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Der Abituriententag

Franz Werfel: Der Abituriententag - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDer Abituriententag
publisherFischer Taschenbuch Verlag
printrun168.-172. Tausend
year1980
isbn3596218934
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20151105
modified20170510
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Zweites Kapitel

Als Sebastian das separierte Zimmer des Adriakellers betrat, waren die meisten der zum Jubiläum entschlossenen Herren schon versammelt.

Ein Gruppenbild wanderte gerade von Hand zu Hand, das die stumpfe Pyramide einer symmetrisch aufgebauten Jünglingsversammlung darstellte. Die Titelschrift behauptete, daß diese in drei Schichten hockenden, sitzenden, stehenden jungen Leute die Abiturienten des Jahrgangs neunzehnhundertundzwei des kaiserlich-königlichen Staatsgymnasiums zu Sankt Nikolaus seien.

Alle Gestalten dieser gealterten Photographie hatten durch die Zeit etwas Lächerliches bekommen. Entweder wuchsen sie langstielig aus ihren Kleidern heraus oder sie waren in dem Übermaß der sie bergenden Anzüge sitzen geblieben wie gewisse Kuchen. Die verwegensten Kopfbedeckungen belebten die Reihen: Bäurische Hüte, Sportkappen, Marinemützen. Ein unternehmendes Köpfchen trug sogar einen steifen Paradehut, Melone oder Dohle genannt. Und fünfundzwanzig Jahre lang hatte sich der Fingereindruck auf dem Bild erhalten, der in jener verschollenen Stunde die Ebenmäßigkeit dieser Melone verunziert hatte.

Das Bild war gelb und befleckt. Dennoch schien auf dem vergilbten Glanzpapier jene Feuchtigkeit, jene Ahnung von schlechtem Teint wahrnehmbar geblieben, die für Knabengesichter so charakteristisch ist. Gewiß aber hätte kein gerichtlich-beeideter Sachverständiger den ihre eigene Jugend hier feiernden Herren die richtige Knabenphysiognomie zuzuteilen vermocht.

Sebastian mußte eine Weile lang suchen, ehe er den wildfremden Jungen fand, der er selber gewesen war. Er stand in der dritten Reihe, oberhalb des Klassenvorstands Professor Kio, der in der Mitte des Tableaus saß und mit soldatischem Ingrimm die Unterlippe kaute. Sebastian fand sich reichlich unsympathisch, die schiefe Haltung des Kopfes, die deutliche Blässe der Wangen, die allzu spitze Nase, dies alles bereitete ihm Unbehagen. Wie gut, daß wir älter werden, daß ein allstündlicher Tod unsere Züge immer wieder verlöscht! Man sollte sich niemals photographieren lassen.

Sebastian wollte eben die Erscheinung eines andern Knaben auf dem Bilde erforschen, als es ihm aus der Hand genommen wurde.

Professor Burda begrüßte ihn mit Begeisterung. Sein sanftmütiges Gesicht strahlte. Er lief eilig von einem zum andern. Man sah ihm die Wiedersehensfreude an. Er mochte der Einzige hier sein, der keine Stacheln und Reserven in sich verhielt. Zudem war er auch der Einzige, der Frack trug, den ein wenig schlotternden Frack einer reinen Seele. Wie der aufgeregte Veranstalter eines weiträumigen Festes wirkte er, der sich anschickt, den Einzugsfanfaren das Signal zu geben. Und es waren von den siebenundzwanzig Eleven des Jahrgangs doch nur fünfzehn erschienen. Drei hatten sich der Einladung entzogen, drei waren unauffindbar und sechs durch Tod verhindert.

Burda teilte diese Abgangsstatistik der Versammlung sogleich mit.

Schulhof, Schauspieler und Oberregisseur eines großen deutschen Stadttheaters, meinte daraufhin zu Sebastian:

»Immer noch mehr als genug!«

Und während er mit belustigten Augen auf Burda hinwies, drehte er den alten Spruch um:

»Non vitae, sed scholae discimus.«

Sebastian schüttelte viele Hände und schaltete immer wieder das Licht freundlichen Wiedererkennens in seinen Augen ein. Die meisten erkannte er auch ohne Schwierigkeiten wieder.

Ressl hatte seine angenehme Sphäre von Wohlernährtheit und Luxus behalten. Auch Faltin war ziemlich unverändert geblieben. Seine weichen runden Schwarzaugen weideten unruhig den Raum ab und suchten Gelegenheit, Neuigkeiten zu erfahren oder zu verkünden.

Da trat Sebastian ein hagerer Mann an, der ihm fest in die Augen sah und eine knochige Hand hinhielt. Der Landesgerichtsrat setzte das zuvorkommend gestörte Gesicht auf, das er im dienstlichen Leben zu verwenden pflegte. Zugleich aber ärgerte er sich über dieses Gesicht, denn er wußte, wer dieser Mann war. Der Knochige sagte:

»Komarek! Ich bin Komarek! Erkennen Sie mich nicht?«

»Aber natürlich erkenne ich dich, Komarek!«

Sebastian legte vertraulich wie ein Älterer oder wie ein Vorgesetzter die Hand auf Komareks Schulter. Eine durchaus falsche, eine erlogene Geste, fühlte er. Die Qual dieses Abends begann. Komarek zog sich zurück.

Mit einer verbissenen Unruhe, der er nicht Herr werden konnte, wartete Sebastian, welchen Platz ihm Burda anweisen würde. Es war für ihn eine Erleichterung, als er gebeten wurde, zur rechten Hand des erwarteten Ehrengastes zu sitzen. Sebastian blickte umher. Ihm gegenüber, als nächster im Range, saß Karl Schulhof, oder Karlkurt Schulhof, wie er sich neuerdings nannte, der Künstler, der Schauspieler, der Oberregisseur. Sebastian verspürte eine sarkastische Regung, als er den glänzenden Scheitel und das scharf linierte Schauspielergesicht betrachtete: Überragende Geister hat die Creszenz Neunzehnhundertundzwei zu Sankt Nikolaus nicht hervorgebracht.

Unzweifelhaft parierte Schulhof diese Regung seines Gegenübers mit ähnlichen Erkenntnissen.

Die Gesellschaft wies deutlich zwei Parteien auf.

Den weitaus größeren Teil des Tisches hielt die zweite Partei besetzt. Es waren dies die Zukurzgekommenen, das Kanonenfutter eines knappen und hoffnungslosen Auskommens. Matte, graue Gesichter, in welche eine erfrorene Bitterkeit eingemauert war. Menschen, die weder zu schlafen noch zu wachen schienen, Fixangestellte des Nichts auf unfrohem Ausgang.

Tragisch zu nennen war es, daß auch Fischer Robert, der Hochbegabte, unter diesen Schatten des alltäglichen Hades hockte. Nie hatte es eine Frage gegeben, die Fischer Robert nicht gebändigt hätte, keinen Aorist, dem er nicht gewachsen war. Nicht einmal in der frühesten Pennälerzeit konnte es ihm je zustoßen, ›ut‹ mit dem ›Indikativ‹ zu konstruieren. Sebastian hatte in seinen Reden zwar stets die Vorzugsschüler im Allgemeinen und den Primus Fischer im Besonderen verächtlich gemacht, aber in der Tiefe seines Herzens brannte dennoch sehr oft Bewunderung für Fischers Fassungskraft, Geistesschärfe und Aufmerksamkeit.

Nun saß der Heros, der einst allen Lehrern die Schulheftpakete nach Hause tragen durfte, am unbesonnteren Ende der Tafel und unterhielt sich über den neuen Fahrpreistarif der Straßenbahn und über die Baupolitik der Gemeinde, denn er war Beamter des Magistrats. Er unterhielt sich mit Komarek, dem Auswurf, dem schlechtesten Schüler des Jahrgangs. War es Unachtsamkeit oder ein ironischer Geistesblitz Burdas, daß sie nebeneinander saßen?

Nicht nur das Leben, auch die Sitzordnung hatte die beiden Spitzenleistungen der Klasse, die positive und die negative, einander angeglichen.

Immerhin, Komarek war noch nicht ganz erstorben, etwas von seiner funkelnden Gedrücktheit, von seinem ›catilinarischen Feuer‹ war am Leben geblieben.

