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Das Wildfangrecht

Julius Wolff: Das Wildfangrecht - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Band VII
authorJulius Wolff
year1912
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
titleDas Wildfangrecht
pages1-280
created20021022
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
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Elftes Kapitel.

Der Sommer thronte mit seiner strahlenden Pracht im Lande und wirkte mit allen Kräften, das Wachsen und Reifen zu fördern, um seinem Nachfolger, dem Herbst, die Erzeugnisse seines Schaffens als tausendfältiges, kostbares Erbe zu hinterlassen. Dabei halfen ihm die Menschen mit rührigem Fleiß, denn die winkenden Schätze sollten ja doch zu Genuß und Gebrauch in ihre Hände gelangen und ihnen zum Segen gedeihen.

Die Pfälzer, auch die in Wachenheim, sahen der Ernte vertrauensvoll entgegen. In den Weinbergen schwollen die Trauben, auf den Feldern wogten die Ähren, und an den Bäumen bogen sich die Zweige mit den dicht hängenden Früchten. Was noch an Arbeit getan werden konnte und mußte, geschah Tag für Tag, und nach Feierabend herrschte Ruh' und Zufriedenheit in den Häusern, und in den Straußwirtschaften gab es oft ein lautes, lustiges Dischkurieren und ein dauerhaftes Trinken.

Unter diesem und jenem Dache freilich schlug auch ein Herz in Angst und Qual und schickte Wunsch und Gebet zum Himmel um Stillung eines Leids oder Erfüllung eines heißen Begehrens. In zweien der reichsten Bauernhöfe nisteten Sorgen, von denen die nächsten Nachbarn nichts wußten und nicht einmal alle Insassen etwas erfuhren.

Wer war im Abtshofe, außer Ammerie, in Trudis marternde Zweifel eingeweiht? wer vollends ahnte Christophs stumm und einsam getragene Pein über Trudis herannahendes trauriges Schicksal? Und im Gersbacherhofe preßte Franzens Brust der harte Willenszwang seines Vaters wie mit eisernen Klammern. Auch davon drang keine Kunde nach außen; nur seine Mutter und sein Bruder Steffen blickten ihm ins Herz hinein und erkannten den eigentlichen, tiefuntersten Grund seines verhaltenen Grames.

Die beiden, Franz und Trudi, wußten selber einer vom andern nichts. Sie sehnten sich nach einander, trafen sich jedoch nicht, sahen sich nicht, konnten sich nicht gegenseitig aussprechen. Jeder schleppte das, was in ihm bohrte, an ihm zehrte, durch endlos lange Tage und halb schlummerlose Nächte wie eine ihn zu Boden drückende Last von Jammer und Elend, an deren Verwandlung in himmelhoch hebende Freude er nicht mehr glaubte.

Aber der Mensch denkt und Gott lenkt. Dieser alte Spruch, der schon manchem von Not und Furcht gebeugten Erdenkinde zum Troste gereicht, aber auch vielen zu ihrem Schrecken gezeigt hat, daß menschliches Hoffen und Planen eitel und nichtig ist, sollte auch den zwei Liebenden seine Wahrheit erweisen.

Es trat ein Ereignis ein, das die Lage der Dinge im Handumdrehen veränderte.

Eines Nachts, in der Morgendämmerung, wurden die Bewohner Wachenheims durch Feuerlärm aus dem Schlafe geschreckt. Niklas, der Türmer, stieß mit Macht in sein Horn und läutete Sturm. Männer, Frauen und Mädchen fuhren aus den Betten und stürzten, notdürftig bekleidet, auf die Gasse. Viele hatten sich mit Eimern versehen, andere Äxte, Hacken und Hauen ergriffen oder schafften Leitern herbei. Ihnen schloß sich eine große Anzahl Neugieriger an, zu denen auch Trudi, Ammerie und, diese zwei ängstlich meidend, Jakobine gehörten. Alles schrie wie toll durcheinander und fragte: wo ist's? wo brennt's? Bald wußten sie's, bei Merten Fachendag war's.

