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Das Wildfangrecht

Julius Wolff: Das Wildfangrecht - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Band VII
authorJulius Wolff
year1912
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
titleDas Wildfangrecht
pages1-280
created20021022
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
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Siebentes Kapitel.

Das Osterfest fiel dieses Jahr spät, und die Pfalz hatte schon herrliche Frühlingstage mit warmem Sonnenschein gesehen, die das Wachstum der Reben so gefördert hatten, daß die Augen an den Weinstöcken bereits zu Knospen schwollen. In der letzten Woche war das Wetter aber umgeschlagen und sehr veränderlich geworden. Regenschauer wechselten mit rauhen Winden, die über den Rhein herüberwehten und die Winzer in dieser für die Reben gefährlichsten Zeit mit Sorgen erfüllten. Fast jeder trat spät abends, ehe er sich zur Ruhe begab, noch einmal vor die Haustür, um nach dem Himmel zu sehen, ob Sterne blinkten, und zu spüren, aus welcher Richtung der Wind kam.

Sie hatten in Wachenheim einen Wetterpropheten, den die meisten zwar über die Achsel ansahen, von dem es aber hieß, daß er sich auch auf mancherlei übernatürliche Dinge verstehe und das Gras wachsen höre. Ihn forschten sie aus und folgten seinem Rat, denn seine Voraussagungen des Wetters hatten sich stets besser bewährt als die des weisesten Laubfrosches. Das war Hammichel von Gimmeldingen, von dem allerdings einige behaupteten, daß er seine Prophezeiungen nach Gunst und Belieben verteile und dem einen Richtiges, dem andern Falsches sage, je nachdem er mit dem Fragenden auf einem einträchtigen oder auf einem gespannten Fuße stehe.

Aber Hammichel befand sich auf einem Osterausfluge, dessen Weg und Ziel niemand kannte, selbst nicht sein Freund Merten Fachendag, bei dem er wohnte.

Die Freundschaft war freilich nicht weit her. Schelsüchtige Neidhämmel waren sie beide, gönnten sich gegenseitig nichts Gutes und zankten sich häufig, konnten aber trotzdem nicht voneinander lassen. Fachendag war in Wachenheim der erste gewesen, dem Hammichel seine Künste angeboten, der sie mit einträglichem Ergebnis angewandt und dadurch den Ruf seines Einliegers begründet hatte. Dafür bediente ihn Hammichel stets mit besonderer Sorgfalt, wie eine Hand die andere wäscht, und das war es, was dieses noble Paar von Biedermännern aneinander gebunden hielt.

Fachendag, ein schon betagter Witwer, dem eine weitläufige Verwandte die Wirtschaft führte, hatte Hammichel im Erdgeschosse seines Hauses zwei dürftig eingerichtete Stübchen als Gegenleistung für die Panscharbeit überlassen. In dem einen der beiden Stübchen stand ein kleiner Herd, auf dem der Alte seine Mixturen kochte; er nannte es deshalb sein Laboratorium. In dem anderen, wo er ein kärgliches Bett zu seiner Verfügung hatte, schlief er. Kaspar aber hauste in einem abseits gelegenen Kämmerlein und hatte dort zu seiner Nachtruhe einen Strohsack auf dem Fußboden mit einer zerlumpten Pferdedecke. Die gleichfalls unentgeltlich gelieferte Beköstigung der beiden war äußerst knapp bemessen und wäre für Kaspar durchaus unzureichend gewesen, wenn sich die mitleidige Wirtschafterin des armen Jungen nicht erbarmt und ihm manchmal ein paar heimliche Bissen zugesteckt hätte.

Einige Tage nach Ostern kehrte Hammichel von seinem Ausfluge zurück und das in merkwürdig guter Laune. Seine ersten Fragen an Kaspar waren: »Was habt ihr hier für Wetter gehabt? wie sieht es in den Wingerten des Bürgermeisters aus? hat kein Nachtfrost seinen Reben den Garaus gemacht?«

»Weiß nicht, glaube nicht,« erwiderte Kaspar.

