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Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat

Hermann Kurz: Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
titleDenk- und Glaubwürdigkeiten ? Jugenderinnerungen ? Abenteuer in der Heimat
publisherMax Hesse's Verlag
seriesSämtliche Werke in zwölf Bänden
volumeElfter Band
editorHermann Fischer
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081014
projectidbb16b740
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4.

Hexengeschichten und Schauermären umgaben meine Kindheit wie ein finsterer Wald. Meinen Eltern war der Aberglaube fremd, und mein Vater verfolgte ihn mit allen Waffen des Spottes; aber wer will die Mägde und ihr heimlich Reden und Raunen hüten? Ein Vater kann im sorglosen Rationalismus dahinleben, während die Kinder unvermerkt in die dunkle Kammer geraten, in welcher das Grauen wohnt. Und wo konnte der strengste Rationalist die Dienstboten zweckmäßig auswählen, wenn der größte Teil der Umgebung selbst das nämliche glaubte, wie sie?

»Was wahr ist, bleibt wahr,« denken die Fanatiker jedes Glaubens, und zu der Wahrheitspflicht, die der Mensch in theoretischen Dingen manchmal nur allzu gewissenhaft beobachtet, kam in diesem Falle noch eine starke praktische Verpflichtung hinzu. Wie hätte es eine gewissenhafte Seele vor Gott verantworten können, die Kinder ungewarnt den Lockungen gewisser alter Frauen, verführerischen Lockungen mit Butterbrot, Äpfeln und Kuchen, zu überlassen, und sie auf diese Weise den Gefahren der greulichsten Behexung blindlings bloßzustellen? Es ist mehr als einmal vorgekommen, daß ein Kind einem alten Weibe die dargereichte Gabe vor die Füße warf; brach die Geberin darüber in Tränen aus, so mußte sie Triefaugen haben; war sie aber härteren Sinnes und ging schimpfend und fluchend von dannen, so hatte der Verdacht vollends freie Bahn.

Eine meiner frühesten Erinnerungen dieser Art ist eine Geschichte, die etwas traurig Rührendes hat. Eine Frau war bei ihrem ersten Kirchgang »von einer Hexe angegangen worden« und kam krank nach Hause; sie konnte noch erzählen, wie ihr die Unholdin beim Herausgehen aus der Kirche begegnet sei und »einen einzigen Haucher an sie hin getan« habe, dann bat sie die Ihrigen, die Rache Gott zu überlassen, legte sich nieder und starb. Freilich, wo man an eine von der Hölle verliehene Macht glaubt, die uns das Liebste in der Blüte des Lebens knicken kann, da ist die Volkserbitterung zu begreifen, die einst den Arm des Richters oft noch über seinen Willen hinaus beflügelt hat. Diesen konnte man nun freilich nicht mehr anrufen; aber noch immer gab es außergerichtliche Hexenprozesse, worin alte Weiber eine zänkische Gemütsart oder ein unheimliches Aussehen bitter zu büßen hatten.

Ob in dem Witwenstüblein, von welchem ich meinen früheren Zuhörern erzählt habe, an Hexen geglaubt worden ist, weiß ich nicht bestimmt zu sagen; jedenfalls war die alte »Frau Dote« zu christlich, um einem Nebenmenschen etwas Böses nachzureden. An eine dämonische Welt aber glaubte sie felsenfest. Überhaupt spielten ihre Geschichten nicht ungerne ins Grauerliche; das kleine Zimmer mit dem warmen Ofen gewann dadurch sehr an Behagen.

Welche Schauer durchrieselten mich, wenn sie von dem Krokodil erzählte, das aus fernen Meeren seinen Weg in den Neckar fand, um in einem Keller zu Eßlingen die Küfer zu fressen! Doch dieses Monstrum gehörte, freilich nicht gerade buchstäblich, immer noch einigermaßen der Naturgeschichte an. Anderer oder auch gleicher Natur – wenn man nämlich in dem Schuppentiere einen rationalistisch fortgeschrittenen Drachen von älterem Datum erkennen will – waren die drei »Frälen« (Fräulein), die zu den Kindern der Menschen in den »Kaarz« oder »zu Stuben« kamen, mit ihnen spannen und Winterlang sich stumm verhielten, bis sie endlich nach einigen äußerst kindsköpfischen Reden, die ihnen entschlüpft, auf Nimmerwiedersehen verschwanden.