Bei Fachendag? wo Hammichel wohnte? Hat der etwa nächtlicher Weile seinen berüchtigten Mischmasch gekocht und ist dabei unvorsichtig mit dem Feuer umgegangen? dachten manche, aber sie eilten doch hin, um löschen zu helfen.

Da sahen sie denn, daß nur ein einzeln stehendes Nebengebäude brannte, das als Schuppen und Stallung diente und unter dessen hohem Dache sich der Heuboden befand. Es war schon nicht mehr zu retten, und man versuchte dies auch gar nicht, obwohl sich Fachendag gebärdete, als ob ihm ein Vermögen damit zugrunde ginge.

Dagegen war es nötig, das Wohnhaus zu schützen, damit es nicht durch hinüberfliegende Funken auch in Brand geriet und die Nachbarhäuser gefährdete. Dies taten nun unter Aufsicht des Bürgermeisters einige jüngere Männer, indem sie das strohgedeckte Haus von angelegten Leitern aus mit Wasser begossen und bespritzten. Die meisten der Herzugeströmten schauten müßig dem Umsichgreifen der Flammen zu und wurden sich darüber einig, daß das Feuer durch Selbstentzündung des noch feucht eingebrachten Heues entstanden sein müsse.

Hammichel ließ sich nicht blicken, und auch Kaspar konnte keine Auskunft über ihn geben. Als aber die Sonne ihre ersten Strahlen über den Rhein auf die bewaldeten Höhen des Haardtgebirges warf, tauchte der Alte plötzlich auf. Er war bis jetzt in seinem sogenannten Laboratorium gewesen, um seine Büchsen, Flaschen und Schachteln mit ihrem mühsam gesammelten und zubereiteten Inhalt zu bergen. Nun die Gefahr für das Haus vorüber war, verließ er es und mischte sich kaltblütig zuschauend unter die Menge, die seiner nicht achtete.

Auf einmal ergellten durchdringende tierische Jammerlaute, und – »Patz! mein Patz! im Ziegenstall!« schrie Kaspar auf und jagte schnurstracks dahin. »Halt, Kaschpar! zurück!« rief ihm Trudi zu; er hörte jedoch nicht. Da sprang sie ihm nach, um ihn zu greifen. In dem Augenblick aber, als er, von Trudi schon erfaßt, den Stall aufriegelte und der eingesperrte Hund daraus entschlüpfte, stürzte vielleicht durch den starken Ruck beim Aufreißen der von der Hitze eingeklemmten Tür erschüttert, der brennende Dachstuhl mit dem Heuboden ein und begrub beide, Trudi und Kaspar, unter glimmenden Sparren und Balken.

Ein Schreckensruf erscholl aus dem Munde aller, die das sahen und, vor Entsetzen starr, sich nicht vom Flecke rührten. Einer aber brach sich mit wildem Ungestüm Bahn, alles umrennend, was ihm im Wege war. Franz Gersbacher raste dahin, die Verschütteten zu retten, und als sich Jakobine ihm entgegenwarf, um ihn zurückzuhalten, stieß er sie so heftig von sich, daß sie zu Boden fiel. Dann räumte er in bebender Hast die größten Bruchstücke soviel wie nötig beiseite und zog Trudi mit zum äußersten angestrengter Kraft aus dem schwelenden, rauchenden Trümmerhaufen heraus. Die jetzt zu seinem Beistand Herzueilenden wies er mit einem Blick und einer Bewegung zurück, die etwas Herrschsüchtiges und Leidenschaftliches hatten. Auch Kaspar erhob sich schnell und scheinbar nur wenig beschädigt, denn Trudi hatte ihn, halb kniend, halb liegend über ihm, mit ihrem Leibe gedeckt.

