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Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat

Hermann Kurz: Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat - Kapitel 25
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
titleDenk- und Glaubwürdigkeiten ? Jugenderinnerungen ? Abenteuer in der Heimat
publisherMax Hesse's Verlag
seriesSämtliche Werke in zwölf Bänden
volumeElfter Band
editorHermann Fischer
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081014
projectidbb16b740
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8.

In der Nacht nach jenem Abend oder vielmehr am Morgen nach jener Nacht hatte ich einen schweren Traum.

Ich befand mich wieder einmal im Stübchen meines Buchdruckers. In der Wirklichkeit hatte dies vor einiger Zeit bei einem Besuche stattgefunden, der mir ihn mit schnellen Schritten seinem Ziel entgegengehend zeigte. Die bewegliche Gestalt war in sich zusammengedrückt, das furchenvolle Antlitz war ganz zurückgetreten und hatte durch die weit vorstehende Nase jenen Ausdruck bekommen, der die Nähe des Todes ankündigt; die Augen lagen erloschen in den tiefen Höhlen. Doch sprach aus seinen Zügen noch derselbe Geist des Wohlwollens, der ihm alle Menschen befreundet hatte, und heiter rief er mir mit seiner verwitterten Stimme und seinem intelligenten Lächeln zu:

»Ei sieh doch, das ist schön, daß Sie mich auch noch besuchen! Schond lange« – als gebildeter Buchdrucker wählte er seine Ausdrücke – »habe ich mich in meinen Gedanken darüber ergangen, wie Sie sich doch befinden möchten. Wissen Sie denn auch noch, wie wir auf dem Roßberg waren, wo ich Ihnen die Schwedenschanze zeigte, wie wir auf der Achalm hin und wieder stiegen und von der goldenen Kette im Grund des Berges sprachen, denkt es Ihnen noch, wie wir auf dem Urschelberg am verschütteten Schachte saßen und ich von dem verwunschenen Fräulein erzählte? Du guter Gott, wie viel vergnügte Tage haben wir zusammen genossen, und wie aufmerksam haben Sie immerdar auf meine Geschichten gehört! Jetzt ist das nicht mehr so, die heutige Jugend fragt nimmer so viel nach dem alten Buchdrucker, und ich bin auch nicht mehr so alert wie ehedessen.«

Ich suchte ihn durch Auffrischung der alten Erinnerungen zu vergnügen, und wollte ihm Hoffnung machen, das milde Wetter könnte uns doch vielleicht noch eine oder die andere der alten Fahrten zu wiederholen erlauben.

»Geht nicht,« sagte er, indem er sein rotgewürfeltes Taschentuch aus dem langen Wamse zog, das er der altherkömmlichen Sitte gemäß an Werktagen trug. »Geht nicht mehr! Meine Uhr ist im Ablaufen, es ist über dreiviertel, ich sage Ihnen, es hat schond gewarnt. Mein Lebensbuch ist auf dem letzten Blatte, noch einmal umgeschlagen, und es heißt Punktum. Ich werde nun bald aus Press' und Druck dieses mühseligen Lebens erlöst, meine Typen seynd abgenutzt, meine Kolumnen« – er deutete auf seine Beine – »tragen mich nicht mehr. Diese ausgebrauchte Form wird nun bald auseinandergenommen werden, und was mag wohl Neues daraus entstehen? Ich habe mich oft schond in Gedanken darüber ergangen. In diesem meinem Leben, so hoch ich es in Jahren gebracht, habe ich immerdar unter der Makulatur gelegen, jetzt werde ich als Korrekturbogen durch die Hände meines großen Autors gehen, und ich verhoffe, er soll nicht den ganzen Bogen mit einem d. anstreichen«. – Bei diesen Worten machte er lächelnd mit dem Griffel das technische Zeichen des Deleatur auf die Schieferplatte seines alten Tisches.

Ich drückte ihm die Hand und nahm Abschied so gut ich's vermochte. Nach wenigen Tagen hörte ich eines Abends ein Trauerlied vom Turme blasen: er war gestorben.

Das Bild dieses Auftritts war es, was mir jetzt der Traum zurückführte. Mein Alter saß wieder an seinem Tische und schrieb sein Zeichen auf die Schieferplatte, ich sagte ihm wieder Lebewohl und ging der Türe zu. Da klopfte er barsch mit dem Griffel auf die Platte, und wie ich mich befremdet umwandte, winkte er mich mit dem Finger noch einmal zu sich zurück. »Und weiter haben Sie mir nichts mitzuteilen?« fragte er. »Wie?«

Er kam mir in diesem Augenblicke vor wie der Herr Professor in der Prophetenschule, der, wenn er eine Übertretung des Gesetzes zu rügen hatte, echt inquisitionsmäßig statt mit einem bestimmten Vorhalte mit der allgemeinen Frage, ob man sich nicht schuldig fühle und wessen man sich anzuklagen habe, begann, um auf diese Weise vielleicht noch weiteren Untersuchungsstoff zu gewinnen. Auffallend war mir das gebieterische Wesen, das er, der sonst so ausnehmend Höfliche, jetzt auf einmal in Blick, Stimme und Haltung entwickelte, aber im Traume kommt man auch mit dem Ungewöhnlichsten schnell zurecht.

