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Das Wildfangrecht

Julius Wolff: Das Wildfangrecht - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Band VII
authorJulius Wolff
year1912
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
titleDas Wildfangrecht
pages1-280
created20021022
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
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Viertes Kapitel.

Ausgangs Oktober war die Lese im pfälzer Weingebiet beendet und hatte einen über Erwarten guten Herbst geliefert. Nun begann nach dem Keltern der Trauben die Kellerarbeit, das Ab- und Umfüllen aus einem Faß in das andere und das Klären des Mostes, der in seinen hölzernen Banden gärte und brauste. Dabei hatte jeder Winzer mit dem eigenen Gewächs alle Hände voll zu tun und kümmerte sich nicht darum, wie den anderen das ihrige geriet. Trotzdem stellte sich eines Tages Franz Gersbacher auf dem Abtshofe ein, um sich nach dem Werden des Armbruster'schen Neuen zu erkundigen.

Sonderbar! Er, der beim Lesen im Wingert ein unfehlbares Mittel zur Schätzung des künftigen Weines auf dem lockenden Umwege über einen Mädchenmund angegeben hatte, er wußte recht gut, daß man sich vor frühestens Weihnachten kein Urteil darüber bilden konnte. Und dennoch kam er unter diesem Vorwande und traf zu seiner Freude die beiden Mädchen allein.

»Hmhm!« machte Ammerie mit einem pfiffigen Schmunzeln, nachdem er seine Frage etwas unsicher vorgebracht hatte, »so ungeduldig auf die Bonität des Neuen bist du ja noch niemals gewesen. Fertig hexen können wir auch nicht, was seine Zeit und Weile haben will. Hat dir denn euer Most schon etwas über seine hoffnungsvolle Zukunft verraten?«

»Das nicht,« erwiderte er, »aber ich dachte mir, ich könnte vielleicht hier bei euch was lernen. Vielleicht behandelt man ihn im Würzburgischen auf eine andere, uns noch unbekannte Weise.«

»Ach so! im Würzburgischen,« lachte sie, »und da möchtest du wieder bei Trudi in die Schule gehen. Nun, Trudi, was sagst du dazu? willst du dem Franz diesmal besser auf die Sprünge helfen als bei seinem ersten, mißlungenen Probierversuche mit dir? Wird im Würzburgischen beim Klären vielleicht manchmal gek—?«

»Gekünstelt, meinst du?« fiel Trudi mit brennenden Wangen schnell ein, »o nein, niemals. Wir kennen auch kein anderes Verfahren dabei als hier zu Lande gang und gäbe ist.«

»Wirklich nicht?«

»Nein, aber ich glaube, wir haben dort einen ebenso geübten Geschmacksinn wie ihr; nur wollen wir nicht fürwitzig etwas vorwegnehmen, was uns der Wein noch nicht zu kosten geben kann, sondern warten ruhig ab, was draus werden will.«

»Da hast du's!« spottete Ammerie. »Ja, die Würzburger sind kluge Leut und lassen sich auch vom verwogensten Pfälzer nichts abluchsen.«

Die Mädchen standen wie zu Schutz und Trutz aneinander geschmiegt. Die Größere hatte einen Arm um den Nacken der Kleineren geschlungen, und beide schauten Franz mit blitzenden Augen herausfordernd an und trieben ihn mit neckischen Spitzreden über seine unzeitige Neugier auf den erst kürzlich gekelterten Rebensaft so in die Enge, daß ihm dabei nicht ganz wohl in seiner Haut wurde. Daß sie ihn mit seiner törichten Frage einfach ausgelacht hatten, nahm er ihnen nicht übel, weil er einsah, daß er nichts Besseres darauf verdient hatte. Um jedoch seine Sachkenntnis im Ausbau des Weines den beiden Schlauköpfen gegenüber nicht noch mehr in Mißkredit zu bringen, verabschiedete er sich bald von ihnen, durchaus zufrieden mit seinem Besuche, der ja nur Trudi gegolten hatte.

Eine Begegnung mit ihr war ihm seit der auf die Armbruster'sche bald folgende Lese in den Wingerten seines Vaters, bei der nun die vom Abtshofe geholfen hatten, nicht vergönnt gewesen. Das war schon einige Wochen her, weil in dieser arbeitsreichen Zeit keine Muße zu freundschaftlichem Verkehr übrig blieb und man auch die Sonntage ausnutzen mußte, um nichts zu versäumen, was nur schwer oder überhaupt nicht nachgeholt werden konnte.

Aber der Wunsch, Trudi wiederzusehen, war immer lebhafter in Franzens Seele geworden, denn die Würzburgerin hatte ihm beim Traubenschneiden in den Weinbergen außerordentlich gut gefallen, und nun trieb es ihn mit Macht, sich ihr einmal wieder zu nähern.

Als er weggegangen war und die beiden Mädchen sich wieder allein befanden, sagte Ammerie: »Ich begreife nicht, was der Franz hier bei uns gewollt hat. Seine Frage nach dem Neuen war doch weiter nichts als eine ungeschickte Ausrede, um seinem Erscheinen hier einen gewissen Anstrich zu geben, es gleichsam zu entschuldigen, denn einen Grund, einen ganz bestimmten Grund hatte es. Meinetwegen aber ist er nicht gekommen, also kann es nur deinetwegen geschehen sein.«

»Meinetwegen? aber Ammerie!«

»Ja, weswegen denn sonst?«

»Nein, nein!« stritt Trudi dagegen. »Du selber hast ihn, als er bei unserer Lese so tat, als wollte er – na sagen wir's rund heraus, als wollte er einen Kuß von mir haben, an eine andere erinnert, mit der er doch schon –«

