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Das Wildfangrecht

Julius Wolff: Das Wildfangrecht - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Band VII
authorJulius Wolff
year1912
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
titleDas Wildfangrecht
pages1-280
created20021022
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
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Zwanzigstes Kapitel.

Eines Morgens erschien Schneckenkaschper mit seinem Patz auf dem Abtshofe und saß, unverwandt das Haus im Auge behaltend, geduldig so lange auf der Bank unter dem großen Nußbaum, bis ihn Trudi von einem Fenster aus erblickte und auf ein Zeichen von ihm mit Ammerie herauskam. Da steckte er ihr einen Brief zu, auf den er seinem Großvater mündliche Antwort bringen sollte. Die Mädchen, höchst erstaunt über diese Sendung, wollten das sorglich geschlossene Schriftstück erst nicht annehmen, taten es aber im unwiderstehlichen Drange der Neugier dann doch und schickten den Jungen in den Garten, dort ihres Bescheides zu harren.

Der Brief war von Ebendorffer, der Trudi in rührseligem Tone um ein letztes Wiedersehen bat. Er hätte sich leider überzeugen müssen, schrieb er, daß sein Bemühen, sie in ihre Heimat zurückzuführen, vergeblich wäre, und wollte nun allein abreisen. Die einzige Bitte, die er noch auf dem Herzen hätte, wäre, von ihr auf ewig Abschied nehmen zu dürfen; sie möchte ihm diese kleine Gunst nicht versagen. Zum Beweise seines völligen Verzichtes verspräche er auf Ehr und Eid, ihr dabei seine Vollmacht auszuhändigen, womit er sich jedes Anspruches und jedes Rechtes auf sie entäußerte. Sie möchte heut abend um neun Uhr vor die Rheinpforte hinauskommen und sich von ihrer Muhme Ammerie begleiten lassen, die ja Zeuge seines Abschiedes von ihr sein könnte.

Nachdem die beiden Mädchen, Schulter an Schulter, den Brief gelesen hatten, sahen sie sich fragend an, und jede wartete auf das erste Wort der andern.

Trudi sprach es aus: »Ammerie, das ist eine Falle.«

»Nein,« erwiderte Ammerie, »das glaub' ich nicht, sonst würde er dir nicht vorschlagen, mich mitzubringen.«

»Wozu denn ein Abschied?« versetzte Trudi. »Ich hab ihm nichts zu sagen und will nichts von ihm hören.«

»Für den Preis, seine Vollmacht in die Hände zu bekommen, könntest du schon ein übriges tun.«

»Das ist nur der Köder, mit dem er mich kirren will. Wer weiß, was er arges mit mir im Sinn hat.«

»Die Erfüllung dieser Bedingung muß voraufgehen, ehe du ihm nur mit einer Silbe Rede stehst,« erklärte Ammerie.

»Mir schaudert vor einem Zusammentreffen mit dem Menschen.«

»Da es aber das einzige Mittel ist, ihn loszuwerden, müssen wir's wagen.«

»Hast du wirklich den Mut dazu?«

»Warum nicht?« meinte Ammerie. »Gegen uns zwei starke Mädchen kann er nichts ausrichten. Die Eltern dürfen natürlich nichts davon wissen; denen sagen wir, wir hätten Gersbachers versprochen, sie heut abend nach Tisch zu besuchen, wogegen sie nichts einzuwenden haben werden. Vorher aber wollen wir meinen Bruder Peter noch um Rat fragen und danach beschließen, was wir tun. Jedenfalls lassen wir durch Kaschper bestellen, wir würden zu dem Abschiednehmen kommen. Rät uns Peter davon ab, so bleiben wir hübsch zu Hause und lassen den Rothaarigen da draußen so lange warten, bis er schwarz wird. Bist du damit zufrieden?«

»Ja, damit bin ich einverstanden,« erwiderte Trudi. »Wollen wir Peter nicht bitten, mitzukommen?«

»Nein, das nicht,« widersprach Ammerie. »Erstens wird er sich nicht dazu verstehen, und zweitens würde Ebendorffer das als einen auf ihn ausgeübten Zwang ansehen und uns aus Ärger darüber seine Vollmacht nicht ausliefern.«

»Damit könntest du allerdings recht haben,« pflichtete ihr Trudi bei.

