Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Julius Wolff >

Das Wildfangrecht

Julius Wolff: Das Wildfangrecht - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Band VII
authorJulius Wolff
year1912
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
titleDas Wildfangrecht
pages1-280
created20021022
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
Schließen

Navigation:

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Am Dienstag der nächsten Woche fand nach vorhergegangener Ansage die Lossprechung Trudis in feierlicher Weise statt.

Es war ein sonniger Tag, herbstlich klar und doch noch sommerlich warm. Auf dem Markte drängte sich eine ungezählte, festlich gekleidete Menge, die von vier reisigen Burgmannen des Freiherrn zu einem geschlossenen Ringe aufgestellt wurde, so daß in seiner Mitte ein mehr als ausreichender Bewegungsraum für die Würdenträger und die zunächst Beteiligten frei blieb.

Innerhalb dieses Kreises stand der Reichsfreiherr mit dem wallenden Federhut auf dem Haupte und dem langen Stoßdegen in kostbarem Wehrgehenk an der Hüfte. Zu seinen Seiten, nur ein wenig zurück, befanden sich der Schultheiß im Talar, der Bürgermeister mit dem silberknöpfigen Amtsstabe und der älteste Pfarrer im Ornat. Hinter ihnen ordneten sich die Mitglieder des Gemeinderates mit Ausnahme der Grollenden, die gegen die Befreiung Trudis gestimmt hatten.

In der vordersten Reihe alles Volkes, dem Freiherrn gerade gegenüber, waren den Familien Armbruster und Gersbacher Plätze vorbehalten worden, für Trudi einer zwischen Madlen und Agnete. Sie sah bleich aus, und das Herz klopfte ihr zum Zerspringen.

Jetzt blies Niklas, der Türmer, der ehemalige Weidgesell auf der Wachtenburg, zum Zeichen des Beginnes der feierlichen Handlung eine schmetternde Weise, natürlich wieder eine lustige Jagdfanfare, wonach lautlose Stille ward.

Nun winkte der Freiherr Trudi zu, und zagen Schrittes, mit gesenktem Haupte, trat sie vor ihn hin.

Herr Dietrich von Remchingen sprach mit rundum vernehmlicher Stimme: »Höret mich, ihr Bürger und Einwohner von Wachenheim! ihr sollt Zeugen sein dessen, was ich der hier vor mir stehenden, euch allen bekannten, ehrsamen Jungfrau zu verkündigen habe.«

Er entblößte das Haupt, und als alle Männer das gleiche getan hatten, fuhr er fort: »Auf gnädigsten Befehl und im Namen des Reichsvikarius, unseres durchlauchtigen Kurfürsten und Pfalzgrafen bei Rhein Karl Ludwig spreche ich dich, Gontrud Hegewald, vor der versammelten Bürgerschaft zum Lohn und Dank für deine mutige Rettungstat beim Brande vom Wildfangrechte los und ledig. Gib mir die Hand! Sieh' so halt ich dich noch, und wie ich deine Hand jetzt aus der meinigen loslasse, so geb ich dich frei für alle Zeiten und in alle vier Winde. Du kannst bleiben oder gehen, wohin du willst, und nie und nirgend, weder nah noch fern darf ein nachfolgender, nachjagender Herr den geringsten Anspruch an dich erheben, mit keinem Fug und Recht, aus keinerlei Ursach' oder Vorwand. Hier lege ich dir meine Hand aufs Haupt und sage noch einmal: du bist frei, Gontrud Hegewald!«

Darauf bedeckte er sich wieder mit dem Hute und fügte weniger laut hinzu: »Und nun nimm von mir dies silberne Kettlein mit anhängendem Bilde des Ritters Sankt Georg und trag es, wann du willst, zum Andenken an diese Stunde und an den, dem es beschieden war, sie dir bereiten zu können.«

Trudi verneigte sich tief, und nachdem ihr der Freiherr die Kette um den Hals geschlungen hatte, küßte sie ihm stumm die Hand, obwohl er's ihr wehren wollte.

In diesem Augenblicke begann von zwei Glocken auf dem Turme ein frohes Festgeläut, und nun brach die Volksmenge in brausende Jubelrufe aus: Heil dem Reichsfreiherrn von Remchingen! Heil Trudi! Heil unserm Bürgermeister!

