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Den Spott zum Schaden

: Den Spott zum Schaden - Kapitel 54
Quellenangabe
typefarce
authorverschiedene
titleDen Spott zum Schaden
editorSiegfried Arnim Neumann
publisherVEB Hirnstorff Verlag Rostock
senderhille@abc.de
created20071118
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Berthold Auerbach

Der Gevattersmann
1845-1848

Wenn er das Sieden verträgt

Der Herzog Karl von Württemberg, der im vergangenen Jahrhundert gelebt hat, war ein gar gestrenger Herr und wollte alles in der Welt, d.h. in seiner, württembergischen Welt, nach seinem eigenen Kopf ummodeln. Einstmalen reitet der Herzog Karl auf einem schönen Schimmel durch das Städtchen Calw im Schwarzwalde. In dieser Stadt war ein sehr berühmter Färber, er steht eben vor dem Hause und zieht seine Mütze ab.

»Hör Er einmal«, sagt der Herzog, »kann Er mir den Schimmel da blau färben?«

»Ja, Durchlaucht, wenn er das Sieden verträgt«, antwortet der Färber.

Der Herzog ist still davongeritten.

Diese Geschichte hat aber in unseren Tagen auch noch eine Bedeutung, und zwar eine besondere. Viele möchten gerne das ganze deutsche Volk und die Menschen überhaupt ganz andern, durch allerlei – wenn sie nur das Sieden vertragen würden. Und es geht da leicht wie bei einem einzelnen Menschen, man kann einen zu Tod doktern. Gottlob aber, das deutsche Volk ist gesund und braucht nicht so viele Verordnungspflaster, und albern ist der, der es modeln möchte, wie er's gerade gern hätte.

(381)

Besonderer Tisch

Der vorhin erwähnte Herzog Karl hat einmal im heißen Sommer in dem Städtchen Nagold zu Mittag gegessen oder eigentlich gespeist, wie die großen Herren tun. Kommt eine Unzahl von Fliegen und speist mit, uneingeladen, und summen miteinander und laufen hin und her – und gehören doch gar nicht an eine fürstliche Tafel.

Da wird der Herzog bös und sagt zu der Wirtin: »Ins Teufels Namen, deck Sie den Mücken besonders!«

Die Wirtin ist still und tut, wie ihr befohlen. Nach einer Weile tritt sie wieder vor den Herzog und macht einen Knicks und sagt: »Gedeckt ist, befehlen jetzt Eure Durchlaucht, daß sich die Mücken setzen.«

Hiervon kannst du selber die Anwendung machen.

(382)

Was suchst du?

War ein Mann bös mit seiner Frau, wie das ja so oft vorkommt, weil sie ihm in alles dreinredete, oder sonst aus einem Grunde; kurzum, der Mann schmollte mit ihr und nimmt sich vor, eine lange Zeit auch kein Sterbenswörtlein mit ihr zu reden.

Er hält das auch ein paar Tage ganz streng. Eines Abends liegt er im Bette und will schlafen; er zieht die Schlafmütze über die Ohren, und die Frau mag nun reden, was sie will, er hört's nicht.

Da nimmt die Frau das Licht und leuchtet damit in alle Winkel und Ecken, sie rückt Stühle und Schränke weg und schaut, was dahinter. Der Mann richtet sich im Bette auf und sieht fragend umher, er meint, das Stöbern muß doch endlich und endlich einmal aufhören. Aber weit gefehlt. Die Frau macht in einem fort.

Nun bricht dem Mann die Geduld, und er fragt: »Was suchst du denn?«

»Deinen Mund«, antwortet sie, »und den habe ich jetzt gefunden. Jetzt sag, warum bist du denn bös?«

Und sie sind wieder gut miteinander geworden.

Nachschrift des Doktor Gscheitle: Diese Geschichte hat auch noch einen tiefern Sinn: Die Frau ist die Zeitung oder, wie man's sonst heißt, die Presse, kurzum, die Stimme des Volkes, der Mann – die Regierung, die selber nicht erklären will, warum und weswegen das und das geschieht, und die überhaupt nicht will, daß man ihr dreinrede, sondern bloß, daß man ihr gehorche. Nun schmollt sie und spricht gar nicht. Nun kommt die Zeitung mit ihrem Licht und leuchtet überall hin, bis die Regierung fragt: »Was suchst du denn?« Dann gibt eine Red die andere, und es ist schön, wenn man sich dann verständigt.

(383)

Der unbequeme Weg

Auf einem Rathause, in dem es vormals viele Mäuse gegeben haben soll, bis man in neuerer Zeit die Mauslöcher zustopfte und Öffentlichkeit und helles Licht einführte, was den Mäusen gar nicht paßt – auf diesem Rathause ließ sich ein Dieb freiwillig einsperren, das heißt, er war bisher kein Dieb, sondern machte sich jetzt erst dazu.

Als abends alle Türen geschlossen wurden, duckte sich der Diebskandidat in eine Ecke, und spät in der Nacht, da alles still geworden war, wollte er auch keinen Lärm machen, öffnete ganz leise die Türe und darauf die Kasse, drin die Gemeindegelder waren. Um ja die Menschen nicht aus ihrer Ruhe aufzustören, hatte er sich die Stiefel ausgezogen; und nachdem er sich alle Taschen gefüllt hatte, belegte er sich noch die Sohlen inwendig mit doppelten Talern, und er ward auch ganz stolz, da er so auf Talern ging und stand! Nun ward er aber herablassend, indem er ein Seil an das Fensterkreuz gebunden hatte, sich hinausschwang und hinabzurutschen suchte. Aber das Seil schnitt ihm tiefe Schrunden in die Hände, fast bis auf die Knochen, und noch ein Stockwerk hoch vom Boden entfernt, ließ er vor Schmerzen los und stürzte herab. Wie weh tat das jetzt, als das Talerpflaster und das Steinpflaster aufeinanderstießen! Der arme Reiche knackte zusammen, wie wenn er nie auf zwei Beinen gestanden hätte. Nun da er zu Falle gekommen war, sprang das Geld aus den Taschen wie treulose Freunde. Da lag er jetzt und konnte kein Glied rühren; und als es Tag wurde, versammelte sich eine große Menge Menschen um ihn. Es war leicht zu sehen, was da vorgefallen oder eigentlich herabgefallen war.

Der Doktor Gscheitle war auch mit unter den Versammelten, und er sagte zu dem vormaligen Kandidaten, der jetzt sich zum Dieb examiniert hatte: »Aber guter Mann, warum habt Ihr den sonderbaren Weg genommen, warum seid Ihr nicht auch die Treppe heruntergegangen wie die anderen Herren auch?«

Er ist ein Pfiffikus, der Gscheitle, er weiß seine Bosheiten anzubringen, daß man ihm nicht beikommen kann.

(384)

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