Franz trug die Bewußtlose, deren Kleidung stellenweise versengt und durchlöchert war, auf seinen Armen von der Brandstätte weg. Ihr Haupt lag an seiner Schulter, ihr Gesicht war still und bleich. Alle machten ihm schweigend Platz, daß er wie durch eine Gasse schritt, und niemand wagte, ihm seine Hilfe anzubieten und Hand an die zu legen, die er allein einem grauenvollen Tode entrissen hatte und nun auch allein wie eine erkämpfte Siegesbeute in Sicherheit bringen wollte. Ammerie und Kaspar folgten ihm, sich angstvoll durchdrängend. Ammerie schickte den Jungen zum Bader, und da er an den Beinen unversehrt geblieben war, flog er wie der Wind mit seinem muntern Schnauzerl dahin. Sie selber lief, so schnell sie konnte, nach Hause voran, um die Mutter zu benachrichtigen, damit diese nicht zu sehr erschrak, wenn Franz mit seiner lieben und wahrlich nicht leichten Bürde dort ankam.

Jakobine, die im Augenblick der höchsten Gefahr der fürchterliche Gedanke durchzuckt hatte, jetzt vielleicht von der Nebenbuhlerin durch deren Untergang in Flammen befreit zu werden, sah der Geretteten und ihrem Retter mit von Haß entstellten Zügen nach. –

Unweit des Abthofes schlug Trudi die Augen auf und blickte den, in dessen Armen sie sich wie aus einem Traum erwachend wiederfand, erst verwundert, dann aber, trotz heftiger Schmerzen, beseligt an.

Da – es war ganz einsam hier – konnte sich Franz nicht enthalten; er bog sich zu ihr hin und küßte sie auf den Mund.

»Franz!« flüsterte sie mit einem Lächeln voll überschwenglichen Glückes. Und »Trudi! Trudi!« jubelte er, als er den Gegendruck ihrer Lippen gefühlt hatte, wohl wissend, wie sie körperlich leiden mußte.

Im Abtshofe, wo ihn Madlen, Elsbeth und Ammerie schon erwarteten, setzte er die bis hieher Getragene auf die Stufen des Wohnhauses behutsam nieder, und beide waren so erregt, daß sie nicht sprechen konnten; weder Dank noch Frage tauschten sie.

Von den drei Frauen gestützt, vermochte Trudi die Treppe hinaufzugehen und wurde oben in ihrem Zimmer von ihnen entkleidet und zu Bett gebracht. Sie hatte an Nacken, Schultern und Rücken Brandwunden und Beulen, die ihr entsetzliche Qualen bereiteten. Die Sache war indessen verhältnismäßig noch glimpflich abgelaufen, denn keiner der schwersten brennenden Balken hatte Trudi getroffen, und vor dem Ersticken in Rauch und Qualm hatte Franz sie bewahrt.

Bald erschien der Bader, besichtigte die Wunden und erklärte sie für in kurzer Zeit heilbar. Er kühlte sie mit frischen Lattichblättern und Gilgenöl und strich dann eine schmerzlindernde Salbe darauf, was er alles auf Kaspars eiligen Bericht mitgebracht hatte.

Franz und Kaspar blieben unten in der Diele, bis der Bader herabkam, sie von dem Zustand der Leidenden unterrichtete und dann auch den Jungen untersuchte, bei dem er ein paar leichte Quetschungen und einige unbedeutende Brandmale entdeckte, die er gleichfalls mit seiner Salbe behandelte. Franz war vom Anfassen der glimmenden Holzstücke an den Händen verletzt, machte aber nicht viel daraus, und auch Kaspar klagte nicht, sondern war ganz aus dem Häuschen; er hatte ja seinen lieben Patz gerettet, und ihn, ihn hatte Trudi gerettet. Hätte ihn der eine bepflasterte Arm nicht gehindert, so hätte er vor Freuden Rad geschlagen, was er so gern tat, oft gefolgt und umschwärmt von einem ganzen Rudel junger Radschläger, welche dieses wie manches andere Kunststück von ihm gelernt hatten.

