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Gutenberg > Ludwig Fulda >

Das Wundermittel

Ludwig Fulda: Das Wundermittel - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDas Wundermittel
authorLudwig Fulda
year1920
firstpub1920
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart und Berlin
isbn
titleDas Wundermittel
pages111
created20091029
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritter Aufzug

Zimmer in der neuen Wohnung von Klaus und Fritz.

Ein stattlicher, repräsentativer Raum, mit zwei Türen in der Mittelwand, von denen die rechte zu einem Vorzimmer (Eingang), die linke zum Zimmer von Fritz führt. In der rechten Seitenwand vorn die Tür zum Atelier von Klaus, zu der einige Stufen hinaufführen; weiter hinten eine tiefe, erkerartige Nische. In der linken Seitenwand vorn ein Fenster. Elegante, ausgesprochen moderne Einrichtung. rechts und links vorn Ziertische mit Sesseln und kleinen Sofas. Rechts hinten sind, bis in die Nische hinein, mehrere gerahmte Bilder, dem Zuschauer abgekehrt, auf Stühlen und kleinen Staffeleien aufgestellt.

Erster Auftritt

(Helle Vormittagsbeleuchtung.) Joseph (ein geschniegelter pfauenhaft aufgeblasener Schlingel, betrachtet mit Kennermiene die Bilder). Fritz (kommt nach einigen Augenblicken von links Mitte. – Später) Tuck

Fritz. Joseph! – Was machen Sie denn da? – – Hören Sie nicht, Joseph? Ich frage, was Sie da machen?

Joseph (herablassend). Ach so.

Fritz. Darf ich um geneigte Antwort bitten?

Joseph. Ich besichtige die neuen Schöpfungen des Meisters.

Fritz. Weiter haben Sie nichts zu tun? 81

Joseph. Als Diener eines großen Künstlers hat man meines Erachtens auch die Pflicht, sich in seine Werke zu vertiefen.

Fritz. Wo ist er? Ich habe mit ihm zu sprechen.

Joseph (nach rechts vorn deutend). Der Meister ist in seinem Atelier beim Schaffen.

Fritz. Am Sonntagvormittag? (Er will zur Tür rechts gehen.)

Joseph (vertritt ihm den Weg). Porträtsitzung. Ich habe ausdrücklichen Befehl, niemand vorzulassen.

Fritz. Was? Sie unterstehen sich, mir den Weg zu meinem Freund zu versperren? Hier, in unserer gemeinsamen Wohnung!

Joseph. Die Wohnung ist gemeinsam, ich aber nicht. Ich diene nur dem Meister. Von ihm allein bin ich angestellt.

Fritz. Ihr Glück. Sonst würd' ich Sie impertinenten Bengel sofort an die Luft befördern.

(Es läutet.)

Joseph. Meine Erziehung verbietet mir, auf diesen Ton einzugehen. (Ab rechts Mitte, die Tür offen lassend.)

Fritz (allein). Da schlag' einer lang hin. (Er geht ein paar Schritte nach rechts, hält dann unschlüssig inne.)

Tuck (erscheint mit Joseph, der ihn hereingelassen hat, im Vorzimmer.) Die Kollektion der neuesten Donalds?

Joseph (auf die Bilder weisend). Hier.

Tuck. Zweck meines Kommens Studium. Nicht Störung seiner selbst.

Joseph (mit Blick auf Fritz). Sehr wohl. (Ab.)

Tuck (tritt ein, stellt sich vor). Tuck.

Fritz. Jürgens.

Tuck. Auch Kompressionist?

Fritz. Nur Hausgenosse. (Er geht mißmutig ab links Mitte.) 82

Zweiter Auftritt

Tuck. (Dann) Klaus, Gräfin

Tuck (betrachtet die Bilder mit gesammeltem Forscherblick, macht sich Notizen, verschwindet in der Nische).

(Von rechts kommen in traulichem Geplauder Klaus, wählerisch gekleidet, und Gräfin.)

Gräfin. Ach, das war unvergeßliche Stunde.

Klaus. Zu kurz. Viel zu kurz.

Gräfin. Zu gefährlich. Viel zu gefährlich.

Klaus. Wo liegt die Gefahr?

Gräfin. Wo liegt sie nicht? Oh, ich hätte mich in acht nehmen, ich hätte Flucht ergreifen müssen, gleich anfangs, da ich Delirium sah und von diesem Bild aller Bilder mich hingezogen fühlte zu seinem Schöpfer wie mit magischer Gewalt.

Klaus. Als hätte die gleiche Magie nicht auch mich erfaßt, sofort bei unserer ersten Begegnung! Als wäre seither nicht jeder Pinselstrich von einer Einzigen mir eingegeben, für eine Einzige bestimmt!

Gräfin. Ah, diese Pinselstriche! Man darf nicht zugesehen haben, wenn man nicht Verstand verlieren will.

Klaus. Ich hab' ihn ja auch verloren. (Auf sie zu.) Ich . . .

Gräfin (abwehrend). Nicht näher! Bitte, bitte!

Klaus. Warum nicht? Sind wir nicht frei?

Gräfin. Ich habe doch meinen Mann.

Klaus. Den seligen Stanislaus?

Gräfin (hauchend). Ja.

Klaus. Der ist doch seit Jahren tot.

Gräfin. Irrtum. Er lebt körperlos weiter. Sein Geist und ich, wir haben bis heut unsere Ehe fortgesetzt.

Klaus. Eigentümliches Verhältnis. 83

Gräfin. Und nach seinem Tode ist sie noch viel glücklicher geworden.

Klaus. Immerhin kann er nicht die nämliche Treue beanspruchen wie in den Tagen seiner Leibhaftigkeit.

Gräfin. Niemals, niemals könnt' ich einen andern Mann lieben ohne seine Einwilligung.

Klaus. Er braucht ja nichts davon zu wissen.

Gräfin. Alles muß er wissen von mir, alles, oder keine Ruh hätt' ich mehr.

Klaus. So hat er schon erfahren . . .?

Gräfin. Er war zuerst rasend eifersüchtig.

Klaus. Wie äußerte sich das?

Gräfin. Der Tisch hat getobt.

Klaus. Und jetzt?

Gräfin. Geheimnis.

Klaus. Auch für mich?

Gräfin. Ins Ohr. Ganz leise. (Sie nimmt ihn beim Ohrläppchen, flüstert ihm zu.) Gestern, als ich ihm Frage vorlegte, große Gewissensfrage, da hat nach einigem Zögern der Gute, Edle dreimal geklopft.

Klaus. Antolka! (Er will sie an sich ziehen.)

Gräfin. Artig sein!

Tuck (während des Gesprächs aus der Nische zurückgekehrt, doch noch von den Bildern verdeckt, räuspert sich).

Gräfin (erschrickt heftig). Ah!

Klaus. Wer ist . . . (Er sieht Tuck.) Sie sind hier, Doktor?

Tuck (vortretend und sich verneigend). Zu Donald-Studien gestern eingetroffen.

Klaus. Sie haben gehört? . . .