Als ein Heilloser und Armer hatte er schon in frühester Jugend erkannt, daß Gott in seiner unermeßlichen Unberechenbarkeit zwei Parteien der Menschheit geschaffen habe, die Glücklichen und die Unglücklichen, von denen er es aber nur mit der ersteren hielt. Zu den Glücklichen gehörten vorzüglich die Reichen, aber nicht nur die Reichen. Was diese jedoch anbetrifft, so äußerte sich ihr Reichtum nicht allein in dem Aufwand, den sie trieben, sondern mehr noch in der unbewußten Fröhlichkeit, mit der sie ihn trieben. Nicht nur die köstliche Tatsache der schmackhaft belegten Frühstücksbrötchen war maßgebend für das unerforschliche Wesen der Welt, die wohlüberlegt-sorgfältige Verpackung, die zärtlichen Hüllen von Öl- und Seidenpapier waren in Komareks Augen fast noch bedeutsamer. Überhaupt, wer könnte die tausend heimlichen Zeichen des Reichtums ermessen? Der runde rosige Schnitt der Fingernägel! Der milchige Glanz der Haut, der von geräumigen Zimmern, kultivierter Nahrung, reichlichen Bädern, unverbindlichen Gesprächen, gesichertem Zukunftsgefühl und weichem Schlaf herrührte! Das Unnachahmliche der Kleidung, selbst wenn sie vernachlässigt war! (Wenn ein Prolet hingegen einen feinen Anzug trug, wirkte er doppelt unmöglich, schämte sich und hatte Angst, in Verdacht zu kommen.) Die Art sich zu erheben ferner, wenn die Prüfungsfrage einen dieser Auserwählten traf! Eine hochfahrende und gesicherte Art sich zu erheben, wobei auch der Lehrer einen unerwünschten Beiklang von voraussetzungserfülltem Wohlwollen nicht aus der Stimme bannen konnte, selbst wenn er im gleichen Augenblick sich an dem Lebensglanze des Prüflings zu rächen dachte.

Nach Komareks Erfahrung war auf der Skala des Glücks dem Reichtum der angesehene Name benachbart.

Der Klassenvorstand rief zum Beispiel Ernst Sebastian auf. Sebastian wußte kein Wort. Da schlug Professor Kio – und er war doch ein Gerechter unter Ungerechten – die Hände über dem Kopf zusammen:

»Was würde Seine Exzellenz, Ihr Herr Vater, der Präsident des Obersten Gerichtshofes, dazu sagen, daß sein Sohn keine Ahnung von einem hypothetischen Konditionalsatz hat?«

Welch eine Verbeugung lag noch in diesem Tadel!

In mancher Beziehung übertraf ein großer Name sogar noch das Glück des Reichtums. Ein reicher Tunichtgut wurde ohne weiteres aufgefordert, ›seinen Vater in die Sprechstunde zu schicken‹. Das Professorenkollegium hatte geradezu eine Vorliebe dafür, wohlhabende Eltern den Canossagang antreten zu lassen. Wer aber hätte es gewagt, Seine Exzellenz Hofrat Sebastian Ritter von Portorosso ins Konferenzzimmer zu bestellen?

Von den Vätern der andern Partei hingegen, die Gott geschaffen hatte, von Komareks Vater, war niemals die Rede gewesen. Die Lehrer hatten es aus einem unergründlichen Schamgefühl vermieden, davon Notiz zu nehmen, daß auch hinter Komarek eine Familie stand, um das gefährdete Schicksal des Knaben bangend.

Ein einziges Mal nur, als ihm das ›consilium abeundi‹ drohte, hatte der Direktor (fast widerwillig) gewünscht:

»Ich möchte jemanden von Ihren Angehörigen sprechen, Komarek!«

Zu alledem aber kam, daß Komarek gezwungen war, die Schwierigkeiten seines Loses vor den Mitschülern geheim zu halten. Wenn die Glocke des Pedellen läutete und die Knaben mit frischgewaschenen Fingern ihre Bücher aufschlugen, hatte er schon stundenlange Arbeit hinter sich. Denn ihm oblag es, seine jüngeren Geschwister anzukleiden, das Frühstück für die Familie zu bereiten und, da die Eltern ihrem Verdienste nachgingen, auch die Wohnung aufzuräumen.

Mit Reichtum und Namen aber waren die Finessen des Glücks noch lange nicht erschöpft. Gott hatte nicht nur das Geld auf unbegreifliche Weise verteilt, sondern auch das Gedächtnis. Komarek August konnte soviel büffeln, stucken, ochsen als er mochte, er merkte sich, er verstand kaum einen Bruchteil des Lehrstoffs. Fischer Robert hingegen, der aus nicht viel besseren Verhältnissen stammte als er, erfaßte den Binomischen Satz beim ersten Hören.

Zu den ungleichmäßig verschwendeten Glücksgütern mußte ferner jene Erscheinung gerechnet werden, die man gemeiniglich Charakter nennt: die klare Unberührbarkeit und Unbeugsamkeit der Person, die um sich einen Raum von Respekt verbreitet. Doch nicht nur Charakter, auch Charakterlosigkeit war ein Geschenk an die Glücklichen. Man mußte schon in Gottes besonderer Gunst stehen, um im Trommelfeuer der Erniedrigungen freundlich grinsen zu können und sich alltäglich selber ins Gesicht zu spucken.

Bereits mit dreizehn Jahren besaß Komarek die Erkenntnis all dieser Gnaden, weil er die Gnaden selber nicht besaß. Zwangsläufig ward er so zum Luzifer der letzten Bank. Ein düsterer Glanz von Rebellion schwebte um sein Haupt. Ein zähneknirschendes Duldertum lag in seinem Schweigen, wenn er auf eine Lehrerfrage nicht Bescheid wußte. Es sah dann fast so aus, als wisse er die Antwort wohl, verweigere sie aber aus Trotz. Manche Lehrer fürchteten sich heimlich vor ihm und vor seinen alten, entlarvenden Augen. Schweigend ertrug er Niederlagen, Hohn und bissige Bemerkungen. Ein paar Male aber, als das Maß überlief, war Komarek aufgesprungen, hatte getobt und unflätige Worte ins Klassenzimmer geschleudert. Mit auffälligem Eifer war man dann bemüht gewesen, ihn zu beruhigen und die peinliche Szene zu vertuschen. Ein Wunder, daß er sich unter solchen Bedingungen bis zur Matura durchkämpfen konnte.

Diejenigen der Herren aber, die erwartet hatten, heute in Komarek einen radikalen Politiker, einen Bolschewiken zu finden, waren auf dem Holzwege. Der Schulrebell hatte sich zwar mit der Weltordnung nicht abgefunden, aber er schien ihr auf halbem Wege entgegengekommen zu sein, sehr verstaubt, sehr müde und recht gleichgültig. Er trug am hageren Körper einen langen Gehrock und eine schwarze Krawatte dazu, als wäre er in Trauer.

Sebastian formulierte für sich:

›Er sieht aus wie ein sozialdemokratischer Vertrauensmann der Beamtenschaft jenes Unternehmens, in dem er es bis zur Würde eines Prokuristen gebracht hat.‹

Hier aber in dieser Runde schien Komareks bitterer Blick, der Abwehr herausforderte und Demütigung hervorkitzelte, wiedererwacht, dieser schwarze Proletenblick, der allen Glücklichen zurief: ›Ihr könnt mich zwar schlagen und demütigen, aber ich durchschaue das Ganze.‹

Sebastian wenigstens hatte diesen Eindruck, so oft er Komareks Auge kreuzte. Die Blickbegegnung war ihm widerwärtig, wenn er auch sich selbst dabei mit der routiniertesten richterlichen Undurchdringlichkeit zu wappnen wußte.

Zur Linken Sebastians, in der Sphäre der Glücklichen, saß Ressl, der Genießer, der reiche Mann.

Schon als Knabe hatte dieser Wohlgenährte behauptet, er könne die Jahrgänge der kostbaren Weine unterscheidend erschmecken und einige Dutzend Austern auf einem Sitz vertilgen. Er betrat das Schulzimmer niemals anders als mit gelben Wildlederhandschuhen, die er langsam abzustreifen pflegte. Die verborgensten Quellen erlesener Primeurs waren ihm, wenn man seinem Worte trauen durfte, geläufig. Nur in Uranoffs Keller durfte man vormittags Kaviar und Portwein genießen, nur in Belcredis Extrastube gegen Abend einen starken Trunk zu sich nehmen: Whisky, Gin, Absinth. Seidenwäsche, Krawatten, Handschuhe galten nur als vollwertig, wenn sie von Balbeck & Batka bezogen wurden. Wer Briefpapier gebrauchte, und es war nicht Englisch Bütten mit dem Dreikronenwasserzeichen, der stellte ein bedauernswertes Kulturwesen dar. Mochten amerikanische Fabriken den Markt auch immer mit trittfestem und wohlgebildetem Schuhwerk überschwemmen, ein Kavalier trug nur nach Maß angefertigte Schuhe, die der allgemeinen Mode entgegen einen persönlichen Charakter wahren durften. Denn die Fußbekleidung hatte das Recht, die Unabhängigkeit und Empfindlichkeit ihres Trägers zu offenbaren.

Die Maximen und Vorschriften, mit denen Ressl seine Mitschüler in Schrecken versetzt hatte, waren Legion.

