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Das Vorspiel

Theodor Wolff: Das Vorspiel - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Vorspiel
authorTheodor Wolff
year1924
firstpub1924
publisherVerlag für Kulturpolitik
addressMünchen
titleDas Vorspiel
pages303
created20140121
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VI

Der Zar Alexander II., Gortschakow und die politische oder politisierende russische Gesellschaft behaupteten bei jeder Gelegenheit, eigentlich habe nur die Freundschaft Rußlands den deutschen Sieg von 1870 möglich gemacht. Sie pflegten es als eine unanfechtbare Tatsache hinzustellen, daß ohne ihre Wachsamkeit Österreich, Vergeltung für Königgrätz suchend, über Preußen hergefallen wäre, und sie sprachen sogar von einer Armee, die sie für diesen Fall bereit gehalten hätten und die freilich niemandem sichtbar geworden war. Als die Ergebnisse des Berliner Kongresses in Rußland Enttäuschung, Ärger und Zorn erregten und Bismarck beschuldigt wurde, die Österreicher auf Kosten Rußlands begünstigt zu haben, wurde die deutsche »Undankbarkeit« ein beliebtes Wort. In dem Briefe an Wilhelm I., in dem er sich am 15. August 1879 über Bismarck beklagte, mahnte Alexander II. an den geleisteten Dienst. Wilhelm I. lebte in der ritterlichen Idee, er habe dem Zaren gegenüber eine Dankesschuld. Alexander II., ebenso ritterlich, war aufrichtig überzeugt, solcher Dank komme ihm zu. Beide waren von jeder hinterhältigen Berechnung frei. Aber das gute Herz, das eine Zierde des Thrones ist, pflegt für die Politik der Staaten nicht allein entscheidend zu sein. Rußland hatte ein großes Interesse daran, daß eine möglichst breite Kluft zwischen Deutschland und Frankreich entstände, denn ein geschlagenes, an Revanche denkendes Frankreich mußte die Blicke nach Petersburg richten und die russische Staatsklugheit meinte, ebenso würde ein von Westen her feindselig belauertes Deutschland den Wünschen des östlichen Nachbarn bereitwillig entgegenkommen. Es konnte den Russen, ganz ähnlich wie den 252 Engländern, nicht unlieb sein, daß Deutschland, ohne eine Befragung der Bevölkerung und ohne auf Kompromißprojekte einzugehen, sich Elsaß-Lothringen nahm. Ein Sieg Frankreichs schien, obgleich die russische Gesellschaft alles Französische liebte und bewunderte, für Rußland nicht vorteilhaft. Er hätte in Polen, wo Paris immer als geistiger Bundesgenosse betrachtet wurde, ungünstige Wirkungen gehabt. Der publizistische Wegweiser des Panslawismus, Danilewski, hat 1870 das alles in seinem Buche »Rußland und Europa« einleuchtend auseinandergesetzt. Gortschakow hat es so gut wie Danilewski gesehen. Welche Ursachen also hatte Deutschland zur Dankbarkeit? Die Politik gestattete den Monarchen, sich ritterlich zu fühlen, aber sie entwickelte sich zweckmäßig und ohne Sentimentalität.

Seltsamerweise hat Bismarck, wenn er den Vorwurf der »Undankbarkeit« zurückwies und die Gegenrechnung aufstellte, diese von den panslawistischen Schriftstellern selbst zugegebenen Motive der angeblich ganz uneigennützigen russischen Freundschaftspolitik von 1870 nicht erwähnt. Er hat Wilhelm I. in einem Briefe vom 24. August 1879 nur darauf aufmerksam gemacht, daß der Zar die Besiegung Deutschlands nicht habe wünschen können, weil dann Frankreich und Österreich siegreich und verbündet an den polnischen Grenzen gestanden hätten, und er hat sich im übrigen mit dem Hinweis darauf begnügt, daß er den Russen 1870, bei der Abschüttelung der Pariser Vertragsklauseln von 1856, ein bereitwilliger und tatkräftiger Helfer gewesen sei. Noch merkwürdiger aber ist es, daß er in den Briefen und Memoranden, die er, mitunter in sehr gereizter Stimmung, zur Widerlegung der russischen Vorwürfe verfaßte, von einer anderen sehr erheblichen Gefälligkeit, die er den Russen geleistet hatte, gar nicht spricht. In seinen Abrechnungen erinnert er niemals daran, daß er im Jahre 1863, bei dem Januaraufstand des »Nationalen Zentralkomités« in Polen, Rußland diplomatisch und militärisch unterstützt, den General Alvensleben zum Abschluß einer Militärkonvention nach Petersburg geschickt, preußische Truppen mit dem Auftrage, landflüchtige polnische Insurgenten 253 gefangenzunehmen, an der preußischen Grenze aufgestellt hatte, während in England, Frankreich und Österreich die polnische Bewegung begrüßt und gefördert worden war. In den »Gedanken und Erinnerungen«, wo er diese Vorgänge berührt, sagt er, seine Absicht sei gewesen, die polenfreundliche Richtung in Petersburg, zu der auch Gortschakow hinneigte und die mit Frankreich sympathisierte, zu schwächen, und die »militärisch ziemlich anodyne« Alvenslebensche Konvention habe die erstrebte Wirkung ausgeübt. Als im preußischen Abgeordnetenhause und außerhalb des Abgeordnetenhauses seine Gendarmenpolitik etwas anrüchig gefunden und mißbilligt wurde, hielt er den Waldeck, von Unruh und Sybel diese Gründe nicht entgegen, überschüttete er die Opposition nur, hochfahrend und im Gefühle gefestigter Macht, mit herausfordernden Grobheiten, beschuldigte er jeden, der ihm widersprach, ein Bundesgenosse aller Revolutionen zu sein. Blickt man heute zurück, so kann man den Eindruck nicht abwehren, daß seine reaktionäre Grundstimmung ihn damals stark beeinflußt hat, und der Zweifel regt sich, ob die Einmischung in polnisch-russische Angelegenheiten wirklich nötig gewesen ist. Auch wenn 1863 keine preußischen Soldaten an der polnischen Grenze aufmarschiert wären, hätte Rußland, im eigenen Interesse, 1870 wohlwollende Neutralität geübt. Jedenfalls wiegt das, was Bismarck 1863 getan hatte, wohl ebenso schwer wie das, was der Zar sieben Jahre später tat. Die preußischen Grenztruppen hatte man sogar gesehen.

Allerlei traf nach 1870 zusammen, was die deutsch-russischen Beziehungen verdarb. Erstens die russische Verstimmung darüber, daß Bismarck nicht jeden Wunsch erfüllen wollte, der nun aus Petersburg kam. Dann die viel und pittoresk geschilderte Eitelkeit Gortschakows, die dem in seinem Selbstgefühl auch schnell verletzbaren Bismarck unerträglich schien. Ferner die unverkennbare Tendenz der russischen Politik, alles zu vermeiden, was zur Sicherheit der deutschen Westgrenze beitragen, die französische Lanzenspitze hätte abstumpfen können, und alles zu tun, was zur Anschürung des deutsch-französischen Gegensatzes nützlich 254 war. Gortschakow wurde nicht nur durch Eifersucht und nicht nur durch seine »vanité sénile« getrieben, als er 1875 die in der Welt durch den »Krieg-in-Sicht«-Artikel der »Post« und ähnlichen journalistischen Unfug geschaffene Beunruhigung ausnutzte, den Franzosen einredete, Deutschland wolle einen Präventivkrieg entfesseln, und durch seine von Berlin datierte Erklärung »maintenant la paix est assurée« den Eindruck erweckte, als sei er, der Friedensengel, dem Wüterich Bismarck in den Arm gefallen. Dieses Manöver fügte sich ganz logisch der allgemeinen russischen Taktik an. Und wenn Bismarck, der nicht nur in seinen für die Öffentlichkeit bestimmten Aufzeichnungen, sondern auch in allen Geheimakten die Idee des Präventivkrieges immer scharf und entschieden von sich wies, sich mit Recht über den alten Petersburger Intriganten beklagen konnte – hatte nicht eine Presse, die sonst am Zügel des Auswärtigen Amtes zu gehen pflegte, durch ihre Alarmspielerei die Intrige erst möglich gemacht? Noch berechtigter als der Ärger Bismarcks war die Entrüstung des ehrlichen Wilhelm I., der sich »dergleichen unsinnige, aus der Luft gegriffene Räsonnements« in einem Handschreiben entschieden verbat. Fast ein halbes Jahrhundert später hat Herr Poincaré in seinen »Origines de la Guerre« die alte Lüge aufgewärmt: »Im Jahre 1875 ist er – Bismarck – im Begriff, den Krieg wieder zu entzünden, und nur England und Rußland halten ihn zurück.« In den nationalistischen Exzessen der Zeitungsschreiber lassen sich noch nach einem halben Jahrhundert brauchbare Argumente finden, wenn man die historischen Tatsachen entstellen will.

Die Periode von 1872 bis 1879 war nicht die Glanzzeit des Bismarckschen Genies. In dem Bestreben, sein Werk nach allen Seiten hin zu sichern, suchte Bismarck seine Politik den verschiedenartigsten Bedürfnissen anzupassen, so daß ihr die klare Linie zu fehlen schien. Er ermunterte die Russen, Konstantinopel zu nehmen, weil er sie in dauernden Konflikt mit England verstricken wollte, aber wenn sie eine kompromittierende Unterstützung von ihm begehrten, wich er aus. Die russische Politik war noch schwankender und 255 litt, weil sie von panslawistischer Begierde getrieben war und doch mißtrauisch die Falle witterte, an einer lähmenden Zwiespältigkeit. Es ist unbestreitbar, daß Bismarcks diplomatische, vielleicht zu diplomatische Taktik während des russisch-türkischen Krieges von 1878, und mehr noch seine Begünstigung der österreichischen Interessen auf dem Berliner Kongresse, tiefe, nicht wieder ausgelöschte Eindrücke in Rußland hinterließ. Gleich jenen literarischen Panslawisten, die wie Dostojewski den Mystizismus des Prophetentums mit einer oft naiven Realpolitik verbanden, glaubten die Offiziere der russischen Armee, nur Deutschland, nicht die Unentschlossenheit der eigenen politischen Führung habe ihre Träume zerstört, sie von Byzanz ferngehalten, sie um den Gewinn des Sieges geprellt. In der Zeit des Berliner Kongresses begann die neue Generation der russischen Diplomatie, zu der Iswolski, Hartwich, Tscharykoff und andere künftige Hauptspieler gehörten, ihre Laufbahn, und es ist ganz klar, daß die Idee, eines Tages das Vertragsgebäude umzuwerfen und Vergeltung zu üben, den Geist dieser Debütanten gefangennahm. Österreich-Ungarn, dessen »Kompensationsforderungen« anfangs noch viel weiter gegangen, auf die ganze Adriaküste gerichtet gewesen waren, hatte, ohne das kleinste Opfer, Bosnien und die Herzegowina davongetragen, Rußland, nach schweren und blutigen Kämpfen, nichts als Bessarabien und Batum erlangt. Der Zar erklärte, wie Radowitz aus Petersburg mitteilte, »die europäische Koalition unter Führung des Fürsten Bismarck« habe Rußland besiegt. Dem Grafen Schuwalow, der zu Bismarck gehalten hatte, wurde geantwortet, Deutschland hätte die Macht gehabt, dieses Kongreßergebnis zu verhindern, aber es habe nicht gewollt.

Zwei große Bewegungen sind seit Jahrhunderten, oft unbewußt und unterirdisch und dann im geeigneten Augenblick doch immer wieder hervorbrechend, in Europa tätig gewesen: der Drang Frankreichs zum Rhein und die Sehnsucht Rußlands nach Byzanz. Alle Unternehmungen, die nicht der Umzingelung des ersehnten Zieles dienten, waren für Rußland im Grunde ein Marsch ins Fremde, 256 Peters Kunstschöpfung, Petersburg, war nur ein Vorsaal, aber Moskau war die wirkliche Seelenheimat und Konstantinopel der Ort, wo die alte Wiege stand. Statt sich selbst anzuklagen, fanden die Russen es bequemer, die Schuld für das Zerflattern ihrer Lieblingsphantasie in Berlin zu suchen, und die russischen Staatsmänner, froh, ihre Verantwortung abwälzen zu können, nährten den Groll. Der wahre Sieger des Kongresses war Disraeli, der mit Vergnügen den russischen Mißerfolg und die gegen Deutschland gerichtete russische Mißstimmung sah. Bismarck hat gerade seine Kongreßpolitik immer mit besonderem Eifer zu verteidigen gesucht. Aber der Zweifel hat ihn doch wohl geplagt und er ist, in der Heftigkeit seiner Verstimmung, wie ein Schachspieler, dessen Gedanken ruhelos zur Fehlerstelle zurückkehren, immer wieder zu dem falschen Zuge im Spiele gegangen. Vortrefflich – und zukunftsahnend – hatte er 1877, vor dem Orientkriege, als Gortschakow einen seiner Rückzüge in der türkischen Frage antrat, an Schweinitz geschrieben, für Deutschland und für das ganze übrige Europa sei die einstweilige Erhaltung des Friedens nur erwünscht. »Wenn sie aber auf Kosten des Staatsgefühls einer so großen Nation, wie die russische es ist, erfolgt, so bleibt ein Krankheitsstoff in letzterer zurück, der früher oder später auf Kosten des europäischen Friedens Heilung suchen wird.«

Kaum jemals sonst hat sich Bismarck durch die Stimmung des Augenblickes so treiben lassen, wie dann in jenem August 1879, als Wilhelm I. das Handschreiben des Zaren Alexander II. empfing. Ergrimmt darüber, daß der Zar ihm vorgeworfen hatte, von der persönlichen Feindschaft gegen Gortschakow geblendet zu sein, behauptete er, daß dieses Schreiben »unverhüllte Drohungen« enthalte, jede Nachgiebigkeit mit der kaiserlichen Würde unverträglich wäre, und machte, ganz von Rußland abschwenkend, zum Entsetzen des unvorbereiteten alten Kaisers, sofort, plötzlich und mit äußerster Heftigkeit das von Andrássy gewünschte deutsch-österreichische Bündnis zum Ziele seiner Politik. Wilhelm I., aufs äußerste erregt, wollte keinen Schritt dulden, den 257 Rußland »als eine rupture mit sich ansehen« müsse, und erklärte, die Freundschaft mit Rußland sei noch immer wertvoller, »da Österreich ebensowenig wie Frankreich die Revanchegefühle aufgegeben hat.« Vergeblich suchte er durch die Begegnung mit dem Zaren in Alexandrowo die Absichten Bismarcks zu durchkreuzen und vergeblich erklärte er, daß er dem Throne entsagen werde – er unterwarf sich, als Bismarck zum zwölften Male seine Demission androhte und das Staatsministerium erklärte, solidarisch mit dem Reichskanzler zu sein. Bismarck hatte die verschiedenartigsten Gründe angeführt, um Wilhelm I. für das Bündnis mit Österreich zu gewinnen. Er hatte immer wieder auf die »slawische Revolution« hingewiesen und hatte gesagt, der Friede Europas werde »seit dem Fall Napoleons von niemandem als ausschließlich von dem slawophilen Rußland bedroht.« Er hatte aber auch versichert, England werde sehr bald dem deutsch-österreichischen Bündnis sich anschließen: Österreich »bringt England mit«. Er hatte sich sogar, in einem Schreiben an den Kaiser vom 5. September 1879, zu der optimistischen Auffassung verstiegen: »Österreich hat in sozialer Beziehung vielleicht von allen großen Mächten die gesündesten Zustände im Innern und die Herrschaft des Kaiserhauses steht fest bei jeder einzelnen Nationalität.« Je mehr man sich in die Akten vertieft, desto günstiger muß sich das Urteil über den undramatischen Wilhelm I. gestalten, der mit seiner einfachen Vernunft – und natürlich auch mit dem nicht ganz so lobenswerten dynastischen Traditionsgefühl – den allzu gewaltsamen Ruck, das allzu scharfe Ablenken von Petersburg überflüssig und gefährlich fand. Durch den künstlichen Aufbau des »Drei-Kaiser-Bündnisses« hat Bismarck dann ja auch selber, wenigstens für die oberflächlichen Zuschauer, einen Ausgleich zustande gebracht. Er hat den Riß nicht zunähen können. Er hat ihn zugedeckt.

