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Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat

Hermann Kurz: Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
titleDenk- und Glaubwürdigkeiten ? Jugenderinnerungen ? Abenteuer in der Heimat
publisherMax Hesse's Verlag
seriesSämtliche Werke in zwölf Bänden
volumeElfter Band
editorHermann Fischer
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081014
projectidbb16b740
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Drittes Kapitel.

Auf diese Weise ist aus mir auch der Weltverbesserer – ich glaube, noch etwas früher als der Weltumsegler, oder ungefähr zur gleichen Zeit – ausgetrieben worden, und so besaß ich denn eben mein Denkmal gerade mit so gutem Rechte, wie mancher Prinz sein mit auf die Welt gebrachtes Husarenregiment. Unterschiedliche alte Basen aber, männlichen und weiblichen Geschlechtes, riefen, da sie von meinem Neuerungsversuche hörten, mit zusammengeschlagenen Händen aus: »O Herr, meine Güte,« – oder vielmehr ohne Komma und mit verlegtem Akzente, denn so wird diese gelinde Schreckensformel gesprochen: »O Herr meine Güte, das gibt einen zweiten List!«

Man enthalte sich jedoch, etwa zu glauben, daß der Glanz, der jetzt auf diesem Namen ruht, schon damals meine Eitelkeit zu berauschen die Kraft gehabt hätte. O nein, der Name List war zu jener Zeit in seiner und meiner Vaterstadt kein Schmeichelwort, wenigstens bei der großen Mehrzahl nicht, vielmehr bezeichnete er in ihrem Munde einen unruhigen Projektmacher, der alles bewährte Alte »umzuorgeln« suche und sich und andere, die ihm nachtreten, nur in Schaden bringe. Hatte er doch schon als Knabe am Schabbaum seines Vaters, des dicken Weißgerbermeisters, den »überhirnischen« Einfall gehabt, zu behaupten, das Häuteschaben sei keine Arbeit für Menschen, man sollte das durch Maschinen verrichten und diese durch das vorbeiziehende Flüßchen in Bewegung setzen. Was Wunder, daß einer, der seine Häute durch die Schatz schaben lassen wollte, und einer, der seine Suppe am Bache kochen zu können meinte, auf den ersten Blick, besonders im Auge alter Basen, zween ziemlich verwandte Geister schienen.

Ich habe die ungeahnte Ehre dieser Vergleichung auch in meinen späteren Knabenjahren, nachdem ich längst auf alle Weltvervollkommnungsplane verzichtet hatte, noch jezuweilen, doch aus einem anderen Grunde, über mich ergehen lassen müssen. Wenn ich nämlich Miene machte, mich nicht in die Welt fügen zu wollen, so hieß es von derselben Seite, von der ich erstmals mit dem verkannten Ehrentitel beschenkt worden war: »Gib nur acht, dir wird's noch gehen wie dem List!« Er war inzwischen, »weil er sich auch nicht in die Welt fügen wollte«, auf der Festung gesessen, und diese politische Strafe galt in jenen unpolitischen Tagen, nicht bei den wenigen, aber bei den vielen, für eine non levis notae macula.

Noch recht gut ist sie mir erinnerlich, jene einst so berüchtigte Petition, die ihn »auf den Asberg gebracht hat«, und zwar kenne ich sie noch in ihrer ursprünglichen Form, obwohl nicht von der Zeit ihres Ursprungs her, zu welcher Zeit ich noch in den Kinderschuhen gegangen war. Manches Jahr war seitdem verflossen, und die meisten gedachten nicht mehr des Mannes, den in Amerika die Sehnsucht nach dem dankbaren Deutschland verzehrte, da saß ich eines Sonntagmorgens, aus dem Kloster in die ersten Ferien heimgekehrt, über allerlei Reliquien meines verstorbenen Vaters. Es waren Briefe, ein Tagebuch einer Schweizerreise voll jugendlicher Begeisterung, und andere dergleichen Papiere mehr. Das Herz war mir voll geworden im Anblick der hellen und dunklen Bilder, die aus dieser Verlassenschaft aufstiegen, als mir ein Bogen mit gedruckter Kursivschrift, sehr primitive Lithographie, in die Hände fiel und mich durch seinen Inhalt alles andere vergessen machte.