Trudi begab sich auf ihren Platz zurück. Frei, frei! o mein Gott, ich danke dir! Mehr konnte sie jetzt nicht denken; es summte und sauste ihr in den Ohren, und sie wußte sich nun vor den auf sie zustürmenden Männern und Frauen, Burschen und Mädchen, die sie beglückwünschen wollten, kaum zu retten. Fast zuletzt kam einer, der sprach kein Wort, aber er hielt Trudis Hand länger in der seinen und blickte ihr inniger in die Augen als alle die anderen. Das war Franz Gersbacher.

Zu Hause auf dem Abtshofe empfingen die Freie liebende Arme, und jedem der gleich ihr mächtig Bewegten bot sie in überquellender Dankbarkeit die Lippen dar, sogar Schneckenkaschper, der nicht wußte, wie ihm geschah und womit er diese feenhafte Gunst verdient hatte.

Aber dann gab es kein müssiges Ausruhen; nun mußte das Mahl gerüstet werden, mit dem der Bürgermeister aus Anlaß des freudevollen Ereignisses seine nächsten Freunde heute bewirten wollte, den Freiherrn, die Gersbachers, Lutz Hebenstreit, den angesehenen Vorsteher der Winzergilde Berthold Breitinger mit Frau und Tochter, Armbrusters Tochter und Schwiegersohn, die aus Neustadt herübergekommen waren, und noch sechs oder acht andere. Der Schultheiß hatte die Einladung dankend abgelehnt, weil er aus gesundheitlichen Gründen alle Schmausereien mied, bei denen es der überaus freigebigen pfälzischen Gastlichkeit gemäß ihm zu hoch herging.

Zur festgesetzten Abendstunde fand sich die Gesellschaft in Christophs Schreibstube ein und begab sich, als sie vollzählig beisammen war, in die geräumige Wohnstube, wo von Trudi und Ammerie an zwei gedeckten Tischen jedem der ihm zugedachte Platz angewiesen wurde.

Der Freiherr saß neben der Frau Bürgermeisterin, Franz neben Trudi, und diesen beiden war so selig zu Sinn, als wäre dies schon ihre Hochzeitstafel. Auch Schneckenkaschper durfte nicht fehlen und hatte seinen Platz an Ammeries Seite.

Nach dem ersten Gange erhob sich der Freiherr und hielt mit dem ganzen Gewicht seiner würdevollen und vornehmen Persönlichkeit an die Tischgenossen eine inhaltreiche Ansprache zu Ehren Trudis. Er pries und feierte sie für das, was sie getan und was sie gelitten hatte, mit von Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Worten und versicherte, es würde ihm zeitlebens eine liebe Erinnerung bleiben, daß es ihm vergönnt gewesen wäre, die von allen hochgeschätzte Niftel seines Freundes Armbruster vom Wildfangrechte zu lösen. Daran knüpfte er die besten Wünsche für eine glückliche Zukunft der nunmehr freien Pfälzerin, die der allmächtige Gott auch ferner in seinen gnädigen Schutz nehmen möchte.

Bald darauf antwortete Christoph seinem ritterlichen Freunde und dankte ihm warm für seine großmütige Hilfe, ohne welche die Befreiung Trudis nie und nimmer erreicht worden wäre und sie jetzt nicht so fröhlich hier beieinander säßen. Er schloß unter der begeisterten Zustimmung aller Anwesenden mit dem Wunsche, daß der Reichsfreiherr noch lange Jahre der unter seiner gerechten und milden Verwaltung blühenden Pfalz als Obervogt vorstehen möge, sich selber zur Ehre und dem Lande zum Segen.

Die Unterhaltung der Gäste floß langsam dahin und schwirrte immer lustiger von einem zum andern.