Aber wenn in der Periode, die mit dem Jahre 1879 abschloß, sein Genie mitunter von Wolken umschattet schien, so haben um so bewundernswerter seine alles überlegende, immer vorausschauende Klugheit und seine sicher ordnende 258 Hand sich in den folgenden Jahren gezeigt. Mit unvergleichlicher Meisterschaft hat er die schwere Aufgabe bewältigt, von Tag zu Tag einen Ausbruch der zum Haß anschwellenden Eifersucht zu verhüten, die Österreich gegen Rußland, Rußland gegen Österreich trieb. Indem er bald von dem einen und bald von dem anderen abrückte, seine Hilfsbereitschaft genau begrenzte und Wasser in die Weine goß, hat er, besonders während der langen bulgarischen Krise, Rußland und Österreich zusammenzuhalten oder vielmehr auseinanderzuhalten gewußt. Abwechselnd, oder auch gleichzeitig, hat er vor dem Tatendrang der Panslawisten Dämme aufgerichtet und das nach Balkanhegemonie strebende Haus Habsburg samt den ungarischen Eroberernaturen zu weiserer Selbstbeschränkung gezwungen. Sein Lieblingsgedanke, daß Rußland und Österreich ihre Interessensphären auf dem Balkan genau abgrenzen sollten, jeder die Sphäre des anderen respektieren müßte, fand am meisten Widerspruch in Wien, wo die Einmischung in Bulgarien für eine berechtigte österreichische Tätigkeit galt, Kálnoky beklagte sich darüber, daß Bismarck für die balkanischen »Misèren« sich nicht genügend interessiere, die österreichischen Sorgen nicht verstehe, und Franz Joseph lehnte bei einem Besuche Herbert Bismarcks »mit etwas gezwungenem Lachen« die Idee der »Interessensphären« ab. Während Bismarck in Wien sehr energisch gegen die österreichische Herrschsucht auftrat, sich die schürende Agitation der Ungarn verbat und erklärte, »die Maßlosigkeit der Ansprüche, welche Graf Andrássy an unser österreichisches Bündnis stellt, das Verlangen einer vollständigen Einstellung des deutschen Reichen«, ließ er in Petersburg Giers wissen, er denke nicht für die Fortsetzung des Bündnisses sehr bedenklich machen«, ließ er in Petersburg Giers wissen, er denke nicht daran, die Geschäfte Rußlands zu besorgen, »gewissermaßen als uneingestandene russische Agentur«. Kálnoky, immer geneigt, sich in die bulgarische Frage einzumischen, machte sich, als der Battenberger bedroht war, Sorge um die Nachfolgerschaft. Bismarck schrieb: »Was geht das Österreich an?« Fortwährend zügelte er, unablässig arbeitete er 259 mit kalten Abreibungen und immer wies er die Bemühungen der beiden Parteien zurück, Deutschland in die Balkankonflikte hineinzuziehen. Er hat ja in den »Gedanken und Erinnerungen« gesagt, wie weit die Bündnispflichten Deutschlands zu gehen und wo sie aufzuhören hätten, und noch belehrender als seine nachträglichen, in der Altersruhe verfaßten Aufzeichnungen sind die Weisungen, die er erteilte, und die politischen Richtlinien, die er vorzeichnete, als er noch mitten in den Ereignissen stand. Während der Verhandlungen über eine englisch-österreichische Entente und der bulgarischen Krise diktierte er, am 27. September 1886, in Friedrichsruh ein Memorandum, in dem es hieß, daß es »nicht unsere Aufgabe sein würde, Österreich in seinem Widerstand gegen Rußland zu entmutigen«, »wenn es feststünde, daß Österreich, falls es auf dem Gebiete der orientalischen Fragen – sei es wegen Bulgarien, sei es wegen der Dardanellen – von Rußland angegriffen werden sollte, auf Englands Beistand rechnen kann«. Solange aber dieser Beistand Englands nicht gesichert sei, »werden wir auch genötigt sein, Österreich nicht nur von derartigem Widerstand gegen Rußland abzuraten, sondern auch durch jedes anwendbare Mittel zu entmutigen«. Als im Oktober 1885 Bulgarien unter dem Battenberger nach der Vereinigung mit Ostrumelien strebte, daraus ein Konflikt mit Serbien sich ergab und Kálnoky dem deutschen Botschafter von den »Verpflichtungen« sprach, die Österreich gegen das noch von seinem Klienten Milan regierte Serbien habe, schrieb Bismarck warnend, Österreich dürfe nicht »die Deckung für Exzesse der serbischen Politik übernehmen, ohne die letztere seinerseits leiten und beherrschen zu können«. Eines Tages könne »der serbische Ehrgeiz sich unter veränderten Umständen gegen Österreich wenden«, und Österreich könne sich leicht der serbischen Undankbarkeit in gleichem Maße wie Rußland gegenübersehen.

Im Dezember 1887, als in Wien der kriegerische Tatendrang sehr lebhaft war, wünschte Franz Joseph durch den deutschen Botschafter Prinz Reuß zu erfahren, wie Deutschland den casus foederis interpretieren würde, wenn die 260 österreichisch-ungarische Armee »durch irgendeinen unglücklichen Zufall oder durch militärische Gründe, von denen der Erfolg oder Mißerfolg abhängen könnte, genötigt sein könnte, den Feind anzugreifen«. Bismarck schrieb an den Rand des Botschafterberichtes: »Greift Österreich an, so besteht er – der casus foederis – nicht.« Der deutsche Generalstab hatte damals, wie auch in anderen Fällen, in einem Gutachten den Krieg für unvermeidlich erklärt und Neigung für einen Präventivkrieg zu erkennen gegeben, und der deutsche Militärbevollmächtigte in Wien, Major von Deines, hatte sich durch solche Theorien interessant gemacht. Bismarck besaß den Willen und die Kraft, den Unfug militärischen Politisierens zu unterdrücken, und er tat das bei dieser und jeder anderen Gelegenheit um so energischer, da seine Beobachtungen ihn gelehrt hatten, daß, von Ausnahmen natürlich abgesehen, niemand durch Erziehung und Denkart so wenig zu politischem Urteil befähigt ist, wie ein Major oder sogar ein General. »So lange ich«, schrieb er am 15. Dezember 1887 an Reuß, »Minister bin, werde ich meine Zustimmung zu einem prophylaktischen Angriff auf Rußland nicht geben und ich bin auch weit entfernt, Österreich zu einem solchen zu raten, solange es nicht der englischen Mitwirkung dabei absolut sicher ist . . .« Eine Bedrohung der österreichischen Unabhängigkeit, sagte er weiter, könne für Deutschland ein Kriegsmotiv werden, aber so wenig wie Österreich eine Verpflichtung übernommen habe, »bei französischen oder dänischen oder anderen Verwickelungen für uns einzutreten«, habe Deutschland eine Verpflichtung übernommen, für die orientalischen Interessen Österreichs den Degen zu ziehen. Kálnoky kam dann immer wieder auf den »casus foederis« zurück. Als er stipulieren wollte, die Kriegserklärung würde, falls der Gegner dies nicht früher tue, »von beiden Mächten am gleichen Tage zu übergeben sein«, bemerkte Bismarck dazu: »Unsinn, wir erklären Rußland den Krieg erst, nachdem es Österreich angegriffen oder ihm den Krieg erklärt haben wird«. Er wurde nicht müde, die Idee des Präventivkrieges, die man in Wien hegte und pflegte, als unsinnig und verwerflich hinzustellen. »Den 261 Beweis«, schrieb er an Reuß, »daß wir den Krieg, weil er später doch ausgebrochen wäre, jetzt führen müßten und daß die Umstände dazu heute günstiger wären als später, wird man nicht einmal den Parlamenten, viel weniger dem Volke führen können, und niemand kann vorhersehen, ob der Erfolg der Behauptung entsprechen wird, daß der Zeitpunkt zum Losschlagen jetzt der günstigste sei.« Franz Joseph dagegen sagte im Januar 1888 zu dem deutschen Botschafter, nach Ansicht seines Generalstabes sei »die einzig richtige Begegnung eines russischen Angriffes nur in einem Offensivstoß zu finden, den man nach Rußland hineinzuführen haben werde«, und er tat sehr erstaunt darüber, daß jemand so verständnislos sein könne, in der »Idee eines unter diesen Bedingungen geplanten Offensivstoßes« einen »beabsichtigten Angriff« zu sehen. Wahrhaftig, Bismarck, der zwei Ausrufungszeichen hinter diesen nach der Mönchsschule schmeckenden Palastsophismus setzte, hatte Grund, eine solche Politik oder eine solche Geistesrichtung mit Mißtrauen zu betrachten, und er ließ sich nicht in das Garn verstricken, mit dem man weniger wachsame Vögel fängt. Als von dem äußersten Falle, dem Falle des russischen Angriffes, die Rede war, sagte er in einer Randbemerkung: »Wir werden in solchen Fällen mobilisieren, um zur Abwehr des russischen Angriffes auf Österreich bereit zu sein. Das wird genügen, um Rußland pro rata von Österreich abzuziehen.« Die Doktrin, daß Mobilisierung gleichbedeutend mit Kriegsbeginn sein müsse, war ihm offenbar noch unbekannt. Er schoß nicht so schnell.

Man muß auch hier wieder das Buch Wilhelms II. erwähnen, obwohl häufiges Zitieren die irrige Meinung erwecken könnte, es sei doch vielleicht literarisch oder historisch beachtenswert. Der ehemalige Monarch, scharf in seiner Kritik gegenüber den schweigsamen Toten, tadelt die Bismarcksche Russenpolitik und erklärt, Bismarck habe in der russischen Armee unauslöschlichen Haß entfesselt und durch sein »ehrliches Maklertum« auf dem Berliner Kongresse der russisch-deutschen Freundschaft den schwersten Stoß versetzt. Er verweilt bei der nicht mehr unbekannten 262 Tatsache, daß sein Großvater Wilhelm I., dem er beharrlich und ohne Anpassung an das einfache Wesen dieses alten Kaisers den Titel »der Große« beilegt, ihm auf dem Sterbebette sein »politisches Testament«, namentlich die besondere Pflege der freundschaftlichen Beziehungen zu Rußland, warnend eingeprägt hat. So will er als Erbe dieses Freundschaftsvermächtnisses auftreten, während Bismarck als der Zerstörer dieses köstlichen Besitzes erscheinen soll. Wie aber hat Wilhelm II. das »politische Testament« des Großvaters ausgeführt? Hat er wirklich die Beziehungen zu Rußland vorsichtig gepflegt? Am 8. März starb der alte Kaiser und es scheint, daß sechs Wochen darauf sein Enkel, der damalige Kronprinz Wilhelm, das in so feierlich ernster Stunde empfangene »politische Testament« des »unvergeßlichen Großvaters« ganz und gar vergessen hatte und von der Pflege der Beziehungen nichts mehr hielt. Denn als am 28. April der Botschafter in Wien, Prinz Reuß, ungemein russenfeindliche Äußerungen des österreichisch-ungarischen Ministerpräsidenten Kálnoky mitteilte, machte der Kronprinz Wilhelm dazu beifällige Randbemerkungen und schrieb unter anderem neben die Worte Kálnokys, die Generalstabsoffiziere in Berlin und Wien hätten vielleicht Recht gehabt, »wenn sie im vorigen Herbst rieten, die russische Macht zu zertrümmern«, ein kräftiges »Ja!«. Er schmückte auch das Antwortschreiben, in dem Bismarck die Ansichten Kálnokys kühl widerlegte, mit solchen Ausbrüchen und schrieb zu dem Satze Bismarcks, bei ruhigem Abwarten eines russischen Angriffes könnten wir den inneren Verfall und die Zersetzung Rußlands vielleicht früher als diesen Angriff erleben, ein ironisches »Hoffentlich!«. Bismarck versuchte, ihm in einem längeren Briefe die Dinge klarzumachen, und benachrichtigte ihn, daß er genötigt gewesen sei, die von den Randbemerkungen »betroffenen« Aktenstücke den Blicken des Auswärtigen Amtes zu entziehen. Als Wilhelm dann in einem Antwortschreiben, nur halb einlenkend, seine Gedanken über die russische Gefahr und die Weltlage belehrend vortrug, schrieb Bismarck viermal auf den Rand dieses Schriftstückes den Namen »Waldersee«. 263 Ein ehrgeiziger und höfisch gewandter General hatte seine Ideen dem Herrn von morgen aufzuschwatzen verstanden, und das hatte genügt, um die Lehren Bismarcks, das »Testament« des unvergeßlichen Großvaters, den Eindruck der Sterbeszene im Zimmer des alten Kaisers bis auf die letzte Spur zu verwehen.

Bekanntlich hat unter den Zwischenfällen und Zusammenstößen, die der Entlassung Bismarcks vorangingen, die Affäre der Kiewer Konsulatsberichte eine besondere Rolle gespielt. Wilhelm II. las diese Berichte über allerlei russische Truppenverschiebungen und Manöver, glaubte sofort wieder an einen russischen Angriff, schrieb erregt an Bismarck, die Russen seien »im vollständigen strategischen Aufmarsch, um zum Kriege zu schreiten«, verlangte »Gegenmaßregeln« und versetzte dem Kanzler den harten Vorwurf: »Sie hätten mich schon längst auf die furchtbar drohende Gefahr aufmerksam machen können!« Triumphierend schrieb Waldersee in sein Tagebuch: »Der große Krach ist da!« Dem für solche Einflüsterungen erfreut zugänglichen Throndebütanten hatte er, wie er selbst erzählt, geraten, dem Fürsten Bismarck, der »sehr geschickt sich den Ruf zu erhalten gewußt, auf dem auswärtigen Gebiete ein Meister und unersetzlich zu sein«, den Abschied »so bald als möglich« zu geben, und als kundiger Schmeichler hatte er, als könne nur der kaiserliche Genius noch den Krieg aufhalten, den Seufzer hinzugefügt: »Eure Majestät haben das Reich in einer sehr schwierigen Zeit übernommen.« Die erste bedeutsame Handlung auf außerpolitischem Gebiete war dann nach dem Sturze Bismarcks der Verzicht auf den Rückversicherungsvertrag mit Rußland, den Wilhelm in seinem Buche leider nur kurz erwähnt. Über die Entstehung des Rückversicherungsvertrages ist bisher wenig bekanntgeworden, aber ich glaube, daß eines Tages nach einem Diner in Petersburg der Großfürst Wladimir den damaligen Herrn von Bülow in eine Ecke zog, ihm sagte: »Mit Österreich geht es nicht mehr, aber mein Bruder, der Zar, wäre bereit, sich mit Deutschland zu verständigen«, und daß der Bericht, den Bülow über diese Unterhaltung nach Berlin schickte, der 264 Anlaß zu Verhandlungen war. Durch diese Abmachungen zur linken Hand wurde das politische Verhältnis unbestreitbar recht kompliziert. Die Parteigänger Bismarcks und die Parteigänger Caprivis mögen darüber streiten können, ob es richtig oder falsch gewesen sei, den Vertrag nicht zu erneuern, aber wer wollte behaupten, Wilhelm II. habe durch diese politische Schwenkung den letzten Willen des Großvaters erfüllt?

