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Friedrich Gerstäcker: Das Wrack - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Walfischfänger und andere Seegeschichten
authorFriedrich Gerstäcker
year2000
publisherHusum Druck- und Verlagsgesellschaft
addressHusum
isbn3-88042-857-3
titleDas Wrack
pages141-190
created20000408
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3. Das Wrack

Jetzt hatte die Betsy Ann den wirklichen Kanal erreicht, und der leichte Wind blieb ihr noch immer günstig; aber auch die zwischen die Riffe hineinsetzende Strömung kam ihr hier zustatten, und rasch und geräuschlos glitt das schlanke Fahrzeug über das hier spiegelhelle Wasser in die Passage hinein. An beiden Seiten kochte wohl die Brandung, aber konnte nicht einmal ihren Schaum bis hier herüber werfen, und etwa zehn Minuten später erreichte die Brigg jene schon von außen bemerkte Biegung, wohinein selbst nicht die Dünung oder das Schwellen der See dringen konnte.

Aber hier fand der Kapitän doch jetzt, dass sein Obersteuermann Recht gehabt, als er ihm versicherte, er würde gegen Abend stillliegen müssen. Die schon ziemlich tief stehende Sonne warf in der Tat einen so blendenden Schimmer auf die Flut, dass es zur Unmöglichkeit wurde, irgendeine etwa darunter lauernde Gefahr zu erkennen. Es war nichts sichtbar, als der blendende auf dem Wasser liegende Schein, und Kapitän Wilkie sah sich wirklich gleich darauf genötigt, den Befehl zum Ankern zu geben.

Das geworfene Lot zeigte hier nur elf Faden Wasser, und er wollte sich doch nicht leichtsinnig der Gefahr aussetzen, sein Schiff, jetzt wo er die schwierigste Stelle passiert hatte, nur deshalb auf den Strand oder auf eine Klippe zu setzen, um noch an dem Abend ein paar Meilen zu machen, denn mit einbrechender Nacht musste er doch liegen bleiben.

Der Befehl wurde gegeben; der Anker war schon von dem Augenblick an, wo sie die Klippen in Sicht bekamen, klar gemacht, die Leute standen jeder auf seinem Posten, und wie der Kapitän nun einen Fleck erreicht hatte, wo er wusste, dass er die Nacht ruhig und ungefährdet liegen konnte, rasselte der Anker in die Tiefe, die Kette war fest um das Spill geschlagen, und kaum eine halbe Minute später, während die Segel ebenfalls gelöst wurden und ausflappten, schwang das Schiff herum und lag still in der glatten Flut.

Jetzt kam noch eine Viertelstunde geschäftige Zeit für die Leute, um erst alle Segel festzumachen, denn diese Vorsicht durfte nicht versäumt werden, und dann blieb nichts übrig, als die abgeworfenen Taue wieder aufzukoilen und das Schiff zu reinigen.

Es war damit etwa ein Viertel auf fünf Uhr geworden, und der Obersteuermann besonders hatte selber aus Leibeskräften mitgearbeitet, um alles so rasch als möglich fertig zu bringen, den Leuten auch unter der Hand zu verstehen gegeben, dass sie vielleicht heut Abend noch Bergelohn verdienen könnten, wenn sie sich tüchtig tummelten, und das half.

Es gibt nichts auf der Welt, was für einen Matrosen größeres Interesse hat, als solch ein Fall, wo er ein verlassenes Schiff besuchen kann, in welchem er, wenn er sich auch sagen muss, dass die eigenen Leute doch jedenfalls schon das Beste und Wertvollste mit fortgenommen haben, doch noch immer vergessene kostbare Dinge, jedenfalls aber Wein und andere Delikatessen zu finden erwartet, und man kann sie gewiss zu keiner Arbeit williger bekommen, als gerade zu der. Die Leute selber waren denn auch wirklich Feuer und Flamme dafür und wären am liebsten alle mitgegangen, als der Mate endlich wieder zum Kapitän trat und sagte:

»Nun, Sir, wie ist es? Wollen Sie mich einmal hinüberschicken zum Wrack?«

»Gern nicht, Mr. Brown«, sagte der Kapitän Wilkie, indem er einen Blick nach dem noch deutlich sichtbaren Fahrzeug warf. »Wir sind so nicht übermäßig stark an Mannschaft, und der Henker weiß, was in der Zeit vorfallen kann.«

»Nun, das Wetter ist für die Nacht sicher, Kapitän«, meinte der Mate, »und von den australischen Schwarzen haben wir hier draußen nichts zu fürchten. Die Küste ist ja noch nicht einmal in Sicht.«

»Da vorn ist Land.«

»Ja, ein paar kleine dürre, mit Büschen bewachsene Inseln, ohne einen Tropfen frisches Wasser; dort drüben hält sich kein Eingeborener auf und wir könnten hier ein Jahr liegen, ohne dass sie ein Wort davon erführen. Wären die Burschen in der Nähe, dann dürften Sie sich auch fest darauf verlassen, Kapitän Wilkie, dass sie das Wrack da drüben längst gefunden und geplündert hätten, denn die nackten Halunken können alles brauchen.«

»Gut denn, Mr. Brown«, lächelte der Kapitän, dem der Eifer nicht entgehen konnte, mit dem sein Offizier auf die Revision des verlassenen Schiffes brannte. »So nehmen Sie meinetwegen ein paar Mann und die Jolle und fahren Sie einmal hinüber.«

»Die Jolle, Kapitän? In die bringen wir aber nichts hinein.

»Ist es der Mühe wert, so hängen Sie ein Licht aus, Sie können sich ja eine Laterne mitnehmen, und wir schicken dann die Launch hinüber. Ich glaube aber kaum, dass Sie, außer den Segeln, noch viel Wertvolles darauf finden, Sie werden sehen.«

»Und wenn wir nun die Ketten mitnehmen, Kapitän?«

»Bah, das hält uns zu lange auf. Ich werde doch hier nicht sollen einen ganzen Tag liegen bleiben, um eine alte Ankerkette einzuladen, wegen der wir vielleicht ein paarmal fahren müssen, denn ich glaube nicht, dass Sie bis dorthin überall tief Wasser finden.«

»Wir sind doch hereingekommen.«

»Wollen Sie denn außen herumfahren? Das ist zu gefährlich.«

»Bei der See?«, lachte der Steuermann. »Von innen kommen wir nicht dazu; ich habe mir das Terrain schon von oben aus genau mit dem Glas angesehen. Es liegen überall Klippenstriche im Weg, die uns stundenlang aufhielten, um darüber oder dazwischen hinzukommen.«

»Nun, machen Sie, was Sie wollen«, sagte der Kapitän, sich abdrehend. »Wenn Sie meinem Rat folgen wollen, so versuchen Sie's aber erst einmal mit der Jolle. Ich kann auch überdies kaum so viele Leute von Bord entbehren.« Und damit ging er in seine Kajüte hinunter, dem Mate vollkommen freies Spiel an Deck lassend.

»Hm«, brummte der Mate leise vor sich hin, als ihn sein Vorgesetzter allein ließ. »Wenn Sie meinem Rat folgen wollen – die alte Geschichte. Nehm ich die Jolle, so bring ich nichts drin fort und kriege Grobheiten, nehm ich die Launch und finde nichts Gescheites, so krieg ich auch welche. Da nehm ich doch lieber gleich die Launch und vier Mann. Die sieben, die mit dem Untersteuermann an Bord bleiben, sind indes gerade genug, um die Nacht zusammen zu schlafen, denn weiter haben sie doch nichts zu tun. Also ans Werk – wer weiß denn, was da noch in dem alten Kasten liegt, und schon die Segel, die da noch an den Rahen sitzen, sind der Mühe wert – aber mit zwei Mann kann ich gar nichts da drüben ausrichten und vertändle die ganze Nacht.«

