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Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat

Hermann Kurz: Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
titleDenk- und Glaubwürdigkeiten ? Jugenderinnerungen ? Abenteuer in der Heimat
publisherMax Hesse's Verlag
seriesSämtliche Werke in zwölf Bänden
volumeElfter Band
editorHermann Fischer
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081014
projectidbb16b740
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3.

Aber das Verdienst, den Faust wieder unter das Volk gebracht zu haben, ist es nicht aus einem anderen als dem genannten Grunde noch ein zweifelhaftes?

Wer mag sich rühmen, dem alten Aberglauben, der im Volke herrscht, neue Nahrung geboten zu haben?

Man wird erwidern dürfen, daß die Sagen, die das Volk sich nun einmal geschaffen oder angeeignet hat, ihm als unveräußerliches Eigentum gehören. Und was den Aberglauben betrifft, so ist derselbe nicht bloß in den sogenannten unteren Ständen, sondern in allen Schichten des Volkes weit verbreiteter und weit mächtiger, als es öffentlich zugestanden wird. Unter den »Gebildeten« zwar ist mit dem Glauben an den Teufel – der im christlichen Dogma eine Rolle gespielt hat, die der oberflächlichen Betrachtung entgeht, und seit dessen Erschütterung sich unter der Decke des Bestehenden eine unaufhaltsame Verwandlung vollzogen hat, welche, vergebens übertüncht, einst unerwartet an den Tag treten wird – mit diesem Glauben ist die frühere Form des Aberglaubens samt Furcht und Hoffnung zusammengestürzt. Der aufgeklärte Teil der Welt sucht die Quelle der Übel, die ihn treffen, nicht mehr im Kessel der bösen Nachbarin, für ihn haben die Clavicula Salomonis und der Höllenzwang ihre Kraft verloren. Allein, mag auch der Aberglaube seine Formen ändern und teilweise reinigen, sein Wesen wird dauern so lang die Welt dauert; ja selbst wenn die ausschließliche geistige Regierung der Menschheit einmal der Naturwissenschaft anheimfallen sollte, so hüllt er sich in ihr Gewand und versenkt sich in Vorahnungen noch unentdeckter Naturgesetze, deren freilich auch wohl noch manche zu entdecken sein werden.

Das Wunderbare mag aus seiner Dämmerung hervor in noch so dürftiger und trüglicher Form ein Lebenszeichen von sich geben, und gleich schickt sich die ganze Gesellschaft an, so ungesehen als tunlich der weisen Minerva aus der Schule zu entlaufen, die immer wieder von neuem ihre Flüchtlinge unter die Disziplin des mathematischen Beweises zurückführen muß; denn aus Geheimem ist der Mensch gemacht, und man kann mit eben so gutem Rechte sagen, daß das Geheimnis, wie daß die Gewohnheit seine Amme sei. Es ist unfruchtbar, hiegegen zu eifern, und man täte besser, den dunklen Trieb in wenigst schädliche Bahnen zu locken.

War es wohl bloß der dankbare poetische Stoff, war es nicht noch ein besonderer Zug, der so viele unserer Dichter angereizt hat, die Faustsage zu behandeln? Bei Goethe wenigstens – wenn man auch nicht von ihm wüßte, daß er in seiner Jugend mystischen und magischen Studien lebhaft ergeben war, daß er noch in reifen Jahren seinen Freund Schiller ermahnte, mit der Astrologie säuberlich zu fahren – bei Goethe verraten es die ersten Szenen seines Faustgedichts, daß er die Sehnsucht des Menschen nach dem Verborgenen und Geheimnisvollen kaum mit jener Gewalt zu schildern vermocht hätte, wenn er nicht selbst zu Zeiten von einem ähnlichen Drang ergriffen gewesen wäre.

»O wäre nur ein Zaubermantel mein!« Gestehen wir's nur, wer möchte den Wunsch nicht teilen? Ein bißchen Hexerei in möglichst rationeller Form, ein abgekürztes Verfahren statt des langen und oft so vergeblichen Weges, auf welchem die Menschen nach ihren Zwecken kriechen müssen, ein wenig Nerventelegraphie etwa oder irgend eine den physiologischen Möglichkeiten nicht allzu fremde Art von magischer Projektion und Spiegelung, von geistischem Hinaus- und Hereinragen – das möchte doch das Wissen und Wollen reizen. Ein genügsamer Sinn würde wohl gar schon mit etwas Nummernprophetie vorlieb nehmen, zumal seit die Hexenkünste der Kreditanspannung sich abgenützt haben.

Vor allen traue man den Spöttern nicht: gerade diese sind innerlichst in dem Spitale krank, das sie mit ihrem Witz in die Luft sprengen möchten.

Würde die Geschichte davon schweigen,
Tausend Tische würden klopfend zeugen.

