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Das Wildfangrecht

Julius Wolff: Das Wildfangrecht - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Band VII
authorJulius Wolff
year1912
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
titleDas Wildfangrecht
pages1-280
created20021022
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
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Fünftes Kapitel.

In der fröhlichen Pfalz, wo sich das ganze Jahr hindurch von Herbst zu Herbst, sei es im Wingert, sei es im Keller, eine Arbeit an die andere reihte, brachte jede Jahreszeit auch ihre besonderen Freuden, die gründlich zu genießen das leichtherzige Volk der Pfälzer wie geschaffen war.

War es doch ein gottbegnadetes Weinland, darin sie wohnten und für dessen erquickliche Gaben sie allweg empfänglich waren, zu ihrer rechten Verwertung ausgerüstet mit einem gesunden Durst und mit willigen, schier unbegrenzt aufnahmefähigen Kehlen, diesem stets willkommenen Verlangen die angenehmste Befriedigung zu gewähren.

Aber auch andere pfälzische Eigentümlichkeiten hoben den Mut und stärkten die Lust, Feste zu feiern, wie sie fielen, je mehr je lieber.

Das Selbstgefühl und die Übergescheitheit der knorrigen, trotzigen Gaubauern, ihr unbezähmbarer Hang zum Foppen und Uzen und daneben ihre von keinem anderen deutschen Stamm übertroffene Gastlichkeit und Freigebigkeit verliehen allen gemeinsamen Veranstaltungen ein vollgerüttelt Maß von urwüchsiger Lebenskraft und überschäumendem Frohsinn. Da waren die vielen Kirchweihen in den Städten und Dörfern ringsum, der Dürkheimer Wurstmarkt mit seinem kreischenden Getümmel, der Billigheimer Purzelmarkt mit seinem Sackhüpfen, dann in den Wirtschaften der Trollschoppen, so genannt, weil der letzte, in gehobenster Stimmung stattfindende Umtrunk dem nächtlichen Gelage ein Ende machte und sich danach die Zechbrüder nach Hause trollen sollten, und eine Menge anderer Anlässe zu kurzweiliger Geselligkeit jeglicher Art.

Eine der beliebtesten Gelegenheiten zu vergnüglichem Beisammensein waren die Spinnstuben, die mit dem Eintritt des Winters begannen und in den größeren Bauernhöfen abwechselnd wöchentlich mindestens einmal abgehalten wurden. Jedermann aus dem weitesten Freundes- und Bekanntenkreise war, auch ungeladen, dazu willkommen, so viele Teilnehmer der verfügbare Raum zu fassen vermochte. Das Spinnen des Flachses, das von den jungen Mädchen statt in der stillen Abgeschlossenheit des elterlichen Hauses hier in lustiger Gesellschaft betrieben wurde, war allerdings der ausgesprochene Zweck dieser Zusammenkünfte, aber nicht die Hauptsache. Das war die vielstimmige, munter durcheinander schwirrende Unterhaltung, das Scherzen und Necken, Lachen und Liebeln mit den flotten Junggesellen, die dabei nicht fehlen durften und in der Tat auch niemals fehlten. Oft wurde dabei gesungen, manchmal auch getanzt, und stets waren eine oder ein paar ehrsame Mütter zugegen, die darüber wachten, daß die liebe, heißblütige Jugend nicht über die Stränge schlug.

Die Spinnerinnen kamen mit ihren Spinnrocken, deren Kunkel von Flachs oder Werg mit farbigen Bändern oder mit sogenannten Rockenbriefen umwunden war, breiten Pergamentstreifen, die mit Bildern von Blumen, Engeln, hübschen Bubenköpfen oder auch mit teils frommen, teils sehr weltlich erdachten Sinnsprüchen und Lebensregeln bemalt waren. Die schmucken Dirnen saßen in der geräumigen Diele, die an den Seiten von kleinen Öllampen und in der Mitte von einem hölzernen Hängeleuchter mit Unschlittkerzen erhellt und von einem mächtigen tönernen Ofen durchwärmt war, ließen die Räder surren und die Trittbretter klappern, und hinter ihnen standen die Burschen und plauderten mit ihren Auserwählten. Manch einer beugte sich zu dem Ohr der vor ihm Sitzenden nieder und raunte ihr minnige, oft auch verfängliche Worte zu, und dann überflutete wohl ein schämiges Rot die Wangen der Lauschenden, oder sie wandte schnell den Kopf und sah mit einem zärtlichen oder einem strafenden, doch niemals ernstlich bös gemeinten Blick zu dem Verwegenen auf.

