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Friedrich Gerstäcker: Das Wrack - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Walfischfänger und andere Seegeschichten
authorFriedrich Gerstäcker
year2000
publisherHusum Druck- und Verlagsgesellschaft
addressHusum
isbn3-88042-857-3
titleDas Wrack
pages141-190
created20000408
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6. Unerwartete Störung

Die Matrosen hatten indes die Genugtuung, das arme misshandelte Menschenkind wieder ins Leben zurückzurufen, und dazu trug wahrscheinlich ebenso viel die frische balsamische Nachtluft als die eingeflößte Erfrischung bei. Nasse Tücher wurden ihm außerdem um die Stirn gelegt, und ordentlich rührend war es zu sehen, wie sich die rauen Seeleute mit fast weiblicher Sorgfalt bemühten, ihm sein Lager bequemer zu machen oder irgendetwas zur Linderung seiner Schmerzen beizutragen.

Rätselhaft blieb freilich immer noch der Zusammenhang des Ganzen – wie der trunkene wüste Bursche allein in die Kajüte, wie der Gebundene da hinab in den Raum kam, wenn auch ein dunkler Verdacht über den Zusammenhang in dem Herzen des Steuermanns aufstieg. Jedenfalls beschloss er, unter den jetzigen Umständen den Tagesanbruch nicht abzuwarten, sondern lieber gleich mit dem, was sie an Deck geschafft, und dem Gefangenen wie dem Verwundeten an Bord zurückzukehren, wo dieser auch bessere Pflege finden konnte wie hier. Brachten sie den armen Teufel dann so weit, dass er nur eine Andeutung über das Geschehene geben konnte, so entschloss sich Kapitän Wilkie vielleicht, einen Tag daranzuwenden und die Launch noch einmal herüberzuschicken – es lohnte immer der Mühe. Aber der Gefangene –

»Alle Wetter!«, rief der Steuermann plötzlich, als ihm der wieder einfiel. »Was tust du den hier an Deck, John? Drunten in der Kajüte –«

Er konnte seinen Satz nicht beenden, denn ein furchtbarer Schlag schmetterte in dem Augenblick durch das Schiff, und mit dem Schlag zugleich schoss eine Feuersäule empor und warf Trümmer und Holzstücke ringsumher, dass einzelne davon bis in die gegen das Riff anprallende Brandung stürzten.

Die Seeleute fuhren erschreckt empor und waren einen Moment wie erstarrt – es schien fast, als ob sie einen zweiten Schlag erwarteten, der das Schiff dann voneinander reißen musste. Aber nur dunkler unheimlicher Qualm – der Pulverrauch – wälzte sich von der der See zugekehrten Seite des Schiffes in die Höhe und quoll jetzt auch aus der noch offenen und auf das Hauptdeck führenden Kajütentür heraus.

Der Verwundete selber schien von dem Knall der Explosion aus seinem Hinbrüten erwacht zu sein. Zum ersten Mal öffnete er die Augen und sah verstört um sich.

»Die Kajüte brennt!«, rief da der Bootsmann.

Es war, als ob der Verwundete etwas sagen wolle, aber keinen Laut brachte er über die geöffneten Lippen – er hob den Arm noch ein wenig und brach dann wieder erschöpft oder ohnmächtig zusammen.

Aber etwas anderes fesselte die Aufmerksamkeit der Leute jetzt, denn aus dem untern Raum scholl ein wildes, markdurchdringendes Angstgeheul zu ihnen herauf.

»Das ist der Schuft, der uns das Pulver angezündet hat«, rief da der Steuermann und sprang mit einem Satz auf das Quarterdeck hinauf, wo er mit dem ersten Besten, was ihm in die Hand fiel, die Glasscheiben des Skylight zusammenschlug, um dem Qualm wenigstens Abzug aus der Kajüte zu geben. Das half auch. Durch die Lücke, die sich das Pulver selber gerissen, durch die obere Öffnung und die Tür strömte der Qualm hinaus ins Freie – aber es war nicht allein das Pulver, das ihn erzeugt hatte, denn das aus den Weinkisten umhergestreute Stroh da unten hatte wahrscheinlich ebenfalls Feuer gefangen, und dicker, schwarzer Rauch folgte dem weißen Pulverdampf.

Und markdurchschneidender wurde das Geheul des da unten jetzt von seinem Geschick Ereilten, und der Steuermann, als er fand, dass er nicht von oben eindringen, wenigstens nichts in dem innern Raum erkennen könne, während er selber fürchten musste, in der Dunkelheit hinabzustürzen, dachte an die Planken, die sie vorhin im Zwischendeck losgeschlagen, und rief zweien seiner Leute, ihm dahin zu folgen.

Der Rauch war hier nicht so arg, da ihn der Luftzug mehr nach oben jagte, und von dem wilden Schreien des dort zurückgehaltenen Menschen geleitet, drangen sie mit ihren Laternen in das Innere vor. Aber sie kamen nicht weit, nur das konnten sie noch erkennen, dass dort unten durch die Explosion die Kisten durcheinander geworfen und auch ein paar der Deckbalken eingestürzt waren – da brach eine helle lodernde Flamme empor – noch ein wilder Aufschrei – dann Totenstille in dem unheimlichen Raum, und nur das Knistern der Flamme in dem Stroh und Holz.

Die Seeleute konnten kaum rasch genug zurück, damit sie nicht selber von Glut und Rauch gehalten und erstickt würden, und jetzt war auch ihres Bleibens nicht länger an Bord.

