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Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat

Hermann Kurz: Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat - Kapitel 26
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
titleDenk- und Glaubwürdigkeiten ? Jugenderinnerungen ? Abenteuer in der Heimat
publisherMax Hesse's Verlag
seriesSämtliche Werke in zwölf Bänden
volumeElfter Band
editorHermann Fischer
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081014
projectidbb16b740
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9.

Der jugendliche Traum hat sich seitdem zu manchen Malen wiederholt. Er führte mich immer wieder in das Hinterhöfchen, wo neben dem Gärtchen und dem kleinen Zaune das halbe Häuschen wie in der Mitte entzweigeschnitten steht. Dort im engen Stübchen, am Tische mit der Schieferplatte, saß jedesmal mein alter Freund, freundlich wie er im Leben gewesen war. Ich erzählte ihm von meinen Wanderungen, machte ihn zum Vertrauten meiner Freuden, und schüttete meine Klagen bei ihm aus, Klagen, von denen ich keine Abschrift behalten habe. Aber wenn ich nach meinen beiden Rittern fragte, so zeigte er mir kopfschüttelnd das Bild im Spiegel, und es war immer das alte Bild.

Endlich wagte ich die zweite Frage. »Über dem Versuche eines historischen Romans,« sagte ich zu ihm, »habe ich mich an den beiden armen Seelen vergriffen. Muß ich zur Buße einen historischen Roman schreiben?«

»Getroffen!« antwortete er und verschwand samt seiner Umgebung schnell, wohl um mir eine Voreiligkeit im Weiterfragen zu ersparen. Wiederum kam ich im Traume zu ihm, gab Rechenschaft von meinen Fahrten und vertraute ihm manches Unmaßgebliche, das nicht zu den Akten gekommen ist. Aber mit meinen beiden Rittern stand es immer noch beim Alten. »Du wirst weder Glück noch Stern haben,« sagte er, »bis du das Rechte triffst. Bis dahin wird es immer bei dir heißen: Wir haben euch gepfiffen und ihr wolltet nicht tanzen, wir haben euch geklaget und ihr wolltet nicht weinen.«

Nun brach mir die Geduld, und ich wurde lustig, wie man es zuweilen wird, wenn man die Geduld verloren hat. Die dritte Frage war mir nur noch ein Spaß. »Jener verhängnisvolle Versuch,« sagte ich, »hatte die Belagerung meiner Vaterstadt zum Gegenstande – ich werde also ohne Zweifel die Belagerung von Reutlingen schreiben müssen?«

»Du sagst es. Hätte dir das nicht früher einfallen können? Per quod quis peccat, per idem punitur et idem.«

Sprach's und blieb ruhig an seinem Tische sitzen, da es jetzt keine Frage mehr zu verscherzen gab. In seinem sonst so wohlwollenden Gesichte glaubte ich jedoch eine leise Schadenfreude zu erkennen.

»Schrecklich, schrecklich!« rief ich, »als ich den Spaß zum Ernste werden sah. Das liest nun vollends kein Mensch. Nein, ich tu' es nicht, und wenn die Geister darüber noch schwärzer werden als sie sind.«

»Dann mußt du ihnen später Gesellschaft leisten, bis ein anderer diese Belagerung schreibt.«

»Da könnte ich eine schöne Weile warten!« rief ich verzweiflungsvoll, und stieß Reden aus, womit ich nicht einmal unsere alten Chronisten, die einzeiligen Geschichtsklitterer, geschweige unsere modernen Akuten, die dreibändigen Romanflitterer, verschonte, Reden, die glücklicherweise nicht gefroren sind, da sie sonst bei einem unvermuteten Tauwetter zu meinem eigenen Schrecken wieder losgehen könnten.

Der Alte ließ mich eine Weile wüten, dann versank er in der gewohnten Art.

