Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Den Spott zum Schaden

: Den Spott zum Schaden - Kapitel 16
Quellenangabe
typefarce
authorverschiedene
titleDen Spott zum Schaden
editorSiegfried Arnim Neumann
publisherVEB Hirnstorff Verlag Rostock
senderhille@abc.de
created20071118
Schließen

Navigation:

Verfasser unbekannt

Das Lalebuch
1597

Wie die Lalen das Gras auf einer alten Mauer durch ihr Vieh wollen lassen abäsen

Die Lalen waren ernsthaft in ihrem Tun, sonderlich in Betrachtung des gemeinen Nutzens, damit derselbe allenthalb aufging und zunehme und nirgends Schaden litte. Auf ein Zeit gingen sie hinaus, ein alte Mauern zu besehen, welche von einem alten Gebäude noch überblieben war, ob sie vielleicht die Stein davon zu Nutz anwenden könnten. Nun war auf der Mauer schön lang Gras gewachsen, das dauert die Bauren, daß es sollte verloren werden und niemand zu Nutz kommen, hielten derowegen Rat, wie man es sollte zu Ehren ziehen.

Davon fielen nun vielerlei Meinungen: Die einen vermeinten, man sollt es abmähen, aber niemand wollt sich eines solchen unterstehn und sich auf die Mauern wagen. Andere vermeinten, wenn Schützen unter ihnen wären, so wäre am besten, daß man es mit einem Pfeil abschösse. Endlich wischet der Schultheiß herfür und riet, man sollt Vieh darauf lassen gehn, das würde es abäsen, so dürfte man es weder abmähen noch abschießen.

Solchem Rat, als dem besten, fiel die ganze Gemeinde zu, und zur Danksagung ward ferner erkannt, des Schultheißen Kuh sollt die erste des guten Rats genießen, welches der Schultheiß gern gestattet. Also machten sie der Kuh ein starkes Seil um den Hals, werfen's über die Mauern und fangen am andern Orte an zu ziehen. Als aber der Strick zuging, fing die Kuh an zu erwürgen, und wie sie schier hinaufkam, streckt sie die Zunge heraus.

Solches' sah ein großer Lale, der schrie: »Zieht, liebe Lalen, zieht, Leib und Seel hängt aneinander!«

»Zieht noch einmal, zieht«, sprach der Schultheiß, »sie hat das Gras schon geschmeckt und die Zunge danach ausgestreckt. Zieht, zieht, sie ist bald droben; sie ist so tölpisch und ungeschickt, daß sie sich selber nicht helfen kann. Es sollt sie euer einer zu vollem hinaufstoßen.«

Aber vergebens war's. Die Lalen konnten die Kuh nicht hinaufbringen, ließen sie herab, da war sie tot. Des waren die Lalen froh, nur daß sie etwas 7u schinden und zu metzgen hätten.

(133)

Die Laleburger verbergen ihr Glocken in dem See

Auf ein Zeit, als Kriegsgeschrei einfiel, fürchteten die Lalen ihrer Hab und Gütern sehr, daß ihnen die von den Feinden nicht geraubt und hinweggeführt würden; sonderlich aber war ihnen angst für ein Glocken, welche auf ihrem Rathaus hing; gedachten, man würd ihnen dieselbe hinwegnehmen und Büchsen daraus gießen. Also wurden sie nach langem Ratschlag eins, dieselbe bis zum Ende des Kriegs in den See zu versenken und sie alsdann, wenn der Krieg vorüber und der Feind hinweg wäre, wiederum herauszuziehen und wieder aufzuhängen; tragen sie derowegen in ein Schiff und fuhren's auf den See.

Als sie aber die Glocke wollen hineinwerfen, sagt einer ungefähr: »Wie wollen wir aber den Ort wiederfinden, da wir sie ausgeworfen haben, wenn wir sie gern wieder hatten?«

»Da lasse dir«, sprach der Schultheiß, »kein grau Haar wachsen«, ging damit hinzu, und mit einem Messer schneidet er eine Kerb in dem Schiff an den Ort, da sie die hinausgeworfen, sprechend: »Hier bei diesem Schnitt wollen wir sie wiederfinden!« Ward also die Glocke hinausgeworfen und versenkt.

