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Das Wildfangrecht

Julius Wolff: Das Wildfangrecht - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Band VII
authorJulius Wolff
year1912
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
titleDas Wildfangrecht
pages1-280
created20021022
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
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Siebzehntes Kapitel.

Der festliche Tag der Kreuz-Erhöhung war, mit Gottesdienst gefeiert und mit Arbeitsruhe geheiligt, vorübergegangen, und noch hatte sich kein Faut auf dem Abtshofe blicken lassen. Die Armbrusters waren darüber ebenso erstaunt wie erfreut. Sollte der Reichsfreiherr doch noch Mittel und Wege gefunden haben, Trudi mit dem Hörigwerden verschonen zu können? Oder nahm er aus Freundschaft für Christoph die Nichtbefolgung des pfalzgräflichen Befehles eigenmächtig auf sich und wollte es darauf ankommen lassen, was ihm für diese Pflichtversäumnis etwa geschähe?

In der Stadt war mittlerweile die Wiedereinführung des fast allen Lebenden bis dahin unbekannten Wildfangrechtes mit seinen einzelnen, im Mund der Leute noch weiter ausgesponnenen und übertriebenen Bestimmungen ruchbar geworden. Dafür hatte Hammichel, Jakobine und Wilm, dem seine Schwester doch bald ihr großes Geheimnis anvertraut hatte, wie überhaupt der ganze Steinecker'sche Anhang ausreichend gesorgt. Hammichel brüstete sich damit, längst und zuerst davon gewußt zu haben und machte halbverständliche Andeutungen, was der Bürgermeister alles versucht hätte, sich seines Schweigens zu versichern und seine Hilfe zur Umgehung, zur Beugung des Rechtes zu gewinnen. Nun gab es viel Gerede darüber. Man steckte die Köpfe zusammen, tuschelte gevatterlich in allen Häusern und Heckenwirtschaften und verbreitete die abgeschmacktesten Gerüchte, die, je nach der Gesinnung der Lauschenden, gern geglaubt und schmähsüchtig weitergetragen oder entrüstet zurückgewiesen wurden. Der bei weitem größte Teil der Bürgerschaft, in vorderster Reihe Lutz Hebenstreit und Florian Gersbacher, stand jedoch in dem Hader der Parteien auf der Seite des hämisch angegriffenen Christoph Armbruster und verteidigte auch den Reichsfreiherrn, den die Gegner einer unverantwortlichen Begünstigung des Bürgermeisters ziehen, schon davon sprechend, sich dieserhalb beim Pfalzgrafen über ihn beschweren zu wollen.

Für das Wildfangrecht an sich legte sich niemand ins Zeug, denn den Pfälzern war es gleichgültig, ob eingewanderte Fremde als Freie oder als Hörige unter ihnen wohnten, und bis jetzt war Trudi die einzige in Wachenheim, die der Ungebühr anheimfiel. Mit ihr, der an dem ganzen Lärm völlig Unschuldigen, empfanden auch viele der Widersacher des Bürgermeisters Mitleid, das aber von dem Haß auf ihn überwuchert wurde.

Trotz dieser Gleichgültigkeit gegen seinen wahren Ursprung entbrannte der Kampf um Trudis Hörigkeit von Tag zu Tag heißer und wurde teils offen mit lauten Worten Mann gegen Mann, teils heimtückisch mit den vergifteten Waffen der Anschwärzung und Verleumdung geführt. Denn es handelte sich dabei nicht um die gewissenhaft geforderte Ahndung einer nachweislichen Rechtsverletzung, sondern um die boshafte Verübung einer persönlichen Rache, welche die Panschgenossen, von Hammichel aufgestachelt, gegen den Bürgermeister anzettelten. Ihm wollten sie schaden, sein Ansehen und seinen Einfluß untergraben, die ihrer Meinung nach eine erhebliche Einbuße erleiden mußten, wenn er in seiner Familie, in seinem Hause fortan eine Hörige und Leibeigene hatte.

Christoph Armbruster war von diesem schändlichen Treiben, dem Wühlen und Hetzen gegen ihn genau unterrichtet, wollte sich aber erst dann einmischen, wenn daraus eine ernste Gefahr für das Gemeinwesen erwüchse und es vielleicht gar zu Tätlichkeiten käme. Bis dahin mochten sie aufeinander losschreien und hinter seinem Rücken auf ihn schimpfen, soviel sie wollten; er blieb dem gegenüber kühl und unnahbar.

