Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Gerstäcker: Das Wrack - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Walfischfänger und andere Seegeschichten
authorFriedrich Gerstäcker
year2000
publisherHusum Druck- und Verlagsgesellschaft
addressHusum
isbn3-88042-857-3
titleDas Wrack
pages141-190
created20000408
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

2. Die Einfahrt

Flüchtigen Laufes verfolgte das wackere Schiff seine Bahn, und hinter ihm drein wälzten und tanzten die dunkelblauen, mit silbernem Schaum gekrönten Wogen. Das Deck war schon lange wieder geräumt und aufgewaschen, und der tote Hai zurück in die Flut geworfen, deren Schrecken er von nun an nicht mehr sein sollte. Schwerfällig sank der Körper in die Tiefe, um anderen seines Geschlechts zur Nahrung zu dienen, wie Tausende vorher schon ihm zum Opfer gefallen waren.

Und die Brise hielt an. Gewöhnlich schwindet ein mit einem Gewitter heraufkommender Wind auch mit diesem wieder dahin, und besonders in der Nähe des Äquators ist das der Fall; hier aber hielt er aus, und als der Kapitän am nächsten Mittag, bei vollkommen klarem Himmel, wieder seine Observation nahm, fand er, dass das Osprey Reef, ohne es zu sehen, schon passiert war, und er am nächsten Tag also – wenn der Wind anhielt – recht gut die Passage in die barrier reefs erreichen konnte.

Die Nacht verging ohne das geringste Außergewöhnliche, das Schiff lag Kurs an, etwas Nord-Nordwest, und die Brise frischte gegen Morgen eher noch etwas auf, als dass sie nachgelassen hätte. – Die Betsy Ann machte von vier bis acht Uhr morgens zwölf und einen halben Knoten. Das kam aber auch vielleicht daher, dass der Wind jetzt mehr herumgegangen war und fast genau von Osten blies. Dadurch fassten alle Segel so viel besser, und wenn auch die Leesegel unnütz geworden waren, zogen die Klüver desto mehr.

Um zehn Uhr schon ließ der Kapitän den Kurs ändern und einen Strich mehr nach Westen anlegen, und ein Mann musste hinauf in den Vortop, um nach Lee zu auszuschauen, ob er nicht breakers (an Klippen brandende Wellen) oder irgendeine Landmarke oder vorragende Klippe selber entdecken könne.

Die Betsy Ann befand sich aber noch immer zu weit vom Lande, und um zwölf Uhr, nachdem er die Sonne genommen, ließ der Kapitän plötzlich vierkant brassen und lief vor dem Wind gerade die barrier reefs an. Dem Breitengrad nach musste er sich genau in einer Höhe mit Raines Passage befinden und durfte deshalb nicht zu weit nach Norden auflaufen.

Der Wind hatte aber jetzt auch merklich nachgelassen, und je eher sie die Passage erreichten, desto besser, da einem Schiff kaum etwas Fataleres geschehen kann, als unmittelbar in der Nähe der Riffe von Windstille befallen zu werden. Die Strömung geht in dieser Jahreszeit stets gegen die Klippen an, und manches Schiff ist schon dadurch auf die Felsen getrieben und zertrümmert worden.

Der Kapitän stieg jetzt selber, mit seinem Teleskop versehen, in den Vortop hinauf, denn es beunruhigte ihn, dass sie noch nicht in Sicht der Klippen sein sollten, denen er sich, wenn sie dieselben nicht bald ausmachten, vor Abend auch nicht viel weiter nähern durfte.

»Da drüben bläst ein Fisch!«, sagte der Matrose, der schon oben saß, als der Kapitän an den Wanten heraufstieg. »Da nochmal – da nochmal.«

»Holzkopf«, brummte aber der alte Seemann, als er nur einen Blick dort hinübergeworfen. »Kannst du nicht einmal einen breaker von einem Strahl unterscheiden? Das sind ja die Reefs. – Hast du sie schon lange gesehen?«

»Etwa zehn Minuten, Sir«, sagte der Mann etwas verlegen. »Ich glaubte, es wäre ein Wal, und wunderte mich schon, dass er immer an derselben Stelle blieb.«

Der Kapitän antwortete ihm gar nicht. Er hatte sein Teleskop gerichtet und schaute, den Arm um eins der Bramwanttaue geschlagen, aufmerksam nach der Gegend hinüber, wo die Brandung der Riffs schon mit bloßen Augen sichtbar war.

»Down with your helm a little«, rief er jetzt dem am Ruder stehenden Mann zu.

»Down with the helm, Sir«, lautete dessen monotone Antwort, während er dem Befehl folgte.

