doch seine Grenzen ... Gestern komme ich in sein Zimmer ... Er bemerkt mich nicht ... Er steht da und weint und schreit, ich sage Ihnen, weint und schreit laut mit sich selbst ... Mir steht das Herz still, ich laufe zu ihm ... Er aber gibt mir einen Stoß ...«

»Mama, das geht doch nicht!«

Adler lief aus dem Zimmer.

Sie stöhnte:

»Da sehn Sie ... Da sehn Sie ...«

Dann entließ sie mich auch.

Adler suchte eine Entschuldigung für seine Mutter:

»Sie ist eine sehr unglückliche Natur. Und Frauen haben keine Scham.«

Mehr sagte er nicht über dies alles. Dann gingen wir fort. Er wollte mir in einem der Stadtgärten seinen zweiten Versuch vorlesen.

Diese Arbeit nannte sich: ›Der Mensch als Genießer und als Genußmittel.‹ Es war eine ganze Philosophie oder besser Theologie, die Adler auf wenigen Seiten entwickelte. Alles, was er dachte, schien immer zur Theologie zu führen. Auch hierin war er vielleicht der Letzte einer langen blicklosen Generationsreihe. Wie ich mir die Schlußszene des Hohenstaufendramas gemerkt habe, so sind Gedankenfetzen und Prägungen auch dieser Abhandlung in mir lebendig geblieben. Das Wort etwa, daß die Schöpfung eine ›Kindesweglegung‹ sei. Gott ernähre seine Welt nicht, er habe sie ohne Nahrung ausgesetzt. Das Kind aber müsse essen und trinken, so sei denn die von Außen, von Gott her nicht ernährte Materie dazu verflucht, sich selbst zu ernähren und im ewigen Stoffwechsel sich selber aufzufressen und zu verdauen. Es liege dem Leben ein alles durchdringender ›Kannibalismus‹ zugrunde. Die Natur empfinde vor dem ihr innewohnenden Kannibalismus ein Grauen, denn obgleich ein Tier das andere frißt, sei doch in den höheren Gruppen die Tendenz vorhanden, der eigenen Art Schonung angedeihen zu lassen. Kein Löwe frißt einen Löwen.

Wie Adler den Gedankengang zum Menschen hinsteigerte, weiß ich nicht mehr. Mir klingt nur der Satz im Ohr: ›Der Mensch unterscheidet sich von der übrigen Natur nicht durch die Vernunft, sondern durch den Appetit.‹ Er sei das einzige Wesen, das sich ernähre, nicht allein um den Hunger zu stillen, sondern um seine Lust zu ergötzen. Zugleich mit der ›Sünde‹ habe der Mensch die ›Würze‹ erfunden. Die Kannibalen essen Menschenfleisch, nicht weil sie dazu gezwungen sind, sondern aus Gourmandise. Der Mensch ist eben der pikanteste aller Leckerbissen.

Und jetzt hob eine tiefe, kindliche Klage an über den höheren geistigen Kannibalismus des Menschen, über den Genuß der Grausamkeit, über die Lust, andere zu erniedrigen und zu beschämen, über die Schadenfreude ...

War diese Philosophie vom Menschen als Genußmittel an mich gerichtet? Bedeuteten diese Seiten eine Züchtigung für das ›Knie nieder‹ in der Konditorei und für hundert andere Gemeinheiten? War dies die Art des duldenden und überwindenden Geistes, sich zu rächen?

Damals spürte ich nichts davon.

Ich wußte ja gar nicht, daß ich Adlers Feind, sein Jago war, ich bildete mir ein, sein Freund zu sein, ich sah in ihm den Spießgesellen meiner Tage und Nächte.

Wiederum beunruhigte mich nur Adlers Talent, die Größe seines Denkens, die logische Macht, die Neuheit seiner Bilder, seiner Prägungen, und über all dem das Unberührte, ja das Nicht-Menschliche, das er ausstrahlte. Sein Wesen besaß eine fremdartige Süßigkeit, die mich aufreizte. Wie immer, wenn sein höherer Wert zu Tage trat, war ich von Zweifeln und von der Sehnsucht gequält, das wahre Verhältnis umzukehren.

Bedrückt und unglücklich ging ich nach Hause.