»So komm, daß wir dem Jungen Bescheid bringen.«

Im Garten sagte Ammerie zu Kaspar: »Melde deinem Großvater, wir würden uns heut abend Klocke neun vor der Rheinpfort' einfinden.«

»Werd's bestellen,« sprach Kaspar, lief mit seinem Patz flink davon, dachte aber: abends Klocke neun vor der Rheinpfort'? was soll denn das bedeuten? Schneckenkaschper, da müssen wir dabei sein.

Darauf begaben sich die Mädchen in Peters Wohnung. Ammerie trug ihrem Bruder, ohne Beisein von Elsbeth, das Begehren und das Anerbieten des Meiers vor und knüpfte daran die Bitte, ihnen seinen Rat zu erteilen. Sie verschwieg ihm nicht Trudis Bedenken und große Abneigung gegen den Schritt, vertrat aber auch ihre eigene Meinung und wiederholte alles das, was sie für das Eingehen auf Ebendorffers Vorschlag schon Trudi gegenüber geltend gemacht hatte.

Peter hatte ihr aufmerksam zugehört und sprach nach längerem Besinnen: »Ja! geht hin! ich sehe keine Gefahr dabei, und in den Besitz der Vollmacht zu gelangen, ist für dich, Trudi, wie auch für den Vater so überaus wichtig, daß du die Gelegenheit dazu nicht versäumen darfst. Ich würde euch, damit ihr euch sicherer fühltet, gern zu dem Stelldichein begleiten, aber das würde die Übergabe der Vollmacht nicht fördern, sondern wahrscheinlich hintanhalten.«

»Ganz richtig! das hab' ich Trudi auch schon gesagt,« fiel Ammerie ein.

»Also du rätst uns, den Gang zu wagen?« fragte Trudi noch einmal.

»Unbedingt ja!« erwiderte Peter.

»Gut! dann tun wir's,« entschied Trudi. »Hab' Dank, Peter!«

Sie verließen ihn, und auf dem Hofe hub Ammerie an: »Nun kannst du ohne Sorge sein. Peter ist ein sehr vorsichtiger Mensch und würde uns nicht zureden, wenn er an der Sache irgend etwas Mißliches fände. Sobald wir die Schrift in Händen haben, sagen wir Schab ab! laufen nach Hause und überreichen Väterle stolz die eroberte Vollmacht. Wird der mal Augen machen!«

»Hätten wir sie nur schon!« seufzte Trudi.

»Nur nicht so katzangst! vor allen Dingen zeige dem Meier keine Spur von Furcht, sondern tritt kaltblütig und fest gegen ihn auf und mach' den Abschied so kurz wie möglich,« mahnte Ammerie.

»Am liebsten spräch' ich kein Wort dabei.«

»Vielleicht brauchst du das auch gar nicht,« versetzte Ammerie. »Ein Kopfnicken, eine dargereichte Fingerspitze genügt ja. Wir wollen auch nicht mehr darüber sprechen, wollen uns die Zeit mit Arbeit vertreiben und gar nicht mehr daran denken.«

Das war leichter gesagt als getan. Trudi wurde die Gedanken an das, was ihr heut abend bevorstand, nicht los, denn es lastete auf ihr mit einem dumpfen Drucke, von dem sie sich mit keinen Vernunftgründen freimachen konnte. Immer ging ihr die Frage durch den Sinn, ob Ebendorffer mit dem, was er in seinem Briefe versprochen hatte, auch Wort halten und sonst nichts weiter von ihr verlangen würde. In ihrer Ungeduld, die widerwärtige Begegnung nur erst hinter sich zu haben, schlichen ihr die Stunden des Tages schier unerträglich langsam dahin, und sie hatte große Mühe, ihre Aufregung in Gegenwart der lieben Alten zu verhehlen, was ihr ohne Ammeries absichtlich ununterbrochenes Geplauder, das die Aufmerksamkeit von der Schweigsamen ablenkte, kaum geglückt wäre.

Endlich war der Abend herangekommen. Das jüngere Ehepaar erhob sich vom elterlichen Tische sehr frühzeitig, wie es die beiden manchmal zu tun pflegten, wenn sie drüben in ihrer Wohnung vor dem Zubettgehen noch ein Stündchen unter sich sein wollten, weil es ihnen tagsüber an Zeit dazu gebrach. Peter warf beim Verlassen des Zimmers Trudi einen ermutigenden Blick zu, den sie verstand und mit einem schnellen Augenplinken erwiderte.

