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Das Wildfangrecht

Julius Wolff: Das Wildfangrecht - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Band VII
authorJulius Wolff
year1912
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
titleDas Wildfangrecht
pages1-280
created20021022
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
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Dreizehntes Kapitel.

Während der nächsten Tage hielt sich Hammichel still in seinem Losament, weil er sich nicht dem Gespött von Freund und Feind über die Verunstaltung seines Gesichtes aussetzen wollte, die jedem, der ihm begegnete, sofort auffallen mußte. Vor Merten Fachendag und Kaspar konnte er seine vertrackte Visage freilich nicht verbergen. Der Junge betrachtete seinen lieben Großvater verwundert, traute sich jedoch nicht, ihn zu fragen, von wem er denn so sonderbar gezeichnet wäre. Er dachte sich aber sein Teil, denn er wußte aus Erfahrung, auf welche Weise man zu einer dick aufgequollenen Backe kommen konnte. Fachendags Hohn dagegen mußte der Geschlagene über sich ergehen lassen, als ihn sein Hauswirt bei Tische hänselte: »Aber, Hammichel, was ist denn das mit dir? hast du dich etwa beim Kochen und Probieren deiner Mixturen krank gemacht, daß dir all dein bißchen Blut in den Kopf gestiegen ist? Siehst ja merkwürdig gedunsen aus; ich könnte mich beinahe um dich ängstigen.«

»Kümmere dich nicht um mein Aussehen!« schnauzte ihn Hammichel an. »Das Gesöff, das du kelterst, wäre ohne mein heilsames mixtum compositum so lebensgefährlich, daß man dran krepieren könnte. Im übrigen bin ich für dich noch lange schön genug.«

»Ja, meinetwegen kannst du vorn und hinten geschwollen sein, alte Giftkröte!« gab ihm Fachendag grob zurück. »Ich gönne dir deine Pausbacken und noch mehr das, wovon sie herrühren. Hast dich wohl mit Lutz Hebenstreit bei einer freundschaftlichen Unterredung auseinandergeeinigt? der hat so 'ne ähnliche Handschrift.«

»Scheinst sie ja gut zu kennen,« knurrte der also Gefoppte.

Anzüglichkeiten wie die, mit denen ihm Fachendag hier das kärgliche Mittagessen würzte, hätte Hammichel noch mehr herunterschlucken müssen, wenn er sich jetzt auf die Gasse hinausgewagt hätte. Darum blieb er zu Hause und benutzte die unfreiwillige Muße dazu, sich seine Pläne gegen Christoph Armbruster auszuspinnen.

Endlich war für ihn die Zeit und Gelegenheit zur Vergeltung gekommen, auf die er jahrelang gewartet hatte. Jetzt wollte er mit dem Bürgermeister abrechnen für den großen Schaden, den ihm dieser durch die Schmälerung seines Verdienstes beim Panschgewerbe zugefügt hatte. Seine beiden Versuche, ihm Geld abzupressen, waren fehlgeschlagen, aber sie waren ja nur ein kleines Vorspiel zur eigentlichen Hauptaktion gewesen. Und auch wenn sie gelungen wären, hätte das an seinem Racheplane nichts geändert, denn auch nach Empfang des geforderten Schweigegeldes würde er nicht geschwiegen haben, und den angebotenen Falscheid hätte er sich natürlich vorher bezahlen lassen und ihn nachher aus Furcht vor der schweren Strafe vielleicht doch nicht geschworen. Daß er zu dem Mißerfolg auch noch zwei Riesenohrfeigen hatte in den Kauf nehmen müssen, wurmte ihn gewaltig und spornte ihn, das Hereinbrechen des Unheils über die Armbruster'sche Familie nach Kräften zu beschleunigen.