Heute war Spinnabend im Hause von Adam Steinecker, dem Vater Jakobinens, und war stark besucht, auch von den beiden Gersbacher'schen Söhnen, sowie von Ammerie und Trudi. Die Würzburgische, wie man Trudi allgemein nannte, war keine Unbekannte mehr in diesem Kreise, wenn auch niemand etwas anderes von ihr wußte, als daß sie eine Verwandte der Armbruster war und deswegen für ein wohlhabendes Mädchen galt. Allen aber fiel sie durch ihre Schönheit und Anmut auf, und ihr freundliches, bescheidenes Wesen hatte ihr bereits die Zuneigung vieler erworben, die mit ihr in Berührung gekommen waren, mit Ausnahme einiger im stillen neidischer Altersgenossinnen, die es in diesen Eigenschaften und Tugenden mit der Fremden nicht aufnehmen konnten.

Trudi hatte sich allerdings in dem Vierteljahr, das sie schon in der behaglichen Häuslichkeit des Abtshofes verbracht hatte, zu einem schönen, von Gesundheit strotzenden Mädchen entfaltet, das einen Vergleich mit den begehrtesten Wachenheimerinnen wahrlich nicht zu scheuen brauchte. Franz Gersbacher stellte hier zum ersten Male solchen Vergleich im geheimen an und kam zu der Überzeugung, daß unter allen anwesenden und abwesenden Mädchen von Wachenheim und Umgegend der Preis der Holdseligkeit unbestreitbar Trudi gebühre. Kein Wunder, daß er sich meistens zu ihr hielt und sie vor den andern auszeichnete. Und er mußte wohl nicht der einzige hier sein, der so dachte; bald dieser, bald jener der Burschen näherte sich ihr mit zierlichem Kratzfüßeln und Scharwenzeln.

Sie selber tat nichts, irgendwelches Aufsehen zu erregen, spann beharrlich ihren Faden und gab auf jede Ansprache angemessenen und artigen Bescheid. Sie mit leichtfertigen Reden zu behelligen wagte niemand, denn der Ernst in ihren Zügen und die Gesetztheit ihres Benehmens hielt auch den Kecksten in geziemenden Schranken.

Bei all ihrem Fleiß konnte sie sich indessen nicht versagen, Franz und Jakobine ein wenig zu beobachten, um zu ermitteln, in welchen Beziehungen die beiden zueinander stehen mochten. Da wurde sie denn gewahr, daß sich Franz so gut wie gar nicht um die Tochter des Hauses bekümmerte und ihr keinerlei Aufmerksamkeit erwies, während Jakobine ihn kaum aus den Augen ließ und durch alberne Scherze und überflüssige Fragen mit ihm anzuknüpfen suchte, auf die er ihr nur kurze Antworten gab. Daraus schloß sie, daß Ammerie doch wohl recht haben mußte in ihrer Beurteilung des wahren Verhältnisses zwischen den beiden und daß bei diesem einem Gerücht nach füreinander bestimmten Paare die Verliebtheit nur auf einer Seite zu finden war.

Jakobinens Wesen behagte ihr nicht sonderlich. Hübsch war sie und von schmeidiger, reizvoller Gestalt, aber sie hatte etwas Vorlautes und Gefallsüchtiges, das Trudi abstieß und ihr zu Franzens gediegener, gradsinniger Art so gar nicht zu passen schien. Das machte es ihr begreiflich, daß er zu einer ehelichen Verbindung mit dem oberflächlichen Mädchen nicht geneigt war. Aber deshalb war es ihr auch weniger peinlich, als es ihr unter anderen Umständen gewesen wäre, daß sich Franz so lebhaft und vorzugsweise mit ihr beschäftigte.

