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Friedrich Gerstäcker: Das Wrack - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Walfischfänger und andere Seegeschichten
authorFriedrich Gerstäcker
year2000
publisherHusum Druck- und Verlagsgesellschaft
addressHusum
isbn3-88042-857-3
titleDas Wrack
pages141-190
created20000408
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7. Schluss

Es war elf Uhr vorbei, als sie die Brigg erreichten, wo sie von einem lauten Hurra der Kameraden empfangen wurden. Waren doch alle schon besorgt um ihr Schicksal gewesen, da man den Knall der Explosion bis hierher gehört, und Kapitän Wilkie hatte selber nicht übel Lust gehabt, hinüberzufahren, wenn er es eben gewagt, sein Schiff sich selbst zu überlassen.

Dem Verwundeten wurde indessen augenblicklich eine der gerade leer stehenden Kojen hergerichtet, und der Kapitän, der selber etwas von der Medizin und Chirurgie verstand, untersuchte seine Verletzungen, die er aber nicht für tödlich fand, und den erschöpften Zustand des Armen mit Recht mehr der nichtsnutzigen Behandlung und dem ausgestandenen Hunger und Durst zuschrieb. Was geschehen konnte, um ihm zu helfen, geschah auch in der Tat, und Ruhe blieb dann das Einzige, was noch eine wohltätige Wirkung auf ihn ausüben konnte.

Der Steuermann musste jetzt erzählen, was sie an Bord gefunden, und der Kapitän schüttelte dabei fortwährend über den abenteuerlichen Bericht den Kopf. Der Einzige aber, der darüber bestimmte Auskunft hätte geben können, lag noch bewusstlos in seiner Koje oder durfte doch wenigstens heute nicht mehr mit Fragen gequält werden.

Am nächsten Morgen hatte er sich allerdings merklich erholt. Er lag wach auf seinem Bett und drückte leise Kapitän Wilkies Hand, als dieser zu ihm kam, um zu sehen, wie es ginge. Aber sprechen konnte er noch immer nicht, und Kapitän Wilkie hatte auch heute wirklich zu viel zu tun, um an etwas anderes zu denken als an sein Schiff.

Das fremde Fahrzeug war noch in der Nacht bis auf den Wasserspiegel niedergebrannt, und nicht einmal mehr aufsteigender Rauch verriet die Stelle, wo es lag.

Der Anker wurde aufgeholt, die Rahen angebrasst, und die Betsy Ann kam langsam unterwegs, um ihren Lauf zwischen den wunderlichen Windungen von Klippen und Inseln hin zu nehmen, welche die Torresstraße durchschneiden. Die Brise hatte aber tüchtig aufgefrischt, und wenn auch nur vor den beiden Marssegeln, um nicht zu raschen Fortgang zu machen und doch vielleicht eine unter Wasser versteckte Klippe anzulaufen, legten sie ein so tüchtiges Stück zurück, dass sie Nachmittags um vier Uhr, wo sie wieder ankern mussten, schon in Sicht von Kap York, der Nordspitze Australiens kamen.

Der Kranke, der übrigens eine eiserne Konstitution zu haben schien, sonst hätte er auch wohl nie die erlittenen Misshandlungen ausgehalten, erholte sich bis dahin wenigstens so weit, dass er doch wieder ordentliche Nahrung zu sich nehmen konnte. Seine Verwundungen schienen überdies nur leicht, und die schwerste zeigte sich am Kopf – es war ein Hieb mit einem scharfen Instrument, den er dort bekommen und der ihn damals wohl betäubt haben mochte, aber weiter sein Leben nicht gefährden konnte. – Zum Erzählen war er aber immer noch zu schwach, und Kapitän Wilkie besaß zu viel Zartgefühl, ihm jetzt, in seinem doch noch immer bedenklichen Zustand, peinliche Erinnerungen zu früh in der Seele wachzurufen.

Der Betsy Ann ankerte diesen Abend unmittelbar in der Nähe einer kleinen, mit Büschen bewachsenen Insel; man konnte die australische Küste deutlich zu ihrer Linken liegen sehen. Das Land war dicht bewachsen, aber nur von Wilden bewohnt.

Am nächsten Morgen hatten sie etwa eine Seemeile zurückgelegt, als sie vor sich im Fahrwasser einen dunkeln Punkt entdeckten, der einer Klippe nicht unähnlich sah.

Die Marssegel wurden losgeworfen, dass das Schiff nur ganz unbedeutenden Fortgang machte, und so näherten sie sich langsam der gefürchteten Stelle – aber es war kein Fels, der ihnen hier die Durchfahrt verwehrte oder auch nur gefährdete, sondern nichts als der Überrest eines zertrümmerten Schiffsbootes, das umgeworfen und mit dem zersplitterten Kiel nach oben auf dem Wasser lag.