Kurz vor neun Uhr machten sich auch Trudi und Ammerie bereit, und da selbst ein so später Besuch im Gersbacherhofe nichts Ungewöhnliches und Auffallendes hatte, so konnten sie ihren heimlichen Gang unbehindert antreten.

Ein mäßiger Wind rauschte im Laub der Bäume und Sträucher und trieb von Westen her zerrissene Wolken, die den halben Mond bald verschleierten, bald unverhüllt herabschauen ließen.

Die Stadttore blieben, was Hammichel dem Bronnbacher klüglich verschwiegen hatte, in Friedenszeiten bis zehn Uhr offen, und als die beiden Mädchen ein Stück außerhalb der Rheinpforte waren, erblickten sie in geringer Entfernung auf dem völlig einsamen, von hohem Gebüsch umsäumten Fahrwege, der nach dem Rheine zuführte, einen einzelnen Mann, und das war Ebendorffer. Eine Strecke hinter ihm aber stand einer mit einem Pferde, der ein Knecht oder Bursche aus dem Gasthause zur goldenen Traube sein mußte.

»Siehst du,« sprach Ammerie, »dein Quälgeist ist schon reisefertig; dort steht sein gesatteltes Pferd. Muß dem der Boden unter den Sohlen brennen, daß er sogar die Nacht durch reiten will.«

»Glück auf den Weg!« flüsterte Trudi.

»Glück?« sagte Ammerie. »Den Hals soll er im Dunkeln brechen oder im Rheine versaufen! Das ist mein Reisesegen.«

Sie gingen langsam auf ihn zu. Der Meier rührte sich nicht vom Flecke, sondern winkte mit einem weißen Blatt Papier, daß sie näher kommen möchten.

Als dies geschehen war, sprach er: »Guten Abend! es freut mich, daß ihr so pünktlich zur Stelle seid. Hier nehmt die Vollmacht, die auszuliefern ich gelobt habe! Wollt ihr euch überzeugen?«

»Jawohl!« sagte Ammerie, griff schnell zu und steckte das Blatt in die Tasche ihres Kleides.

»Und nun, liebe Trudi, wie ist es?« fragte Ebendorffer mit schmeichelndem Tone. »Willst du mich nicht zum letzten Male noch ein Stück begleiten? Die Nacht ist mild, und dort steht mein Schweißfuchs, den du ja von früher her kennst. Ich nehme dich vor mich in den Sattel, nur bis zum Rheine. Wie sich der Mond da im Strome spiegelt, das ist ein prächtiges Bild, als könnte man wie auf einer goldenen Brücke hinüberreiten.«

Trudi blickte ihn, über diese unglaubliche Zumutung empört, mit starren Augen an und konnte nicht antworten. Ammerie zog sie am Arme und flüsterte: »Komm! komm fort!«

Schon wandten sie sich zum Gehen, aber – »Halt! du kommst mit mir!« rief der Meier laut, erfaßte die zum Tod erschrockene Trudi und versuchte, sie mit Gewalt zu seinem Pferde zu schleppen.

Und wie auf eine Losung fiel ein anderer, einer mit geschwärztem Gesicht, über Ammerie her, um ihr mit der Hand den Mund zu verschließen. Doch ehe ihm dies gelang, konnte die sich heftig Sträubende noch einen gellenden Schrei ausstoßen.

Da stürmten drei Retter in der Not, Peter, Franz und Steffen, aus dem Gebüsch pfeilgeschwind heran. Mit nerviger Faust packte Franz den Meier im Genick, daß dieser seine umklammerte Beute fahren lassen mußte. Der vollständig Überraschte kehrte sich sofort gegen ihn, zückte im Nu sein Weidmesser und versetzte seinem Angreifer einen Stich in die Gegend des Herzens. Aber ungeschwächt davon, weil der Stoß glücklicherweise nicht ins Herz gedrungen, sondern an einer Rippe abgeglitten war, wich Franz, obwohl blutend, vor dem Rasenden nicht zurück und entwand ihm mit Peters Hilfe die Waffe, ehe er noch einmal zustechen konnte. Dann aber entspann sich ein so wilder Zweikampf, daß Peter in die schlangenhaft schnellen Bewegungen der miteinander Ringenden nur wenig einzugreifen vermochte, bis Franz seinen Gegner zu Boden warf und sich auf ihn kniete.

