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Den Spott zum Schaden

: Den Spott zum Schaden - Kapitel 47
Quellenangabe
typefarce
authorverschiedene
titleDen Spott zum Schaden
editorSiegfried Arnim Neumann
publisherVEB Hirnstorff Verlag Rostock
senderhille@abc.de
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Friedrich Nicolai

Vade Mecum für lustige Leute
1764-1792

Ein Feind ist so gut als der andere

Im letzten Kriege ward ein sächsischer Bauer gefragt, wen er sich von seinen Feinden lieber wünschte, die Österreicher oder die Preußen.

»Ich wollte«, erwiderte derselbe, »daß die Österreicher alle in der Elbe ersöffen und die Preußen sähen zu und lachten sich darüber zu Tode!«

(316)

Grund, genug, eine Oper zu sehen

In der Residenz eines kleinen Fürsten wurden bei einer gewissen Gelegenheit Bälle gegeben und Opern mit vielen Kosten aufgeführt. Ein Bauer, der eben in der Stadt war, wollte doch auch gern zusehen, um seiner Frau etwas davon erzählen zu können. Er drängte sich also vor bis an die Türe. Hier stieß ihn aber die Schildwache zurück.

»Laß Er mich doch herein!« sagte er nun. »Ich wollte doch auch gern sehen, wie der gnädige Landesherr unser Geld vertut.«

(317)

Der Kurfürst und die Kurfürstin

Zwei Bauern, die schon längst gern ihren Landesvater gesehen hätten, wurden endlich ihres Wunsches gewährt und sahen noch obendrein ihre Landesmutter. Sie waren über die schönen Kleider, den Stern und das Gepränge der Hofstatt ganz wie versteinert. Nachdem sie lange genug gegafft hatten, stieß einer dem andern in die Seite und sagte: »Du! Sollte denn auch der gnädige Herr Kurfürst wohl wie unsereiner bei seiner Frau schlafen?«

»Wo denkst du hin, Narre?« sagte der andere. »So ein vornehmer Herr wieder Herr Kurfürst! Wofür hätt er denn seine Kammerherren?«

(318)

Die eheliche Pflicht'

Zween Kavaliere stritten miteinander darüber, ob die eheliche Pflicht eine Lust und Vergnügen oder eine Arbeit sei, und erwählten im Vorbeigehen einen Bauer zu ihrem Schiedsrichter.

Dieser entschied die Frage sehr gründlich, und zwar also: »Wir Bauren halten es für eine Lust, denn wenn es eine Arbeit wäre, so würden wir sie schon längst haben zu Hofdienste verrichten müssen.«

(319)

Unterschied zwischen einem Schuhknecht und einem Prinzen

Ein gewisser deutscher Fürst stellte in seinem Lande eine gewaltsame Werbung an. Unter anderm ward auch einer Schusterwitwe ihr einziger Sohn genommen.

Sie lief in der Angst auf das Schloß und hatte das Glück, den Fürsten selbst zu treffen, dem sie die dringendsten Vorstellungen tat.

»Ich kann Euch nicht helfen«, erwiderte der Fürst, »müssen doch meine eigenen Prinzen dienen!«

»Das glaub ich«, versetzte die Witwe, »Euer Durchlaucht Prinzen haben auch nichts gelernt, aber mein Sohn kann sein Handwerk.«

Der Fürst mußte lachen und gab Befehl, ihren Sohn wieder auf freien Fuß zu stellen.

(320)

Kennzeichen der Unschuld

Eine Frau beklagte sich über einen Diebstahl, der in ihrem Hause von Soldaten begangen worden sei.

»Haben die Diebe denn alles mitgenommen?« fragte der Kapitain.

»Nein, mein Herr«, antwortete die Frau, »etwas haben sie dagelassen.«

»Nun«, erwiderte der Kapitain, »so können es meine Leute nicht gewesen sein, denn die nehmen alles.«

(321)

Die übertriebene Höflichkeit

Ein gewisser bekannter Minister, sagt man, reiste einmal in Geschäften durch eine Provinz. Unweit P. brach die Achse an seinem Wagen. Er mußte also still halten lassen und nach der Stadt schicken, um sich von hier aus Hilfe zu verschaffen.

Der Bote, den er schickte, traf den ganzen hochweisen Rat in Corpore schon am Tore, denn er wollte den Minister empfangen. Sie fanden, daß es zu lange werden würde, ehe ein Schmied den Wagen wieder in Ordnung brächte, und fielen deshalb auf ein anderes Mittel. Sie wollten nämlich fürs erste dem Wagen mit Stricken helfen. Sie gingen selbst hinaus und ließen, nach vielen vorhergegangenen Komplimenten, das Zerbrochene wieder zusammenbinden.

