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Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat

Hermann Kurz: Denk- und Glaubwürdigkeiten - Jugenderinnerungen - Abenteuer in der Heimat - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
titleDenk- und Glaubwürdigkeiten ? Jugenderinnerungen ? Abenteuer in der Heimat
publisherMax Hesse's Verlag
seriesSämtliche Werke in zwölf Bänden
volumeElfter Band
editorHermann Fischer
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081014
projectidbb16b740
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Drittes Kapitel.

Zu einer glücklichen Stunde geriet ich an die »zwölf schönsten altdeutschen Geschichten« von Benedikte Naubert, die in der neueren Literatur den ersten namhaften Versuch gemacht hat, das trockene Brot der Geschichte durch erfundene Zutaten in wohlschmeckende Kuchen umzuwandeln, und die durch ihre bekannte Einwirkung auf Walter Scott, den Vater des historischen Romans, gewissermaßen die Ahnfrau dieser Gattung geworden ist. Weihen wir also eine Gedenktafel ihrer stillen Klause; denn der historische Roman, wenn er auch zur Zeit seiner Sendung durch das vorherrschend phantastische Interesse verweichlichend und zerstreuend wirkte, hat doch in der Lesewelt den Sinn für die Geschichte und in der Geschichtschreibung selbst den Sinn für das früher vernachlässigte Menschen- und Volksleben in der Geschichte, für dasjenige Element, das man jetzt das kulturgeschichtliche heißt, geweckt.

Einem kleinen Leser, der von Spies-Cramers Rüdengebell und Veit Webers Unkengeschrei herkam, war es jedenfalls eine wahre Erlösung, zu den menschlicheren Lauten, die in der Thekla von Thurn ertönten, überzugehen. Etwas beängstigt fand sich zwar mein schüchternes historisches Gewissen, als in einem dieser Romane, ich glaube im Hermann von Unna, Graf Eberhard der Greiner von den Schleglern zu Wiesbaden statt im Wildbad überfallen wurde; aber meine Lesewut galoppierte über die ganze Legion Zollschranken hinweg, und weiter ging's zum Hatto von Mainz, dem die Mäuse noch auf dem Bücherbrette keine Ruhe gönnten. Eine Verklärung kam über mich, freilich nicht vom Lichte der Geschichte, als mir sodann im Konrad und Siegfried von Feuchtwangen die Geheimnisse der ägyptischen Pyramiden geoffenbart wurden. Aber »alle Lust hat Leid«, und ein dunkler Augenblick war es, als mir eines Abends der Walther von Montbarry um die Ohren sauste und hierauf zerblätternd in einen Winkel des Zimmers fuhr. Das erst halbgelesene Buch wurde der Leihbibliothek mit einer stark motivierten Tagesordnung »heimgeschlagen«, und mit eisernem Szepter trat der Romantik die Grammatik in den Weg.

Das arme Buch war mir wohl zwölf Jahre lang aus dem Gesicht und aus der Erinnerung gekommen, da fand ich es zufällig einmal in einem alten Bücherkrame, schlug es an der Stelle auf, wo die Katastrophe eingetreten war, und las es pflichtlich vollends durch. Bei dieser Gelegenheit entdeckte ich, daß Goethes Ausspruch: »Anders lesen Knaben den Terenz, anders Grotius«, nicht bloß in dem von ihm gemeinten, sondern auch in einem anderen Sinne richtig ist, in dem nämlich, daß die selbsttätige, durch das Lesen angeregte Phantasie des Kindes in das Gelesene tausend Dinge hineinlegt, wovon kein Wort darin steht, daß ihr aus einer halben Seite Bilder aufsteigen, die nicht auf einen Bogen zu bringen gewesen wären. Erschien mir nun aber auch Frau Benediktens Muse jetzt etwas magerer, so sagte ich ihr dennoch Dank für die lebhafte Anregung, die ich einst aus ihr geschöpft, und noch manches Dutzend Jahre später brachte ich einmal ihren Frauen von Sargans die gebührende Huldigung an Ort und Stelle dar.

»Haben Sie Geschäfte dort?« fragten meine Mitreisenden, drei Schweizer mit exemplarischen Geschäftsmienen.

»Nein,« antwortete ich, »ich will dort gar nichts tun, als einem alten Buch zu Ehren ein Glas Veltliner trinken.«

Die drei Geschäftsgesichter legten sich in unbeschreibliche Falten und Linien, doch kehrten sie in dem kastellartigen Bergneste mit mir ein; denn wenn die Geschäfte auch die Romantik verachten, den Durst und den Veltliner lassen sie zu.

Hätte aber mein Vater bedacht, daß in dem Reisebuche, dem ich noch am liebsten oblag, nämlich in Le Vaillants Hottentottenbildern, auch nicht alles bare Münze ist, so würde er bei der Ethnographie kein unbedingt bewährtes Gegengift gegen die Romane gesucht, und hätte er ahnen können, welcher Ersatz mir für den Walther von Montbarry blühe, so würde er mir diesen vielleicht nimmermehr weggenommen haben. Der Nachfolger des konfiszierten Buches war nichts Geringeres als der Zauberring. Hei! wie stürmte ich da so rasch die Klippen hinab, das heißt, ich sprang die Treppen oder die steinernen Staffeln vor den Häusern hinunter und nahm dabei womöglich immer sechs Stufen zusammen, um vor der erkorenen »Herrin der Hulden«, einem zwei Jahre älteren Backfisch, in leuchtender Ritterlichkeit zu erscheinen. Das war nämlich eine der einfachsten und darum beliebtesten Turnierarten, worin sich die Knaben miteinander maßen. »Sarazene, mußt nicht wetzen dein gebogenes Schwert!« sang ich vom Morgen bis zum Abend. Diese Berserkerwut hat mancher Distel den Kopf gekostet und dem alten Senatordegen des Großvaters nicht wenig Scharten zugefügt. Nur der »Halsberg«, der in der Rüstkammer wie im Kampfkreis eine so wichtige Rolle spielt, gab mir verzweifelt viel zu raten und zu grübeln; aber meine Siebenmeilenstiefeln trugen mich auch über diesen Berg hinweg.

Die Erinnerung malt mir jene Wunderwelt mit brennenden Farben und herrlich, wie sie mir damals erschien; ich werde mich daher wohl hüten, jene Farben erblassen zu machen, und habe mir das Wort gegeben, den Zauberring in diesem Leben nicht wieder zu lesen. Wohl aber darf man es für Fouqué und die Poesie beklagen, daß er mit einer dichterischen Erfindungskraft, die an Reichtum nicht sehr viele ihresgleichen hat, in die abgeschmacktesten Rückschrittsjahre fallen mußte.

Wie sich Schillers erhabene und doch so rationelle Muse mit diesen irrationalen Größen vertrug, kann ich mir nicht mehr vorstellen. Ich weiß nur, daß ich ihn fleißig las; aber er war mir eine Welt für sich, die mit den Romanen nichts zu schaffen hatte.

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