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Das Wildfangrecht

Julius Wolff: Das Wildfangrecht - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Band VII
authorJulius Wolff
year1912
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
titleDas Wildfangrecht
pages1-280
created20021022
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
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Vierzehntes Kapitel.

Christoph Armbruster saß in seiner Amtsstube und regierte, wie es Ammerie nannte, wenn sich ihr Vater der Besorgung städtischer Geschäfte widmete, wobei ihn keiner der Seinigen stören durfte.

Es war ein geräumiges Gemach im Erdgeschoß des Hauses mit zwei rebenumsponnenen Fenstern nach dem Garten zu, durch die jetzt die Morgensonne freundlich hereinschien. Nur mit schlichtem, altväterischem Hausrat war es ausgestattet, der seine mehr als hundertjährige Dienstzeit nicht verleugnen konnte. Seitlich auf einer Ecke des großen Tisches waren Schriftstücke gehäuft, ein schwerfälliges Tintenfaß und eine hölzerne Streusandbüchse standen bequem zur Hand, und daneben lag kaum ein halbes Dutzend Gänsefedern, die Ammerie stets in guter, nicht zu spitz geschnittener Verfassung hielt. Das machte ihr geringe Mühe, denn einen starken Verbrauch von Federn konnte man dem Bürgermeister nicht nachsagen. Viel Schreibereien verursachte ihm seine Gemeindeverwaltung nicht oder vielmehr, er machte sich deren so wenig wie möglich, weil er die ›Tintenklexerei‹ haßte und öffentliche Angelegenheiten lieber mündlich verhandelte. Ganz konnte er allerdings auch schriftliche Arbeit nicht vermeiden, und wenn er sich hin und wieder einer ihm lästigen ›Federfuchserei‹ wohl oder übel unterziehen mußte, so geschah dies gewöhnlich nicht in der besten Laune.

Heute hatte er es mit einer Rechnungssache zu tun, in deren Prüfung er schon so weit vorgeschritten war, daß er sie nun bald mit seiner genehmigenden Unterschrift versehen konnte. Daher war er auch diesmal durchaus nicht unwirsch, als sich die Tür öffnete und Madlen hereintrat.

»Altechen, du?« sprach er, seine Frau verwundert anblickend. »Du hast was auf dem Herzen; also heraus damit!«

»Ja, Chrischtoph, ich hab' was auf dem Herzen,« erwiderte sie, indem sie sich ihm gegenüber am Tische niederließ. »Ich bange mich um dich. Seit Wochen, seit Monden schon zeigst du ein ganz verändertes Wesen, bist nicht mehr heiter und zufrieden wie sonst, gehst mit finsterem Gesicht herum und simelierst, als drückten dich Sorgen, von denen ich nichts weiß. Mit Haus und Hof, mit Kindern und Enkeln kann das nicht zusammenhängen, denn da ist alles in tadelloser Ordnung, wir sind alle gesund, und es fehlt uns an nichts. Nur du bist nicht mehr der Alte, trägst dich mit gewiß unerfreulichen Heimlichkeiten. Ich glaubte bisher, du hättest Schwierigkeiten und Verdrießlichkeiten mit der Gemeinde, die sich sehr in die Länge zögen. Als ich aber neulich zufällig hörte, wie hier in deiner Stube Lutz Hebenstreit so laut und heftig auf dich einschrie, da sagt ich mir: wenn sich Chrischtoph mit dem zankt, der stets sein Freund und Helfer war, dann muß es sich um Dinge drehen von so mißlicher Beschaffenheit, –«

Der Bürgermeister, der schon aus den ersten Worten seiner Frau herausgehört hatte, daß sie ihn wegen seiner grämlichen Stimmung zur Rede stellen wollte, war ihren Klagen nur mit halbem Ohre gefolgt und hatte, während sie sprach, sich überlegt, ob er ihr, nach Lutz Hebenstreits Rat, nun alles sagen solle oder nicht. Auf falscher Spur wollte er sie jedoch mit ihren Vermutungen nicht lassen. Darum unterbrach er sie jetzt: »In der Gemeinde habe ich keinen Verdruß gehabt, und Lutz Hebenstreit ist auch heut' noch mein Freund, wie ich mir keinen zuverlässigeren wünschen kann.«