Während der ehemalige Gesandte Raschdau, der in jener Zeit im Auswärtigen Amte wirkte, die Politik der Nichterneuerung verteidigt hat, ist Hammann in seinem »Neuen Kurse« nur bemüht, Caprivi zu entlasten, der nach seinem eigenen Bekenntnis in der ersten Zeit seiner Kanzlerschaft auf den Rat Holsteins, »des ältesten und erfahrensten Mitgliedes der politischen Abteilung«, angewiesen gewesen sei. Ebenso wie Holstein habe der Botschafter von Schweinitz für den Verzicht gestimmt. Vielleicht hat Schweinitz in einer gewissen Unterordnungsmanier sich den Wünschen Holsteins gebeugt. Er ist wohl aber nicht mit ganzer Seele dabeigewesen, denn er ist, wie Fürst Bülow in Gesprächen erzählt, häufig darauf zurückgekommen, daß Giers ihm gesagt habe, mit dem Rückversicherungsvertrage sei die »Barriere«, die Rußland von Frankreich getrennt habe, gefallen.

Wie die französisch-russische Allianz entstand, hat der aus Dänemark gebürtige französische Botschaftsrat Jules Hansen in einem sehr interessanten Buche dargestellt. Es ist betitelt: »Diplomatische Enthüllungen aus der Botschaftszeit des Barons Mohrenheim.« Jules Hansen war der geheime Agent, wie ihn alle Nachfolger der Metterniche und Talleyrands sich wünschen, und wie ihn jeder Fabrikant von Intrigenstücken erträumt. Klein, grau, dürr, unhörbar schlüpfte er wie eine Maus durch die Vorzimmer und Salons. Er hatte, damals noch als dänischer Beamter und Journalist, in den sechziger Jahren bei den Verhandlungen über die Wiederabtretung Nordschleswigs mitgewirkt. Er gehörte zu den Leuten, die nur für die Geheimpolitik leben, wie der Sammler für seine Porzellanfiguren und der Geizhals für sein Gold. Auch die Abneigung, die er Deutschland 265 widmete, war geräuschlos, mit einem weichen Sammetüberzug. Im Oktober 1890 versuchte er vergeblich, dem Auswärtigen Amte die unvorsichtige Zustimmung zu einer deutsch-französischen Intervention im südafrikanischen Kriege zu entlocken, und behauptete dann in London, die deutsche Regierung habe Frankreich zu solchen Schritten verführen wollen und sich eine Abweisung geholt. Das entsprach den Methoden Hansens und sozusagen seinem Stil. Immer war sein Denken darauf gerichtet, Frankreich und Rußland zusammenzubringen, und er hat einen großen Anteil an der Verwirklichung dieses Projektes gehabt. Seine eigentliche Erfolgsperiode begann, als bald nach dem Sturze Jules Ferrys, 1886, der kleine radikale Goblet dem etwas problematischen Flourens das Ministerium des Äußern überließ. Flourens, dessen Geist nicht groß war und dessen Charakterbild nicht ganz geklärt ist, wurde das Instrument der Allianzmacher, und Hansen vermittelte zwischen dem Botschafter von Mohrenheim und ihm. Aus dem Buche Hansens ersieht man unter anderem, wie die französische Republik in der Gunst des Zaren Alexander III. jedesmal stieg, sobald eines ihrer radikalen Kabinette verschwand und ein »gemäßigtes« die Geschäfte übernahm. Es traf sich, daß am Tage vor der Entlassung Bismarcks gerade ein Kabinett in Frankreich ans Ruder gekommen war, das dem Zaren besonders gefallen konnte, nämlich ein Kabinett Freycinet, in dem Ribot das Ministerium des Äußern erhielt. Ende Mai hatte diese Regierung – deren Allianzbestrebungen, wie Hansen bemerkt, durch den Sturz Bismarcks »erleichtert« waren – eine schöne Gelegenheit, auf die wirksamste Weise das Herz des Zaren zu gewinnen. Der Minister des Innern, Durnowo, hatte erfahren, daß in Paris eine Nihilistengruppe die Ermordung Alexanders III. plane, und Mohrenheim ersuchte in höherem Auftrage die französische Regierung um Einleitung der erforderlichen Polizeioperation. Obwohl das Kabinett Freycinet-Ribot sich der Gefahr aussetzte, die Linksrepublikaner, die solche Liebesdienste verabscheuten, zu verstimmen, erfüllte es den Wunsch. Am 29. Mai um Mitternacht wurde ein Dutzend Nihilisten ins Gefängnis 266 gesteckt. »In Petersburg«, schreibt Hansen, »rief dieser Vorgang in den Regierungskreisen, die darin einen wahrhaften Beweis für die freundschaftliche Gesinnung Frankreichs erblickten, große Genugtuung hervor.« Alexander III. habe der französischen Regierung amtlich seinen Dank aussprechen lassen und nun den Abschluß der Allianz erlaubt. Die Bahn wurde frei, als der Rückversicherungsvertrag, die »Barriere«, fiel. Vielleicht ebenso entscheidend aber, wie die großen politischen Ereignisse, wirken mitunter die kleinen Gefälligkeiten, die man einem Autokraten erweist.

Es wäre ein durchaus unberechtigter Vorwurf, wenn man sagen wollte, die deutschen Regierungen hätten mit solchen Gefälligkeiten gespart. Aber alles, was sie in dieser Beziehung leisteten, und auch die fortwährende Behauptung, daß die vereinigten Monarchien den festen Damm gegen die Revolution bilden müßten, hielt schließlich die Entwickelung nicht auf. Immer wieder hatten die russischen Minister, Diplomaten, Generäle, Hofmarschälle versichert, Rußland werde sich eher mit dem Teufel verbünden als mit der französischen Republik. Man findet in den Petersburger Berichten der deutschen Botschafter hundert russische Schwüre und Kraftworte dieser Art. Anfang 1884 berichtete Herbert Bismarck sehr selbstgefällig dem Vater über die gute Aufnahme, die ihm in Petersburg bereitet worden sei. Giers hatte ihm gesagt: »Es wäre ein Selbstmord für uns, sich mit einer Bande, wie Grévy, Clémenceau, Floquet et toutes ces canailles einzulassen«, und Graf Adlersberg, der kaiserliche Hausminister, hatte ihm die Versicherung gegeben, kein russischer Staatsmann könnte die Allianz mit Frankreich für möglich halten, und die deutschfeindliche Presse sei einflußlos. Herberts persönlicher Eindruck war: »Die bête noire des Kaisers ist die radikale Republik in Frankreich, und vor dieser sucht er instinktiv Anlehnung bei uns.« Der Generaladjutant, General Tscherewin, sagte im August 1886 zu Bülow, damals in Petersburg Geschäftsträger, mit soldatischer Saftigkeit: »Frankreich ist ein verfaultes Aas.« Das Hoforgan »Grashadin« nannte Frankreich »ein liederliches, verkommenes Frauenzimmer, das, bevor es krepiert, noch durch 267 Schamlosigkeit von sich reden machen will«. 1886 sagte Giers zu Bülow: »Daß Kaiser Alexander dans son fort intérieur für die französischen Republikaner nur Verachtung und Ekel empfindet, weiß alle Welt.« Als ein Jahr später Giers sich wieder so beruhigend äußerte, schrieb Schweinitz schon skeptisch: »Die republikanische Form der französischen Regierung erscheint mir heute nicht mehr als ein so großes Hindernis.« Und Bismarck bemerkte im September 1887: »Alexander II. wollte auch den türkischen Krieg nicht und führte ihn doch.« Allerdings, im Jahre 1887 waren die Dinge schon ziemlich weit gediehen. Katkow agitierte heftig für das Bündnis mit Frankreich, der Großfürst Nikolaus Michailowitsch toastete vor Dünkirchen an Bord eines französischen Dampfers in kriegerischen Tönen, der theatralische Revancheheld Déroulède reiste durch Rußland, seine edlen, in der Schule des »Théâtre français« erlernten Gesten wurden bejubelt, das »verfaulte Aas« wurde durch den Schein einer roten Sonne verklärt.

Weder die Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages noch der polizeiliche Liebesdienst hätten allein eine solche Umwandelung herbeiführen können. Die Seelen waren geöffnet und bereit, den Samen zu empfangen. Der Panslawismus war aus der Literatur in die »Gesellschaft«, wenn auch vielleicht nicht in die Massen, gedrungen. Der schwärmerische Idealismus hatte immer mehr realistische Züge angenommen. Dostojewski hatte geschrieben, nach der protestantischen und der katholischen Idee, die sich überlebt hätten, sei »im Osten die dritte Weltidee großartig aufgegangen, sie, die slawische Idee«. Die »Nowoje Wremja« war irdischer, zu der klösterlichen Ekstase gesellte sich das höchst weltliche Ränkespiel. Rußland und Deutschland hatten sich immer gegenseitig ergänzt und waren einander doch selten nähergekommen. Immer hatte man in Rußland die ehrlichen, zuverlässigen, aber kantigen, mit Überlegenheit nach unten und mit Dienertreue nach oben blickenden, aus den baltischen Provinzen stammenden Hofleute und Beamten mehr ertragen als geliebt. Das russische Volk ist unter den uns bekannten Völkern das interessanteste geistige und 268 seelische Problem. Nicht der mystische Anarchismus, nicht die Revolution, auch nicht die »Demokratie«, die Regierung des Volkes durch sich selbst, schienen unvereinbar mit dem russischen Wesen, aber der westliche Industrialismus war das wirklich Fremde, zu dem keine seelische Brücke ging. Der Deutsche mit seiner oft rücksichtslosen Bestimmtheit fand sich im Gegensatz zu einer Auffassung des Lebens, die sich gern an das Unbestimmte hielt. Aus dem hart Umgrenzten und dem verschwimmend Uferlosen ergab sich keine Harmonie. Im Jahre 1853 hatte Alexander Herzen, der mit den aufgeklärten Geistern Deutschlands sympathisierte, aber fest daran glaubte, daß Rußland in der demokratischen Emanzipation der Völker die führende Rolle spielen werde, von den im Dienste des Zaren stehenden deutschen Offizieren und Beamten geschrieben, sie besäßen »die Regelmäßigkeit und Unwandelbarkeit einer Maschine, die Diskretion der Taubstummen, einen erprobten, stoischen Gehorsam, eine Emsigkeit der Arbeit, die nichts von Ermüdung weiß.« Rechne man die Verachtung gegen das Volk und eine gänzliche Unkenntnis des Nationalcharakters hinzu, so werde man begreifen, »warum das Volk die Deutschen verabscheut, und warum die Regierung sie liebt.« Siebzig Jahre später hat eine Beobachterin von geringerer Bedeutung, die Gräfin Kleinmichel, Salonlöwin der Zarenzeit, in dem Hofdamenbuch »Bilder aus einer versunkenen Welt« gesagt, seit Alexander II. habe es in Rußland keine deutschfreundliche Partei gegeben, alles habe zu Frankreich gestrebt. Die Liberalen hätten in Deutschland den Hort der konservativen Idee erblickt, die Offiziere hätten mit Frankreichs Hilfe Lorbeeren gewinnen wollen, die Kaufleute hätten in Deutschland eine Konkurrenz gesehen, die Fabrikarbeiter hätten sich über den deutschen Werkmeister und die Bauern über den deutschen Verwalter geärgert und die Leute der Gesellschaft hätten für Pariser Restaurants, Theater, Moden und Kokotten geschwärmt. Vor allem: der Haß griff auf uns über, den man gegen Österreich-Ungarn empfand. Man wollte nicht sehen, wie scharf Bismarck die Österreicher am Zügel gehalten hatte, und sah nur, daß 269 Deutschland als Verbündeter und Schützer neben dem ewigen Widersacher stand. Der General Tschernin sagte zu Bülow: »Österreich ist für Deutschland nicht einmal ein zuverlässiger Bundesgenosse – arrangeons nous à nous deux, sans l'Autriche et si vous voulez à ses frais.« Da die deutsche Politik sich mit Rußland nicht auf Kosten Österreichs einigen wollte, wandte man sich immer feindseliger von Deutschland ab. Zahlreiche französische Agenten und Agentinnen halfen, dem russischen Volke klarzumachen, daß Österreich ohne Deutschland nichts bedeuten würde, und daß es in allen seinen Unternehmungen gegen Rußland nur von Deutschland vorgeschoben sei. Deutschland wolle den Balkan beherrschen, nach Saloniki vordringen, suche hinter dem österreichischen Strohmann den Weg nach dem Orient.

Zu denjenigen, die eine russisch-französische Allianz bis zuletzt nicht für möglich hielten, gehörte der alte Münster, der deutsche Botschafter in Paris. Dieser sonst klug urteilende Hannoveraner hatte sich, von feudalem Vorurteil verführt, in den Gedanken eingesponnen, ein Zar reiche der Republik nicht die Hand. Als die russische Flotte schon unterwegs nach Toulon war, sagte er mir, in seinem Arbeitszimmer hin- und hergehend und mit seiner angenehmen Bissigkeit: »Sie werden sehen, die Russen legen Frankreich hinein.« Und auf dem zu langen, faltigen Halse schwankte der ausdrucksvolle, zu schwere Kopf.

Dem französischen Volke war, trotz aller Illumination und aller bezahlten Pressebegeisterung, der neue Alliierte fremd und ein wenig unheimlich, und diese Allianz blieb eine Vernunftehe, die manchem nicht vernünftig schien. Die Sozialisten und Radikalen empfanden einen inneren Widerwillen gegen die Verbindung mit dem knutenden Zarismus, und nüchterne politische Rechner sahen ein großes Risiko und einen geringen Gewinn. Es ergab sich bald, daß Rußland sehr viel französisches Geld brauchte, und die Liebe zu Rußland stieg weniger schnell als die russische Schuld. Um die Freundschaftsgefühle anzuwärmen, wurden Besuche und Gegenbesuche veranstaltet und im Herbst 1896 fuhren Nikolaus und die Zarin, ängstlich behütet und 270 schüchtern, über die kunstvoll geschmückten Boulevards. Die offiziellen Pariser Literaten, die sich höfischer als ein Hofmarschall verbeugen können, säuselten Poesie. Rostand besang die Zarin schmeichlerischer als Boileau Ludwig XIV., als Voltaire den großen Friedrich besungen hat. Das Pariser Volk, das den Zaren schmal, blaß und gedrückt zwischen der schützenden, eng gedrängten Kürassiereskorte vorbeifahren sah, jubelte mechanisch und wie jemand, der hinterher über das Geräusch der eigenen Laute verwundert ist. Anfeuernd auf die Zeitungen wirkten die sehr großen Summen, die der Staatsrat Raffalowitsch mit anerkannter Pünktlichkeit verteilen ließ. Jean Finot, der gewiß nicht zu den Antipatrioten gezählt werden konnte, kämpfte schon in den Jahren 1904 bis 1907 in der von ihm herausgegebenen »Revue« sehr mutig gegen diese Korruption. Er zeigte, wie ein sich patriotisch gebärdender Teil der Presse von einer fremden Macht bezahlt wurde und, während er mit der rechten Hand die französische Fahne schwenkte, mit der linken den Rubel nahm. In einem Aufsatz: »Wie retten wir unsere Milliarden?« schrieb Finot im März 1905 während des russisch-japanischen Krieges: »Eine Reihe von Finanzministern, Ministerpräsidenten und sogar Präsidenten der Republik haben unablässig dem französischen Volke die Pflichten vorgegaukelt, die es als ›patriotischer Gläubiger‹ gegenüber Rußland haben soll. Das Volk hat in seinem sentimentalen Delirium, das von den kosmopolitischen Finanzleuten, der Gewissenlosigkeit unserer Politiker und der käuflichen Presse genährt worden ist, alle seine Ersparnisse auf den Altar der russischen Allianz gelegt.« Am 1. Mai 1906, als in Rußland der Zarismus seine niedergeworfenen Gegner eben grausam bestraft und Frankreich diesem Triumphator eine neue Anleihe bewilligt hatte, erklärte Finot: »Die offiziösen russischen Blätter und ebenso die offiziösen Blätter der Zarenherrschaft, die in Paris erscheinen – denn leider haben wir eine gewisse Anzahl davon – wollen den französischen Sparern einreden, daß wir der russischen Regierung eine unbegrenzte Dankbarkeit schuldig seien . . . Feenhafte 271 Beteiligungsversprechungen vernichteten den Rest jener Bedenken, die man mitunter in den hohen Bankkreisen und bei einer gewissen, ihren Einfluß verschachernden Presse trifft.« Am 15. Juli 1906: »Das Blut fließt über das weite russische Reich . . . Man könnte meinen, daß neue Hunnen in Europa eingedrungen seien . . . Überall der Schrei nach Verfolgung und Mord . . . In der Duma wurde ein Antrag über die Käuflichkeit der französischen Presse eingebracht . . .« Am 15. März 1905 befaßte Finot sich ganz besonders auch mit dem damaligen Finanzminister, mit Herrn Poincaré, den in der Dreyfus-Periode Clémenceau »le petit profiteur« getauft hatte, als er, nach langem Bedenken, um den Anschluß nicht zu verpassen, zu der siegreichen Partei übergegangen war. »Unser Finanzminister, Herr Poincaré, der die neue Anleihe erlaubt hat, hat eine Tat begangen, deren Leichtsinn unverzeihlich ist . . . Der Fehler des Herrn Poincaré wird folgenschwer sein. Man hat die Gefahr erkannt, die entsteht, wenn ein Minister, der arme Brettlkönig eines Sommernachtstraumes, eine Anleihe genehmigen darf, die ganz Frankreich engagiert . . .«