   

Ressl, Schulhof und ich waren schon fünf- oder sechsmal im Etablissement Gran Canon gewesen. Wir hatten vor unseren Freunden zwar schneidig mit unseren verwegenen Erlebnissen geprahlt, aber jene Scham verhinderte es bisher, daß wir mit Adler davon sprachen oder ihn gar zum gemeinsamen Besuch dieser Gaststätte aufforderten. Da begann es mich zu wurmen, daß er mir etwas voraushaben sollte, die Unkenntnis jenes Vorgangs nämlich, der mich tagelang niederdrückte, wenn ich mich auch seiner rühmte.

Ich ging mit Schulhof und Ressl die Parklehne des Hügels hinab, auf dem unsere Tennisplätze lagen. Heute durften wir die jungen Damen nicht nach Hause begleiten. Fertige Leute teilten sich in dieses Ehrenamt. Auf der tieferen Windung der Wegserpentine gewahrte ich Marianne, die zwischen zwei Offizieren schritt. Ich unterschied das Knirschen ihres Fußes im Kies von den Tritten der Männer.

Ressl fragte etwas. Statt einer Antwort meinte ich:

»Wir waren schon lange nicht im Gran Canon.«

Unsere Sensationen wechselten sehr rasch. Zwar bestand der Lesezirkel noch weiter, auch die Geister wurden dann und wann noch beschworen, aber all diese Freuden waren schon verbraucht. Die Sensation des Nachtlebens rückte langsam an ihre Stelle.

Ressl hängte sich in mich ein:

»Heute ginge es. Morgen ist Schwänzturnus an uns beiden.«

Ich hatte ja ein ganzes System ausgearbeitet, nach welchem niemals mehr als drei Mann in der Klasse fehlen sollten, damit wir nicht in Verdacht kämen.

Schulhof erkundigte sich:

»Wer ist denn morgen noch im Turnus?«

Ich sah in mein Notizbuch. Es fing ganz brav mit einem ›Verzeichnis von Lehrern und Mitschülern‹ an, dann ging es zu lasterhafteren Belangen über. Gezählt und mit geheimnisvollen Zeichen versehn, standen meine Besuche im Gran Canon da. Auch meine Beziehung zu Marianne, das Näherkommen und Sichentfernen war als eine starkgeschlängelte Barometerkurve eingezeichnet. Diese Seiten mußte ich überschlagen, um zu der Tabelle zu kommen, in der ich genau den Dienst des Schulschwänzens führte.

Als dritter war diesmal Adler an der Reihe.

Schulhof erklärte, er wolle dennoch abends mit uns ins Gran Canon gehn. Er sei trainiert und Schlafmangel störe ihn nicht.

Ich blieb stehn:

»Sollten wir nicht einmal Adler mitnehmen?«

Schulhof stellte fest:

»Was wollt ihr von Adler? Der stirbt heilig als Jungfrau von Orleans ...«

»Herrgott! Kio!«

Und wirklich, Professor Kio klomm die Serpentine hinan. Er trug wie immer den grauen Gehrock mit den gezackten Scheintaschen an den Hüften, auf dem Kopf die braune Melone, dunkle Handschuhe und einen Stock. An seinem linken Arm bemerkte ich einen Trauerflor, mit dem er sich in der Schule nie sehn ließ. Wie anders doch legte er den Weg von der Tür zum Katheder zurück! Kniewerfend und wie ein Wirbelwind! Jetzt stieg er langsam und müde den Berg empor. Er lustwandelte, um in seiner Sprache zu sprechen. Wir rissen die Hüte vom Kopf. Ressl ließ hinterrücks seine Zigarette fallen. Als Kio uns erkannte, warf er seinen Schülern einen langen Blick zu, der aus Mißtrauen, mildem Spott und Traurigkeit unheimlich gemischt war. Dann erwiderte er mit der außerdienstlichen Höflichkeit, die uns zustand, den Gruß. Menschenwürde, dies war ja sein Lieblingsbegriff! Selbst Septimaner, denen man nicht über den Weg trauen durfte, waren bis zu einem gewissen Grade der Menschenwürde teilhaftig.

Mein erster Gedanke war: Er hat uns gesehn. Für morgen müssen wir eine sehr schlaue Lüge ersinnen, um unser Ausbleiben glaubhaft zu begründen.

