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Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat

Hermann Kurz: Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
titleDenk- und Glaubwürdigkeiten ? Jugenderinnerungen ? Abenteuer in der Heimat
publisherMax Hesse's Verlag
seriesSämtliche Werke in zwölf Bänden
volumeElfter Band
editorHermann Fischer
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081014
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Der Fasanenschwanz.

Meine Lehrjahre brachte ich am Hofe des Herzogs von *** als Jägerbursche zu. Dieser Herr hatte außer der Wildjagd eine besondere Passion fürs Geflügel und vergeudete unsinnige Summen, um jederzeit das Kostbarste und Seltenste dieser Gattung zu haben. Wehe dem, der einen ausgezeichneten Vogel irgend einer Art besaß! sobald der Herzog davon hörte, mußte der Vogel herbei, um teures Geld, wenn der Besitzer so klug war, sich die Leidenschaft des Fürsten zu nutze zu machen; wenn aber einer hartnäckig auf seinem Eigentum bestanden wäre, so wär' es ihm, glaub' ich, nicht besser gegangen als dem Naboth mit seinem Weinberg. Doch war dies nur mit geringeren Vögeln der Fall; vornehmeres Geflügel konnte gar niemand blicken lassen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, geradezu eines Diebstahls bezichtigt zu werden, und freilich geschah es auch meist auf diesem Wege, daß die Vogelhäuser und Käfige der Residenz sich mit seltenen Gästen bevölkerten; aber nur die vertrautesten Freunde des Besitzers, gewöhnlich seine Mitschuldigen, wußten etwas von deren Dasein, sie waren streng verwahrt, eine geheime Augenweide bis zum Todestage des Herzogs, wo die Residenz auf einmal zum Staunen aller, die mit den Verhältnissen nicht näher bekannt waren, ihre naturgeschichtlichen Schätze ans Tageslicht hervorgehen ließ.

Der Herzog wurde unerhört hintergangen, oder vielmehr war es das Land, das dies sein Steckenpferd mit Schweiß und Blut bezahlen mußte. Von dem, was er hatte, nahmen seine Diener das Beste und verkauften es; vergebens hatte er auf alles ein wachsames Auge: wenn er nach einer vermißten Brut fragte, so war sie eben krepiert, und er mußte sich mit einigen Flüchen über das Unglück begnügen. Nicht minder wurde er bei seinen Einkäufen betrogen, und es hat sich oft ereignet, daß er eine Nachtigall schlagen hörte, die ihm gefiel, so sprach er: die Nachtigall muß ich haben, und sandte einen Diener zu ihrem Herrn, dem er, je nachdem sich dieser nachgiebig oder zäh benahm, fünfzig bis hundert Gulden dafür bezahlen ließ. War nun der Vogel in einen der herzoglichen Käfige gebracht, so nahm ihn ein Diener wieder heraus und steckte ein anderes auf dem Markte gekauftes Exemplar, das zwar nicht singen konnte, aber sehr proper aussah, mit umgedrehtem Hals in den Käfig. Dann fragte der Herzog: was Teufels hat denn die Nachtigall, daß sie nicht singt? und erhielt zur Antwort: Sie ist verreckt, Ew. Durchlaucht, – wo dann die Sache mit einem Donnerwetter abgetan war. Nach einigen Tagen hörte er wieder eine Nachtigall in der Nähe des Schlosses singen, die ihn um so mehr anzog, da sie in der Stimme so viele Ähnlichkeit mit der vorigen hatte; und er ruhte nicht, bis sie auf dieselbe Weise erworben und wieder verloren war.

Doch kommt dies alles in keinen Vergleich mit folgendem Betruge, der ihm einmal gespielt wurde.