Die Streitenden wußten übrigens recht gut, daß da nebenbei noch andere Dinge mitspielten als das aufsässige Schüren der Weinpanscher. Alle durchschauten auch den zweiten, wohl ebenso starken Beweggrund von Steineckers heftigem Auftreten gegen Armbruster, denn es war bekannt, daß sich Trudis wegen die geplante Heirat seiner Tochter Jakobine mit Franz Gersbacher zerschlagen hatte. Rätselhaft war ihnen dagegen Florian Gersbachers entschiedene Stellungnahme für den Bürgermeister. Sie setzten als unfehlbar sicher voraus, daß Gersbacher dem gleichfalls stadtbekannten Werben seines Sohnes um Trudi, eine künftig Leibeigene, seine Zustimmung verweigerte, was doch eine bittere Kränkung für die Armbrusters war. Wie konnte dabei, statt sich in eine offenbare Zwietracht zu verwandeln, die Freundschaft der Alten noch fortbestehen?

Diese Freundschaft hatte jedoch einen ungetrübten und ungeschwächten Bestand. Nur wußten die Wachenheimer Klatschbasen beiderlei Geschlechts nicht, wie ehrlich und vertraulich sich die zwei Männer in der auf allen Gassen durchgehechelten Angelegenheit geeinigt hatten. –

Franz hatte noch an demselben Nachmittage, wo er Trudis Schicksal aus ihrem eigenen Munde erfahren hatte, eine Aussprache mit seinem Vater, in welcher ihm dieser die Richtigkeit des ihm von Trudi Kundgetanen bestätigte. Daran anschließend hielt ihm Gersbacher dann vor, daß er als sein ältester Sohn und dereinstiger Besitzer des größten Hofes in Wachenheim keine Hörige heimführen könnte, zumal er nach dem Bescheide des darüber befragten rechtskundigen Schultheißen damit selber hörig werden würde. Das hatte Franz nicht gewußt, und die Mitteilung wirkte erschütternd auf ihn. Nun war er dem Vater gegenüber machtlos und hatte nur noch die Wahl zwischen dem reichen Hof und dem geliebten Mädchen.

Ohne zu schwanken erklärte er: »Vater, hörig werden will ich nicht, und wenn es nur einen Weg gibt, dem auszuweichen, so geh' ich ihn. Auf mein einstiges Erbe kann ich verzichten, aber auf Trudi nicht. Dann zieh' ich mit ihr fort in die weite Welt, in die Fremde, wo man vom Wildfangrecht nichts weiß. Frei will ich sein, auch vogelfrei und bettelarm wie ein Verstoßener, aber kein Mensch soll an mich und mein Weib den Schatten eines Rechtes haben.«

»Das überlege dir dreimal, mein Sohn!« sprach Gersbacher, der auf eine derartige Entscheidung nicht im entferntesten gefaßt gewesen war. Eine so hingebungsvolle, zu allem fähige Liebe, die jedem andern Glück zu entsagen bereit war, griff auch dem festgepanzerten Bauer ans Herz, und obwohl er kaum hoffte, Franz umstimmen und von dem für ihn folgenschweren Schritt der Auswanderung abbringen zu können, fuhr er doch eindringlich fort: »Überlege dir wohl, ob du dein Vaterhaus verlassen, ein schönes Besitztum und ein behagliches Leben in Ehren und verdienter Anerkennung deiner Mitbürger preisgeben willst eines Mädchens wegen, das ich allerdings selber hochschätze und aufrichtig liebgewonnen habe.«

»Da ist nichts mehr zu überlegen, Vater,« erwiderte Franz in männlicher, maßvoller Haltung. »Du meinst es gut mit mir, aber mein Entschluß steht unwiderruflich fest, ich kann nicht anders.«

So endete die für beide schmerzliche Unterredung zwischen Vater und Sohn, deren Ergebnis sich jeder von ihnen anders gedacht und gewünscht hatte, als es gekommen war, die aber in keinem ein Gefühl der Bitterkeit gegen den andern zurückließ.

»Wer mein Blut hat, hat mein Gut,« sagte sich Florian, als er allein war. »Mein Gut verschmäht der Junge eines Mädchens wegen, aber mein Blut hat er nun mal in den Adern und damit auch den stocksteifen pfälzischen Bauerntrotz, der immer mit dem Kopf durch die Wand will und der von alters jedem echten Gersbacher angeboren ist.« Es ging ihm sehr gegen den Strich, den stattlichen Hof mit Weinbergen und Liegenschaften nicht nach altem Brauch und Herkommen auf seinen ältesten Sohn vererben zu können, aber er wollte kein Wort mehr darum verlieren, weil er wußte, daß dies vergebens wäre.