»Nun, was ist's dann?« fragte sie. »Ich verlange, daß du mir von deinen Sorgen mein mir zukommendes Teil abgibst, damit ich sie dir tragen helfe.«

Er sah seine Frau in immer noch wägenden Gedanken an, und nach einem letzten Zaudern sprach er langsam und nachdrücklich: »Madlen, wir werden unsere liebe Trudi verlieren.«

Da hellten sich Madlens Züge auf, und mit einem frohen Lächeln sagte sie: »Das ist's, was dich bekümmert? Aber Chrischtoph! wenn sie auch vielleicht bald von unserem Hofe abzieht, so bleibt sie doch hier in der Stadt und kann jeden Tag auf ein Stündchen oder ein Viertelstündchen zu uns gesprungen kommen, uns von ihrem jungen Glück zu erzählen. Du meinst doch natürlich,« fügte sie, als ihr Mann schwieg, hinzu, »wir verlieren Trudi, weil Franz Gersbacher sie heiraten will?«

» Könnt' er sie nur heiraten!« stöhnte Christoph und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte.

» Könnt' er nur?« fragte Madlen. »Glaubst du, daß Florian immer noch dagegen ist?«

»Wie er jetzt darüber denkt, weiß ich nicht,« erwiderte Christoph. »Wenn er aber erfährt, was ich dir nun leider mitteilen muß, ist jede Hoffnung auf Trudis Verheiratung ausgeschlossen.«

»Chrischtoph, du sprichst in Rätseln, die mich ängstigen,« rief Madlen mit erschrockenem Blick. »Um Gotteswillen! sag', was ist geschehen?«

»Wenn Trudi ein Jahr lang bei uns ist, muß sie hörig und leibeigen werden,« klang es hart wie Hammerschläge aus des Bürgermeisters Munde.

Stumm und steinern saß Madlen, wie überwältigt von dem, was sie gehört hatte. »Sprich! sag' mir alles!« preßte sie heraus.

Christoph sagte ihr alles, verschwieg ihr nichts.

»Und keine Hoffnung? keine Rettung?« fragte Madlen, in tiefster Seele ergriffen.

»Keine!«

»Das arme, arme Kind! ihr ganzes Leben mit einem Schlage zerstört!« sprach Madlen, die Hände ringend. »Und sie ist so glücklich in ihrer Liebe zu Franz, du mußt ihr' s ja angesehen haben.«

Christoph nickte. »Sind die beiden sich einig?« fragte er.

»Vollkommen; Ammerie hat mir's gestanden, als ich in sie drang. Chrischtoph! Chrischtoph! was soll daraus werden?«

»Ich weiß es nicht.«

»Und das konntest du mir so lange verheimlichen?«

»Ich hab's gekonnt; 's ist mir schwer genug geworden.«

»Kann uns der Freiherr nicht helfen?«

»Nein, sonst tät er's wohl.«

»Hast du mit ihm gesprochen?«

»Nein, er weiß es wahrscheinlich noch gar nicht.«

»Weiß es sonst jemand?«

»Lutz Hebenstreit hab' ich's neulich gesagt, und du hast ja vernommen, wie er schimpfte und tobte. Und noch einer weiß es, – Hammichel.«

»Hammichel?«

»Ja, er war es, der mir die erste Nachricht davon gab.«

»Der wird's schnell genug herumbringen.«

»Gewiß! aber was nützt da alles Verschweigen noch?«

»Was sagt Lutz?«

»Er will ganz Wachenheim zum Widerstand mit offener Gewalt aufwiegeln und den Faut totschlagen, wenn er kommt, seine Hand auf Trudi zu legen!«

»Der liebe, wackere Mensch!«

»Ja, eine alte, treue, grundehrliche Haut!«

»Und Florian, meinst du –«

»Eine Hörige läßt er seinen Sohn nicht freien, und das ist auch nicht von ihm zu verlangen, auch von Franz nicht, denn damit würde er selber hörig werden, hat mir der Schultheiß gesagt, den ich um Rat gefragt habe; er wußte keinen,« sprach Christoph.

»Aus ihrer Heimat ist sie vor Verfolgung und Schande geflohen, Schutz und Frieden bei uns zu suchen, und nun naht ihr auch hier das Verderben,« jammerte Madlen.