Am meisten hielt er auf Fasanen; aber, wie es überhaupt seine Art war, nicht sowohl auf eigentlich schöne, als vielmehr auf sonderbare Gattungen, die durch irgend ein auffallendes Merkmal zur Seltenheit wurden. Solche anzuschaffen war er unersättlich und konnte sie mit den übertriebensten Preisen bezahlen. Ich war im Hause des Fasanenmeisters wohl gelitten und traf daselbst oft mit einem Gewürzkrämer zusammen, der ebenfalls ein großer Liebhaber des Geflügels war und als Kenner häufig zu dem Herzog berufen wurde, um bei neuen Ankäufen mit Rat und Tat zur Hand zu sein. Da saßen wir nun oft alle drei beieinander und machten unsere Glossen über die Leidenschaft des Herrn.

Eines Tages kam der Fasanenmeister vom Herzog, und als er uns beide in seinem Zimmer fand, rief er uns entgegen: Eine große Neuigkeit! Dem Herrn ist ein weißer Fasan mit einem bunten Schweif angeboten worden.

Ein weißer Fasan mit einem bunten Schweif? sagte der Gewürzkrämer. Dann muß er aber auch einen bunten Federbusch an den Ohren haben.

Grade das ist die Seltenheit! rief der Fasanenmeister: er ist am ganzen Leibe weiß, ohne den Schatten einer anderen Farbe, nur daß er einen prachtvollen bunten Schweif haben soll.

Das ist gegen den Lauf der Natur, meinte der Gewürzkrämer: wer hat ihn denn dem Herzog angeboten?

Ein Kaufmann in L., im Namen eines Freundes, ich weiß nicht wo, in der Krim, glaub' ich.

So, so! und wenn der Herzog die Bedingungen eingeht, so reist der Fasan zuerst aus der Krim nach L., und von da aus hierher?

Versteht sich; der Kaufmann hat sich erboten, den Handel und den Transport zu übernehmen.

Das ist sehr vernünftig von dem Kaufmann. Was macht er denn, oder vielmehr, was macht sein Freund für Bedingungen?

Er verlangt hundert Louisdor, weil der Vogel eine so große Seltenheit sei. Freund, ich bin sehr neugierig, wo der Betrug steckt.

Ich auch: wir wollen die Sache abwarten.

Der Herzog ging den Preis ein, unter der Bedingung, daß der Vogel der Beschreibung völlig entspreche. Der Kaufmann verhieß, ihn kommen zu lassen, und nach einigen Monaten kam ein Prachtexemplar von einem Fasan, weiß am ganzen Leibe, mit schneeweißem Federbusch, auch unter dem Halse weiß, und hinten mit dem herrlichsten Pfauenschweif, der in allen Farben spielte. Der Herzog war außer sich vor Freude und ließ sogleich den Fasanenmeister und den Gewürzkrämer kommen. Der Fasanenmeister teilte aufrichtig das Entzücken des Herrn, aber der Gewürzkrämer hatte ein unbestechliches Urteil, und wußte im Augenblick, was er davon halten sollte; da er jedoch ein kluger Mann war, wollte er die Gunst des Herrn nicht verscherzen, und begnügte sich zu sagen, ein solches Tier sei ihm noch nie weder leibhaftig noch in der Beschreibung vorgekommen. Mit diesem Ausspruch war der Herzog sehr zufrieden, er band dem Fasanenmeister den Vogel auf die Seele und entließ beide in Gnaden.

Der Gewürzkrämer begleitete seinen Freund in dessen Wohnung. Hier forderte er Feder und Papier und setzte ein Schreiben auf, das er dem Fasanenmeister versiegelt übergab. In diesem Briefe, sagte er, steht eine Wette von mir gegen Euch. Ihr dürft keinen Kreuzer darauf setzen, ich aber setze hundert Louisdor, gerade soviel, als der Fasan gekostet hat, und will sie verloren haben, wenn nicht alles so ist, wie es im Briefe steht. Dagegen gebt Ihr mir Euer Ehrenwort, das Schreiben nicht eher zu öffnen, als bis sich gewisse Dinge ereignen, die ich Euch mit der Zeit näher bezeichnen werde.