Zwei Menschen aber, Franz und Trudi, waren, wenn auch getrennt voneinander, ein Herz und eine Seele, denn nun wußten sie beide, daß sie sich liebten. Franz hatte die Probe, auf die ihn Ammerie, allerdings nicht auf eine solche, bei der's ums Leben ging, stellen wollte, glänzend bestanden; es war eine Feuerprobe gewesen. –

Die aufopferungsvolle Tat Trudis bildete nun den Gegenstand des allgemeinen Stadtgespräches, und Franzens entschlossenes Eingreifen, ohne welches Trudi und Kaspar verloren gewesen wären, kam erst in zweiter Reihe zur Geltung. Daß ein baumstarker Mann einem schönen Mädchen in Todesnot beisprang, verstand sich ja von selbst, obschon ihn manche darum beneiden mochten, daß er als erster und einziger aller Augenzeugen das Wagestück unternommen und es so unerschrocken durchgeführt hatte. Aber daß ein Mädchen, die Nichte des Bürgermeisters, einen vierzehnjährigen Jungen, den Enkel eines alten Landstreichers, mit ihrem Leibe vor Flammen und stürzenden Balken deckte und ihm damit das Leben rettete, das war gar nicht hoch genug anzuschlagen Und das hatte die Fremde getan, die Würzburgische! ihr Lob und Preis verkündeten alle Zungen, pfiffen die Spatzen von allen Dächern. Alt und jung fragte nach ihrem Ergehen, und später, als sie wieder fähig war, Besuche zu empfangen, kamen fast alle die Frauen und Mädchen, die sie in den Spinnstuben kennen gelernt hatten, und drückten ihr mit freundlichen Worten ihre Teilnahme und Bewunderung aus.

Auch Schneckenkaschper hatte sich in der Stadt viel Freunde erworben durch seine Gutherzigkeit, daß er, um sein armes, liebes Hundel nicht jämmerlich umkommen zu lassen, furchtlos auf den brennenden Stall losgerannt war.

Trudis sorglichste Pflege nahm natürlich Ammerie in die Hand, dabei von Kaspar auf jede ihm mögliche Weise unermüdlich bedient. Und Patz mußte auch immer mit dabei sein, so wollte es Trudi. Denn er war ja der unschuldige Anstifter der grausigen Gefahr, in der zwei Menschenleben geschwebt hatten, und mithin auch der sich daraus ergebenden Folgen. Wenn Patz nicht eingesperrt gewesen wäre, hätte Kaspar nicht den Ziegenstall gestürmt, wäre Trudi dem Tollkühnen nicht nachgesprungen, hätte Franz sie nicht retten müssen; dem Patz verdankte sie Franzens ersten Kuß.

Ammerie hatte sie einmal, auf dem Rande ihres Bettes sitzend, gefragt, ob sie denn nun an Franzens Liebe glaube. Da hatte ihr Trudi stumm die Hand gedrückt, und ihrer Brust war ein tiefer, großmächtiger Seufzer entquollen, mit dem sich ein ganzer Himmel voll Seligkeit aufgetan hatte. Das war Antwort genug für Ammerie; nun war sie fest überzeugt, daß die beiden sich herzenseinig waren. Es mußte auf dem Wege von der Brandstätte nach dem Abtshofe, während Franz die Gerettete in seinen Armen hatte, eine Verständigung zwischen ihnen stattgefunden haben, bei der wahrscheinlich auch jedes Wort überflüssig gewesen war.

Auch Madlen, die das Bild nicht vergessen konnte, wie Franz die Verwundete getragen brachte, deutete sich deren ruhige Heiterkeit, die sie bei den gewiß noch argen Schmerzen nie verließ, richtig und knüpfte daran die schönsten Hoffnungen auf eine glückliche Zukunft der liebenswürdigen Dulderin an der Seite des Gersbachersohnes, auf den die Bürgermeisterin große Stücke hielt.