Franz suchte seine Mutter auf, an der er von klein auf mehr hing als am Vater, und es war ihm, als müßte er heute bereits Abschied von ihr nehmen, denn seine Tage hier waren vielleicht schon gezählt.

Er fand sie in einer Vorratskammer, und mit einem Blick in sein Gesicht erriet Frau Agnete, was geschehen war. »Du warst beim Vater,« sprach sie, »und ich kann mir denken, was ihr miteinander verhandelt habt, aber helfen kann ich dir nicht, Franz. Ich bin tief traurig darüber, denn ich habe mich über deine Liebe zu dem herrlichen Mädchen innig gefreut, aber nach den Eröffnungen Armbrusters an den Vater ist es unmöglich, daß ihr euch angehört. Du mußt von Trudi lassen, Franz, so hart es dich auch ankommen mag.«

»Nein, Mutter, das tu' ich nicht,« entgegnete er. »Ich komme auch nicht, mir deine Hilfe zu erbitten, denn kein Mensch kann uns helfen. Um etwas anderes will ich dich bitten, um deine Verzeihung, wenn du binnen kurzem gewahr wirst, daß du nur noch einen Sohn hast.«

»Franz! was soll das heißen?« fragte sie angstvoll in einem ihr aufsteigenden schrecklichen Verdacht.

»Das soll heißen, daß ich und Trudi nächstens unser Bündel schnüren, falls wir überhaupt eins mitnehmen, und in die Welt hinausziehen auf Nimmerwiederkehr.«

»Franz, – da sei Gott vor! das kann nicht sein, das darf nicht sein.«

»Aber es muß sein, und nun mach mir das Herz nicht noch schwerer, Mutter, als es schon ist,« sprach er. »Nicht heut' und nicht morgen geh ich von dir und auch nicht, ehe du mir noch einmal deine liebe Hand aufs Haupt gelegt hast. Du solltest nur darauf vorbereitet sein, damit du dich nicht allzusehr wunderst, wenn eines Tages auf deinen Ruf nach deinem Ältesten keine Antwort mehr im Hause erschallt.«

Es übermannte ihn nun doch; er kehrte sich schnell ab und entwich.

Agnete wollte ihn zurückhalten, aber er war im Umsehen fort und verschwunden.

In der Diele begegnete ihm sein Bruder Steffen, und schon bewegte er die Lippen, schwieg aber dann.

»Du willst mir was sagen, Franz,« sprach Steffen, »was gibt's?«

»O es pressiert nicht, kannst's aber auch gleich erfahren,« erwiderte Franz. »Du wirst einst Hofbauer hier; ich werde künftig anderswo pflügen oder graben, säen und, so Gott will, ernten.«

»Was?«

»Genug damit! nur eins noch: willig und neidlos überlaß ich dir, was von Rechts wegen mir gebührt hätte.« Und auch dem Bruder entschlüpfte er, ohne dem über alle Maßen Erstaunten noch weiter Rede zu stehen. –

Am nächsten Morgen brachte Franz der geduldig seiner Harrenden auf dem Abtshofe die trostlose Gewißheit, daß sich ihrer Vereinigung hier unüberwindliche Hindernisse entgegenstellten, und erging sich in leidenschaftlichen Ausfällen, nicht auf seinen Vater, dessen Gründe er leider gelten lassen mußte, aber auf den habgierigen Pfalzgrafen und das grausame Geschick. Dann, das Tor der Heimat hinter sich zuschlagend, schmiedete er Pläne, baute sogar freundlich spiegelnde Luftschlösser vor ihren Augen auf, wie sie sich in ihrer Ehe einrichten, wo sie sich in der Ferne mit dem geringen Ersparnis, das er besaß, ein friedumhegtes Fleckchen Erde suchen und mit welcher Erwerbstätigkeit sie ihr bescheidenes Dasein fristen wollten.