Mit diesen Worten schieden sie.

Als nun die Zeit erfüllet war und die Mause eintrat, da geschah ein groß Wunder in der herzoglichen Fasanerie. Der bewunderte Fasan verlor sein buntes Gefieder und trieb weiße Federn nach. Der Fasanenmeister wußte sich vor Verwunderung und Schrecken nicht zu helfen.

Um diese Zeit kam der Gewürzkrämer zu ihm, der mich unterwegs mitgenommen hatte.

Der Mann des Jammers führte uns zu einem abgelegenen Verschlage, wo er das treulose Federvieh eingesperrt hatte, und machte uns mit der unerhörten Geschichte bekannt. Der Gewürzkrämer lachte und gebot, sein Schreiben herbeizubringen. Ehe es eröffnet wurde, fragte er den Fasanenmeister, ob er keine von den ausgefallenen Federn aufbewahrt habe. Dieser holte sogleich einige herbei, und nun zeigte uns der Gewürzkrämer – kann sich einer von Ihnen, meine Herren, einen Begriff machen, wie dieser Betrug angelegt war?

Ganz wohl, sagte ich: die Federn waren gefärbt, und nach der Mause wuchsen wieder weiße nach.

Larifari! wer wird Federn färben können, daß sie jedermann für Pfauenfedern halten muß? So dumm sind die Leute nicht, es waren echte Pfauenfedern, wie uns der Gewürzkrämer deutlich zeigte. Ein so mühsamer Betrug ist gewiß noch nie vorgekommen. Der Verkäufer hatte dem Fasan seinen Schweif, dicht an der Haut, einzeln, Feder um Feder, mit einer feinen Schere abgeschnitten und in den Rumpf jeder Feder eine Pfauenfeder geleimt.

Bei Gott! rief der Pfarrer, der hat seine hundert Louisdor redlich verdient mit all seiner Unredlichkeit. Dazu gehört ja eine schmähliche Geduld! Aber der Herzog wird doch über diese Spitzbüberei gelacht haben?

Der Herzog hat nicht gelacht, erwiderte der Förster; denn der einsichtige Gewürzkrämer war nicht gesonnen, ihn zum Lachen zu bringen. Als der Fasanenmeister fragte: was machen wir denn jetzt? antwortete er: der Fasan muß aus der Welt, eher heute denn morgen; dem Herzog darf man nichts von der Sache sagen, oder Ihr seid um den Dienst, Freund, und ich falle in Ungnade. Hätten wir's ihm gleich anfangs gesagt, so hätte er's uns nimmermehr verziehen, und wollten wir's jetzt gestehen, so wären wie strafbar, weil wir zuvor geschwiegen haben.

Dies leuchtete dem Fasanenmeister ein. Der Gewürzkrämer mischte dem Fasan das Futter, und nach einigen Tagen wurde dem Herzog gemeldet, daß er seine hundert Louisdor umsonst ausgegeben habe. Er tobte und wütete, hieß den Fasanenmeister manches, was er nicht war, und verdaute an diesem Tage besser als seit drei Wochen; der Fasanenmeister aber verblieb unangefochten in seinem Amt, und der Gewürzkrämer ging nach wie vor beim Herzog aus und ein.


