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Das Vorspiel

Theodor Wolff: Das Vorspiel - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Vorspiel
authorTheodor Wolff
year1924
firstpub1924
publisherVerlag für Kulturpolitik
addressMünchen
titleDas Vorspiel
pages303
created20140121
sendergerd.bouillon@t-online.de
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V

In der Zeit zwischen dem Abschluß der englisch-französischen »Entente cordiale«, der am 8. April 1904 sich vollzog, und der Algesiras-Konferenz, die am 16. Januar 1906 begann, also in der Zeit, wo die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich auf das äußerste gespannt waren und die Idee einer Annäherung an Deutschland in Paris jeden Boden verlor, unternahm Wilhelm II. eine Aktion, die in kaum zu übertreffender Weise seine Unkenntnis der Tatsachen, seinen irrlichthaft aufzuckenden Übereifer und seinen Glauben an die überragende und alles entscheidende Kraft der Monarchen zeigt. Man muß hinzufügen, daß in dieser Episode auch eine Gebrechlichkeit der kaiserlichen Natur sichtbar wird, die Mitgefühl erwecken könnte, während das nicht minder beträchtliche Wirken der amtlichen politischen Persönlichkeiten nicht die gleichen Empfindungen erweckt. Seit Februar 1904 war Rußland im Kriege mit Japan, die Niederlagen zur See wechselten mit den Niederlagen auf dem Lande ab, und die Väterchen-Autokratie war von der steigenden Unzufriedenheit ihrer Kinderchen bedroht. In seinen Ängsten und seiner Verlassenheit, und auch in seinem hilflosen Zorn über den englischen Protektor der asiatischen Sieger, sehnte sich Nikolaus II. nach einer Freundeshand. In Berlin beschloß man, sie ihm zu reichen, und der große Plan eines antienglischen Kontinentalbundes erschien nicht zu kühn. Bülow und Holstein, diesmal nicht so lange wägend und rechnend wie in den Tagen der englischen Bündnisangebote, verfaßten einen Vertragsentwurf. In der Einleitung hieß es, das Defensivbündnis sei zur Lokalisierung des russisch-japanischen Krieges bestimmt. Artikel eins besagte, daß jedes der beiden Kaiserreiche sich verpflichte, falls das andere 202 von einer europäischen Macht angegriffen werde, dem Angegriffenen »mit all seinen Streitkräften zu Lande und zur See« beizustehen. »Vorkommendenfalls«, hieß es weiter, »werden die beiden Verbündeten ebenso gemeinsame Sache machen, um Frankreich zur Beachtung der Verbindlichkeiten aufzufordern, die es nach dem Wortlaute des französisch-russischen Vertrages übernommen hat.« Dieser Satz bezog sich auf die Tatsache, daß Frankreich, schon an England gebunden, im russisch-japanischen Kriege die ältere Freundschaft ein wenig zu vergessen schien, und es ist einigermaßen seltsam, daß Deutschland so die Aufgabe übernahm, Frankreich in die russische Schulstube zurückzubringen, der es unartig ferngeblieben war. Da der erste Entwurf, und besonders dieser Paragraph über Frankreich, in Petersburg nicht ganz einleuchtend gefunden wurde, setzte man in Berlin einen zweiten auf. Diesmal fehlte der Satz über die französische Pflichtversäumnis, aber dafür sollte jetzt »Seine Majestät der Kaiser aller Reußen« Frankreich in die Abmachung einweihen und es verpflichten, »à s'y associer comme allié«. Dieser zweite Entwurf entstand im November 1904. Da die Landung des Kaisers in Tanger erst am 31. März 1905 vor sich ging, die öffentliche Meinung Frankreichs erst nach der Opferung Delcassés in Siedehitze geriet, konnte man im November 1904 in Berlin noch allenfalls glauben, daß Frankreich sich zu einem Anschluß an ein deutsch-russisches Bündnis bewegen lassen werde, obgleich neun Monate nach der Unterzeichnung der französisch-englischen Entente reichlich viel Optimismus in solchem Glauben lag.

