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De Reis' nah Bellingen

Fritz Reuter: De Reis' nah Bellingen - Kapitel 20
Quellenangabe
authorFritz Reuter
titleDe Reis' nah Bellingen
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Kapittel 19.

Dit oll Kapittel ward mihr lang as breit,
Wil de Burmeister d’rin Gerichtsdag hollen deiht

So läd’ hei los: "Hört Meister Draht!
Sie stehn jetzt vor dem Magistrat,
Nun sagen Sie, wie ist ‘s gekommen,
Daß Sie die Leute festgenommen?"
"Je, Herr," seggt Draht, "seihn S’, gistern set wi,
Min Fru un ick un denn min Kinner,
Un Hiring un Pantüffelnz et wi,s
Un vör uns stunn’ dat bradens Speck,
Un Ein nah ‘n Annern stippten wi dorinner.
Dunn seggt min Fru: "Draht," seggt sei, "weck
Von de oll’n Tüffelns sünd all wedder krank,
Ick glöw, wi möten ‘t Swin mit faudern."
"Ih," segg ick dunn, "Corlin, wi heww’n jo, Gott sei Dank,
De schöne Zikers noch von Dinen Braudern. –
Ehr Brauder, ward’n Sei weiten, Herr Burmeister,
Dat is de pucklich Schaustermeister,
De vördem wahnte tau Penzlin
Un nahsten hen nah Bramborg treckt’, un dor
Sick würd’ oll Kählerten sin Dochter fri’n;
‘T sünd nu ok all an de saeben Johr. –
Ne, – täuwen S’ mal! – Ih, wat ick red’! –
Sünd dat all acht? – Ne, ‘t sünd irst saeben...."
"Ei was! Das hört hier ja nicht her,
Sie sollen mir nur Auskunft geben,
Was bei der Prügelei geschehn,
Wie konnten Sie sich unterstehn,
Sich in die Prügelei zu mischen,
Was gar nicht Ihres Amtes ist?
Nun sagen Sie, wie kamen Sie dazwischen?"
"Je, Herr Burmeister, wenn ‘ck dat wüst!
Dat weit ick ok nich, wo sick dat regirt.
Wo würd’ ick so wat mi woll unnerstahn!
De Kirls, de würden arretirt,
Un ick bün man so mit ehr gahn.
Ihr ick mi in de Polezei süll mengen,
Ded’ ‘ck mi an ‘n irsten, besten Nagel hängen!"
"Nun, Meister Blech, wie ist ‘s mit Ihnen?
Könn’n Sie uns etwa Aufschluß geben?"
"Ganz woll, Herr Bürgermeister, Sie zu dienen!
Ich kenn die Sache ganz genau,
Denn sehn Sie, meine Wenigkeit lag eben
Und schlief, da weckt mir meine Frau,
Die heut ihr Fieber wieder hatt’.
"Blech," sagt sie, "hör, ich glaub’, da find’t was statt.
Das is mich so, als wär mich das
Als wär ‘s sehr munter auf der Straß."
Na, ich spring also aus die Betten
Un kuck so daemlich aus das Fenster ‘raus,
Grad as der Herr Burmeister thäten,
Als wir heut kamen vor Ihr Haus.
Da sach ich denn nu de Bescherung."
"Nun gut, was sahn Sie denn? ‘Raus mit der Sprache!
Und komm’n Sie endlich auf die Sache."
"Was ich da sach? – Nun, die Verschwörung,
Die ganze richt’ge Revolutschion!"
"Na, kannten Sie denn ‘ne Person?"
"Person? – Person – Nein, dieses weniger!
Personen kennt’ ich keine, Herr.
Bloß sagt mich meine Frau, daß an den Unterrock
Sie die Gastwirthin Flicken hätt’ gekennt,
Die hätt’ sich vor en Jahr ein großes Lock
Mit ‘s Bügeleisen ‘rein gebrennt."
"Wie kamen Sie denn aber d’rauf,
Die Leute hier zu arretiren?
Wie konnten Sie sich in den richtigen Verlauf
Von Polizei-Geschäften mengeliren?"
"Ih, Gott bewahr! Wo werd’ ich das riskiren?
Wo werd’ ich so mir überheben,
Ein solches Thimothee mir geben!
Ne, ich weiß nichts nich von die Polezei
Un nichts nich von von’s Arretiren,
Denn darin sich zu mengeliren,
Da is kein Segen nich dabei."
