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Den Spott zum Schaden

: Den Spott zum Schaden - Kapitel 50
Quellenangabe
typefarce
authorverschiedene
titleDen Spott zum Schaden
editorSiegfried Arnim Neumann
publisherVEB Hirnstorff Verlag Rostock
senderhille@abc.de
created20071118
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Ludwig Aurbacher

Ein Volksbüchlein
1835-1839

Der lustige Schuster

Wer zu allen Kirchweihen, Dinzelfesten und sonstigen Eß- und Trinkgelagen von allen Seiten her eingeladen wurde, das war Fips, der lustige Schuster. Er verstand zwar nichts von den sieben freien Künsten und blutwenig von seinem Handwerk, aber er hatte vielen Mutterwitz und war unerschöpflich an Schnaken und Schnurren und besonders an Rätseln. Deshalb warb man gern um seine Gesellschaft, und er schlug auch keine Einladung aus, da, wo es wohl zu essen und zu trinken gab, umsonst und um nichts,

Einsmals lud ihn auch ein reicher Kaufherr zu Tische, welcher mehrere gute Freunde bei sich bewirten wollte. Fips erschien, wie sich's ziemte, im Feiertagsrocke und war nicht der letzte, der sich setzte. Suppe und Rindfleisch schmeckten ihm wohl, das sah man; aber er tat kein Maul auf, außer zum Essen. Die Gäste warteten vergebens auf die Schnaken und Schnurren und auf die Rätsel. Der Hausherr schenkte ihm ein Glas Wein ein, verhoffend, daß der Geist den Geist wecken werde. Der Schuster soff ein Glas um das andere aus und aß viel, aber es kam kein Wörtle aus ihm.

Endlich forderte ihn der Hausherr auf, seine Witze loszulassen.

Fips erwiderte: »Laßt mich doch erst einen Grund legen; dann werden schon die Witze aufwachsen wie Pilze. Aber naß muß vor allem der Boden sein.« Und er trank und aß fort.

Zuletzt, als man ihm gar keine Ruhe mehr ließ, wischte er sich das Maul, trank noch ein Gläslein und fing sofort an zu erzählen, wie folgt: »Ein König schickte eines Tags seinen Narren aus in die Welt mit dem Auftrage, er solle nach drei Dingen forschen und nicht eher an den Hof zurückkehren, als bis er sie gefunden. Und er legte ihm drei Fragen vor: ‚Zum ersten, welches Fleisch ist fetter als Schweinefleisch? Zum zweiten, welches Brot ist weißer als Ulmerbrot? Zum dritten, welches Holz ist härter als Hagebuchenholz?‘ Auf dies ging der Narr fort.«

Fips hatte dies kaum geredet, als er wieder über die Schüssel herfiel und sich eins ums andre tief zu Gemüt führte. Die Gäste hatten unterdessen angefangen, über den Rätseln zu sinnen, die dem Narren aufgegeben waren. Und der eine riet dies und der andere jenes. Fips aber schüttelte zu allem, was sie vorbrachten, den Kopf und aß und trank weiter, so lang es reichte.

Endlich verleidete den Gästen das Raten, und sie forderten den Schuster auf zu sagen, was fetter sei als Schweinefleisch und so weiter.

Fips, ohne lange nachzusinnen, sagte, er für seine Person wisse es eigentlich auch nicht und man müsse drum schon warten, bis der Narr zurück sei von seiner Reise um die Welt; der werde es dann sagen, wenn er's eben wüßte.

Der Hausherr und die Gäste merkten nun, daß sie die Gefoppten seien; doch verhielten sie's dem lustigen Schuster nicht, sondern lachten fein einander aus.

Fips hielt sie auch von nun an, als er satt geworden, schadlos mit seinen Schwanken und Possen, so daß zuletzt alle zufriedengestellt wurden.

Und wenn's der Leser nicht ist, so mag er den Narren machen und selbst Umfrage halten in der Welt.

(360)

Die sieben Züchten

In einer ehemaligen Reichsstadt war ein Gericht von sieben ehrlichen Bürgern gesetzt, die man die sieben Züchten nannte, in welchem allerhand geringe Schmach- und Zankhändel erörtert und geschlichtet wurden.