Es ist notwendig, einige Proben aus den Briefen wiederzugeben, die Wilhelm in dieser Zeit frohen Hoffens an Nicky schrieb. »Was Frankreich betrifft, so wissen wir beide, daß die Radikalen und die antichristlichen Parteien, die augenblicklich die stärkeren sind, England zuneigen . . ., aber gegen einen Krieg sind, weil ein siegreicher General die sichere Zerstörung dieser Republik elender Zivilisten bedeuten würde«, äußerte Wilhelm II. am 30. Oktober auf seinem kaiserlichen Briefpapier. »Die absolute Sicherheit, daß 203 Frankreich beabsichtigt, neutral zu bleiben, und sogar seine diplomatische Unterstützung England zu leihen, ist der Grund, der der englischen Politik gegenwärtig ihre ungewöhnlich brutale Sicherheit verleiht. Dieser unerhörte Zustand wird sich zum Besseren wenden, sobald Frankreich sich direkt der Notwendigkeit gegenübergestellt sieht, Farbe zu bekennen . . .« »Wenn Du und ich Schulter an Schulter zusammenstehen, so wird das hauptsächliche Ergebnis das sein, daß Frankreich sich uns beiden offen und in aller Form anschließen muß und damit endlich seine vertraglichen Verpflichtungen gegenüber Rußland erfüllt, was für uns vom größten Werte ist, besonders im Hinblick auf seine schönen Häfen und seine gute Flotte, die dadurch auch zu unserer Verfügung stehen würden . . .« »Gerade diesen systematisch entstellten Zwischenfall (die Beschießung englischer Fischerboote an der Doggerbank durch die Flotte des russischen Admirals Rodjestvenski) haben sich die französischen Radikalen zunutze gemacht, Clémenceau und alles übrige Lumpengesindel, als weiteres Argument gegen die Notwendigkeit, daß Frankreich seine vertraglichen Verpflichtungen gegenüber Rußland erfüllt.« Mit solchen Bemerkungen über die Alliierten des Zaren meinte Wilhelm den ersten Entwurf samt dem Satze über Frankreich in Petersburg empfehlen zu können. Als seine Stilkunst diesen Zweck nicht erreichte und man in Rußland den ersten Entwurf nicht annahm, erläuterte er den zweiten in ähnlichen Episteln und spottete nebenbei nicht nur über »die demokratischen Zivilisten und Freimaurer Delcassé, Combes und Co.«, sondern gab dem Vetter Nicky auch den etwas gefährlichen Rat: »Schließlich würde ein ausgezeichnetes Mittel, die englische Anmaßung und Überheblichkeit abzukühlen, eine militärische Aktion an der persisch-afghanischen Grenze sein.« Ein Druck an der indischen Grenze von Persien aus würde in England Wunder wirken, denn der Verlust Indiens wäre für England der Todesstoß. Mit diesem Ratschlag verband Wilhelm die Aufforderung, man möge nun möglichst schnell zur Unterzeichnung des Vertragsdokumentes kommen. Indessen, in Petersburg, wo man am Kriege mit Japan gerade 204 genug hatte, verwarf man den kaiserlichen Ratschlag, dessen Befolgung zu einem kriegerischen Konflikt mit England hätte führen können, und man fand ebenso den zweiten Entwurf nicht annehmbar. Nikolaus II. hatte anfangs, wie ein Schwimmer in Lebensgefahr, nach dieser Planke gegriffen, aber er unterwarf sich bald der politischen Führung des Grafen Lamsdorff, des russischen Ministers des Äußern, und wollte nun zunächst der alliierten französischen Regierung von der Angelegenheit Kenntnis geben, obgleich sie aus elenden Zivilisten und ähnlichem Lumpengesindel bestand. Ohne Verständnis für eine so rücksichtsvolle Behandlung des Alliierten, wenngleich bemüht, nun seine Sprache den russischen Bündnisgefühlen anzupassen, schrieb Wilhelm II. seinem »liebsten Nicky« am 21. Dezember: »Loubet und Delcassé sind zweifellos erfahrene Staatsmänner, aber da sie keine Fürsten oder Kaiser sind, bin ich nicht in der Lage, sie – in einer Vertrauensfrage wie dieser – auf denselben Fuß zu stellen wie Dich, meinesgleichen, meinen Vetter und Freund.« Die Beweise dafür, daß die Geheimnisse auf den Höhen der gesalbten Fürsten nicht besser bewahrt werden, als in den Tälern der Sterblichen, sind zahlreich, und Wilhelm II. selber hatte die Sammlung um einige besondere Beiträge vermehrt.