Der Wagen kam auch wirklich insoweit zustande, daß der Minister fortfahren konnte. Er dankte nun den Herren für die geleistete Hilfe.

»O Ihre Exzellenz«, nahm der regierende Herr Bürgermeister das Wort, »haben gar nicht Ursach, uns zu danken; Sie haben wohl schon mehr als einen Strick um uns verdient.«

(322)

Den Herrn Bürgermeister ausgenommen

Ein Fremder aß in einer kleinen Stadt in einem Wirtshause und sagte, wie er fertig war: »Wahrhaftig, Herr Wirt, ich habe so gut gegessen wie kein Mann im ganzen Lande.«

»Den Herrn Bürgermeister ausgenommen«, erwiderte der Wirt.

»Nein, ich nehme keinen Menschen aus.«

»Den Herrn Bürgermeister müssen Sie ausnehmen.«

»Nein, durchaus nicht!«

»Ja, Sie müssen.«

Der Streit ward so hitzig, daß der Wirt, der selbst ein Ratsherr war, den Fremden vor den Herrn Bürgermeister brachte. Dieser ließ sich den Fall vortragen und sagte ganz gravitätisch: »Mein Herr, die Gewohnheit, bei allen Sachen den Bürgermeister auszunehmen, ist an diesem Ort seit undenklichen Zeiten hergebracht; und da Sie sich derselben nicht haben, unterwerfen wollen, müssen Sie einen Gulden Strafe geben.«

»Sehr wohl«, sagte der Fremde, »hier ist mein Gulden. Aber denn muß ich doch auch sagen, der Kerl, der mich hier vor Gericht gebracht hat, ist der größte Narr in der ganzen Christenheit – Sie, Herr Bürgermeister, ausgenommen.«

(323)

Das beißende Gleichnis

Auf die Amtsstube zu Leipzig kam ein Bauer des Morgens, um seine Steuern zu bezahlen. Weil es noch frühe war, so war, außer einigen Schreibern, noch niemand von den Einnehmern da.

Wie nun der Bauer auf dem Vorsaale mit starken Schritten auf und nieder ging, kam einer von den Schreibern heraus und sagte: »Guter Freund, Ihr habt noch lange Zeit, die Herren werden so bald nicht kommen. Setzt Euch derweile!«

Der Bauer, welcher wohl sah, daß man ihn zum besten haben wollte, weil weder Stuhl noch Bank in dem Saale war, antwortete: »Hm! Hier gemahnt mich's eben wie zu Hause in meiner Scheune. Da sind auch keine Stühle und Bänke, aber desto mehr Flegel.«

(324)

Der Rat für sein bares Geld

Ein Bauer kam durch eine reiche Erbschaft auf einmal zu einem ansehnlichen Vermögen. Nun ward ihm sein voriger Stand zur Last, und er beschloß, sich einen Titel zu kaufen. Der Küster im Dorfe mußte ihm eine Bittschrift an seinen Landesherrn aufsetzen, worin er darum anhielt, doch mit dem Zusatz, es müsse so ein Rat sein.

Man nahm sein Geld und gab ihm den Titel »Rat«. Voll Freuden lief er nun zu allen seinen Bekannten und zeigte ihnen sein Diplom.

»Ja«, sagte endlich einer davon mit Kopfschütteln, »was ist denn das für ein Titel? Der ist ja so gut als gar keiner. Da sollte doch noch ein Wort dabei sein, zum Exempel wie ‚Hofrat‘, ‚Kriegsrat‘ oder sonst so etwas ähnliches.«

Unser Herr Rat, der sich nun besann, daß er noch niemanden mit dem simplen Titel »Rat« gekannt hatte, ließ sich von seinem Küster eine neue Bittschrift machen, in welcher er um ein oder ein paar Vorsilben zu seinem Titel anhielt.

Er bezahlte von neuem sein Geld und ward nun, laut eines andern Diploms, »Titularrat«.

»Man hat dich zum besten«, sagten seine Freunde, als er ihnen seine Würde bekannt machte, »Titularrat, das heißt ja nichts anders, als du hast den Titel ,Rat', bist es aber nicht wirklich.«

Das Ding leuchtete endlich dem Herrn Titularrat ein. ,Er schrieb daher zum drittenmal an seinen Landesherrn, er bäte, daß er doch ein wirklicher und nicht ein bloßer Titularrat werden möchte.