Alexander III. war ein Stockrusse, mit etwas engem Geiste und mit jener häuslichen Rechtschaffenheit, die nicht ausschließt, daß man gelegentlich aus Staatsraison Unschuldige erschießen oder hängen läßt. Der deutsche Botschafter von Schweinitz klagte sehr über den Mangel an verwandtschaftlichem Empfinden, den dieser Zar zeigte, soweit die deutsche Verwandtschaft in Frage kam. Während Alexander II. nur mit Tränen in den Augen von seinen Potsdamer Kindheitserinnerungen gesprochen habe, finde sich bei Alexander III. »von pietätvoller Erinnerung an die Großeltern oder an die gemeinsamen Heldentaten von 1813/14 keine Spur.« Es habe ihn »vielmehr in seiner frühen Jugend oft gelangweilt und geärgert, wenn sein erhabener Vater so gerne und so viel von diesen Dingen sprach«. Nikolaus II. und die Zarin Alexandra Feodorowna sind in zahllosen Memoirenwerken porträtiert worden und ihre trüben Bilder liegen in jeder Marktbude aus. Zwei Persönlichkeiten, die einander gehaßt und bekämpft haben, Witte und der französische 272 Botschafter Paléologue, stimmen in ihrem Urteil über dieses Zarenpaar so ziemlich überein. Beachtung verdient, was Witte über die einander durchkreuzenden Regungen der Zarenseele bemerkte: »Im Grunde seines Herzens wünschte Seine Majestät eine aggressive Politik, aber sein Geist war, wie gewöhnlich, ein in sich geteiltes Haus.« Seine Jugend, sein Haß gegen Japan und »der Durst, einen siegreichen Krieg zu führen«, hätten ihn auf die falsche Bahn gedrängt. »Und ich möchte sogar meinen«, schrieb Witte, »daß der Krieg, wenn es keinen Bruch mit Japan gegeben hätte, an der Grenze Indiens oder noch wahrscheinlicher in der Türkei entbrannt wäre, wo dann der Bosporus der Zankapfel war. Von dort hätte er sich in andere Regionen ausgedehnt.« Diese Darstellung entspricht nicht ganz dem Bilde des friedlichen und nur schwachen Nikolaus, das sogar viele deutsche Bücher ziert. Die Schwächlinge haben stets zu den gefährlichsten Kriegsgöttern gehört.

Nachdem Wilhelm II. in den ersten Jahren seiner Regierung das »Testament« des Großvaters nicht ganz sinngetreu ausgeführt hatte, hoffte er, in dem unbedeutenden Nikolaus einen folgsamen Zögling zu gewinnen. Witte erzählt, Nikolaus habe in den ersten Jahren seiner Herrschaft den Vetter in Berlin durchaus nicht geliebt. Er habe die Abneigung seines Vaters übernommen, der einen Widerwillen gegen die »komödiantischen Manieren« und die Galavorstellungen des deutschen Kaisers empfand. Er sei ergrimmt darüber gewesen, daß der Kaiser die hessischen Verwandten des Zarenhauses hochmütig behandelte, und er sei eifersüchtig gewesen, weil Wilhelm auf den illustrierten Postkarten, die nach jeder Monarchenbegegnung feilgeboten wurden, um einen Kopf größer als er selber war. Wilhelm II. forderte Nikolaus unermüdlich zu Besuchen und zu Zusammenkünften auf und zwischen diesen Festen pflegte er rastlos die Korrespondenz. Selbst wenn Nikolaus gar kein Unterscheidungsvermögen und nur sehr wenig Intelligenz besessen haben sollte, kann man kaum annehmen, diese Briefe hätten in ihm immer sehr angenehme Empfindungen erweckt. Konnte 273 er es besonders zartfühlend finden, daß Wilhelm vor jeder Niederkunft der Zarin, immer den gleichen Scherz wiederholend, seinen Jagdruf ausstieß: »Waidmannsheil für großes Wild!«? So hirnlos war er nicht, daß er beim Anblick der Witze und Scheltworte, mit denen Wilhelm ihm den französischen Alliierten zu verekeln gedachte, nicht die grob hervortretende Absicht erkannt haben sollte, und da es ihm an Eigenliebe nicht fehlte, ist nicht zu bezweifeln, daß er die Einmischung in seine Angelegenheiten als etwas Ungebührliches empfand. Zedlitz-Trützschler notierte am 10. Dezember 1904: »Heute früh kam endlich ein seit langer Zeit sehnlichst erwarteter Brief des Kaisers von Rußland bei Seiner Majestät an.« Große Freude und große Aufregung habe aus diesem Anlaß geherrscht. Mitunter dauere die Vorfreude auf einen solchen Brief monatelang. Wer sieht nicht dieses Bild, die Freude und die Aufregung, wenn nach Monaten des Wartens die stilistische Werbearbeit Wilhelms II. ihre Belohnung in einem Briefe des Zaren fand?

Nur eine Mahnung, eine Aufforderung und Ermutigung, die in den Briefen Wilhelms bis zum Jahre 1904 regelmäßig wiederkehrte, übte die gewünschte Wirkung aus. Wenn Wilhelm den Zaren zu aktivem Handeln im fernen Osten ermunterte, zur Mißachtung der japanischen Interessen drängte, wurde das von dem japanhassenden und im Untergrunde der Seele heimlich eroberungssüchtigen Nikolaus mit zustimmendem Kopfnicken aufgenommen. Hier lag gewissermaßen die große politische Idee Wilhelms II. oder doch das, was er dafür hielt. Rußland sollte sich von Europa, vom Balkan, von Konstantinopel abwenden, sich in Ostasien festlegen und verstricken, und eine weitere Verschärfung der russisch-englischen Interessengegensätze erschien als willkommener Nebengewinn. Es war ein sehr weitsichtig angelegter Plan. Aber was für weitsichtig gehalten wurde, stellte sich als kurzsichtig heraus.

Man hat in den verschiedenen Memoiren einen Vorfall, der sich im Sommer 1902 vor Reval, beim Abschluß der russischen Marinemanöver, ereignete, etwas lückenhaft dargestellt. Diese Szene hat sich folgendermaßen 274 abgespielt: Bei einem Gastmahl auf der »Hohenzollern« forderte Wilhelm II. den Zaren auf, von jetzt ab den Titel »Admiral des Pacifique« zu tragen – er, Wilhelm, werde sich der »Admiral des Atlantic« nennen. Nicky, verlegen, die rechte Antwort nicht findend, wich aus. Als Bülow, der dabei war, die peinliche Beklemmung des Zaren bemerkte, versuchte er einzurenken, indem er mit seiner Geistesgegenwart und mit seiner Kunst schnellen Umbiegens zu Nikolaus sagte, daß der Name sehr gut für einen Zaren passen würde, der ein Freund des Friedens, »pacifique« sei. Wilhelm II., in der Gebe- und Weinlaune, kam beharrlich auf seinen Einfall zurück. Als der Zar die »Hohenzollern« verließ, gab der Kaiser seinen Offizieren den Befehl zu einem Flaggensignal. Sie sollten signalisieren: »Der Admiral des Atlantischen Ozeans grüßt den Admiral des Stillen Ozeans.« Bülow, der zu spät davon erfuhr, hatte nicht die Möglichkeit, die Ausführung zu verhindern, und der Admiralsgruß wurde signalisiert. Der Zarenkreuzer antwortete mit dem schlichten Gegengruß: »Gute Fahrt!« Von Bülow darum ersucht, schärfte der Kapitän der »Hohenzollern« seinen Offizieren und Mannschaften strengstes Stillschweigen ein. Aber die Russen schwiegen nicht und die englischen Blätter teilten die interessante Episode mit. Witte konstatiert, daß Wilhelm II. sagen wollte: »Ich will den Atlantischen Ozean beherrschen – ihr anderen müßt euch zu Beherrschern des Stillen Ozeans machen und ich bin bereit, euch bei diesem Unternehmen meine Hilfe zu leihen.« Und er fügt hinzu, »die unheilvolle Orientierung« der russischen Politik sei teilweise unter dem Einflusse Wilhelms II. erfolgt.

Mit einem Briefe vom 4. Januar 1898 schickte Wilhelm dem »liebsten Nicky« eine Zeichnung, »mit den symbolisierenden Gestalten Rußlands und Deutschlands als Schildwachen im Gelben Meer zur Verkündigung des Evangeliums der Wahrheit und des Lichtes im Osten«, und er fügte hinzu, er habe diese Zeichnung für ihn, den liebsten Nicky, entworfen – »in der Weihnachtswoche unter dem Glanze der Kerzen des Weihnachtsbaums«. Am 28. März 1898 275 schrieb er, wie man in der von Professor Walther Götz herausgegebenen Briefsammlung lesen kann: »Wir beide werden ein gutes Paar Schildwachen am Eingange des Golfs von Petschili abgeben, die gebührend, insbesondere von den Gelben, respektiert werden!« und er belustigte sich über die »ärgerlichen Japs«. Er schmeichelte dem Zaren: »Woraus sich ergibt, was für ein Segen es war, daß Du auf Deiner großen Reise die Fragen des fernen Ostens an Ort und Stelle studieren konntest und daß Du jetzt, geistig gesprochen, der Herr von Peking bist!« Er verglich, von seiner Schlauheit sichtlich überzeugt, sein eigenes Wohlwollen mit dem Übelwollen Englands: »Die Idee, die man jetzt von jenseits des Kanals in der Presse zu erörtern versucht, chinesische Angelegenheiten sollten von einer internationalen Konferenz entschieden werden, ist hier scharf von mir zurückgewiesen worden, da ich bald herausfand, daß es ein maskierter Versuch war, Dir die Hände im fernen Osten zu binden, dessen Verhältnisse, dächte ich, schließlich doch Deine eigenen Angelegenheiten und nicht die anderer Völker sind.« Am 2. November 1902 warnte er den Zaren vor Japan, dem »ruhelosen Kunden«, und seinem Christenhaß. Am 4. Dezember 1903 schrieb er, er habe seinen nach China kommandierten Offizieren den geheimen Befehl gegeben, die Beziehungen zwischen japanischem und chinesischem Militär zu überwachen, und habe die Meldung erhalten, die Japsen exerzierten die Chinesen ein. »Mit der Bitte um Verzeihung für die Freiheit, die ich mir genommen habe, spreche ich die Hoffnung aus, daß der Admiral des Pacifique nicht böse sein werde über die Signale des Admirals des Atlantic, der immer auf dem Ausguck steht.« Dahinter ein »Tata« und »toujours en vedette«. In einem Briefe an Nicky vom 3. Januar 1904 entwarf Wilhelm ein ganzes russisches Eroberungsprogramm. Rußland, »dem Gesetz der Ausdehnung folgend«, habe Anspruch auf einen Küstenstrich im fernen Osten und »das Hinterland muß in Deiner Macht stehen, damit Du die Eisenbahnen bauen kannst, die die Güter nach den Häfen hinschaffen (Mandschurei). Zwischen beiden Häfen befindet 276 sich eine Landzunge, die, wenn sie in den Händen eines Gegners liegt, eine neue Art von Dardanellen werden kann. Das zu gestatten, ist für Dich unmöglich: derartige ›Dardanellen‹ (Korea) dürfen die Landverbindungen nicht bedrohen, weil dadurch Dein Handel benachteiligt wird. So liegen die Dinge schon im Schwarzen Meer und das ist nicht das, was Du Dir auch für den fernen Osten wünschst! Daher leuchtet es jedem unvoreingenommenen Geiste ein, daß Korea russisch werden soll und muß.« Vier Wochen nach diesem Briefe begann der russisch-japanische Krieg. Rußland eroberte weder das »Hinterland«, die Mandschurei, noch die »Dardanellen«, Korea, sondern wurde zu Wasser und zu Lande von den »ärgerlichen Japs« in mörderischen Schlachten besiegt.

Im letzten Augenblick hatte man dann in Berlin an den Ausbruch des Krieges nicht geglaubt. Als ich, anders informiert, den Krieg als unvermeidlich bezeichnet hatte, wurde die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« beauftragt, meine Auffassung in scharfer Tonart zurückzuweisen, was leider kein genügendes Mittel zur Verhinderung der Ereignisse war. Verglichen mit einem anderen Irrtum war dieser gering. War Wilhelm II. über die Kampfkräfte Rußlands und über die Streitmacht Japans nicht außerordentlich schlecht informiert? Hatten die Offiziere, die Wilhelm, wie er sich rühmte, zur Beobachtung nach Ostasien geschickt hatte, die Kraft Japans so sehr unterschätzt? Hatte der Große Generalstab die Lage nicht richtig erkannt? Wilhelms »große politische Idee« hatte doch nur dann einen Sinn, wenn man sicher sein konnte, Rußland werde nicht unterliegen, werde nicht zum schmählichen Rückzug nach Europa, zur Aufgabe des fernen Ostens gezwungen sein. Der Admiral des Atlantic, der immer auf dem Ausguck stand, hatte sich arg versehen.