»Steady!«, klang das neue Kommandowort.

»Steady it is«, war die Antwort.

»Halt den Kurs«, befahl der Kapitän wieder, und stieg dann rasch auf Deck zurück, um in seiner Kajüte vor allen Dingen mit dem Steuermann die Karte zu vergleichen. Der Wachthabende oben bekam strenge Order, alles Neue, was er bemerken würde, ungesäumt anzurufen.

Der Mann da oben hatte indessen einen dunkeln Gegenstand entdeckt, der mehr und mehr sichtbar wurde, je näher das Schiff, das gerade darauf zuhielt, ihn anlief. In der Tat war es auch der nämliche Punkt, den der Kapitän vorher schon durch sein Fernrohr gesehen und für jenen kleinen Holzturm gehalten hatte, der nördlich von Raines Passage von englischen Seefahrern als Landmarke aufgerichtet und auf seiner Karte ebenfalls verzeichnet war. Der Matrose hatte übrigens vortreffliche Augen, und wenn er auch vorher das Aufspritzen der Wellen für das Blasen eines Fisches genommen, täuschte er sich doch jetzt nicht lange über den dunkeln Körper, der immer deutlicher aus dem lichten Hintergrund heraustrat.

»Wrack in Sicht«, rief er von seinem Top herunter, und der Untersteuermann, der neben dem Mann am Rad stand, ging zum Skylight, das der Kajüte Licht und Luft zuführt und jetzt des warmen Wetters wegen offen stand, und rief dem Kapitän die Meldung hinunter.

»Wrack in Sicht, Sir!«

»Wo?«, lautete der Ruf zurück.

»Wo ist es, Bob?«, rief der Untersteuermann den Lookout an.

»Gerade voraus – halben Strich an Leebow.«

»Gerade voraus, Sir – halben Strich von Leebow!«

»Alle Wetter!«, rief der Kapitän, griff sein Teleskop auf und war rasch an Deck und wieder unterwegs nach oben. – Und der Mann hatte Recht. Was er vorher, und noch sehr weit entfernt, für den kleinen Turm gehalten, war in der Tat das Wrack eines dort festsitzenden Schiffes – die Brandung, von welcher der Mann geglaubt, dass es das Blasen eines Fisches sei, lag jetzt zu Backbord und zeigte sich als von einer einzelnen Klippe oder kleinen Insel herrührend, und erst dort, wo das Wrack lag, dessen Masten aber noch aufrecht standen, begannen die barrier reefs, auf denen er jetzt auch, eine kleine Strecke weiter nach Süden hinab, den Turm mit seinem Glas ausmachen konnte.

Der Kurs wurde nun wieder, etwa um einen Strich weiter nach Süden, verändert, um das Wrack zu Starbord zu lassen. Der Wind schlief allerdings immer mehr ein, aber die See war dadurch auch vollkommen ruhig geworden, und der Kapitän hatte die beste Hoffnung, unter all diesen günstigen Umständen die Einfahrt noch recht gut ein oder zwei Stunden vor einbrechender Nacht erreichen zu können. Im Innern der Riffe konnte er dann sicher vor Anker gehen und brauchte für die Nacht nichts – ja nicht einmal eine Windstille mehr zu fürchten.

Er selber war allerdings noch nie durch die Torresstraße gekommen, sein Obersteuermann aber dagegen schon zweimal – freilich noch als Untersteuermann, wo er nicht viel mit der Navigation zu tun gehabt. Aber er kannte wenigstens das Innere der Straße genau, und die Einfahrt, da man die Landmarke schon erkennen konnte, war nun auch nicht mehr zu verfehlen.

Langsam, aber stet bei der schwachen Ostbrise, verfolgte die Betsy Ann indessen ihren Weg, und die Aufmerksamkeit der Leute richtete sich nun – mit weiter nichts zu tun, als nur bei der Hand zu sein, wenn die rasche Ausführung eines Befehls in der Nähe der Klippen nötig werden sollte – fast ausschließlich auf das entdeckte Wrack, das jetzt immer deutlicher sichtbar wurde.

Der Obersteuermann schien sich besonders dafür zu interessieren und war schon nach dem großen Marsen mit seinem Glas hinaufgestiegen, um von hier einen besseren Überblick zu gewinnen.

»Für was für einen Landsmann halten Sie ihn, Mr. Brown?«, fragte jetzt der Kapitän hinauf, der vom Deck aus das verlassene Schiff ebenfalls genau betrachtet hatte.