Da nach der ersten Anregung des Zaren in Petersburg offenbar Bedenken erwacht waren, die sich bei jedem Mahnbrief Wilhelms nur verstärkten, und da Graf Lamsdorff den Plan mit zögernder Vorsicht behandelte, kam der Kaiser, im Sommer 1905, auf eine kühne Idee. Er wollte mit eigener Hand dem Zaren den Vertrag entreißen, ungefähr wie in den Romanen aus der Zeit der Tafelrunde oder in Ariosts »Rasendem Roland« ein Ritter immer dem anderen das Zauberschwert entriß. Jenes Geschwader Rodjestvenskis, dem Wilhelm II. den Sieg prophezeit hatte, war vom Admiral Togo bei Tsuschima vernichtet worden, Rußland hatte Roosevelt um die Friedensvermittelung ersuchen müssen, im Januar hatten vor dem Winterpalais in Petersburg die Zarengarden die unter Führung des Popen und Polizeispitzels Gapone mit friedlicher Bitte nahenden Arbeiter 205 zusammengeschossen und im Februar hatten die Revolutionäre in Moskau den Großfürsten Sergius durch ein Bombenattentat umgebracht. Nikolaus II. war unsicherer, ratloser, hilfsbedürftiger als je. Im Juli teilte Wilhelm II. dem Fürsten Bülow mit, daß er, wie gewöhnlich in der Sommerzeit, eine Fahrt auf der »Hohenzollern« zu unternehmen gedenke, und fügte hinzu, daß er vielleicht in die russischen Gewässer einlaufen und den Zaren besuchen werde, um ihm seine Freundschaft zu zeigen und Trost zu bringen. Bülow erzählt in Gesprächen über diesen Vorgang, er habe von dem Besuche abgeraten und, als der Kaiser immer behauptete, Nikolaus werde Freude und Dankbarkeit empfinden, zu dem Argument gegriffen: »Wenn der Besitzer eines großen Rennstalles einmal schlechte Jährlinge hat, so hat er es nicht gern, daß gerade in einem solchen Moment ein anderer großer Rennstallbesitzer kommt und seinen Stall besichtigen will.«

Diese Einwendungen und Abmahnungen waren offenbar vor dem 20. Juli erfolgt, denn von diesem Tage an bemühte sich Fürst Bülow, wie aus den Akten hervorgeht, die Zusammenkunft der beiden Herrscher gut vorzubereiten, und von Norderney aus, wo er weilte, begann ein lebhafter telegraphischer Gedankenaustausch mit Holstein, der als treuer Wächter im Auswärtigen Amte zurückgeblieben war. Der auch hier wieder sehr scharfsinnige Holstein hielt sofort die »Angliederung Deutschlands an den frankorussischen Zweibund« für möglich, besonders da nun Delcassé nicht mehr am Ruder sei. Er meinte, Rouvier werde »nicht so absolut widerstreben, wie Delcassé getan hätte«, und sah offenbar gar kein Hindernis darin, daß man in der gleichen Zeit, seit vierzehn Tagen, Rouvier »von Demütigung zu Demütigung« trieb. Auch Bülow glaubte ersichtlich, man könne Frankreich durch die Marokko-Politik ein bißchen aufregen und es in demselben Moment für ein gegen England gerichtetes Bündnis gewinnen. Man schickte dem Kaiser den Entwurf des Bündnisvertrages und riet ihm, in der Unterredung mit dem Zaren nicht die Initiative zu ergreifen, sondern abzuwarten, »bis der andere Teil den Wunsch zu erkennen gibt«. Man 206 hatte auch beschlossen, der Welt die Zusammenkunft zu verheimlichen und nicht einmal die Polizei zu unterrichten, aber wenn vielleicht die Polizei nichts erfuhr, so wurde doch die Welt sehr schnell aus dem schwatzhaften Petersburg über das bevorstehende Ereignis informiert.

Wilhelm II. fuhr ab, und kam, wie er es sich vorgesetzt hatte, in Björkö mit dem Zaren zusammen. Er war begleitet von Herrn von Tschirschky, der ein gemessener und fleißiger Beamter und, wie der Kaiser in einem Telegramm sagte, »ein ganz goldener Charakter« war. Der Marineminister Admiral Birileff, den der Zar mitbrachte, scheint mehr ein Mann im Genre Isolanis gewesen zu sein, der nach Tische alles unterschreibt, wenn man ihn nur mit Lesen verschont. Jedenfalls erinnert in der Szene, die sich in Björkö abgespielt hat, mancher Zug an die Bankettszene in Schillers »Piccolomini«. Wilhelm II. hatte den Vertragsentwurf bei sich, mit dem Paragraphen über Frankreich, aber er hatte unterwegs, auf dem Schiffe, eine kleine Änderung vorgenommen. In dem Satze: »Im Falle, daß eines der beiden Kaiserreiche von einer europäischen Macht angegriffen werden sollte, wird sein Alliierter ihm mit allen seinen Streitkräften zu Lande und zur See helfen«, hatte er die Worte »in Europa« eingefügt, die beiderseitige Verpflichtung also auf den Umkreis von Europa beschränkt. Am 24. Juli konnte Wilhelm II. aus Björkö an Bülow telegraphieren, der Zar habe unterzeichnet und ihn nach der Unterzeichnung umarmt. Bülow antwortete »mit tiefer Bewegung und innigem Dank« und sprach dem Kaiser, »der allein diese Wendung ermöglicht und herbeigeführt habe«, seinen Glückwunsch aus.