Doch seltsam! Während er über der Art der Ausführung seiner Entschlüsse brütete, regte sich auch in dieser hartgesottenen Sünderseele noch eine Spur von Mitgefühl mit Trudi, die ihm nichts zuleide getan hatte. Diese Regung kam aus dem tief verborgenen Winkel seines Innern, wo noch ein Stück vom alten Spielmann wohnte. Spielleute sind meist gute Menschen, nicht klug wie die Schlangen, aber ohne Falsch wie die Tauben. Und Hammichel, der heute noch in den Spinnstuben und auf Kirchweihen Lieder der Liebe und Sehnsucht auf seiner Fiedel begleitete und in seinen jüngeren Jahren selber gesungen hatte, der wollte jetzt gegen ein holdes, anmutiges Mädchen, das in wahrer großer Liebe an einem braven Burschen hing, feindlich vorgehen, denn Trudi war es ja doch, die das unschuldige Opfer seines Verrates wurde. Allerdings, auch wenn er auf ihrer Seite gestanden hätte, ihr helfen, sie vor ihrem Schicksal bewahren hätte er auch beim besten Willen nicht gekonnt. Aber er wühlte und wirkte ja noch in anderer Weise gegen sie, dafür bestochen und bezahlt von Jakobinen, deren Liebe zu Franz – das hatte der Laurer längst erkannt – nicht so lauter und innig war wie die Trudis. Was bewog ihn dazu? Nichts anderes als sein nie schlummerndes, ihn stets prickelndes Begehren nach Geld und immer wieder Geld. Davon kam er nicht los, das war die starke und, außer seiner Rachsucht, einzige Triebfeder all seines Handelns, die ihn auch jetzt nicht rasten und ruhen ließ, bis er Jakobinen noch vor dem öffentlichen Bekanntwerden des Wildfangrechtes einen beträchtlichen Lohn für gar nicht geleistete Dienste abgeschwindelt hatte.

Aber wie und wo sollte er mit ihr zusammenkommen? wie ihr Nachricht senden, daß er sie sprechen müßte und sie Geld mitbringen möchte? Seinen Enkel, dem Trudi das Leben gerettet hatte, in diesem Falle als Boten zu gebrauchen, deuchte ihm nicht ratsam, und doch wußte er niemand, der ihm dazu so geeignet schien wie Kaspar. Den Jungen mit einer List über die wahre Bedeutung seines Auftrages zu täuschen, konnte ihm nicht schwer fallen, und so nahm er ihn sich eines Nachmittages vor und sprach zu ihm: »Kaschper, ich habe eine sehr wichtige Besorgung für dich, von der du keinem Menschen ein Wort sagen darfst als der, zu der ich dich schicke. Geh' hin zu Jakobine Steinecker und melde ihr ganz geheim, ich hätte das neue Mittel zur Verbesserung des Weines, über das ich vor einiger Zeit am Gartenzaune, wo du ja damals dazukamst, mit ihr gesprochen hätte, nun zurecht gemacht, wollte es ihr aber selber einhändigen, damit sie es erst einmal allein, ohne Wissen des Vaters, ausprobiere. Sie sollte morgen gleich nach Mittag wieder an derselben Stelle des Zaunes sein und sich mit Geld versehen, denn ich hätte erhebliche Auslagen dafür gehabt. Hast du verstanden?«

»Ja, Großvater, werd's ausrichten,« versprach Kaspar.

»Gut! so lauf' und bring mir Bescheid. Und daß du mir vor allen anderen das Maul hältst, Junge! sonst wehe dir!« schärfte ihm Hammichel noch einmal ein.

Abends berichtete Kaspar, es wäre sehr schwierig gewesen, Jakobinen allein zu sprechen. Er hätte jedoch mit seiner Vogelscheuchklapper so lange am Zaune gerasselt, bis sie im Garten erschienen wäre, aber in Begleitung ihres Bruders. Er hätte dann, von diesem ungesehen, den Finger auf den Mund gelegt zum Zeichen, daß er ihr etwas im geheimen zu sagen hätte. Darauf wäre sie mit Wilm ins Haus gegangen, bald aber allein wiedergekommen, und da hätte er die Bestellung bei ihr angebracht. Jakobine würde morgen gleich nach Mittag am Zaune sein.

»Das hast du gut gemacht, Junge!« belobte ihn der Alte und dachte: der Bengel ist doch brauchbarer als ich ihm zugetraut hatte.

Zur verabredeten Stunde begab sich Hammichel an den bezeichneten Ort, wo er Jakobinen schon seiner harrend fand.

Sie empfing ihn mit den Worten: »Endlich, Hammichel! wie lange hast du dich nicht vor mir sehen lassen! wo hast du denn nur gesteckt?«

»Wo ich so lange gesteckt habe?« erwiderte er. »Ja, was meinst du wohl, wo ich gewesen hin, Jakobinchen? In Kaiserslautern war ich; ja, mach nur Augen! den weiten Weg nach Kaiserslautern zu meinem großgünstigen Freunde bin ich gewandert bei der sengenden Augusthitze. Siehst du, so plag' ich und schind' ich mich für dich. Aber nun sind wir auch gerüstet und gewappnet; wirst deine Freude haben über das, was ich dir nun mitteilen kann.«

»Nun? laß hören, laß hören, Hammichel!« sprach sie in fiebernder Erwartung.