»Nicht? schade!« murrte der Alte. Dann lachte er tückisch vor sich hin: »Jetzt hab ich ihn, jetzt faß ich ihn, jetzt soll er mir bluten!«

Dann aber geschah etwas schier Wunderbares, noch nie Dagewesenes. Hammichel machte seinem Enkel ein Geschenk. Er holte aus seinem Rucksack einen neuen Anzug für ihn hervor, den er unterwegs erstanden hatte. »Da, Junge! hab ich dir mitgebracht!« sprach er mit hoffärtiger Miene und einer schwunghaften Handbewegung, »was sagst du dazu? he?«

Dem Schneckenkaschper schien vor freudigem Schreck der Verstand still zu stehen, eh er sich zu einem »Ei, danke, Großvater!« aufrappeln und sich das Gewand näher betrachten konnte. Ganz neu war es nun freilich nicht, aber doch sehr gut erhalten und noch gar nicht geflickt.

Der auf einmal freigebig Gewordene zeigte überhaupt ein gegen früher gänzlich verändertes Wesen und war von einer kribbligen Unrast befallen. Er ging zwar seinem Gewerbe nach, besuchte die Keller seiner Anhänger, probte deren Weine und goß seinen zusammengequirlten Sud in die Fässer. Aber er nahm sich zu diesem Geschäft viel weniger Zeit als sonst, hielt sich nirgends lange auf und trieb sich beständig auf einsamen Wegen zwischen den Wingerten umher, wo er doch nichts zu tun hatte. Auch sein Auftreten und Gebaren war weit kecker und selbstbewußter als früher; er warf mit dunkeln, prahlerischen Reden um sich, aus denen kein Mensch klug werden konnte, und benahm sich wie einer, der großes im Schilde führt.

Christoph Armbruster war es, den er suchte, dem er überall, wo er ihn zu treffen hoffen konnte, aufpaßte, weil er ihn ohne Zeugen zu sprechen wünschte. Endlich, nach tagelang vergeblichem Umherstreifen glückte es ihm, dem Bürgermeister einmal in der Nähe seines Wingerts allein zu begegnen.

Er grüßte ihn unterwürfig und redete ihn an: »Herr Bürgermeister, ich hab eine Neuigkeit, eine sehr wichtige Neuigkeit für Euch.«

Christoph wies ihn stolz ab: »Behalt sie für dich! mich verlangt nicht nach deinen Neuigkeiten.« Mit diesem Bescheid wollte er an dem doppelzüngigen Ohrenbläser vorüber.

Aber Hammichel blieb ihm zur Seite und sprach: »Ihr würdet's mir Dank wissen, Herr Bürgermeister, wenn ich Euch mitteilte, was ich erfahren habe.«

Da stellte sich Christoph Armbruster breitbeinig vor die Jammergestalt hin und sagte barsch: »So mach's kurz, ich hab keine Zeit für dich übrig.«

»Es ist auch ganz kurz, was ich Euch zu melden hab,« erwiderte Hammichel mit erheuchelter Ruhe. »Ich hab ein Vöglein pfeifen hören, daß in der Pfalz das Wildfangrecht wieder auf die Bahn kommen soll. Das heißt so viel wie daß Eure schöne Niftel, die Trudi, hörig und leibeigen werden muß, wenn ich nicht reinen Mund halte.«

Diese Kunde traf den starken, in sich gefesteten Mann wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er bezwang jedoch seine große innere Erregung und fragte mit angenommenem Gleichmut: »Woher weißt du das?«

»Das gehört eigentlich nicht zur Sache,« gab ihm Hammichel zur Antwort, »aber Ihr sollt nicht denken, daß ich Euch bloß ein windiges Gerücht zutrage. Ich hab's von einem guten Freunde, einem Schreiberlein in der kurfürstlichen Kanzlei zu Kaiserslautern. Glaubt Ihr's nun?«

»Dir für die Nachricht zu danken hab ich kein Ursach,« sagte Christoph. »Im übrigen, – was geht's dich an? meine Niftel sieht unter meinem Schutz, nicht unter dem deinigen.« Seine Stimme bebte dabei leise, denn nun er Hammichels Quelle kannte, begriff er sofort den vollen Ernst der Lage für sich selbst sowohl wie für Trudi.