Als sie sehen wollte, welchen Eindruck sein Verhalten auf Jakobine machte und sich nach der Seite hinwandte, wo jene saß, begegnete sie einem bohrenden, zornigen Blick aus deren braunen Augen, der ihr unangenehm, ja unheimlich war. Was ist das? dachte sie, Eifersucht? Nichts anderes konnte es sein, und um dieses Gefühl in dem beleidigten Mädchen ihrerseits nicht zu nähren, unterhielt sie sich von nun an fast ausschließlich mit der neben ihr sitzenden Ammerie, mußte aber doch dann und wann wieder zu Jakobine hinschauen, die von einer fortwährenden Hast und Unruhe ergriffen schien. Der Faden riß ihr öfter beim Spinnen, und sie mußte das Rad in Stillstand bringen, um ihn wieder anzuknüpfen, wobei ihr, wie Trudi nicht entging, die Hände zitterten. Das konnte reiner Zufall sein oder eine ganz belanglose Ursache haben, aber daß ihre Ahnung sie nicht betrogen hatte und daß sie selber die unbewußte Anstifterin von Jakobinens Verwirrung war, sollte ihr sogleich aus Ammeries Munde bestätigt werden. Diese flüsterte ihr zu: »Du stehst unter scharfer Aufsicht, Trudi, du und der Franz dazu. Jakobine beobachtet euch beide unausgesetzt.«

»Hast du's auch bemerkt?« fragte Trudi erschrocken.

Ammerie nickte. »Schadet nichts,« sagte sie, »laß sie nur! mag doch Franz sehen, wie er mit ihr fertig wird. Du hast dir nichts vorzuwerfen, und in den Spinnstuben wird noch anderes gesponnen als Flachs. Das ist nun mal so Brauch und ein Gaudi für alle, vor deren Augen sich das ganz unverhohlen abspielt.« Und nun offenbarte sie Trudi eine Reihe von Techtelmechteln, die sich unter einzelnen Paaren hier angebandelt hatten.

»Siehst du den hübschen, schlanken Burschen da mit dem schwarzen Schnurrbart?« sprach sie. »Das ist Hubert Lingenfelder, und der er jetzt die Hand auf die Schulter legt, ist gegenwärtig seine Liebste, Gustel Breitinger, ein Teufelsmädel, hat's faustdick hintern Ohren. Die Hellblonde neben ihr ist Lina Buschard, und der stattliche Bub, mit dem sie tuschelt und kichert, ist ihr Schatz, aber nicht ihr erster, Lebrecht Obenauer, der Sohn des Schmiedemeisters. Die da rechts, die sich auf ihrem Schemel zurücklehnt und dem hinter ihr Stehenden so herzenstief in die Augen blickt, ist Sophie Lingenfelder, dem Hubert seine Schwester und ein Ausbund von Durchtriebenheit, und er ist der junge Kernberger, genannt Ludolf der Schöne. Die beiden haben sich jetzt erst zusammengefunden, sind aber schon sehr vertraut miteinander.«

»Was du nicht alles weißt!« lächelte Trudi. »Hast du auch schon einen Schatz?«

»Noch nicht,« erwiderte Ammerie, »aber ich schaff mir bald einen an. So jüngferlich einschichtig wird mir's nachgerade zu langweilig; es muß ja nicht gleich geheiratet werden.«

»Warum denn nicht? worauf denn warten?« fragte Trudi. »Hast dir wohl schon einen ausersehen?«

»Nein, nein!« sagte Ammerie schnell und ein wenig errötend, »aber denkst du denn, daß sich die alle heiraten wollen, die hier miteinander schäkern und sich nachher auf dem Nachhausewege heimlich küssen? i Gott bewahre! Das ist bloß für diesen Winter, im nächsten hat jeder wieder ein anderes Lieb im Arm, da tauschen die Buben und Mädchen, ohne ein Wort darüber zu verlieren.«