Obgleich er die Mode angab, konnte man ihn weniger einen Elegant als einen Genußmenschen nennen, denn der Eleganz stand eine üppige Körperlichkeit im Wege. Allmorgendlich bekämpfte ein schwedischer Masseur auf Befehl von Ressls Vater die Korpulenz dieses gesegneten Sohnes. Verstiegene Geister behaupteten sogar, daß Ressl senior, der große Textilfabrikant, Fritzens Gesundheit zuliebe, ihm wöchentlich einmal eine Mätresse gedungen habe. Diese Sage war aber ebenso boshaft wie überflüssig.

Fritz Ressl, nun selber Herr der väterlichen Firma, hatte seine Korpulenz keineswegs verloren, dafür aber seine weichen blonden Haare. Er sah gutmütig und leicht geniert Burdas Veranstaltung ins Auge. Das kleinbürgerliche Lokal erfüllte ihn sichtlich mit Widerständen. Es schien, als habe er nur ungern die Handschuhe abgelegt und fühle eine leichte Scheu, Tisch, Stuhl und Besteck zu berühren. Immer wieder sah er, um Einverständnis werbend, zu Sebastian hin. Doch konnte er keine rechte Gesprächsbrücke zu dem Schweigsamen finden. Dieser bewahrte eine steife Haltung, die von Minute zu Minute ablehnender wurde.

Durch die sonderbare Rückverwandlung stellten sich für die kurzen Stunden dieser Zusammenkunft die alten Beziehungen der Klassengemeinschaft wieder her. Ressl hatte immer einen großen Respekt vor Sebastians Namen, vor Rang und Würde seines Vaters gefühlt.

So unsinnig es war, nach fünfundzwanzig Jahren, jetzt, da sich die Welt durch Krieg und Revolution um- und umgestaltet hatte, bedrückte ihn dieser lächerliche Respekt wieder, und mehr vielleicht noch als damals. Er, Ressl, war Großindustrieller, Herr über Konzerne und Bankunternehmungen, einer der reichsten Männer des Landes, und dennoch, die Nähe dieses schlechtbesoldeten Staatsbeamten bedrückte ihn.

Die alten Wertungen waren nicht gänzlich abzutöten. Ein Minister, ein Diplomat, ein Würdenträger, was bedeutete das heute? Hundertmal pflegte Ressl den Satz auszusprechen, daß er ›als Mann der Wirtschaft im Leben stehe‹, während ein Politiker, ein Staatsfunktionär, ein Richter nicht im Leben stehe. Aber was half das? Im Leben zu stehen schien doch nicht als Wert aller Werte zu gelten! Denn Ressl war jetzt eifrig bestrebt, ein Gespräch mit Sebastian in Gang zu bringen, obgleich er selber ein Mann der Wirtschaft war und jener nicht im Leben stand.

Im Übrigen wußte Ressl genau, daß die Umwälzung jene höheren Kreise, die man ›Gesellschaft‹ nannte, nicht vernichtet, sondern nur verarmt, aber dadurch noch unzugänglicher und hochmütiger gemacht hatte. Wie man hörte, spielte Sebastian in diesen Kreisen eine geachtete Rolle. Wenn Ressl erlauchte Herrschaften zu den Empfängen in sein Palais lud, so leistete man der Einladung gerne Folge, trank ausgiebig vom Sekt des Hausherrn, betrug sich freundlich-nonchalant, war aber gar nicht sehr beeilt, die Gastgeber im eigenen Hause wiederzusehen. ›Du bist wohl ein Snob geworden‹, dachte der Fabrikant, während er aufmerksam und zu jeder Anerkennung bereit seinen stillen Nachbarn anlächelte.

Faltin hingegen, der Advokat, schräg gegenüber, bestürmte Sebastian unbekümmert mit allen möglichen Ereignissen und Neuigkeiten, so, als sähe er ihn nicht nach langen Jahrzehnten das erstemal wieder, sondern setzte eine kurz vorher abgebrochene Unterhaltung fort. Personennamen, Daten, Summen stürzten sich von seinen breiten ungeformten Lippen kopfüber ins Ungewisse. Faltin, der Allgegenwärtige, war sich treu geblieben. Er überströmte von Informationen auf allen Gebieten des menschlichen Lebens. Diese Informationen waren nicht ganz so zuverlässig, wie sie leidenschaftlich vorgebracht wurden. Kam es denn auf Wahrheit an, wenn unstillbare Sucht einen antrieb, Freunde und Bekannte vom wilden Getümmel des Daseins in Kenntnis zu setzen?

Faltin bemühte sich redlich, immerdar Zeuge zu sein, aber ein Mensch, auch der teilnehmendste, ist nur ein Mensch. So mochte es vorkommen, daß sogar Faltin im Laufe eines seiner sprudelnden Berichte nicht mehr wußte, was er seinem Partner Neues mitteilen könnte. In solchen Minuten trostloser Ausgeleertheit sagte er dann plötzlich:

»Hören Sie! Als ich neulich durch den Stadtpark ging, kam mir der Opernsänger Arimondi entgegen ...«

Worauf der andere erstaunt erwidert:

»Aber Faltin, das ist unmöglich! Arimondi ist ja schon jahrelang tot.«

Faltin aber blickt dem Entlarver nicht allzu erstaunt ins Gesicht und nickt nur:

»So!? Er hat auch wirklich miserabel ausgesehen!«

Solche Geschichten bewiesen zur Genüge, daß der gute Faltin kein Lügner war, sondern nur von liebreichem Diensteifer brannte, den Menschen anregende Begebenheiten zu erzählen.

Gott weiß, welch anregenden Vorgang er der Tischrunde gerade zum Besten geben wollte, als Karlkurt Schulhofs, des Oberregisseurs, eindringliches und geschultes Organ die Unterhaltung an sich riß.

Schulhof, der Künstler, der die Welt und die Größen der Welt kannte, fühlte sich am weitesten über seine ehemaligen Kameraden emporgewachsen. Er trug die Miene geduldiger Überlegenheit und gutmütiger Hinneigung zur Schau, wie sie Erwachsene gegen Kinder annehmen. Dabei hatte er es Burda verschwiegen, daß er eigens wegen der heutigen Veranstaltung seine Reise unterbrochen hatte, die ihn zu Filmaufnahmen nach Italien führte. Er gab vor, auch hier wegen vielfältiger Pläne und Geschäfte vierundzwanzig Stunden verbringen zu müssen. Sich selber gestand er niemals ein, daß er bei allen Erfolgen, die er in der Welt errang, insgeheim immer die Wirkung auf seine alten Schulfreunde, auf die Stadt, in der er groß geworden, in Betracht zog, obgleich er diese Stadt und diese Leute geringzuschätzen meinte.

Heute aber und hier mußte er erkennen, daß seine Taten und sein Ruhm diese mittelmäßige Gesellschaft von Kaufleuten, Staats-, Bank- und Privatangestellten durchaus nicht aus dem Gleichgewicht gebracht hatten, daß sich seine Erfolge in einem Reich abspielten, das diesen Bürgern meilenfern lag. Es war zweifelhaft, ob einer der Anwesenden seine Aufsatzreihe ›Prinzipien einer neuen Bewegungsregie‹ oder ›Die Bühne als Raumkunstwerk‹ gelesen hatte. Von seinen im Angesichte Deutschlands errungenen Siegen, von der epochalen Gestaltung ›Leonce und Lenas‹ zu Lauchstädt dürfte wohl keiner ein Sterbenswörtchen erfahren haben. Sicherlich durchackerten diese Leute mit fleißig gerunzelter Stirne alltäglich den Leitartikel, den Handelsteil und die Schwurgerichtsecke ihrer Leibzeitung, die Theater- und Kunstnachrichten aber überschlugen sie ahnungslos.

Einst, in ihrer Jugend, da hatten einige von ihnen Gedichte und Dramen verfaßt, lange Nächte mit philosophischen Gesprächen totgeschlagen und eine große Zukunft erhofft. Er, Schulhof, war damals im Schatten eines Sebastian gestanden. Doch wenn man diesen Herrn Sebastian heute in Augenschein nahm, was war von all der Herrlichkeit zurückgeblieben? Ein eingebildeter Jurist mit verkniffenen Lippen wie hundert andere! Die Zeit allein bringt das wahre Talent zur Reife. Und Schulhof war, wie er befriedigt feststellen durfte, das einzige Talent des Jahrgangs.

So hoch hatte er sich über das Niveau der Mitschüler erhoben, daß er gar nicht über die Feinheiten seiner Kunst mit ihnen sprechen konnte, sondern, wider seinen guten Geschmack, sich mit den populärsten Mitteln der Mehrheit zu Gemüte führen mußte.

