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Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat

Hermann Kurz: Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
titleDenk- und Glaubwürdigkeiten ? Jugenderinnerungen ? Abenteuer in der Heimat
publisherMax Hesse's Verlag
seriesSämtliche Werke in zwölf Bänden
volumeElfter Band
editorHermann Fischer
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081014
projectidbb16b740
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5.

Indessen habe ich die Erfahrung gemacht, daß der Geisterglaube doch auch seine nützliche Seite haben kann.

Dies ereignete sich infolge des sonderbaren Unfalls, daß ein müdes Studentenpferd einmal in der Nacht mit mir durchging. Es war ein abgelebtes Tier, eine harmvolle Kreatur, die das leichte Fuhrwerk, dem sie vorgespannt war, im Schneckentrott bewegte, auf einmal aber, unwissend warum, einen verzweifelten Galopp anschlug und mit einer Gewalt, die man diesem Schatten eines Pferdes nicht hätte zutrauen sollen, dahinjagte, bis das Gefährt auf einen Steinhaufen geriet und umschlug. Das Abenteuer endete damit, daß ich einige Wochen übel zugerichtet im Bette zubringen mußte und alle Nachtwächter meiner Vaterstadt mit ihren verschiedenen und zum Teil sehr eigentümlichen Modulationen nachahmen lernte.

Zu den körperlichen Schmerzen aber gesellte sich das Seelenleiden, daß mein guter Ruf im Rosselenken höchlich gefährdet war. Hier nun kam mir ein Umstand zustatten, der mir eine starke Partei verschaffte. Die Stelle, an der ich »verunglückt worden« war, gehörte zu den Orten, wo es »nicht mit rechten Dingen zuging«, und das arme Pferd, mit dem den Tieren eigenen Seherblicke begabt, hatte etwas erschaut, was meinem profanen Auge verborgen geblieben war.

An jener Stelle pflegte nämlich ein überaus höflicher Partikulier, der den Kopf wie einen Claquehut unter dem Arme trug, aus Mangel an sonstiger Beschäftigung umzugehen. Hatte doch erst etliche Monate zuvor ein Herr Gevatter seine Bekanntschaft gemacht, als er nachts von der Frau Rosenwirtin, der besten Menschenverpflegerin der Umgegend, den Heimweg suchte. Das Muster aller Höflichkeit trat ihm am »Rank«, d. h. an der Biegung der Straße, mit abgezogenem Kopfe in den Weg. Der Herr Gevatter wollte in der Courtoisie auch nicht der letzte sein und wich von der Straße. Der andere aber ließ nicht nach, bis er ihn ein gutes Stündchen seitab durch dick und dünn auf den Gipfel einer Anhöhe hinauf komplimentiert hatte, von wo sich der Herr Gevatter erst am kühlen Morgen mit etwas flauem Gemüte in die Stadt herunterfand. Hätte er zu rechter Zeit daran gedacht, die Schuhe zu wechseln und den Hut verkehrt aufzusetzen, so würde er den ungebetenen Zivilkondukteur gleich wieder losgewesen sein.

Diese Spukgeschichte rettete meinen Kredit, und ich gewann vertrauensvolle Kunden für eine Spazierfahrt, die ich zur Feier meiner Genesung veranstaltete. Da ich bei diesem Unternehmen so geschickt war, über einen Eckstein wegzufahren, ohne umzuwerfen, so konnte kein Zweifel mehr aufkommen, daß es mit jenem Unfall seine »besondere Bewandtnis« gehabt haben müsse.

Eine gleiche hatte es, wenigstens nach der Ansicht meines alten Buchdruckers, mit einem anderen Abenteuer gehabt, das ich früher, jedoch nicht auf eigene Kosten, erlebte.