Nachdem aber der Krieg aus war, fuhren sie wieder auf den See, ihr Glocken zu holen, und fanden den Kerbschnitt an dem Schiffe wohl, aber die Glock konnten sie darum nicht finden noch den Ort im Wasser, da sie solche hineingesenkt. Mangeln sie also noch heut diesen Tages ihrer guten Glocken.

(134)

Eine merkliche Geschieht, so sich mit einem Krebs zu Laleburg zugetragen

Ein unschuldiger armer Krebs hat sich auf ein Zeit irregegangen, und als er vermeint, in sein Loch zu kriechen, kam er zu allem Unglück gen Laleburg in das Dorf. Als ihn etliche Lalen gesehen hatten, daß er soviel Füße gehabt, hinter sich und vor sich gehen könnt und was dergleichen Tugenden mehr ein ehrlicher, redlicher Krebs an sich hat, erschraken sie über die Maßen sehr drob, denn sie vormals keinen nie mehr gesehen, schlugen derowegen Sturm an, kamen alle über das ungeheure Tier zusammen, zerrieten sich, was es doch sein möchte.

Niemand konnt's wissen, bis letztlich der Schultheiß sagt, es werde gewißlich ein Schneider sein, dieweil er zwo Scheren bei sich habe. Solches zu erkundigen, legten ihn die Bauren auf ein Stück Kindisches Tuch, wie die Bauren ihre Wölfe daraus machen, und wo der Krebs darauf hin- und herkroch, da schneidet ihm einer mit der Scher hinten nach. Denn sie vermeinten nit anders, denn der Krebs als ein rechtgeschaffener Meisterschneider entwerfe ein Muster eines neuen Kleides, welches sie, inmaßen unsere Lalen auch tun, nachäffen wollen. Zerschnitten also endlich das Tuch ganz, daß es nirgends zu mehr nutz war.

Als sie nun gesehen, daß sie sich selbst betrogen hätten, da tritt einer unter ihnen auf und spricht, er habe einen sehr wohlerfahrenen Sohn, der sei in dreien Tagen zwo Meilen Weges weit und breit gewandert, habe viel gesehen und erfahren, es zweifle ihm nit daran, er werd desgleichen Tier mehr gesehen haben und wissen, was es sei.

Also ward der Sohn berufen. Derselbige besah das Tier lang, hinten und vornen, wußte nit, wo er's angreifen sollt oder wo es den Kopf hätte. Denn wenn der Krebs hinter sich kroch, so meint er, er hätt den Kopf beim Schwanz; könnt sich also gar nicht drein richten, sprach doch endlich: »Nun hab ich doch mein Tag hin und her viel Wunders gesehen, aber desgleichen ist mir nit vorkommen. Doch wenn ich sagen soll, was es für ein Tier sei, so sprech ich nach meinem hohen Verstand: Wenn es nicht ein Taube ist oder ein Storch, so ist es gewißlich ein Hirsch. Unter diesen muß es eins sein.«

Die Lalen wußten jetzt ebensoviel als zuvor, und als ihn einer angreifen wollt, erwischet er ihn mit der Scher dermaßen, daß er anfing, um Hilf zu rufen und zu schreien: »Es ist ein Mörder, ein Mörder.«

Als solches die andern gesehen, hatten sie schon genug, besetzten derowegen alsobald gleich ohne Verzug von Stund an auf der Statt eilends allda am selbigen Ort auf dem Platz, da der Bauer gebissen worden, das Gericht und ließen ein Urteil über den Krebs ergehen, das lautet ungefährlich solchermaßen: Sintemal niemand wisse, was dieses für ein Tier sei, und aber sich's befinde, dieweil es sie betrogen, indem es sich für ein Schneider ausgegeben und's doch nit sei, daß es ein leutbetrügendes und schädliches Tier sei, ja ein Mörder, so erkennen sie, .daß es solle gerichtet werden als ein Leutbetrüger und ein Mörder mit dem Wasser und was dazugehört.

Solchem Urteil stattzutun, ward einem unter ihnen befohlen. Derselbe nahm den Krebs auf ein Brett, trug ihn dem Wasser zu, und ging die ganze Gemeinde mit. Da ward er im Beisein und Zusehen jedermänniglichens hineingeworfen. Als aber der Krebs in das Wasser kommen, sich wiederum empfunde, zappelt er und kroch hinter sich. Solches ersahen die Bauren; deren hüben etliche an zu weinen und sprachen: »Nun sollt eins wohl fromm sein. Schauet doch, wie tut der Tod so wehe!«

(135)

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.