»O es ist zum Rasendwerden!« rief Christoph mit dröhnender Stimme. »Welcher Mensch auf Gottes Erdboden darf sich vermessen, einen andern mir nichts dir nichts seiner Freiheit zu berauben! das ist ein Verbrechen, eine gewissenlose, Sinn und Verstand empörende Willkür. Man tut seine Pflicht als Untertan, zahlt seine Steuern, steht seinen Mann in Not und Gefahr, und dann soll man auch das Letzte noch hergeben, was man hat, das Beste, was man seinen Kindern vererben kann, seine Freiheit! Wer das vor Jahrhunderten ersonnen hat, der sollte dafür verdammt sein in alle Ewigkeit!«

Noch niemals hatte Madlen ihren Christoph in einer so furchtbaren, Leib und Seele durchschütternden Erregtheit gesehen. Wie er, der Schweigsame, der Schweres am liebsten in sich allein verarbeitete, seinem Groll und Grimm Luft machte, war es das urwüchsig in ihm lebende Selbstgefühl des sich seiner eigenen Unabhängigkeit bewußten Mannes, was sich stolz dagegen aufbäumte.

Madlen, selber einer ehrbaren, altangesessenen Pfälzerfamilie entsprossen, war über die ihre Nichte treffende Ächtung ebenso entrüstet wie Christoph, aber das Mitleid mit Trudi überwog in ihr den Abscheu gegen die allgemein verletzende und schädigende Unbill, die in dem Wildfangrechte lag und ihren Mann so in Harnisch brachte. Sie hatte sich schon darauf gefreut, der geliebten Pflegetochter eine gebührliche Ausstattung zu besorgen und eine große, fröhliche Hochzeit auf dem Abtshof auszurichten, und nun – nun sollte die Reine, Schöne, statt den Myrtenkranz auf der jungfräulichen Stirn zu tragen, eine Leibeigene werden, die auf Liebes- und Lebensglück keinen Anspruch mehr erheben durfte.

Das waren die ihrem echt weiblich und mütterlich empfindenden Herzen nächstliegenden Gedanken, denen sie nach der peinlichen Eröffnung, ebenso wie Christoph den seinigen, schweigend nachging. Dann fragte sie: »Hältst du es nicht für besser, Trudi auf ihr entsagungsvolles Schicksal vorzubereiten, statt es ihr noch länger zu verheimlichen?«

»Nein,« erwiderte Christoph, »ein Unglück erfährt man immer noch früh genug; es langsam, aber sicher herankommen zu sehen ist eine nutzlose Qual. Trifft sie der vernichtende Schlag unerwartet, so wird Trudi gewiß sehr erschrecken, aber sie muß sich in das Unabänderliche finden, sei es heut, sei es später. Also schieben wir's noch auf und gönnen ihr den kurzen Traum von künftigem Glück.«

»Du hast mich zwar von der Ersprießlichkeit einer solchen Verzögerung nicht überzeugt, aber es gehe nach deinem Willen, Chrischtoph,« sprach Madlen. »Nun eine andere Frage. Wollen wir nicht Gersbachers von dem unterrichten, was uns bevorsteht und an dem sie doch, nicht bloß der Verwandtschaft wegen, sondern auch aus anderen Gründen beteiligt sind? Ich weiß von Agnete, daß seit geraumer Zeit ein viel besseres Verhältnis zwischen Vater und Sohn, dagegen ein sehr schlechtes, fast feindliches zwischen ihnen und Steineckers eingetreten ist. Es muß da etwas vorgefallen sein, was Gersbachers schwer beleidigt hat, so daß von einer Verbindung Franzens mit Jakobinen keine Rede mehr sein kann.«

»An eine Verbindung Franzens mit Trudi ist noch weniger zu denken,« flocht Christoph ein.

»Florian könnte dir doch vielleicht einen Rat geben, seine Unterstützung in Aussicht stellen, wie es Lutz getan hat,« meinte Madlen.

»Das wäre dann der dritte, dem ich das alles des langen und breiten auseinandersetzen müßte, und das widerstrebt mir,« sprach Christoph.