Er mußte diesmal noch um ein gut Teil mehr bezahlen als die beiden ersten Male und erhielt nun den Charakter »Wirklicher Titularrat«.

(325)

Abraham von Santa Clara

Eine vornehme Gräfin zu Wien schickte ihr Kammermädchen in das Augustinerkloster, um nachzufragen, ob der Pater Abraham predigen würde.

Da das Mädchen an die Pforte kam, stand eben Pater Abraham an der Türe, und weil das Mädchen glaubte, daß es der Pförtner wäre, so fragte sie ihn im Namen ihrer Gräfin, ob denn der Fabelhans – denn so hieß man ihn allgemein in Wien – morgen predigen würde.

»Sagt Eurer Gräfin«, versetzte der Pater, »daß sie diesmal ja nicht ausbleiben soll! Denn der Fabelhans predigt wirklich und predigt von Huren und Ehebrechen.«

(326)

Bestrafte Eitelkeit

Ein Kandidat predigte seiner Meinung nach überaus rührend. Aber die ganze Gemeinde verriet die größte Langeweile. Viele schliefen ein, andere plauderten miteinander, noch andere schlichen aus der Kirche. Nur eine einzige Frau vergoß bittere Tränen und weinte je länger, je heftiger.

Dieser Frau ging der Kandidat, nach geendigtem Gottesdienste, auf dem Fuße nach und bat sie, ihm zu sagen, was in seinem Vortrage ihr so vorzüglich rührend gewesen sei.

Sie weigerte sich lange. Als er aber nicht aufhörte, in sie zu dringen, antwortete sie: »Ach lieber Herr, ich habe auch einen Sohn auf Universitäten, der nun bald zurückkommen und sich hören lassen soll. Und da dachte ich: ‚Lieber Himmel, wenn der nun auch so predigt wie dieser Schafskopf, so ist ja alle dein saurer Schweiß dahin.‘«

(327)

Die ungerade Zahl

Ein junger lustiger Bursche beichtete dem Pater, daß er seit seiner letzten Absolution sechsmal bei einem Mädchen gewesen wäre. Der Beichtvater legte ihm auf, einen Rosenkranz durchzubeten.

Nach diesem kam ein anderer und beichtete ihm, daß er neunmal da gewesen wäre. Diesem gab er anderthalb Rosenkranz zur Strafe.

Endlich kam noch ein dritter und beichtete, daß er es elfmal getan hätte.

»Elf s« sagte der Priester. »Das ist eine dumme Zahl, die ist mir noch nicht vorgekommen. Gehet nur hin, mein Freund, und tut es noch einmal, und denn betet zwei Rosenkränze!«

(328)

Das fünfte und das siebente Gebot

Ein Soldat in einer Reichsstadt lag auf dem Sterbebette. Der Geistliche besuchte ihn. »Nun, mein Sohn«, redete er ihn an, »wie hast du denn gelebt» Hast du auch das Gesetz des Herrn, deines Gottes, erfüllt?«

»Je nun, Herr Prediger«, war die Antwort, »beim siebenten Gebote hapert's freilich, aber dafür habe ich alle meine Tage das fünfte ehrlich gehalten.«

(329)

Das Testament des HundesÜberschrift vom Herausgeber

Es hatte ein reicher Mann einen Hund, den er ungemein liebte. Als nun dieser gestorben war, ging er zum Pfaffen und gab ihm fünfzig Gulden, damit er seinen Hund auf dem Kirchhofe an der geweihten Stelle begraben lassen dürfte, weil er klüger gewesen wäre als andere Hunde.

Der Pfarrer nahm das Geld und gab ihm diese Erlaubnis.

Nachdem dies dem Bischof zu Ohren gekommen, ward der Pfarrer darüber zur Verantwortung gezogen. Dieser, aus Furcht, um seine Pfründe zu kommen, nahm die fünfzig Gulden, welche ihm der Mann gegeben hatte, brachte sie dem Bischof und sprach: »Gnädiger Herr! Des Bürgers Löwe (also hieß der Hund) hat in dem Testamente verordnet, Ihnen fünfzig Gulden zu geben, damit er an die geweihte Stelle begraben würde.«

Der Bischof fragte, wie er denn begraben worden wäre.