Tuck. Nur geschaut.

Gräfin. Ah, hab' ich Herzklopfen! (Eine Glasröhre hervorziehend.) Ich muß auf den Schreck eine Mirakulintablette nehmen. (Sie schluckt sie.)

Klaus (zur Gräfin). Mein getreuester Apostel. 84

Gräfin. Wie sollt' ich meines Freundes Credenstein Kunstrat nicht kennen! Haben mir doch seine tiefen Essays erst entschleiert, was alles man sich bei Ihren Bildern zu denken hat.

Klaus. Nun, Doktor, sind Sie mit meiner neuen Ernte zufrieden?

Tuck. Rapide Gipfelung immanenter kategorischer Energien zu explosiver Potentialität.

Gräfin. Man kann es nicht treffender ausdrücken.

Klaus. Mußte meine Richtlinie mich nicht gradeswegs zu dieser Umwälzung der Porträtmalerei führen?

Tuck (ehrlich verwundert). Das sind Porträts?

Gräfin. Seelenporträts. Die sensationelle Novität, die der Meister in den letzten Monaten kreiert hat.

Tuck (gibt sich einen Ruck). Evident. (Er macht sich Notizen.)

Klaus. Wird dadurch die Menschendarstellung nicht auf eine höhere Stufe gehoben?

Gräfin. Auf die höchste!

Klaus. Bei den alten Meistern besaß ein Porträt Aehnlichkeit, bei den neueren Unähnlichkeit. Doch immer gab es nur die zufällige Erscheinung wieder, war nichts besseres als Photographie. Ich hingegen male überhaupt nicht mehr den äußeren Menschen, sondern den inneren, nicht den Kopf, sondern das Wesen, den Charakter, die Seele.

Gräfin. Bis in ihre verstohlensten Schlupfwinkel.

Klaus. In einer ersten Sitzung stelle ich die Grundfarbe der Persönlichkeit fest, von da aus vertiefe ich mich immer eingehender in ihre Nuancen.

Gräfin. Wie vorhin bei mir. Ich hab' es ja stets geahnt, daß meine Seele ultramarinblau ist.

Tuck. Vollendung des Kompressionismus im Psychologismus. 85

Gräfin. Und Sie können sich nicht vorstellen, wie der Meister mit Aufträgen bestürmt wird, besonders von den Damen. Jede ist neugierig, wie sie von innen aussieht. Ja, sogar mein überbürdeter Freund Schellander, der nunmehr zu seinen glühendsten Anhängern zählt, hat sich auf meine Veranlassung entschlossen, ihm zu sitzen.

Klaus. Ich erwarte ihn nachher.

Tuck. Nur noch einen Aufschluß für das von mir geplante Donald-Buch. Hatten Sie für den jähen Uebergang von Ihren konventionellen Erstlingen zu Ihrer epochalen Mission einen bestimmten Anstoß?

Klaus. Keinen mir bewußten. Es kam mit einem Mal über mich wie ein Blitz.

(Es läutet.)

Tuck. Akkurat meine Hypothese. (Er macht sich eifrig Notizen.)

Joseph (von rechts Mitte, meldet). Herr Marschall.

Klause Ich lasse bitten. (Joseph ab. – Leise, zur Gräfin.) Wir müssen uns heut noch ungestört sprechen.

Gräfin (leise). Müssen wir?

Klaus. Von zwölf ab ist mein Atelier frei.

Gräfin. Ich komme.

Dritter Auftritt

Vorige. Marschall (von rechts Mitte)

Klaus (familiär). 'tag, lieber Freund.

Marschall. Wieder umringt, lieber Freund. Ja, Könige haben ihren Hofstaat.

Gräfin. Doch er zieht sich zurück vor dem Premierminister. (Zu Tuck.) Begleiten Sie mich, Sie Quelle der Weisheit. Sie sollen sprudeln für mich unterwegs. (Verabschiedung. Sie geht mit Tuck ab rechts Mitte.) 86

Vierter Auftritt

Klaus. Marschall. (Zuletzt) Fritz

Marschall (nach flüchtigem Blick auf die Bilder). Sie wird auf sechs Millionen taxiert.

Klaus. Wer?

Marschall. Die Gräfin.

Klaus (ablenkend). Also – wann werden Sie meine Separatausstellung eröffnen?

Marschall. Daß ich's nicht vergesse – ich soll Ihnen einen Auftrag ankündigen. Von Herrn Zinkendraht.

Klaus. Will auch der seine Seele gemalt haben? Der hat ja gar keine.

Marschall. Er wünscht ein Reklameplakat.

Klaus. Wenn er ordentlich blecht, warum nicht?

Marschall. Daraus kommt's ihm nicht an.

Klaus. Ja, so billig wie dazumal bin ich nicht mehr zu haben. Das gilt auch für Sie, lieber Marschall.

Marschall. So, so.

Klaus. Von nun an müssen Sie tiefer in den Beutel greifen.

Marschall. Da dürften Sie sich denn doch einer kleinen Täuschung hingeben, mein Bester.

Klaus. Wieso?

Marschall. Vielmehr fraglich, wie lang' sich die Preise für Sie noch auf dem jetzigen Niveau halten lassen. Zumal, wenn Sie auf Ihre Separatausstellung nichts Anderes zu schicken haben als derlei Dutzendware.

Klaus. Dutzendware?! Ich traue meinen Ohren nicht.

Marschall. In diesem Fall würd' ich Ihnen sogar empfehlen, von der ganzen Ausstellung abzusehen.

Klaus. Ist das der Zweck Ihres werten Besuchs?

Marschall. Gewissermaßen. 87

Klaus. Ich bin starr. Wo noch kürzlich in Ihrem Salon keine Stecknadel zur Erde fallen konnte, als Sie meine ersten Seelenporträts brachten.

Marschall. Die ersten – allerdings.

Klaus. Und wo ich heut zehnmal so viele malen müßte, um der Nachfrage nur halb zu genügen.

Marschall. Heut – allerdings. Aber Sie werden mir zugeben, daß ich eine gute Witterung für morgen habe. Das da hat verblüfft vor zwei Monaten, jetzt kennt man es auswendig. Das ist die Mode dieser Saison, in der nächsten will man eine neue haben. Deshalb müssen Sie sich entweder entwickeln, von Bild zu Bild überraschend entwickeln, oder Sie werden glatt überholt.

Klaus. So? Wer ließ denn den Kompressionismus als die Malerei der Zukunft austrompeten?

Marschall (achselzuckend). Die schönste Zukunft wird mal Vergangenheit.

Klaus. Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß es eine Entwicklung geben kann darüber hinaus?

Marschall. Aber gewiß. Und sie macht sich bereits bemerkbar. Ich war gestern in einem Atelier, wo ich Werke der allerneuesten Richtung sah: des Hyperpressionismus oder Imaginismus.

Klaus (verächtlich). Ha, was kann denn die?

Marschall. Man sieht bei ihr auf der Leinwand so gut wie gar nichts mehr.

Klaus. Sie spaßen.