Kapitän Wilkie ließ seine Jolle nieder, um wenigstens den Namen des Bootes zu lesen, da diese gewöhnlich den ihres Schiffes führen. Der Steuermann war mit hineingestiegen und rief, wie er nur das kleine Wrack erreicht hatte, schon hinter seinem indes vorbeisegelnden Schiff her: »The Meisje van Utrecht, Kapitän!«

Das musste das Boot sein, auf dem sich die Mannschaft des gestrandeten Schiffes gerettet und dann hier in der Straße, Gott weiß durch welchen Unfall, ihr Ende gefunden hatte. Möglich, dass die Schwarzen das Boot mit ihren Kanus überfallen, denn in dieser Jahreszeit schwärmen sie gern in der Torresstrait und liegen dem hier sehr ergiebigen Fischfang ob – möglich, dass es auf einen der heimtückischen Felsen gerannt, die an vielen Stellen wie einzelne Kegel aus der Tiefe des Wassers ragen. Was aber auch immer die Ursache gewesen sein mochte, die Leute waren jedenfalls verloren, denn an dieser Küste gab es keine Rettung für sie.

Mit den Überresten des zersplitterten Bootes ließ sich übrigens nichts anfangen, und als der Kapitän, backgebrasst, sein eigenes Boot erwartet und die Leute wieder an Bord genommen hatte, setzte die Betsy Ann ihre unterbrochene Fahrt fort.

Drei Tage vergingen so. Die Brigg hatte die Gefahren der Torresstrait hinter sich und segelte lustig in dem ruhigen Wasser des Indischen Ozeans dahin, als sich der Kranke endlich so weit erholt hatte, dass er Aufschlüsse über sich und sein verlorenes Schiff geben konnte.

Er war, wie der Steuermann längst vermutet, der Kapitän desselben gewesen, und eine jener furchtbaren Szenen hatte sich an Bord abgespielt, wie sie so oft schon auf See Menschen zu Hyänen gemacht und den reinen Ozean mit Blut gefärbt.

Der Meisje van Utrecht war in Sidney mit seiner gewöhnlichen Mannschaft, die aber großenteils aus dort geworbenen Leuten bestand, in See gegangen, und ohne sein Wissen hatten sich drei flüchtige Sträflinge, jedenfalls von Einzelnen der neu Angenommenen unterstützt, an Bord versteckt gehalten, bis das Schiff aus Sicht von Land war. Ein Plan schien dann gemacht zu sein, das Fahrzeug zu nehmen, um nach einer der wunderschönen Südsee-Inseln zu steuern und dort zu bleiben. Einzelne der Mannschaft wurden dazu gewonnen, und als der Steuermann eines Nachts die Wache an Deck hatte, erschlugen ihn die Meuterer wahrscheinlich meuchlings, warfen ihn über Bord und überfielen dann den Kapitän in seiner Kajüte, während die von der Mannschaft, die nicht hatten verführt werden können, ebenfalls niedergemacht wurden.

Der Kapitän sollte aber keinen so raschen Tod sterben. Einer der Buben – sein eigener Bootsmann, den er im Hafen von Sidney bei einem Diebstahl ertappt hatte und peitschen ließ – nahm furchtbare Rache und warf den Unglücklichen in das Spintje unter der Kajüte gebunden hinab, um ihn dort langsam verschmachten zu lassen. In derselben Nacht erhob sich ein Sturm und schleuderte das Schiff an die Riffe, und die Meuterer verließen es mit dem Boot, um sich wahrscheinlich nach Neu-Guinea oder dem Ostindischen Archipel zu retten. Ihr Schicksal schien sie aber schon, dem aufgefundenen Boot nach, in der Torresstraße erreicht zu haben. Nur der Bootsmann blieb zurück; ob er sich mit den Übrigen nicht vertragen konnte – ob er sich an den Leiden seines Schlachtopfers noch länger weiden wollte – wer weiß es! Provisionen und Leckerbissen mit allen möglichen Getränken befanden sich genug an Bord; möglich, dass ihn auch diese zurückgehalten, da er mit der Kapitänsjolle noch immer allein fortkonnte, wenn er das Leben satt bekam. Täglich aber stieg er zu seinem unglücklichen Gefangenen hinab, der ihn vergebens um einen Trunk Wasser, ja als er ihm das höhnisch verweigerte, um den Tod bat, nur von seinen furchtbaren Leiden befreit zu werden.

Nach den Büchern, die der Mate gerettet hatte, musste es der vierte Tag gewesen sein, dass der Unglückliche, schon fast verschmachtet, in seinem dumpfen Gefängnis lag, als Gott ihm das fremde Schiff zu seiner Rettung sandte. Den Verbrecher hatte aber sein verdientes Los erreicht, und er hatte einen elenden Tod dort gefunden, wo er seine Schandtat begangen.

Der Kapitän des Meisje van Utrecht, dessen wichtigste Papiere übrigens der Bootsmann in der gefundenen Brieftasche gerettet, machte später die Anzeige von der begangenen Seeräuberei in Singapur, und ein kleines dort liegendes englisches Kriegsschiff lief durch die Straße, um vielleicht noch einzelne der Piraten aufzubringen und ihrer verdienten Strafe zu überliefern. Aber es fand keine Spur mehr von ihnen – die Fische des Meeres oder die australischen Schwarzen mit ihren Holzspeeren hatten das Rächeramt schon übernommen.

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