Steht es nun bei den »Gebildeten« so, wie mag man sich wundern, daß das »Volk«, wenigstens der von der industriellen Kultur noch nicht ergriffene Teil desselben, allen Gegengiften der Aufklärung zum Trotz in seinem alten Aberglauben verharrt? So lang man diesen Gläubigen aber zumal das Romanusbüchlein läßt, worin, wie der mythologischen Fakultät besser als der theologischen bekannt zu sein scheint, noch immer Phol und Wodan fein christlich maskiert zu Holze fahren, so lang kann man ihnen den Faust zweimal lassen und gönnen. Er wird wenig Nachfolge finden; denn wenn auch Görres in seiner »christlichen Mystik« ein genaues – fast möchte man sagen exaktes – metaphysisches Rezept für den »Verbund mit dem Bösen« gab, woraus man lernen kann, wie man mit dem Dämon »anbindet und an ihm in den negativen Exponenten sich potenziert,« so wird das Experiment doch meist, wie ich in meiner bereits zur Ungebühr zitierten Vorrede anzudeuten gesucht habe, seinen eigentümlichen Mangel behalten, nämlich eine unbefriedigende Einseitigkeit.

Überdies strebt bei dem Volke der männliche Telesmus nicht gar hoch hinaus, er beschränkt sich auf Hausmittel, und setzt seine Hauptaufgabe darein, Vieh und Menschen – nach der herkömmlichen Rangordnung, in welcher bekanntlich der »haarige Fuß« vorangeht – von Krankheiten zu befreien. Zwar ist noch eine höhere Sphäre vorhanden, in welcher besonders die »Diebsstellung« eine große Rolle spielt, aber wenn man den Erzählungen darüber nachfragt, so weisen sie immer in einige Ferne. Anders ist es mit dem weiblichen Zauberwesen. Dieses hat der Volksglaube so ziemlich auf der gleichen Stufe festgehalten, wie zurzeit, da Paracelsus vergebens predigte, man solle die Hexen in ärztliche Behandlung nehmen, da selbst ein Fischart gegen das »Ausgelasne Wütige Teuffelsheer« eine Lanze brechen zu müssen meinte. Damals war es ein gefährlicher Versuch, dem Hexenhammer den Stiel ausdrehen zu wollen, und das Äußerste, was seine Gegner Weier und »Lercheimer« wagen durften, war die Behauptung, das Hexen sei ein ohnmächtiges Blendwerk, das der leidige Teufel den unseligen zaubersüchtigen Menschen vormache.

Welch eine Zeit, da der eine dieser beiden Menschenfreunde selbst der Hexerei verdächtig wurde und der andere unter angenommenem Namen sich wenden und drehen mußte, um sein »christlich bedenken und erinnerung von Zauberey« zu begründen, worin er unter anderem forscht, »warumb der Sathan mehr weiber dann männer zaubern lehre,« und die Ursache »anzeigt«, »nemblich daß sie leichtgläubiger, fürwitziger vnd rachgiriger sind dann die Männer, und derhalben desto bequemer und bereiter dem teuffel, daß er sie betriege, verführe und verderbe.«

Auf der Oberfläche nun hat freilich die Zeit sich geändert, und der seufzende Wunsch jener wackern Männer, man möchte an den armen Betrogenen »das Brennholz sparen«, ist längst in Erfüllung gegangen; in der Tiefe aber lebt, wie noch ganz jüngst vorgefallene Geschichten beweisen, der alte Hexenglaube unzerstörlich fort, er wird ja selbst von »Gebildeteren« unterhalten, und wenn man ihn gewähren ließe, so würden leicht wieder da und dort Scheiterhaufen flammen.

Oder ist ihm durch die herrschenden Mächte der natürlichen Magie unserer Tage, Dampf und Elektrizität, die Axt an die Wurzel gelegt? Wird in der Umwälzung der Geister auch das Volk nach und nach den dumpfen Spuk abstreifen, und die Ansicht des Aristoteles, daß zwischen der Überzeugung der denkenden Köpfe und dem Volksglauben ewig eine Kluft, »zur Aufrechthaltung der Gesetze und der öffentlichen Wohlfahrt dienlich,« meint er, klaffen werde, aufhören eine Wahrheit zu sein? Wird einmal eine Bildung hoch und niedrig umfangen, wird der Bauer von den Gespenstern seiner Spinnstube zu den Geistern der psychographischen Abendsitzung emporsteigen, wo im Kreise intelligenzverwaltender Staatsbeamten und schicksalskundiger Generale Heinrich Heines heraufgerufener Schatten, den buchstabenfressenden Zauberhahn des kaiserlichen Roms womöglich an Esprit überbietend, sich dem Beschwörer als »ein Narr aus dem fabelhaften Jenseits« zur Verfügung buchstabiert?

Sollte denn unserer teuren Nation eine so hohe Zukunft beschieden sein, so laßt uns, sie noch zu erhöhen, und damit den Enkeln die Vergangenheit nicht wie eine Fabel klinge, mit der Erinnerung in unsere Kinderjahre zurückgehen, zum Spiegel für die neuen Geschlechter, die aus unseren Erzählungen lernen mögen, welch tiefe Geistesnacht ihre Vorfahren gefesselt und wie sie es dann »so herrlich weit gebracht.«

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