»Aber wir sind es ihnen schuldig, sie aufzuklären, damit sie nicht Pläne machen, die nach Lage der Dinge unausführbar sind. Auch find' ich es schicklicher, sie hören die Misere von uns als daß sie ihnen durch ein böswilliges Stadtgeklätsch hinterbracht wird,« hielt Madlen ihrem Mann weiter eindringlich vor. »Und wenn du dich nicht dazu entschließen kannst, so will ich zu Agnete gehen und ihr unsere Sorgen anvertrauen. Sie ist eine verständige Frau, und wir stehen sehr gut miteinander.«

»Nein, dann muß ich schon selber mit Florian reden,« entschied Christoph. »Ich verspreche dir noch nicht, es zu tun, aber ich will mir's überlegen.«

»Möge dir eine gute Eingebung kommen, Chrischtoph!« schloß Madlen den gegenseitigen Herzenserguß, erhob sich und verließ das Gemach in Trübsal und Unruh und doch noch nicht völlig verzweifelnd.

Der Bürgermeister ließ die Kämmereirechnung, die er beim Eintritt seiner Frau zur Seite geschoben hatte, liegen, wo sie lag, blieb aber am Tische sitzen und fing wieder an zu trommeln. Bald aber stand er auf und nahm Hut und Stock, um einen einsamen Gang durch Feld und Flur zu machen.

Ammerie, die ihn so gerüstet aus dem Allerheiligsten seiner Amtsstube kommen sah, bot ihm wanderlustig ihre Begleitung an. Er lehnte diese jedoch ab: »Kann dich nicht brauchen, Grashupf! muß über wichtige Dinge mit mir zu Rate gehen.«

»Du weißt ja nicht, Väterle, ob ich nicht auch sehr wichtige Dinge mit dir zu bereden habe,« sagte sie.

»Du? na na! will etwan einer kommen und bei mir um dich anhalten?« scherzte er.

»Das wollt' ich ohne meine Erlaubnis keinem geraten haben,« lachte sie, »und bis jetzt hat mich leider noch kein Junggesell' um diese Erlaubnis gebeten.«

»Pressiert's dir denn so damit?«

»Ei, ich warte schon lange darauf.«

»Bilde dir doch nichts ein, Grashupf! so'n naseweises Balg wie du nimmt ja kein vernünftiger Mensch,« sprach er gutmütig, gab seinem Liebling einen leisen Klaps auf die runde Pfirsichwange und ging seines Weges.

»Naseweises Balg?« plapperte Ammerie ihrem Vater trotzig nach, drehte sich kurz auf dem Absatz um und lief zu Trudi, die in der Wohnstube am Fenster saß und nähte.

»Trudi, bin ich ein naseweises Balg?« fragte sie.

»Wer sagt das?«

»Väterle.«

»Wenn's Väterle sagt, so ist's auch wahr, und ich bin ganz seiner Meinung,« sprach Trudi lachend.

»Ich naseweis? und du? Du hast ja eine schwarze Nase,« sagte Ammerie, »halt mal still!« Sie leckte mit der Zunge an ihren Zeigefinger, als wollte sie der anderen einen Fleck von der Nase wegwischen.

Trudi bot gehorsam ihr Antlitz dar und – kriegte von dem Kobold einen festen Nasenstüber. »Ätsch! da hast du's!« neckte Ammerie.

»I du Racker!« rief Trudi, sprang auf und wollte die Verwegene packen und abstrafen. Die ließ sich aber so leicht nicht fangen, und sie jagten sich in der Stube hin und her, bis Trudi die Jüngere erwischte. Da faßten sie sich beide um, tanzten wie besessen und wirbelten sich jauchzend im Kreise herum.

»Wie du gewachsen bist!« sprach Trudi, als sie atemlos einhielten, »bist fast so groß wie ich.«

»Ja, und auch wohl ebenso stark. Wollen wir mal miteinander ringen? komm an!« sagte Ammerie und nahm eine Kampfstellung ein.

»Nein, was würde deine Mutter sagen, wenn sie uns beim Raufen überraschte!«

»Prügeln würde sie uns alle beide,« lachte Ammerie, »aber das schadet ja nichts.«

»Nein, nein, ich fürchte mich vor deiner geschwinden Kraft.«

Nun küßten sie sich, und Fried und Freundschaft waren wieder hergestellt. –

Die Mitteilungen, die Madlen in mehr andeutender als bestimmter Form von Frau Agnete erhalten hatte, daß auf dem Gersbacherhofe jetzt ein ganz anderer Wind wehe, beruhten auf Tatsachen, die Madlen nicht bekannt waren.