»Kann's nicht genau sagen, Sir«, rief der Steuermann oder Mate, wie er an Bord kurzweg genannt wurde, zurück. »Liegt spitz von uns weg und ich kann den Namen noch nicht lesen. Sieht mir beinah aus wie ein Holländer.«

»Möcht es auch sagen«, nickte der Kapitän. »Lebendes ist aber an Bord nicht zu erkennen?«

»Keine Seele, Sir. Die Leute müssen aber an Land gewesen sein – dort auf den Klippen haben sie eine shanty gebaut.«

»Die Segel sind noch beschlagen.«

»Alles festgemacht – schade um das schöne Tuch, das dort jetzt in Wind und Wetter verfaulen soll.«

Die Unterhaltung war für eine Weile abgebrochen, und die Aufmerksamkeit der Seeleute wurde auch jetzt ausschließlich auf die Klippenreihe selber gelenkt, die immer deutlicher zum Vorschein kam.

Die barrier reefs sind auch in der Tat ein höchst interessanter Punkt für den Seemann und dazu passend genug benannt, denn die aus der Tiefe steil aufsteigenden Korallenfelsen bilden hier eine förmliche Barriere von Klippen, die mit Ausnahme von nur wenigen schmalen Einfahrten die Passage zwischen Australien und der nördlich davon liegenden großen Insel Papua oder Neu-Guinea hermetisch verschließen. Ordentliche Mauern bilden sie Meilen lang, unmittelbar vor denen ein hundert Faden haltendes Senkblei keinen Grund finden würde, während über ihren Rand hin – da die Koralle nur bis zur Oberfläche des Meeres wächst – die dagegen brandenden Wellen ihre weiße Gischt spritzen und sich rastlos donnernd überstürzen.

Die Einfahrt selber zeigt dann nur ein schmaler Streifen dunkles und ruhiges Wasser, das aber, wenn auch links und rechts von einer bäumenden Woge abgeschlossen, doch eine vollkommen sichere und tiefe Bahn bietet – einen Kanal, der sich hindurchzieht und im Innern dann wieder ausweitet. Im Innern aber ist dafür auch wieder leicht Ankergrund zu finden, ja an vielen Stellen die Passage kaum mehr als fünf Faden, also etwa dreißig Fuß tief. Nur die eine Nordpassage, die aber auch schwieriger zu finden ist, soll tieferes Fahrwasser haben.

Alte Seekapitäne haben aber in der Auffindung solcher Stellen ein Gefühl, das man fast Instinkt nennen könnte, und mit nur Brise genug, dass sie ihr Schiff in der Gewalt behalten, wie einer genauen Kenntnis desselben, was es zu leisten vermag und wie nahe sie sich an eine Leeküste hinan wagen dürfen – das heißt, wie dicht am Wind sie im schlimmsten Fall wieder absegeln können –, steuern sie ihr Schiff oft und unerschrocken in die schwierigsten Passagen hinein.

Kapitän Wilkie von der Betsy Ann, obgleich ihm das ganze gefährliche Terrain vollkommen unbekannt war, ließ denn auch seine kleine gewandte Brigg ruhig gerade gegen die Klippenreihe – die bis jetzt für das Auge nur einen ununterbrochenen Schaumgürtel bildete – anlaufen, und mit der Karte neben sich, das Teleskop in der rechten Hand, stand er jetzt vorn auf der Back und beobachtete die vollen Gischtberge voraus.

»Ich sehe die Einfahrt, Kapitän«, rief der Steuermann jetzt von oben herunter.

»Wo, Mr. Brown?«

»Ganz gerade voraus. Wir segeln genau darauf zu.«

Ein Lächeln flog über die wetterharten Züge des Seemanns, dass er den Punkt so getroffen, denn er wusste wohl, welchen guten Eindruck das auf die Leute machte, wenn sie volles Vertrauen auf die Führung ihres Vorgesetzten haben durften. Er stieg aber jetzt zu seinem Steuermann, um von hier aus das Schiff besser zu dirigieren, und nach kaum einer Viertelstunde weiterer Fahrt lag die Mündung des Kanals so klar und deutlich vor ihnen, dass sie kaum noch etwas weiteres zu tun hatten, als Kurs zu halten.