Hammichel war das Erschrecken des ihm Gegenüberstehenden nicht entgangen. »Bürgermeister, was gebt Ihr mir, wenn ich schweige?« fragte er mit heimlicher Schadenfreude.

»Scher dich zum Teufel und drück ihm ab, was du kannst! von mir kriegst du nichts,« erwiderte Christoph in aufwallendem Zorn und kehrte dem alten Schuft den Rücken.

»Überlegt's Euch noch einmal,« krähte ihm Hammichel nach, »und bedenket wohl: ich weiß, daß Eure Niftel eine Fremde, eine Würzburgische ist, und wenn ich das dem Hühnerfaut verrate, –«

Aber Christoph Armbruster hörte nicht mehr auf ihn, sondern schritt seines Weges fürbaß.

Er stieg einen Hügel hinan in der Hoffnung, mit der freien Umschau dort oben zugleich Klarheit über das zu gewinnen, was jetzt noch nebelhaft und verworren vor seinem von Angst getrübten Blicke schwebte. Er bemühte sich, seine zerstreuten Gedanken zu sammeln und entsann sich nun, daß sein Vater öfter von dem Wildfangrecht als von etwas Schmachvollem gesprochen hatte, weil es die davon Betroffenen in ein abhängiges, erniedrigendes Verhältnis zu dem Pfalzgrafen oder einem seiner adligen Vögte brachte. Während des Dreißigjährigen Krieges, den Christoph ja von Anfang bis zu Ende mit durchlebt hatte, und auch in der darauf folgenden Zeit bis heute war aber von diesem Recht oder Unrecht nie mehr die Rede gewesen; es schien also nicht mehr ausgeübt zu werden und eingeschlafen zu sein. Wenn nun, wie er von Hammichels Meldung vermuten mußte, an die pfalzgräflichen Kanzleien der Befehl ergangen war, es wieder in Anwendung zu bringen, so fiel ihm auch die zum Opfer, die aus ihrer Würzburger Heimat geflohen war, um hier unter seinem Dache Frieden und Erlösung von einem unerträglichen Joche zu suchen. Obervogt der Vorderpfalz war sein Jugendfreund Dietrich von Remchingen, der ihm zu Liebe gewiß jede Rücksicht walten lassen würde, die in seiner Macht stand. Allein auch der Obervogt war Untergebener des Landesherrn, dessen Anordnungen er unweigerlich zu gehorchen hatte. Die arme Trudi! hörig und leibeigen müßte sie werden, hatte Hammichel gesagt, und der hämische Ränkeschmied schien von seinem Gewährsmann gut unterrichtet zu sein, jedenfalls besser als Christoph selber es war, der kaum wußte, um was es sich in diesem freiheitraubenden Gesetz eigentlich handelte.

Sollte er zum Reichsfreiherrn auf die Wachtenburg gehen, sich von ihm Rat und Trost zu holend Nein! sobald Dietrich, dem ja die Anwesenheit Trudis bekannt war, etwas von der Sache erführe, würde er aus eignem Antrieb zu ihm auf den Abtshof kommen und ihn warnen. Aber da fiel ihm ein anderer ein, der ihm sicher die beste Auskunft geben konnte und mit dem er auch seit langen Jahren befreundet war. Das war der Schultheiß Gottfried Bofinger, ein allgemein hochgeachteter, in allen Gesetzauslegungen erfahrener Mann und ein gut Teil älter als er, mithin auch reicher an Erinnerungen. Augenblicks kehrte er um und begab sich zum Hause des Schultheißen.

Der würdige alte Herr, der still zurückgezogen in seinen vier Pfählen lebte, empfing den seltenen Besuch sehr freundlich und sah ihm sofort an, daß ihn etwas ganz Außerordentliches hergeführt haben mußte. »Ihr habt eine cura maxima, Bürgermeister,« begann er, nachdem beide Platz genommen hatten, »sprecht Euch aus und verschweigt mir nichts von dem, was Euch beschwert.«

»Habt recht geraten, Schultheiß; es ist keine Kleinigkeit, derentwegen ich zu Euch komme,« erwiderte Christoph und offenbarte dem Rechtsgelehrten klärlich seine Befürchtungen um Trudis Zukunft.