Nach dem Brande bei Fachendag war Gersbacher immer freundlicher gegen Franz geworden, denn seit dessen kühnem Rettungswerk hatte er einen gewissen Respekt vor seinem ältesten Sohne. Die von ihm Gerettete hatte er bis dahin noch wenig beachtet, fühlte aber nun das Verlangen, sich die einmal näher anzusehen, die um eines vierzehnjährigen Jungen willen sich in eine so große Gefahr gestürzt hatte. Dazu war er zu Armbrusters gegangen, hatte die beiden Alten beglückwünscht und zu Trudi sehr herzliche Worte gesprochen, wobei ihr bescheiden zurückhaltendes Wesen wie auch ihre blühende Erscheinung einen so gewinnenden Eindruck auf ihn gemacht hatte, daß er dies seiner Frau gegenüber rühmen mußte.

Agnete war darüber hoch erfreut. Sie hatte sich unablässig bemüht, ihm eine gute Meinung über Trudi beizubringen und in klug berechneter Weise manchmal Vergleiche zwischen dieser und Jakobinen angestellt, die sehr zu Ungunsten der letzteren ausgefallen waren und bei denen Florian um so mehr dem Urteil seiner Frau zugestimmt hatte, als er ohnehin schon seit einiger Zeit gegen die Steinackertochter stark eingenommen war. Er hatte nicht vergessen, was ihnen Franz an jenem Morgen, da sie so heftig aneinander geraten waren, in seinem jach aufflammenden Zorn offenbart hatte, nämlich, daß Jakobine ihn mit einem von Hammichel schrecklich vermanschten Wein berauscht hätte, um ihn zu einem Verlöbnis mit ihr zu verleiten. Dieses zucht- und schamlose Unterfangen konnte er dem Frauenzimmer nicht verzeihen.

Zu alledem hatte ihm Agnete kürzlich noch den unzweifelhaften Beweis geliefert, daß diese Durchstechereien zwischen Hammichel und Jakobine noch immer ihren Fortgang nahmen.

Schneckenkaschper hatte ganz aus sich heraus den Argwohn geschöpft, daß der ihm von seinem Großvater erteilte Auftrag, Jakobinen an den Gartenzaun zu bestellen, wo er die beiden schon einmal in einem ihm sehr verdächtigen Geflüster betroffen hatte, einem anderen Zwecke dienen sollte als ihm der Alte aufgebunden hatte. Er wußte, daß Franz und Trudi sich liebten, und witterte in der Zusammenkunft am Zaune einen tückischen Anschlag der eifersüchtigen, auf Franzens Besitz erpichten Jakobine, vor dem er das Paar warnen wollte. Darum hatte der schlaue Junge dem Gersbachersohne sowohl von seiner früheren Überraschung jener zwei als auch von ihrer neuen Verabredung Mitteilung gemacht. Das hatte Franz seiner Mutter berichtet und diese die Geschichte ihrem Manne erzählt.

»So! das sind ja feine Praktiken,« hatte Florian geantwortet. »Was da wieder eingefädelt wird, ist noch nicht zu übersehen, aber es läuft doch nur auf das eine hinaus, daß sich die Jakobine durch eine Hintertür bei uns einschleichen will, und da muß ich mit Franz sagen: Eine, die mit dem alten Schuft, dem Hammichel, unter einer Decke steckt und es durch nichtswürdige Kuppelei versucht, eine Gersbacherin zu werden, die soll mir nicht ins Haus, nun gerade nicht! möcht' nur wissen, ob ihr Alter dabei die Hand im Spiele hat.«

Als sie bald danach einmal beim Schoppen zusammen gesessen hatten und Adam Steinecker mit einer ziemlich plumpen Anspielung auf die hoffentlich bald eintretende Schwägerschaft herausgeplatzt war, hatte ihn Gersbacher so gründlich abgefertigt und so sackgrob angegröhlt, daß sowohl Steinecker wie die übrigen Gäste Mund und Augen aufgesperrt hatten. Von Stund an war es mit der Freundschaft der beiden aus.