Das Geschlecht, das in den Jahren vor der Julirevolution zu den ersten größeren Eindrücken des Lebens heranwuchs, hatte keine Ahnung von einer Politik der Gegenwart. Wir waren Bürger in Athen, Sparta und Rom, diskutierten lykurgische und solonische Gesetzgebungen, fühlten uns in unserer alten Kaisergeschichte mehr oder weniger zu Hause, der Dreißigjährige Krieg und der Abfall der Niederlande war uns durch Schiller geläufig, wie denn überhaupt die allgemeinen Weltbegebenheiten von unseres Geschichtsprofessors ägyptischen Steckenpferden bis zu den Welthändeln Napoleons kein Geheimnis für uns geblieben waren. Hiemit aber schien uns alle Geschichte abgesponnen, die Zeit stand still, und wir dachten entfernt nicht daran, daß von jetzt an je noch etwas geschehen könnte. In dieser Verfassung befanden sich wenigstens alle diejenigen, die nicht durch persönliche Verhältnisse in den Stand gesetzt waren, aus den Gesprächen Erwachsener etwas von dem leisen Dröhnen einer nahen Zukunft zu vernehmen.

Wie aus einem Traume wachgerufen war ich daher, als ich auf dem lithographierten Bogen von bürgerlicher Freiheit und Selbstverwaltung las. Daß es keinen Oberamtmann und keinen Kameralverwalter mehr geben sollte, Würdenträger, die ich täglich über den Klosterhof gehen sah, welch eine Überraschung war mir das, aber mehr noch überraschte es mich, daß in unserer Zeit von einem Ding die Rede sein konnte, das ich höchstens in den alten Republiken suchte oder vielmehr mit ihnen begraben glaubte, nämlich von einer Einwirkung des Bürgers auf den Staat. Ich wußte nicht, von wem der Entwurf herrührte, noch was er unter meines Vaters Papieren zu schaffen hatte; doch das bloße Dasein dieser Beschwerden und Forderungen sprach mächtig zu mir und eröffnete mir einen Blick in eine neue Welt.

In diesem Augenblicke kam meine Mutter aus der Kirche, sah die längst beiseite geschaffte Lithographie in meinen Händen und erschrak. »Tu' das Unglückspapier weg!« rief sie, »es hat den List unglücklich gemacht, und dein Vater, der Feuer und Flamme dafür war, hat auch keine Seide dabei gesponnen. Tu's weg, ich bitte dich!«

So erfuhr ich die Geschichte der Petition und ihres Verfassers. Er war damals so gut wie vergessen. Aber so weit die öffentliche Stimmung in der einen Zeit zurückweichen kann, so weit und noch weiter kann sie in einer anderen wieder vorwärts gehen, denn im öffentlichen Leben wechseln Ebbe und Flut.

Ich gehorchte meiner Mutter und tat den Bogen weg, aber ich tat ihn in gute Verwahrung, denn ich gedachte ihn mit in das Kloster zu nehmen und meinen Freunden zu zeigen. Als ich jedoch mein Ränzlein dort auspackte, war die Petition verschwunden; meine gute Mutter hatte sie vor dem Abschied heimlich wieder herausgenommen, um das »Unglück« von mir fernzuhalten. Nun, ob die Regiminalgeschäfte besser durch freigewählte Landräte oder durch Regierungsbeamte besorgt werden, das ging uns hoffnungsvolle »Alumnen« allerdings blutwenig an. Dagegen war auch der Windstille der Restaurationszeit ihr Ziel gesteckt; denn unversehens kam uns der Sturz der Bourbonen zwischen den peloponnesischen Krieg und den ezechielischen Tempelbau, um uns zu belehren, daß auch die Gegenwart ihren politischen Puls habe und daß der Prozeß der Geschichte noch nicht völlig zu Ende sei.

Und dennoch ist mir unter dieser ganzen bewegteren und vielbewegten Zeit, so nötig sie es gehabt hätte, die Rechtfertigung meines Denkmals nicht gelungen. Man wird mir das aufs Wort glauben, denn sonst müßte ja die Welt ganz anders aussehen. So blicke ich denn je und je aus der Ferne mit Kopfschütteln nach der Turmspitze, auf welcher der goldene Engel steht. Noch weniger aber als mit mir selbst bin ich mit der Welt zufrieden, wenn ich zurückdenke, wie ich in der Frühe meiner Tage als ein dummer Junge, und zwar eben weil ich ein dummer Junge war, mit einem unserer ersten Männer verglichen worden bin.

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