Zu Agnete sprach Madlen: »Wenn ich dem Gefühl des Neides zugänglich wäre, so würde ich dich darum beneiden, daß du den klugen Gedanken gehabt hast und nicht ich, die Gemeinde für Trudis Befreiung aufzurütteln.«

»Er ist mir wie von oben herab eingegeben worden, Madlen,« erwiderte Agnete. »Aber als Verdienst will ich's mir nicht anrechnen; es wäre wohl auch ein anderer noch darauf gekommen.«

Das hatte Florian Gersbacher gehört und bemerkte dazu: »Jedenfalls ist's mir eine besondere Freude, daß der gute Gedanke gerade in dem Hause geboren ist, in das Trudi nun bald mit dem Brautkranz im Haar als unsere liebe Tochter einziehen wird.«

Da hob Christoph Armbruster sein Glas und trank seinem Freunde Dietrich von Remchingen lächelnd zu, als wollte er sagen: wir beide wissen am besten, wer diesen Gedanken zuerst gehabt hat.

Zu dem ihm gegenübersitzenden Lutz sprach Franz: »Na, Lutz Hebenstreit, wo ist nun das Unheil, das Ihr Trudi nach dem Weinverschütten hier einst prophezeitet?«

»Ist's etwa nicht eingetroffen?« fragte Lutz zurück. »Zweimal hast du Trudi davor bewahrt. Erst hast du sie aus Flammen und Rauch und dann aus den Klauen ihres nichtswürdigen Entführers retten müssen.«

»Ja, das hat er getan, aber ich schenke Euch keinen Wein wieder ein, Meister Hebenstreit,« mischte sich Trudi in das Gespräch.

»So stoße wenigstens mit mir an zum Zeichen, daß du mir nicht mehr böse bist,« erwiderte Lutz.

Trudi tat es und reichte ihm über den Tisch hin die Hand mit den Worten: »Das bin ich nie gewesen.«

»Ich stoße mit an, Lutz,« sprach Franz, »aber jetzt auf einen guten Herbst. Am nächsten Montag beginnt die Lese, und bei der vorjährigen in unserem Wingert war's, daß ich mit Trudi Freundschaft machte, –«

»Die mit der nicht zustande gekommenen Wein- und Kußprobe anfing,« flocht Ammerie lachend ein.

»Und dann in den Spinnstuben bald zur brennenden Liebe wurde,« schloß den Satz neckisch Gustel Breitinger.

Bis zu später Stunde blieb man traulich beisammen, doch gab es hie und da schon Lücken an den Tischen. Einige der Gäste hatten sich erhoben und standen plaudernd umher, so daß es unbemerkt blieb, wer etwa fehlte und sich schon wegbegeben hatte.

Trudi trat auf den Freiherrn zu und begann mit feucht schimmernden Augen: »Ich konnte Euer Gnaden noch mit keinem Worte danken für das, was Sie für mich getan haben. Heut' vormittag war ich dazu nicht imstande, aber jetzt muß es mir endlich aus dem Herzen heraus: ich verdank' Euer Gnaden das größte Glück meines Lebens.«

Remchingen nahm ihre Hand und sprach: »Liebe Trudi, glücklich machen ist wohl ebenso schön wie glücklich sein, das fühl' ich heute. Dort steht dein Liebster,« fuhr er fort, Franz heranwinkend, »ihr habt in Leid und Not zusammengehalten; tut es auch im Glücke!«

»Das werden sie, Dieter!« sagte hinter ihm Christoph Armbruster, »ich bürge für beide.«

»Und nun und nimmer werden wir Euer Gnaden Beistand und Güte vergessen; das gelob' ich für mich und meinen lieben Wildfang hier,« fügte Franz hinzu, den Arm um Trudi schlingend.

Nun sprach der Freiherr leise zum Freunde: »Ich will fort, Chrischtoph, aber ganz heimlich, – gute Nacht!« Und nachdem er Schneckenkaschper den Auftrag gegeben hatte, ihm sein Pferd satteln und vorführen zu lassen, stahl er sich aus der Gesellschaft weg.

Während er nun wartend auf dem dunklen Hofe stand, im Herzen froh über das Vollbrachte, hörte er jemand hinter dem großen Nußbaum sagen: »Du wolltest ja zählen; wieviel sind's denn bis jetzt geworden?«

Darauf antwortete eine weibliche Stimme: »Ach, Steffen, viel zu viele, als daß ich sie hätte zählen können.«

Dietrich von Remchingen lächelte still und brauchte sich den Kopf nicht zu zerbrechen, wem wohl diese zweite Stimme angehören mochte.

 << Kapitel 23 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.