Marschall. Nur eine zarte Tönung, einen Hauch. Und der Beschauer muß bei den Klängen einer unsichtbaren Musik so lange darauf hinstarren, bis er das herrlichste Bild – sich einbildet.

Klaus. Schwindel! 88

Marschall. Immerhin – der Mann hat schon eine Gemeinde. Ich werde geschäftlich mit ihm rechnen müssen.

Klaus. Vertrottelung!

Marschall. Doktor Tuck zum Beispiel wird mitgehn, verlassen Sie sich drauf.

Klaus. Ein Manöver, wie es Ihrer würdig ist. Schreckschüsse, um mich zu drücken.

Marschall. Um Sie anzuspornen.

Klaus. Gut! Ich nehme das Rennen auf.

Marschall. Um so besser, lieber Freund.

Klaus. Aber wenn Sie glauben, daß ich auf Sie dabei angewiesen bin, lieber Freund . . .

Marschall. Keineswegs. Denn Sie werden eine reiche Frau heiraten.

Klaus (will aufbrausen). Herr, Sie sind . . .

Fritz (kommt von links Mitte). Ei, da bist du ja, Klaus. Ich habe mit dir zu reden.

Marschall. Kein Hindernis. Herr Donald und ich haben uns ausreichend verständigt. (Ab rechts Mitte.)

Fünfter Auftritt

Klaus. Fritz

Klaus. Was willst du denn? Ich bin so in Anspruch genommen . . .

Fritz. Das hat mir der Diener schon beigebracht.

Klaus. Joseph?

Fritz. Er hat mich belehrt, daß die Kommunikation zwischen uns nicht mehr so einfach ist wie ehedem.

Klaus. Er war freilich von mir beauftragt . . .

Fritz. Und daß ich in diesem Haus nichts zu sagen habe. 89

Klaus. Falls er in seinem löblichen Pflichteifer zu weit ging . . .

Fritz. O nein, er hat nur der Wahrheit die Ehre gegeben.

Klaus. Du wirst immer empfindlicher, Fritz.

Fritz. Wozu den Schein länger aufrecht erhalten, als wären wir noch gleiche Brüder mit gleichen Kappen.

Klaus. Ich sehe nicht ein . . .

Fritz. Du bist, seit wir hier eingezogen sind, ein Löwe des Tages geworden, mit riesigem Einkommen, mit steigenden Luxusbedürfnissen. Ich lebe auf Vorschuß von dem Gehalt, das ich erst vom nächsten Monat an beziehen werde.

Klaus. Hundertmal hab' ich dir angeboten, dir zu pumpen, so viel du willst.

Fritz (fortfahrend). Es entspricht also nur den Verhältnissen, wenn in unserer Wohnung du als Hausherr figurierst und ich als . . . nun, sagen wir, als Anhängsel.

Klaus. Gott, ja, wir konnten, als wir sie mieteten, nicht meinen raschen Aufstieg, meine wachsenden Repräsentationspflichten voraussehen. Sie ist zu eng geworden.

Fritz. Ganz meine Meinung. Aber dem läßt sich abhelfen. Ich mache dir Platz.

Klaus. Ich würde sehr bedauern . . .

Fritz. Stürze dich nicht in Gefühlsunkosten. Am ersten tret' ich meine Stelle an, da wird es ohnehin besser für mich sein, in der Nähe der Fabrik zu wohnen. Nur gibt es zwischen uns noch eine gemeinsame Angelegenheit, die vorher liquidiert werden muß.

Klaus. Welche denn?

Fritz (zögernd). Wie steht es – mit Erika?

Klaus. Mich fragst du das?

Fritz. Hast du sie in der letzten Zeit nicht gesprochen? 90

Klaus. Wie sollt' ich?

Fritz. Kein einziges Mal?

Klaus. Sie läßt sich ja nicht mehr blicken bei uns.

Fritz. Leider. Doch ich dachte, du hättest sie vielleicht aufgesucht.

Klaus. Hast etwa du es getan?

Fritz. Ich habe mich absichtlich von ihr zurückgehalten, seit . . . seit ich überzeugt bin, daß sie dir den Vorzug gibt.

Klaus. Die Zurückhaltung ist, wie mir scheint, auf ihrer Seite. Und ich habe dabei nichts vor dir voraus.

Fritz. Ist dir das so gleichgültig?

Klaus. Durchaus nicht. Aber nachdem sie damals uns beide hat abfahren lassen, fänd' ich es weder männlich noch klug, ihr nachzulaufen.

Fritz. Und so verlieren wir sie aus den Augen. Klaus, unser Mädel aus den Augen! Was denkt sie sich? Wie geht es ihr? Was wird aus ihr? Ist es nicht unerträglich, darüber in Ungewißheit zu schweben? Müßten wir nicht zeitlebens uns die bittersten Vorwürfe machen, wenn ihr irgend ein Leid geschähe, ohne daß wir es verhütet hätten?

Klaus. Hat sie unseren Schutz nicht immer wieder abgelehnt?

Fritz. Enthebt uns das der Verantwortung? Vielleicht deutet sie gar unser Schweigen als Kälte, wird dadurch in dem ihrigen bestärkt. Vielleicht wartet sie bloß auf einen Wink, eine Bitte. Es kann, es darf ja nicht sein, daß sie an uns irre wird. Dem müssen wir vorbeugen um jeden Preis . . . auch wenn ich ihn zahlen muß. Heut ist Sonntag, da hat sie frei. Komm, laß uns zu ihr hingehen, auf der Stelle. Oder – geh du allein.

(Es läutet.) 91

Klaus. Du hörst. Ich kriege Besuch.

Fritz. Dann gehe ich zu ihr; ich.

Joseph (von rechts Mitte). Draußen ist ein Fräulein Götz . . .

Fritz (freudig). Sie!

Joseph. Ich hab' ihr gesagt, daß der Meister beschäftigt sind. Aber sie gibt vor . . .

Fritz. Herein mit ihr, Mensch!

Joseph (zu Klaus). Soll ich?

Klaus. Lassen Sie eintreten.

Joseph (öffnet Erika die Tür; dann ab).

Sechster Auftritt

Vorige. Erika (von rechts Mitte)

Fritz (ihr entgegen). Kreatürchen, willkommen!

Klaus (etwas steif). Es freut mich, Erika . . .

Erika (ernst und gehalten). Was habt ihr euch denn da für einen Kammerherrn zugelegt?

Fritz (ironisch). Ja, wir sind vornehm geworden.

Erika. Wer mir gesagt hätte, daß ich einmal bei euch mich melden lassen muß!

Klaus. Deine Schuld, wenn mein Diener dich noch nicht kennt.

Fritz. Kind, wir hätten ja geflaggt; wir hätten ja die Tür bekränzt und die Treppe mit Blumen bestreut, wenn wir geahnt hätten, welches Fest uns bevorsteht. Deine Wiedereinkehr bei uns! Denn so ist es doch, nicht wahr? Du hast dich zu uns zurückgefunden. Du hast gefühlt, wie wir dich entbehrten, willst fortfahren, wenigstens unser Kamerad zu sein, wie du's uns versprochen hast. Laß dich nur mal anschauen – Ganz blaß ist sie, Klaus. Es fehlt dir doch nichts? Du bist doch wohlauf, will ich hoffen. (Ihr Platz anbietend.) Aber so 92 mach' dir's doch bequem – hier, wo du zu Hause bist, genau wie in Schloß Belvedere.

