Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Kurz >

Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat

Hermann Kurz: Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
titleDenk- und Glaubwürdigkeiten ? Jugenderinnerungen ? Abenteuer in der Heimat
publisherMax Hesse's Verlag
seriesSämtliche Werke in zwölf Bänden
volumeElfter Band
editorHermann Fischer
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081014
projectidbb16b740
Schließen

Navigation:
Zweites Kapitel.

So hatte schon die erste Gestalt meiner aufdämmernden Gedankenwelt die Umrisse eines Dämons angenommen, der gleichzeitig, und zum Teil in kaum minder queren Erscheinungen, zum Teil aber auch in glänzenden Wundergebilden, jung und alt in seinen Bann zu nehmen begann, des Dämons der Romantik. Während jedoch der romantische Phantasus den vom Schicksal begünstigteren Seelen jene Wolkenräume eröffnete, die, gefährlich und fruchtbar zugleich für das keimende Gemüt, die Wirklichkeit umgeben, ist es mir nicht so gut geworden, in dem abgeschlossenen Bildungskreise des feineren Geschmacks zum Bewußtsein zu erwachen, sondern die Nahrung, die meinem ersten geistigen Hunger begegnete, glich dem Inhalt jenes Tuches, welches Petro herabgelassen ward, und an manchem dieser von mir gierig verschlungenen Lesebissen haftete, mit dem Epigrammatiker zu reden, »unendlicher Schmutz«.

In der Tat, ich habe von der Pike auf dienen müssen, nämlich vom Spies. Unser alter Buchdrucker, bei dem wir unser Licht anzündeten, hatte stets eine volle Lampe. Er erzählte uns die Geschichte des alten Überall und Nirgends, des Petermännchens, und anderer solcher Potentaten, natürlich mit angemessener Redaktion. Durch diesen Anstoß zur Leihbibliothek geführt, studierten wir die zwölf schlafenden Jungfrauen und, der Symmetrie wegen, die zwölf schlafenden Jünglinge dazu. In meinem unbändigen Eifer hatte ich es bald so weit gebracht, daß der dickste Band in ein paar Stunden durchgepeitscht war. Oft lief ich nur wenig Schritte vom Verleiher weg, lehnte mich an eine Ecke oder an ein Scheuerntor, oder setzte mich in einer öden Hofstatt auf das Gemäuer eines verfallenen Kellers, las und las, bis ich fertig war, eilte mit dem Buche zurück und holte ein anderes.

Diese Übung im Schnelllesen, die mir seitdem manchen guten Dienst geleistet hat, verdankte ich damals dem Umstände, daß mir vieles böhmisch war. So erinnere ich mich, daß bei einer Gelegenheit, wo ein Geist und eine Geistin ihrem Erlöser die Geschichte ihrer schuldbelasteten Vergangenheit erzählen, die Stelle vorkam: »Eine laue Sommernacht brachte uns zum Gleiten.« Nun standen mir alsbald unsere Winterfreuden vor Augen, das »Schleifen« auf dem Eise und die Fahrten von den umliegenden Anhöhen, wobei unsere hölzernen Schlittenpferde gewöhnlich kopfüber kopfunter mit uns herabgeschossen kamen; nur begriff ich nicht, wie eine solche Partie im Sommer vor sich gehen und wie sie so schwere Strafe und Verdammnis nach sich ziehen konnte. Das ließ ich mich aber nicht anfechten, sondern las fort, bis die schwarzen Gewande der Geister im Instanzenzuge des Erlösungsprozesses grau und endlich weiß geworden waren, worauf denn auch bei mir »die arme Seele Ruhe hatte«. Überhaupt war mir die nicht gerade nützliche Gewohnheit eigen, nie oder selten zu fragen, wenn ich etwas nicht verstand, sondern auf gut Glück das Unerklärliche zu verdauen, woher es kam, daß ich mit vielen Ausdrücken und Redensarten einen selbstgemachten, oft recht denkwürdigen Sinn verband, den gute Freunde stets »überzwerch« nannten, und den ich, wie sie versichern, zum Teil glücklich in meine späteren Jahre herübergerettet habe.

Aber welche schwungvolle Sprache trug ich bei dieser fanatischen Leserei davon! Ich mochte acht Jahre alt sein, als man mich erstmals die Straße zu den mütterlichen Großeltern in apostolischem Wandel ziehen ließ. Das Unternehmen lief glücklich ab; als ich aber nach einigen Tagen mutterseelenallein auf dem Rückwege war, wurde ich von einem ziemlich heftigen Gewitter überfallen. Meine Eltern eilten mir besorgt entgegen, lobten mich, daß ich die Warnung, unter keinem Baume unterzustehen, befolgt hatte, und brachten mich sehr durchnäßt nach Hause. Das bestandene Abenteuer umwob mein jugendliches Haupt mit einem gewissen Nimbus, und ich war mir dieser Verherrlichung vollkommen bewußt. Kaum hatte man mich in trockene Kleider gesteckt, so setzte ich mich sehr gehoben hin und schrieb den Großeltern einen langen Brief, worin ich meine verhängnisvollen Erlebnisse schilderte. Unter anderen großartigen Wendungen hieß es da: » Fürchterlich rollte der Donner in den Wipfeln der Bäume.« Der Erfolg, den dieses Meisterstück hatte, ließ nichts zu wünschen übrig. Mein Vater aber, durch den sublimen Stil auf meine Privatstudien aufmerksam gemacht, spielte mir erkleckliche Reise-, Länder- und Völkerbeschreibungen in die Hände. Schlingfertig, wie das große Publikum, trieb ich auch diese zu Paaren; aber mein Pilgerstab hatte nun einmal in Ofterdingen Wurzel geschlagen, und mein Ideal von Menschentum ging vorerst nicht über die Löwenritter hinaus. Und nun verirrte sich auch noch Tiedges Urania hinzu, worin unser Nachbar Mond – ich weiß nicht mehr »wie eine stille Seligkeit« oder »wie eine glänzende Unsterblichkeit« aufging und Öl in das Feuer meiner Rhetorik goß.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.