Über der Kammer, in welcher ich einen Teil meiner Kinderjahre verschlief, auf dem freien Boden, den man die »Bühne« heißt, befand sich die nächtliche Ruhestätte der uralten Dienstmagd, an die ich, da zu jener Zeit noch die Hausverfassung des alten Attinghausen galt, große Anhänglichkeit hatte. Eine schmale, sehr steile Treppe, oben mit einer Falltüre versehen, führte zu ihr empor. In der hintersten Ecke stand das magdliche Lager, auf welchem meine runzliche Freundin von Butter und Schmalz zu träumen pflegte. Da das Dach auf der einen Seite sich an dasselbe anlehnte, so konnte man ihre Ruhestatt mit einem offenen Zelt vergleichen, in dessen Hintergrund die Dachschindeln eine Art von Mosaiktapete bildeten. Und nicht schmucklos war die Umgebung. Durfte die meinige sich einer blanken Dekoration von Zinnflaschen erfreuen, so prangte dafür die ihrige mit einer ebenso ansehnlichen Garnitur von Sieben, groß und klein, welchen eine Menge ehrwürdiger, zur Ruhe gesetzter Hausgeräte Gesellschaft leistete.

Es mochte um die Mitte der Nacht sein, als ich auf einmal aus festem Schlaf erwachte und mich bei glockenheller Besinnung fand, ziemlich verwundert über die jähe Flucht des sonst immer getreuen Freundes und ein wenig schaurig angeregt durch die nächtliche Einsamkeit. Während ich vergebens der Ursache dieses plötzlichen Aufwachens nachsann, hörte ich etwas mir zu Füßen leicht auf die Decke springen und glaubte zu fühlen, wie diese in Wellenbewegungen über mich herflutete. Mit einer Mischung von Schreck und Zorn fuhr ich in dem großen Himmelbett empor und schüttelte die schwere Decke, aber es fiel nichts zu Boden. Eine Maus weiß sich immer zu helfen. Ich legte mich etwas unbehaglich zurück; kaum aber hatte ich die Decke einige Zoll näher gegen das Kinn gezogen, so hörte ich auf dem Boden über mir in der bekannten Ecke ein Geräusch, das mir die tröstliche Kunde gab, daß zu dieser Geisterzeit außer mir noch ein zweites menschliches Wesen wache. Es stand auf, es ging mit langsamen Schritten vor, aber wehe, auf einmal kommt es die steile Bodentreppe heruntergepoltert und schlägt auf dem Estrich mit einem gellenden, Zerschmetterung verkündenden Krachen auf. Zugleich erhob eine wohlbekannte Stimme ein Jammergeschrei, welches das ganze Haus in Aufruhr brachte. Entsetzen lähmte meine Schritte, da ich die alte Anna Marei mit zertrümmertem Schädel draußen zu finden fürchtete; ich bedachte nicht, daß ein Kopf, der mit solchem Gekrach in Stücke geht, schwerlich viel Laut auf Erden mehr geben wird.

Alles lief herbei. Da lag nun die Arme, sehr nachlässig angetan, zu Füßen der treulosen Treppe, und schrie so fürchterlich, daß wir kaum Hand an sie zu legen wagten. Allein der Kopf erwies sich unversehrt, auch war sonst nichts ab noch aus den Fugen, nur hatten ihr die Staffeln der Stiege eine beträchtliche Anzahl von Quetschungen beigebracht. Als man sie aufhob, zeigte sich denn auch bei Licht der Gegenstand, dessen schauervolles Krachen alle Herzen, die für die Gute schlugen, vor Entsetzen stillstehen gemacht hatte. Nein, es war nicht der Sitz ihrer wirtschaftlichen Gedanken, es war ein ganz anderes Geräte, aus Lehm gebrannt, dessen Scherben traurig auf dem Ziegelpflaster umherschwammen, Ursache und Verlauf des Ereignisses klar berichtend.