Er erzählte also laut, damit ihn auch die auflauschende Gruppe von Festangestellten am unteren Tischende höre, wie er des öfteren vom Reichspräsidenten in ein leutseliges Gespräch gezogen worden sei und als einer der besten Freunde des theaterliebenden Exkönigs von Bulgarien im Schlosse zu Koburg alljährlich mehrmals logiere. In aller Bescheidenheit – Sebastians Zuhören machte ihn unsicher – verriet er, daß niemand anderer als er vom Botschafter in Paris aufgefordert sei, an der Seite einer Weltberühmtheit die Verständigungsfestspiele zu leiten. Worauf er aber den höchsten Wert zu legen schien, war die vertraute, ja väterliche Beziehung, die er mit den größten Bühnenkünstlern der Zeit unterhielt. War solch ein prominenter Stern in eine künstlerische Bedrängnis geraten, so kam er – es blieb ihm nichts anderes übrig – zu Karlkurt Schulhof, sich Rat zu holen. Und Schulhof wußte Rat. »Max«, sagte er dann zu dem Gewaltigen, vor dem die Direktoren zitterten, »Max, du bist ein großer Kerl, aber den Text darfst du nicht verdrehen. Darin steckt Eitelkeit! Den Dienst am Kunstwerk sollen wir alle nicht vergessen, Max, wenn es auch nur ein Schmarren ist!«

Schulhof war eben dabei, seine reine Kunstgesinnung ins rechte Licht zu rücken, als ein Ruck durch die Versammlung ging und die Herren, wahrhaftig wie eine Schulklasse, sich mit scharrendem Lärm und im Takt erhoben.

Von Alter und Siechtum gebeugt war das Männchen, das von einem aufgetakelten Dienstboten jetzt durch die Tür des Extrazimmers geschoben und den Armen Burdas anvertraut ward.

Regierungsrat Professor Wojwode (Geographie und Geschichte), ein Veteran, ein Überlebender des Lehrkörpers, der die hier jubilierende Generation durch die vorschriftsmäßigen Wissenschaften geleitet hatte.

Halbblind und schüchtern lächelte der Greis die vielen fremden Gesichter an, diese geätzten und unfrohen Gesichter von Vierzigjährigen, auf welche die schon abgenützte Stoffwechsel- und Blutumlaufmaschine ihre ersten Mahnsignale zu schreiben begann. Ein anderes Zeichen aber war auf Wojwodes Gesicht geschrieben, auf das graue und verwischte Blatt. – Denn dieses unterwürfige Lächeln, welches alle Lebenden um Verzeihung zu bitten schien, daß es noch »Ich« sagte, die schweratmig schlaftrunkene Kinderfrage, die das herabhängende Kinn wehmütig stellte, all dies mußte als unwiderrufliches, als hippokratisches Zeichen gelten.

Wenige Monate, wenige Wochen später, und es wäre zweifelhaft gewesen, ob der Geographie- und Geschichtslehrer Wojwode noch hätte unter seinen Schülern weilen können.

Beim Eintritt des Alten aber war mit diesen Schülern eine merkliche Veränderung vorgegangen, sie waren nämlich über ein Vierteljahrhundert hinweg wirklich wieder Schüler geworden. Dies zeigte sich in geschwätziger Unruhe, in der vordringlichen Verlegenheit, die sie erfaßt hatte, in der Art, wie sich jeder dem Regierungsrat in Kenntnis zu bringen trachtete, und schließlich darin, daß sie den alten Lehrer wie einst nur in der dritten Person anredeten.

Wojwode mußte viele Hände ausführlich schütteln.

Betäubt von so viel lauten und kräftigen Menschen, stammelte er mit versagender Stimme freundliche Worte.

Zehntausend Schüler waren während seiner fünfzig Dienstjahre an ihm vorübergezogen, nein, als eine unruhig bewegte Horde, schwätzend, schwindelnd, spielend, störend vor seinen Augen in grünen Bankreihen gesessen.

Acht Jahre und immer wieder acht Jahre!

Für Kinder sind acht Jahre eine Ewigkeit.

Acht Jahre, was sind sie für einen alten Berufsmenschen?

Acht Jahre immer dasselbe: Andrés Schulatlas, grünbraun die geographischen, farbenbunt die politischen Landkarten! Acht Jahre und immer wieder acht Jahre! Die nördlichen Kalkalpen, die Uralpen! Gneis, Granit und Glimmerschiefer! Die Schlacht bei Cannä! Der Westfälische Friede! Der Investiturstreit! Der spanische Erbfolgekrieg ... Grüne, unruhige Bankreihen! ... Ein Gewirre von vielen tintenbefleckten, ungezogenen Bubenhänden! Im Hof unten spielt ein Leierkasten das Sextett aus Lucia ... Acht Jahre ...

Kindergesichter hätte er vielleicht wiedererkannt, aber diese wildfremden, überströmend lauten Herren?! Gott, Gott! Wenn er es nur wird aushalten können! Der Raum beginnt zu schwanken. Vielleicht hatte seine Wirtschafterin recht gehabt, als sie ihm diesen Ausgang nicht erlauben wollte. Wojwode lächelte unterwürfig und flüsterte immer wieder:

»Freu mich, freu mich sehr, meine Herren!«

Endlich – es war höchste Zeit – geleitete Burda den erschöpften Alten zu seinem Ehrenplatz.

Da saß er nun, erleichtert, obwohl alle Augen auf ihn gerichtet waren: Fischers, des Primus Augen, die sich, plötzlich selbstbewußt geworden, zum Worte zu melden schienen, Komareks bohrende Vorwurfsaugen und Sebastians zuwartender Blick.

Faltin brachte schnell etwas an:

»Verehrter Herr Regierungsrat! Ich bin gestern am Hause des Herrn Regierungsrat vorübergegangen, da habe ich eine Dame gesehn; ich nehme an, die Frau Tochter ...«

Faltin hatte einen schlechten Griff getan. Der Alte verzog wehleidig den Mund und wehrte ab:

»Meine Tochter ist seit zwanzig Jahren verheiratet. Ich weiß gar nicht, wo sie jetzt lebt. Nein, nein ... Im Gegenteil. Ich bewohne mein Quartier Gott sei Dank allein.«

Faltin zog sich betreten zurück.

Schulhof aber brachte nun seine Persönlichkeit zur Geltung: »Herr Professor sehen erstaunlich jung aus. Brillant geradezu! Wirklich unverändert ...«

Wojwode erschrak:

»Zu gütig, meine Herren! Entspricht leider nicht der Wahrheit. Alten Menschen geht es derzeit nicht gut. Und uns alten ausgedienten Lehrern gar! Du guter Gott! ... Fragen Sie doch den Herrn Kollegen Burda! Er kümmert sich in seiner Herzensgüte um uns verlassene Invaliden. Ja, ja! Er ist der Einzige ...«

Schulhof zeigte nachsichtige Begeisterung:

»Ich weiß, was ich sage, Herr Regierungsrat. Wir werden – ich gebe Ihnen mein Wort darauf – noch das nächste Jubiläum gemeinsam feiern. Wie ich Sie hier vor mir sehe, erinnere ich mich wieder an hundert Einzelheiten der alten Zeit. Ich habe nichts vergessen. Und das heißt etwas bei meinem Beruf, der mich in Europa und Amerika täglich mit hundert Menschen zusammenbringt, und ich darf sagen, mit den interessantesten und verschiedenartigsten Menschen!«

Ach, wie freundlich war doch dieser wohlgekleidete und bewegliche Herr, der es im Leben gewiß zu einer hohen Stellung gebracht hatte! Der Alte strengte sich an, irgend einen Anhaltspunkt zu finden. Gerne hätte er gute Worte mit guten Worten erwidert. Nichts fiel ihm ein. Aber Schulhofs Scheitel, Sprachglätte, Gesichtsschnitt erweckten Vorstellungen, die er jetzt nur ziellos in Worte kleiden konnte, in eine jener Professorenwendungen, wie er sie hundertmal gebraucht hatte:

»Jawohl, viele sind berufen und wenige auserwählt! Ich habe es immer gesagt: Nicht jeder ist ein Makart, der den Griffel führt. Aber dann und wann darf man freudige Überraschungen erleben.«

»Ich bin beim Theater«, stellte Schulhof fest und nannte seinen Namen.

Nun aber hatte sich Burda erhoben.

Es war keine witzige Rede, die er hielt, kein welker Kneipzeitungsspaß, wie er bei solchen Gelegenheiten üblich ist. Die Augen des kleinen Pädagogen waren ganz schwer von dem Schicksal der Generation, die mit ihm aus dem Abgrund der Zeiten aufgetaucht war. Er fühlte wahrhaft brüderlich, als er die Kameraden begrüßte und dem uralten Ehrengast innig für sein Erscheinen dankte.

Ist sie denn etwas gar so Geringfügiges, diese Gemeinschaft, die acht lange Jahre, die längsten des Lebens, uns aneinanderkettet? Nur Wesen, die allein im Augenblick leben, nur Geschöpfe ohne Rechenschaft und Erinnerung, nur Hohlköpfe, Hohlherzen oder Frauen vermögen nicht zurückzukehren, können die sonderbarste Mannesrührung, den Blick auf die eigene Jugend nicht verstehen. Mannheit aber sei Kontinuität und Ethos Gedächtnis!