Es war doch eine schöne Zeit, begann der Arzt, nachdem der Förster geendet hatte: es war eine romantische Zeit, als die Fürsten noch grob waren, sich's auf ein paar Gewalttätigkeiten und Mißhandlungen nicht ankommen ließen und ihre Untergebenen mit Er anredeten; die Leute wurden dadurch zu einem indirekten Benehmen genötigt, welches oft die anmutigsten Verwicklungen herbeigeführt hat. Ich könnte hundert Beispiele erzählen, welche beweisen, wieviel mehr Poesie in jener kaum erst verflossenen, hagebuchenen Zeit gelegen ist, als in unserer papierenen. Ich erinnere mich hier an einen Kollegen, der noch ganz von der Derbheit und Roheit jener Periode duftet: dieser würdige Mann hat sich bei dem Rückzug aus Rußland in die Gefahr eines schimpflichen Todes gestürzt, um seinem Fürsten etwas von dem Rest der Truppen zu retten. Als man dieses bewährte Korps in Polen zur Deckung der Reserve verwenden wollte, gab er einen um den anderen für nervenfieberkrank aus, und die Soldaten, die freilich in sehr übeln Umständen waren, glaubten ihm, halb im Ernste, halb weil es ihnen dienlich war, so daß bald die ganze Mannschaft aus Malades imaginaires bestand. Er erhielt Befehl, sie in die Lazarette der nächsten Station zu bringen; unterwegs teilte er dem Inhaber der Regimentskasse seinen Plan mit, und dieser schwor ihm seinen Beistand zu. Wie sie voraussehen konnten, wurden sie mit Geld und Pässen weiter gewiesen und kamen so, weil niemand sich der gefährlichen Krankheit preisgeben wollte, von Station zu Station bis in die Heimat. Dort mußten sie an der Grenze kampieren, und es wurde eine Untersuchungskommission zu ihnen geschickt, welche freilich sehr verwundert war, die Kranken in so leidlichem Zustand und vom Nervenfieber keine Spur zu finden. Aber ein wohlunterrichteter Arzt aus ihrer Mitte führte an, daß starke Bewegung vorzüglich dazu diene, das Nervenfieber zu heben. Diese Hypothese wurde von der Kommission adoptiert, und mein Freund erhielt als Retter der Landestruppen eine Medaille und den Adel. »Ich kann diese Auszeichnung mit Recht tragen,« sagte der treffliche Mann, »wenn ich sie gleich auf andere Weise verdient habe, als mein Fürst geglaubt hat; allein wenn ich die Wahrheit bekannt hätte, so wäre ich vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen worden.«

Aber ich meine nicht bloß solche abenteuerlichen Fälle, fuhr der Arzt fort, denn das Kriegsrecht ist noch heute dasselbe und macht eine Ausnahme vom Verfahren in Zivilverhältnissen. Damals jedoch wurden auch diese in einer martialischen Weise behandelt, und ich war einmal in einem Bade zugegen, wie der Landesfürst den dortigen Oberamtmann, der es auf der Straße an etwas hatte fehlen lassen, eine ganze Stunde lang, auf offener Straße, vor einer großen Menschenmenge, mit einer demosthenischen Beredsamkeit, aber nur nicht mit attischer Feinheit einweichte.

Gegenwärtig, sagte der Pfarrer, geht man mit den Untergebenen viel eleganter um. Wenn einer etwas pecciert hat, so läßt man seinem nächsten Vorgesetzten den Befehl zukommen, ihm einen Verweis zu erteilen, oder vielmehr »ihm das höchste Mißfallen zu erkennen zu geben und ihm zu eröffnen, man erwarte, daß er in einem ähnlichen Falle künftig sich mit mehr Umsicht und namentlich mit mehr Überlegung benehmen werde«. Dann, fuhr der Arzt fort, hat er nichts zu tun als die Insinuation zu unterschreiben, und so hat am Ende niemand gescholten und niemand ist gescholten worden. Ein Beispiel, wie sehr das Feierliche aus unseren öffentlichen Verhandlungen verschwunden ist, hab' ich an mir selbst erlebt. Ich, meine Herren, bin als Arzt mit der Tabakspfeife im Munde beeidigt worden.

Ein schallendes Gelächter unterbrach ihn; keiner wollte ihm glauben.