Und ohne weiteres ging der Seemann jetzt daran, die Launch in die See zu lassen, was mit Hilfe der ganzen Mannschaft auch in wenigen Minuten geschehen war. Der Steward musste ihm indes ein Fässchen mit Wasser füllen, denn ein Matrose verlässt nicht leicht ein Schiff, ohne sich zu verproviantieren, da man nie wissen kann, was vorfällt; ein Korb Zwieback wurde ebenfalls an Bord geschafft, und alles, was von kaltem Fleisch vorrätig war, damit die von Bord Gehenden ihre Abendmahlzeit unterwegs verzehren konnten – einen Taschenkompass steckte der Mate noch ein, und mit vier tüchtigen Leuten, die er sich ausgesucht, stieß das unbehülfliche Fahrzeug, dessen Segel man jetzt, gegen den Wind an, nicht gebrauchen konnte, von Bord, und ruderte schwerfällig gegen die Strömung des Kanals an.

Der Kapitän kam gleich darauf an Deck und sah seinem Boot kopfschüttelnd nach; aber er sagte kein Wort, warf nur einen Blick nach Osten und den sich dort bildenden Nebelstreifen hinüber, einen andern nach seinem Takelwerk hinauf, und stieg dann wieder in seine Kajüte hinab, die Schiffsordnung vor der Hand dem Untersteuermann überlassend.

Es war indessen später geworden, als der Mate gedacht, denn so rasch lässt sich ein so großes Boot doch nicht mit allem Nötigen versehen, und der Steward hatte auch so nichtswürdig lange getrödelt, ehe er ein kleines Fass fand und mit Wasser füllte. Die Sonne war nicht einmal mehr anderthalb Stunden hoch, denn in der Nähe des Äquators geht sie, mit nur geringem Unterschied in den Jahreszeiten, regelmäßig um sechs Uhr auf und um sechs Uhr unter, und der Mond schien ebenfalls nicht heute nacht. – Aber was tat's. Im schlimmsten Fall, und wenn es sich der Mühe wert zeigte, blieben sie die Nacht an Bord des Wracks – oder besser noch auf der kleinen Insel dicht daneben, wo die Schiffbrüchigen ebenfalls geschlafen –, zurück konnten sie dann morgen früh mit Tagesanbruch segeln und das eigene Schiff recht gut in einer Stunde erreichen.

Die vier Matrosen ruderten indes aus allen Kräften gegen die gar nicht etwa so unbedeutende Strömung an, und wer weiß, ob sie sich unter anderen Umständen so willig und gern in die wirklich schwere Arbeit gefunden hätten. Aber ihr eigenes Interesse war in Anspruch genommen, und sie legten sich mit Anspannung aller ihrer Sehnen in die Ruder, um nur erst einmal den Kanal zu passieren; draußen wussten sie dann, dass sie es lange nicht mehr so schwer bekommen würden.

Endlich hatten sie die Einfahrt erreicht und schaukelten bald darauf draußen auf den ruhig rollenden Wogen, wo sie auch jetzt, nachdem sie noch ein Stück von den Brandungswellen fortgerudert waren, ihr Segel aufspannen konnten. Der Wind war außerordentlich leicht, aber er half doch ein wenig.

Das Wrack lag jetzt vor ihnen, und sie liefen ziemlich rasch hinan, während der Steuermann indes mit seinem Fernrohr den Namen des Schiffes auszumachen suchte. Er schien sich auch in seiner anfänglichen Vermutung nicht geirrt zu haben. Es war wirklich ein Holländer, trug wenigstens einen holländischen Namen, Meisje van Utrecht, und schien allem Vermuten nach – wenigstens was man von hier aus noch erkennen konnte – ein ganz neues Schiff zu sein.