"Nun, Meister Hubel, sagen Sie doch mal,
Was Sie von der Geschicht’ gesehn."
"Je, Herr Burmeister, "ick kamm eben dal
Un kamm heraf von minen Baehn,
Dunn wiren s’ just bi ‘t Arretiren,
Un wider kann ick ok nich reteriren.
Ick bün tau so ‘ne Sak tau dumm,
Indessen, as mi dücht, so was dat Krumm,
De dese Lüd’ ded’ infitiren."
"Krumm! Kömm Er hier mal vor das Brett!"
Un de Burmeister leggt sin Stirn in Falten
Un vör de Ogen de Lorjett –
"Warum hat Er die Leute angehalten?
That Er ‘s aus eigner Machtvollkommenheit?
That Er ‘s auf ein’n ausdrücklichen Befehl?"
"Ih, ick weit nicks un ‘ck weit vel!
Ick frag Sei, bün ick Obrigkeit?
Oder bün ick ‘t nich? Wovon sall ick dat weiten?
Ick denk, mi hett hir einer wat tau heiten,
Den Herrn Burmeister utbenamen.
Ick häud’ min Ossen un min Käuh,
Un wat betrefft de Polezei;
Dor bruken S’ blot tau seggen, ick sall kamen,
Denn bün ick düchtig dor tau jeder Tid,
Ahn Aewerleggung un Besinnung."
‘Mein lieber Krumm, es freuet mich, man sieht,
Er ist loyal, voll patriotischer Gesinnung."
"Ja, as Sei seggen, Herr: mi ‘s ‘t ganz egal!
Denn uns’ Großherzog un de Herr Burmeister,
De sünd mi leiwer noch as Köster un as Preister."
"Herr Secretair, oh, schreiben Sie doch mal:
Der Kuhhirt’ Krumm, der hütet jetzt nicht mehr,
Weil ihm der Dienst schon wird zu schwer,
Die Ochsen, Bullen unb die Küh:
Er hüt’t von jetzt das junge Vieh,
Die Kälber und die jähr’gen Fohlen,
Und wird dem höhern Staatsdienst anempfohlen. –
Nun kann Er gehn, mein lieber Krumm. –
Stadtdiener Glandt, seh’ Er sich doch mal um;
Wer war von den Tumultuanten
Der lautste und der ärgste woll?"
"Je Herr," seggt Glandt, "des’ was ‘t von de Muskanten,
Un von de Bur’n was ‘t de Oll."
Un dormit schuppste hei den Trummelslägers
Un Swarten an den Disch heranne neger.
"Warum hat Er," fröggt be Burmeister nu den Ollen,
"Die Ordnung hies’ger Stadt verletzt
Un sie in Rebellton versetzt?
Was hat Er damit sagen wollen?"
"Wo so ans? – Rebelljon? – Ih, dit wir nett!
Wenn ‘ne ganz ruhige Person,
De ‘n beten vull is un cumplett,
Von ‘ne oll Wagenbänk utglitt
Un in ‘ne türk’sche Trummel sitt,
Wo, dat, dat wir ‘ne Rebelljon?"
"Vollendet will ich zwar die Rebellion nicht nennen,
Doch auf Conat muß ich erkennen."
"Dat will ick Sei ok gor nich wehren,
Erkennen Sei man ümmer tau!
Denn min Gewissen is in Rauh,
Un wat ick segg, kann ick beswören;
Ick swör mi af von desen Swindel.
Wo? – Irst möt ick mit dat Gesindel
Mi ‘rümmer slahn, un denn sall ick
Rebeller sin? – Dat will w’ mal seihn!
Dat wir doch ein verfluchtes Stück!" –
"Wie kam Er in die Trommel ‘rein?"
"Er that ‘s," seggt de Muskant, "aus Niederträchtigkeit."
"Ne, Hund!" seggt Swart, "ut Unbedächtigkeit!
As ick nah ‘n Wagen ‘rinnte steg,
Dunn glitscht ick von de Bänk un krege
Dat gradenmang as mit en Tummel –
Un föll von baben in de Trummel."
Das könnt’ man einen casus nennen;
Vielleicht wär’ auch auf lapsus zu erkennen."
"En Kasus, ja! Dat gew ick tau,
Doch mit den Raptus laten S’ mi in Rauh,
Wo süll ick tau den Raptus kamen?