Jetzt aber wandte der Mate auch seine Aufmerksamkeit wieder dem Wrack zu, das indessen ebenfalls nahe gekommen war und durch das gute Glas dicht vor ihnen lag. Es war ein Barkschiff, mit allen Segeln auf, aber dicht beschlagen an den Rahen, sonst aber mit keinem lebenden Wesen an Bord. Das Wrack lag vollkommen fest und sicher zwischen den Klippen, in die es jedenfalls eine der Brandungswellen hineingehoben hatte und aus denen es Menschenkraft nie wieder befreien konnte. Die Mannschaft musste übrigens volle Zeit behalten haben, sich zu retten, denn auf einer dicht dabei liegenden kleinen Insel ließen sich jetzt mehrere rasch aufgeführte Hütten erkennen, die zur Genüge bezeugten, dass sich die Schiffbrüchigen dort wenigstens eine Nacht aufgehalten. Hinten am Heck hing dabei noch die kleine Jolle, alle übrigen Boote fehlten aber, und sehr wahrscheinlich hatten sich die Leute damit in die Riffe hineinbegeben, da sie in dem ruhigen Wasser derselben ganz leicht Neu-Guinea oder selbst die nächsten Inseln des Ostindischen Archipels erreichen konnten. Außerdem war es auch möglich, dass sie schon im Indischen Ozean ein Schiff antreffen mochten.

Das Verunglücken des Fahrzeuges konnte aber ebenso gut vor wenigen Tagen, wie vor Wochen und Monaten geschehen sein – von hier aus ließ sich das keinenfalls beurteilen, und wenn nicht einmal ausnahmsweise in dieser Breite ein tüchtiger Sturm losbrach, so war es recht gut möglich, dass das so eingekeilte Schiff dort noch jahrelang zwischen den Klippen eingepresst sitzen bleiben konnte.

»Wissen Sie wohl, Kapitän«, brach da der Steuermann endlich das Schweigen, »dass es jammerschade ist, an dem Wrack da drüben so ruhig vorbeizufahren? – Liegt gewiss noch eine Masse von Dingen an Bord, die man mit Vorteil bergen könnte.«

»Im Wrack, Mr. Brown?«, erwiderte der Kapitän, ohne aber einen Blick dort hinüberzuwerfen, denn er war noch emsig bemüht, das jetzt im Innern der Einfahrt sichtbar werdende Terrain mit seinem Glas abzusuchen. »wohl möglich – können uns aber nicht damit aufhalten.«

»Wenn wir nun ein Boot hinüberschickten?«

»Ich will Gott danken, wenn ich mit meinen Booten innerhalb der Riffe bin, Mr. Brown. Der Platz hier gefällt mir gar nicht, er sieht hässlich genug aus, und schliefe uns der Wind jetzt ein – und es weht kaum noch eine Mütze voll –, so brauchen wir nachher kein Boot auszusetzen, um ein Wrack zu besuchen.«

»Bah, der Wind hält«, sagte der Mate, der einen Blick nach Osten hinübergeworfen hatte. »Ich glaube eher, dass wir gegen Abend wieder eine steife Brise bekommen, denn die Wolkenstreifen dahinten sehen mir gerade danach aus.«

»Möglich – aber kein Mensch kann's vorher sagen.«

»Meine Hühneraugen tun mir auch wieder weh; das bedeutet immer Wind.«

»Fall off a little«, unterbrach der Kapitän seinen Offizier durch den hinabgerufenen Befehl.

»Off it is, Sir«, lautete die Gegenantwort.

»Steady!«

»Steady it is.«

Die Brigg hatte den Bug ein klein wenig geneigt, und sie konnten jetzt voll in den Kanal einsehen.

»Ich will Ihnen etwas sagen, Kapitän«, nahm da der Steuermann seinen Wunsch wieder auf. »Sowie wir erst einmal darin sind, können wir doch heut Abend nichts mehr machen, sondern müssen vor Anker gehen.«

»Ist aber gar nicht meine Absicht, Sir«, erwiderte sein Vorgesetzter. »Ich gedenke noch ein tüchtiges Stück hineinzusegeln.«

»Geht aber nicht an, Sir.«

»Geht nicht an?«

»Nein, Sir – die Sonne steht schon zu tief, und sowie wir hineinkommen, hilft uns der Kompass nichts mehr; wir müssen nur nach dem steuern, was wir sehen, und da unser Kurs gerade nach Westen liegt, so fallen uns die Strahlen der tief stehenden Sonne gerade so aufs Wasser, dass sich die Klippe oder Untiefe darin gar nicht mehr erkennen lässt. Alle Schiffe, die von hier nach Indien durch die Torresstraße gehen, müssen bei klarem Himmel spätestens um vier Uhr abends ihren Ankergrund halten, ebenso wie die, welche von dort herüberkommen, vor morgens zehn Uhr nicht im Stande sind, unterwegs zu gehen.«