Nach einer Weile wandte sich Schulhof nach dem Lehrer um:

»Seit zwei Jahren ist er nicht mehr der Alte.«

»Wie das?«

»Ach so? Das liegt noch vor deiner Zeit, Sebastian. Damals hättest du ihn erleben müssen! Was, Ressl? Wenn er die Eroberung von Maglaj vorgeführt hat! Das Podium war eine Mauer, der Zeigestock sein Säbel, und Komarek mußte die Insurgenten markieren. Das war ein Leben damals! Wir sind unter den Bänken gelegen ...«

»Und was ist denn geschehen seitdem?«

»Weißt du das nicht? Sein einziger Sohn ist vor zwei Jahren gestorben. Leutnant bei den Kaiserjägern. Vierzehn Tage war Kio nicht in der Schule. Wie er zurückgekommen ist, hat man ihn nicht wiedererkannt, sag ich dir. Früher, da hat er uns aufgemischt, Herrgott, die Fünfer, die sind nur so geflogen. Jetzt ist das nicht mehr echt ...«

Ressl schien die ganze Zeit an etwas anderes gedacht zu haben.

»Adler«, sagte er unvermittelt, »das wär schon eine Hetz ...«

Gran Canon war ein Nachtlokal, das seinen eigentlichen Zweck vorzüglich zu verschleiern wußte.

Es bestand aus einer Taverne und Bar sowie aus einem Wohnstockwerk, das die Eingeweihten kannten. Die Taverne war mit roten Tapeten und japanischen Lampions frisch hergerichtet. Man bekam hier zweifelhaften Champagner, gepanschten Wein, unechten Likör, echtes Bier, Cocktails und schwarzen Kaffee zu trinken. Damen, nicht als Kellnerinnen verkleidet, sondern in Gesellschaftstoilette, bedienten und nahmen an den Tischen der Gäste Platz. Mit diesen Damen konnte man zu des Klavierspielers Goldner falschgriffiger Musik tanzen. Erst nach näherer Bekanntschaft stellte es sich heraus, daß einige der Mädchen im oberen Stockwerk dieses Hauses ihr Logis aufgeschlagen hatten und Herrenbesuch zu empfangen geneigt waren.

Ewald Ressl, der Münchener Mystagoge, hatte seinem siebzehnjährigen Bruder nicht nur die Nachtseite der Geisterwelt, sondern auch die des Großstadtlebens erschlossen. Daraufhin erschloß Fritz Ressl mir dieses Paradies.

Er war sehr stolz auf seine Unerschrockenheit, auf seinen gewandten Umgang mit Mädchen und tat so, als wäre er hier schon seit Jahren Stammgast. Sicher und laut benahm er sich, selbst wenn viele Gäste zugegen waren, und rief Marfa oder andere Damen, in deren Gunst er sich sonnte, herrisch an seinen Tisch.

Nicht minder sicher fühlte sich Schulhof. Doch benahm er sich ganz anders als Ressl, ganz anders als ein Stammgast. Er tat so, als wäre er hier heimatsberechtigt, als zähle er nicht zu den Amüsierten, sondern zu den Amüseuren des Nachtgeschäfts. Schließlich gehört ja auch das Theater, dem er verfallen war, mit einem großen Wesensteil zu diesem Beruf. Schulhof trat nicht als Fremder auf. Er liebte es, mit den Mädchen über ihr Privatleben zu plaudern. Er konnte sich stundenlang mit dem betrügerischen Oberkellner unterhalten. Der Klavierspieler war sein Freund geworden. War er gut aufgelegt, so erfand er witzige Spiele, warf Silbermünzen in den Brustausschnitt seiner Freundinnen und angelte danach, ehe er sie verschenkte. Kurz, er benahm sich wie ein Mann vom Bau.

Meine Stimmung allerdings war bedeutend gedämpfter als die der Kameraden. Konnte ich aber in der Taverne ruhig sitzen bleiben und ergab sich nicht die Notwendigkeit, es den beiden andern an Mut und Abgebrühtheit gleich zu tun, so war ich zufrieden.

Ahnungslos betrat Adler an unserer Seite den Raum. Ressl machte sich sofort breit. Man wußte, wer er war, der Sohn eines Krösus. Der Klavierspieler verneigte sich tief. Schulhof trug seines schönen Organs wegen hier den Namen ›Caruso‹, dessen Stern in diesen Zeiten zu steigen begann. Goldner feierte ihn durch den Klaviervortrag einer bekannten Arie, die Caruso in selbstberauschter Pose mitsang.