Nur einer in der Familie gab den Seinigen etwas zu raten auf, und das war Christoph. Er besuchte Trudi täglich, war gut und freundlich gegen sie, aber auffallend schweigsam und betrachtete sie manchmal mit einem trübsinnigen Blick, als hätte er dabei Hintergedanken, die er nicht aussprechen wollte. Ihn nach der Ursache dieses seltsamen, ihnen unerklärlichen Wesens auszuforschen versuchten sie nicht, weil sie wußten, daß sie mit Fragen nichts aus ihm herausbringen würden, was er ihnen freiwillig zu eröffnen nicht geneigt schien.

Als das Wundfieber längst überstanden war und auch die Schmerzen beträchtlich nachgelassen hatten, verlangte Trudi, Franz zu sprechen, um ihm endlich danken zu können, und bat, ihn herzubescheiden.

Schneckenkaschper wurde mit der Botschaft betraut, lief mit Patz um die Wette, sie auszurichten, und konnte nicht umhin, unterwegs mindestens ein dutzendmal Rad zu schlagen.

Franz, der feinfühlig sich bis jetzt zurückgehalten hatte, kam mit einem schönen Blumenstrauß, und beiden schoß das Blut in die Wangen, als sie sich nach jener Feuerprobe zum ersten Male wiedersahen. Ammerie, die bei dem Besuch zugegen war und die zwei doch gern allein lassen wollte, gebrauchte dazu einen so täppischen, unglaubwürdigen Vorwand, daß sie sich selber kaum das Lachen verbeißen konnte, wie sie so schnell entwich, als wäre sie aus dem Zimmer Hals über Kopf hinausgeworfen worden.

Nun kniete Franz an Trudis Lager nieder. Beide umschlangen sich so fest, wie es Trudis verbundene Schulter erlaubte, und küßten sich nach Herzenslust. Endlich sagte Trudi mit ihrem innigsten Ton: »Franz, ich danke dir!«

»Danken? wofür denn?« sprach er. »Wenn Hammichel das Haus in Brand gesteckt hätte, so würd ich ihm danken, daß er mit dem ruchlosen Streich mir dazu verholfen hätte, dich auf meine Arme nehmen und tragen zu dürfen. Trudi, das war bis heute die glücklichste Stunde meines Lebens. Nun gehörst du mir und ich dir, nicht wahr?«

»In alle Ewigkeit!« gab sie ihm liebetrunken zur Antwort.

Viel Worte wechselten sie nicht, hielten sich bei den Händen gefaßt und blickten sich nur tief in die Augen hinein.

Auf Trudis Lippen schwebte die Frage: Warum bist du so lange nicht hergekommen? Doch ehe sie sie aussprechen konnte, trat Ammerie wieder ins Zimmer. Franz wollte sich sofort erheben, aber Ammerie sagte: »Bleib' nur ruhig liegen, wo du liegst! ich setze mich ans Fenster, zähle die Blätter an den Bäumen und seh mich nicht um. Mutter hat mich wieder heraufgeschickt; ich sollte Trudi nicht allein lassen, weil sie irgend etwas verlangen könnte,« fügte sie fast schmollend hinzu. »Trudi, verlangst du was?«

»Nein!« erwiderte diese lachend, »nichts anderes, als was ich jetzt hier habe und halte.«

Die beiden flüsterten noch eine Weile miteinander, dann verabschiedete sich Franz mit dem Versprechen, bald einmal wiederzukommen. –