Ein sehr ausführlicher Bericht, den Wilhelm II. hochbeglückt am 25. Juli aus Wisby an den Fürsten Bülow sandte, ist im ersten Teile ein frommes Dankgebet. »Gott hat es also gefügt und gewollt, allem Menschenwitz zum Trotz, allem Menschentreiben zum Hohn . . .« »Was im vergangenen Winter Rußland in Hochmut ausschlug und in Intrigensucht zu unserem Nachteil auszugestalten versuchte, hat es jetzt, durch des Herrn furchtbare, harte, demütigende Hand herabgedrückt, mit Dank freudigst als eine schöne Gabe 207 akzeptiert.« Der Kaiser erzählte dann, er habe so viel nachgedacht, daß ihm »der Kopf gebrummt« habe, dann aber seine »Hände zum Herrn über uns alle erhoben« und ihm, in dessen Hand er selber nur ein einfaches Werkzeug sei, »alles anheimgestellt«. Nach dieser religiösen Einleitung schilderte er, wie es ihm durch List und Geschicklichkeit in der Kabine des »Polarstern« gelungen sei, den Zaren zu überrumpeln und ihm die Unterschrift abzuringen. Der Zar hatte »eine schwere persönliche Wut auf England und den König«, den er den »gefährlichsten Intriganten der Welt« nannte, und richtete nach einem »vortrefflichen breekfast« an seinen Gast die Frage, ob wohl zwischen England und Frankreich etwas abgemacht worden sei. Wilhelm II. erwiderte, »so etwas wie ein kleines agreement« werde wohl bestehen. Er warf, als der Freund ihn bekümmert anblickte, die Worte hin: »Wie wäre es, wenn wir auch so ein little agreement machten?« und fügte hinzu, im vorigen Winter sei das Delcassé- wegen und wegen der Spannung mit Frankreich nicht gegangen, »jetzt aber sei das alles vorbei, wir werden gute Freunde der Gallier werden, also fällt jedes Hindernis fort«. Er habe ganz zufällig eine Abschrift des Vertragsentwurfes in der Tasche – und dabei zog er sie hervor und reichte sie dem Zaren hin. Nikolaus, dessen »träumerische Augen in hellem Glanze funkelten«, las das Dokument. »Es war totenstill, nur das Meer rauschte, und die Sonne schien fröhlich und heiter in die trauliche Kabine, und gerade vor mir lag leuchtend weiß die ›Hohenzollern‹ und hoch in den Lüften flatterte im Morgenwind die Kaiserstandarte auf.« Nikolaus II. sagte, nachdem er gelesen hatte: »Das ist ausgezeichnet, ich stimme zu.« Ob er unterzeichnen wolle, fragte der Kaiser – die Unterschrift wäre »ein sehr schönes Andenken an die Entrevue«. Der Zar, nicht mehr mit träumerischen, sondern mit strahlenden Augen, antwortete: »Yes, I will.« Wilhelm II. klappte das Tintenfaß auf, reichte dem Zaren die Feder, Nikolaus unterschrieb den Vertrag und Tschirschky und der brave Birileff fügten ihre Namen hinzu. Mit einigen frohen Bemerkungen über diesen »Wendepunkt in der Geschichte Europas« schloß der Kaiser die anschauliche und anziehende 208 Schilderung seines Triumphes, und Fürst Bülow konstatiert: »Eurer Majestät ist ein großer Wurf gelungen.« Irgendein Zweifel an der Festigkeit seines Werkes konnte dem Kaiser nicht kommen. Von Frankreich wußte er so wenig, wie er verstand, daß es auch für die auswärtige Politik ein Rußland und nicht nur einen Zaren gab. Um die Sonne der Monarchen drehte sich die Welt. Wenn zwei von Gott geweihte Herrscher in einem Kajütensalon nach vorbereitendem Trunk ihre magischen Kräfte vereinigten, konnten sie die Welt sogar rückwärts drehen.