Burda hatte wirklich das Wort ›Ethos‹ gebraucht, wobei die Flamme stolzer Überzeugung und philosophischer Fortbildung in seine Wangen schlug.

Mit einer echten Schülergeste stützte er beim Reden die Hände auf den Tisch und schaukelte mit dem Oberkörper, während er sich den Toten der Klasse zuwandte.

Sechs von siebenundzwanzig, etwas weniger als ein Viertel also, hatten das Zeitliche zwar nicht gesegnet, aber auch nicht verflucht, denn als stumme und selbstverständliche Opfer des Weltkrieges waren sie dahingegangen mit den stummen Millionen. Diese Berechnung wich allerdings um ein Kleines von der mathematischen Genauigkeit ab, denn einer von den sechs Toten war nicht gefallen, sondern an Schwindsucht zugrundegegangen. Burda aber stand nicht an, da jener doch im Laufe des Krieges gestorben war, ihm aus Erbarmen und aus Klassenstolz die Ehre eines Heldentodes zuzubilligen.

Nun bekundete der Redner noch einmal, daß sechs andere Kameraden teils die Einladung nicht beantwortet hatten, teils nicht eingeladen werden konnten, weil sie verschollen waren. Um so erfreulicher aber, daß sich die stattliche Anzahl von fünfzehn Herren eingefunden hatte, von denen einige nicht einmal am Platze lebten.

»Da ist gleich unser Schulhof«, fuhr Burda fort, »der große Künstler, der uns schon dazumal in den Zeiten des Lesezirkels durch seine genialen Gaben, durch seine täuschenden Lehrer- und Schauspielerkopien so oft erfreute. Nun hat er sich in der Welt Glanz und Ruhm erworben. Ich muß gestehen, daß ich manchmal im Kaffeehaus einen großen Stapel Zeitungen durchblätterte, nur um seinem Namen zu begegnen und auch mich ein bißchen in ihm zu sonnen.«

Jeder von den Anwesenden wurde nun einzeln genannt und durch Erwähnung irgendeiner matten Sondereigenschaft ausgezeichnet, denn Burda, der Ethiker, wandte sich mit dürftiger Ironie dem scherzhaften Teil seiner Rede zu. Die Gesichter sahen beschämt und geschmeichelt drein.

Sebastian hörte noch eine Bemerkung über Ressls Palais und den amerikanischen Wagen des Jahrgangnabobs, dessen Staub Burda, als leidenschaftlicher Fußgänger, mit Wohlwollen zu schlucken vorgab – da ertrug er es nicht länger, da zog er krampfhaft alle Sinne in sich zurück, um nichts mehr hören zu müssen, um durch seinen eigenen Namen nicht erschreckt zu werden.

Es war ein absonderlicher Zustand, der Sebastian umklammert hielt. Gäbe es etwas wie seelische Atemnot, so käme die Bezeichnung diesem Zustand nahe. Das Grauen einer bodenlosen Fragwürdigkeit des Lebens (dies sind nur glatte nichtssagende Worte) überschauerte seine Haut. Hatte diese würgende Depression, dieser metaphysische Lufthunger eine körperliche Ursache? Meldete sich nun der Herzanfall, den er allnächtlich fürchtete, den er unerbittlich kommen sah? Ja! Etwas kam näher. Sebastian dachte mehrmals daran, aufzustehen, sich mit plötzlichem Unwohlsein zu entschuldigen, davonzulaufen. Er fand die Kraft nicht dazu.

So saß er denn in einem Hohlraum von hallender Öde, verpfuschte Worte, verpfuschte Schatten ringsumher. Auf diesem, auf jenem Männergesicht war noch eine kleine Spur von Kindlichkeit, von Milchundblut nicht weggelebt. Diese Spuren verschärften das Grauen. Millionen Atemzüge, tausendmal Schlafengehen, tausendmal Erwachen, damit man eine mittelmäßige Laufbahn zurücklegt und bestenfalls bei Banketten einen würdigen Platz erhält. (Noch ist ein ganz kleiner Fleck des Gesichtes von Sonne bestrahlt.)

Gibt es keine Möglichkeit mehr, auszuspringen, aus dem Geleise zu brechen?

Ist man mit vierzig Jahren schon zu alt, dem dumpfen Nebelreich dieser geschlagenen Generation zu entkommen, dem Ewig-Gestrigen, Ewig-Morgigen, Niemals-Heutigen, dem Falschen, Halben, Ohnmächtigen? Oh, all diese Gesichter! Schulhofs subalterne Eitelkeit, Faltins Schwätzertum, Ressls Schlaffheit, Burdas wichtigtuerische Einfalt, sein eignes hinterhältiges Wesen und das dumpfe Brüten der Namenlosen, alles unverwandelt!

War denn nicht ein einziger Mensch hier!?

Sebastian blieb sitzen und sprach kein Wort.

Dann aber erhob man die Hände zu einem mäßig leckeren Mahle.

Zwei mißgelaunte Kellner brachten die Bouillon, auf der reichlich Fettaugen und Schnittlauch schwammen. Eine bunte Salatvorspeise folgte, wie sie bei Hochzeiten in kleinen Beamtenkreisen beliebt ist. Der feste, in barbarische Trümmer zerlegte Braten lastete in ausgekühltem Saft. Ein brösliger Fruchtkuchen machte den Schluß. Dazu trank man Bier und einen säuerlichen Wein der Heimat.

Dieses Menü, auf dessen Entwurf Burda viele Mühe verwandt hatte, war dem ökonomischen Durchschnitt der Gesellschaft gut angepaßt. Jeder der Anwesenden hatte eine kleine Steuer entrichtet.

Zu Ehren Burdas aber sei verraten, daß er drei dieser Anteilscheine auf sich genommen hatte, damit die beiden Mitschüler, für die auch eine derartige Ausgabe ins Gewicht fiel, ›Schulgeldbefreiung‹ genössen.

Sie selber wußten es nicht und hielten Ressl für den Spender des Gastmahls.

Er, der Verwöhnte, aber stocherte unentschlossen höflich in den Speisen herum und bestellte heimlich beim Kellner etwas ›Leichtes‹. Da nichts von dem erreichbar war, was er wünschte, saß er dann vor einem Teller mit Apfelmus und entschuldigte seinen kranken Magen.

Sebastian aß gewissenhaft und langsam; Burda, in der Rolle eines zufriedenen Hausherrn, überwachte alles.

Der alte Geschichtsprofessor Wojwode bot ein ergreifendes Bild. Der Tod stand sichtbar hinter ihm, aber Wojwode zeigte einen ungeduldigen, für sein Alter seltenen Appetit wie ein gieriger Mann, der schnell abessen muß, um einem andern den Platz zu überlassen. Mit zitternder aber unbeirrbarer Hand führte er die Speisen zum Mund.

Vielleicht war es mehr als Appetit, was er zeigte, vielleicht war es Hunger. Zuletzt wählte er umsichtig unter den Früchten des Obstaufsatzes zwei Orangen aus, die er ohne jede Verschämtheit in seine altertümliche Rocktasche gleiten ließ.

Nach dem Braten endlich stellte sich jene angenehme Gleichgültigkeit, die gemütliche Stimmung ein, die selbst bei zweifelhaften Genüssen und in gemischter Gesellschaft nicht ausbleibt, wenn die Magennerven und das gekränkte Selbstgefühl durch die Verdauung betäubt sind.

Auch von Sebastians Schläfen begann der Druck zu weichen. Als der Likör gereicht wurde, war es schon so weit, daß Schulhof aufsprang und, seine Unterlippe martialisch nagend, zu Fischer, dem Primus und Magistratsbeamten, hinüberrief:

»Übersetzen Sie, Fischer Robert, so treu wie möglich, so frei wie nötig, ein Beispiel aus dem täglichen Leben: – Der Feldherr erobert die Stadt! –«

Und Fischer erhob sich, um dieses Beispiel gehorsam in Latein zu setzen. Es war schwer zu entscheiden, ob er damit nur auf den Scherz des Schauspielers einging oder sich wie das alte Zirkuspferd benahm, wenn es Blechmusik hört. Daraufhin aber wurden die gesetzten Herren von einem leuchtenden Entzücken befallen, und alle vereinte der vielbedeutende Name: ›Kio‹. Und er, der alte Klassenvorstand, dessen Tugend, Strenge, Milde, Komik nur die Eingeweihten hier verstanden, er, der Dämon, für dessen Beschwörungskult einzig die Schüler von Sankt Nikolaus zuständig waren, er, der böse und liebe Schatten, der mit ihnen über die Kindheit hinausgewachsen war, er schwebte nun über der Versammlung. Nein! Er ging in Schulhofs, in des Selbstverwandlers Gestalt ein.