Nun erschien eines Nachmittags Christoph Armbruster auf dem Gersbacherhofe, wo ihn Florian warm willkommen hieß. »Was bringst du, Chrischtoph?« fragte er vergnügt, »und was sollen wir trinken?«

»Ich will dir selber reinen Wein einschenken, aber er wird sehr sauer schmecken,« antwortete der Bürgermeister bedrückt.

»Oho, Chrischtoph! das glaub' ich dir nicht,« lachte Gersbacher. »Soll ich Hammichel rufen lassen mit seinen Versüßungsmitteln?«

»Laß den Spaß!« erwiderte Christoph, »es ist verflucht ernst, was ich dir zu sagen habe.«

Und nun zum dritten Male mußte er all sein Leid und seine Not aus seinem Herzen in ein anderes schütten. Er tat es trotz seiner inneren Aufregung mit Ruhe und Gefaßtheit und schloß seine rückhaltlose Darstellung mit den Worten: »Du wirst dir's wohl denken können, warum ich's selber dir mitteile. Gerade euch durften wir's nicht länger verschweigen, weil wir nicht wollten, daß ihr's erst hinten herum von klatschsüchtigen Lästerzungen hörtet.«

Gersbacher reichte dem alten Freunde die Hand und sprach: »Hast recht getan, Chrischtoph, ich danke dir. Von der Hauptsache, die eure arme Niftel allein betrifft, wollen wir nachher reden, jetzt zunächst von dem, was da noch so drum und dran hängt; was ich damit meine, weißt du so gut wie ich. Franz liebt die Trudi und will um sie freien. Ich war anfangs dagegen aus Gründen, die dir nicht verborgen geblieben sein werden. Längst aber bin ich anderen Sinnes geworden und würde den beiden zu ihrem Eheverspruch meinen besten Segen geben, wenn das nicht wäre, was ich soeben mit Schrecken und Abscheu aus deinem Munde vernommen habe. Aber Chrischtoph, ich frage dich auf dein Gewissen: würdest du deinem Sohn erlauben, eine Hörige zu heiraten und damit zugleich selber hörig zu werden?«

»Nein, das würd' ich niemals zugeben, und ich denke nicht daran, dich dazu überreden zu wollen,« erklärte der Bürgermeister.

»Dann sind wir einig, Chrischtoph,« sagte Gersbacher. »Die beiden jungen Menschen tun mir in der Seele leid, oder hast du noch Hoffnung, Trudi frei zu kriegen?«

»Nicht die geringste. Dieses schandbare Unrecht ist stärker als alles Recht auf Freiheit, Lieb und Glück,« sprach Christoph.

»Und das sollen wir mit sehenden Augen und gebundenen Händen über uns ergehen lassen?« brauste Gersbacher auf.

»Was bleibt uns anderes übrig? Ich als Bürgermeister darf den Gesetzen des Landes nicht Trotz bieten.«

»Der Deibel soll's holen, dies Gesetz vom Wildfang, das an den Grenzen unserer Pfalz wie eine Mausefalle aufgestellt wird, daß jeder, der über den Rhein zu uns herein wandert, darin gefangen wird, um zeitlebens hier zu dienen und zu fronen in unlösbarer Leibeigenschaft! Weißt du was? laß die beiden heiraten, sofort! dann möcht' ich den sehen, der es wagte, mir auf den Hof zu kommen und meines Sohnes Weib zu pfänden.«

»Man würde dich nicht erst fragen, Florian,« erwiderte Christoph. »Dagegen hilft uns kein Stemmen und Sperren und auch nicht der Ring am Finger. Du kennst mich, daß ich nicht einer bin, der allweg fügsam klein beigibt; aber was das Schicksal bringt, muß ich hinnehmen wie Frost und Hagel in meinem Wingert. Es trifft mich hart, doch niederwerfen soll's mich nicht. Ich werde Trudi schützen, so gut ich vermag, und leichten Herzens geb' ich sie nicht her, auch nicht ohne Widerstand, den zu leisten in meiner Macht steht; darauf verlaß dich!«

Hand schlug fest in Hand; so schieden sie.

Florian Gersbacher schaute dem Bürgermeister nach, wie er straff und stramm mit etwas gesenktem Haupt über den Hof dahinschritt, aber nicht wie ein unter schwerer Last Gebeugter, sondern wie ein Wanderer, der gegen den daherbrausenden Sturm auf seinem Wege, ihm die Stirn bietend, mutig ankämpft.

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