Der Bootsmann hatte indessen schon nach der Launch gesehen, ob nicht hineingeworfene Holzstücke sie vielleicht zertrümmert oder so arg beschädigt hätten, dass sie nicht wagen dürften, damit in See zu gehen. Aber glücklicherweise lag sie an der Landseite zu Larbord, während die Explosion an der Starbordseite des Schiffes nur diese Seite auseinander gerissen und dorthin die Bruchstücke geschleudert hatte.

Kaum an Deck, griffen alle jetzt zu, um den Verwundeten in das Boot zu heben und dann von den Gütern, die sie glücklicherweise schon hinaufgeschafft, noch zu bergen was möglich war. Zwei der Leute holten dazu die Launch weiter nach vorn, wo sie noch nicht von dem Feuer belästigt wurden, und das Einladen ging jetzt rasch und ungesäumt vor sich.

Das Feuer machte auch in der Tat nicht gleich so rasche Fortschritte, da es noch immer von dem Qualm des vielen dort unten liegenden Strohes erstickt wurde, und ebenso wenig brauchten sie zu fürchten, dass das auf den Korallen festsetzende Schiff mit ihnen wegsank. Rücksicht auf das Schiff selber durften sie auch nicht nehmen, denn das ließ sich nicht mehr retten. Im Nu war deshalb dort, wo die Launch lag, die obere Schanzkleidung – die so genannte Monkeyrailing – und eine der Regelingsstützen weggeschlagen, und damit das offene Deck des tief liegenden Schiffes fast dicht über ihr Boot gebracht, dass sie die Kisten und sonstigen Gegenstände nur hineinzuschieben brauchten, und die Leute warfen dann noch von den Brassen und sonstigem Tauwerk los, was sie erreichen und rasch in Sicherheit bringen konnten.

Aber nicht lange ließ ihnen das Element, das jetzt von dem Schiff Besitz ergriffen, Zeit dazu. Die Flamme, die ihnen zu ihrer Arbeit leuchtete, hatte das geteerte Tafelwerk ergriffen und schoss von dem Besanmast hinüber an den Hauptmast, lief an den Wanten und Pardunen, wie das Teer flüssig wurde, mit Blitzesschnelle hinauf und glitt auch bis nach dem Vormast hinüber. Die oben zuerst durchgebrannten Pardunen schlugen dann auf Deck nieder, dass die Funken weit umhersprühten, und nicht allein an der Back fing dort aufgekoiltes Tauwerk schon zu glimmen an, sondern auch aus dem Vorcastle quoll der Rauch, da sich das Feuer im Zwischendeck unten fortgepflanzt hatte.

Es war die höchste Zeit, dass die Leute von der Betsy Ann das brennende Schiff verließen, wenn sie nicht der Gefahr ausgesetzt sein wollten, dass selbst das Deck, auf dem sie standen, von unten verkohlte und mit ihnen zusammenbrach. Ebenso standen jetzt die drei Masten in vollen Flammen, und stürzte einer von diesen über ihr Boot, so war ihnen selbst der Rückzug abgeschnitten.

Der Steuermann gab dadurch selber das Zeichen zur Abfahrt, dass er in die Launch hineinsprang und den Steuerriemen aufgriff – Bob fehlte noch, aber er kam schon angehetzt und hatte sich nur ein vorher beiseite geschobenes Kistchen mit Zigarren, das aber auch schon an der einen Ecke glimmte, mitgebracht.

Die Ruder wurden gegen die Schiffswand gesetzt, und rasch trieb die Launch an dem brennenden Wrack vorbei wieder in den schmalen Kanal hinein, der sie aus den Korallen hinaus und in die offene See bringen sollte. Noch hatten sie den Rumpf aber kaum hundert Schritt verlassen, als auch das Vorderteil in vollen Flammen stand und die Glut von allen Seiten zusammenschlug: Es war die höchste Zeit gewesen, sich in Sicherheit zu bringen. Aber mit Tageshelle erleuchtete auch das brennende Schiff das Meer ringsumher, und besonders glühten die Schaumwellen der Brandung in einem unheimlich roten Licht. Doch die See war ruhig und sie durften jetzt auch hoffen, den Kanal, in welchen die Betsy Ann eingelaufen, selbst in finsterer Nacht wieder zu finden, indem sie nur mit dem gesetzten Segel an den weißen Kämmen der Brandung hinhielten, bis sie deren Ende und damit die Mündung des Kanals erreichten.

Aber auch an Bord der Betsy Ann waren die Leute, als sie das Wrack in Flammen stehen sahen, besorgt um ihre Kameraden geworden, und Kapitän Wilkie hatte an beiden Masten große farbige Laternen aufhängen lassen, um ihnen wenigstens die Stelle zu zeigen, wo sie lagen.

Wunderbar großartig sah es aus, wie das brennende Schiff, mit all seinen Masten in Flammen, die helle Lohe gegen den Sternenhimmel hinaufschickte, und die Blicke der rudernden Matrosen hingen unverwandt an dem Schauspiel. Ja, als der Besanmast sich zuerst zur Seite neigte, und dann durch sein Gewicht die beiden anderen, schon großenteils durchgebrannten Masten mit über und ins Meer riss, vergaß der Steuermann selber die Lenkung seines Bootes, die Leute ruhten auf ihren Rudern und alle starrten schweigend in die Funken sprühende, gewaltige Glut. Aber nicht lange – dort vor ihnen lag der Kanal, dort drüben konnten sie schon deutlich die Signallichter an den Tops ihrer eigenen Brigg erkennen, und mit hier vollkommen günstiger Brise liefen sie rasch hinan.

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