Gottfried Bofinger wiegte sein schlohweißes Haupt und sprach: »Das Wildfangrecht, Christoph, ist eine der malerischsten institutiones des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Generaliter ist mir's wohl bekannt von der Zeit her, da ich vorübergehend Sekretarius beim Reichskammergericht in Speyer war, aber in specie bin ich nicht mehr genau informiert. Wollen mal die acta reposita meines Amtsvorgängers nachschlagen und sehen, was in denen Traktaten darüber geschrieben steht.«

Er nahm aus einem hohen Gestell an der Wand einen tief unten liegenden Stoß vergilbter Papiere und blätterte darin, bis er das gesuchte Aktenstück fand, das er flüchtig durchlas. »Es ist so, wie ich dachte,« sprach er dann. »Ich wollte nur meinem Gedächtnis zuhilfe kommen, damit ich Euch nichts Falsches sage. Also merket auf, was ich Euch in Kürze darüber zu notifizieren habe.

Das Wildfangrecht ist ein altes regale des Kaisers, das schon unter König Wenzel und dann wieder in einem Diplom Maximilians des Ersten erwähnt wird. Es verleiht dem Reichsvikarius, Pfalzgrafen bei Rhein, ein auch kleineren Dynasten übertragbares beneficium und beruht auf folgendem principio. Wenn jemand aus einem Lande, einem weltlichen oder geistlichen Fürstentum, in ein anderes übersiedelt und dort ein Jahr und einen Tag lang bleibt, so fällt er in Hörigkeit und Leibeigenschaft des Landesherrn, und ein Loskauf mit Geld oder naturalibus ist unstatthaft. Nur edel oder gänzlich frei Geborene sind davon ausgenommen. Ein solchergestalt untertan gewordenes individuum, sei es Mann oder Weib, nennt man einen Wildfang. Der Hühner- oder Außenfaut nimmt ihn im Namen seines Herrn in Besitz und zieht von ihm den Fahegulden ein. Doch kann der, aus dessen Gebiet er entwichen ist, der sogenannte nachjagende Herr, den Wildfang zurückfordern, und dieser muß ihm dann stricte ausgeliefert werden. Dabei körperliche Gewalt gegen ihn zu gebrauchen ist aber ohne Genehmigung des Landesfürsten streng verpönt, übrigens eine wertlose papierne Klausel, denn diese Genehmigung ist auf Verlangen des Nachjagenden immer erteilt worden.«

»Also wäre meine Niftel dem Wildfangrecht rettungslos verfallen, sobald sie ein Jahr lang hier ist?« fragte Christoph.

»Unzweifelhaft. Seit wann ist sie denn bei Euch?«

»Seit dem Tage vor Kreuz-Erhöhung.«

»Nun, da habt Ihr ja noch fast fünf Monate Zeit bis zur Entscheidung. Aber noch eins muß ich Euch mitteilen,« fuhr der Schultheiß fort, »etwas, das zwar nicht hier in den Akten steht, dessen ich mich jedoch aus einem besonderen casu genau erinnere. Wer einen Wildfang ehelicht, gerät dadurch selber in Knechtschaft. Unfreie Hand zieht die freie nach sich. Wenn also Euer Niftel hier heiratet, wird ihr Gatte –«

»– auch hörig und leibeigen? das ist ja empörend!« rief Christoph erregt, Trudis und Franzens heimlicher Liebe gedenkend.

»Das ist es, weiß Gott!« stimmte Bofinger zu, » summum jus summa injuria. Könnt Ihr sie nicht in ihre Heimat zurückschicken?«

»Nein! dort harrt ihrer eine schlimmere Leibeigenschaft als hier unter Dietrich von Remchingen.«

»Der Freiherr ist Euer Jugendfreund, Christoph. Der wird Eurer Niftel keine zu schweren Fronen aufbürden.«

»Das gewiß nicht, aber – es kommt noch etwas anderes dabei in Betracht,« erwiderte Christoph und wollte dem Schultheißen nun von Trudis Hoffnungen sagen.