Ick hadd’ jo gor nicks tau mi namen,
Ick ded’ so jo noch ganz nüchtern sin."
"Mein lieber Freund, ich sage: lapsus."
"Ja, dat is denn ‘ne anner Sak.
Doch, Herr, wenn ick de Kasus bün,
Denn is de Anner dor de Slapsus,
Denn nem’n S’ sick den man in de Mak;
Denn as ick Worm dor in de Trummel set,
Un min oll Jung an mi herümmer ret,
Dunn sloge de Slaps mi aeewer ‘n Kopp verdwas,
Un stödd’ min’n ollen Nahwer Witten
Herinne in den Kunterbaß,
So dat up ‘t Stegg hei kamm tau sitten
Un ganz tau nicht is heil und deil."
"Herr," seggt nu de Muskant, "mit so ‘n Hintertheil –
Ne, sehn Sie bloß! – setzt er sich in die Trommel ‘rein; –
Ne, sehn Sie bloß mal, mit Vergunst!
Sitzt mich die Trommel kurz und klein,
Un rungenirt mir da die Kunst."
‘Ne restitutio in integrum wär’ hier
In diesem Falle freilich möglich;
Indessen aber scheint es mir...."
"Ne," röppte oll Witt un wimmert kläglich,
"Ne! Dormit laten S’ mi taufreden!
Ne! Alle Achtung vör be Herrn Gerichten!
Heww’n Sei up so ‘n oll Stegg mal reden?
Ick gah nah ‘n Dokter hen un lat mi gichten;
Un ick verlang up alle Fälle
So ‘n dörtig Dalers Smerzensgelle."
"Und ich verlange funfzig Thaler preußsch Courant,
Herr Bürgernmeister," seggt de Musikant,
"Für die Zersitzung dieser Instrumente."
Ih, denkt oll Swart, Du Zackermenter,
Du sallst doch hier kein Geld nich krigen!
Ok nich en Schilling kriggst Du ‘rut!
"Ne, Herr Burmeister," röppt hei lud,
"Wenn ‘t so is, will ick ‘t nich verswigen,
Dat sülwsten ick bün schändlich läderirt.
Ick segg dat sülwst, un billig wir ‘t,
Dat mi de niederträcht’ge Trummelsläger
Giwwt twintig Daler Smerzensgeld
Un mi betahlt min Hosendräger,
Wil mi de Hos’ stets ‘runneföllt
Dit is en Stück, en ganz entfamtes,
Un wat sei föddern, is wat Utverschamtes."
"Na," seggt nu de Burmeister, "sett’t Jug dal: –
Herr Secretair, oh, schreiben Sie doch mal:
In Anbetracht und in Erwägung
Frühmorgendlich versuchter Ruhestörungsangelegenheit,
Sich offenkundgegeb’ner Widersetzlichkeit
Und attentirter Revolutionsbewegung,
Erkennen wir für Recht:
Vorstehend hier anwesend beide Alten
Und Hauptrebeller von den Bauern sind gehalten,
Mit ihren Söhnen und dem Knecht,
Für radikale Trommelfellzersitzung
Und destructive Contrebaßverletzung,
Den Musikanten funfzig Thaler preußsch Courant
Hier auf der Stelle auszuzahlen."
"Wo? Dit möt jo der Deuwel halen!"
Röppt Swart. "Stadtdiener Glandt!"
Röppt de Burmeister: "thu’ Er seine Pflicht!
Sowie der Bösewicht von Arrestant
Noch einmal mir in ‘s Urtheil spricht,
Zu neuer Widersetzlichkeit sich rüstet,
So bring’ Er ihn dorthin, wo ihn kein Sonnenstrahl
Je mehr bescheint und Molch und Unke nistet. –
Herr Secretair, oh, schreiben Sie doch mal:
In Anbetracht der Musicorum
Erkennen wir: Weil selb’ge das Decorum
Bei ‘m Bauern Schwarz so arg verletzt,
In Hosen-Noth und –Gleitung ihn versetzt,
Auch prügelweise arg ihn insultirt,
Im Gleichen auch den Bauern Witt
Durch böslich angestift’ten Baßstegritt
Fast in zwei Hälften parcellirt,
Und sich zu dieser That bekennen,
So sollen Musici um derentwegen
Hier funfzig Thaler Schmerzensgeld erlegen –
Das heißet nämlich, wenn sie können. –
Da aber leider es notorisch,
Daß Musikanten nie kein Geld,
Und jede Forderung an selb’ge illusorisch,
Ist Urthel bloß der Form nach so gefällt;
Und das Gericht erkennet d’rum
Zu dieser Sache endlicher Erledigung,
Daß die Partei’n für Kosten, für Entschädigung
Und Schmerzensgelder haften all’ in solidum.
