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Das Wildfangrecht

Julius Wolff: Das Wildfangrecht - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Band VII
authorJulius Wolff
year1912
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
titleDas Wildfangrecht
pages1-280
created20021022
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
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Zweites Kapitel.

In der Frühe des nächsten Tages fragte Madlen ihre Tochter, wie Trudi geschlafen hätte.

»Sie schläft immer noch,« gab Ammerie zur Antwort, »und ich habe beim Anziehen ganz leise gemacht, um sie nicht zu wecken.«

»Gut! aber sage mal: wie ist's mit ihrer Kleidung bestellt?«

»Soviel ich davon gesehen habe, recht dürftig, und wenn sie mit uns zum Hochamt gehen soll . . . Ich habe schon gedacht, ob ich ihr nicht aushelfen könnte, aber meine Röcke werden ihr zu kurz sein, denn sie ist ein ganz Teil größer als ich.«

»Und meine Gewänder sind ihr zu weit,« lächelte Madlen.

»Aber von Elsbeth könnte ihr vielleicht manches passen,« meinte Ammerie.

»Das ist wahr; lauf hin zu ihr und sieh zu, was du ihr abschwatzen kannst; sie ist ja gutherzig und gefällig.«

»Jaja! sofort! und mit leeren Händen komme ich nicht wieder,« rief Ammerie und sprang davon.

Nach kaum einem Viertelstündchen kehrte sie mit einem makellos sauberen Kleide zurück, das sie triumphierend vor der Mutter entfaltete. »Siehst du? ich wußt es wohl, die Elsbeth schlägt mir nichts ab, und sie hat's gern hergegeben.« Dann eilte sie vergnügt damit die Treppe hinauf.

Als Trudi, erfrischt und gestärkt durch den gesunden Schlaf, mit Ammerie herankam, nahm sie sich ganz vortrefflich aus, denn Elsbeths Kleid stand ihr gut und saß ihr auch leidlich gut, wenn es auch um die Brust etwas eng und um den Gürtel nicht anschließend genug war, aber das ließ sich ja leicht ändern. »Ihr beschämt mich mit eurer Güte,« sprach sie nach dargebrachtem Morgengruß, »aber ich nehme es mit allem Dank an, damit ich euch am Feiertage mit meinen abgetragenen Sachen keine Schande mache.«

»Wie ist dir nach deiner Wanderung zumute?« fragte Madlen.

»Ach! wie neugeboren fühl ich mich; es lag sich so wonnig in dem schönen Bett, ich konnte mich recken und strecken, und nicht einmal geträumt hab ich.«

»Schade!« meinte Ammerie, »denn was man in der ersten Nacht unter einem fremden Dache träumt, das geht in Erfüllung.«

»Mir ist so wohlig hier, als wäre dies kein fremdes Dach für mich,« erwiderte Trudi, »und was soll mir denn noch groß in Erfüllung gehen?«

»Kind, du bist noch jung; in deinen Jahren läßt sich auch das schwerste Leid mit frohen Hoffnungen trösten,« gemahnte sie Madlen.

Trudi seufzte leise und schwieg.

Jetzt trat Christoph ins Zimmer, wo das Frühmahl seiner harrte. »Nun, ich brauche nicht zu fragen, wie du geruht hast,« sprach er, »siehst heute schon ganz anders aus als gestern abend.«

»Das macht nicht bloß der tiefe Schlaf, Onkel,« erwiderte Trudi, »die liebevolle Aufnahme tut's, die ich bei Euch gefunden habe.«

Er strich ihr mit der Hand über ihr volles, glänzendes Blondhaar und sagte: »Dem Müden ist leicht gebettet, und der Willkommene findet immer offene Arme.« Dann ließen sich alle vier am Tische nieder.

Die Armbrusters waren bereits in festlichem Gewand, und als später die Glocke der dem Ritter Sankt Georg geweihten Kirche läutete, setzte sich der Bürgermeister seinen breitkrempigen Dreispitz auf, und sie begaben sich mit Trudi zum Gottesdienst.

Auch heute wölbte sich wieder ein wolkenloser Himmel über der Pfalz, und es brütete eine schier sommerliche Wärme. Die Wachenheimer pilgerten in Scharen zur Kirche. Ihre Gesichter schauten heiter, und ihre Gemüter waren froh gestimmt, wohl nicht zum geringsten Teil deswegen, weil diese heißen Sonnenstrahlen den Trauben an den Weinstöcken noch zugute kamen, an deren vollsaftigem Gedeihen die Hoffnungen eines ganzen Jahres hingen.