Erika (nach langsamem Kopfschütteln). Ich bin zu euch gekommen, Jungens . . .

Fritz. Sie nennt uns noch Jungens, Klaus! Dann ist alles gut.

Erika. Ich bin zu euch gekommen, um mich von euch zu verabschieden.

Fritz. Was?! Klaus. Du willst . . .?

Erika. Ich habe dem Professor heut schriftlich meine Kündigung angezeigt.

Fritz. Da haben wir's! Die alte Geschichte!

Erika. Nein, nicht so. Ich will mich verändern.

Klaus. Eine vorteilhaftere Stelle?

Erika. Ich will keine mehr annehmen.

Fritz. Bravo! Endlich wirst du vernünftig. Aber das ist doch kein Grund für dich zum Abschied. Das ist ein Grund für uns, dir zur Seite zu stehn . . .

Erika. Ich will fort von hier.

Fritz. Fort?

Klaus. Wohin?

Erika. In unsere Heimat. Tante Therese – ihr kennt sie ja – hat eine kleine Erbschaft gemacht und will mich zu sich nehmen.

Fritz. Die alte Klatschbase, die du nicht ausstehn konntest!

Erika. Ich werde schon mit ihr fertig werden.

Fritz. Verlassen willst du uns? Ganz und für immer verlassen? Warum denn nur? Warum?

Klaus (zu Fritz). Wozu dringst du in sie? Du merkst ja, daß sie nicht mit der Sprache heraus will.

Erika. Ein Irrtum, Klaus. Euer Kamerad ist euch 93 volle Offenheit schuldig. Seht, wenn ich jetzt bliebe, bei euch, für euch, das könnte nur eine Halbheit sein. Unterbrecht mich nicht. Ich muß die Worte behutsam wählen, damit ihr mich nicht mißversteht, mich nicht für abtrünnig haltet; denn das werd' ich nie. Aber es hat sich etwas zwischen uns gestellt . . .

Fritz. Das haben wir schon verwunden.

Erika. Nein, das mein' ich nicht. Ich meine das Fremde in euch selbst. Ich brauche mich ja nur umzuschauen hier, und es weht mich noch beklemmender an als bei dem bewußten Anlaß. Sind das denn wirklich noch meine Jugendgefährten, die hier herumgeistern, mitten in diesem falschen Glanz?

Klaus. Erlaube! Hier ist alles echt.

Erika. Nur ihr seid es nicht mehr.

Klaus. Kinderei!

Erika. Ich aber, seht ihr, ich habe gewartet . . .

Fritz (zu Klaus). Was sagt' ich dir? Gewartet hat sie!

Erika. Ein volles, rundes Jahr. Und heut ist es abgelaufen.

Fritz. Heut?

Erika. Auf den Tag ein Jahr, seit ihr in berechtigter Notwehr euer Wesen, euer Können verleugnet habt, um die törichte Welt zum besten zu haben. Euer Streich ist geglückt. Die Welt ist euch aufgesessen auf der ganzen Linie. Kein ernstlicher Widerspruch wagt sich mehr hervor. Aber die erlösende Tat, die ihr damals im Auge hattet, durch die ihr das blinde, stumpfe Herdenvolk hinstoßen wolltet auf euer wahres Ziel, um selbst wieder wahr zu werden, darauf hab' ich all die Zeit hindurch gewartet – umsonst.

Fritz (hingerissen). Du – du Prachtkerl!

Klaus. Soweit diese schöne Rede auf mich gemünzt ist . . . 94

Erika. Entsinnst du dich denn nicht mehr, Klaus, wie du es hinausschreien wolltest: Weil ihr an meiner Kunst achtlos vorübergingt, hab' ich mir einen Spaß mit euch gemacht, und ihr habt mein wüstestes Geklex euch als Offenbarung aufschwatzen lassen!

Klaus. Ach was! Mit dieser Legende wollen wir doch ein für allemal gründlich aufräumen.

Erika. Wie?! Du hättest so nicht gesprochen?

Klaus. Mag sein, daß ich damals in meiner Bezechtheit etwas dergleichen gefaselt habe. Aber dann war es eben Blech. So töricht ist die Welt denn doch nicht, um nicht Spreu vom Weizen unterscheiden zu können. Meine Kunst, meine echte Kunst, die hab' ich damals überhaupt erst entdeckt – meinethalb durch einen Zufall oder auch durch eine Fügung, wie man's nennen mag. Was ich vorher gemalt habe, das waren unfreie Schulübungen; was ich jetzt schaffe, das entspringt mit Elementargewalt meinem Eigensten. Ich habe mir damit eine Position erkämpft; jetzt gilt es meine ganze Kraft, sie zu behaupten. Drum verzeih, wenn ich dich bitten muß, einstweilen mit Fritz allein vorlieb zu nehmen. Professor von Schellander kann jeden Augenblick hier sein zur Sitzung für sein Seelenporträt. Ich muß meine Vorbereitungen treffen. (Ab rechts.)

Siebenter Auftritt

Fritz. Erika

Erika (sieht Klaus nach). Warum hab' ich nicht geschwiegen!

Fritz (losbrechend). Gottlob, daß du sprachst. Denn Recht hast du, tausendmal Recht – in allem, was mich betrifft. Und hätte mein Fuß nicht immer wieder gestockt, wenn ich zu dir wollte, mich dir anvertrauen – 95 dann wüßtest du längst, daß du mich nicht strenger verurteilen kannst als ich mich selber.

Erika. Ich verurteile dich nicht.

Fritz. Schlimmer noch, fremd bin ich dir geworden. Und mir dazu. Fremd, fremd, weil ich Verrat an mir geübt habe, mich verkauft in dem übermütigen Wahn, man könne die Menschen anschmieren und sauber dabei bleiben. Ich habe nur eine Entschuldigung dafür. Ich tat es nicht um meinetwillen. Aber auch die taugt nicht viel. Wer sich einen Knacks holt, wie will der andern eine Stütze sein! Und so hab' ich mit meiner Achtung vor mir zugleich auch die deine verscherzt – als könnten alle Herrlichkeiten der Erde mir die ersetzen!

Erika (ihm übers Haar streichend). Armer Junge!

Fritz (mit mattem Aufleuchten). Du streichst mir übers Haar?

Erika. Weil nun du mein krankes Kind bist.

Fritz. Mütterchen!

Erika. Aber grad, wo du schon so lang' dich damit abquälst, konnt' ich mir nicht erklären . . .

Fritz. Weshalb ich dem Unwesen noch kein Ende gemacht habe? Nichts, was auf friedlichem Weg dazu führen konnte, ließ ich unversucht. Und als ich dem schwerhörigen Biedermann schärfer auf den Leib rücken wollte, da war er mit einemmal verduftet. Geschäftsreise nach Südamerika, ohne Adresse zu hinterlassen.