Dies trug sich folgendermaßen zu, erzählte er: ich hatte mit vorläufiger Erlaubnis bereits einige Wochen praktiziert, als ich ein Schreiben des Oberamtmanns erhielt, worin er mir meldete, er werde nächstens in meinem Ort ein Ruggericht halten und bei dieser Gelegenheit meine Beeidigung vornehmen. Der Tag erschien, und ich erfuhr, daß der Oberamtmann da sei, der mich jedoch diesen Vormittag nicht rufen ließ. Nach Tische ging ich wie die anderen Honoratioren auf die Post, trank eine Tasse Kaffee und rauchte eine Pfeife dazu. Der Oberamtmann saß ebenfalls mit einer mächtigen Pfeife da, und das Gespräch ging seinen Gang: endlich stand er auf, sagte: Herr Doktor, auf ein Wort! und nahm mich ans Fenster. Dort sprach er: Sie werden ohne Zweifel meinen Brief erhalten haben, worin ich Ihnen Ihre bevorstehende Beeidigung ankündigte; ich kann voraussetzen, daß Sie den Brief gelesen und die Sache überdacht haben, ich fordere Sie daher auf, mir die Hand zu geben und dadurch Ihre Verpflichtung anzuerkennen. – Dies ging so schnell vor sich, daß ich nicht dazu kam, die Pfeife aus dem Mund zu nehmen, der Oberamtmann behielt sie ebenfalls, und so gab ich ihm denn die Hand, und wir standen da und pafften einander ins Gesicht.

Der Frühling ist eine unbeständige Jahreszeit: als wir uns spät und nach großen Libationen trennten, um zu Bette zu gehen, war Regen eingefallen, ein heftiger Wind pfiff durch die schlechtverwahrten Blößen des Hauses, riß die Fensterläden hin und her, und der Regen schlug einförmig aufs Dach und an die Fenster. Ich war zu aufgeregt, um sogleich schlafen zu können, alle Heiterkeit des Tages und die lauten Stimmen der soeben verlassenen Gesellschaft summten in mir nach. Es hat etwas Unheimliches, wenn man aus einer lebhaft bewegten Gesellschaft in tiefer Nacht auf ein einsames Zimmer versetzt wird, und einsam war für mich das Studierzimmer, in dem wir schliefen, denn Ernst hatte sich schon beim Auskleiden vom Schlaf überwältigen lassen, und als ich ihn mit Mühe ins Bett gebracht, konnte er nicht mehr unter die aktiven Glieder der Hausgenossenschaft gerechnet werden. Ich untersuchte die kleine Bibliothek des Pfarrers und hoffte etwas Erbauliches für mich zu finden, denn es ist meine große Untugend, bei Nacht zu lesen und oft länger zu lesen als zu wachen; dieser Hang war heute um so gefährlicher, da ich dem Pfarrer die Ehre erwiesen hatte, tief in den Geist seines schätzbaren Weines einzudringen. Deshalb war es vielleicht ein richtiger Instinkt, der mich trieb, aus der mageren Büchersammlung, die sich seit seiner wissenschaftlichen Periode nicht vermehrt hatte, Bretschneiders Dogmatik hervorzulangen: ich wollte mich nüchtern lesen und noch obendrein aufgeklärt, denn der Kapuziner, an den mir meine Müdigkeit in der vorigen Nacht nicht zu denken erlaubt hatte, spukte mir heute doch ein wenig im Kopf herum, da im Verlauf des Abends auch auf ihn die Rede gekommen war und der Pfarrer trotz aller Mißbilligungen seiner Frau den unsichtbaren Hausbewohner geschildert hatte, wie er nachts im Hause hin und her tappe, die Türen aufreiße, die Treppen hinaufstapfe und dann mit einem gräßlichen Gepolter einem Sack ähnlich wieder herunterstürze, an die Wände klopfe und in der Küche alle Gerätschaften rasselnd auf den Boden werfe, welche sich jedoch bei näherer Besichtigung unverrückt an Ort und Stelle befinden. Alles dies schwebte mir vor, als ich im Bette lag und den jedem Geiste widerstrebenden Rationalisten zu lesen versuchte. Ich konnte nicht umhin, von Zeit zu Zeit einen Blick über das Buch zu werfen, ob nichts Fremdartiges im Zimmer zu sehen sei; dort, hinter dem Bücherschrank in der Ecke, stand eine schwarze Gestalt, die sich zu bewegen schien. Ich sprang mit gesträubtem Haar aus dem Bette und ging verzweiflungsvoll dem Gespenst auf den Leib; es erwartete mich ruhig und wies sich, als ich herankam, als der schwarze Kirchenrock des Pfarrers aus. Ich legte mich wieder zu Bette und las beruhigt in Bretschneiders Dogmatik weiter. Seine Ideen wurden mir immer unansehnlicher, sie krochen wie Ameisen vor meinen Augen umher, ich gab mir zuletzt nicht mehr die Mühe, sie zu verstehen – – –