Die Sitzreihen der Kirche füllten sich schnell, und viel neugierige Blicke richteten sich auf die bildhübsche Fremde zwischen Madlen und Ammerie, die man noch nie in Gesellschaft der Armbruster gesehen hatte.

Das Hochamt begann, nahm seinen gewöhnlichen Verlauf und sein Ende, und das Gotteshaus leerte sich wieder. Auf dem Heimwege schlossen sich manche der Kirchgänger der Bürgermeisterfamilie an, und wenn es die Lippen nicht taten, so fragten doch die Augen: wen habt ihr denn da bei euch? so daß Madlen oftmals wiederholen mußte: »Das ist eine liebe Verwandte, die zum Besuch eingetroffen ist und längere Zeit bei uns bleiben wird.«

Die Honoratioren der Winzergilde, auch einige kleinere Hofbesitzer und ehrsame Handwerksmeister vereinigten sich nach dem Gottesdienste noch in dem Gasthaus zur Krone bei der sogenannten Elfuhrmesse zu einem Schoppenglase. Auch Christoph Armbruster fehlte selten bei diesem Sonntagstrunke, denn dort wurden die Gemeindeangelegenheiten oft gründlicher durchgesprochen als auf dem Stadthause, und man vertrug sich beim Wein leicht in Frieden und Freundschaft. Manchmal freilich kam es auch anders, wenn die Köpfe der Streitenden heiß wurden. Dann fielen schwere, selbst grobe Worte, keiner blieb dem andern etwas schuldig, und die Fäuste donnerten mit einem trotzigen Hol mich der Deibel! auf den Tisch. Denn ein Sprichwort sagte: dem Pfälzer sitzt das Herz auf der Zunge und nicht hinter den Ohren.

Die Frauen aber gingen heim, um nach dem Mittagessen zu sehen. So auch die Frau Bürgermeisterin mit den beiden jungen Mädchen.

Auf dem Abtshof angelangt sagte Madlen zu Trudi: »Nun komm mit mir in den Garten; dort ist eine schattige Laube, wo du mir deine Lebensgeschichte erzählen kannst und uns niemand stören wird.« Dieser Zusatz war für Ammerie bestimmt, die den Wink verstand und sich an Stelle der Mutter pflichtschuldig in die Küche verfügte.

Als Base und Nichte auf einer Bank in der Laube Platz genommen hatten, Trudi aber noch schwieg, faßte Madlen ihre Hand und sprach: »Öffne mir dein Herz, liebes Kind, so vertrauensvoll, als wär' ich deine beste Freundin oder deine Mutter, was ich ja beides fortan auch wirklich sein will.«

Und Trudi hub mit bewegter Stimme und anfangs manchmal stockend an: »Ich muß mit den Erinnerungen meiner frühesten Jugend beginnen, die bis zu meinem zwölften Jahre eine wunschlos glückliche war. Meine Eltern, deren einziges Kind ich war, erzogen mich zu allem Guten und Schicklichen und sorgten auch für meinen Unterricht, den mir und ein paar anderen Kindern ein alter geistlicher Herr mit großer Hingebung erteilte. Sie besaßen in Gamburg, nicht weit von Tauberbischofsheim im Würzburgischen, ein mäßiges Ackergut, dessen Ertrag sie auskömmlich ernährte und zu dem auch ein Weinberg in guter Lage gehörte. Sie waren jedoch Altarleute des Klosters Bronnbach, hatten diesem Zehnten und Beden zu leisten, und mein Vater mußte auf dem klösterlichen Meierhofe in den Jahreszeiten, wo es Feldarbeit gab, wöchentlich einen, während der Ernte meistens zwei Tage Frondienst tun. Das kam ihn hart an, aber er hatte bei der Übereignung des Lehngutes diese unablösbare Verpflichtung mit übernehmen müssen. Der Meier des Klosterhofes war nachsichtig und milde gegen ihn, plagte ihn nicht und drückte ein Auge zu, wenn der Vater einmal eine Woche lang nicht zum Fronen und Roboten erschien. So gingen meine Tage sorglos dahin; dann aber – dann brach das Unglück über uns herein.