»Was? da tauschen sie?«

»Natürlich! man will doch seine Abwechselung haben.«

»Aber das ist ja schrecklich,« sprach Trudi entrüstet. »Wie kann man denn jeden Winter einen andern lieb haben und sich von einem andern herzen und küssen lassen?«

»Dazu sind doch die Spinnstuben da,« lachte Ammerie, »und dafür sind wir alleweil die lustigen Pfälzer und nehmen die Dinge nicht so schwer wie ihr da drüben im Reich, weit hinterm Rhein.«

Trudi schwieg und wurde nachdenklich. Als sie aber hörte, wie Wilm Steinecker, Jakobinens Bruder, ein untersetzter, vierschrötiger Bursch, Franz zurief: »Fränzel, du bist ja wie festgebannt auf deinem Platz; komm doch mal hierher, hier sind auch noch Leute!« bückte sie sich schnell und machte sich an ihrer Spindel zu schaffen, denn sie fühlte, was das zu bedeuten hatte. Wilm wollte Franz von ihr weg und zu seiner Schwester hin haben. Franz folgte zögernd dem Rufe und ging zu den Steineckers, was Trudi nicht unlieb war, weil sie nicht wünschte, mit ihm ins Gerede zu kommen.

Jetzt tat sich die Tür auf, und es stellte sich noch ein verspäteter Gast ein, bei dessen Anblick sich ringsum ein Jubel erhob: »Hammichel! Hammichel von Gimmeldingen!« und ein lautes Gelächter erscholl.

Der neu Eingetretene war eine seltsame Erscheinung. Es war ein kleiner, alter Kerl mit sehr langen Armen und breiten Schultern, deren linke höher war als die rechte. Sein gelblich blasses Gesicht war bartlos mit einer schmalen Hakennase und dünnen, zusammengekniffenen Lippen, die sich oft zu einem häßlichen Grinsen verzerrten. Seine grauen, beständig zwinkernden Augen hatten etwas Scheues und Falsches, und seine abstehenden Ohren schienen immer zu horchen, als wenn sie sich wie die eines Tieres spitzen und bewegen könnten.

Er trug Fiedel und Bogen unter dem Arm, mischte sich mit sachten Schritten in die Gesellschaft und begrüßte diesen und jenen mit leiser, meckernder Stimme. Die meisten der jungen Männer behandelten ihn kühl, beinahe verächtlich, aber die Mädchen zeigten Freude über sein Kommen, weil sie wußten, was sie von seiner Fiedel erwarten durften. Am vertrautesten schien er mit Wilm Steinecker und dessen Schwester zu sein, die beiden Gersbacher aber und Ammerie mied er und warf nur einen forschenden Blick auf Trudi.

»Was ist denn das für ein widerlicher Mensch?« fragte diese.

»Widerlich ist viel zu wenig gesagt von dem alten Taugenichts,« antwortete Ammerie. »Es ist ein mit allen Hunden gehetzter, höchst gefährlicher Schwatzgesell, der hier allerwegen herumstreicht und mit einer verschlagenen Geheimniskrämerei sein unstetes Wesen treibt. Nur zu uns auf den Abtshof wagt er sich nicht, denn er haßt meinen Vater grimmig. Warum, sag ich dir ein andermal. Übrigens ist er dem Schneckenkaschper sein Großvater.«

»Der arme Junge!« sprach Trudi.

Hammichel schlich katzenhaft zwischen den Spinnstubengästen einher und mußte von den Burschen manche derbe Anzüglichkeit hören, die er entweder mit einem bissigen Witz oder nur mit einem stechenden Blicke quittierte. Endlich blieb er neben Mutter Steinecker stehen, die wie eine alte Glucke schläfrig an der Wand saß und dem Treiben des jungen Volkes stumpfsinnig zuschaute. Mit ihr hielt er einen langen Schnickschnack, bis ihm Jakobine ungeduldig zurief: »Hammichel, stimme deine Fiedel! wir wollen eins singen.«

»Ja, gern! aber erst gönnt mir einen Trunk,« bat er mit kläglichem Tone, »mir ist die Kehle knochentrocken.«

»Du sollst ja nicht mitsingen, alter Geigenbuckler!« höhnte Hubert Lingenfelder. »Wir brauchen dein Rabengekrächz nicht, deine Fiedel kratzt schon gerade genug.«

»Daß sie dir nur nicht einmal zum Tanz mit den vier Winden aufspielen muß, wenn dich die Raben am eichenen Kirschbaum umkrächzen!« gab ihm Hammichel schlagfertig zurück.