»Nur Geduld, mein Herzchen! eins nach dem andern! erst – hier!« versetzte er mit einem süßlichen Lächeln und hielt ihr wie ein Bettler die offene Hand über den Zaun hin. »Ich habe von dem Besuche große Unkosten gehabt, denn ich mußte meinen Freund, den Herrn Sekretarius, in der besten Wirtschaft der Stadt freihalten und mit sehr guten Weinen traktieren, um ihm die Zunge zu lösen. Und je mehr er trank, desto höher schraubte er seine Forderung für die Offenbarung seines Geheimnisses. Fünfzehn Gulden habe ich ihm dafür bezahlen müssen, und dazu kommt noch die teure Zeche und meine Wegzehrung hin und her. Zweiundzwanzig Gulden mußt du mir geben, eh' ich dir sage, was ich weiß.«

»Hammichel! auf soviel war ich nicht gefaßt,« seufzte die Erschrockene. »Siebzehn Gulden hab' ich im ganzen, und damit könntest du wohl zufrieden sein, mein' ich.«

»Nein, Jakobinchen, ich kann nichts ablassen,« erwiderte der geriebene Knicker; »soll ich denn dabei noch Schaden machen? Könntest mir wohl fünfundzwanzig Gulden geben, damit ich auch ein bißchen was dabei verdiene.«

»Ich kann dir nicht nachrechnen, Hammichel, wieviel du dabei verdienst,« sagte sie. »Hier nimm die siebzehn Gulden, und drei will ich dir noch nachzahlen, sobald ich kann. Das macht zwanzig, damit mußt du dich begnügen.«

»Nun, weil du's bist, Jakobinchen, will ich mich für diesmal bescheiden; einer anderen gegenüber tät ich's nicht,« entgegnete er. »Also gib her! und fünf Gulden krieg' ich dann noch.«

»Drei, Hammichel, drei!«

»Ach ja, drei! Wenn du aber erst weißt, was ich weiß, wirst du aus freien Stücken noch dreimal drei zulegen,« sprach er und sackte den ergaunerten Lügenlohn vergnügt ein.

» Wenn ich's nur erst wüßte!« sagte Jakobine. »Dein Geld hast du; nun fang' endlich an, deine Weisheit auszukramen.«

»Kommt schon, kommt schon,« sagte Hammichel. »Kann uns hier auch niemand hören?«

»Du lieber Himmel – nein!« rief sie in heller Verzweiflung.

»Also knöpf' die Ohren auf!« begann er. Dann sprach er leise, noch leiser als bisher: »Wenn deine Herzensfeindin, die Würzburgische, ein Jahr lang hier in Wachenheim ist, – und das ist sie nun bald – so wird sie ein Wildfang. – Was das ist? das bedeutet: so jemand, Mannsbild oder Weibsbild, von auswärts in ein Land, wo er nicht geboren ist, einwandert und sich Jahr und Tag dort aufhält, so wird er hörig und leibeigen, und das nennt man einen Wildfang.«

Jakobine sah den Alten noch immer verständnislos an.

Dieser fuhr fort: »Das ist nämlich ein uraltes Königsrecht, ein sogenanntes Regale, stammt schon von Karl dem Großen her oder von Kaiser Rotbart oder sonst so einem, hat lange Jahre geruht, ist aber jetzt von unserm gnädigen Kurfürsten und Pfalzgrafen Karl Ludwig wieder eingeführt und anbefohlen worden. Begreifst du nun? – noch nicht? Dann also kurz mit einem Worte: Bürgermeisters Trudi muß hörig und leibeigen werden.«

»Wem leibeigen?« fragte Jakobine, der plötzlich ein Licht aufzugehen schien.

»Dem Pfalzgrafen oder vielmehr unserm Obervogt, dem Reichsfreiherrn auf der Wachtenburg.«

»Auf der Wachtenburg? da muß sie leibeigen werden? muß da hausen und dienen wie die geringste, niedrigste Magd?« fragte Jakobine weiter mit flackernden Augen.

»Muß sie, gewiß, mein Schmeichelkätzchen!« sprach der Alte. »Und nun, – glaubst du, daß Franz Gersbacher eine Leibeigene heiraten wird?«

»Hammichel! Hammichel!« jauchzte das Mädchen in unsinniger Freude. »Das ist – das ist eine Botschaft, – ich kann's noch gar nicht fassen. Ist das auch wirklich wahr? kein Trug und Irrtum dabei?«

»Kein Trug und Irrtum, alles so wahr wie daß du mir für diese Botschaft nicht mehr als siebzehn Gulden gegeben hast,« sagte Hammichel vorwurfsvoll.

»Weiß es Trudi?« fragte Jakobine aufs neue.