Dieser letzte Traum machte mir noch mehr zu schaffen als die früheren. Zwar fand ich es, besonders bei Tage, allen meinen Grundsätzen zuwider, daß ich nach meinem Tode auf einer nicht einmal geographisch anerkannten Insel spuken sollte, doch beherzigte ich das warnende schwäbische Sprüchwort, das da sagt: »Nichts Gewisses weiß man nicht.« Auf der anderen Seite aber, indem ich den Sicheren zu spielen gedachte, ließ mir die angeborene Widerspenstigkeit nicht zu, mich dem eigensinnigen Schicksal blindlings zu fügen, und ich sann deshalb darauf, ihm ein X für ein U zu machen. Endlich ging ich her und begann die mein Strafpensum buchstäblich enthaltenden neun Bücher meiner Denkwürdigkeiten zu schreiben, wovon, vielteurer Leser derselben, hiemit das neunte und letzte vor dir liegt.

Zwar, ehe ich es schließe, sollte ich dir, wie es sich unter getreuen Freunden ziemt, noch Kunde geben, wie ich mit Wilhelm Meister bekannt wurde, wie sein Freund Biribinker von weiten kühnen Flibustierzügen zurückkam, wie beide, unbefriedigt durch die bisherigen Erfindungen, die es nicht höher gebracht, als Romane zu weben, zu stricken oder höchstens auf dem Zirkularstuhl zu verfertigen, eine dem längst gefühlten Bedürfnis der Neuzeit über alle Erwartung entgegenkommende, noch nie dagewesene, den menschlichen Scharfsinn auf seinem Gipfelpunkte zeigende Schnellromanerzeugungsanstalt errichteten, wie sie zu diesem Behufe aus Berlin einen Psychographen verschrieben, dessen Gedankenflug jede Maschinenkonkurrenz niederschmetterte, wie sie seine Geschwindigkeit noch durch Anwendung der Stenographie ins Hundert- und Tausendbändige beflügelten, wie sie sodann unter den schmeichelhaftesten Anerbietungen mir den Eintritt in ihr psychostenographisches Workinghouse eröffneten, zugleich aber auch die entsetzliche Ungeschicklichkeit, durch die ich mich ihrer Gunst unwürdig machte, und endlich die traurigen Folgen dieses Fehltritts – das alles und noch viel anderes mehr sollte ich dir erzählen, allein ich bin froh, daß meine Denkwürdigkeiten hier zu Ende gehen, und du bist es wahrscheinlich auch.

Freilich, ob ich das Orakel überlistet und meine Geister erlöst habe, kann ich bei alledem noch nicht für ganz gewiß versichern. Indessen ist mir der Traum in Jahr und Tag nicht mehr vorgekommen, und so meine ich mich denn doch beinahe dem Glauben hingeben zu dürfen, daß, abermals eine schwäbische Redeweise zu brauchen, die arme Seele Ruhe hat, oder vielmehr diesmal hoffentlich alle beide. Einen freudigen Schrecken erregte es mir, als ich einstmals einen Brief mit dem Postzeichen »Sion« auf meinem Tische fand, aber der Befund ergab sogleich, daß derselbe nicht aus dem himmlischen kam, sondern aus dem irdischen, und der Freund, von dem er zeugte, war einer der da lebet. Obwohl ich nun so sehr, ja mehr als mein Geistersucher, der es sich um Bürgschaften aus dem Jenseits sauer werden ließ, Grund gehabt hätte, eine beruhigende Post von dort willkommen zu heißen, so begrüßte ich dennoch die Enttäuschung mit selbstloser Freude. Und da ich von dem anderen Freunde, von dem, wie er sagte, zu seinem großen Autor heimgegangenen, weder im Traume noch im Wachen mehr ein Zeichen erhalten habe, so will auch ich seine wohlerworbene Ruhe, benebst der mir noch kostbareren einer schwergeprüften, lesegepeinigten Oberwelt, nicht fürder behelligen, und sage, meinen Weg allein weiter gehend, ihm und anderen Schatten meiner Jugend Lebewohl.

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