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Friedrich Gerstäcker: Das Wrack - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Walfischfänger und andere Seegeschichten
authorFriedrich Gerstäcker
year2000
publisherHusum Druck- und Verlagsgesellschaft
addressHusum
isbn3-88042-857-3
titleDas Wrack
pages141-190
created20000408
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5. Eine Entdeckung

In der Kajüte sah es indessen wild genug aus, denn in dem Kampf waren Flaschen und Gläser natürlich von dem am Boden festgeschraubten Tisch hinuntergeworfen, und die Stühle lagen zerstreut umher. Es war auch indessen schon fast dunkel geworden, und nur noch ein schwaches Dämmerlicht fiel, als die Sonne hinter dem Horizont versunken war, durch das Skylight. Die indessen aufgefundenen Schiffslaternen wurden aber jetzt angezündet, und während der Steuermann einen der Leute als Wache bei dem Gebundenen ließ, ging er jetzt selber daran, die Kapitänskajüte zu revidieren, um in den möglicherweise dort vorgefundenen Büchern, wenn nicht Auskunft über den jetzigen Zustand des Schiffes, doch jedenfalls Genaueres über dasselbe zu erfahren.

Die Tür war verschlossen, aber viel Zeit blieb ihnen nicht, um nach dem Schlüssel zu suchen, den der Gebundene keinesfalls gutwillig hergegeben hätte. Die Handspake musste deshalb auch hier wieder helfen, und nach ein paar Stößen wich denn auch das sonst gut und stark gearbeitete Messingschloss.

Der Steuermann hatte die Laterne aufgegriffen und trat, sie hoch in der linken Hand haltend, in die Tür.

»Alle Teufel!«, rief er aber auch in demselben Augenblick schon erschreckt aus; denn der Zustand, in dem er diese Koje traf, verriet ein hier verübtes Verbrechen.

Die Matrosen drängten rasch herbei, und es blieb kein Zweifel, dass hier eine Untat verübt worden. Das Bett, in dem der Kapitän früher geschlafen, war mit großen Blutflecken bedeckt, die Decke – ebenfalls mit den roten unheimlichen Spuren daran – hinabgeworfen und lag am Boden. Eine Art von Sekretär, der in dem kleinen Raum stand, war erbrochen und der Inhalt umhergestreut, und man sah deutlich, dass die hier Eingedrungenen nach der Tat den Raum geplündert hatten.

In einer Blutlache am Boden lag auch noch das Journal des Kapitäns – ein anderes Zeichen, dass dieser nicht das Schiff lebend verlassen haben konnte, er würde sonst jedenfalls dies Buch mitgenommen haben.

In der Koje des Steuermanns, die sie später öffneten, fanden sie auch noch das von diesem geführte Logbuch; also auch er war in dem Kampf geblieben oder vielleicht, als er die Wache an Deck hatte, von den Meuterern meuchlings ermordet und über Bord geworfen worden.

Es blieb jetzt natürlich keine Zeit, das Logbuch genau nachzusehen, ein flüchtiger Blick aber, den der Steuermann hineinwarf, belehrte ihn, dass das Meisje van Utrecht nicht von San Francisco, sondern von Sidney ausgesegelt sei und seine Bestimmung nach Manila gehabt habe. Die Aussage des Gefangenen war also falsch; was aber in aller Welt diesen bewogen haben konnte, auf dem Schiff allein zurückzubleiben und die Kameraden ziehen zu lassen, blieb ein noch ungelöstes Rätsel. War er vielleicht an dem ganzen Morden unschuldig und hatten sie ihn nur verlassen, weil er sich den Verbrechern nicht anschließen wollte? Aber hätte er dann nicht mit Freude selber ein rettendes Fahrzeug begrüßen müssen, das ihn der weiten Öde entführte und wieder zu Menschen brachte? Ja wäre es nicht seine Pflicht gewesen, das verübte Verbrechen gleich anzuzeigen, damit die Mörder ihre Strafe erhielten?