Erika. Er ist wieder hier.

Fritz. Zinkendraht?

Erika. Ich bin ihm auf der Straße begegnet.

Fritz. Hurra, der Fuchs ist in der Falle! Ja, das schwör' ich dir, diesmal entgeht er mir nicht. Nun 96 fass' ich ihn schonungslos und lasse nicht locker, bis ich wieder reingewaschen dastehe vor mir und vor dir.

Erika. Aber wenn er dickfellig bleibt?

Fritz. Dann . . . doch das werd' ich dir zeigen, schwarz auf weiß.

(Es läutet. Kurz darauf hört man im Vorzimmer Stimmen.)

Erika. Du willst ihm schreiben?

Fritz. Sofort. Damit du mit eigenen Augen siehst, wozu ich entschlossen bin.

Erika (nickend). Gut. Fritz. Nur drei Minuten Geduld. (Ab links Mitte.)

Achter Auftritt

Erika. Schellander. (Zuletzt) Fritz

Joseph (hat schon kurz vor dem Abgang von Fritz die Tür rechts Mitte geöffnet; zu Schellander, der im Vorzimmer sichtbar wird, nach rechts vorn deutend). Herr Professor werden erwartet, dort im Atelier. (Er läßt ihn eintreten, schließt hinter ihm die Tür.)

Schellander (geht nach rechts vorn, sieht Erika, bleibt überrascht stehen). Hier find' ich Sie, Fräulein Götz! Daheim sucht' ich nach Ihnen vergebens.

Erika. Da ich heute dienstfrei bin . . .

Schellander. Drum hinterlegten Sie mir meuchlings ein Schriftstück . . .

Erika. Schriftlich sagt sich so etwas leichter.

Schellander. Ich bin ja wie vor den Kopf geschlagen.

Erika (nach rechts deutend). Sie werden erwartet.

Schellander. Nur ein Wort!

Erika. Nicht hier. Nicht jetzt.

Schellander. Machen Sie's kurz. Nehmen Sie Ihre Kündigung zurück! Ich bitte Sie darum.

Erika. Unmöglich. 97

Schellander. Soll ich Ihnen nochmals beteuern, daß Sie mir vollkommen unersetzlich sind?

Erika. Niemand ist unersetzlich, Herr Professor. Es gibt so viele Sekretärinnen . . .

Schellander. Keine wie Sie. Fordern Sie, stellen Sie Bedingungen; sie sind im voraus gewährt.

Erika. Es geht beim besten Willen nicht.

Schellander. Aber so nennen Sie mir zum mindesten den Grund! Haben Sie sich über mich zu beschweren? Bin ich seit jener kleinen Lektion nicht von unwahrscheinlichster Musterhaftigkeit gewesen?

Erika. Note eins.

Schellander. Was in Teufels Namen kann Sie also veranlassen . . .

Erika. Wenn Sie durchaus darauf bestehen . . . Ich wollte nicht abwarten, bis Sie mir kündigen würden.

Schellander. Ich Ihnen?! Niemals hätt' ich das getan. In hundert Jahren nicht.

Erika. Sie wären vermutlich dazu gezwungen gewesen.

Schellander. Gezwungen? – Holla, nun dämmert's mir! Meine Frau . . . sie hat Ihnen hinter meinem Rücken eine Szene gemacht?

Erika. Mehrere.

Schellander. Ah, das sieht ihr ähnlich! – Und für die Eifersucht, die grundlose Eifersucht meiner Frau wollen Sie mich so grausam büßen lassen?

Erika. So ganz grundlos ist sie ja nicht – wenigstens insoweit sie Ihnen gilt.

Schellander. Ein Zwang, Ihnen zu kündigen, meinten Sie? (Mit Entschluß.) Wie nun, wenn ich statt dessen ihr kündigte?

Erika. Aber Herr Professor! 98

Schellander. Würden Sie in diesem Falle Ihren Brotherrn als Bräutigam akzeptieren?

Erika. Dann hätt' ich ja drei.

Schellander. Mich an Stelle der zwei andern. Sagen Sie ja – und ich lasse mich scheiden.

Erika. Tun Sie das nicht. Ihre Frau ist noch immer die Beste für Sie, trotz allen Eifersüchteleien. Eine andere war' Ihnen längst davongelaufen.

Schellander. Ihnen könnt' ich treu sein.

Erika. Wie lang'?

Schellander. Ewig! Denn ich liebe Sie. Ich liebe Sie so unsinnig, wie ich noch kein Weib geliebt habe.

Erika. Na, na.

Schellander. Sie zweifeln?

Erika. Wie vielen vor mir haben Sie das schon gesagt?

Schellander. Noch keiner hab' ich je gesagt, daß ich um ihretwillen mich von meiner Frau scheiden lassen will.

Erika. Weil Sie es noch bei keiner nötig hatten.

Schellander. Sie sind hart wie ein Kiesel.

Erika. Da täuschen Sie sich sehr. Ich schmelze nur nicht in jedem Feuer.

Schellander. Haben Sie denn gar nichts für mich übrig?

Erika. O doch. Sie hätten mir sogar mehr imponiert als irgend einer, wenn nicht . . .

Schellander. Wenn nicht?

Erika. Wenn ich Sie nicht aus zu großer Nähe gesehen hätte.

Schellander. Das . . . das ist bitter.

Erika. Lieber Herr Professor, es ist noch viel bitterer 99 für mich, daß ich in bezug auf die Männer so durchdringende Augen habe. Denn vielleicht blüht mir deshalb, ganz gegen meinen Wunsch, das Schicksal, sitzen zu bleiben.

Schellander (bewegt). Fräulein Erika . . .

Fritz (kommt von links Mitte, mit einem offenen Brief). So. (Er sieht Schellander.) Guten Tag.

Schellander. Guten Tag, Herr Jürgens.

Erika (zu Schellander.) Lassen Sie jetzt Ihre Seele malen.

Schellander. Das Gemälde wird sehr dunkel ausfallen. (Ab rechts.)

Neunter Auftritt

Fritz. Erika. (Gleich darauf) Zinkendraht

Fritz. Hör' zu. (Es läutet.) Ich hoffe, du wirst zufrieden sein. (Vorlesend.) »Sehr geehrter Herr!« (Im Vorzimmer erhebt sich ein Wortwechsel.) Was gibt's denn da? (Er geht zur Tür rechts Mitte, öffnet sie, so daß dahinter Zinkendraht und Joseph zum Vorschein kommen. Zu Erika.) Lupus in fabula!

Joseph (draußen). Der Meister sind jetzt nicht zu sprechen.

Zinkendraht (murmelt etwas ärgerliches).

Fritz (nach dem Vorzimmer gewandt.) Nur näher, Herr Zinkendraht. Mir kommen Sie wie gerufen. (Zu Erika, die ihn fragend ansieht.) Du mußt bleiben – als Zeugin.