Trudi hörte ihm lange schweigend zu, und als sie endlich zu Worte kam, zeigte sie sich als die Gefaßtere, Stärkere. Ruhig sprach sie: »Laß uns nichts überstürzen, Liebster! Noch bin ich nicht hörig, und dem Anschein nach hat es unser gütiger Reichsfreiherr nicht eilig damit. Ich glaube, er hält seine schützende Hand über uns und läßt uns Zeit, miteinander Rat zu pflegen, wie wir uns aus unserer peinvollen Lage retten können. Gibt es aber keine Rettung, so ist mein schwerster Kummer, daß du um meinetwillen deine gesicherte Zukunft wie ein leichtsinniger Spieler seine ganze Habe bis auf den letzten Gulden verschleudern und dein hoffnungsvolles Leben an mein verlorenes ketten willst, und ich bin auch noch keineswegs entschlossen, dieses ungeheure Opfer von dir anzunehmen; lieber will ich –«

»Trudi! nicht weiter so!« unterbrach er sie heftig, »ich halte dich fest und lasse dich nicht. Würdest du dich besinnen, wenn das Verhältnis ein umgekehrtes wäre, ich der Hörige und du die Freie?«

»Nein! nicht einen Augenblick!« rief sie rasch aufspringend und sich an seine Brust werfend. »Wir zwei sind eins, nichts soll uns mehr trennen!«

»Nichts als der Tod, du meine mutige, tapfere Dirn!« sprach er mit einem sieghaften Lächeln, nahm ihren Blondkopf zwischen seine Hände und küßte sie.

Im Überschwang des Glückes schmiegte sie sich hingebend an ihn und küßte ihn wieder und immer wieder, je öfter desto heißer. »O Franz, du mein, ich dein!« jubelte sie. »Nun ist's entschieden, nun wird alles gut. Ja, ich will tapfer sein, will für dich schaffen wie du für mich; auch bei trocken Brot wollen wir uns unserer Liebe freuen. Aber sage mal,« fuhr sie fort, ihm mit klopfendem Herzen in die Augen blickend, »wird uns denn der Pfarrer hier noch trauen, eh' wir zum Wanderstab greifen?«

»Er wird schon, hoff' ich,« erwiderte Franz. »Mein Vater ist sehr gut bekannt mit dem alten geistlichen Herrn und der wird's auch unserm Onkel Bürgermeister nicht abschlagen, uns zusammenzugeben. Und dann – dann bist du meine Frau, mein ehrbar Weib vor Gott und Menschen.«

»Ja, ja, dein Weib, Franz! deine Hörige, deine Leibeigne,« flüsterte sie und barg verschämt ihr errötendes Antlitz an seiner Schulter.

Lange hielten sie sich innig umschlungen und schwiegen, weil ihnen die Worte fehlten, um das auszudrücken, was sie in tiefster Heimlichkeit dachten und fühlten.

Dann entwand sie sich ihm in holder Verwirrung und sagte: »Geh' jetzt, geh' an deine Arbeit und laß mich allein, ich bin meiner Sinne nicht mehr mächtig, mir schwindelt auf diesem Gipfel der Seligkeit.«

Noch ein einziger, schier endloser Kuß, und Franz ging.

Als sich jedoch die Tür kaum hinter ihm geschlossen hatte, öffnete sie Trudi schnell wieder, aber nur eine Spanne weit, und rief leise: »Franz, komm' noch einmal her!« Er kam zurück, und sie fragte schelmisch: »Wann soll's denn losgehen?«

»Du meinst, wenn wir ausrücken sollen?« sprach er. »Nun, ich denke, soviel Finger du an deinen beiden Händen hast, soviel Tage kann's noch dauern, bis wir getraut sind. Oder ist dir das zu früh?«

»Mir? o du Dummer, du Spötter und Bösewicht!« klang es mutwillig von ihren schwellenden Lippen. Und nun gab es doch noch einen Kuß durch die Türspalte, aber Trudi hielt die Tür dabei fest, daß er nicht wieder zu ihr eindringen konnte. Von innen hörte sie noch des Geliebten fröhliches Lachen draußen auf dem Vorraum.

Wie berauscht mußte sie sich auf einen Stuhl niederlassen. Ihr wogte die Brust, ihr bebten die Glieder, und in wonnesamer Traumverlorenheit schloß sie die Augen. Plötzlich aber nahmen ihre Gedanken, die – sie wußte nicht, wie lange – in schmeichelnden Bildern der Zukunft geschwelgt hatten, einen anderen Weg. Inmitten der schwärmenden Sehnsucht nach dem winkenden Glücke hatte sie vergessen, wo sie war, – im Hause der Armbruster, in deren Gastlichkeit und Herzlichkeit sie sich ein Jahr lang gesonnt hatte und die sie treulos verlassen wollte. Aber sie mußt' es ja tun, um den Fesseln des Wildfangrechtes zu entrinnen und in Lust und Leid, aber auch in Freiheit dem Manne zu folgen, ohne den sie nicht mehr leben konnte. Sie sann nun darüber nach, auf welche Weise sie ihnen den Entschluß, mit Franz in die Fremde zu ziehen, verkünden sollte. Heute vermochte sie das nicht, morgen wollte sie's tun, aber wie? wie?