Der Steuermann trat wieder zu ihm in die Kajüte, um ihn noch einmal deshalb zu fragen, aber das zeigte sich als völlig nutzlos, denn vor sich hinstierend lag der Gefangene am Boden und verweigerte jede Antwort, ja tat nicht einmal, als ob er die an ihn gerichteten Fragen höre.

Es blieb ihnen keine Wahl, als den mürrischen Gesellen sich selber und seiner Wache zu überlassen, und dann zu sehen, welchen weiteren Aufschluss sie bei Lampenlicht über das unglückliche Fahrzeug bekommen könnten. Der Steuermann wäre freilich am liebsten bis zum nächsten Morgen hier geblieben, um die Untersuchung bei Tag vorzunehmen, so öde, so unheimlich kam ihm der Platz vor, aber er wusste auch recht gut, dass Kapitän Wilkie keine Entschuldigung hätte gelten lassen, die ihn und sein Schiff länger, als die Elemente ihn zwangen, in dieser gefährlichen Straße gehalten. Die notwendigsten Beweise für das begangene Verbrechen konnte er auch recht gut bei Licht sammeln, und er zögerte denn auch nicht, seine Pflicht zu erfüllen.

So viel fanden sie auch bald, dass der Gefangene wenigstens in einer Hinsicht die Wahrheit gesagt hatte. Das Schiff ging wirklich in Ballast und hatte wahrscheinlich seinen mitgebrachten Cargo in Sidney verkauft und das bare Geld oder Wechsel dafür mitgenommen, außerdem aber einen wahren Überfluss von möglicherweise zum Handel bestimmten Provisionen, Weinen und Spirituosen an Bord. Ganze Kisten mit in Blechbüchsen eingepackten und verlöteten Lebensmitteln fanden sie, Wein in Masse, und der Mate ließ gleich einmal zwei von seinen Leuten darangehen, einen Teil derselben auf Deck zu hissen, um sie dann morgen mit ins Boot zu laden. In der einen Koje fanden sie auch noch eine Menge neues Segeltuch in ganzen Stücken, das ebenfalls als gute Prise erklärt wurde.

Unmittelbar unter der Kajüte war die Hauptvorratskammer, darinnen aber noch ein kleiner Verschlag, wo gewöhnlich die für Kajütengebrauch mitgenommenen Waren gehalten werden, und der Eingang dazu führte auch direkt von der Kajüte hinab.

Der Steuermann war mit unten im Zwischendeck, hielt die Laterne und betrachtete sich die ziemlich starke Brettwand, ob sie nicht vielleicht von hier aus, durch Losreißen einer der Planken, einen bequemen Eingang in das »Spintje« gewinnen könnten.

»Ach was, Mate«, sagte aber der Bootsmann, der neben ihm stand. »Da stecken dreizöllige Nägel drin, und wir quälen uns hier eine Stunde ab. Von oben gucken wir viel bequemer hinein, wenn's auch nicht eben der Mühe wert sein wird. Zu leben finden wir hier draußen genug, und ich glaube, wenn wir jetzt daran gingen, die Segel loszuschlagen und die eine neue Kette einzuladen, bekämen wir Fracht genug und hätten mehr Profit.«

»Bst«, sagte da Bob, der über eins der Fässer hinübergeleuchtet hatte, um zu sehen, ob dort vielleicht eine Tür hineinführte. »Da drinnen stöhnt etwas.«

»Das ist der Bursche in der Kajüte«, sagte der Steuermann, »die Taue werden ihm wohl ein bisschen ins Fleisch schneiden, geschieht ihm Recht, dem störrischen Halunken.«

»Nein, Steuermann«, rief aber der Mann zurück. »Das ist hier drin – hol mich dieser und jener, da drin liegt jemand«, und er kletterte dabei hastig über sein Fass zurück, als ob er befürchtete, dass da der Geist eines der Erschlagenen vielleicht umgehen oder ein anderes Schreckbild vor ihm auftauchen könne.