Erika (nickend). Gut. (Sie zieht sich während des Folgenden allmählich hinter die Bilder und in die Nische zurück und wird nur hie und da in gespannter Aufmerksamkeit sichtbar.)

Zinkendraht (eintretend). 'morjen.

Fritz. Mir ein ganz besonderes Vergnügen, Sie nach so ausgedehnter Abwesenheit wiederzusehn.

Zinkendraht. Wollte eigentlich zu Ihrem Freund. 100 Aber egal. Können's ihm ja ausrichten. Sache nämlich, die auch Sie angeht. Möchte großes Mirakulinplakat bei ihm bestellen, erstklassigen Schlager, neumodisch, brillant, fulminant – na, verstehen schon.

Fritz (mit Blick nach Erika hin). Freilich, die Sache geht auch mich an.

Zinkendraht (jovial). Hoho, will's glauben. Was habe Ihnen prophezeit? Bombenerfolg in allen fünf Weltteilen. Meine Geschäftsreise nach Uebersee Schlußstein gewesen. Kein Südamerikaner mehr ohne Mirakulin.

Fritz. Wie sehr diese Sache mich angeht, war ich grad im Begriff Ihnen zu explizieren. (Er reicht ihm den Brief.) Da. Sie ersparen mir das Porto.

Zinkendraht (nachdem er den Anfang überflogen hat). Ist doch die Möglichkeit! Immer noch Ihre alten Mucken!

Fritz. Lesen Sie zu Ende.

Zinkendraht (weiterlesend). Sind Sie schief gewickelt? Haben Sie Tinte getrunken?

Fritz. Unwiderruflich, Herr Zinkendraht. Entweder, oder!

Zinkendraht. Tolle Zumutung, jetzt, wo Artikel prosperiert, von mir zu verlangen . . .

Fritz. Ixmal zuvor hab' ich von Ihnen verlangt, Sie sollen die falschen Anpreisungen unterlassen.

Zinkendraht. Ixmal habe Ihnen erwidert, daß mit meinem Eigentum anfangen kann, was mir beliebt.

Fritz. Ihr materielles Eigentum, aber nach wie vor mein geistiges.

Zinkendraht. Größenwahn. Clou ist von mir. Name. Der hat's gemacht. Ausschließlich.

Fritz. Einerlei, es ist mein Präparat, mit dem Sie unter diesem Namen einen unerhörten, beispiellosen Gimpelfang betreiben. Und weil ich das nicht länger 101 verantworten kann, weder vor meinem Gewissen, noch vor der Oeffentlichkeit, drum stelle ich Ihnen die Bedingung . . .

Zinkendraht. Haben Sie mir beim Vertrag Bedingungen gestellt – he? Wo an jedem Finger zehn solcher lumpigen Mittel hätte haben können? Nee, nee; wußten wohl, warum. Aber hinterher, wo Name und Präparat nicht mehr zu trennen sind, da drohen Sie mir damit, mir Geschäft zu verderben!

Fritz. Vielmehr es von der Verderbtheit zu säubern.

Zinkendraht (wird sentimental). Das ist mein Lohn dafür, daß mir Nächstenliebe partout nicht abgewöhnen kann. Das ist mein Dank, weil mich menschenfreundlich Ihrer angenommen, Sie vorm Verhungern gerettet, Ihnen Stelle in der Fabrik verschafft habe!

Fritz. Ein ungleicher Handel trotz alledem. Denn ich hab' Ihnen meine Seele verkauft – preiswürdig, allzu preiswürdig.

Zinkendraht. Aha! Pfeift der Wind aus dem Loch? Die Kiste kennt man. Edelmütige Gewissensbisse, zum Zweck von kleinem Erpressungsversuch.

Fritz (auf ihn zu). Herr!!

Zinkendraht (zurückweichend). Sachte, sachte! Bin kein Unmensch. Leben und leben lassen. Erkläre mich meinethalb aus freien Stücken zur Nachzahlung bereit. Soll mir eventuell sogar, bloß des lieben Friedens wegen, nicht ankommen auf Gewinnbeteiligung. (Zwinkernd.) Na? Einverstanden?

Fritz. Wie gut Sie mich kennen, Sie Menschenfreund, Sie! Keinen Pfennig mehr von Ihnen! Im Gegenteil, zurückerstatten will ich Ihnen das Sündengeld mit Zins und Zinseszins.

Zinkendraht. Lachhaft! 102

Fritz. Will noch obendrein jede von Ihnen geforderte Summe drauflegen . . . ^

Zinkendraht. Wofür?

Fritz. Für die Lösung, die Annullierung unseres Vertrags.

Zinkendraht. Soviel Geld gibt's ja gar nicht.

Fritz. Und wenn ich mir's von meinem Freund und von andern zusammenpumpen, und wenn ich mein Leben lang dran abzahlen muß . . .

Zinkendraht. Schlaumeier! Ums Geschäft auf eigene Rechnung zu machen!

Fritz. Nein, um das Mittel aus dem Handel zu ziehn.

Zinkendraht (greift sich an den Kopf). Reitet Sie denn der Satan? Ein allseitig anerkanntes Wundermittel! Siegreich über die gesamte Konkurrenz, im Gebrauch von hohen und höchsten Herrschaften, beglaubigt durch Tausende von Dankschreiben, attestiert von allen Autoritäten, Kapazitäten, Fakultäten – das wollen Sie aus dem Handel ziehn?!

Fritz. Oder durch die Gassen rufen, so laut ich kann, daß es Schwindel ist, gemeiner, niederträchtiger Schwindel.

Zinkendraht. Da dürften Sie sich verrechnen. Eklig verrechnen.

Fritz. Abwarten!

Zinkendraht (außer sich, schreit). Dann werden Sie nur sich selbst 'reinlegen, nur sich allein. Denn der Schwindel ist von Ihnen! Dann verklage Sie auf Schadenersatz. Dann überliefre Sie der Staatsanwaltschaft. Dann bringe Sie ins Gefängnis, ins Zuchthaus!

Fritz (schreit ebenfalls). Erst sehn, wem man mehr Gehör schenken wird – Ihnen oder mir.

Zinkendraht. Sie Hanswurst!

Fritz. Sie Spitzbube! 103

Zehnter Auftritt

Vorige. Klaus, Schellander (von rechts)

Klaus (auf der Schwelle). Was geht hier vor?

Zinkendraht. Ihr Freund ist übergeschnappt.

Schellander. Wie?

Zinkendraht. Tobt wie besessen, weil Plakat von Ihnen wünsche; Kostenpunkt Nebensache.

Klaus. Fritz, du hättest . . .?

Zinkendraht. Führt konfuse Schimpfreden gegen seine eigene Erfindung.

Schellander. I, warum nicht gar.

Fritz. Ein Schmarren ist sie, meine Erfindung.

Zinkendraht. Was sagen Sie, Herr Professor?!

Fritz. Ein elender Schmarren!

Schellander (zu Klaus). War er schon öfter so?

Klaus. Seit Wochen stark überreizt.

Fritz. Eine schundmäßige Dutzendmixtur, die dieser Handelsmann da mißbraucht hat zu einem heillosen, skrupellosen Massenbetrug.