Der Pfarrer sprach: »Man hat ihn mir des Abends in einem Sacke gebracht.«

»Das ist unrecht«, erwiderte der Bischof, »Ihr müßt mir noch zwanzig Gulden geben, daß Ihr den Hund nicht mit dem Kreuze eingeholet habt.«

(330)

Witzige Antwort eines Fuhrmanns

Ein Fuhrmann kam auf öffentlicher Straße der Karosse eines Bischofs in den Weg. Der Kutscher rief dem Fuhrmann zu, daß er auf die Seite fahren sollte, und schimpfte und drohte ihm, aber dieser wich nicht einen Schritt und blieb ihm nichts schuldig.

Der Prälat steckte endlich den Kopf heraus, und da er einen großen starken Kerl vor sich sah, sagte er zu ihm: »Mein Freund, Ihr sehet mir aus, als ob Ihr mehr gegessen und getrunken als gelernet hättet.«

»Das kann wohl sein«, antwortete er, »denn Essen und Trinken geben wir uns selbst, und den Unterricht geben uns die Herren Geistlichen.«

(331)

Die Gesellschaft Jesu

Als der General Kyau einst etwas unpäßlich war, so kamen zwei Jesuiten zu ihm und wollten ihn bekehren.

Er fragte, wer sie wären.

Sie gaben zur Antwort, sie wären Patres Societatis Jesu.

»Ja«, sagte er, »die Herren müssen deutsch reden, ich verstehe kein Latein.«

Worauf sie erwiderten, sie wären von der Gesellschaft Jesu.

» So«, sprach der General, »von welcher sind Sie denn? Es sind mir zwei Gesellschaften Jesu bekannt. Sind Sie denn von der ersten oder von der andern?«

Sie sprachen ferner, sie wären von der Gesellschaft Jesu.

»Nun wohlan, Jesus hat zwo Gesellschaften in seinem Leben gehabt, die erste bei seiner Geburt, das waren Ochsen und Esel, die andere war bei seinem Ende, und das waren Diebe und Mörder. Unter welche gehören nun die Herren also?«

Sie schwiegen hierauf stille und gingen sachte wieder weg.

(332)

Der arme Bauer

Ein Bauer in Mecklenburg, das heißt ein Leibeigener, ward auf dem Totenbett von dem Geistlichen mit trostvollen Aussichten in die frohe Ewigkeit unterhalten. Er schien daran keinen Glauben zu haben, und da dies den Geistlichen immer beredter und poetischer machte, sagte der Kranke endlich: »Ach, Herr Paster, He weet nich, wo 't met uns Buuren is, wi möten jümmer arbeiden.«

»Aber' lieber Jens, es gibt da gar nicht mal solche Arbeit, die euch beschwerlich sein könnte. Ihr werdet in Abrahams Schoß ruhn und ...«

»Arbeiden möt wi gewiß, un wenn 't nicks anners gifft, so möt wi den leewen Herrgott donnern helpen.«

(333)

Als wenn es darauf angekommen wäre!

Ein Geistlicher, der einen kranken Bauer besuchte, fand denselben so sehr schlecht, daß er ihm zuredete, er möchte sich nur in den Willen Gottes ergeben.

»Nee«, antwortete der Bauer, »dat do ick nich, ick gäwe mi nich!«

Der Geistliche stellte ihm vor, daß sein Sträuben ihm doch nichts helfen könne, und suchte ihn in Ansehung des Todes zu beruhigen. Allein der Kranke blieb dabei, er ergäbe sich nicht.

Nach etlichen Wochen fand der Geistliche denselben Mann auf seinem Dache sitzen, wo er eine schadhafte Stelle mit Stroh ausbesserte. »Guten Morgen, Christian«, rief er ihm zu, »es freut mich, daß ich Euch wieder so munter sehe!«

»Na sieht Er, Herr Pfarrer«, antwortete jener, »wenn ick mi nu gäwen hadd'!«

(334)

Der offenherzige Bauernjunge

In einem katholischen Lande schickte ein Bauer dem Pater durch seinen Sohn eine Schüssel voll Würste.

Der Pater sagte zu dem Jungen: »Ei ei, mein Sohn, das ist ja gar zu viel.«

»Ja«, versetzte dieser, »mein Vater sagte es auch, aber meine Mutter gab ihm zur Antwort: ‚Man weiß nicht, wo man den Schelm wieder braucht.‘«

(335)

Der Pferdehandel

Ein Pater suchte einen Bauern mit einem schlechten Pferde zu hintergehen. Er ritt es ihm deswegen vor und pries es ihm mit vieler Beredsamkeit an.