»Schwerlich,« erwiderte Hammichel, »es ist noch Geheimnis. Vielleicht weiß auch der Freiherr noch nicht genug, um gegen sie einschreiten zu können.«

»Weiß es Junker Ulrich?« flog jetzt von Jakobinens Lippen die Frage wie ein schwirrender Pfeil.

Hammichel zuckte die schiefen Schultern. »Mir scheint die Sache so zu liegen: der Freiherr weiß jedenfalls vom Wildfangrecht, aber nicht, daß Trudi eine zugewanderte Fremde ist. Dies weiß Junker Ulrich, aber vielleicht noch nichts vom Wildfangrecht. Wenn beide beides wüßten, wäre das Schicksal der Würzburgerin beschlossen und besiegelt.«

»Sie müssen's erfahren,« fiel Jakobine schnell ein.

»Richtig!« sprach Hammichel, »aber wie? ich kann's ihnen nicht stecken und du auch nicht, Jakobinchen.«

»Warum nicht ich?«

»Weil du, wenn du danach gefragt würdest, nicht sagen darfst, von wem du's hast. Denn ich will mit der Angelegenheit nichts zu tun haben, will mich in keiner Weise, mit keinem Worte hineinmischen. Das merke wohl, Jakobinchen! mich darfst du nicht verraten.«

»Nein, nein, das will ich auch nicht, aber dem Junker könnt' ich doch einen vertraulichen Wink geben,« meinte sie.

»Hm!« machte Hammichel bedenklich, »das wäre ja allerdings das Geschickteste, aber ich rate dir davon ab, denn es wäre gefährlich für dich. Mit Junker Ulrich ein Stelldichein unter vier Augen mit vertraulichen Zuflüsterungen, – Jakobinchen, Jakobinchen, nimm dich in acht! Der braucht nicht erst einen Liebestrank, um zärtlich zu werden.«

»Ach, davor fürcht' ich mich nicht,« warf sie leichtfertig hin. »Wann ist es so weit, daß die Würzburgische hörig werden muß?«

»Am Kreuz-Erhöhungstag wird es ein Jahr, daß sie hier ist, dann ist's mit ihrer Freiheit Matthäi am letzten.«

»Also ist keine Zeit zu verlieren, sonst macht sie sich noch vorher auf und davon,« sprach Jakobine fast ängstlich.

»Und was dann? – dann wärst du die Nebenbuhlerin ein für allemal los, du Glückskind!« lachte Hammichel. »Franz wird ihr nicht nachlaufen und sie zurückholen, und tät er's, so würde sie doch hier hörig werden müssen. Ihrer ledig wirst du auf jeden Fall, ob sie nun als Leibeigene auf die Wachtenburg muß oder vorher die Flucht ergreift.«

»Ja, du hast recht, Hammichel! ich werde sie los, so oder so, sie kann mir den Weg zu meiner Versöhnung mit Franz nicht mehr versperren,« frohlockte Jakobine.

»Siehst du, das ist's, was ich dir zu wissen geben wollte, wozu ich dich durch Kaschper hier an den Zaun bestellen ließ,« sprach Hammichel.

»Der Junge hat das sehr pfiffig angefangen,« sagte Jakobine, »ich werde ihm nächstens einmal was dafür zugute tun.«

»Dem Jungen? das hast du gar nicht nötig,« winkte Hammichel ab. »Aber meine sieben Gulden vergiß nicht, die ich noch von dir kriege!«

»Sieben? woher denn sieben?« fragte sie im Abgehen, schon einige Schritte vom Zaun entfernt.

»O es dürfen auch zehn sein, Jakobinchen!« rief ihr der alte Spitzbube nach. –

»Nun geht der Tanz los,« kicherte er auf dem Heimwege. »Die Jakobine kann nicht lange schweigen, und das soll sie auch nicht; ich hör' es und seh' es, wie sie dem Junker die Neuigkeit im Dunkeln beibringt; na, wohl bekomm's! Jung Ulrich spitzt sich dann nicht schlecht auf das hübsche, appetitliche Schätzchen, als hätt' er's schon in den Armen oben auf der Burg. Der Bürgermeister aber ist als Hüter und Hehler eines Wildfangs ein geschlagener Mann und muß Amt und Würden niederlegen. Das wird einen Spektakel geben, wie ihn die lieben Wachenheimer seit Menschengedenken nicht erlebt haben,« schloß er sein Selbstgespräch und ließ spielend seine siebzehn Silberlinge so lustig in der Tasche klimpern, daß ihm das Herz im Leibe dabei lachte.

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