Der Irrtum war außerordentlich folgenschwer. Nach der Niederlage konnte man den Russen, obgleich sie wahrscheinlich auch ohne Wilhelms Rat sich auf das Glatteis begeben hätten, leicht erzählen, daß sie ihr Unglück dem Deutschen Kaiser verdankten, und das wurde von der 277 antideutschen Propaganda mindestens so sehr ausgenutzt, wie die Kongreßfehler Bismarcks, die der Erinnerungsschreiber in Doorn als einzige Ursache des panslawistischen Aufschwunges hinstellen will. Reine Seelen in Deutschland haben oft ihre Verwunderung oder ihre Entrüstung darüber geäußert, daß der Zorn der Russen sich nicht gegen Frankreich wandte, das den Alliierten in diesem Kriege in keiner Weise unterstützt hatte, und nicht einmal gegen England, das feindselig und schadenfroh gewesen war. Nein, die Erbitterung entlud sich nicht auf die Häupter derjenigen, die kühl abseits gestanden oder sogar dem russischen Unternehmen alle erdenkbaren Schwierigkeiten bereitet hatten, sondern sie richtete sich einzig und allein gegen den, der als Miturheber der Katastrophe, als Antreiber, als Fallensteller galt. Witte spricht es klar und deutlich aus. Er schreibt, »daß die Absicht der deutschen Politik und des Deutschen Kaisers gewesen sei, uns auf jede Art in die Abenteuer des fernen Ostens zu verstricken, um unsere Kräfte nach Osten hin abzulenken und selber volle Freiheit in Europa zu gewinnen«. Wilhelm II. habe ebenso operiert, wie damals, als er die Buren zum Kriege gegen England ermutigte und sich dann »diskret« seitwärts in die Büsche schlug. Allerdings habe Wilhelm II. beim Ausbruch des russisch-japanischen Krieges sich bereit erklärt, die nicht bedrohten russischen Grenzen zu schützen, aber er habe als Belohnung dafür den bedrängten russischen Ministern auch noch einen Handelsvertrag entwunden, der für die russische Industrie geradezu vernichtend gewesen sei. Die Vertragskomödie, die Wilhelm II. während der letzten Kriegsperiode in Björkö inszenierte, steigerte die Mißstimmung noch. Sie galt als höchster Beweis dafür, daß Deutschland Intrigen spinne und nur darauf bedacht sei, Rußland mit aller Welt zu entzweien. Wir könnten mit gutem Recht einwenden, England habe ganz ebenso sich bemüht, zwischen Rußland und Deutschland Feindschaft zu säen. Der Unterschied lag nicht in der Moral, sondern in der Geschicklichkeit.

Der ehemalige französische Botschafter in Petersburg, Paléologue, erzählt in seinem Memoirenbuche, das reich an 278 Geist und noch reicher an Phantasie ist, wie er einen der letzten kaiserlich russischen Minister, Pokrowsky, über den Ursprung des russisch-japanischen Krieges aufgeklärt hat. Er hat dem historisch wenig gewappneten Manne nicht nur gesagt, daß Wilhelm II. – was allenfalls als ein erlaubter diplomatischer Schachzug gelten könne – Rußland zum Kriege ermutigt habe, sondern auch noch hinzugefügt, er wisse aus der zuverlässigsten englischen Quelle, daß gleichzeitig Japan vom Deutschen Kaiser und der deutschen Regierung zum kriegerischen Vorstoß gegen Rußland ermuntert worden sei. Der arme Pokrowsky, entsetzt über dieses höllische Doppelspiel, habe nur gestammelt: »Und so etwas kann im zwanzigsten Jahrhundert geschehen!« Und gewiß hat Paléologue eine Träne über die Treulosigkeit der Menschheit vergossen und wie der ehrliche Jago ausgerufen: »O schnöde Welt!« Die Behauptung, daß Wilhelm II., oder sogar die deutsche Regierung, Japan, die »ärgerlichen Japs«, gegen Rußland aufgestachelt habe, ist unwahr, obgleich sie angeblich von englischen Diplomaten stammt. Fürst Bülow, den ich auf diese »Erinnerung« Paléologues aufmerksam gemacht habe, nennt sie »vollkommen falsch, mehr als das, einfach sinnlos«, und wer dieses Zeugnis nicht genügend findet, kann sich aus den Akten überzeugen, daß die japanische Seele nicht deutschen Verführungskünsten unterlag.

Überblickt man alles, was aus den wilhelminischen Rechenkünsten herauskam, so ergibt sich auch hier wieder ein äußerst ungünstiges Resultat. Rußland wurde nicht an Deutschland gebunden, sondern die russische Abneigung gegen Deutschland wurde erheblich verschärft. Rußland und England wurden nicht entzweit, sondern zusammengeführt. Rußland wurde nicht in Ostasien festgelegt, sondern verlor diesen Schauplatz seines Entwickelungsdranges und seiner Eroberungslust. Die russische Gefahr wurde nicht von Deutschland und Österreich abgebogen, sondern nun erst recht, in ungeheuer verstärktem Maße, auf Deutschland und Österreich hingelenkt. Denn für alle, die in Rußland die Erinnerung an Mukden und Port Arthur auslöschen, die düsteren Schatten der Niederlage durch das Morgenlicht der Siege 279 vertreiben wollten, war es klar, daß Siege nicht mehr im fernen Osten, sondern nur noch in Europa zu erringen seien.

Zunächst war Rußland durch die Zertrümmerung seines Heeres unfähig zu neuen Kriegen, durch die Revolutionswirren zerrissen und vor allem beschäftigt mit den Taten und Schicksalen der neugeborenen Duma, die immer wieder unterdrückt, aufgelöst, ihrer Rechte beraubt wurde und sich doch nicht mehr austilgen ließ. Auf Witte, der in Ungnade fiel, nachdem er aus Portsmouth den überraschend günstigen Frieden mitgebracht hatte, folgte Stolypin, der ermordet wurde, und die Attentate, Massenhinrichtungen, Pogrome wurden nachgerade als selbstverständliche Erscheinungen angesehen. Indessen, wenn solche inneren Erschütterungen von der Sucht nach auswärtigen Abenteuern ablenken, so nistet sich doch zugleich der Wunsch, draußen eine Ablenkung von den inneren Erschütterungen zu suchen, in manche Seelen ein. Die Lehre, die Shakespeares Heinrich IV. dem Sohne erteilt: »Beschäft'ge stets die schwindlichten Gemüter – mit fremdem Zwist«, hat sich durch die Jahrhunderte vererbt. Und wenn die innere Umwälzung einstweilen als eine Garantie für den Frieden erscheinen konnte, so traf das doch nur für den Augenblick zu. Denn indem sich in der Duma zum ersten Male eine russische öffentliche Meinung bilden konnte, gewann das russische Nationalgefühl eine ganz andere, ganz neue Kraft, einen erhöhten, sichtbaren, offiziellen Schauplatz für seine Betätigung. Bis dahin hatte es einen Zaren, einen Hof, die Großfürsten, die Generaladjutanten, die Würdenträger, die Offiziere, die Beamtenschaft, die sogenannten »Sphären« und ein paar Journalisten gegeben, und die Entwickelungen und Entscheidungen waren ohne nähere Beteiligung des Publikums zustandegekommen. Jetzt gab es eine Tribüne, es gab Parteien, die unerschrocken, mit jugendlichem Eifer emporstrebten, alles ergreifen und erfassen wollten, und es gab Stimmen, die im Volke Ideen weckten, einen Zusammenklang herbeiführten, bis in die letzte, fernste Steppe drangen. Die Partei der bürgerlichen Intelligenz, die Kadettenpartei, blickte nach den demokratischen Ländern, nach England und Frankreich, mit 280 freundschaftlichen Sympathien. Sie hatte die mystische Kutte Dostojewskis abgelegt, aber ihre Führer behielten eine Vorliebe für die großen nationalen Ziele und zogen nur, als moderne Menschen, die westlichen Methoden vor. Während Engländer und Franzosen, die Engländer besonders, die Wandelung der Verhältnisse erkannten, Fühlung mit den neuen Kräften gewannen, waren in Potsdam andere Kräfte als der Zar, die Großfürsten, die Minister und Diplomaten, unbekannt. Wir hatten die Monarchenbegegnungen, die Paraden, die »verwandtschaftlichen Beziehungen« und die Privatkorrespondenz.

Ein Jahr, oder etwas mehr, vor dem Ausbruch des russisch-japanischen Krieges, hatte ein vernünftiges Abkommen die feindseligen Bewegungen, die aus Rußland und Österreich gegeneinanderdrängten, zum Stillstand gebracht. Der zu einer Politik des Ausgleiches und der Vermittelung neigende Graf Goluchowski hatte sich mit dem russischen Minister des Äußern, Murawjew, verständigt, Franz Joseph und der Zar waren, begleitet von den beiden, im September 1903 in Mürzsteg zusammengekommen, man hatte sich über den Balkan, Mazedonien und Kreta ausgesprochen, einen Vertrag und ein Programm zur Besserung der mazedonischen Zustände verfaßt. Die Zarenregierung, schon mit den ostasiatischen Projekten beschäftigt, hatte sich gern durch solche Abmachungen den Rücken gedeckt. Goluchowski hatte sehr klug den richtigen Augenblick benutzt. Er war nicht ganz so klug, als er, drei Jahre später, mit Serbien, dessen Krone seit der Ermordung Alexanders und Dragas von dem russischen Günstling Peter Karageorgiewitsch getragen wurde, sich entzweite und unter dem Einfluß der Magyaren den serbischen Schweinen die Grenze sperren ließ. »Ich fürchte mehr die Invasion des Schlachtviehs, als den Einfall der Kosaken«, sagte der französische Marschall, Parlamentsredner und Landwirt Bugeaud, aber es ist mitunter falsch, die Kosaken weniger zu fürchten, als das Borstenvieh. Die Magyaren, ohne Dankbarkeit für die Befreiung von der serbischen Fleischkonkurrenz, stürzten den Grafen Goluchowski bald darauf. Der Böhme Lexa 281 Freiherr von Aehrenthal, ein Vertrauter des Erzherzogs Franz Ferdinand, nahm, unternehmungslustig, ehrgeizig, voll Abneigung gegen die »müde Resignation« Goluchowskis und entschlossen, »die Nerven Österreichs zu stählen«, die Zügel in die Hand. Ein wenig vorher hatte in Rußland Herr von Iswolski sich auf den Ministerstuhl gesetzt. Man brauchte dort, um nach dem ostasiatischen Zusammenbruch eine neue Politik einzuleiten, ein frisches Talent. Schon Giers hatte Iswolski als einen der wenigen russischen Diplomaten, die zu verhandeln wüßten, gerühmt. Die neue Politik zeigte sich im Juni 1908 in Reval, wo zum Empfange des Königs Eduard Iswolski als Begleiter des Zaren erschien.

Aehrenthal eröffnete in den ersten Tagen des Jahres 1908 die Periode der »Aktivität«. Er teilte den Delegationen mit, daß Österreich-Ungarn, gestützt auf die vom Berliner Kongreß ihm vor dreißig Jahren erteilte Genehmigung, entschlossen sei, eine Bahnlinie durch den Sandschak-Novibazar zu bauen. Das war der Weg nach Saloniki, die direkte Verbindung mit der Türkei. In Rußland, in Frankreich, in England und auf dem Balkan, in Serbien und Montenegro, erhob sich ein großer Entrüstungssturm. England hatte unter Eduard und Grey die alte Tradition, daß Österreich gegen Rußland unterstützt werden müsse, aufgegeben und die russische Freundschaft gewählt. Es begnügte sich auch auf dem Balkan nicht mehr mit einem Zuschauerplatz, erkannte, nachdem die Russen nach Europa zurückgekehrt waren, dort das Terrain zukünftiger Entscheidungen und trat an die Spitze der Mächte, die jede Entwickelung gegen Österreich, gegen Deutschland und gegen die Türkei zu wenden suchten und unter allerlei christlichen Beteuerungen die mazedonischen »Reformen« benutzten, um die deutschfreundliche Sultansherrschaft in die Luft zu sprengen. Seit in Serbien nicht mehr die von Wien subventionierten Könige aus dem Hause Obrenowitsch ein buntbewegtes Leben führten, sondern ein Karageorgiewitsch russische Rubel empfing, hatte die antiösterreichische Liga eine überaus wichtige Position gewonnen. Die Ermordung des jungen Alexander und seiner Draga, die vom Publikum Europas und 282 Amerikas nur wie ein sensationelles Drama genossen wurde, war der Beginn einer Schicksalskette, wie der erste Mord im Hause der Atriden, und es war eine grundfalsche, törichte Politik, wenn man in Wien und in Budapest, unter dem Einfluß der magyarischen Agrarier, nun den Serben die Bewegungsfreiheit nehmen wollte und dieses stark national empfindende, intelligent aufstrebende Volk, statt durch weitgeöffnete Handelstüren seinen Tatendrang abzulenken, verächtlich mit Mauern und Gittern umgab. Ein französischer Publizist, Herr Chéradame, hatte, als Spezialist für Balkanphantasien, schon seit langem in Zeitungsspalten und Büchern den »Vormarsch des Pangermanismus nach Saloniki« prophezeit. Jetzt, nachdem Aehrenthal sein Eisenbahnprojekt angekündigt und die deutsche Regierung es mit beifälligen Erklärungen begleitet hatte, schworen alle Schreiber und Redner der Koalition darauf, daß dieses Unternehmen die erste Verwirklichung eines von Wien und Berlin sorgfältig vorbereiteten strategischen Planes sei. Sechs Monate später wurde in Konstantinopel Abdul Hamid durch die jungtürkische Revolution überrumpelt, wurde der türkische Absolutismus durch die äußerliche Nachbildung moderner Regierungssysteme ersetzt. Ohne Zweifel hatten die Gegner Deutschlands und Österreichs dabei anspornend mitgeholfen und von dem Regimewechsel einen Wechsel der türkischen Politik erhofft. Wenn besonders die Pariser Presse sehr bald die Jungtürken nicht mehr liebte, so sprachen dabei für manchen auch ökonomische Gründe mit. Man hatte von Abdul Hamid Geschenke und Konzessionen erhalten, und die Jungtürken zeigten nicht die gleiche Freigebigkeit. Der Freiherr von Aehrenthal wollte die Gelegenheit, die ihm die Ereignisse in Konstantinopel zu bieten schienen, nicht vorbeigehen lassen und wagte eine neue, größere Tat. Am 5. Oktober 1908 kündigte das Schreiben Franz Josephs an den Minister die Annexion Bosniens und der Herzegowina an. Am gleichen Tage proklamierte der Fürst Ferdinand, der vorher bei Franz Joseph gewesen war, die Unabhängigkeit Bulgariens und setzte sich die Krone aufs Haupt. Man hatte sich zu einem Doppelschlage vereint.

283 Der Zugriff Aehrenthals, der auf der Gegenseite einen Ausbruch ungeheueren Zornes zur Folge hatte, wurde in Österreich-Ungarn bejubelt und in Deutschland fast einstimmig als »befreiende Tat« begrüßt. Wer und was wurde dadurch befreit? Welchen politischen Wert hatte diese pomphaft kühne Aktion? Ich habe den Nutzen, der den meisten anderen in den beiden verbündeten Ländern so deutlich vor Augen zu stehen schien, damals wie heute nicht herauszufinden vermocht. In dem Dokument, in dem man die Annexion Bosniens und der Herzegowina verkündete, gab man gleichzeitig der Türkei den Sandschak-Novibazar zurück. Das geschah, um die Türkei zu besänftigen, die Großmächte von der Redlichkeit der österreichischen Absichten zu überzeugen, aber man verzichtete damit auf die Linie nach Saloniki und opferte einen realen Gewinn für eine ruhmreiche Formalität. War Bosnien gegen die Umtriebe der großserbischen Propaganda nun, durch die Umwandelung des staatsrechtlichen Verhältnisses, besser geschützt? Diese Propaganda vermochte – die Tatsachen haben es bewiesen – in ein annektiertes Bosnien ebensogut wie in ein von Österreich verwaltetes einzudringen. Österreich-Ungarn besaß in Bosnien und der Herzegowina die volle administrative und militärische Macht. Die Einverleibung war nicht mehr als eine theatralische Demonstration. Wurden die Bewohner des serbischen Nachbarlandes eingeschüchtert und geduckt? Ihr Nationalgefühl und ihr Haß wuchsen jetzt erst recht. Wurde der Ring der feindlichen Großmächte gesprengt? Er gewann durch diesen Schlag noch an Festigkeit. Paßte die Annexion zu der allgemeinen Politik Deutschlands und Österreichs, die doch immer für die Aufrechterhaltung des türkischen Besitzstandes eingetreten war? Nein, sie war das erste Signal, die Ermunterung zur Zerreißung und Zertrümmerung der Türkei. Gewiß, in das müde, gleichgültige politische Leben Österreichs, dessen einzigen Reiz der Nationalitätenzank bildete, kam für einige Wochen ein höherer Schwung. Aber auch das Selbstvertrauen, das man für den Augenblick gewann, war doch nur ein zweifelhaftes und etwas künstliches, denn ohne die Gewißheit, daß 284 die deutsche Stütze haltbar sein werde, hätte es nicht leben können.