Diese Überbleibsel alter Mythen, die durch so viele Jahrhunderte sich erhalten haben, ragten selten in die Gegenwart, sondern meist nur in die nächste Vergangenheit herein; sie wurden fast immer als Erlebnisse der nächst vorhergegangenen Generation erzählt, aber die Worte oder Verse, die jenen elfischen Wesen in den Mund gelegt waren, wurden mit einer Art von liturgischem Tonfall vorgetragen, aus welchem das höhere Alter sprach.

Wunderbar war es zu hören, mit welcher Unbefangenheit jene geschichtliche Bezeugung festgehalten wurde. So hat unser Buchdrucker, so oft er uns die Mär' von der Jungfrau des Urschelberges erzählte, jedesmal am Schlusse versichert, daß er diese Geschichte aus dem Munde seiner Mutter habe, die als ganz junges Mädchen beim Begräbnis des wortbrüchigen Geistererlösers zugegen gewesen sei und mit allem Volke den jammernden Geist in Gestalt eines weißen Vogels um die Kirchhofmauer flattern gesehen habe. Hiebei ist zu erwägen, daß in älteren Zeiten eine solche Sage als Gemeinbesitz der Gegend, an der sie haftete, gehütet wurde, gleich einem ruhmbringenden Wahrzeichen, für dessen Behauptung und Verwertung klein wie groß ein übriges zu tun imstande war.

Wiederum anderer Natur als jene Nachzüglinge einer untergegangenen Elfenwelt, waren die eigentlichen Gespenster. Diese lebten in der unmittelbaren Gegenwart, hatten sich dem einen oder anderen Bekannten gezeigt, und die Namen solcher Gewährsmänner oder Gewährsfrauen mußten für die Wahrheit der Erzählung bürgen. Ja, die gute alte Erzählerin selbst konnte sich auf eigene Erfahrung berufen. Sie hatte sich einst als junge Pfarrfrau eines Abends mit ihrer Magd in der Küche befunden, als an einem entfernten Waldsaum ein Irrwisch, cidevant Felduntergänger und Betrüger, spazieren ging. Die Magd stieß ängstlich und zugleich kichernd ihre Gebieterin an. Die junge lebenslustige Frau konnte sich's nicht verwehren, das Küchenfenster zu öffnen und den Lichtkobold bei dem Namen Vitzliputzli zu rufen. Doch kaum war ihr das Wort entfahren, da kam er husch! durch die Luft herangesaust, und sie hatte kaum noch Zeit, ihm das Fenster vor der Nase zuzuschlagen. Beide flüchteten sich mit Geschrei, während er ihnen »ganz feurig durch die Scheiben nachsah«, ins Zimmer zu dem ernsthaften, nicht mehr so jugendlichen Pfarrherrn, von dem sie mit einem rechten Verweise wegen ihres Fürwitzes empfangen wurden.

Was hätte es nun da gefruchtet, über den Aberglauben zugunsten der Kinder eine Zensur auszuüben? Hatte doch eines der glaubwürdigsten Familienmitglieder selbst dem Vitzliputzli das Fenster aufgetan! Und wenn sie nachts beim Niederlegen sich mit Seufzern und Gebeten wider die bösen Geister unter dem Himmel waffnete, wie mußte es dem lauschenden Knaben zu Mute sein! Er glaubte sich auf einer Friedensinsel mit goldenen Dämmen geborgen, und in jedem Sausen der Luft, bei jedem Klirren der Fenster meinte er den andringenden Flügelschlag jener feindseligen Scharen zu vernehmen.

Wenn man die harmlose Glückseligkeit der Jugend gegen den kühlen Gleichmut späterer Jahre wieder einzutauschen wünscht, so darf man nicht vergessen, in die Wagschale auch die Angst einer armen Kinderseele zu legen, die nackt und bloß dem Entsetzen preisgegeben war. Der Sinn für das Unheimliche ist mir in der Kindheit so tief eingeprägt worden, daß es mich nachher manchen nächtlichen Gang in Wald und Öde gekostet hat, um über törichte Anwandlungen Meister zu werden. Vergebens, daß die geistige Ursache derselben längst aus dem Wege geräumt ist, die ersten Eindrücke sitzen im Gemüte fest, und in diesem Sinne darf man wohl gelten lassen, was vom Reich der Geister gesagt ist: »Sie liegen wartend unter dünner Decke, und leise hörend stürmen sie herauf.«

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