Schellander (überlegen). Allerdings, wenn so der Urheber eines Heilmittels spricht, auf das er stolz sein müßte . . .

Fritz. So ist das wohl Beweis genug.

Schellander. Beweis genug für Ihre momentane Sinnesverwirrung.

Fritz. Umgekehrt! Sie, Herr Professor, haben sich den Sinn verwirren lassen.

Schellander (lächelnd). Ich?

Fritz. Sie, der ursprünglich den Humbug durchschaut hat, ihn bekämpfen wollte und zuletzt ihm ebenfalls glatt zum Opfer fiel.

Schellander (wird ernst). Da muß ich doch sehr 104 energisch bitten. Ich falle keinem Humbug zum Opfer. Wenn ich anfangs gegen das Mittel mich skeptisch verhielt, so lag das nur an meiner extremen ärztlichen Gewissenhaftigkeit. Aber die Wucht der Tatsachen, die Erfahrungen der Praxis und vor allem die unfehlbare Promptheit, mit der es jedesmal bei mir selber wirkt, haben mich mehr und mehr von seinen außerordentlichen Qualitäten überzeugt.

Fritz. Benebelung! Selbsttäuschung!

Schellander (ereifert sich). Was? Mich, den Professor von Schellander, wollen Sie Lügen strafen? Sie?!

Klaus. Wahnwitz!

Zinkendraht. Unverschämtheit!

Schellander. Mein wissenschaftliches Urteil wollen Sie anfechten, nachdem ich inzwischen mich sogar bewogen gefühlt habe, es Herrn Zinkendraht offiziell zu bescheinigen?

Zinkendraht (zieht ein Schriftstück hervor). Hier!

Klaus (zu Fritz). Den Mund wirst du gefälligst halten.

Fritz. Nein, aufreißen werd' ich ihn, bis er alle Trommeln und Fanfaren übertönt. Ihr Hammelherde! Wenn ihr nicht weiter geschoren, geschröpft, beschummelt sein wollt, so glaubt nicht, glaubt nicht an das Mirakulin!

Elfter Auftritt

Vorige. Gräfin

Gräfin (ist schon während der letzten Worte von rechts Mitte eingetreten, schießt nach vorn). Hör' ich recht?

Schellander. Ein Vater, Gräfin, der sein Kind verlästert.

Gräfin (exaltiert). Nicht glauben an Mirakulin?! Nicht glauben an meine Zuflucht, meine Labsal, meinen süßen Herzenstrost! (Aufkreischend.) Ah! Ah! Ah! Nehmt 105 mir meine Perlen, meine Juwelen, mein Vermögen, nehmt mir alles, alles bis auf nackte Haut, nur nicht den Glauben an das Manna, das mich aufrecht erhält.

Fritz. Den Aberglauben!

Gräfin (immer hysterischer). Ah, soll ich betteln? Soll ich händeringen? Soll ich Kniefall tun im Namen der Tausende, denen Sie unbarmherzig rauben wollen, was Sie ihnen geschenkt? Höchste Wohltat! Einzige Hoffnung! Oh, was soll aus uns werden dann? Sollen wir hinwelken? Sollen wir hilflos schmachten? Sollen wir unrettbar zugrunde gehn?

Fritz (verzweifelt). Heiliger Herrgott!

Schellander. Fassung, Gräfin. Ihm – ihm wird man nicht glauben. Ihn wird man, wenn er sich nicht eines Besseren besinnt, für unzurechnungsfähig erklären. Ich voran.

Fritz. Ja, vielleicht werd' ich's noch wirklich, wenn ihr keine Barmherzigkeit habt mit mir! Ich kann ja – ich kann diese Last nicht mehr weiterschleppen.

Zinkendraht. Total blödsinnig!

Klaus (zu Schellander). Was fängt man mit ihm an?

Erika (die sich aus dem Hintergrund langsam genähert hat, tritt plötzlich dazwischen). Lassen Sie mich mit ihm allein. Ich will versuchen, ihn zur Besinnung zu bringen.

Schellander. Schön.

Klaus (zu Erika, leise). Falls er vorhaben sollte, mich mit zu kompromittieren . . .

Erika. Geh nur.

Klaus (zu den andern). Kommen Sie, meine Herrschaften.

(Klaus, Schellander, Gräfin, Zinkendraht ab rechts.) 106

Zwölfter Auftritt

Fritz. Erika

Erika (sich ihm nähernd). Drachentöter . . .

Fritz (erschöpft). Du hast gehört.

Erika. Alles.

Fritz. Alle miteinander blind! Alle verschworen gegen den einen, der sie sehend machen will.

Erika. Nun setz' dich mal hin, ganz still, ganz muckenstill.

Fritz. So gib mir doch einen Rat! So sag' mir doch, wie ich ihnen beikommen soll!

Erika. Wenn ich nun aber fände, daß sie Recht hätten? (Bewegung von Fritz.) Still sollst du sein. – Wenn sie Recht hätten, und wir zwei wären im Unrecht gewesen?

Fritz. Das fragst mich – du?!

Erika. Ja, ja, ob du mich auffressen wirst oder nicht – ich schaue das Ding jetzt mit andern Augen an, mit ganz andern.

Fritz. Im Unrecht – wir?

Erika. Auch ich, daß ich dir's nur gestehe, bin ins Lager der Gläubigen übergegangen.

Fritz. Ist das dein Ernst?

Erika. Auch ich zweifle nicht mehr an der Zauberkraft des Mirakulin.

Fritz. Willst du mich verhöhnen?

Erika. Warum könntest du bei seiner Zusammensetzung nicht unbewußt einen glücklichen Griff getan haben? Hob noch nie einer einen Glassplitter auf, der sich hinterdrein als Edelstein erwies? Sind nicht viele große Entdeckungen auf solche Art zustand gekommen?

Fritz. Undenkbar!

Erika. Aber auch wenn deine Mixtur der Quark sein sollte, für den du sie hältst, ist denn damit 107 ausgemacht, daß sie den Leuten nichts hilft? Behüte, sie hilft ihnen wahr und wahrhaftig, eben, weil sie dran glauben. Denn der Glaube macht nicht nur selig, sondern auch gesund.

Fritz. Illusion!

Erika. Meinethalb Illusion. Doch sträuben sie sich dann nicht mit gutem Grund gegen dein Bemühen, eine so heilsame, so wundertätige Illusion ihnen wieder zu entreißen?

Fritz. Gleichviel, ich lass' nicht ab.

Erika. Was nützt es? Dein Mittel mag verschwinden; das Mirakulin rottest du darum nicht aus. Das war ewig und wird ewig sein, nur daß es von Zeit zu Zeit seinen Namen wechselt.

Fritz. Werd' ich dadurch freigesprochen?

Erika. Sprich dich selber frei.

Fritz. Mit dem Profit in der Tasche?

Erika. Kehr' die Tasche um.

Fritz. Ja, die tausend Taler stift' ich einer Idiotenanstalt. Und die Stelle von Zinkendrahts Gnaden, die tret' ich nicht an.