Nun begab es sich einmal, daß zwei Bürger auf offener Gasse in Streit gerieten; und als sie nach langem Gezänk voneinander gingen, sagte der eine zum andern: »Man kennt dich wohl, was du für ein Vogel bist.«

Der andere legte ihm diese Worte übel aus, ließ ihn vor die sieben Züchten bieten und klagte ihn deswegen an.

Der Beklagte gab zur Antwort, er könne nicht in Abrede sein, daß er die Worte geredet, vermeine auch nicht, daß er übel geredet, denn sein Kläger heiße Fink. Nun wisse aber jedermann, was Fink für ein Vogel sei.

Ungeachtet dieser Entschuldigung wurde er um einen Schilling (6 Kreuzer) gestraft.

Er erlegte die Strafe willig, sagte aber beineben, ob er etwas fragen dürfte.

Die Herren sagten: »Jawohl.«

Darauf sprach er: »Meine günstigen Herren, ich bitte euch um Verzeihung: Da ihr euer sieben seid, so möcht ich wohl wissen, wie ihr die sechs Kreuzer miteinander teilet.«

Die Herren hielten dies für ein Gespött und straften ihn abermals um einen Schilling. Nachdem er das Geld erlegt, ging er fort und schlug die Tür aus Unwillen etwas hart hinter sich zu.

Die Richter ließen ihn wiederum holen und straften ihn wegen dieses Trotzes abermals um einen Schilling. Er zahlte und ging seines Weges fort, tat auch die Tür gar sanft zu, öffnete sie aber bald wieder und sagte: »Ihr Herren, ist es so recht?«

Die Richter hielten es für einen spitzigen Stich und straften ihn deshalb wieder um einen Schilling, worauf er denn fein still hinausging. Als er draußen war, sagte er: »Ich glaube, wenn unser Herrgott vor die sieben Züchten käme, er würde von ihnen gestraft.«

Dies hörte ungefähr ein Stadtknecht und zeigte es seinen Herren an. Die ließen ihn wieder zurückrufen, gaben ihm einen scharfen Verweis und straften ihn abermals um einen Schilling. – Hierauf ist er gar bescheiden hinweggegangen.

(361)

Schutzschrift für die Bauern

Da sagt man gemeiniglich, die Bauern seien dumm und grob. Wie falsch dies sei, mag unter anderm folgende Geschichte beweisen:

Ein Bauer hatte in einem Städtlein Honig feil auf dem Markte. Sowie er aber den Honighafen öffnete, flog ein Schwarm von Fliegen herbei und bedeckte über und über das Gefäß, und es half kein Abwehren und Verscheuchen, und die Leute, welche kaufen wollten, wendeten sich mit Ekel ab und gingen weiter. Da beschloß der Bauer in seinem Ärger, die Fliegen zu verklagen beim Bürgermeister, und er tat's. War das dumm? Nein. Dumm war es gewesen, wenn er den Bürgermeister verklagt hätte beim Bürgermeister, daß er das Städtchen vom Unrat nicht säubern ließe und so das Fliegengeschmeiß hegte und pflegte zum Schaden der Verkäufer, die doch ihren Marktpfennig zu bezahlen hatten.

Also mußte dem klagenden Bauern der Bürgermeister Recht verschaffen, er mochte wollen oder nicht. Und er sprach: »Ich erkläre hiemit alle Fliegen in der Stadt für vogelfrei, und du magst sie tot schlagen, wo du sie nur triffst.«

Der Bauer war mit dem Urteilsspruch zufrieden; und da soeben eine Fliege dem Bürgermeister auf der Nase gesessen, so schlug sie der Bauer sogleich tot von Rechts wegen. War das grob? Nein. Grob wäre es gewesen, wenn er die Nase des Bürgermeisters gemeint hätte und nicht die Fliege. So aber konnte er noch um Verzeihung bitten, was er auch tat. Und da er einmal, sagte er, das Recht erhalten habe über Leben und Tod aller Fliegen, so wolle er nur gleich damit anfangen, das Rathaus zu säubern von dem Geschmeiß. Und in demselben Augenblick hatte auch der Schreiber seine Maulschelle, der ihn ausgelacht.

Kurzum, wollten sie nicht alle die Faust des Bauern fühlen, so mußten sie ihm den Honig abkaufen, um seiner los zu werden. Weiteres wollte eben der Bauer nicht, und er dankte für die gute Bezahlung.

(362)

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