Aus ihrem Grübeln weckte sie die Stimme Ammeries, die sie zu Tische rief. Schnell raffte sie sich auf, kühlte sich die immer noch glühenden Wangen und schritt die Treppe langsam hinab, um sich auf dieser kurzen Strecke möglichst zu beruhigen, ehe sie den Ihrigen unten gegenübertrat.

In der Wohnstube fand sie die ganze Familie versammelt, und man setzte sich, jeder an seinen gewohnten Platz. Gesprochen wurde wenig, denn die Alten wie die Jungen erwarteten zunächst eine Mitteilung von Trudi über ihre Verabredung mit Franz, dessen zwei letzten Besuche sie bemerkt hatten. Aber Trudi äußerte sich darüber nicht, war oft nachdenklich und zerstreut. Eine Frage richtete niemand an sie; alle saßen im Bann einer dumpfen Beklemmung.

Dieser Bann sollte auf eine ungeahnte Weise gelöst werden. –

Als das Mittagsmahl fast zu Ende war, trat Schneckenkaschper mit seinem Patz unvermutet ins Zimmer.

»Aber Junge,« rief Madlen, »warum kommst du nicht ein halb' Stündchen früher? dann hättest du doch mitessen können.«

»O Mütterle, 's ist noch genug übrig,« sprach Ammerie. »Ich kratz' alles zusammen, die beiden sollen auch noch satt werden.«

Kaspar näherte sich Trudi und fragte: »Trudi, heißt du mit Vatersnamen Hegewald?«

»Ja, mein Vater hieß Hegewald,« erwiderte Trudi; »wie kommst du darauf?«

»Ein Fremder hat mich gefragt, ob hier im Ort ein Mädchen Namens Trudi Hegewald aus Gamburg wohnte,« berichtete Kasper.

»Ein Fremder?« wiederholte Trudi völlig arglos; »wie sah er denn aus?«

»Wie ein Jägersmann, im Lederkoller, Weidmesser an der Seite, gestiefelt und gespornt, mit rotem Haar und Bart und einem runden Fleck auf der linken Backe, wie von einem Schuß.«

»Barmherziger Himmel!« schrie Trudi auf, »das ist der Vinzenz Ebendorffer aus Bronnbach. Er will mich holen, und ich muß ihm folgen, denn als Klostermeier hat er Gewalt über mich.«

Starres Schweigen folgte den im höchsten Schreck ausgestoßenen Worten, weil alle ihren Sinn verstanden hatten und sofort begriffen, was die Ankunft dieses Fremden für Trudi bedeutete.

Selbst dem Jungen dämmerte die Erkenntnis, daß hier eine Gefahr für Trudi im Anzuge war, und er nahm sich vor, dem Tun und Treiben des Zugereisten auf Schritt und Tritt nachzuspüren.

Der Bürgermeister faßte sich zuerst und fragte: »Was hast du dem Mann geantwortet?«

»Ich hab' ihm gesagt, eine Namens Hegewald wäre mir unbekannt,« erwiderte Kasper, »denn ich traute dem Späher nichts Gutes zu. Patz knurrte und bellte ihn wütend an, und der ist klug, o so klug; der sieht und riecht es gleich jedem Menschen an, ob er brav oder bös ist.«

»Ja, Schneckenkaschper, deinen klugen Patz in Ehren!« sprach Christoph, »aber der Rothaarige wird uns doch auskundschaften und sich bald genug bei mir melden.« Ihm fiel sofort ein, was ihm der Schultheiß von dem nachjagenden Herrn gesagt hatte, der aus seinem Gebiet entwichene Hörige zurückzufordern befugt und berechtigt sein sollte. Da war nun ein Abgesandter des nachjagenden Herren, des Abtes von Bronnbach, der ohne Zweifel Trudi holen wollte. Zu seinem Sohne sagte Christoph: »Halt' dich in den nächsten Tagen zu Hause, Peter, damit du den Mann, falls er in meiner Abwesenheit kommt, gebührend empfangen kannst.«

»Werd' ihn empfangen, Vater!« erwiderte Peter mit einem viel verheißenden Lächeln.

»Und ich bleib' auch auf alle Fälle bei dir, Trudi!« rief Ammerie und umschlang die in sprachloser Verwirrung Zitternde, der schon jede Hoffnung auf ein Liebesglück mit Franz ins Bodenlose versunken war.

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