»Dazu kann's nicht kommen,« fiel Steffen Gersbacher ein, »denn vorher hängen wir dich selber in der Herberge zu den drei Säulen draußen vor der Holzpfort.«

Alle lachten und freuten sich, daß der schäbige Wicht so gut abgetrumpft war. Ferdinand Klinkmüller aber, auch ein Winzerssohn, erbarmte sich des Alten und sagte: »Komm her, Gimmeldinger! ich lösch dir deinen elenden Durst.«

Im Hintergrunde der Diele stand ein Tisch mit einem steinernen Weinkruge und plumpen, grünlichen Gläsern, aus denen die Burschen tranken und auch ihren Herzallerliebsten zuweilen einen Schluck darbrachten. Hier schenkte Ferdinand seinem Schützling ein und reichte ihm das Glas mit dem Kredenzgruß: »Da! sauf, was du selber zusammengebraut hast, und wohl bekomm's!«

»Vergelts Gott!« sagte Hammichel, kostete bedächtig, schnalzte mit der Zunge und murmelte vor sich hinnickend: »Hat geholfen, macht sich hübsch neutral, nur ein bißchen seifig und brenzlich; das nächste Mal weniger Schwefelsäure nehmen.« Dann wandte er sich zu den Mädchen: »So! jetzt will ich spielen; was wollt ihr singen?«

Sie stritten hin und her darüber und konnten sich nicht einigen. Er wartete jedoch ihre Entscheidung nicht ab und setzte den Bogen an mit festem Strich, worauf der Chor der Burschen und Mädchen sofort einfiel. Es war eine getragene Weise und klang gut, denn sie kannten das Lied, und Hammichel spielte tadellos hielt die Melodie und gab sicher den Takt an.

Es saß eine junge Spinnerin
Am Rocken bis Mitternacht,
Das Rad lief um, die Zeit ging hin,
Sie hat gefragt und gedacht:
Wann wird der Faden, so glatt und fein,
Wohl das Gewebe fürs Brauthemd sein?
Wie lange noch muß ich spinnen
Zu meinem Hochzeitlinnen?

Sie schaffte, daß ihr die Spindel flog,
Und harrte jahrein, jahraus
Auf einen, der in die Fremde zog,
Noch immer nicht kam nach Haus.
Was säumst du, Liebster? o kehre zurück,
Mein Hoffen und Sehnen, mein Traum und mein Glück!
Schon häuft sich das Garn in der Truhe,
Mein Herz, das findet nicht Ruhe.

Kein Wandergesell blieb am Fenster stehn
Und bracht' ihr weither einen Gruß,
Sie hörte so manchmal die Türe gehn,
Nie trat auf die Schwelle sein Fuß.
Hast du mich vergessen im fernen Land,
Du, der sich mir fest gelobt in die Hand?
So lange du lebst auf Erden,
Kannst du nicht untreu werden.

Nun endlich ein Brief, von ihm eine Spur!
Ihr war's wie ein Sonnenstrahl;
Doch als sie gelesen zwei Zeilen nur,
Da wurde sie aschefahl.
»Uns scheidet auf ewig, was mir geschehn,
Ich kann dir nicht mehr in die Augen sehn.« –
Tief in sich hat sie's verschlossen,
Still sind ihre Tränen geflossen.