Man kann nicht sagen, daß der Ehrgeiz, mit dem Iswolski sich bei seinem Amtsantritt in die politischen Geschäfte gestürzt hatte, ein kriegerischer Ehrgeiz gewesen sei. Iswolski begann erst später, als er Botschafter in Paris geworden war, ermutigt durch den Verkehr mit seinem Freunde Poincaré, Zündschnüre zu legen, und damals, 1908, erstrebte er Erfolge nur durch friedliche Mittel und durch staatsmännische Kunst. Sein Programm, seine politische Idee, war: Öffnung der Dardanellen. Diese Idee, und noch nicht der abenteuerliche Plan, durch eine Explosion das ganze Gefüge Europas umzustürzen, beschäftigte ihn, als er die neugeschaffene Verbindung mit England pflegte und als Begleiter des Zaren nach Reval ging. Das ermattete, durch Revolutionen erschütterte Rußland war nicht kriegsbereit, aber der russische Staatsmann, der eine günstige Lösung der Dardanellenfrage durchsetzte, verschaffte seinem Lande eine Genugtuung, richtete es wieder auf und wurde populär. Iswolski hatte sich gesagt, daß man den Österreichern ein Bosnien gönnen könnte, das sie ohnehin schon besäßen, und hatte ein Tauschgeschäft angebahnt. Er hatte dem Freiherrn von Aehrenthal in einem Briefe zu verstehen gegeben, daß Rußland gegen eine staatsrechtliche Umwandelung der österreichischen Situation in Bosnien und der Herzegowina nichts einwenden werde, und dabei die Erwartung ausgesprochen, man werde in Wien ein gleich freundliches Verständnis dem Dardanellenproblem entgegenbringen. Ganz ähnliche Worte scheint er in Buchlau gesprochen zu haben, wo er bei der Monarchenbegegnung mit Aehrenthal zusammentraf. Er vergaß nur, Aehrenthal das Versprechen abzunehmen, daß Österreich den entscheidenden Schritt nicht vorschnell, nicht ohne Benachrichtigung Rußlands unternehmen, der russischen Diplomatie die Möglichkeit geben werde, die öffentliche Meinung vorzubereiten, und diese Unvorsichtigkeit wurde ihm fatal. Man erzählt, er sei aus seinem Gespräch mit Aehrenthal durch die hübschen österreichischen Damen herausgerissen worden, die ihn baten, 285 in ihren Kreis zu kommen. Er war galant, sehr empfänglich für gesellschaftliche Umwerbungen und das Feinere, Aristokratische, und unterlag den Reizen eleganter Weiblichkeit. Als in Wien, ohne vorherige Anzeige, die Annexion verkündet wurde, befand sich Iswolski gerade in London, wo er sich vergeblich bemühte, die englische Regierung für seinen Dardanellenplan zu gewinnen. Die Engländer antworteten ausweichend, hinhaltend, und sagten ihm, der Augenblick sei ungeeignet, und man dürfe jetzt nicht die eben erst zur Macht gelangten Jungtürken verstimmen. Iswolski fuhr von London nach Paris, wo ihm erklärt wurde, Frankreich sei ganz seiner Meinung, könne aber ohne England leider nichts tun. Er reiste weiter nach Berlin, wo Fürst Bülow ihn freundschaftlich fragte, warum er sich nicht durch Vereinbarungen mit Aehrenthal gegen Überraschungen geschützt habe, und ihm die Versicherung gab, Deutschland werde in der Dardanellenfrage niemals Rußland im Wege stehen. Nachdem Iswolski seinen Zorn über Aehrenthal in vielen derben Kraftworten entladen hatte, fuhr er nach Petersburg heim. Er hatte ein schönes Gebäude aufgerichtet und sah sich ausgesperrt.

Eine wichtige Rolle in der Wiener Politik spielte bereits damals Conrad von Hötzendorff, der im Herbst 1906 auf Betreiben des Erzherzogs Franz Ferdinand Chef des Generalstabes geworden war. Conrad, der nach allgemeinem Urteil als Stratege und Organisator glänzende Eigenschaften entwickelte, wollte niemals die von Bismarck gezogene Grenze zwischen militärischer und politischer Betätigung anerkennen, und man kann aus seinen Memoiren ersehen, wie er unermüdlich Denkschriften für Franz Joseph, Franz Ferdinand und Aehrenthal verfaßte und politische Pläne entwarf. Er war immer, in allen Perioden, der Mann des Präventivkrieges und vertrat seine Ideen mit einer leidenschaftlichen Heftigkeit. Zunächst und vor allem wollte er den Präventivkrieg gegen Italien, an dessen Treulosigkeit er nicht zweifelte, und schon daraus ergaben sich Konflikte mit Aehrenthal, der mit Rücksicht auf Deutschland und im Interesse seiner Balkanprojekte jede Erschütterung des 286 Dreibundgerüstes verwarf. Als die Annexion Bosniens beschlossen worden war, forderte Conrad, daß man weitergehen, auch Serbien annektieren, die serbische Selbständigkeit auslöschen, den großserbischen Träumen ein Ende machen und die Staatsverhältnisse auf dem Balkan so umgestalten solle, wie es ihm für Österreich-Ungarn vorteilhaft erschien. In einem Memorandum hatte Aehrenthal ähnliche Gedanken geäußert und die Schaffung eines Großbulgariens auf Kosten Serbiens empfohlen, »um in einem Momente günstiger europäischer Konstellation die Hand auf das noch übrige Serbien legen zu können«. Immerhin wollte Aehrenthal den »Moment günstiger europäischer Konstellation« abwarten, während der ungeduldige Generalstabschef auf sofortige Taten drang. Am 17. Januar 1909 bezeichnete Aehrenthal in einer Konferenz »die Inkorporierung Serbiens als undurchführbar«, erklärte, daß Österreich Serbien nicht verdauen könnte, und war infolgedessen für Conrad nur noch ein Abtrünniger, ein Schwächling und ein Advokat jenes magyarischen Egoismus, der in einer Angliederung neuer südslawischer Elemente eine Verminderung des ungarischen Einflusses sah. Durch den kriegerischen Lärm, den die Serben nach der Annexion Bosniens aufführten, wurden die Hoffnungen Conrads noch einmal belebt. Er mahnte, drängte, bohrte unablässig und suchte den Kaiser und Franz Ferdinand für die »Abrechnung« mit Serbien zu gewinnen. Auch diese Hoffnungen zerflatterten, als Serbien, den Ratschlägen Rußlands sich beugend und von allen Freunden im Stiche gelassen, am 26. März 1909 auf seine Kompensationsforderungen verzichtete und der letzte Ton der Kriegsmusik verklang. Aehrenthal, alle österreichischen und ungarischen Minister, Franz Joseph und Franz Ferdinand erklärten, daß »nunmehr die Monarchie den vollen Erfolg errungen habe und jedweder Grund zu militärischem Eingreifen entfallen sei«. Conrad von Hötzendorff stand zornig abseits, und einigen Trost brachte ihm nur ein Privatbrief, den der deutsche Generalstabschef von Moltke am 14. September ihm schrieb. Moltke bedauerte tief, »daß eine Gelegenheit ungenutzt vorübergegangen sei, die unter so günstigen Bedingungen sich 287 so bald nicht wieder bieten dürfte«, und äußerte, der Krieg wäre »lokalisiert« worden und Österreich-Ungarn hätte nach seiner siegreichen Durchführung »eine nicht so leicht mehr zu erschütternde Präponderanz auf dem Balkan gewonnen«. Der General von Moltke, unglückseliger Träger eines zu schweren Namens und hochgepäppelt durch kaiserliche Protektion, sah die Dinge, wie die meisten Militärs auf dieser Erde sie sehen. Wo eine mit glänzenden Vorrechten ausgestattete Existenz auf der Idee von der Notwendigkeit und der Unvermeidlichkeit der Kriege beruht und alles Denken durch eine enge Erziehung nach dieser einen Richtung hin abgebogen ist, kann nur ein ungewöhnlicher Verstand sich zu unbefangener, freier Übersicht durchringen, und der von Wilhelm II. auserwählte Herr von Moltke besaß diese große Gabe nicht.

Da allen die Redensart von der »Nibelungentreue« und andere ähnliche Äußerungen im Ohre klangen, nahm man lange an, Wilhelm II. habe die Wiener Annexionspolitik freudig unterstützt. Man glaubte, dem Hüter einer vom Hauch der Grüfte und der Garderobekammern umwehten Königsromantik sei es ein angenehmes Bedürfnis gewesen, dem ältesten Monarchen Europas, dem an Jahren reichsten Gesalbten, dem Oberhaupte der geweihten Tafelrunde, seinen starken Beistand zu leihen. Aber Wilhelm II. hatte, als ihm die Wiener Überraschung zuflog, Empfindungen ganz anderer Art. Auch in diesem Falle zeigte sein Instinkt ihm die Gefahr. Er war empört über den Handstreich, der den grünen Mantel des Propheten zerriß, und über die österreichische »Doppelzüngigkeit«. In seiner richtigen Auffassung bestärkt durch die Berichte, die Marschall aus Konstantinopel sandte, und auch durch die Telegramme des Grafen Monts, erklärte er, daß das von Wien gegebene Beispiel zur völligen Auflösung der Türkei führen müsse, und er sah die schlimmsten Folgen voraus. Fürst Bülow, den aus dem Hintergrunde der schon kranke, aber noch immer betriebsame Holstein mit Ratschlägen versorgte, teilte die Meinung des Kaisers nicht. Der Optimismus, mit dem er alle Befürchtungen zurückwies, wurde zunächst durch 288 die Ereignisse, durch die friedliche Erledigung des Konfliktes, gerechtfertigt, aber haben ihn spätere Tage nicht widerlegt? Schärfer noch als in der Marokkoaffäre wichen die Ansichten des Kaisers und des Reichskanzlers voneinander ab. Wie in der Marokkoaffäre, gab der Kaiser nach. Bülow hielt es für die einzige wichtige Aufgabe, Österreich-Ungarn beim Bündnis festzuhalten, die völlige Isolierung Deutschlands zu verhindern, die nur der Flottenpolitik wegen drohte, und er erklärte dem österreichisch-ungarischen Botschafter, dem Grafen Szögenyi: »Auch für den Fall, daß Schwierigkeiten und Komplikationen eintreten sollten, werde unser Verbündeter auf uns rechnen können.« Wir wollten Österreich festhalten, und schon hielt Österreich uns fest.

Fürst Bülow war, wie er im Reichstag betonte, von der Wiener Regierung nicht vorher über den Annexionsplan informiert worden, und er sagte, er sei »dankbar dafür«. Tatsächlich wäre er nach solcher Information in eine noch schwierigere Lage der Türkei gegenüber geraten, und das österreichische Schweigen hatte ihm wenigstens diese Peinlichkeit erspart. Er konnte sich sagen, daß die Entrüstung, die besonders in England und in Italien ungeheuer hochschlug, jetzt nicht zu einer kriegerischen Entladung führen, das zerwühlte Rußland dem serbischen Klienten wirkliche Hilfe nicht leisten werde, und er sah, daß Frankreich keinerlei Neigung zeigte, an der Seite eines so schwachen Alliierten in einen Krieg gegen Deutschland und Österreich hineinzugehen. Tatsächlich mahnte man von Paris und von Petersburg aus in Belgrad zur Vernunft. Schließlich kam die serbische Regierung auf den nicht schlechten Einfall, den Großmächten zu erklären, sie allein könnten, als Unterzeichner des Berliner Vertrages, der Annexion Bosniens durch ihre Unterschrift Geltung verleihen. Fürst Bülow aber hatte gleichfalls einen Einfall, schlug vor, daß die Großmächte einzeln, nicht in einer neuen Konferenz, die Annexion bestätigen sollten, und beendete so, da diese Anregung auch von Iswolski aufgenommen wurde, erfolgreich den Konflikt. Tardieu zählt in seinem 289 Buche die Eigenschaften auf, die Bülow in dieser bosnischen Angelegenheit bewiesen habe: »Nicht ein Fehlschritt, keine Unklugheit, Zurückhaltung ohne Furcht, Kaltblütigkeit ohne Großsprecherei«. Bülow habe in den Tagen der Ungewißheit geschickt gekreuzt, dann sei er scharf vorgegangen. Das sei »eine vorbildliche positive Politik«. Tatsächlich hatte Bülow nicht nur den österreichischen Prozeß, sondern am Schlusse auch die österreichische Politik geführt.

 

Deutschland hatte sich mit seiner »schimmernden Wehr« hinter Österreich oder vielmehr vor Österreich gestellt. In Wien äußerte Aehrenthal seine »dankbare Befriedigung« und in Rußland erklärte man, das ganze Unternehmen sei zwischen den beiden Verbündeten abgekartet gewesen, und die feindselige Haltung Deutschlands habe sich unzweideutig gezeigt. Die Kraftmeier in Deutschland, die Forschheit für den Inbegriff der Politik halten, waren entzückt. Auf seinem Krankenbette schrieb der alte Holstein die letzten Briefe an Bülow – freudige Glückwünsche – und Harden feierte, wohl mehr holsteinisch als bismärckisch, »Deutschlands Sieg«. Die Zweifler waren eine Minderheit. Ich habe zu ihnen gehört und mich dagegen gewandt, daß Deutschland sich mit der Verantwortung für ein Unternehmen, das obenein gar keinen realen Nutzen bringe, belastet habe und daß diese österreichische Aktion, bei der Deutschland sich wie Österreich in Algesiras hätte verhalten müssen, in eine deutsch-österreichische umgewandelt worden sei. Es schien mir bedenklich, daß die deutsche Regierung sich vom ersten Augenblicke an ohne jede Einschränkung dem Verbündeten verschrieben hatte, obgleich sie vorher in die Pläne der Wiener Diplomatie nicht eingeweiht worden war. Gemeinsam mit einigen anderen »Nörglern« vertrat ich die Meinung, diese Wiener Diplomatie könnte durch eine übereifrige Betonung der selbstverständlichen deutschen Bundestreue auf den Gedanken gebracht werden, Deutschland fürchte ihr Abschwenken und es sei ihr jetzt und für die Zukunft alles erlaubt. Noch andere Besorgnisse wurden geweckt. Das 290 türkische Reich krachte, viele Symptome ließen die kommende Auflösung ahnen und die Beutestätte war von lauernden Begehrlichkeiten umringt. Ein Grundsatz der deutschen Politik war die Erhaltung des türkischen Besitzstandes, und nachdem die Versprechungen Wilhelms II. sich schon in Algesiras nicht gerade bewahrheitet hatten, half Deutschland nun bei der Abtrennung eines Gebietes, das immerhin noch auf dem Papier als türkisches Eigentum galt. Gegenüber denjenigen, die mit der deutschen Türkenpolitik nicht einverstanden gewesen sind und das Bagdad-Unternehmen getadelt haben, muß noch einmal gesagt werden, daß diese Politik in ihrer Anlage richtig war, solange man sie für eine Karte im Spiel, für ein Mittel und nicht für einen Selbstzweck hielt. Deutschland, das außerhalb seiner Grenzen wenig besaß, brauchte den Einfluß in der Türkei, um ihn für die Besserung seiner Gesamtsituation oder für die Erreichung irgendwelcher Ziele im geeigneten Moment ausspielen zu können, und man hat ja gesehen, welchen Nutzen England und Frankreich aus provisorischen Machtstellungen gezogen haben, die dann bei guter Gelegenheit für andere Vorteile aufgegeben worden sind. Wer nichts auf den Tisch legen kann, erhält auch nichts. Falsch wurde die deutsche Türkenpolitik, weil sie sich starr an das Erreichte anklammerte und, ohne Rücksicht auf die internationalen Folgen, den Ausbau einer provisorischen Stellung zu einer festen und unwandelbaren für möglich hielt. Auch aus dem Zerfall der Türkei konnte, im rechten Augenblick, für Deutschland Nutzen entstehen. Ihn zu beschleunigen, war wie in den Tagen, wo Salisbury ihn gepredigt hatte, auch in der Zeit der Aehrenthalschen Aktion für Deutschland nicht wünschenswert. War aber die Annexion Bosniens und der Herzegowina, die von der Erhebung Bulgariens begleitet wurde, nicht ein Signal? War nicht ein Beispiel gegeben und, für die Nachahmer, eine Entschuldigung? Ergab sich aus der Annexion Bosniens nicht die Eroberung von Tripolis? Um diese Fragen zu beantworten, schrieb mir Fürst Bülow den hier folgenden Brief: 291

Elbparkvilla Klein-Flottbeck

28. Juli 1916

Lieber Herr Wolff,

Für Ihre freundlichen und interessanten Zeilen vom 14. d. Mts. besten Dank. Meinungsverschiedenheiten ohne persönliche Empfindlichkeit zu erörtern, ist mir stets als erstrebenswert erschienen, wenn es auch bei uns im allgemeinen des Landes nicht der Brauch ist.