»Jungens, Jungens«, sagte der Mate, während er das Glas neben sich legte und die Schote des Segels ein klein wenig mehr anzog, um den Wind besser zu fangen. »Das ist richtig ein Holländer. – Gott weiß freilich, wie der da hinaufgeraten ist, denn die Holländer gehen sonst immer um das Kap der Guten Hoffnung nach Indien; wenn wir aber Glück haben, können wir da drüben einen verdammt guten Fang tun; macht nur zu, dass wir hinüberkommen und noch Tageslicht zum Nachsuchen behalten.«

Eine weitere Mahnung war nicht nötig, und die Riemen bogen sich ordentlich unter dem Gewicht der dagegenpressenden Matrosen, die nur dann und wann den Kopf zurückbogen, um zu sehen, welchen Fortgang sie machten und wie rasch sie sich der erhofften Beute näherten.

»Mate«, sagte da einer der Leute, der Bootsmann, der das vorderste Ruder führte, »hol mich dieser oder jener, aber ich glaube die Kombüse raucht!«

Der Mate, der ebenfalls gerade in diesem Augenblick scharf hinübergesehen hatte, griff rasch wieder sein Glas auf und sah hindurch – aber nur für einen Moment.

»Bless my soul«, murmelte er leise vor sich hin, »ob es mir nicht eben gerade auch so vorkam, und bei Gott, da ist Rauch.«

»Nicht wahr, Mate?«

»Bei allem was lebt – aber kein menschliches Wesen war vorher zu sehen, und wenn noch jemand an Bord wäre, müssten sie doch unser Boot bemerkt und Zeichen gegeben haben.«

»Am Ende haben die Leute, ehe sie das Schiff verließen, Feuer angelegt, Sir«, bemerkte einer der Leute, »und es ist nicht ordentlich angegangen und glimmt nur noch.«

Der Mate schüttelte den Kopf. Wie der Bootsmann vorher ganz richtig bemerkt hatte, stieg der Rauch genau von der Stelle auf, wo sich die Kombüse befand, und wenn sie wirklich Feuer angelegt hätten, wäre das doch jedenfalls in der Kajüte geschehen. Aber es ließ sich vor der Hand weiter nichts an der Sache tun; sie kamen dem Schiff ja auch mit jedem Ruderschlag näher, und die nächsten Minuten mussten ihnen doch das Rätsel lösen.

Neugierig schauten sich jetzt auch die Leute fortwährend beim Rudern um, ob sie nicht irgendwo über die Schanzkleidung einen menschlichen Kopf erkennen könnten, aber nichts Derartiges ließ sich blicken, und sie mussten nun schon selber an Bord gehen, um sich zu überzeugen.

Als sie den Platz erreichten, fanden sie aber, dass es gar nicht so leicht sei, bis dicht an das Schiff hinanzukommen, wie es von weitem den Anschein gehabt, denn es saß förmlich in den Klippen drin und musste jedenfalls von einer hohen Woge in ein in den Korallen befindliches Loch hineingehoben worden sein, in dem es jetzt fest und sicher eingekeilt stak. Dort schlug auch die Brandung noch von außen so dicht an die Riffe hinan, dass jeder Versuch vergebens gewesen wäre, da hineinzulaufen, hätten sie nicht dicht unterhalb einen kleinen und schmalen Kanal gefunden, der tieferes Wasser verriet.

Selbst hier blieb die Einfahrt immer noch gewagt, denn die Spritzwellen warfen ihnen das Wasser von beiden Seiten über den Rand des Bootes. Die Seeleute zögerten aber auch keinen Moment, den Pass zu forcieren, ja nicht ein Wort wurde auch nur darüber gesprochen. Der Mate steuerte, die Leute, die schon von selber wussten, was sie zu tun hatten, legten sich mit allen Kräften in die Ruder, und wenige Minuten später scheuerte der Rand des Langboots oder der Launch gegen das gestrandete Schiff selber an, das tief genug im Wasser lag, um dessen Rüsteisen vom Boot aus bequem mit der Hand zu erreichen. Es hatte dadurch auch nicht die geringste Schwierigkeit, an Bord zu klettern. Vor allen Dingen machten sie ihr eigenes Fahrzeug mit der Bowleine fest, und dann klommen die Leute wie die Katzen an den Eisen empor. Es war ordentlich, als ob jeder der Erste sein wollte, der das verlassene und doch, wie es schien, bewohnte Schiff betrat.

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