Nach dem Liede trat eine Stille ein, denn der Ernst in dem eben Gesungenen hielt eine Weile vor. Allmählich aber verflog die sanfte Rührung bei den jungen Leuten, und sie verlangten etwas Lustiges. »Was soll es sein?« fragte Hammichel, »das von den Rockenbriefen?« »Jaja! die Sprüchlein auf dem Rockenbrief,« riefen sie und lachten. Da fing der Alte wieder an zu fiedeln, und sie sangen nun in einem heiteren Tone.

Die Sprüchlein auf dem Rockenbrief,
Der lieblich schmückt die Kunkel,
Sind lehrhaft und gedankentief,
Doch manchmal etwas dunkel.
Hier steht geschrieben. »Niemals laß
Mit Worten dich berücken,
Zur Sünde sind's die Brücken.«
Sagt, was bedeutet das?

Auf diesem heißt es: »Jeden Schritt
Sollst wohl du überlegen,
Weil lauernd als Versucher tritt
Der Böse dir entgegen.«
Der Böse kann es nimmer sein,
Mit dem ich abgekartet,
Daß er am Kreuzweg wartet
Zum trauten Stelldichein.

»Kind, hüt' dich vor dem ersten Kuß,
Dem einen folgen viele,
Wer einmal A gesagt, der muß
B sagen auch beim Spiele.«
Sollt' ich das ganze Alphabet
Durchbuchstabieren müssen
Mit fünfundzwanzig Küssen,
Gott weiß, wie gern ich's tät.

»Schau, daß die Milch nicht überkoche,
Versalze keine Suppe
Und schnauze nicht am Kerzendocht
Spitzfingerig die Schnuppe.
Nimm keine Nadel in den Mund,
Näh tages um die Wette
Und bete nachts im Bette
Die Todfeindin gesund.«

So warnen einen streng und scharf
Die Sprüche wie nach Noten,
Was hier man soll und da nicht darf,
Das Beste wird verboten.
Drum wer sie nicht begreifen kann,
Die Rockenweisheit, spinne
Sein Garn nach eignem Sinne
Und kehre sich nicht dran.

Nun mußte Hammichel seine Geige wieder stimmen, und als er dies getan hatte, machte er ein kurzes Vorspiel, aus dem alle sogleich hörten, was jetzt folgen sollte. Es war ein neckischer Zwiegesang. Die Mädchen fingen mit der ersten Strophe an, die Burschen antworteten ihnen mit der zweiten und so abwechselnd weiter; nur die letzte Strophe sangen Burschen und Mädchen zusammen.

Komm mir nicht so dicht ans Rad,
Winzerbub, du kecker!
Wär um jedes Wort mir schad
Mit dir dreistem Schlecker.
Schielst nach allen Mädchen hin,
Blonden oder braunen;
Denkst, daß ich willfährig bin
Deinen raschen Launen?

Ach, du liebe Unschuld du,
Nur nicht gar so spröde!
Äugelst selbst uns Burschen zu,
Bist auch sonst nicht blöde.
Mädels ihr, an Listen reich,
Dünkt euch Herzbezwinger,
Glaubt, ihr hättet Schätze gleich
Zehn an jedem Finger.

Leicht und lustig ist die Kunst,
Euch ins Garn zu locken,
Und mit einem Schein von Gunst
Fängt man euch zu Schocken.
Doch wir haben kein Begehr,
Dingfest euch zu machen,
Laufen nicht euch hinterher,
Drehn uns um und lachen.

Eifrig jagt ihr früh und spat,
Einen Mann zu kriegen,
Möchtet jedem, der euch naht,
In die Arme fliegen.
Das Gespinst doch, das ihr schlingt,
Ist zu schwach gewunden,
Und kein Wild, das euch umspringt,
Wird damit gebunden.

Also wollen wir uns auch
Keine Treue schwören,
Wollen uns nach flottem Brauch
Kurz nur angehören.
Heute kosen der und die
Und zwei andere morgen,
Wozu beide, er und sie,
Sich die Liebe borgen.

