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Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat

Hermann Kurz: Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
titleDenk- und Glaubwürdigkeiten ? Jugenderinnerungen ? Abenteuer in der Heimat
publisherMax Hesse's Verlag
seriesSämtliche Werke in zwölf Bänden
volumeElfter Band
editorHermann Fischer
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081014
projectidbb16b740
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Zweites Kapitel.

Mein Denkmal hatte ich also, und brauchte mich nur noch zu fragen, wie ich die früh erlangte Auszeichnung abverdienen wollte. Irgend eine große Wohltat mußte der Menschheit erwiesen werden, eine von jenen, deren Urheber mit Recht gepriesen sind, obgleich man meist vergessen hat, wie sie geheißen haben. Nur waren mir leider die vornehmsten Artikel in der Geschichte der Erfindungen schon längst vorweggenommen, als da sind Pflug, Sense, Sichel, Mühle, Backofen, Nähnadel, Webstuhl, Rumfordsche Suppe, und wie die Heiligtümer menschlicher Nahrung und Bekleidung sich nennen; auch Rebe und Hopfen waren schon gepflanzt, und die Kartoffel ließ ihren Bringer im Liede leben.

Da ich somit überall das Feld besetzt fand, so blieb mir nichts übrig, als eine der bereits vorhandenen Erfindungen mit einer Verbesserung zu beschenken, die ihr erst den rechten Wert gäbe und den Dank der kommenden Geschlechter verdiente. Dazu ward auch bald Rat, denn als ich mir eines Tages beim Essen den Mund verbrannte, so stellte ich in plötzlicher Erleuchtung den Satz auf, es wäre gescheiter, die Suppe am Bach zu kochen; denn, demonstrierte ich meinem laut auflachenden Vater, durch das Feuer würde sie zubereitet und durch das Wasser zugleich abgekühlt werden, so daß man sie nicht erst zu blasen brauchte. Dieser Fortschritt, den ich heute noch in der Welt vermisse, wäre obendrein technisch ganz gut zu bewerkstelligen gewesen, da der vom Flüßchen in die Stadt geleitete Bach neuerdings sämtliche Straßen in je zween Kandeln an den beiden Häuserreihen durchfloß, so daß jegliche Haushaltung, gleichwie sie den Abend auf der Steinbank vor dem Hause für sich und doch zugleich im Verkehr mit der Nachbarschaft verbrachte, auch am Mittag ihre Suppe in ähnlicher gemeinsamer Selbständigkeit hätte regulieren können, hiernach also die Schwierigkeiten, die bekanntlich der Einführung des Gemeindebackofens im Wege stehen, völlig vermieden geblieben wären.

Ich gestehe, der Gedanke bestach mich sehr, und es ist auch einzuräumen, daß es Gebiete gibt, in welchen die Verbindung zweier Gegensätze, wie Hitze und Kälte, nicht genug empfohlen werden kann. Ermahnt man nicht füglich die ungestüme Jugend, mit Weile zu eilen? Ist nicht besonnene Vorsicht eine Zierde des Mutes, ja sein »besserer Teil«? Und wie dem Krieger, dem Staatsmann die Beherrschung entgegengesetzter Pole ansteht, so ist sie vollends dem Künstler unentbehrlich, der in dem mächtigen Herzensdrange, womit er das Herz des Hörers, Lesers oder Beschauers ergreift, doch nie die leitende Besinnung verlieren und »mitten in dem Sturm, Strom und, wie ich sagen mag, Wirbelwind der Leidenschaft« das nüchterne kritische Bewußtsein sich erhalten soll, in allen Tiefen seines Wesens bewegt und doch zugleich »kühl bis ans Herz hinan«. Gewiß, da rechtfertigt sich die Forderung, »die Suppe am Bach zu kochen«.

Dagegen hat freilich dieses irdische Leben, besonders da, wo es praktisch und handgreiflich wird, sehr viele andere Gebiete, in welchen die Ausgleichung der Gegensätze nur dadurch möglich ist, daß sie aufeinander folgen und einander ablösen, nicht aber durch gleichzeitiges Ineinandergreifen. Diese Wahrheit wird häufig verkannt. So erinnere ich mich, in politisch unruhiger Zeit von einem Geschäftsmann die Worte gehört zu haben: »Die Leute können mir Revolutionen machen so viel sie wollen, denn die Staatsform kümmert mich nicht, aber sie sollen ihre Revolutionen so machen, daß die Geschäfte dabei ohne Stockung fortgehen.« So dieser; andere anders. Wenn ich ein Philosoph wie Franklin wäre, so würde ich mir die Gelegenheit nicht entwischen lassen, an einer Reihe von Beispielen, der Geschichte von der zu teuer gekauften Pfeife ähnlich, den Beweis zu führen, daß es nicht immer tunlich ist, »die Suppe am Bach zu kochen«.

Die Eindringlichkeit solcher Beispiele wird in dem Verhältnis zunehmen, als das Bild sich der Sache selbst nähert und endlich mit ihr zusammenfällt. Das war auch meines Vaters Meinung, und er gab sich aufrichtige Mühe, mir begreiflich zu machen, daß die Suppe zuerst einen scheinbar überflüssigen Grad von Hitze erreicht haben müsse, wenn sie nachher im abgekühlten Zustande genießbar sein solle. Ich aber, der ich in meiner Kombination den Stein der Weisen gefunden zu haben meinte, setzte allen Gründen einen starren Widerspruch entgegen, ereiferte mich immer mehr und wurde zuletzt im Fanatismus meiner Überzeugung »unangenehm«, worauf sich der Urheber meiner Tage bewogen fand, gleichfalls »unangenehm« zu werden, aber in einer Sprache von stärkeren Flexionsformen und nachdrücklicheren Kasusbildungen, in einer Kernsprache, worin ich den kürzeren zog.

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