Mein lieber Vater starb – nach kurzem Krankenlager – an einem hitzigen Lungenfieber, – und meine Mutter war trost- und ratlos. – Es sind nun zehn Jahre her, aber heute noch seh ich und fühl ich, wie sie in ihrer Verzweiflung die Hände rang, mich in maßlosem Jammer an sich preßte und schluchzte.«

Trudi selber zitterte am ganzen Körper bei der Mitteilung dieses unvorhergesehenen, tief in ihr Leben einschneidenden Trauerfalles.

»Kurz vor Anfang des Winters war es. Korn und Trauben waren herein, aber was sollte werden, wenn das Frühjahr kam und der Wingert besorgt, der Acker bestellt werden mußte? Da blieb meiner Mutter nichts anderes übrig als einen Oberknecht anzunehmen, der die Wirtschaft leiten sollte. Das geschah denn auch. Pankraz Dornhuber war ein noch ziemlich junger, aber tüchtiger Mensch, der den ihm anvertrauten Posten zur Zufriedenheit meiner Mutter ausfüllte, sich aber auch auf jede Weise in ihre Gunst einzuschmeicheln suchte.«

Die Erzählerin blickte einige Sekunden lang starr vor sich hin, ehe sie fortfuhr: »Ja, – wie das alles so gekommen ist, weiß ich nicht mehr, aber nach der ersten Ernte unter seinem Betriebe, die sehr gut ausgefallen war, heiratete meine Mutter ihren Großknecht, und nun zog er plötzlich ganz andere Saiten auf. Als Herr in Haus und Hof trat er auch herrisch auf, und alles mußte nun nach seinem Willen gehen. Die Mutter hatte nichts mehr zu sagen, und nur mit vieler Mühe und nach manchem harten Streite konnte sie es durchsetzen, daß ich den guten Unterricht noch weiter genießen durfte. Ich sollte im Weinberge und auf dem Felde mitarbeiten, verlangte er und ließ mich mit jedem Tage mehr fühlen, daß ich ihm ein unbequemes, sehr überflüssiges Stiefkind war.

Jahre vergingen; ich hatte mich zu einem kräftigen Mädchen entwickelt und sah, wie sehr meine Mutter unter dem rohen Wesen ihres zweiten Mannes litt, vor dem sie zu schützen nicht in meiner Macht lag; jeden Versuch dazu hatte ich schwer zu büßen. Nun mußte ich öfter die fälligen Gilten, das Fastnachtshuhn und andere Abgaben nach dem Meierhofe des Klosters tragen, was ich anfangs sehr gern tat, um dann und wann auf kurze Zeit von Hause wegzukommen und frei und allein zu sein, denn die Meierei war wenig über eine halbe Stunde von Gamburg entfernt. Bald aber trat ich diesen Weg nur mit dem größten Widerstreben an, und das hatte seinen besonderen Grund.«

»Was für einen Grund, Trudi?« fragte Madlen, berührt von dem auffallend bittern Tone, mit dem Trudi die letzten Worte gesprochen hatte, und weil sie danach in ihrem Berichte wieder stockte.

»Der Sohn des Meiers,« griff Trudi den Faden wieder auf, »hatte seinem alternden, schwachen Vater das Regiment auf dem Klosterhofe ganz aus den Händen genommen und schaltete nun dort allein nach seinem Belieben. Sooft ich dahin kam, näherte sich mir der Vincenz Ebendorffer, – so hieß der junge Meier – sprach in Ausdrücken zu mir, die mir das Blut in die Wangen trieben, und stellte mich, um mich länger bei sich zu behalten, zu leichten Arbeiten an, dies damit erklärend, daß mein Stiefvater seinem Frondienst nicht genügend nachkäme und ich ihn dafür durch Leistungen meinerseits entschädigen müßte. Er sagte mir das mit einer falschen, geschmeidigen Höflichkeit und sah mich dabei von oben bis unten mit so seltsamen Blicken an, daß ich mich im Innern davon erschaudern fühlte. Ich mochte den widerlichen Menschen mit seinem fuchsroten Haar und Bart nicht leiden; sein Benehmen, seine bloße Gegenwart schon flößten mir unwillkürlich Mißtrauen und Furcht ein. Mein Stiefvater schien mein längeres Fortbleiben von Hause nicht zu beachten oder war dessen vielleicht froh, um mich, die ihm sichtlich Verhaßte, nicht beständig vor Augen haben zu müssen.«