Der Mate hob mahnend seine Hand empor und horchte – alles war totenstill; da plötzlich drang ein leises, aber deutliches Stöhnen von dort heraus.

»Beim Himmel, du hast Recht, Bob«, rief jetzt der Mate, »da drinnen liegt ein lebendes Wesen, was es auch sei, ein Hund oder Mensch, aber heraus müssen wir es haben. Eine Axt her – dort drüben habe ich eine liegen sehen.«

Das verlangte Werkzeug war rasch gefunden, und der Bootsmann hatte mit ein paar Hieben das eine Brett losgeschlagen. Jetzt vermochten sie das Werkzeug hinter die andere Planke zu bringen, und wenige Minuten später hatten sie die Rückwand des Verschlages so weit herausgebrochen, dass sie bequem den engen Raum betreten konnten.

Es waren starke, beherzte Männer, die hier in dem fremden Fahrzeug ihr Rettungswerk begannen, aber trotzdem schlug ihnen doch das Herz fast hörbar in der Brust, als sie, mit ihren Laternen vorleuchtend, in den düstern, unheimlichen Raum traten, der ihnen irgendein unbekanntes Schrecknis enthüllen sollte. Aber keiner sprach ein Wort – lautlos stiegen sie über die nächsten, noch im Weg stehenden Kisten hinweg, und der Raum war hier durch das niedere Deck so beengt, dass sie auf ihren Knien verkriechen mussten; aber dass sie sich nicht geirrt, bewies ihnen jenes, wenn nicht lauter, doch deutlicher gewordene Stöhnen.

Der Steuermann war voran hineingekrochen, und die Lampe hochhebend, erkannte er bei dem matten, unsichern Schein derselben eine menschliche Gestalt, die anscheinend gebunden am Boden lag! Aber, großer Gott, wie sah der Unglückliche aus! Mit zerrissenen Kleidern und blutbedeckt, die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, mit nicht einmal Raum genug, sich auszustrecken, lag er, wie zwischen die Kisten hineingeworfen – nur noch Leben war in dem Körper und vielleicht ein Gefühl seines Elends und Jammers – weiter nichts.

Bewusstsein konnte der Unglückliche kaum noch haben, sonst hätte er seinen Rettern entgegengerufen und sie um Hilfe angefleht, aber er rührte und regte sich nicht, als die vier Männer, stumm vor Entsetzen, sich um ihn scharten, und nur als sich der Steuermann endlich mit einem aus tiefer Brust geholten Seufzer zu ihm niederbog, um ihm den Kopf etwas in die Höhe zu heben, teilten sich seine Lippen, und mit einem leisen, kaum hörbaren Laut flüsterte er:

»Wasser!«

Der Steuermann warf den Blick umher. Dicht neben ihm stand die geöffnete Kiste mit Flaschen.

»Was ist da drin?«, fragte er.

Bob hatte schon eine der Flaschen herausgenommen, hielt sie ans Licht und las: »Sherry.« Ohne auch weiter einen Befehl abzuwarten, schlug er den Hals der Flasche an der nächsten Kiste ab, riss seinen Hut herunter, goss von dem Wein hinein und hielt ihn dem Verschmachtenden an die Lippen. Der Bootsmann hatte indessen sein Messer herausgenommen und die Seile durchschnitten, die um die blutenden und eiternden Gelenke des Unglücklichen saßen, und während der Steuermann ihn jetzt mit dem Oberkörper emporrichtete, flößten sie ihm etwas von dem stärkenden Wein ein.

Aber die Luft hier unten war so schwül und dumpf, dass es selbst die von draußen eben hereinkommenden Männer kaum ertragen konnten. Es mag auch sein, dass sie der furchtbare Anblick hier übermannte, aber sie sehnten sich nach frischer Luft – hinaus aus dem engen entsetzlichen Raum.