Die Vorgeschichte der Tripolisexpedition ist Ihnen bekannt. Auf dem Berliner Kongreß bot Bismarck den Italienern Tunis an. Cairoli, einer der Tausend von Marsala, prinzipienfest und edel vom Scheitel bis zur Sohle, überzeugt von der Solidarität der italienischen und der französischen Demokratie, wie von der Selbstlosigkeit der in Paris regierenden Republikaner, lehnte diese Offerte ab. Als nun Ferry und Gambetta, denen das Interesse noch höher stand als die Grundsätze, doch nach Tunis gingen, stürzte Cairoli, und die Verstimmung seiner Nachfolger gegen Frankreich führte Italien dem Dreibund zu. Nebenbei gesagt ein Beweis dafür, daß die alte diplomatische Praxis auch ihre guten Seiten hat, was auch Herr von Wiese in seinem Artikel vom Standpunkt seiner Zukunftspolitik dagegen sagen mag. Italien wurde nun in den achtziger und neunziger Jahren auf Tripolis verwiesen, wobei ihm nicht nur erlaubt, sondern geradezu anempfohlen wurde, sich hierüber auch mit Frankreich zu verständigen. Die Italiener, von Natur mißtrauisch, fürchteten aber, daß, wenn sich Frankreich erst im Besitz von Marokko sicher fühlen würde, es trotz aller Abmachungen von Tunis aus versuchen könnte, Tripolis in seine Machtsphäre zu ziehen. England trauten sie ähnliche Absichten zu hinsichtlich des östlichen Teiles von Tripolitanien. So erklärt es sich, daß San Giuliano, als die volle und uneingeschränkte französische Herrschaft über Marokko durch den Marokko-Kongo-Vertrag besiegelt war, die Hand auf Tripolis legte, überzeugt, daß, wenn es nicht rasch zugreife, das letzte für Italien noch erreichbare Stück der nordafrikanischen Küste ihm entgehen würde. Aus solchen 292 Gedankengängen sagte San Giuliano, als er die Nachricht erhielt, daß die Einverleibung Marokkos in den französischen Kolonialbesitz sicher sei, seinen Sekretären, indem er seine Uhr zog: Heute, am Soundsovielten, um die und die Stunde entscheidet es sich, daß wir nach Tripolis gehen. Mit diesen Argumenten riß er Giolitti mit sich fort, der an und für sich keine besondere Lust zu dem Argonautenzug hatte. Auf eine Erschütterung der Fundamente der Türkei hatten sie es nicht abgesehen und wollten auch die orientalische Frage nicht in Fluß bringen. Die Tripolisexpedition führte aber doch zur Erschütterung des Osmanischen Reiches und beschleunigte das Zustandekommen einer aggressiven Koalition der Balkanstaaten gegen die Pforte. Nach der anderen Seite hat der Marokko-Kongo-Vertrag Frankreich nicht versöhnt, wie damals angenommen und angekündigt wurde, sondern den Chauvinismus an der Seine neu belebt. Als sie über Marokko beruhigt waren, dachten die Franzosen nur noch an Elsaß-Lothringen. Nach der Guildhall-Rede von Lloyd George wurde ihr Respekt vor uns geringer, wie auch dies der nüchterne Tittoni sofort prophezeite.

Der Fehler mancher Deutschen, die sich mit Politik beschäftigen, ist, daß sie aus allem ein System machen:

Der Philosoph, der tritt herein,
Und beweist euch, es müßt' so sein:
Das erst' wär' so, das zweite so;
Und drum das dritt' und vierte so;
Und wenn das erst' und zweit' nicht wär',
Das dritt' und viert' wär' nimmermehr.

Wenn Herr von Wiese (dem ich natürlich seinen Standpunkt in keiner Weise übelnehme) meint, daß ich mich in meinen Voraussagen von 1913 getäuscht, über die Friedensaussichten zu optimistisch gedacht, den Weltkrieg nicht auf Tag und Stunde vorausgesehen hätte, so gebe ich zu, daß ich das Ultimatum, und ein Ultimatum in dieser Form, allerdings nicht in meine Rechnung gesetzt hatte. –

293 Hoffentlich bekommt Kösen Ihrer Frau und den Kindern recht gut! Als ich in Halle auf der Schule war, long, long ago, bin ich auf Fußwanderungen oft dort vorbeigekommen. Mit herzlichen Grüßen von meiner Frau bin ich

Ihr aufrichtig ergebener

Fürst von Bülow

Es kann nicht geleugnet werden, daß Fürst Bülow in der bosnischen Krise die Handlung mit einer außerordentlichen Sicherheit, Umsicht und Geschicklichkeit geleitet hat. Seit dem Sturze Bismarcks war in keinem Abschnitt der deutschen Politik so viel diplomatische Kunst bewiesen worden, und niemals hatte man so sehr den Eindruck gehabt, die Einfälle und Hilfsmittel seien gleichsam mit leichter Hand einer reichen Vorratskammer entnommen. Tardieu sagt, gewiß nicht ganz unaufrichtig, nach seinen anderen Lobsprüchen, der Erfolg in der bosnischen Affäre stelle für Bülow »zugleich die Krönung und Zierde seiner Ministerlaufbahn« dar. Die technische Führung verdient dieses Lob. Daß die bosnische Angelegenheit nicht den Anschauungen Bismarcks entsprochen hätte, ist denen nicht zweifelhaft, die seine Aufzeichnungen und Diktate gelesen haben, obgleich sie nicht verkennen, daß wirkliche Staatskunst wandlungsfähig ist. »Wenn sie« – die Erhaltung des Friedens – »aber auf Kosten des Staatsgefühls einer so großen Nation, wie die russische es ist, erfolgt, so bleibt ein Krankheitsstoff in letzterer zurück, der früher oder später auf Kosten des europäischen Friedens Heilung suchen wird.« Für den Augenblick freilich konnte eine ernste Gefahr eigentlich nur von Österreich, nicht von Rußland kommen. Und da Bülow mehr voranging als folgte, war auch diese österreichische Gefahr nicht allzu groß. Einmal während der Krise kam des Morgens um vier Uhr der Generalstabschef von Moltke mit der Nachricht, daß Rußland starke Truppenmassen versammelte, an Bülows Bett. Bülow bat ihn, vorläufig nichts zu tun, auch den Kaiser nicht zu alarmieren, sondern mit ihm zusammen zu Wilhelm II. zu gehen. Moltke willigte ein. Als sie dann gemeinsam zum Schlosse gingen, stand bereits 294 fest, daß man gleichgültige russische Truppenübungen für Kriegsmaßnahmen gehalten habe, und daß in ganz Rußland absolut nichts Bösartiges vorgefallen sei. Wenn man die politischen Handlungen, losgelöst aus der Kette, ohne Hinblick auf die Zusammenhänge bewerten will, so war die bosnische Affäre für Deutschland ein Erfolg. Nach manchem Jena beinahe ein Waterloo. Freilich, die Ergebnisse von Algesiras waren nicht zerstört. Aber ein schöner Sonnennebel breitete sich davor aus. Trotz allen feindlichen Gruppierungen, trotz aller Einkreisung hatte Deutschland, das ließ sich nicht bestreiten, ungeschwächt und respektgebietend seinen Willen durchgesetzt. Die Schwarzseher hatten eine Lektion erhalten und niemand konnte mehr das Auswärtige Amt mit jenem ledernen Übungsball vergleichen, der die Stöße aller Boxer empfängt.

Hatte Conrad von Hötzendorff recht, als er, im Gegensatz zu den Diplomaten, nach dem Präventivkrieg, nach der »rechtzeitigen« Zerschmetterung und Einverleibung Serbiens rief? Sicherlich nicht. Auch dann nicht, wenn man von der Ansicht Bismarcks abweichen wollte, daß Präventivkriege immer verwerflich seien. Denn was hätte diese Zerschmetterung, diese Einverleibung Serbiens genützt? Österreich hätte die serbische Gefahr im Innern seiner Grenzen, statt außerhalb seiner Grenzen gehabt. Und Rußland, das ja eines Tages doch wieder erstarken mußte, hätte eine so furchtbare Demütigung, eine so völlige Zerstörung seiner Balkanpolitik, eine so gewaltige Vergrößerung Österreichs natürlich niemals anerkannt. An Bundesgenossen hätte es ihm nicht gefehlt. Die österreichische Kriegstüchtigkeit wäre durch die innere serbische Krankheit noch vermindert worden – nichts anderes hätte man erreicht. Wenn die Frage, ob die Annexion Bosniens nötig und vorteilhaft gewesen ist, auch verneint werden muß, so ist es doch nicht zweifelhaft, daß es immerhin noch richtiger war, den Staatsmännern zu folgen als dem Militär. Und wenn man einwirft: »Ihr seht doch, was daraus entstanden ist«, so kann man nur mit der Frage antworten: »Mußte es entstehen?«

295 Die Anhänger Conrads und der Politik, die seinen Ratschlägen entsprach, wenden ein, der Krieg gegen Serbien, den er empfahl, habe immerhin eine Chance geboten, wie eine Operation in Lebensgefahr. Man darf, sagen sie, der Operation nicht ausweichen, wenn man alle Rezepte verbraucht, alle Medizinen vergeblich angewendet hat. Die Zeit, von deren heilender Wirkung so viel gesprochen wird, konnte nur den Serben zugutekommen. Das Geschwür hätte sich ausgebreitet und allmählich eine allgemeine Blutvergiftung, eine völlige Zersetzung erzeugt. Ihr kritisiert und tadelt, sagen diese politischen Militärs und militärischen Politiker, aber ihr bringt keine positive Idee. Welche Politik hätte denn, euerer Meinung nach, das Wachstum der serbischen Gefahr verhindern können? Diese Fragestellung ist, da das serbische Problem schließlich ein europäisches war, nicht ganz so berechtigt, wie sie bei oberflächlicher Betrachtung erscheint. Es kam auch für die Überwindung des lokalen Übels auf die Entwickelung Europas an. Aber hatte Österreich-Ungarn in seinem Bemühen, die serbische Krankheit »lokal« zu bekämpfen, wirklich alle Rezepte verbraucht? War wirklich der ganze Medizinkasten ausgeleert? Es braucht nicht daran erinnert zu werden, daß Bismarck vergeblich versucht hatte, den Kaiser Franz Joseph und Kálnoky für eine Teilung der Interessensphären auf dem Balkan zu gewinnen. Diese Gelegenheit war versäumt und was konnte nun geschehen? Nach Conrads gewiß unwiderlegbarer Ansicht war Österreich-Ungarn von zwei Feinden bedroht. Italien und Serbien streckten die Hände nach österreichischen Besitztümern aus. Die Interessen dieser beiden Staaten waren nicht gleichartig, kaum miteinander zu verbinden, sondern vielmehr einander entgegengesetzt. Sie konnten zum mindesten gegeneinanderprallen, wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gab. Wer zwei Feinde hat, soll nichts tun, um sie zu vereinigen, sondern sich bemühen, sie zu trennen. Österreich-Ungarn mußte den nach Vergrößerung, nach Ausdehnung strebenden serbischen Nationalismus dorthin ablenken, wo er mit dem italienischen Nationalismus zusammenstieß. Es mußte dem 296 mit vollem Rechte nach Luft verlangenden Serbien den Ausgang zum Adriatischen Meere öffnen, ihm gestatten, täglich von einem Balkon über die blauen Fluten nach Italien hinüberzusehen. Vor einer solchen Politik kann man zurückschrecken, wenn sie mit territorialen Opfern verbunden ist, aber sie hätte den Herren in Wien und Budapest gar kein solches Opfer auferlegt. Ein Großserbien, dessen Fahne in Skutari wehte, hätte ewig nach dem österreichischen Eigentum geschielt? Ewig vielleicht, aber zunächst wäre es mit Italien aneinander, oder wenigstens auseinandergekommen. Die Wiener Politik war mißgünstig, kurzsichtig, unfähig, mit mehr als mit dem kleinen Einmaleins zu rechnen, und so sehr hinter der Zeit zurückgeblieben, daß sie die Erfindung des Blitzableiters gar nicht begriff. Und in Berlin unterstützte man später noch, kameradschaftlich und gottergeben, diese Traditionsstümperei, ohne zu erkennen, daß an der Adriaküste die gegnerische Mächtegruppe scheitern konnte, und daß hier die Bäume wuchsen, von denen Eris ihre goldenen Äpfel pflückt.

*

Der diplomatische Erfolg in der bosnischen Frage umgab die Kanzlerschaft des Fürsten Bülow mit einem letzten Glanz. Aber man fühlte, daß es der Glanz des Sonnenunterganges sei. Wilhelm II. meinte, und ließ sich zuflüstern, daß Bülow ihn in der »Daily-Telegraph«-Affäre verraten habe, und bereitete in beleidigtem Herzen die Rache vor. Am 11. März 1909 war es in einer Unterredung zu einer Scheinversöhnung gekommen, aber das gnädige kaiserliche Lächeln war das übliche Lächeln gekrönter Autokraten, das den schon ausgelieferten Minister über sein Schicksal täuschen soll. Wilhelm II. schreibt, daß er »unter dieser ganzen Angelegenheit seelisch schwer gelitten habe«, und tatsächlich hat ihn nach der Reichstagsdebatte, in der einige Wahrheiten ausgesprochen worden waren, eine nervöse Ermattung befallen. Während der eigentlichen Sturmtage hatte er in Donaueschingen, im Schlosse seines brillanten Freundes, des Fürsten Fürstenberg, Feste gefeiert, sich über die 297 Lieder eines Berliner Kabarettsängers amüsiert und seinen Chef des Militärkabinetts, den Grafen Hülsen-Häseler, in der Verkleidung und der Kunst einer Ballettänzerin bewundert, und die Erschütterung seiner Nerven wurde wohl nicht nur durch die Politik, sondern auch durch das bedauerliche Ende des hohen militärischen Tänzers verursacht, der vor den Augen des obersten Kriegsherrn im Kleidchen der Balletteuse sterbend zusammenbrach. Diejenigen, die vom höfischen Leben der Zeit wenig gewußt hatten, waren ein wenig erstaunt, als sie erfuhren, der Chef des Militärkabinetts habe sich in solcher Verkleidung als Tänzerin produziert. Aber auch Sully, der Minister Heinrich IV., hatte die Gewohnheit, mit einer bizarren Mütze auf dem Kopfe und umgeben von einigen Flötenspielern, zu tanzen, und die Chronik berichtet nur nicht, daß das in Gegenwart des Königs und einer strahlenden Gesellschaft geschehen sei. Mit wie wenig gewählten Worten sich Wilhelm II. in jenen Monaten über den Fürsten Bismarck zu äußern pflegte, war schon bekannt, bevor Graf Zedlitz-Trützschler in seinem Buche einige Proben gab. Man wußte, daß die mündliche kaiserliche Kritik den Stil der Randbemerkungen beinahe noch übertraf. Wilhelm II. soll seinen Adjutanten im Rauchzimmer gesagt haben, seit Cäsar Borgia habe ein so heuchlerischer Mensch wie Bülow nicht gelebt. Wie lange war es her, daß er aus Wilhelmshöhe an »den besten, intimsten Freund« geschrieben hatte: »Ihre Person ist für mich und unser Vaterland 100 000 mal mehr wert als alle Verträge der Welt« . . .? Dem König von Württemberg zeigte Wilhelm II. später eine Photographie des Schloßgartens, in dem er Bülow die Abschiedsaudienz erteilt hatte: »Hier habe ich das Luder fortgejagt.« In seinem Buche spricht er sanfter, aber nur weil das Luder noch lebt und gewiß auch mancherlei zu erzählen hat.