Allein seine Bemühung war umsonst und der Bauer zu schlau, welcher mit einem Kopfschütteln den Kauf ausschlug und ganz gelassen sagte: »Herr Pater, wenn Sie mich betrügen wollen, müssen Sie auf keinem Pferde, sondern auf der Kanzel sein.«

(336)

Priester und Wegweiser

Ein Maler malte eine Landschaft, in derselben ein Dorf und vor dem Dorfe einen Wegweiser. Dieser war eine Art von Säule, auf welcher oben das Brustbild eines Priesters stand, der den Arm von sich streckte.

Man fragte ihn, was er mit dieser Erfindung gewollt hätte.

»Priester und Wegweiser«, sagte der Maler, »haben die größte Ähnlichkeit miteinander, denn beide weisen den rechten Weg, aber sie gehen ihn nicht.«

(337)

Es ist ein Unterschied unter den Kunden

Ein Richter hatte einen Missetäter zum Galgen verurteilt und schickte den Scharfrichter zum Zimmermann, um einen neuen Galgen zu bestellen.

»Ei was«, sagte der Zimmermann, »ich habe schon zwei oder drei gemacht und noch keinen Pfennig erhalten.«

Der Scharfrichter brachte hiervon dem Richter keine Antwort, weil er glaubte, der Zimmermann würde sich wohl noch besinnen.

Unterdessen kam der bestimmte Tag heran, und die Hinrichtung mußte aufgeschoben werden, weil der Galgen nicht gemacht war.

Der Zimmermann, auf den der Scharfrichter alle Schuld schob, mußte vor dem Richter erscheinen, welcher ihn fragte: »Warum habt Ihr den Galgen nicht gemacht, da ich ihn doch schon vor vierzehn Tagen habe bestellen lassen?«

»Ich bitte um Vergebung«, sagte der Zimmermann. »Der Scharfrichter hat mir nicht dabei gesagt, wer ihn bestellen ließe, und weil ich schon einige ohne Geld gemacht habe, so wollte ich nicht gern noch einen so machen. Hätte ich aber gewußt, daß er für Sie sein sollte, so würde ich alle andere Arbeit haben liegen lassen.«

(338)

Ein merkwürdiger Rechtsfall

Ein Mensch, der in der Kirche einen Beutel mit Goldstücken gefunden hatte, war mit einigen Freunden in ein Wirtshaus gegangen, um sich lustig zu machen.

Unterdessen hatte man dem wahren Besitzer in der Kirche die Person des Finders beschrieben. Er eilte ihm also nach und erfuhr durch vieles Nachfragen, daß er eben in einem gewissen Wirtshause wäre. Nachdem er sich einen Gerichtsdiener zu Hilfe geholt hatte, ging er in die Gaststube hinein, wo er die Freunde bei einer vergnügten Mahlzeit fand.

Derjenige, welcher das Geld gefunden hatte, konnte die Sache nicht leugnen und gab daher den Beutel unverzüglich heraus, woran, wie er sagte, mehr nicht fehlte als ein Taler, den sie verschmaust hätten.

Hierüber fing der Herr des Beutels einen entsetzlichen Lärm an, und weil er darauf bestand, sein volles Geld wiederzuhaben, so verlangte er, daß der Gerichtsdiener jenen angreifen sollte.

Doch dieser entkam durch Hilfe seiner Freunde auf die Straße, und der Gerichtsdiener immer hinterher. Mitten im Laufen rannte der Verfolgte eine schwangere Frau über den Haufen, der es darüber unrichtig erging. Dies gab Gelegenheit, ihn mit noch mehr Hitze zu verfolgen. Schon war man im Begriff, ihn festzuhalten, als er sich hinter den Esel eines Bauern rettete, an dessen Schwänze er sich festhielt und sich, indem er den Esel rund um ihn herumzulaufen zwang, dadurch so lange verteidigte, bis der Schwanz ausriß. Nun lief er die Leiter, die an ein neugebautes Haus angesetzt war, hinauf, um so zu entkommen. Aber ehe er völlig hinaufkam, faßte der Gerichtsdiener die Leiter unten an, so daß er herunterfiel und diesem Werkzeuge der Gerechtigkeit den Arm zerbrach. Jetzt hielt man ihn fest und schleppte ihn vor den Richter.