Dicht neben der Stelle, wo der Unglückliche lag, führte eine kleine Treppenleiter zu einer Klappe im Deck und, wie sich bald zeigte, im Boden der Kajüte, und diese öffnete sich jetzt, während der bei dem Gefangenen Wache haltende John niederrief:

»Was zum Henker habt ihr denn da gefunden – was ist's?«

»Wirf einmal ein Leintuch aus einer der Kojen herunter, John«, lautete aber die Rückantwort des Mate. »Hier liegt ein halbtoter Mensch, den wir hinaufschaffen müssen.«

»Ein Mensch?«

»Rasch – rasch – wer weiß, ob er noch lange genug lebt, um uns Auskunft zu geben.«

John verschwand von der Öffnung, aber schon wenige Sekunden später flog eins der Betttücher hinab, und die Matrosen hoben so vorsichtig und sorgsam wie nur möglich den Verwundeten hinein, um ihn damit besser durch die Luke in die Kajüte hinaufheben zu können.

Das war kein leichtes Stück Arbeit, aber es ging mit Hilfe der Leiter, und wie sie nur erst einmal den Oberkörper so weit hinauf hatten, dass John das Leintuch fassen konnte, brachten sie den indes ohnmächtig Gewordenen wenigstens in die Kajüte.

Aber auch hier durfte er nicht bleiben, denn auch hier war es dumpf und schwül, und ohne den Unglücklichen auch nur auf den Boden zu legen, trugen sie ihn aus der Tür hinaus, an die frische Luft, um ihn dort an Deck zu legen. John sprang indessen in des Kapitäns Kajüte, riss dessen blutige Matratze heraus, wobei er eine darunterliegende Brieftasche fand und einsteckte. Er schleppte dann die Matratze hinauf, auf welche sie jetzt den Armen betteten, und während einer der Leute einen Eimer Wasser aus See zog, um ihm Schläfe und Stirn zu waschen, suchte ihm der Steuermann nochmals ein paar Tropfen Wein einzuflößen.

An den Gefangenen hatte indessen, in der Erregung über die neue Entdeckung, niemand gedacht, oder sich um ihn gekümmert: lag er doch auch fest gebunden im Schiff und konnte ihnen also gar nicht entgehen; aber er war ein aufmerksamer Zeuge des Ganzen gewesen, und so teilnahmslos und gleichgültig er sich bis jetzt gezeigt, so wilde Leidenschaften schienen ihn in diesem Augenblick zu beherrschen.

Schon bei dem ersten Geräusch, als die Seeleute da unten die Planken des Verschlags auseinander hieben, war er zusammengezuckt, und wenn er auch seinen Wächter nicht merken ließ, was in ihm vorging, knirschte er doch seine Zähne fest und ingrimmig zusammen und suchte vergebens seine Arme aus der ihn haltenden Schlinge zu befreien.

John achtete dabei gar nicht auf ihn – er hörte, dass da unten etwas Besonderes vorging, und horchte, bis er die Stimme der Seinen dicht unter der Luke vernahm und diese dann öffnete. Jetzt war er mit den anderen oben an Deck beschäftigt, den Bewusstlosen ins Leben zurückzurufen, und wie nötig wäre er gerade in diesem Augenblick in der Kajüte gewesen! Dort lag der Gefangene und zerrte an seinen Banden, aber nicht mehr verzweifelnd und in blinder, seine Kräfte erschöpfender Leidenschaft, sondern vorsichtig und geschickt. Er hatte gefühlt, dass die eine Schlinge, die ihn hielt, etwas nachgelassen, und während er die linke Hand herüber und hinüber drehte, zwang er sich die Schnur weiter und weiter über den Daumen. Die Haut riss er sich wund dabei, aber er fühlte keinen Schmerz; der Schweiß trat ihm von der Anstrengung auf die Stirn, aber er empfand keine Erschöpfung und jetzt – jetzt hatte er die linke Hand heraus. Im Nu war nun das lockere Seil auch über die rechte Hand gestreift, und das Feuerzeug vom Tisch aufgreifend, sprang er damit in die nämliche Luke hinunter, aus welcher die Leute der Betsy Ann eben erst den unglücklichen Gefangenen befreit hatten.

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