Kaum daß auch dieses Lied verklungen war klatschte Gustel Breitinger in die Hände und rief: »Genug mit dem Singsang! jetzt wird getanzt! Rocken und Stühle weg! Hammichel, hupp! auf die Tonne!«

Im Nu war alles beiseite geräumt, vier starke Arme packten Hammichel und hoben ihn auf die Tonne, die zu dem Zwecke schon bereit gestellt war. Dann, sobald seine Fiedel erklang, umfaßte Gustel ihren Schatz und wirbelte mit ihm herum, während andere Paare den Spuren des ersten folgten.

Jakobine hatte sich sofort Franzens bemächtigt und ihn, er mochte wollen oder nicht, in den Strudel hineingezogen. Als er dreimal die Runde mit ihr gemacht hatte, trennte er sich von ihr und forderte Trudi auf.

»Ich danke dir, Franz!« sprach sie, »aber ich tanze nicht.«

»Du tanzt nicht?« fragte er verwundert, »warum denn nicht?«

»Ich kann nicht tanzen, hab's nicht gelernt.«

»Was ist da groß zu lernen? Unterricht von einem Tanzmeister haben wir alle nicht gehabt, das gibt sich von selbst.«

»Bei mir nicht,« erwiderte sie, »ich habe nie getanzt, habe keine tanzfrohe Jugend gehabt.«

Sie sagte das mit so ernstem Ton und einem so traurigen Blick, daß er wohl ahnte, wie es daheim in ihrem Leben ausgesehen haben mochte. »Laß mich's dir beibringen, Trudi!« bat er inständig, »es ist nicht schwer, und ich tät es so gern.«

»Vielleicht nimmt sich Ammerie meiner an und lehrt es mich,« entgegnete sie lächelnd, »und sobald ich's kann, sollst du der erste sein, mit dem ich's versuchen will.«

»Soll ein Wort sein, Trudi! In der Weihnachtsrockenstube bei uns tanzen wir zwei miteinander, gelt?«

Sie drückte ihm die Hand, und er verließ sie. Nun klopfte ihm das Herz doch.

Auch anderen Burschen versagte sie sich, und darum fühlte sich keiner beleidigt, zumal sie den Grund ihrer Weigerung errieten.

Steffen tanzte am meisten mit Ammerie und flüsterte ihr dabei beständig etwas zu, was ihr zu gefallen schien, denn sie lächelte glücklich.

Die Freude dauerte noch so lange, bis Adam Steinecker aus der Trinkstube beim Kronenwirt nach Hause kam, denn dies war das Zeichen, daß es mit der Spinnstube für heute ein Ende hatte, denn die Mitternacht war nahe.

Alle brachen auf und begaben sich, meist zu zweien gesellt, auf den Heimweg. Franz geleitete Trudi und Ammerie, weil er nicht wollte, daß sich ein anderer an Trudi heranmachte. Jakobine war mit den sich verabschiedenden Gästen vor das Tor getreten, um auszuspionieren, mit wem er gehen würde. Und richtig! dachte sie's doch! mit der Würzburgischen ging er, – mit der, die noch nicht einmal tanzen konnte! »Na warte! das will ich dir anstreichen,« grollte sie.

Aber auch Trudi sah, wie die einzelnen Pärchen, zärtlich umschlungen, sich im Dunkel der Nacht verloren, und dachte: nun küssen sich die, und im nächsten Winter tun es wieder andere.

Als Franz die beiden Mädchen nach dem Abtshofe gebracht hatte und sie sich oben in ihrer Kammer entkleideten, fragte Trudi: »Kannst du schon schlafen, Ammerie?«

»Ich? und wie!« lachte Ammerie, »wenn ich alles so gut könnte wie schlafen, würde meine Mutter sehr zufrieden mit mir sein. Willst du noch was?«

»O nichts Besonderes,« sagte Trudi, »ich möchte nur wissen, warum der garstige Mensch, der Hammichel, deinen Vater haßt.«

»Das – erzähl ich dir morgen,« erwiderte Ammerie gähnend, »jetzt gute Nacht! schlaf wohl!«

Aber Trudi konnte noch lange nicht einschlafen; ihr kam einer nicht aus den Gedanken, mit dem sie so gern getanzt hätte.

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