Inzwischen hatte Steffen auch Ammerie von ihrem Bedränger befreit, der eilig floh und unerkannt entkam.

Peter leistete seinem Schwager nun einen sehr gediegenen Beistand zur Überwältigung des sich immer noch verzweifelt Wehrenden, die bald so gründlich besorgt war, daß sie ihn mit Stricken fesseln konnten, die sie vorsichtigerweise mitgebracht hatten.

Die Mädchen standen Hand in Hand abseits und schauten mit fliegendem Atem, vor Angst zitternd und bebend, dem Kampf auf Leben und Tod zu, den sie genau verfolgen konnten, weil jetzt der Mond wolkenlos vom Himmel schien. Bald wollte Trudi, bald Ammerie sich losreißen, um den Ihrigen tapfer beizuspringen, und war dann von der andern kaum zu halten.

Jetzt sah Steffen, wie der bei dem Pferde Stehende sich aus dem Staube machen wollte, war sofort hinter ihm her, holte ihn ein und zerrte den Entwischten, der kein anderer war als Hammichel, an einem Ohre auf den Kampfplatz zurück, wo die andern beiden den Meier noch fester umschnürt hatten, so daß er an kein Entrinnen denken konnte.

Der Besiegte lag am Boden, aber auch die Sieger waren erschöpft und mußten sich ein wenig verschnaufen. Trudi kam erregt auf Franz zu, aber dicht vor ihm blieb sie schreckgelähmt stehen und schrie entsetzt auf: »Mein Gott, du blutest ja! Bist du verwundet?«

»Ja, Ebendorffer hat mich gestochen,« erwiderte er, »es hat nichts zu bedeuten.«

Peter winkte ihr, zurückzutreten und sprach zu seinen Gefährten: »Nun laßt uns den hier auf die Füße stellen und dann die beiden Ehrenmänner in sicheren Gewahrsam bringen!«

»Was wollt ihr denn von mir?« schnarrte Hammichel. »Ich hab' ja bloß das Pferd gehalten und von allem andern kein Sterbenswort gewußt.«

»Murr mir nicht viel, elender Giftmischer!« fuhr ihn Franz zornig an. »Bloß das Pferd gehalten! als ob das nicht genug wäre, dir einen Strick um den Hals zu drehen. Manschen und kuppeln immer und überall, das ist dein Handwerk; du sollst dran zu schlucken haben!«

Hammichel wollte, gänzlich geknickt und an allen Gliedern schlotternd, etwas darauf entgegnen, aber sein Lügenmaul blieb ihm tonlos offen stehen, denn ihm gerade gegenüber tauchte plötzlich Schneckenkaschper aus dem Gesträuch hervor und schien nicht im mindesten erstaunt, welchen Kreis von guten Bekannten er hier versammelt fand.

»Bube, verfluchter! Du hast uns verraten,« keifte der Alte mit vor Wut überschnappender Stimme, als sich ihm die Zunge wieder löste, und mit haßsprühenden Augen wollte er auf seinen Enkel los, um ihn zu würgen.

Aber Steffen trat schnell dazwischen und sprach: »Sachte, Halunke! mach' dir keine Ungelegenheiten, sonst regnet's hageldichte Hiebe.«

Kaspar sagte zu den Mädchen: »Ich hab' alles mit angesehen, war lange vor euch hier. Kannst du mich brauchen, Trudi?«

»Ei freilich!« erwiderte sie. »Einmal hast du den Bader für mich geholt, jetzt tu's für Franz. Er soll gleich auf den Gersbacherhof kommen und Franzens Wunde verbinden.«

Ohne Antwort flog der Junge davon.