Die Sonne strahlte hell durch die Fenster und weckte mich auf. Das erste Gefühl beim Erwachen hat etwas Unbeschreibliches, ein Bewußtsein von Kraft und Leben; der Mensch wird mit jedem Morgen wieder neu geboren. Wehe dem Morgen, wo auf diesen stolzen Moment ein zweiter vernichtender folgt, wo der Tod das Leben angrinst und seine Sense nach ihm ausstreckt, wo zu dem freudigen Gefühl der Wiedergeburt sich der Gedanke gesellt: All's not well! Something is rotten in the state of Denmark! Die Sonne, die mir beim ersten Anblick so wohl tat, verursacht dir Schmerzen, der Tag kommt dir grau und unerquicklich vor, und nun! dein Blick fällt auf den geschwärzten Leuchter neben dem Bette, dessen Schale von dem herabgebrannten geschmolzenen Lichte voll ist, du besinnst dich auf die Vergangenheit: welch eine bittere Buße für einen fröhlichen Abend! Alles wäre noch zu verschmerzen, wenn du nur das Licht nicht hättest herunterbrennen lassen, aber dieses Bild der tiefsten Unordnung ist nicht auszulöschen, es verfolgt dich, du malst dir das Unglück, das aus dieser Unvorsichtigkeit hätte entstehen können, mit den grellsten Farben aus, der ganze Tag ist dir so gut wie verloren.

Der gute Humor des Pfarrers und der starke Kaffee der Pfarrerin stellten die leibliche und geistige Zerrüttung wieder her. Auf den Sturm und Regen der Nacht folgte das herrlichste Wetter, und wir schickten uns zum Weiterreisen an.

Wie ist es dir mit dem Kapuziner ergangen? fragte der Pfarrer.

Ich habe alle Ursache, mit ihm zufrieden zu sein, erwiderte ich: kaum lag ich im Bette, so rasselte es unheimlich draußen, und auf einmal mit einem heftigen Stoße sprang die Türe auf. Ich hielt ihm eine derbe Strafrede und hieß ihn die Türe wieder zumachen, aber er gehorchte nicht.

Das hatte er auch nicht nötig, denn er war unschuldig. Das Haus ist baufällig, und ein einziger Windstoß kann alle Türen zumal aufsprengen.

Weiter nichts?

O, jetzt kommt es erst. Kaum war mein Ärger gestillt, so entstand ein Geräusch hinter dem Bücherschrank. Dort stand er leibhaftig, er hatte deinen Kirchenrock an; in diesem kam er hervor und ging im Zimmer auf und ab, nicht ohne über die vielen Löcher im Boden zu stolpern. Auf einmal schritt er auf mich zu, das Licht neben mir knisterte und brannte schnell herab –

Aha!

Jetzt beugte er sich über mich, und ich schlief aus Schrecken ein.

Lebe wohl, du Held, sagte der Pfarrer, indem er mir die Hand zum Abschied reichte, und denke zuweilen an den Kapuziner, deinen Freund, mit dem du gerungen hast und bist schlafend obgelegen.

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