Ein Kreis höfischer Intriganten, zu dem der Graf Oppersdorf, der Zeremonienmeister von Roeder und andere Herren mit ihren Damen gehörten, und dem; aus altem Haß gegen Bülow, der Freiherr von Eckardstein sich gern zugesellte, bereitete bei Zusammenkünften, die gewöhnlich im Hotel 298 Esplanade stattfanden, nach bewährten Rezepten wirksames Gift. Da ich sowohl die Blockpolitik wie die außenpolitischen Aktionen des Fürsten Bülow bekämpft hatte, glaubten diese Personen, in mir einen Gleichgesinnten zu finden, was sich indessen als ein Irrtum erwies. Am 24. Juni 1909 wurde im Reichstag die Erbschaftssteuer von den Konservativen zu Fall gebracht. Die Konservativen wußten, daß sie damit nicht nur ihren eigenen Interessen, sondern auch dem stillen Wunsche des Kaisers dienten, der so, ohne sich selbst zu sehr bloßzustellen, die ersehnte Gelegenheit zur Entlassung des Fürsten Bülow fand. Bülow fuhr zu Wilhelm II. nach Kiel. Er bat um Enthebung von seinem Amte, und seine Bitte wurde sofort erfüllt. Er hätte als Warner, in der Zurückweisung der wilhelminischen Selbstherrscherlaunen, fallen können. Aber das wäre die Geste des Volksmannes gewesen, und diese Gesten lagen dem Fürsten Bülow nicht.

Ich bin dem Fürsten Bülow, der ein großer Künstler im Menschenfang war, während seiner Kanzlerschaft ferngeblieben und habe ihn erst nach seinem Rücktritt näher kennengelernt. In vielen Gesprächen hat er mir seine Meinung über die politischen Probleme und Vorgänge der Vergangenheit mitgeteilt, seine Erfahrungen und Erlebnisse ausgebreitet, und immer ist es ein großer Genuß, wenn er so historische Momente und Episoden wachruft, Aussprüche von Staatsmännern und Schriftstellern anführt, aus vollen Truhen hergibt und, wie ein Händler im orientalischen Bazar, die Edelsteine in die Schale gleiten läßt. Wie er in der Anmut dieses unaufdringlichen Hinstreuens, in dieser Feinheit und Unerschöpflichkeit der Unterhaltung von keinem anderen Deutschen seiner Zeit übertroffen oder erreicht wird, so hat er auch, wie schwerlich noch viele in Deutschland, jenen Briefstil bewahrt, der aus dem Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts stammt. Seine Briefe, obgleich mühelos hingeworfen, sind künstlerisch ziseliert, ernste politische Betrachtungen werden mit einer liebenswürdigen Anekdote abgeschlossen, ein feingebildeter Spaziergänger plaudert unter den Bäumen von Klein-Flottbeck, oder in den römischen 299 Gärten, Absichtliches und kleine Bosheiten gleiten, um das Goethesche Wort zu gebrauchen, auf Blumenfüßen vorüber, und ein wenig preziös, aber immer treffsicher, werden die Zitate angebracht. »Wie Sie,« schrieb er mir in einem ersten Briefe, »habe ich mich immer bestrebt, das Persönliche vom Politischen zu trennen. Politische Meinungsverschiedenheiten auf das persönliche Gebiet zu übertragen, hieße die ersteren unnötig verschärfen und dabei die persönlichen und gesellschaftlichen Beziehungen erschweren und verunstalten. Ich gehe noch weiter und glaube, daß es kein besseres Mittel gibt, die eigenen Überzeugungen zu klären und, soweit sie richtig sind, zu befestigen, als mit Menschen zu diskutieren, die anderer Ansicht sind, sofern sie ihre Ansicht nur mit Geist zu vertreten wissen. Das nannte der große Frankfurter Philosoph, den ich in meiner Kindheit noch an der ›Schönen Aussicht‹ längs des Mains habe spazierengehen sehen, seine Ideen ventilieren.« . . . Mit der Neigung, auf den Höhen der Macht zu weilen, vereinigte sich in ihm jener weltmännische Skeptizismus, jene angenehme, ausgleichende epikuräische Philosophie, die das Leben nimmt, wie es ist, und das Beste herauszuziehen weiß. Die Philosophie Montaignes, der die menschlichen Wahrheiten nicht tragisch nahm und der bei der Pest in Bordeaux die Berührung mit der wirklichen Tragödie vermied.

Unbestreitbar war Fürst Bülow unter den »Paladinen« Wilhelms II., in dieser bureaukratisch-militärischen Gesellschaft, eine besondere Persönlichkeit. Das muß man konstatieren, auch wenn man die Ereignisse und die Forderungen der Zeit anders als er gesehen hat und sieht. Er gehörte durch Erziehung und Anlage einer undemokratischen Epoche an. Er konnte nicht begreifen, daß, nach einem Worte Ibsens, immer nur der rechtbehält, der mit der Zukunft im Bunde ist. In der Dreyfusaffäre und in der Marokkokrisis übersah er die geistigen und seelischen Wandelungen eines fremden Volkes, die nach oben drängenden Kräfte, und auch im eigenen Lande hatte er für das, was nach oben drängte, weniger Aufmerksamkeit als für das, was schon oben war. Die Tatsache, daß Intelligenz und 300 Bildung infolge der gewerkschaftlichen Organisation und des Fortbildungsunterrichtes in den unteren Schichten erheblich zugenommen hatten, während in den sogenannten höheren und höchststehenden mehr die entgegengesetzte Entwickelung sich zeigte, übte auf seine Anschauungen und seine Haltung keinerlei Einfluß aus. Er hätte, wenn dieses Zitat für ihn nicht zu abgenutzt gewesen wäre, das quieta non movere seinen Wahlspruch nennen können. Aber diese staatsmännische Maxime verliert ein wenig vom Schimmer der Weisheit, wenn alles ringsherum sich bewegt und die Staatskunst das einzige ist, was ruht. Er blieb in seiner inneren Politik zur Unfruchtbarkeit verurteilt, weil er zwar die Willkür Wilhelms II. als schädlich erkannte, aber den höfischen Stil der festen Abwehr vorzog, seine Autorität, die er in auswärtigen Fragen dem Kaiser gegenüber oft erfolgreich ausspielte, nicht für eine allgemeine Wandelung einsetzte, und vor allem gegen das einzige Mittel, die Willkür der zufälligen Machthaber einzuschränken, gegen die parlamentarische Kontrolle, eine halb diplomatisch-politische, halb ästhetische Abneigung empfand. Er lebte in den traditionellen Formen – und war es einem Kanzler unter Wilhelm II. möglich, rechtzeitig den rettenden Eingriff zu wagen, die Formen zu zerbrechen und sich von Traditionen zu trennen? Das parlamentarische Regime ist die einzige Staatsform, die in Zeiten der Not dem Monarchen die Verantwortung abnimmt und ihn schützt. Aber an Zeiten der Not dachte man in der Zeit des äußeren Glanzes nicht. Fürst Bülow war gewiß ein viel zu kluger Beobachter, um nicht die Korruption zu erkennen, die von dem ekelhaften Byzantinismus ausging, aber er selbst meldete oft der Majestät seine Bewunderung, streute, wenn er seinen Kaiser auf den richtigen, oder auf den für richtig gehaltenen Weg führen wollte, sehr viel Blumen auf das Pflaster und beruhigte sich im übrigen gleich jenen mitleidigen Egoisten, die nicht gern eine Krankheit für lebensgefährlich halten wollen. Es schien ihm am richtigsten, das, was er nicht bessern konnte, zu überhören oder zu übersehen. Er verhinderte, wie er oft zu verstehen gab, das Schlimmste und tilgte 301 in anderen Fällen, so weit es ging, hinterher die Spuren aus. Aus einer Katastrophe machte er einen Zwischenfall.

Es ist nicht nötig, noch einmal die Fehler aufzuzählen, die er, unter dem Einfluß Holsteins, oder Herrn von Tirpitz nachgebend, oder auch der eigenen optimistischen Natur folgend, in der auswärtigen Politik begangen hat. Natürlich kann er einwenden, Fehler habe auch Bismarck gemacht. Fest steht, daß Deutschland um 1900 am Kreuzwege angelangt war und seine Regierenden den ausgestreckten Arm des Wegweisers nicht sehen wollten oder nicht sahen. Was Fürst Bülow auch einwenden mag – das Bündnis mit England war eine Lebensnotwendigkeit für Deutschland, weil nur so die englisch-französisch-russische Einigung sich verhindern ließ. Wilhelm II., Tirpitz und die lungenstarken Tritonen sahen nur die Masten ihrer Schiffe und nicht Europa, und Fürst Bülow ließ sich auch da allzu lange von dem philosophischen Hange leiten, den Dingen die besten Seiten abzugewinnen. Durch die Marokkopolitik, durch die Ratschläge, die Wilhelm II. den Russen erteilte, und durch Björkö wurde die Isolierung Deutschlands vervollständigt, und die Wiener Diplomaten gewöhnten sich an die Auffassung, daß sie dem Bundesgenossen unentbehrlich geworden seien. Aber es muß noch einmal gesagt werden, daß mitschuldig an allen Irrtümern, und oft hauptschuldig, der entfesselte Nationalismus war. Er drängte zu all diesen Fehlern und stellte sich jeder vernünftigen Politik in den Weg. In den »Vögeln« des Aristophanes erzählt der Chor von einem gefiederten Stamme, »Zungendrescher zubenannt«. Dieser Zungendrescher wegen schneide man in Attika beim Opfer den Vögeln die Zunge heraus. Die erwähnte Gattung hat, in allen Ländern, nicht aufgehört zu schnattern, zu schreien, zu krächzen und zu krähen. Nur die Opfersitte existiert nicht mehr.

Für die Chauvinisten und Nationalisten hatte, überall in der Welt, die eigentliche Glanzperiode begonnen. Die Zunahme des Chauvinismus war eine Erscheinung geistigen und kulturellen Niederganges, die in allen europäischen Großstaaten, neben der hochgesteigerten praktischen 302 Wissenschaft, zutage trat. An der Glut, die von den Volksverhetzern des einen Landes geschürt wurde, zündeten die Brandstifter im anderen ihre Fackel an. Alle arbeiteten im gleichen Sinne, wenn auch nicht auf die gleiche Manier. Die englischen Nachkommen der Pulververschwörer legten planvoll ihre Minen, die französischen Erben der Bartholomäusnacht schliffen hinterlistig ihre Dolche, die Söhne Teuts waren laut und grob. Überall wünschten die eigentlichen Volksschichten Frieden und Ruhe, aber Mißtrauen beeinträchtigte das seelische Gleichgewicht. Die Deutschen blickten mit Sorge auf die Liga, die sich gegen sie geschlossen hatte, und die anderen klagten ebenso über deutsche Intrigen und meinten, durch den unbewachten, nicht verfassungsmäßig eingedämmten Tätigkeitsdrang des Kaisers und einer rücksichtslosen Kaste bedroht zu sein. Es war indessen noch niemand bereit, allen diesen durcheinanderziehenden, gegeneinandertreibenden Kräften das Zeichen zur großen Eruption zu geben, und die Adler saßen noch, heftig mit den Flügeln schlagend, hinter ihren Gitterstangen. Die Leute mit den robusten Gewissen studierten erst die internationalen Möglichkeiten, auch Poincaré und Iswolski hatten sich noch nicht gefunden, aber in der Stille bildete sich das Talent.

Man hat behauptet, die Fehler der Bülowschen Politik hätten den Ausbruch des Krieges unvermeidlich gemacht. Manche Anhänger des Herrn von Bethmann Hollweg haben die ganze Schuld dem Fürsten Bülow zugewälzt. Das ist ein ungerechtes Unterfangen. Es gibt für einen Staatsmann keine »unentrinnbaren Götter«, es gibt kein Fatum, keine Parzen, keine »unerbittlichen Schwestern«, die den Faden spinnen, und es gibt keine unveränderliche Situation. Ein Staatsmann, der versichern wollte, sein Vorgänger habe ihm alle Wege verbaut, wäre wie der Feldherr, der nach dem Mißerfolge seiner strategischen Pläne nur zu sagen weiß, daß er verraten worden sei. Die englisch-französisch-russische Koalition durfte und brauchte nicht zu entstehen. Diesem Zusammenschluß hätte vorgebeugt, für Deutschland nützliche Bündnisse hätten geschaffen 303 werden können. Aber viele Koalitionen und Bündnisse sind gekommen und gegangen. Immer neue Bindungen bilden und lösen sich, jeder Tag der Weltgeschichte hat sein eigenes Gesicht. Als Fürst Bülow im Dezember 1914 nach Rom entsandt wurde und dort die letzten vergeblichen Versuche machte, Italien von kriegerischen Entschlüssen zurückzuhalten, sagte ihm der König Viktor Emanuel beim Empfang: »Wenn Sie in Berlin gewesen wären, so wären alle diese Dummheiten nicht geschehen.« Bülow kutschierte mitunter in der Nähe des Abgrundes, aber er kutschierte am Abgrunde vorbei. Er besaß zu viel diplomatische Fingergewandtheit, zu viel Einfälle, zu viel Auskunftsmittel, zu viel Geistesgegenwart, um hemmungslos hinunterzusausen, und wußte, wie man im letzten Augenblick die Dinge einrenkt, kittet, arrangiert. Er schützte sich, schützte für den Augenblick Deutschland, in der Durchführung des sehr angreifbaren bosnischen Unternehmens, indem er, statt sich wie ein Mazeppa an das österreichische Pferd binden zu lassen, die Leitung übernahm.

In seinem Briefe vom 28. Juli 1916, den ich hier mitgeteilt habe, wendet er sich gegen einen kritischen Aufsatz des Professors von Wiese und sagt, das Ultimatum, das von Deutschland unterstützte österreichische Ultimatum vom 23. Juli 1914 – »und ein Ultimatum in dieser Form« – habe er allerdings nicht in seine Rechnung gestellt. Es war freilich nicht möglich, etwas Derartiges vorherzusehen. Ein Routinier des rouge et noir wirft niemals den allerletzten Inhalt seiner Brieftasche auf den Tisch. Es ist sehr gefährlich, wenn ein guter Hausvater in Monte Carlo spielt.

 


 

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