Dieser erkannte, nachdem er alle Kläger angehört hatte, für Recht, daß Beklagter den Beutel so lange behalten sollte, bis die Summe wieder ganz da wäre. Bei der verunglückten Frau sollte er, nachdem der Mann sie würde haben heilen lassen, so lange schlafen, bis sie ein anderes Kind bekäme. Den Esel ohne Schwanz sollte er ebenfalls behalten, bis demselben ein anderer gewachsen wäre. Und was endlich den zerbrochenen Arm beträfe, so sollte der Gerichtsdiener auf die Leiter steigen und ihm wieder einen zerfallen.

(339)

Wie die Frage, so die Antwort

Ein Zimmermann, ein launigter Kerl, ward in einem Prozeß wegen gewalttätigen Angriffs als Zeuge vor Gericht gebracht. Ein Rat, der sich was darauf zugute tat, die Zeugen verwirrt zu machen, fragte ihn, wie weit er von den Parteien abgestanden, als der Angriff geschehen. Er antwortete schnell und steif: »Vier Fuß, fünf und einen halben Zoll.«

»Wie kommt Ihr dazu, Meister, das so genau zu wissen?«

»Ich dachte gleich, ein Narr könnte mich danach fragen, und darum maß ich es.«

(340)

Rangstreitigkeiten

Bei einer Leichenprozession zankten sich ein Jurist und ein Medicus um den Vorgang. Endlich wurde es verglichen, daß der Jurist den Vorzug davon trug.

»Das ist auch nicht mehr als billig«, sagte einer von den anderen Begleitern, »denn da neulich die Obrigkeit einen Übeltäter zum Tode verurteilet hatte, ging der, welcher das Geld genommen hatte, voran, und der, welcher das Leben zu nehmen pflegt, folgte nach.

(341)

Die gesunde Zeit

Ein Arzt kam im Anfange des Sommers in eine Apotheke, um etwas zu verordnen.

»Ei, leben Sie noch, Herr Doktor? redete ihn der Apotheker an. »Ich habe Sie ja so lange nicht gesehen.«

»Das macht, daß jetzt wenig zu tun ist«, antwortete der Arzt.

»Jawohl«, erwiderte jener, »es ist jetzt leider Gottes eine recht gesunde Zeit.«

(342)

Sinnreiche Entschuldigung

Ein Schneider, der gefährlich krank lag, sah im Traume ein unermeßlich langes Stück Tuch fliegen, aus allen den Stücken von mancherlei Farbe zusammengesetzt, die er in die Hölle geworfen hatte. Das hielt der Engel des Todes in der einen Hand, und mit der andern schlug er auf ihn mit einem Stabe von Eisen. Der Schneider erwachte in der Angst und tat das Gelübde, wofern er wieder gesund würde, nichts mehr in die Hölle zu werfen.

Er kam auch wieder auf. Da er aber sich selbst nicht traute, gab er seinem Lehrjungen auf, ihn an seinen Traum zu erinnern, sooft er ein Kleid zuschnitte.

Einige Zeit über folgte er diesen Ermahnungen treulich. Als sich aber ein Lord ein Kleid aus überaus reichem Zeuge zuschneiden ließ, konnte seine Tugend der Versuchung nicht widerstehen. Umsonst erinnerte ihn der Lehrjunge an seinen Traum. Er antwortete ihm: »Ich habe dein Geschwätze satt. In dem ganzen Teppiche, den ich im Traum sah, war kein Stück von solcher Art; hernach so bemerkte ich auch eine Lücke, wo ein Stück fehlte.«

(343)

Die Begierde zum Gewinst läßt leicht verführen

Ein Bootsmann, der aus Ostindien gekommen war, wollte einmal eine gute Mahlzeit halten und ging kurz vor Tische zu einem reichen Goldschmied. Er verlangte mit ihm zu sprechen, und weil dieser eben mehr Leute bei sich hatte, so sagte er ihm heimlich ins Ohr, wieviel wohl ein Klumpen Gold, ungefähr halb so groß als sein Schenkel, wert wäre.

»Sehr wohl, mein Herr«, erwiderte der Goldschmied, »wollen Sie wohl so gütig sein und mir die Ehre erweisen, mit mir zu speisen? Ich habe jetzt noch einige notwendige Geschäfte, nach Tische aber wollen wir weiter miteinander sprechen.«

Der Bootsmann dankte und nahm dieses Erbieten an.