»Also vorwärts!« gebot Peter. »Du Franz, machst, daß du heimkommst; wir zwei sind schon Manns genug als Trabanten für die beiden hier.«

»Zwei?« fragte Ammerie, »wir sind doch ohne Franz unser vier. Uns Mädchen rechnest du wohl nicht? wir wollen aber auch mit dabei sein und verlassen euch nicht, bis alles zu Ende ist.«

»Meinetwegen!« sagte Peter. »Faß an, Steffen! Nein, du nicht, Franz! Du darfst dich nicht bücken.«

Mit einem kräftigen Ruck hoben die zwei den Gefesselten vom Boden auf, der sich stumm alles gefallen und von seinen Bändigern auf dem Wege zum Turm in die Mitte nehmen ließ. Trudi und Ammerie folgten und trieben seinen Schildknappen wie einen gepfändeten Hammel vor sich her. Franz aber begleitete die gemischte Gesellschaft doch noch zum Schultheißen, damit dieser sich von seiner Verwundung überzeugen sollte.

Zum Liebsten, der an ihrer Seite ging, sprach Trudi leise: »Wie habt ihr's nur angestellt, daß ihr just im entscheidenden Augenblick zu unserer Rettung kamet?«

»Ja, konntet ihr törichten Jungfrauen denn glauben, daß wir euch den gefährlichen Weg allein machen und dem hungrigen Wolf geradeswegs in den Rachen laufen ließen?« erwiderte Franz. »Peter hat den Braten gleich gerochen, als ihr ihn um Rat fragtet, und mit mir und Steffen alles zu eurem Schutze verabredet. Sagen durfte er euch nichts davon, denn sonst hättet ihr euch am Ende nicht hergetraut, und unser köstlicher Plan, die Hasenstricker in ihren eigenen Schlingen zu fangen, wäre gescheitert. So aber haben wir ihnen aufgelauert und fürchteten nur, sie könnten uns entdecken, als sie sich in demselben Gebüsch verkrochen, wo wir bereits im Hinterhalt lagen. Schneckenkaschper stand schon Wache am Tor, als wir kamen, paßte auf, wann die Schufte sich nahten und tat uns, unbemerkt von ihnen, Kundschafterdienst.«

Trudi wußte nicht, wie sie mit ihrem vollen Herzen ihm danken sollte, und fragte nur: »Hast du Schmerzen?«

»Nur wenig,« antwortete er.

Beim Schultheißen führten sie die Verbrecher dem alten Herren vor, und nach Anhörung von Peters Bericht über das Geschehene schrieb Gottfried Bofinger den Befehl für den Schließer, die beiden einzukerkern. Dann ging es, während sich Franz stracks nach Hause begab, zum Eulenturm, wo Ebendorffer und Hammichel, voneinander gesondert, in Eisen gelegt wurden.

»Nun haben wir sie hinter Schloß und Riegel,« sprach Steffen und trennte sich mit einem fröhlichen Gute Nacht! von den anderen, wobei er Ammerie so kräftig die Hand drückte, daß sie beinah' laut aufgeschrien hätte.

Der ganze Vorgang hatte sich ziemlich schnell abgespielt und von Anfang bis zu Ende etwa dreiviertel Stunde gedauert.

Peter, Trudi und Ammerie wandten sich dem Abtshofe zu, sprachen aber kaum miteinander, denn das in einen knappen Zeitraum zusammengedrängt Erlebte übte seine mächtige Nachwirkung auf sie aus, die jeder in sich selbst zu überwinden strebte. Als sie aber an das Tor des Gehöftes kamen, sahen sie in zwei Fenstern des Hauses einen rötlichen Schimmer und wußten nun, daß sie die Eltern noch in der Wohnstube bei der Lampe fanden und ihnen ihr Herz ausschütten konnten.

So traten sie zu ihnen ein. Ammerie schritt entschlossen voran, trumpfte mit derbem Schlag das Pergament vor ihrem Vater auf den Tisch und platzte los: »Hier, Väterle, hast du die Vollmacht des Klostermeiers von Bronnbach! ich hab' sie ihm eigenhändig abgenommen. Er wollte unter dem Beistande Hammichels und noch eines andern unsere Trudi mit Gewalt über den Rhein entführen, aber wir mit Franz und Steffen haben sie gerettet, und jetzt sitzen die Bösewichter wohlverwahrt im Eulenturm.«

Der Bürgermeister blickte seine ihm verdächtig vorkommende Jüngste lächelnd an und sagte, ihr mit dem Finger drohend, gutlaunig: »Grashupf, ihr waret bei Gersbachers, da hat dir der Steffen wohl zuviel Ruppertsberger eingeschenkt?«

»Der Steffen? ach! – wir waren gar nicht bei Gersbachers,« stotterte sie mit heißen Wangen.