Während ich jedoch nachsann, was für ein Geständnis er etwa verlangen möge, kam er mir zuvor. »Und Ihre beiden armen Ritter, die Sie auf der Geisterinsel gelassen haben, wie geht es ihnen?«

»Vermutlich schlecht genug,« antwortete ich betreten.

»Und der alte Überall und Nirgends, haben Sie nie daran gedacht, was er zu dieser Untat sagen werde?«

»Mein Gott, mein Gott,« rief ich, »der alte Überall und Nirgends! Der Rächer jedes Unrechts! Der wird freilich sehr ungehalten sein.«

Er sah mich mit einem richterlichen Blicke an und schwieg.

Unter diesem Stillschweigen kam mehr und mehr das Bewußtsein über mich, daß ich einem Gesetz und einer Verfassung verfallen sei, wovon ich in den langen Jahren, seit ich den Geistergeschichten der Leihbibliothek untreu geworden war, nichts geträumt hatte. »Was ist über mich beschlossen?« rief ich ängstlich. »Ich ahne wohl, daß Ihr, der Waltbote jener unsichtbar waltenden Mächte, bestellt seid, mir mein Schicksal zu verkündigen.«

Sein Gesicht nahm einen immer feierlicheren Ausdruck an. »Du hast zwo arme Seelen auf dem Gewissen,« sprach er endlich, »die seit Jahren in unaussprechlicher Pein auf ihre Erlösung harren. Tritt zu meiner Linken, blicke mir über die rechte Schulter und sieh her.«

Ich tat wie nur geheißen war. Er deutete mit dem Griffel auf die Tafel, die sich in einen Spiegel verwandelt hatte. Fernher aus dem tiefsten Hintergrunde schwebte ein Bild, das immer näher kam und mich mit Grauen erfüllte. Die beiden Ritter, deren ich mich nur allzuwohl erinnerte, standen im Trauerharnisch, Helm und Helmbusch, Wappenrock, Armschienen und Beingewand, alles kohlschwarz, mit unbehilflich aufgehobenem Schwert und Schild, jedoch ohne Bewegung, nah und näher und zuletzt lebensgroß vor mir. Zu ihren Füßen grünten ein paar verkrüppelte Hälmchen, den Strand, auf dem sie standen, umgab ein bleiernes Gewässer. Das ganze Bild war regungslos, die Bewegung bestand nur im Heranschweben, das so überhandnahm, daß die Gestalten sich in mein Auge zu drängen drohten.

Entsetzt trat ich hinweg, das Bild verschwand.

»Bist du des Anblicks schon überdrüssig?« sagte er vorwurfsvoll. »Und jene Unglücklichen harren jahrelang, müssen vielleicht Ewigkeiten harren.«

»Ich fühle namenloses Mitleid mit ihnen,« rief ich aus. »Könnt' ich sie retten!«

»Du kannst es, kannst und mußt sie erlösen, um dein selbst willen mußt du es. Denn höre, was dir der alte Überall und Nirgends auferlegt: wenn du, so lautet sein Spruch, dereinst von hinnen gehst, ohne zuvor diese deine Geister erlöst zu haben, so mußt du zu ihnen auf die Insel, mußt bei ihnen schweben oder vielmehr stehen bleiben, bis –«

»Halt ein!« rief ich. »Ich will. Was muß ich tun, um ihnen die ewige Ruhe zu geben?«

»Deine Strafe ist hart, aber gerecht. Sie ist dir obendrein wegen deines langen Ausbleibens verschärft worden. Ich darf dir nämlich nicht sagen, was deine Aufgabe ist, du mußt sie erraten.«

»Das ist aber himmelschreiend!« rief ich empört.

»Lästere das Schicksal nicht,« sprach er mit ernster Stimme.

»Und die beklagenswerten Geister, warum müssen sie mit mir büßen?«

»Ehre, wie sie, den Willen des Schicksals!«

»Darf ich fragen?«

»Drei Fragen sind dir gestattet, halte sie wohl zu Rate.«

» Per quod quis peccat, per idem punitur et idem. Mit der Feder hab' ich das Unheil angerichtet, so werd' ich es wohl auch mit der Feder gutmachen müssen?«

»Die erste Frage ist gelöst,« sagte er.

»Zur Strafe,« fuhr ich fort, »eine gute Tat an einem besonders schwierigen Stoffe, dessen nicht leicht ein anderer sich erbarmt –«

»Erforsche den Willen des Schicksals!« rief er dumpf und versank plötzlich hinter dem Tische, der sich an der Seite, wo er verschwunden war, ein wenig in die Höhe richtete. Es war kein Tisch mehr, es war ein halb eingesunkener Grabstein, der sich mit dem einen Rand über den Boden erhob. Auf dem Rande lag Schnee. Das Stübchen war gleichfalls verschwunden, ich stand auf einem weiten Schneefeld, allein mit dem Leichensteine, in welchen eine Platte mit unleserlichen Schriftzeichen eingelassen war.

Über dem vergeblichen Bemühen, die Buchstaben zu entziffern, erwachte ich. Ein klarer Neujahrsmorgen blickte über die Dächer und lachte mich wegen des wunderlichen Traumes aus. Aber eine Lage weißen Papiers, die einer Frage an das Schicksal glich, sah mir ernsthaft vom Tischchen entgegen, sie wollte den Traum nicht völlig abschütteln lassen, und mit zweifelndem Herzen trat ich meine Wanderung durch die Welt der Stoffe und Formen an.

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