Dieser fiel ihm jedoch in die Rede mit den Worten: »Ich errate, was. Es geht Euch contra animum, als Bürgermeister eine Hörige in der Familie und im Hause zu haben. Das kann ich Euch nachfühlen, Christoph, aber wartet doch, bis von der Obervogtei in Sachen des Wildfangrechtes etwas gegen Euch unternommen wird. Dann wollen wir ratschlagen, was sich tun läßt, seine empfindlichsten Härten nach Möglichkeit abzuschwächen.«

Darauf hielt der Bürgermeister mit seiner Mitteilung von Trudis Liebe zurück und klärte den Freund über dessen Irrtum, was da noch anderweitig in Betracht käme, nicht auf. Er selber hatte an das mißliche Verhältnis, eine Hörige in der Familie zu haben, noch gar nicht gedacht. Jetzt fiel ihm auch das noch beklemmend auf die Seele, aber er unterdrückte dieses ihn persönlich Kränkende und schwieg.

Die beiden Alten schüttelten sich treulich die Hände und sprachen weiter kein Wort mehr. Christoph Armbruster schied mit schwerem Herzen von Gottfried Bofinger und wandelte langsam dem Abtshofe zu mit dem Vorsatze, den Seinigen die Schreckensbotschaft vorläufig noch zu verhehlen, aber auch mit dem festen Entschlusse, den Kampf gegen das Ungeheuer Wildfangrecht bis zum äußersten durchzufechten, mochte für ihn daraus entstehen, was wolle.

Zu Hause in der Pergola fand er Trudi. Vor sich auf dem Tische hatte sie ein Häuflein Veilchen, die sie zu einem Sträußchen zu binden im Begriff war.

»Sieh da! Veilchen hast du?« sprach er, sich zu ihr setzend.

»Jawohl, Onkel! die ersten, die ich im Garten entdeckte. Sie standen geduckt und geschützt, unter einem Strauche; da hab ich sie gepflückt, um ein Sträußchen draus zu machen.«

»Für wen denn, Trudi?«

»Für wen? für Base Madlen natürlich,« erwiderte sie, ohne von ihrer zierlichen Arbeit abzulassen.

»Soso! für Base Madlen,« sagte er mit einem so eigenen Ton, daß sie überrascht zu ihm aufblickte. »Bist selber ein liebliches Veilchen, du mit deinen dunkelblauen Augen.«

»Geduckt und geschützt unter eurem schirmenden Dache wie die Veilchen unterm Strauch,« sprach sie schelmisch. »Wenn du's so meinst, laß ich's gelten.«

»Gib mir ein einziges davon ab,« bat er.

»Gern, Onkel, hier!«

Er steckte es sich an die Brust und sagte: »Es ist lange her, daß ich eine Blume am Wams getragen habe. Das ziemt der Jugend, die seh ich gern mit Kränzen und Blumen geschmückt. Warum niemals dich?«

»Wie darf ich denn? sie blühn doch nicht für mich, die hier wachsen.«

»Ei freilich tun sie das; nimm sie, wo du sie findest, derweilen du jung bist. Später hat man nicht oft Anlaß, mit Rosen zu stolzieren, da sind die Dornen reichlicher im Leben,« sprach er träumerisch.

»Wenn du's erlaubst, Onkel, sollst du mich von jetzt an öfter mit Blumen staffiert sehen. Grund genug hab ich dazu. Sitz' ich doch hier bei euch freudig und glücklich wie der Vogel im Hanfsamen,« sagte sie mit einem Blick voll hellem Sonnenglanz.

»Freudig und glücklich!« wiederholte Christoph leise, schmerzbewegt und erhob sich, um hinein zu gehen. Es schnitt ihm ins Herz, wie Trudi hier so heimselig, fröhlich und arglos den Faden um ihr Sträußchen wand, während er seit einer Stunde wußte, welche tief eindringenden Dornen ihrer warteten.

Dann saß er in seiner Stube am Schreibtisch, starrte finster vor sich hin und trommelte.

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