Er entfaltete das Pergament. »Meiner Seele! es ist wahrhaftig die Vollmacht,« sprach er staunend, nahezu verblüfft. »Setzt euch und erzählt!«

Jetzt trat Elsbeth ein, denn sie hatte die drei über den Hof kommen hören. Sie stutzte vor den ernsten, erregten Gesichtern, aber ehe sie eine Frage tun konnte, machte ihr Madlen ein Zeichen des Schweigens und wies nach einem Stuhl hin.

Als alle saßen, nahm Ammerie das Wort und schilderte das bestandene Abenteuer so lebendig und anschaulich, daß die Hörenden mit allen Sinnen an ihren Lippen hingen und am Schlusse ihres eindringlichen Berichtes ein tiefes, nachdenkliches Schweigen am Tische herrschte.

Dann aber gaben Madlen, Christoph und Elsbeth ihrer Freude über Trudis Rettung aus der Gefahr und zugleich ihrer warmen Anerkennung von Peters und seiner beiden Schwäger tatkräftigem Schutze, dem allein die Rettung zu danken war, herzüberquellenden Ausdruck.

Darauf winkte der Bürgermeister seiner Tochter: »Nun komm' du mal her, Grashupf! was mach' ich denn mit dir? Du bist doch gewiß die Rädelsführerin bei dem Wagestück gewesen, nicht wahr?«

»Natürlich, Väterle!« gestand Ammerie mit keckem Selbstbewußtsein. »Die Trudi wollte erst durchaus nicht mit, aber ich habe sie doch dazu herumgekriegt, und darauf bild' ich mir nicht wenig ein, denn sonst säßen ja die Schufte jetzt nicht im Eulenturm.«

»Ja, was wären wir ohne dich!« lachte er und griff ihr liebevoll in das krause Stirnhaar.

»Und auf welch hinterlistige Weise habt ihr Rackerzeug von Mädels euch von uns weggestohlen!« schalt Madlen in spaßhaftem Tone.

»Euch um Erlaubnis dazu bitten konnten wir doch nicht, Mütterle,« entgegnete Ammerie. »Darum mußten wir euch vorflunkern, wir gingen zu Gersbachers, denn zu einem Stelldichein mit dem Meier hättet ihr uns doch keinen Urlaub bewilligt.«

»Allerdings nicht,« sprach Christoph, »aber da alles noch so leidlich abgelaufen ist, sei euch die Flunkerei für diesmal verziehen. Ich hoffe, die nachjagenden Herren werden uns nach dieser Erfahrung mit ihrem Abgesandten, falls der gefangene Marder überhaupt ihr Abgesandter war, in Zukunft ungeschoren lassen.«

»Seine Vollmacht solltest du dir einrahmen lassen und zur Erinnerung an die Wand hängen, Trudi,« sagte Peter.

»Ich danke schön, Peter, für solche Erinnerung!« erwiderte Trudi lachend. »Onkel Chrischtoph wird das Dokument wohl in seinem Repositorium begraben.«

»Richtig, mein Kind, ad acta damit!« sprach der Bürgermeister.

So wurde über die denkwürdige Begebenheit noch viel in Ernst und Scherz hin und her geredet, und die Armbrusters gelangten heut erst sehr spät zu ihrer Nachtruhe.

Als die beiden Mädchen oben in ihrer Kammer waren und Trudi bereits im Bette lag, beugte sich Ammerie, auch schon entkleidet, zärtlich über sie und begann: »Du hattest doch recht, Trudi, daß das Abschiednehmen eine Falle war, die der abscheuliche Mensch dir gestellt hatte. Gott sei gedankt, daß ihm der Bubenstreich nicht gelungen ist! Jetzt aber möcht' ich dich prügeln vor Freude, daß ich dich wieder hier in den Daunen habe, du – du Würzburgische!«

»Nur immer zu! von dir will ich die schönsten Püffe für alle die Not und Beschwer, die ich euch verursacht habe, gern hinnehmen,« sagte Trudi mit einem träumerischen Lächeln, sich reckend und streckend in dem wohligen Gefühl, wieder sicher vor Gefahren zu sein und von den Ihrigen so geliebt zu werden.

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