Während auf dem Abtshofe Friede und Freude waltete, sah es bei Steineckers ganz anders aus. Jakobine wollte vor Neid und Bosheit bersten. Damit war das Maß ihres Unglücks voll, daß sich die Würzburgische mit Ruhm bedeckt, weil sie dem dummen Jungen, dem Schneckenkaschper, blindlings nachgelaufen war, und daß Franz die Fürwitzige auf seinen Armen aus Rauch und Flammen getragen, sie selber aber mit roher Gewalt von sich gestoßen und zu Boden geschleudert hatte. Jetzt war das Spiel für sie verloren, wenn nicht die Wirkung des einzigen Mittels, an das sie sich noch mit der letzten Hoffnung einer Verzweifelnden wie der Ertrinkende an einen Strohhalm klammerte, zu ihrem Heile ausschlug. Das war das Einschreiten von Hammichels einflußreichem Freunde in Kaiserslautern. Nun mußte sie vor allen Dingen den Alten sprechen und ihm für seine schleunige Vermittlung zahlen, was er forderte. Seiner habhaft zu werden war jetzt ihr ganzes Dichten und Trachten.

Wieder anders als da und dort standen die Dinge auf dem Gersbacherhofe. Frau Agnete ging in berechtigtem Mutterstolz erhobenen Hauptes einher und nickte dem in ihren Augen heldenhaften Sohne zuweilen mit einem Lächeln zu, das wohl heißen sollte: Laß mich nur machen! ich weiß, was ich weiß. Selbst der Bauer hatte Franz auf die Schulter geschlagen und gesagt: »Alles, was recht ist, das war brav, Junge, was du da bei dem Feuer getan hast, das gefällt mir!« Und das war schon viel, sehr viel aus dem Munde des mit Anerkennung äußerst Sparsamen. Es wollte den Seinen überhaupt so scheinen, als wären seine Stimmung im allgemeinen und seine Gesinnung gegen Franz im besonderen andere geworden, ja, als wäre sein Widerstand gegen dessen Herzenswunsch ins Wanken geraten, vielleicht innerlich schon gebrochen. Wenn nun auch diese Annahme wohl nicht ganz auf einer Täuschung ihrerseits beruhte, war Florian Gersbacher doch, sich eine Umkehr zur Nachgiebigkeit deutlicher merken zu lassen oder sie gar einzugestehen, zu halsstarrig und bockbeinig.

Franz hatte selber einen Wandel im Benehmen seines Vaters empfunden und sich zu seinen Gunsten ausgelegt, bald aber sollte ihm ein greifbarer Beweis für dessen veränderte Auffassung der Verhältnisse zukommen.

Sein Bruder Steffen zog ihn eines Tages sehr vergnügt beiseite und begann: »Du, Franz, ich habe eine gute Nachricht für dich. Ich habe heute – nicht gehorcht, wenigstens nicht die Absicht gehabt, das zu tun, aber nachher konnt' ich's doch nicht lassen, denn ich hörte zufällig einen lauten Wortwechsel zwischen Vater und Mutter. Mutter sprach erregt: Er hat sie sich aus dem Feuer geholt. – Das hätte er jede andere auch, erwiderte der Vater. – Darauf Mutter: Na, die Jakobine nicht! – Ach, laß mich mit euren Liebesgeschichten in Ruh'! begehrte Vater auf, es wird alles so kommen, wie Gott will, und damit holla! – Verstehst du, Franz?« fuhr Steffen fort. »Wie Gott will, hat er gesagt, früher sagte er immer: wie ich will. Das ist doch schon ein Schritt zur Besserung, deine Aussichten steigen; meinst du nicht?«

»Ja, Steffen, das ist eine gute Nachricht,« sprach Franz freudig überrascht. »Daß Mutter für mich eintreten würde, wußt' ich ja. Wenn sie aber den Vater schon so weit herum hat, daß er meine Sache nicht nach seinem eigenen harten Sinn lenken, sondern Gott anheimstellen will, so kann ich frohen Mutes sein und bin es auch. Ich dank' dir für deinen brüderlichen Wink.«

Dieses von Steffen erlauschte Zwiegespräch seiner Eltern war aber nicht das einzige, was Franzens Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang seiner Herzensangelegenheit erhöhte. Als er wieder einmal bei Trudi war, erzählte ihm diese, daß seine Mutter sie besucht, sich sehr liebevoll nach ihrem Befinden erkundigt und ihr sogar einen Gruß von seinem Vater bestellt hätte, der ihr sagen ließ, er bilde sich nicht wenig darauf ein, daß sein Trotzkopf von Sohn zum Rettungsengel an ihr geworden wäre. Das war Oberwasser für Franz, und ein etwas stürmischer Kuß war Trudis Lohn für diese höchst wichtige Mitteilung.