Ich wandte mein Gesicht nicht von Adler.

Zuerst sah er gleichgültig und verständnislos drein, dann aber machte sich immer deutlicher ein Unbehagen bemerkbar. Er vermied es, die prallen und abgetakelten Frauen anzusehn, die durch den Raum schweiften.

Ich selbst ja spürte das Widerwärtige dieser Wesen in meiner Kehle, den verschlampten Geruch von Nikotin, billigem Parfüm, scharfem Schweiß und träger Hingabe. In meiner Brusttasche wußte ich die Kostümphotographie von Marianne und Martha. Noch hätte es Zeit und Möglichkeit gegeben, die Taverne zu verlassen, Adler mitzunehmen ...

Da ließ Ressl, der heut die Brieftasche seines Vaters geplündert hatte, Sekt kommen. Marfa setzte sich zwischen ihn und Adler. Sie schrie:

»Habt ihr eure Schulbücher verklopft, daß ihr gar so nobel seid?!«

Sie hatte richtig geraten. Bis auf den Homer und Tacitus, Kios Lehrgegenstände, besaß ich fast kein Lehrbuch mehr.

Marfa war noch die weitaus erträglichste unter den Frauen. Sie hatte wenigstens eine straffe Gestalt und gute Zähne. Ihre Stimme aber war verdorben. Sie klang so verraucht und verwüstet, wie die Atmosphäre von Gran Canon um fünf Uhr morgens zu sein pflegte.

Sie konnte gar nicht mehr leise sprechen:

»Ihr müßt merkwürdige Eltern haben! Ich sollte dir eigentlich etwas blasen, Ressl. Übers Knie legen und fünfundzwanzig aufgezählt, das wär das Richtige für dich, meiner Seel'!«

»Willst du nicht lieber den da übers Knie legen, Marfa?« schlug Ressl vor.

Marfa betrachtete Adler eingehend:

»Einen Neuen habt ihr mir da mitgebracht ... das ist ja ein Rosenjüngling!«

Und ganz hingerissen von dieser Wortfügung, kreischte sie immer wieder auf:

»Ein Rosenjüngling!«

Adler versuchte, ein gutmütiges Lachen zustande zu bringen. Aber er duckte sich nur. Marfa packte seinen Arm.

»Rosenjüngling! Eine Schönheit bist du nicht! Er hat ja einen Wasserkopf, euer Rosenjüngling. Aber in diesem Kopf ist Platz, da steckt etwas drin. Der Rosenjüngling ist intelligent. Ihr andern seid ganz gewöhnliche Schweine ...«

Marfa, die nicht mehr ganz einwandfrei an unseren Tisch gekommen war, wurde von plötzlicher Wut gepackt:

»Ihr seid gewöhnliche Schweine, weiter nichts! Ich fliege nur auf intelligente Menschen. Hörst du, Ressl? Du bist zwar ein vergoldeter Lausbub, aber ein Rosenjüngling bist du nicht. Und du, Caruso, bist ein eingebildeter Hochstapler mit Pomade, aber kein Rosenjüngling. Und der dritte da unter euch, der mit den hübschen Händen, den werde ich im Auge behalten, den Duckmäuser, das stille Waschwasser dort! Du schaust aus, als könntest du von vorne küssen und von hinten stechen, du ausgewachsener, scheinheiliger Mesnerbub du, mit deiner spitzigen Nase ...«

Der Oberkellner streifte unsern Tisch und neigte sich zu der Angeheiterten:

»Beleidigen Sie unsere Gäste nicht, Fräulein Marfa! Wie oft soll ich Ihnen das noch sagen!«

Sie aber schlug auf den Tisch:

»Ich hab's überhaupt nicht gern, wenn einer seinen Namen nicht nennt, du vorsichtiger Herr du! Wer kommt, soll seinen Namen nennen, punktum! Der Rosenjüngling würde mir gleich seinen Namen nennen. Aber, etsch, von ihm will ich's nicht, weil er der Rosenjüngling ist ...«

Ressl sprang auf und tanzte herum:

»Verführ deinen Rosenjüngling, Marfa, er gehört dir!«

Marfa aber schrie unablässig:

»Ich fliege nicht auf Elegante, ich fliege nur auf Intelligente!«

Kognak kam. Wir gossen ihn in den Champagner. Marfa hielt Adler umklammert, der sich eng zusammenzog. Das Zucken seiner Augenbrauen kannte ich gut. Er trank hastig. Wohl um das Spiel nicht zu verderben. Aber das Weiberfleisch neben ihm schien ihn qualvoll nüchtern zu halten.