»Ach, damit wollt ich ihm ja nur auf den Zahn fühlen, und nun weiß ich Bescheid,« unterbrach Ammerie ihre Muhme. »Die ungeschliffenen Worte, mit denen er mich dabei abspeiste, bestärken mich noch in meiner Vermutung, daß sich Franz aus der Jakobine nichts macht. Sie ist ihm vielleicht nicht ganz zuwider, weil sie ein hübsches Mädel ist, ihm sehr entgegenkommt und sich gefällig von ihm karessieren und sponseren läßt, aber daß er sie wirklich liebt, glaub ich nun und nimmermehr. Mir scheint es zwischen den beiden Alten, dem Gersbacher und dem Steinecker, eine abgekartete Sache zu sein, daß aus Franz und Jakobine ein Paar werden soll, damit zwei große Batzen Geld in einen Sack kommen. Aber von Liebe ist, wenigstens auf seiner Seite, dabei nicht die Rede; sie sind auch nicht miteinander versprochen, und das müßten sie längst sein, wenn es dem Franz ernstlich um eine Heirat mit ihr zu tun wäre.«

»Dann begeht er ein Unrecht an ihr, wenn er sie mit Lauheit und Halbheit hinhält und es mit ansieht, daß sie sich in Hoffnungen wiegt, die zu erfüllen er nicht gesonnen ist,« sprach Trudi mit einem Eifer, der sie gut kleidete.

»Die Jakobine ist es ja, die ihn nicht losläßt und ihm förmlich nachstellt,« rief Ammerie heftig. »Und er? – teils ist er zu gutmütig, um sie durch eine schroffe Abweisung zu kränken, teils wagt er nicht, sich dem Willen seines Vaters zu widersetzen. Ich tu meinem Vater zu Lieb, was ich nur weiß und kann, aber einen Mann, den ich nicht liebe, ließ' ich mir mit keiner Gewalt aufdrängen.«

»Ammerie, – sieh mir mal grad ins Gesicht!« sagte Trudi. »Möchtest du den Franz vielleicht selber gern haben?«

»Ich?« Ammerie lachte hell auf. »Nein, Trudi, da bist du auf dem Holzwege. Meinetwegen mag er nehmen, wen er Lust hat; ich will ihn nicht und er mich nicht. Aber ein braver Bursch ist's, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, und beileibe nicht so einfältig, wie er sich heute hier gestellt hat, nur gestellt hat, um unter diesem Deckmantel der Unschuld zu seinem Ziele zu kommen, das heißt, dich wiederzusehen.«

»Ich bezweifle seine guten Eigenschaften durchaus nicht,« erwiderte Trudi ruhig, »bin aber nicht so eitel, mir einzubilden, daß er um meinetwillen hierher gekommen wäre, und lasse mir das auch nicht einreden.«

»Und ich bleibe dabei,« entgegnete Ammerie, mußte aber abbrechen, weil Madlen ins Zimmer trat, die von diesem Zwiegespräch nichts zu wissen brauchte. –

Franz ging vom Abtshofe nicht gleich nach Hause, sondern schritt zum Tore hinaus und zwischen den Weinfeldern den Weg nach Forst zu. Es war ein feuchtkaltes Wetter, die dichten, herbstlichen Rheinnebel kamen vom Strome gegen die Haardt heraufgezogen, verdüsterten den Himmel und verschlossen jegliche Aussicht in die Ebene, auf der sie wie ein überschwemmendes Meer ausgegossen lagen. Er achtete dessen nicht, denn er grübelte Trudis Worten nach, daß die Würzburger nicht fürwitzig vorwegnähmen, was zu genießen noch nicht bereit für sie wäre. Das hatte er verstanden als eine Ablehnung gegen ihn, der ja auch von ihr etwas hatte vorwegnehmen wollen, was ihm nicht gebührte, den Kuß zur Schätzung des künftigen Weines. Aber das war doch nur ein Scherz von ihm gewesen, den er nicht einmal selber erfunden hatte und dem die Tat auf dem Fuße folgen zu lassen, – – na, wer weiß, was geschehen wäre, wenn Ammerie nicht mit ihrer dummen Stichelei auf Jakobine dazwischen gefahren wäre! Trudi hatte so rote, schwellende Lippen! Dann hatte sie aber hinzugefügt: wir warten ruhig ab, was draus werden will. Was hatte sie damit sagen wollen? war das auch ein Wink für ihn gewesen, Geduld mit ihr zu haben und zu warten – ja, auf was denn? Sollte denn, konnte denn überhaupt jemals etwas zwischen ihm und ihr werden? Dergleichen hatte er noch nicht im entferntesten in Erwägung gezogen und tat es auch jetzt nicht, weil Trudis Äußerung doch wohl nur auf den Wein und keineswegs auf ihn gemünzt war. Er kannte ja das Mädchen eigentlich noch gar nicht und hatte auch noch nicht versucht, sie genauer kennen zu lernen und etwas über ihr Leben und ihre Verhältnisse zu erfahren. Allein wie kam er denn darauf, sie wiedersehen zu wollen? Sein Herz klopfte nicht stärker als gewöhnlich, wenn er an sie dachte; aber er dachte doch an sie. Ob sie auch wohl manchmal an ihn dachte? und ob sie wohl mit Ammerie zu den Spinnstuben kommen würde? Das wäre die beste Gelegenheit, sie öfter zu sehen, wenn es denn nun einmal sein sollte, wenn es sich nicht vermeiden ließ oder – oder wenn er das Verlangen danach noch weiter in sich verspüren sollte. Sie war doch ein sehr hübsches Mädchen mit ihren dunkelblauen, herzigen Augen und dem üppigen Blondhaar, und wie schön war sie gewachsen, rank und schlank in blühender Jugendkraft! Wie mußte die tanzen können! Dabei wollte er sie fest in den Arm nehmen.

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