Mit steigender Spannung lauschte Madlen den Eröffnungen der immer erregter Werdenden. »Hast du dich in dieser Annahme nicht getäuscht, liebes Kind?« fragte sie jetzt. »Er entbehrte doch während deiner Abwesenheit deine Hilfe bei der Arbeit.«

Trudi schüttelte das Haupt. »Nein, ich habe mich nicht getäuscht, und später ist mir die Erkenntnis darüber aufgegangen, warum er mich immer nach dem Klosterhof schickte. Ich habe vergessen zu erwähnen, daß meine Mutter dem Pankraz nicht lange nach der Hochzeit einen Knaben geboren hatte. Von Stund an war ich, die rechtmäßige künftige Erbin des Lehngutes, ihm im Wege, und er wollte mich los sein, um den durch die Heirat mit meiner Mutter erschlichenen Besitz dermaleinst seinem Sohne verschreiben zu können.

Nun durchschaute ich auch die abscheulichen Absichten Vincenz Ebendorffers, der immer zudringlicher, immer deutlicher in seinen Anspielungen wurde und die unverschämtesten Verführungskünste gegen mich aufbot. Er begehrte meiner, aber nicht zum Weibe; er wollte mich nur besitzen, und mein Stiefvater – unterstützte ihn in seinen sündhaften Plänen,« rief Trudi zornrot.

»Trudi!«

»Hört mich nur weiter! Eines Tages kam der Vincenz zu uns und hatte eine heimliche Unterredung mit Pankraz, deren Inhalt ich von meiner Mutter erfahren habe. Er hatte ihm den Vorschlag gemacht, mich ihm auf den Meierhof auszuliefern, wogegen er ihn von allem Frondienst befreien und ihm die Gilten und Beden soviel wie möglich erlassen wollte. Mein Stiefvater war auf den gewissenlosen Handel bereitwillig eingegangen, aber meine Mutter, die unsere trübseligen häuslichen Verhältnisse kaum noch ertragen konnte und, an Leib und Seele davon angegriffen, kränkelte, raffte all ihr bißchen Kraft noch auf, die Schmach und Schande von mir abzuwenden.

Die Folge ihres und meines unüberwindlichen Widerstandes gegen den ruchlosen Verrat Dornhubers war, daß der Unmensch uns beide nun noch niederträchtiger behandelte, ich kann wohl sagen mißhandelte. Das hielt meine arme Mutter nicht mehr lange aus; sie siechte trotz meiner sorgsamsten Pflege zusehends dahin, und in diesem Frühjahr starb sie, wie zu Tode gemartert.«

Die mit Tränen Kämpfende brach ab und versank in schmerzliches Sinnen. Auch Madlen, aufs tiefste erschüttert, konnte kein Wort hervorbringen.

»Von da ab,« fing Trudi wieder an, »wurde mir Haus und Hof zu einer wahren Hölle, ich hatte keine ruhige Stunde mehr. Pankraz hetzte seinen nichtsnutzigen Jungen gegen mich auf, daß er mich unablässig quälte und ärgerte und mir tagtäglich allerhand Schabernack und böse Streiche spielte. Der Meier kam öfter, bat und lockte und versprach mir viel Gutes und Schönes. Mein Stiefvater schalt, drohte und peinigte mich so grausam, daß es nicht mehr zu ertragen war. Ich blieb jedoch fest und ließ mich durch nichts zum Nachgeben bewegen. Aber auch mit meiner Kraft ging es zu Ende, und von Verzweiflung getrieben wollte ich mich in die Tauber stürzen. Da kam mir zu meinem Heile plötzlich ins Gedächtnis, was mir meine Mutter einst von Euch gesagt hatte; ich entsann mich Eures Namens und Wohnortes, und mir dämmerte ein Schimmer von Hoffnung auf. Schnell war mein Entschluß gefaßt. Ich hatte noch einen wohlverwahrten Sparpfennig von meiner Mutter, steckte ihn zu mir, schnürte mein Bündel und entfloh eines Nachts, um in meiner Not und Bedrängnis bei euch, meinen einzigen Verwandten, Schutz und Zuflucht zu suchen. Und da bin ich nun, und – und nun wißt Ihr alles, Base Madlen!« schloß sie, erschöpft von dem langen Bericht ihres traurigen Schicksals.