Endlich sollte den Armbrusters oder eigentlich Trudi noch eine besondere Auszeichnung zuteil werden. Der Reichsfreiherr von Remchingen kam in Seidenwams und Federhut auf den Abtshof geritten, stieg aber von seinem langgeschweiften Schimmel nicht ab, sondern ließ sich den Bürgermeister herbeirufen. Dieser erschrack nicht wenig, als ihm der Besuch gemeldet wurde. Jetzt naht sich das Unheil, dachte er. Dieter wird durch die Brandgeschichte erfahren haben, daß wir eine Fremde beherbergen, und nun Trudi als Wildfang in Anspruch nehmen. Aber der Ritter, eine Reckengestalt von kriegerischem Aussehen mit herrisch blickenden Augen und grauem Schnurr und Knebelbart, empfing ihn mit einem heiteren Gesicht, reichte dem Jugendfreunde vom Sattel aus die Hand und sprach zutraulich: »Chrischtoph, ich salutiere dir und deiner jungen Verwandten, die, wie ich hörte, eine so glorreiche Tat vollbracht hat. Kann ich sie nicht sehen und sprechen, um ihr mein Kompliment zu machen? Denn dazu bin ich hergekommen.«

Christoph fiel ein Stein von der Seele, und erfreut antwortete er: »Großen Dank, Dieter! aber sehen kannst du sie leider nicht, denn sie liegt an ihren Wunden noch zu Bett, ist jedoch auf dem besten Wege zur Genesung. Darf ich ihr sagen, daß du hier warst?«

»Natürlich sollst du das, ich bitte darum,« versetzte der Freiherr, »und ihr meine Gratulation bestellen zu ihrer Bravour. Ich reite bald wieder bei euch ein, denn diesem Mirakel von Frauenzimmer muß ich einmal die Wange streicheln. Auch deiner lieben Hausehre, Frau Madlen, und dem Blitzmädel, der Ammerie, meine Reverenz! vergiß es nicht! und damit für heute Gott befohlen, mein Alter!«

»Grüß Gott, Dieter!« erwiderte Christoph und begleitete den Freund, neben dem Pferde hergehend, bis zum Hoftor. Dort schüttelten sie sich nochmals die Hände, und der Freiherr sagte nun: »Aber Christoph, ich kenn dich gar nicht wieder, hast mir nicht mal einen Trunk angeboten, läßt mich zum erstenmal im Leben durstig vom Hofe ziehen.«

»Komm, sitz ab! ich hol dir einen frisch aus dem Faß,« sprach Christoph schnell.

»Nein, jetzt will ich keinen, du alter Geizkragen!« muckte der andere, worauf beide laut lachten.

Dietrich von Remchingen ritt ab, während Christoph langsam seinem Hause zuschritt.

Dieser herzliche und fröhliche Abschied hatte einen heimlichen Zeugen gehabt. Hammichel war es, der dem Bürgermeister mit einem wahren Raubtierblick nachschaute und murmelte: »Der Herr Obervogt scheint noch nicht zu wissen, daß hier im Haus ein Wildfang steckt. Desto besser! aber wer da noch ein bißchen im Trüben fischen will, muß sich sputen.« –

Als Christoph den beiden Mädchen den Auftrag des Freiherrn wörtlich ausrichtete, sprach Ammerie: »Nun fehlt weiter nichts, als daß auch Junker Ulrich noch hier antritt und dir seine – Reverenz macht, Trudi.«

»Dann sag' ihm nur, ich wäre nicht zu Hause,« erwiderte Trudi lachend.

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