Als die Mahlzeit geendigt und die übrige Gesellschaft weggegangen war, so sagte der Goldschmied zu dem Schiffer: »Apropos wegen des Goldklumpens, wovon Sie vor Tische sprachen.«

»Ja«, erwiderte dieser, »ich möchte gerne wissen, wieviel so ein Ding wert wäre.«

»Haben Sie denn ein so großes Stück?«

»Nein«, versetzte der Bootsmann, »noch habe ich's nicht, allein wenn's der Mühe wert wäre, so wollte ich mir Mühe geben, eins zu bekommen.«

(344)

Die Kaution

In einem katholischen Lande, wo man strenge Fasten hält, verlangten zween Reisende ein paar junge Hühner zum Abendessen.

Die Frau im Gasthofe sagte ihnen, daß sie in der Fasten kein Fleisch zubereiten dürfte, aber etwa eine Meile davon könnten sie alles haben, was sie verlangten.

»Ei«, sagte einer von den Reisenden, »warum auch nicht hier wie dort?«

Die Wirtin antwortete: »Jene haben nur einen Eid geschworen und können also tun, was sie wollen, ohne etwas dabei zu wagen. Wir aber haben Kaution gestellet und würden gänzlich ruinieret werden, wenn wir solches täten.«

(345)

Der vom Tisch gefallene Truthahn

Ein Landmann hatte einige Gäste bei sich und schnitt ihnen bei Tische einen gebratenen Truthahn vor. Er war aber so ungeschickt, daß er ihn gleich an die Erde fallen ließ, da er eben den einen Flügel abschneiden wollte.

Alles hatte sich auf den Braten gefreut und war daher nicht wenig bestürzt über diesen unvermuteten Querstrich.

Der Wirt aber blieb ganz ruhig und sagte: »Laßt nur gut sein, lieben Freunde! Er ist auf meine Schuhe gefallen, die sind rein, ich hab sie erst heute schmieren lassen.«

(346)

Ehrwürdige Redlichkeit

Im Kanton Schwyz kam, bald nach Errichtung des Schweizerbundes, an einem Abend der Bauer Velten zum Bauer Kaspar, der auf seiner Wiese arbeitete, und sagte: »Nachbar, es ist jetzt die Zeit der Heuernte, und du weißt, daß wir zusammen Streit wegen einer Wiese haben. Ich habe die Richter zu Schwyz zusammenrufen lassen, weil wir beide nicht gelehrt genug sind, um zu wissen, wer von uns recht hat. Komm also morgen mit vor das Gericht!«

»Du siehst, Velten, daß ich die Wiese gehauen habe, und morgen muß ich notwendig das Heu in Haufen bringen, ich kann also unmöglich kommen.«

»Und ich kann die Richter nicht wieder gehen lassen, da sie diesen Tag gewählt haben. Auch kann die Wiese nicht eher gemähet werden, bis wir wissen, wem sie gehört.«

Nach einigem Besinnen sagte Kaspar: »Weißt du, wie wir's machen wollen? Gehe morgen nach Schwyz und sage den Richtern meine und deine Gründe, so brauche ich ja nicht dabei zu sein.«

»Wenn du dies Zutrauen zu mir hast, so kannst du dich darauf verlassen, daß ich für dein Recht reden will wie für mein eigenes.«

Nach dieser Abrede ging Feiten den folgenden Tag nach Schwyz und trug seine und Kaspars Gründe vor, so gut er konnte.

Am Abend kam er wieder zu Kaspar und sagte: »Die Wiese ist dein, die Richter haben sie dir zugesprochen. Ich wünsche dir Glück und bin froh, daß wir nun aufs reine sind.«

(347)

Das hatte er nicht sonderlich überlegt

Ein Bauer, den ein Mädchen als den Vater ihres unehelichen Kindes angegeben hatte, ward von dem Richter befragt, ob er gegen die Aussage der Person etwas einzuwenden habe.

Da er »nein« antwortete, so sollte er sich erklären, ob er sie heiraten oder eine gewisse Summe, die nachmals genauer bestimmt werden sollte, an sie bezahlen wollte.

Er bat sich einige Tage Bedenkzeit aus.

An dem neuen Termin fragte der Richter ihn, wozu er sich entschlossen habe, ob zum Heiraten oder zum Bezahlen.

»Nein«, antwortete er, »ich habe mir's nun überlegt, ich will es ihr lieber abschwören!«

(348)

Die Bedenklichkeit

Eine Gesellschaft aus der Stadt, welche sich auf dem Lande belustigte, traf beim Spazierengehen einen ziemlich großen Bauernjungen an, welcher die Schafe hütete. Ein junges munteres Frauenzimmer aus der Gesellschaft wollte sich mit diesem Jungen eine Lust machen. Sie ging also zu ihm und fragte ihn, ob er schon eine Frau habe.