Madlen zog sie in ihre Arme. »Sei getrost, mein Herzenskind!« sprach sie mit innigem Tone. »Du bleibst bei uns, nicht als dienende Magd, sondern als unsere liebe Tochter, die es nicht schlecht bei uns haben soll und von heut an nennst du mich du! verstanden? Aber nun sage mir noch,« fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, »wie du dich hergefunden und ob du als einsam Fahrende unterwegs nicht Anfechtungen und Widerwärtigkeiten zu bestehen gehabt hast.«

»Mir ist Gott sei Dank! nichts Arges begegnet,« erwiderte Trudi, »aber sechs Tage habe ich zu der Wanderung gebraucht und traf überall gute Menschen, die sich meiner erbarmten, weil sie mir wohl meine Kümmernis und Hilflosigkeit vom Gesichte lasen. Über Amorbach kam ich durch ein Stück Odenwald nach Eberbach am Neckar und kehrte dort in einem Gasthof ein, wo sie zufällig Wäsche hatten. Ich half dabei den ganzen nächsten Tag, um mir damit vielleicht mein Nachtlager zu verdienen, und abends machte mir die Wirtin den Vorschlag, ganz bei ihr zu bleiben, weil sie mich gut verwenden könnte. Ich wäre gern darauf eingegangen und hätte dann euch nicht zur Last zu fallen brauchen, aber es war mir noch nicht weit genug von Gamburg, und ich fürchtete, der Meier könnte mir nachsetzen, mich aufgreifen und mit Gewalt wieder nach Hause oder gar auf den Klosterhof schleppen; darum lehnte ich das Anerbieten dankend ab. Am nächsten Morgen verschaffte mir die Frau, die kein Geld von mir annahm, vielmehr mir noch einen reichlichen Imbiß als Wegzehrung mitgab, eine Schiffsgelegenheit nach Heidelberg, und ich fuhr auf dem Neckar durch das schöne Tal mit den vielen Burgen, die mir die Schifferfrau alle bei Namen nannte. Von Heidelberg ging ich wieder zu Fuß und kam an den Rhein, den mächtigen Strom mit Staunen betrachtend und froh, euch nun schon so nahe zu sein, denn da drüben am anderen Ufer lag ja die Pfalz, meiner lieben Mutter Heimatland. Vom Dorfe Rheinhausen ließ ich mich nach Speyer übersetzen und fühlte mich in der großen Stadt mit den von Menschen wimmelnden Straßen recht verlassen. Da begegneten mir zwei Brigittenschwestern, die ich nach einer bescheidenen Herberge fragte. Sie nahmen mich aber mit in ihr Stiftshaus, wo ich gute Unterkunft fand, für die ich nicht einmal etwas bezahlen durfte. Der Weg von Speyer nach Neustadt und von da über Deidesheim hierher nach Wachenheim war nicht zu verfehlen, und hier vor dem Tore fand ich gestern abend den Kaschper, der mich auf meine Bitte zu euch führte. Aber nun, Base Madlen, wenn ich hier bleiben soll, so müßt ihr mir auch was zu schaffen geben, denn ich will hier nicht faulenzen, habe zwei rüstige Arme, und keine Arbeit soll mir zu schwer sein.«

»Schon gut!« sprach Madlen und drückte dem Mädchen die Hand. »Müßig sollst du nicht sein und kannst uns schon bei der Lese wacker helfen. Im übrigen sieh zu, was du der Ammerie an häuslichen Verrichtungen abnehmen kannst, aber zankt euch nicht um die Arbeit.«

»Wir uns zanken?« rief eine fröhliche Stimme hinter dem dichten Gerank der Laube. Es war Ammerie, die unbemerkt herangekommen war und die Worte der Mutter gehört hatte. »Wer sich mit mir zanken will, der muß es schon hübsch grob anfangen, denn ich bin doch das sanftmütigste und verträglichste Geschöpf zwischen Rhein und Haardt. Aber kommt! der Vater ist da und sieht kirschrot aus im Gesicht. Er ist gewiß wieder mit dem Freiherrn zusammengeraten, der vielleicht die Elfuhrmesse mit seiner hohen Gegenwart beehrt hat.«

»Und wie steht's mit dem Mittagessen?« fragte Madlen.

»Alles bereit! riecht ihr denn nicht, wie der Sonntagsschweinsbraten duftet?« lachte der Kobold.

Da erhoben sich die zwei und gingen mit Ammerie zum Hause, in dessen Tür groß und breit Christoph Armbruster in seiner ganzen Bürgermeisterwürde, aber auch in seiner rosigsten Laune stand.

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