Und Schulhof trug keinen schwarzglänzenden Scheitel mehr, sondern ein paar graue Härchen schienen sich auf seinem Kopf vor einem geheimnisvollen Luftzug zu sträuben. Nicht mehr sein glänzendes Gebiß zeigte sich, sondern ein gramvoll vorgebauter Oberkiefer. Den blaurasierten Wangen entflammte rechts und links ein meliertes Backenbärtchen. Kaum daß Schulhof noch einen Smoking trug, da seine Hüften sich unter dem Gefühl eines scharfgeschnittenen Gehrocks strafften und die Hand mit einer unsichtbaren Uhrkette spielte, an der – ewig unvergeßlich – eine Amethystberloque hing.

Und Kio ging düster von einem zum andern.

Er schritt, umwölkt, durch die unsichtbaren Bankreihen des Schulzimmers, das nun im Adriakeller hauste. Sein Körper, der den Feldzug in Bosnien reichdekoriert überstanden hatte, reckte sich hoch, und seine Stimme war ganz sie selbst:

»Vokabeln sind die Ziegelsteine einer Sprache. Wer keine Vokabeln lernt, ist ein schlechter Maurer. Die Grammatik aber ist der Mörtel einer Sprache. Und der Anfang aller Grammatik ist die Konjugation des Verbums, des Zeitwortes.«

Heftig aufstampfend blieb er stehn:

»Faltin! Schwätzen Sie nicht! Sie wissen natürlich wieder alles besser ...«

Neuer Rundgang:

»Nehmen Sie das Verbum ›mori‹ zur Hand und konjugieren Sie kurz und schlagartig!« Faltin: »Ich wäre gestorben!« – Fischer Robert: »Lasset uns doch gemeinsam sterben!« – Ressl: »Oh würde ich doch gestorben sein!« – »Natürlich, Seine Hochwohlgeboren, der Herr von Ressl, haben wieder einmal keine Ahnung, wie man utinam mit dem Conjunctivus Plusquamperfecti konstruiert. Erlaucht, der Herr Graf, haben sich gestern auf dem glänzenden Parkett einer höheren Geselligkeit bewegen müssen, anstatt sich vorzubereiten. Sagen Sie nichts, Ressl! Ich kenne Ihre glatten Ausflüchte, mit denen Sie mich nur verhöhnen wollen. Als alter Soldat wende ich mich von Ihnen ab ...«

Sein Blick fiel plötzlich auf einen Unglücklichen:

»Komarek!«

Pause:

»Stehn Sie auf, Komarek, wenn ich Sie anrufe! – Schlag auf Schlag, Komarek: ›Heil dir, Cäsar, die zu sterben im Begriffe sich Befindenden grüßen dich!‹«

Nichts:

»Ich warte, Komarek ... Ich warte noch immer, Komarek, aber ich bebe schon ... Sie kennen also nicht einmal diesen allergewöhnlichsten Ausspruch der allgemeinen Bildung, den, ganz zu schweigen von den Unterklassen, jeder Briefträger im Munde führt! ... Komarek, ich warne Sie zum letztenmal! Der ›dies ater‹ zieht sich über Ihrem Haupte zusammen, das Kataklysma naht, zwei Sternkörper stoßen im Raume zusammen, aber der Weltuntergang wird für Sie unangenehmer sein als für mich!«

Empörter Rundgang neuerdings:

»Gestern schon haben Sie in den einfachsten Realien versagt und die Haruspices nicht von den Auguren unterscheiden können ... Sie sind blaß, Komarek ... Ich weiß nicht, welchen Leidenschaften Sie frönen. Huldigen Sie, anstatt zu studieren, dem Billardspiel oder besuchen Sie etwa die Offenbachiaden der Vorstadttheater?! Wie dem auch immer sei, ich werde in bezug auf Sie einen invertierten Nebensatz anwenden: Komarek, wenn er es so weiter treiben sollte, wird demnächst wie Jugurtha den Staub Roms von seinen Füßen schütteln müssen!«

Unberührt vom Beifall der Gesellschaft, schritt Kio-Schulhof, die Unterlippe nagend, im Raume hin und her. In der Gestalt des Schauspielers hatte sich die unheimlichste Vereinigung vollzogen. Der Tote war restlos heraufbeschworen. Die andern aber genossen, zauberhaft zurückversetzt, die Gegenwart des Gestrengen.

Kio war die erste und einzige Persönlichkeit gewesen, die ihnen auf dem Katheder des Gymnasiums entgegengetreten, und so bewahrten sie ihm als Einzigem ein gutes und kräftiges Angedenken. Der cholerische Mann hatte ihnen Furcht eingeflößt, und doch spürten sie damals, wenn sein Donnerwort über die Bänke hinrollte, ein Etwas, das sie ruhig machte. Dieses Etwas, dessen sie so sicher waren, es hieß Liebe.

Furchtbarkeit und Liebe, um dieser zwei göttlichen Vatereigenschaften willen, hatten sie Kio vergottet. Die Lächerlichkeit aber, die von diesem Gott ausstrahlte, verkleinerte ihn keineswegs, sondern vergoldete nur seine stramme Gestalt.

Sie bildeten sich ein, ihr Kio sei ein wahres Original gewesen; dabei vergaßen sie, daß es, seitdem ein humanistisches Gymnasium bestand, immer Professoren gegeben hatte, die, vom furor grammaticalis besessen, ihre Rede so ausschweifend-seltsam formten, als wäre sie aus den klassischen Sprachen (so treu wie möglich, aber kaum so frei wie nötig) übersetzt. Jede Klasse, seit Jahrhunderten, dürfte ihren Kio besessen haben.

Dieser dort allerdings, der in des Schauspielers Gestalt grimmig einherschritt, war durch die Grammatik nicht eindeutig bestimmt. Hundertmal hatte er sein Herz und eine ganz bestimmte Art von feuriger Gerechtigkeit bewiesen, er, der Inbegriff des altösterreichischen Menschen und Beamten, der mit ihm ausgestorben zu sein schien. Heute waren sie sich dessen mit Wehmut bewußt, was sie in ihrer Schulzeit nur wirr empfunden hatten.

Ohne einem Volk, einer Klasse zu dienen oder auch nur anzugehören, war dieser Kio, dieser Altösterreicher, erfüllt von der hohen Würde einer überpersönlichen Hierarchie, die keinen völkischen Dünkel duldete. Immerdar zog er aus der Lektüre der vorschriftsmäßigen Schulklassiker ›Nutzanwendungen auf das tägliche Leben‹, aber dieses tägliche Leben setzte sich aus geheimnisvollen Begriffen zusammen, aus Rangklassen, Dienststufen, Titulaturgraden und Kompetenzgrenzen.

Der Staat spielte eine mystische, ja fast göttliche Rolle. Bei der Lektüre des Livius geschah, wenn im Texte das Wort ›sopor‹ auftauchte, regelmäßig dasselbe. Kio, dieses Wort erklärend, pflegte dann zu erzählen, daß in dem Gebirgsdorf, wo er zu Hause sei, die Bäuerinnen ihre Säuglinge durch Schlaftränke, durch ›soporöse Mischungen wie Mohnabsud‹ betäubten, damit sie in der Feldarbeit nicht gestört würden.

»Und wer ist es«, fuhr er dann fort, »der, in der einen Hand das Schwert, in der andern die Waage, mit verbundenen Augen dasteht, um solche Verbrechen im Keime zu ersticken? Der k. k. Herr Bezirksrichter ist es!«

Der Staat war heilig, eine höhere Welt, der Himmel gleichsam, der sich unerkannt auf die Erde niedergelassen hatte, die sündhafte zu erlösen.

Der höchste Beamte war Gott.

Gott aber war eine unsichtbare Instanz, zu der nur ein direkter Dienstweg mit Hilfe des höheren und niederen Klerus beschreitbar war.

Gott trug weder eine Zivildienst- noch Militäruniform. Seine k. u. k. Apostolische Majestät, der Kaiser in Wien, trug als nächster im Range eine Generalsuniform mit Eichenlaub am Kragen, wodurch er sich von der andern Generalität unterschied.

Vom Kaiser ging die Leiter ununterbrochen abwärts bis zur untersten Sprosse, auf der die Schüler der ersten Klasse eines k. k. Staatsgymnasiums standen.

Das Tausendjährige Reich konnte so, nach Kios innerstem Gefühl, nur dann Ereignis werden, wenn jeder Mensch verstaatlicht, beamtet, eingeordnet ins ewige Auf und Ab, ein Glied des geheimnisvollen Schematismus geworden sei.

Bis dahin aber würde es gute Weile haben. Denn innerhalb des Staates gediehen unausrottbar ›die subversiven Elemente‹ zu Hauf, und an den Rändern des Staates gab es Verbrechen, Anarchie, Hochverrat, gab es zigarettenrauchende Sextaner und unzüchtige Offenbachiaden.