Erika. Die Stelle, die dir Gelegenheit gibt, deine richtigen Erfindungen auszuführen? Weißt du, was das wäre, du Strudelkopf? Narretei wäre das, schlimmer noch, Fahnenflucht. Nein, sprich du dich frei durch deine künftigen Taten. Zeig' mit ihnen der Welt, daß du was Besseres kannst.

Fritz. Erst die Kraft wiederfinden!

Erika. Ei, nimm dir ein Beispiel an Klaus.

Fritz (auffahrend). An dem!

Erika. Seine Kraft hat sich verdoppelt.

Fritz. Weil er ein Gaukler geworden ist, unehrlich bis in die Knochen. 108

Erika. Oder weil er das Selbstvertrauen gefunden hat, das dir verloren ging. Darin zum mindesten ist er heut so ehrlich wie damals du.

Fritz. Wie warm du ihn verteidigst!

Erika. Ich sehe bloß auch ihn jetzt in anderem Licht.

Fritz (bitter auflachend). Haha, begreiflich!

Erika. Glaubst du, daß es ihm besser ginge als dir, wenn er gegen seinen Erfolg protestierte? Und wer sagt uns denn, ob nicht tatsächlich jener sogenannte Zufall den eigentlichen Klaus aus dem Ei schlüpfen ließ? Wer sagt uns, ob das gemalte Mirakulin dort auf der Leinwand eine neue Kunst nur in der Illusion ist oder in Wirklichkeit? Dürfen wir ihm da einen Strick daraus drehen, daß er die Leute ernst nimmt, die ihn ernst nehmen?

Fritz (zwischen den Zähnen). Gut so! Gut so! Hab' Dank.

Erika. Was ist dir?

Fritz. Mich hast du nun endgültig von jeder Illusion befreit.

Erika. Ich verstehe nicht . . .

Fritz (leidenschaftlich) Wozu verschwendest du noch Worte an mich? Wozu kümmerst du dich noch um den läppischen Tropf, der alles, was er tat, getan hat einem Phantom zulieb? Der sich untreu wurde um einer Treue willen, die nicht verlangt wurde und nicht erwidert! Der nur von dem einen Gedanken beherrscht war, sorgen zu können für . . . ha, was liegt dran, für wen. Als hätt' ihn das jemand geheißen! Als hätt' er nicht hundertfach merken können, der Tölpel, wieviel es geschlagen hat! So lach' ihn doch nur aus, er verdient es nicht besser. Und dann überlaß ihn getrost seinem Schicksal. 109

Erika (bittend). Fritz!

Fritz. So geh doch nur, geh!

Erika. Aber . . .

Fritz. Warum zögerst du? Hält eine letzte Rücksicht dich noch gefesselt, ich enthebe dich davon. Geh, wohin dein Herz dich zieht, und wo du sicherer geborgen bist. Zu dem Glänzenderen, Kraftvolleren, Erfolgreicheren. Ich, um dir die längst getroffene Wahl zu erleichtern, ich leiste zu seinen Gunsten Verzicht.

Dreizehnte Scene

Vorige. Klaus. Gräfin (von rechts)

Klaus (auf der Schwelle, unruhig). Nun, nimmt er Vernunft an?

Gräfin (dicht hinter ihm erscheinend). Ah, mein Verlobter ist so besorgt um seinen Freund . . .

Fritz. Verlobter?!

Gräfin. Ja, der teure Meister und ich . . .

Klaus (sehr verlegen). Aber das sollte doch noch gar nicht . . .

Gräfin. Weshalb es vor deinen nächsten Freunden geheim halten, Geliebter?

Fritz (drohend auf Klaus zu). Du – du hast . . .

Klaus (ängstlich). Noch immer aus dem Häuschen? (Er geht, die Gräfin begleitend, mit ihr ab rechts Mitte.)

Vierzehnter Auftritt

Fritz. Erika

Fritz (ausbrechend). So ein Lump!

Erika. Jetzt kann ich unbehindert zu Tante Therese gehn.

Fritz. So ein Jämmerling! 110

Erika. Denn meine Bräutigams bin ich nun glücklich los, alle zwei.

Fritz. Auf eine Frau wie dich verzichten!

Erika. Das hast du ja auch getan.

Fritz. Weil du ihn liebst.

Erika. Hellseher du!

Fritz. Ihn von jeher geliebt hast.

Erika. Eine Zeitlang hab' ich's mir eingebildet. Aber sobald ihr die Rollen tauschtet, er übermütig wurde und du kleinmütig, da war mir mit einem Schlage klar, daß er mir nur leid getan hat.

Fritz. So sprichst du, weil nun ich dir leid tue – und trägst dabei sein Bild auf der Brust!

Erika. Das war einmal.

Fritz. Das Medaillon ist leer?

Erika (löst es von ihrem Hals und reicht es ihm). Schau nach.

Fritz (von einem Argwohn durchzuckt, nimmt es widerstrebend). Der Dritte!

Erika. Der Eine.

Fritz (hat es geöffnet, taumelt). Aber das ist ja . . . das bin ja . . . O mein Gott! (Er faßt sich nach dem Herzen, sinkt, einer jähen Betäubung unterliegend, auf einen Sessel.)

Erika (bestürzt). Fritz! Was hast du? – Komm zu dir! – Fritz! Um Himmels willen! (Sie eilt zur Tür rechts, reißt sie auf, ruft hinein.) Herr Professor! Herr Professor!

Fünfzehnter Auftritt

Vorige. Schellander, Zinkendraht (von rechts). Klaus, Gräfin (von rechts Mitte zurückkehrend)

Schellander (hereineilend). Was gibt's?

Erika. Sehen Sie! Er ist bewußtlos. 111

Schellander (bei Fritz). Eine Ohnmacht.

Erika. Helfen Sie!

Schellander. Nichts leichter als das. Zwei Tabletten Mirakulin. (Er zieht eine Glasröhre hervor.)

Erika. Die nimmt er nicht. Er stirbt lieber.

Schellander. Er wird nicht lang' gefragt. (Er nimmt die Tabletten heraus.)

Fritz (macht, halb zu sich kommend, eine Bewegung).

Zinkendraht. Er rührt sich.

Klaus. Er wird sich wehren.

Schellander. Halten Sie ihn fest. (Zu Fritz.) Schlucken Sie mal, Verehrtester. (Während Klaus und Zinkendraht ihn an je einem Arm halten, stößt er ihm die Tabletten ein, die er mechanisch schluckt.) Eins. Zwei. – Sind schon drunten.

Fritz (schlägt die Augen auf, selig lächelnd). Kreatürchen . . .

Schellander. Wirkt im Nu.

Klaus. Fabelhaft.

Erika. Wie fühlst du dich?

Fritz (aufspringend). Wie neugeboren.

Schellander. Wissen Sie auch, wodurch?

Fritz (zu Erika gewandt, innig). O ja! Ein Wundermittel gibt mir die alte Kraft zurück.

Zinkendraht (triumphierend). Endlich glaubt er dran.

 


 

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