Ressl schwenkte eine Banknote:

»Verführ ihn, Marfa! Ich komme auf ...«

Und er warf sich in die Brust wie ein reiches Bauernsöhnchen mit silbernen Knöpfen auf dem Rock. Mich giftete Marfas Angriff. Ich wollte beweisen, daß ich kein Duckmäuser, kein stilles Wasser, kein Feigling, kein scheinheiliger Mesnerbub, sondern ein ganzer Mann sei. Zu diesem Zwecke wettete ich mit Schulhof, daß ich imstande wäre, ein Wasserglas voll Kognak auf einen Zug zu leeren. Ich gewann die Wette. Daraufhin begann ich allmählich die Besinnung zu verlieren.

Ich weiß nur noch, daß ich Adler unentwegt anstarrte und feierlich immer wieder deklamierte:

›Die Welt kommt doch durchs Fenster in deine Kammer.‹

Und die Welt war ein riesiger Kaminfeger, der, von Dach zu Dach tretend, in Adlers Kammer einstieg.

Ich fand mich auf einer finsteren Treppe. Schulhof war verschwunden.

Ressl drängte sich an mich. Mein erstes Wort:

»Wo ist Adler?«

Ressl preßte meinen Arm:

»Oben! Sie hat ihn mitgeschleppt!«

Mir wirbelte der Kopf:

»Hinauf! Ich muß ihn sehn! Zusehn!«

Und ich holte aus mir ein langes, unternehmendes Lachen, als winke uns ein Hauptspaß. Mir war aber gar nicht zum Lachen. Ressl wollte mich zurückhalten:

»Du bist vollkommen besoffen, Sebastian!«

Ich war nicht so sehr betrunken, wie er meinte. Ganz klar wußte ich: Um jeden Preis muß ich Adler jetzt sehn.

Ressls Stimme klang sehr kleinlaut und schuldbewußt:

»Mir ist die ganze Geschichte unheimlich. Er, der sonst nichts verträgt, hat heute mehr vertragen als wir alle. Jetzt aber habe ich Angst, daß er überschnappt ...«

Ich zog Ressl mit mir. Er wußte, wo Marfas Zimmer lag. In der Dunkelheit ließ ich seine Hand nicht los. Wir standen in einem leeren Salon voll ekelhafter Plüschmöbel. Ich suchte den Ausgang, fand eine Tür und öffnete sie. Eine Portiere hing vor, die ich zurückschob.

Adler saß in Unterkleidern auf dem Bett. Ein großes nacktes Weib kniete vor ihm. Ihr Kopf schmiegte sich in seinen Schoß. Er sagte leise und unaufhörlich:

»Nein! Nein! Bitte gehn Sie fort! Gehn Sie fort!«

Ressl, der nichts sah, gab mir einen Stoß. Wir fielen geradezu ins Zimmer. Mit einem unbeschreiblichen Aufschrei sprang Adler vom Bett. Er starrte uns an wie die Hölle. Immer weiter schrie er. Seine Stirn wurde blutrot. Marfa floh zu uns. Sie suchte sich hinter meinem Rücken zu verstecken. Der Schrei gellte noch immer. Adler hatte einen dreiteiligen Toilettespiegel ergriffen. Aus bewußtlosen Mörderaugen starrte er uns an, aus Augen, in denen nichts mehr von ihm selbst lebte. Urschreck nur, der sich gegen das Grauen verteidigt! Und nun wurde der Schrei immer enger. Langsam setzte sich Adler auf den Boden und fing zu wimmern an und zu weinen, ebenso bewußtlos, wie er vorhin geschrien hatte.

Der Spiegel klappte zu.

Unser Rausch war fort. Grauen hielt auch uns umklammert. Wir sahen, daß der Weinende nicht bei sich war. In sein Schluchzen mischten sich unverständliche Worte. Eiskalt wurden unsere Hände vor Angst. Wir hoben ihn auf. Wir sprachen ihm zu:

»Beruhige dich, Adler! Das alles ist ja nur ein dummer Spaß! Lach darüber! Komm, komm, zieh dich, an!«

Der Weinkrampf ließ nicht nach.