Trotz des dumpfen Nebels, der auf Sebastian lastete, mußte er über das lasterschwere Wort ›Offenbachiaden‹ lachen. Ein feiner, ganz ferner Kulturduft stieg aus diesem Wort in unsere scharf pochenden Tage.

Kio ging noch immer auf und ab.

Die einzigen, die von der Totenbeschwörung nicht ergriffen schienen, waren Professor Wojwode und Komarek.

Der Kopf des Alten wurde immer schwerer, sein Mund mahlte. Er kämpfte gegen das Verdämmern an. Von alledem verstand er nichts. Endlich gab er sich mit halboffenen Augen dem Schlaf anheim.

Komarek aber war nicht der Mann, ein altes Mißgeschick zu vergessen. Er lachte, aber er lachte vorwurfsvoll und sah drein, als wäre er bereit, mit dem Ebenbilde seines Peinigers abzurechnen.

Schulhof-Kio aber duckte sich, winkte der Klasse zu, Totenstille zu bewahren, und näherte sich auf Fußspitzen einem unsichtbaren Schüler, um ihn zu ertappen. Als er dicht hinter dem Unsichtbaren stand, herrschte er ihn an:

»Fahren Sie fort im Tacitus, dort, wo wir jetzt stehengeblieben sind!«

Sogleich aber wechselte Schulhof die Gestalt, verwandelte sich in diesen unsichtbaren Schüler selbst, taumelte aus schwerem Schlaf empor und begann einige sinnlose Sätze zu stammeln. Er stieß die Worte kurz aus und fraß sie doch in sich hinein. Starke Zischlaute gaben ihnen eine vertrackte Würde. Er vollführte eine zuckende, gleichsam kurzsichtige Verbeugung ...

In diesem Augenblick unterbrach Sebastian mit langsamen Worten diese Szene:

»Ich habe Franz Adler heute gesprochen.«

Seine Stimme mußte ungewöhnlich geklungen haben, denn alle wandten sich mit einem Male ihm zu.

Schulhof ging still zu seinem Platz zurück.

Dem Untersuchungsrichter aber war es, als säße er selber neben seinen Worten, die fremdartig aus seinem Mund kamen:

»Ja! Adler ist mir heute vor wenigen Stunden zum ersten Verhör vorgeführt worden. Franz Adler! Ich habe ihn nicht gleich erkannt ...«

Faltin ereiferte sich:

»Aber das ist doch unmöglich. Adler lebt in Amerika. Ich weiß es bestimmt, daß Adler in New York lebt. Ich habe es von einem Bekannten gehört.«

Sebastian stellte ruhig fest:

»Du irrst dich, Faltin! Franz Adler lebt hier in der Stadt ... Als Rätselverfasser ... Vor zwei Jahren ist er zurückgekehrt. Zur Zeit aber hat man ihn in der Untersuchungsabteilung des Landesgerichtes untergebracht ...«

Komarek schob zwei große Fäuste vor.

Sebastian aber schloß:

»... des Mordes an einer Prostituierten verdächtig!«

Burda schrie entsetzt:

»Um Gottes willen!«

Die anderen auch bekamen Schreckensgesichter.

Nur Schulhof schien weniger betroffen. Er schnitt sogar eine anerkennende Fratze:

»Ein Mörder!? So wäre aus ihm doch etwas ganz Besonderes geworden!«

Sebastian begegnete dieser Bemerkung mit schmalen Lippen:

»Ich habe nicht gesagt, daß er ein Mörder ist, sondern nur, daß er unter dem Verdacht des Mordes steht.«

Faltin schlug sich an den Kopf:

»Ja natürlich! Mord an einer Prostituierten! Vor zwei Wochen ging es durch alle Zeitungen. Eifersuchtsmord im Tanzvarieté Korea ...«

Sebastian sah leidend drein:

»Du irrst wieder, lieber Faltin! Die Klementine Feichtinger ist in ihrer eigenen Wohnung ermordet aufgefunden worden. Ihr letzter Gast war, wie leider bis auf Weiteres festgestellt werden muß, unser Mitschüler Franz Adler!«

Eine wilde Debatte erhob sich jetzt.

Die meisten Herren waren aufgesprungen. Man schrie durcheinander. Burda sah mit aufgerissenen Augen in eine nebelumzogene Vergangenheit:

»Wie ist es nur möglich gewesen, daß ein junger Mensch so glatt verschwinden konnte? Ich glaube, wir haben damals große Unterlassungssünden begangen ...«

Ressl, der Großindustrielle, war mit einem Mal sehr lebhaft geworden:

»Wir haben den Kopf in den Sand gesteckt, mein Lieber, damit man die Butter nicht merke.«

Schulhof dachte mühsam vor sich hin:

»Wenn ihr mich auch umbringt, ich kann mir den Skandal nicht mehr ganz rekonstruieren. Bist du nicht damals mehrere Wochen lang krank gewesen, Sebastian?«

Burda gab nicht nach:

»Wir hätten unbedingt nachforschen müssen!«

Faltin zweifelte:

»Seine Mutter starb zu Beginn der Ferien. Wo hätten wir nachforschen sollen?«

»Es war doch lieblos und gemein«, sagte Burda.

Schulhofs schönes Organ:

»Dunkel erinnere ich mich ... Eine Detonation wie von feuchtem Pulver ... Nicht wahr?«

Ressl erklärte, daß er in Adler immer die unberechenbare Verrücktheit gespürt hätte. Dies sei ihm noch heute bewußt. Und er schloß:

»Er ist so etwas wie ein Medium gewesen. Was?«

Andere widersprachen. Fischer brachte in Erinnerung, daß der Unglückliche bis zu einem gewissen Zeitpunkt immer einer der besten Schüler gewesen und erst später aus unbekannten Gründen so auffällig zurückgegangen sei. Faltin nannte den Titel eines Dramas, das der Sechzehnjährige geschrieben hatte. Es war merkwürdig, keinem, der diese Dichtung einst kennengelernt, war sie gänzlich entfallen. Manche erinnerten sich sogar an Einzelheiten. Leidenschaftlich rief Burda: »Adler ist gewiß ein Genie gewesen!«

Sebastian wehrte sich:

»Kein Siebzehnjähriger ist ein Genie, Burda!«

Schulhof hatte plötzlich eine Eingebung:

»Vielleicht ist es ein Unsinn, aber ich kann mir nicht helfen ... In diesem Augenblick kommt es mir vor, als hätte ich ihn vor einigen Jahren in einem kleinen deutschen Nest gesehn. Es ist halb elf Uhr nachts. Wir sind auf Gastspieltournee. Die Vorstellung ist aus. Ich trete aus der Bühnentür, da steht ein Mann vor mir – mittelgroß, scharfe Brille, eigentümlicher Kopf – und sieht mir ins Gesicht, als wolle er mich ansprechen. Ich denke mir: Wer ist das? Diesen Kopf müßte ich kennen! Bis in den Schlaf verfolgt mich der Mensch ... Es kann, wie gesagt, ein Unsinn sein, aber in dieser Sekunde glaube ich, es war Adler ...«

Da konnte auch Faltin – der vorhin den Beschuldigten so bestimmt in Amerika vermutet hatte – nicht anders und wollte ihn vor einigen Tagen im Menschengewühl der Stadt erblickt haben.

So zerstäubten all diese Reden und Erinnerungen die Erscheinung des Revenants, der im Untersuchungsgefängnis saß.

Keiner von allen konnte den furchtbaren Verdacht für berechtigt halten. Dennoch spürten viele einen trüben Rest von Unsicherheit, Scham, ja Grauen auf dem Grunde ihrer selbst. Komarek in seinem langen ungeschickten Gehrock stand abseits. Die andern aber umdrängten den Richter.

Sebastian wich aus.

Er könne vor durchgeführter Untersuchung nichts sagen. Gerne stehe er jedem seiner Mitschüler zur Verfügung und werde in der nächsten Woche alle Anfragen genau beantworten. Auch ihn habe die Sache sehr angegriffen. Er hoffe von ganzem Herzen, daß sich der Verdacht als hinfällig erweisen werde, in dieser groben Form zumindest. Er habe Adler vielleicht besser gekannt als sie alle. Nein! Ein Verbrecher könne Adler nicht gewesen sein! Das sei für ihn, mag kommen was wolle, erwiesen.

Diese glatten Sätze hatte Sebastian in der flüchtig-näselnden Art gesprochen, in der ganze Generationen hochfahrender Staatsdiener die Parteien abzuwehren pflegen. Die Herren fühlten es und stellten das Fragen ein. Man wandte sich von ihm fort. Er aber, der den ganzen Abend lang starre Haltung bewahrt hatte, er gestand jetzt gegen seinen Willen:

»Wißt ihr denn, wie ich mich vor dem kommenden Montag fürchte!?«

Der alte Wojwode hatte die ganze Zeit über das Gefuchtel und Stimmengewirre mit halboffenen Augen angelächelt.