»Das hält uns aber schmählich auf.«

»Lässt sich aber nicht ändern, wenn Sie nicht Ihr Schiff riskieren wollen. Von vier Uhr nachmittags an blitzt der Spiegel der See und zeigt keinen grünen Fleck mehr. Wie wär's, Kapitän, wenn Sie dann mich und ein paar von den Leuten, sobald wir nachher vor Anker sind, hinüberließen? Das Wrack liegt kaum zwei englische Meilen von dort entfernt und wir laufen in kaum einer Stunde hinüber. 's ist, Gott straf mich, jammerschade, das liebe Gut dort drüben verfaulen zu lassen, wenn man sich's so bequem holen kann, und die Leute selber kriegen guten Willen, wenn sie Aussicht auf Bergelohn haben.«

»Wollen sehen, Mr. Brown – wollen sehen«, gab der Kapitän zur Antwort, der jetzt keinen andern Gedanken hatte, als sein Schiff. »Vor allen Dingen müssen wir erst einmal drin sein, und wenn dann das Schiff sicher vor Anker liegt und noch Zeit und weiter nichts zu tun ist, so hab ich gerade nichts dagegen – Steady da unten – steady!«

»Steady it is, Sir.«

Selbst der Steuermann vergaß aber in diesem Augenblick das Wrack, denn sie liefen unmittelbar auf die Einfahrt zu, die sich indessen hier viel weiter zeigte, als es von außen den Anschein gehabt. Der Kanal war doch wenigstens zweihundert Schritt breit, also Raum genug, um im schlimmsten Fall selber hineinkreuzen zu können, da man ja ungestraft bis dicht an die steilen Korallenbänke hinanfahren kann. Mit günstigem Wind war es natürlich umso viel leichter, die Mitte des Fahrwassers zu halten, und doch ist es für den Seemann ein unbehagliches Gefühl, wenn er rechts und links von sich und voraus Brandung und drohende Klippen entdeckt, und sich noch dazu in einem Fahrwasser weiß, von dem nicht allein keine ganz vollkommenen Karten existieren, sondern nicht einmal existieren konnten, da ja die Koralle fast in jedem Jahr den Boden des Meeres verändert, und bald von da, bald von dort heraufwächst und neue Klippen bildet.

Ja draußen in offener See, mit hinlänglichem Seeraum in Lee, mag seinethalben auch einmal ein Sturm wehen – was kümmert's den an solche Dinge gewöhnten Matrosen! Mit einem guten Schiff unter sich weiß er sich selbst im schwersten Wetter sicher, und der Sturm muss endlich doch vorüberblasen, wie schon so mancher vorübergeblasen ist. Nur die Nähe von Land – von dem der Landbewohner gerade so oft denkt, dass es ihm größere Sicherheit gewähren müsse – kann sein Herz rascher schlagen machen; denn so wacker sich ein gutes Schiff auch draußen in offener See halten mag, so ist es doch verloren, sobald sein Kiel nur den Grund berührt. Denn zerberstet es nicht beim Aufstoßen, so finden die furchtbaren Wogen jetzt einen Widerstand und brechen mit ihrem Gewicht alles zusammen, was sie erreichen.

Schon die Nähe des Landes ist ihm deshalb unbehaglich, und mehr noch, wenn er, mit dem gerade darauf zusetzenden Wind, die Stellen vor sich sieht, über denen die Wogen ihre weißen schimmernden Kämme brechen. Jeder Einzelne steht dann erwartungsvoll und aufmerksam auf seinem Posten, denn er weiß recht gut, dass die geringste Versäumnis, ja nur ein langsam ausgeführter Befehl das Verderben des Schiffes und damit sein eigenes zur Folge haben kann.

Kapitän Wilkie wusste aber genau, was er tat, und wenn ihm auch anfangs Zweifel aufgestiegen waren, ob diese anscheinend so breite und schöne Einfahrt auch wirklich die richtige sei und nicht etwa, wie das gar nicht so selten zwischen Korallen der Fall ist, nur eine falsche Bucht forme, in der er dann rettungslos verloren gewesen wäre, konnte er doch jetzt den breiten Kanal weit in die Riffe, und sogar bis zu einer leichten Biegung verfolgen, und segelte nun frisch mitten hinein.

Er ließ auch nicht einmal Segel einnehmen, denn die Brise war ja überdies schwach genug, und was sein Steuermann von dem blitzenden Abendlicht gesprochen, glaubte er noch nicht recht. Der hatte es sich jetzt wahrscheinlich einmal in den Kopf gesetzt, nach dem Wrack hinüberzufahren, und suchte vielleicht deshalb nur Zeit zu gewinnen. Er aber war fest entschlossen, auch keinen Augenblick zu verlieren, um aus diesem klippendurchstreuten Fahrwasser wieder hinauszukommen, und so lange er segeln konnte, segelte er, das hatte er sich fest vorgenommen, Wrack oder keins.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.