Marfa brachte Wasser. Schreckverzerrt war Ressls Gesicht: Was würde geschehn, wenn der Anfall nicht vorüberginge, wenn ein Arzt kommen müßte ...

Er flehte:

»Zieh dich an, Adler, mach keine Witze!«

Das nackte Fleisch, dachte ich und bat Marfa, aus dem Zimmer zu gehn.

Kaum war sie aus der Tür, als sein Schluchzen ruhiger wurde. Wir brachten ihm die Kleider. Er begann, frostklappernd, sich anzuziehen. Wir halfen ihm, gehetzt wie Diebe. Nur fort von hier! Jetzt führten wir ihn über die Treppe und verließen schnell das Haus.

Früher Morgen. Greller Sonnenschein. Wir standen, taumelnd, auf dem Platz. Die Marktbuden waren aufgeschlagen. Große Körbe mit Gemüsen, Blumen, Früchten wurden von den Landwagen abgeladen. Die Obstweiber schimpften und maßen uns Nichtsnutze mit kleinen wütenden Haßaugen. Käufer gingen schon zwischen den Ständen hin und her und prüften die pralle Ware mit den aufmerksamen Fingern von Ausgeschlafenen.

Adler stand und atmete.

Ressl hielt seine Schultern umfaßt:

»Also siehst du? Jetzt ist alles gut. Das ganze war doch nichts als Unsinn. Gar nichts ist dir geschehn.«

Adler atmete.

Die Luft war unverbraucht und jung. Endlich kam das Lächeln der Erlösung. Schnell winkte ich Ressl zu:

»Wir nehmen einen Fiaker und fahren eine Stunde lang in der Hauptallee spazieren. Dann gehn wir ins Bad, und nachher leisten wir uns ein fabelhaftes Frühstück.«

Adler war wieder bei sich. Er hatte diese Worte gehört. Wie ein Kranker freute er sich der Sonne:

»Ja, das tun wir! Das ist sehr gut ...«

Ressl führte ihn behutsam vorwärts. Beim Staatsbahnhof würde man genug Wagen vorfinden.

Ich käme ihnen gleich nach, sagte ich.

Ein leichter Schwindel hatte mich erfaßt und die Sehnsucht, nach dieser Nacht einen einzigen Augenblick wenigstens allein zu sein. Das Ringelspiel des Morgenmarkts begann sich träge um mich zu drehn. Ich lehnte mich gegen eine Hauswand ...

Auf einmal fühlte ich, daß Komarek vor mir stand. Ich sah es ihm an, daß er uns lange schon beobachtet hatte. Er trug eine Markttasche in der Hand, über deren Rand ein großer Kohlkopf lugte.

›Ach so‹, erkannte ich, ›er muß vor Schulbeginn die Hauseinkäufe besorgen, der Komarek.‹

Er aber sah mir mit seinem schief geneigten Kopf und seinen erbitterten Proletenaugen lange und frech ins Gesicht:

»Wo wart ihr?«

So erschöpft ich war, ich neigte mich ihm scharf entgegen:

»Was geht das dich an?«

Er rührte sich nicht. Er schwieg. Aber unabwendbar sahen mich diese Proletenaugen an, die sich immer tiefer und schwärzer mit Verachtung füllten. Und dann hob er ganz langsam, ganz ruhig, ganz ohne Wichtigkeit die Hand und versetzte mir eine starke Ohrfeige. War ich zu müde, mich auf ihn zu stürzen? Zu müde zur Rachsucht, zu feig? Mir brannte der Schlag auf der Wange, ich lehnte an der Wand und wunderte mich über mich selbst. Belüge ich mich, wenn ich jetzt empfinde, dieser Schlag sei mir nicht unangenehm gewesen?

Komarek wartete noch einen Augenblick, kostete ihn voll aus, drehte sich bedächtig um und ging davon. Er hatte mich gezüchtigt, ohne den Grund zu wissen, warum. Vielleicht nur, weil er zu dieser Stunde sein Leben mit dem meinen verglich.

Es war die erste und einzige Ohrfeige meines Lebens.

Komarek wird sie vor Gott nicht verbergen müssen.

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