Die Bauern zahlen demnach Kosten,
Entschädigung und auch den Schmerzensgelder-Posten.
Das heißet: 50 Thaler für den letzten;
Im Gleichen: 50 Thaler für die arg verletzten
Und ruinirten Instrumente.
An Kosten: 14 Thaler 17 Groschen und ein halben;
Das wären denn die Gelder alle.
Herr Secretair, ich glaub’ indeß, man könnte
Der größern Mühewaltung halben,
In diesem ganz besondern Falle,
Dem Diener Glandt für ‘s Vigiliren
Fünf Thaler extra vindiciren.
In Summa zahlen nun, ich sag’ es mit Bedauern,
Anwesende rebell’sche Bauern,
119 Thaler 17 und ein halben Groschen;
Und damit ist die Sitzung letzt geschlossen."
"Wi beiden?" röppt oll Swart. "Min Nahwer Witt un ick?
Einhunnert Daler? – Na, dit wir en Stück!"
"Wie, Er will sich in ‘s Urtheil mischen?"
"Herr," röppt nu de Muskant dortwischen,
"Die funfzig Daler krig’n mer doch?"
"Halt Er sein Maul! Sonst kommt Er in das Loch!
Entschädigung und Schmerzensgeld, das gleicht sich aus.
Ihr Musikanten geht nun still nach Haus;
Die Bauern bleiben hier und zahlen."
"Wo? Dit möt doch der Deuwel halen!
Herr, meinen Sei, ick bün so dumm?
Uns’ eigen Smerzensgeld sael’n wi betahlen?"
"Das Geld kommt in ‘s depositum."
"Dat weit ick woll, dat ‘t ‘rinne kümmt,"
Röppt Swart un fohrts fast ut de Hut,
"‘Rin kümmt dat woll, doch wenn kümmt ‘t wedder ‘rut?"
"Ja, lieber Freund, das ist sehr unbestimmt –
‘S ist Alles trüglich hier auf dieser Erden –
Wenn Musikanten zahlbar werden."
"Dor rük an!" röppt oll Swart "na dit
Is düller as en orndlichen Prinzeß!"
"Na, Herr Burmeister," fröggt oll Witt
"Ick frag Sei blot, heww’n wi denn Recht?"
"Wie so? – Ja, Recht, das habt Ihr ja! – Indeß
Steht Eure Sache dennoch schlecht;
Bezahlen müßt Ihr doch, das ist einmal gewiß."
"Je, Vadder," seggt oll Witt "dat is so, as dat is;
Dat heww ick aewerst ümmer funnen:
Wenn Einer den Prinzeß hett wunnen,
Möt hei betahl’n, un dat tauwilen düchtig;
Hei kriggt sin Recht un das Gericht dat Geld.
De Handel stimmt un is ok richtig,
So is ‘t nu einmal in de Welt:
För wat is wat. Dat is nich aftauwennen.
De Herr Burmeister ward den Pris woll kennen."
Wat helpt dat All? Sei möten ‘ruterücken;
Oll Swart, de schelt von ganz verfluchte Stücken;
Oll Witt, de tröst’t sick mit sin Recht!
An as nu All’ns betahlt is, seggt
De Herr Burmeister:"Nun genug für heute!
Nun reis’t mit Gott, Ihr lieben Leute."
"Na, Herr," seggt Swart – hei stunn all up den Süll
Un hadd’ den Drücker angefat’t –
"Nu gew ‘ck Sei noch en gauden Rath:
Wenn S’ för so ‘n beten Kinnerspill,
So ‘n beten Huschen, hunnert Daler nemen,
Denn möten S’ sick nah uns herutbequemen,
Denn möten S’ nah uns’ Dörp herute teihn,
Dor kaeen’n S’ von Prügel wat erlewen
Dor kamen S’ hen, dor warden S’ ‘t seihn!
Von uns, dor kaenen S’ Pacht von gewen."

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