Jetzt erwachte er und fragte:

»Adler? Sie sagen Adler?«

Dann hob er behutsam einen zitternden Zeigefinger und sah geradeaus, als erinnere er sich unter diesen wildfremden Herren hier eines Schülergesichts, das ihm bekannt sei: »Adler? Was? Nun ja! Ein Knabe mit rotem Haar und Sommersprossen! Erste Bank, links! Nicht wahr?«

Eine halbe Stunde später gingen einige der Herren jenseits des Flusses durch die alten Straßen der hoheitsvollen Stadt. Sie wunderten sich darüber, daß sich Sebastian ihnen angeschlossen hatte. Auch er wunderte sich, daß er nicht, wie er's ursprünglich vorgehabt, an der erstbesten Stelle abgeschwenkt war, um nach Hause zu gehn. Er hatte sogar mehrere Punkte überschritten, wo ein Abschied möglich gewesen wäre. Es trieb ihn mechanisch weiter. Jede Gesellschaft und jeder Weg war besser als ein einsamer Heimweg. Nun entschuldigte er seine Geselligkeit:

»Wir haben den Abend allzuplötzlich abgebrochen.«

Schulhof, der so viele Jahre lang schon im Ausland lebte, schlug vor, die schönsten Teile der alten Stadt nächtlicherweise zu durchwandern. Dies wäre die richtige Nachfeier.

Es war übrigens eine alte Kompanie: Ressl, Faltin, Schulhof und auch Sebastian.

Wie auf Verabredung wurde Adlers Name nicht mehr erwähnt. Eine sehr klare Nacht regierte. Übertriebenes Mondlicht schärfte alle Kanten, entwirklichte die Paläste, verwandelte ganze Häuserzüge zu leeren Fassaden, Flächen, Kulissen. Dicke Kreide lag in den Rillen und Vertiefungen. Die Schatten starrten wie lackiert. Das Barock, dieser wahrhaft lunare Stil, feierte die Stunde der Mondvermählung.

Man sprach nur wenig.

Faltin nannte die alten Namen der Adelshäuser. Jetzt waren sie längst in Ministerien und Amtspalais der neuen Republik verwandelt. Am Tage herrschte hier frischerwecktes Leben. In der Nacht aber hatten diese Stadtteile die Todesruhe zurückgewonnen, die sie so viele Jahrhunderte lang bewahren durften.

»Es hat sich eigentlich nichts verändert«, meinte Schulhof, der Fremde.

Die Schüler des ehemaligen Nikolausgymnasiums gingen durch die erstorbenen Straßen wie durch einen Traum, der kaum mehr wiederkehren wird. Vor einem Palaistor stand eine lange Reihe amtlicher Autos. Dies alles, nur für kurze Nachtstunden wieder verzaubert, gehörte einer neuen und starken Zeit an.

Oben, in den engen Gassen des Burgbezirks, huschte ein Schatten auf und umkreiste die Gruppe. Ein alter Herr in abgetragener Kleidung mit einem unmöglichen steifen Hut, von weitem als ›alter Offizier in Zivil‹ erkenntlich. Wie von Angst gejagt, machte er ein paar Zickzacktouren und verschwand.

Faltin blieb stehn:

»Wißt ihr, wer das ist? Der berüchtigte General Treisbacher, einer der größten Bluthunde des Krieges. Nachmusterungskommission! Er hat die Toten für kriegstauglich erklärt. Und mich auch.«

Der Advokat schlenkerte mit seinen erbärmlich mageren Armen zum Beweise dieser Ungerechtigkeit.

Jemand fragte:

»Warum läuft er so verrückt davon?«

»Er fürchtet sich. Er verläßt nur in der Nacht seine Wohnung. Er lebt in dem Wahn, das Volk würde ihn erschlagen, wenn es ihn erkennt ...«

Schulhof warf eine weite und großartige Handbewegung dem Verschwindenden nach:

»Seht, ein Symbol!«

Später, als sie vor der Landwehrkaserne auf der Brandstatt standen und in den Hof lugten, fing Schulhof wieder an:

»Ich kann euch eine Geschichte von einem andern Symbol erzählen. Ein nicht minder verrücktes, aber weit erschütternderes Symbol! Mich wenigstens hat es damals furchtbar erschüttert. Also, so und sovielter September neunzehnhundertundvierzehn! Ich stehe in Reih und Glied des so und sovielten Marschbataillons auf diesem Hofe hier. Später ist es mir Gott sei Dank gelungen, an ein Fronttheater zu desertieren. Nun, seht ihr, dort stehen wir, in vier Staffeln. ›Ruht!‹ Wir müssen warten. Vor jedem liegt ein Häuflein Unglück, Rucksack oder Tornister mit Spaten und Zeltblatt. Ein Ruck! ›Habt Acht!‹ Der Musikfeldwebel gibt das Zeichen zur Volkshymne. Hinter der Mauer kreischen und weinen die Weiber auf. Da – mein Ehrenwort – geht im langsamen Defilierschritt das Symbol an unsrer Front vorbei: Ihr müßt es mir glauben, dieses Symbol war Kio! Kio, in einer altertümlichen Oberleutnantsuniform. Tiefblauer Waffenrock, hechtgraue Hosen, rote Aufschläge, niedrige Kappe, Muster achtzehnhundertundsiebzig, Portepees, groß wie ein Roßschweif! Der Alte marschiert, ›rechts schaut‹, mit voller Ehrenbezeigung. Man war ja damals ein bißchen nervös – also, ich habe losgeheult wie ein Hund. Später hat man mir dann erzählt, daß sich das Symbol alltäglich in der Regimentskanzlei einstellte und ›bittlich‹ wurde, ›mit der nächsten Ersatzformation ins Feld abgehn zu dürfen!‹ Schließlich hat man ihm das Tragen der Uniform verboten, und die Torwache ließ ihn nicht mehr ein ...«

»Und dann ist er gestorben«, vollendete Faltin.

»Wann war das?«

»Am dritten November Vierzehn«, verkündete der Alleswisser.

Sebastian blickte angestrengt auf den Kasernenhof. Kio war nicht zu sehn. Aber in seinen Ohren tappte der Defilierschritt: Eins, Zwei! Zum zweitenmal drohte heute der Anfall. Etwas kam näher mit Kios Schritten.

Als sie schon über die Kettenbrücke gingen, dachte Sebastian: es riecht noch immer nach Teer. Zugleich aber wußte er, daß dieses ›Etwas‹ das Ende sei, Herztod, Herzschlag! Seine Hand umkrallte das Brückengeländer. Er glaubte nicht, daß er noch hundert Schritte zu gehen habe.

Man schlenderte jetzt über einen weiten Markt. Das Tappen war zurückgeblieben. Nur ganz leise mehr und fern erscholl es.

Ressl wies auf ein großes Gebäude, das mit grünen, roten, blauen Lichtreklamen behängt war wie ein grotesker Christbaum: »Trocadero! Früher stand hier Gran Canon! Wißt ihr noch?«

»Längst in den Besitz der Vita-Aktiengesellschaft übergegangen«, belehrte Faltin die andern und fügte den Kaufpreis hinzu.

Sebastian kämpfte um einen müden Gedanken: Wie können sie sagen, daß dieses Trocadero früher Gran Canon gewesen wäre. Man kann doch auch nicht sagen, Adler und Adler sei eins.

Durch die Drehtür des Vergnügungslokals strömten Menschen aus und ein. Frauen, mit ihren hellen Kleidern und hellen Beinen, strahlten wie große gedämpfte Lichtquellen. Die nächtige Luft prickelte von ihrem Lachen, ihren Bewegungen, ihren Essenzen. Ressls verfettetes Knabengesicht wurde ganz unruhig. Er sog an der Atmosphäre:

»Was meint ihr? Kehren wir ein!«

Man sah es ihm an, er wollte den heutigen Eheurlaub nicht ganz ungenützt verstreichen lassen.

Sebastian war bemüht, sich vorzustellen, daß auf diesem weiten Platz, wenn die Nachtschwärmer das Lokal verlassen, ein Obst- und Gemüsemarkt aufgeschlagen sei.

Er schwieg, er stand wie ein Stock.

Ressl faßte ihn am Arm:

»Du bist doch auch einmal ein Stammgast vom Gran Canon gewesen!«

Vielleicht hätte sich Sebastian jetzt verschleppen lassen, hätte er nicht in der gleichen Sekunde auf die andere Seite des Platzes hinübergeschaut.

Lang und dunkel ging dort Komarek vorüber. Er grüßte höflich, ja tief, indem er eine weite Bewegung mit seinem Hute machte.

Die andern schoben sich durch die Drehtür in der Meinung, der Richter folge ihnen.

Sebastian aber eilte mit großen Schritten quer über den Platz. Die Abiturientenfeier war für ihn zu Ende.

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