Er antwortete: »Nee.«

»Desto besser«, sagte sie, »so will ich dich heiraten.«

Der Junge wies die Zähne, schüttelte den Kopf und antwortete: »Nee.«

Einer aus der Gesellschaft stellte ihm vor, wenn er die Demoiselle nähme, so bekäme er eine schöne Frau, käme nach der Stadt und kriegte schöne Kleider und gutes Essen und Trinken.

Er lachte schalkhaft und sagte: »Ick mag nich.«

»Warum willst du mich aber nicht haben?« fragte das Frauenzimmer.

»Ei«, versetzte der Junge, »wenn ick Jun nahm, da kreeg' ick woll mehr to höden als mit allen mienen Schapen.«

(349)

Vorsichtigkeit eines Mädchens

Eine Frau nahm wahr, daß sich ihre Magd schwanger befand. Sie fragte sie deswegen, wer der Vater davon wäre.

Das Mädchen antwortete, ihr Herr.

»Wo ist es denn geschehen?« fragte die Frau weiter.

»In Ihrer Schlafkammer, nachdem Sie schon zu Bette gegangen waren und schliefen.«

»Und konntest du Bestie denn nicht schreien?«

»Ich wollte keinen Lärm machen, damit Sie nicht aufwachen möchten«, antwortete das Mädchen mit Tränen.

(350)

Die verwechselten Personen

Ein Mann verliebte sich in die Kammerjungfer seiner Frauen und gab sich alle Mühe, einige Gunstbezeugungen von ihr zu erhalten, aber vergebens. Eines Tages, wie er diesem Mädchen außerordentlich zugesetzt hatte, klagte sie es ihrer Frauen und forderte ihren Abschied.

Die Dame weigerte ihr selbigen, versprach ihr aber, die Sache schon so einzurichten, daß ihr Mann sie künftig in Ruhe lassen sollte. Diesem zufolge ward unter ihnen verabredet, daß das Mädchen ihrem Herrn eine geheime Zusammenkunft in der Scheune auf einem gewissen Abend verstatten sollte, daß Madame alsdann an ihrer Statt dahin gehen und ihren Mann dergestalt beschämen wollte, daß er sich nicht getrauen werde, die Augen gegen sie aufzuschlagen.

Die ersten Punkte dieser Abrede wurden also ins Werk gerichtet. Wie nun der Herr auf dem Wege nach der Scheune begriffen war, fielen ihm die Folgen ein, die diese Zusammenkunft haben könnte, es gereute ihn, sich so weit eingelassen zu haben, und er war schon willens, das Mädchen vergebens warten zu lassen, als ihm sein Diener auf dem Hofe begegnete. Diesem sagte er: »Johann, Lisettchen ist in der Scheune und erwartet mich.. Willst du hingehen und meine Stelle vertreten; Du mußt aber kein Wort reden, damit sie dich nicht erkennt.«

Dem Diener war dieses angenehm, er lief nach der Scheune und verriegelte sie hinter sich. Die Dame sprach gleichfalls kein Wort, um sich nicht zu erkennen zu geben.

Unterdessen traf der Herr zu seiner größten Verwunderung Lisetten im Vorzimmer an. »Was«, sagte er, »bist du nicht in der Scheune gewesen?«

»Nein, Madame ist an meiner Stelle da.«

Er lief, als wenn ihm der Kopf brennete, in den Hof zurück und schrie vor der Scheune: »Holla! Johann, es ist nicht Lisette!«

Johann antwortete: »Lisette oder nicht Lisette, es ist mir nun einerlei!«

(351)

Unerwartete Entdeckung einer doppelten Untreue

Ein Ehemann hatte ein junges, hübsches Mädchen in seinem Dienste. Sie machte Eindruck auf ihn, da seine Frau nicht gar zu reizend gebildet war. Er tat ihr Anerbietungen, sie nahm sie an, und beide lebten nun in einem ganz vertrauten Umgange.

Einmal hatte er sie auch auf seinem Zimmer und konnte gar nicht aufhören, sie zu herzen und zu küssen. Endlich sagte er im Übermaß seines Entzückens: »Mädchen, du bist ein herrliches Geschöpf! Deine Küsse sind noch einmal so süß als meiner Frau ihre.«

»Das mag wohl wahr sein«, erwiderte sie, »Ihr Bedienter sagt das auch.«

(352)

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