Die arme Bühnenkünstlerin war gegen ihre Gewohnheit im Schlafe aufgestanden, hatte sich ohne Zweifel nach der Dachrinne bewegen wollen, war aber, ungeübt in somnambulen Rollen, nach der Treppe hingeraten, wo die offene Falltüre leider ihrem abschüssigen Vordringen kein Hindernis in den Weg legte. Was sie in der Hand trug und beim Herabfahren mit Macht auf den Estrich schlug, hatte ihr als Opfer gedient, die finsteren Schicksalsmächte zu versöhnen. Ihr Geschrei aber entsprang aus mehreren Gründen. Einmal war sie, wie begreiflich, während der Fahrt noch schneller als ich vorhin aufgewacht und über die Maßen erschrocken. Sodann hatte sie sich auf einem Anfluge von Mondsucht ertappt, und obgleich sie zum Glück nicht mit triefenden Augen ausgestattet war, so schien jener Umstand doch einigermaßen geeignet, den Charakter einer Person ihres Alters in ein zweifelhaftes Licht zu setzen. Vornehmlich aber fürchtete sie durch den Fall zur Arbeit untauglich und für das Spital gereift zu sein, was dem reichsstädtischen Selbstgefühle, auch in einer alten Dienstmagd, so viel als Tod und Vernichtung war. Kaum hatte man sie über diesen Punkt beruhigt, so verbiß sie ihre Schmerzen, hörte zu schreien auf und ließ sich in ihr Bett zurückbringen. Nach einigen Schmerzenstagen war sie wieder vollständig im Geschirr; im Nachtwandeln aber hat sie keine Probe mehr abgelegt.

Das war nun zwar an und für sich eine ganz natürliche Begebenheit, aber mein alter Freund und Grübler, dem ich sie erzählte, hatte alsbald ein mystisches Haar darin gefunden. Freilich nicht ohne mein Zutun, denn ich hatte ihm, damals vielleicht wichtig genug, erzählt, daß ich unmittelbar vor der Katastrophe auf eine mir sonderbar scheinende Weise aufgewacht sei. Dies war seiner Dogmatik zufolge kein gewöhnliches Erwachen, sondern eine »Erweckung« gewesen. Auch ließ er die Maus keineswegs gelten, belehrte mich vielmehr, es gäbe eine Klasse von hilfreich gesinnten, für sich selbst jedoch hilflosen Geistern, die gerne Untaten und Unfälle von den Menschen abwenden möchten, zu diesem Behufe aber, da sie nur halb in die Wirklichkeit hereinragen, also weder Hände noch Füße haben, nur einem in der Nähe befindlichen, der Körperwelt angehörigen Geschöpfe einen Wink geben können, damit es, falls es Merks genug hätte, zum Werkzeuge der Rettung würde. Offenbar schwebte meinem Alten hier derselbe Gedanke vor, den der Zeichner jener Gespenster ausdrücken wollte, welche die Ermordung des gnadenreichen Duncan durch ihr lautlos gellendes Geschrei vergebens zu hindern suchen.

Seine Geistertheorie hatte ferner große Ähnlichkeit mit der Lehre von der Seelenverknöcherung, die ich hernachmals im Hörsaal eines eigenbrödlerischen Philosophen habe vortragen hören. Es gäbe Seelen, dozierte dieser, welche durch Hingebung an das Materielle unfähig werden, die Kruste ihres irdischen Daseins im Sterben zu zerbrechen, und daher in dem engen Durchgang nach dem körperlosen Jenseits stecken bleiben. Ohnmächtig kleben sie dann in endloser Langweile an den Gegenständen ihrer einstigen Leidenschaft, an Schätzen, die ihnen jetzt nichts mehr nützen, an den Stätten unaustilgbarer Freveltaten, oder treiben sich zwecklos schlurfend und polternd umher.

Bei dieser sinnreichen Erklärung ließe es sich wenigstens begreifen, warum die Geister, nach allem, was man in der Regel von ihnen hört, so herzlich geistlos sind.

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