Schon am 26. Juli aber, am Tage bevor er »den großen Wurf« konstatierte, hatte Fürst Bülow das Vertragsdokument erhalten und in dem Text die nicht von ihm dorthin gesetzten Worte »en Europe« entdeckt. Er faßte diese Änderung sehr ernst auf und telegraphierte an Holstein: »Sind Sie der Ansicht, daß der Zusatz ›en Europe‹ den Vertrag für uns wertlos macht, weil in Europa Rußland uns mit seiner aufgeriebenen Flotte überhaupt nicht und mit seinem Heere nicht gegen England nützen kann?« Er fragte, ob er nicht richtig tun würde, durch Verweigerung seiner Unterschrift den Vertrag zum Scheitern zu bringen. Holstein erwiderte, das Abkommen habe viel von seiner Bedeutung verloren, sei aber »immer noch entschieden vorteilhaft für uns«. Am 28. Juli legte Bülow in einem Telegramm an den Kaiser seine Bedenken dar. Er erwog die Möglichkeit, wie man die störenden Worte aus dem Dokument wieder entfernen könne, und bemerkte: »Die Sache erscheint mir äußerst wichtig, ist aber nicht eilig, da der Vertrag erst nach Abschluß des Friedens« – des Friedens zwischen Rußland und Japan – »in Kraft treten soll.« Nachdem ihm der Kaiser geantwortet hatte, er habe »den Passus mit vollem Bewußtsein eingesetzt, da ohne ihn Deutschland unbedingt zur Mitwirkung in Asien verpflichtet gewesen wäre«, telegraphierte Bülow: »Ich würde es nach wie vor als ein großes Glück betrachten, wenn der Zusatz ›en Europe‹ wegfiele, gebe aber vollkommen zu, daß nicht nur die Sache selbst, sondern auch die Art und Weise, wie die Änderung eventuell möglich wäre, reifliches Erwägen verdient.« Wilhelm II. fiel, 209 was man begreifen kann, aus allen Himmeln, als er dann am 3. August, in Swinemünde angelangt, die Nachricht empfing, der Reichskanzler habe, weil er den Zusatz für »perniziös« halte, ein Entlassungsgesuch eingereicht.

 

Wahrscheinlich ruht auch in verschlossenen Archiven und fest verwahrten Hoftruhen kein ähnliches Schriftstück wie der Brief, in dem Wilhelm II. am 11. August 1905 den wohl nicht unbedingt amtsmüden Fürsten Bülow anflehte, neben dem Throne auszuharren. Der Brief wurde in Wilhelmshöhe geschrieben und seine Existenz blieb natürlich, wie das Demissionsgesuch Bülows und die ganzen Vorgänge in und um Björkö, dem Volke verborgen, bis man ihn, gut aufbewahrt, zwischen den anderen Papieren des Auswärtigen Amtes fand. Er wird in dem außerordentlichen Aktenwerke »Die Große Politik der Europäischen Kabinette« im vollen Wortlaut zu lesen sein. In dem Bande, der die diplomatischen Schriftstücke über Björkö enthalten wird. Wilhelm II. sagte in dem Schreiben an den Fürsten Bülow, er habe ihm, dem Reichskanzler, nur vorzuarbeiten und zu helfen versucht. Da habe der Fürst ihm »ein paar kühle Zeilen« und seine Entlassung geschickt. »Vom besten, intimsten Freund, den ich habe, so behandelt zu werden, ohne Angabe eines stichhaltigen Grundes, das hat mir einen solchen fürchterlichen Stoß gegeben, daß ich vollkommen zusammengebrochen bin und befürchten muß, einer schweren Nervenkrankheit anheimzufallen.« Er beschwor den Freund, ihm das nicht anzutun: »Ihre Person ist für mich und unser Vaterland 100 000mal mehr wert als alle Verträge der Welt . . .« »Ich habe sofort beim Kaiser (von Rußland) Schritte getan, die diese beiden Worte abschwächen oder eliminieren sollen.« Habe ihn nicht Bülow gegen seinen Willen »in Tanger eingesetzt«? Eindringlich erinnerte er den Reichskanzler an diese Begebenheit und an die Gefahren, von denen in Tanger sein Leben bedroht gewesen sei: »Ich bin Ihnen zuliebe, weil es das Vaterland erheischte, gelandet, auf ein fremdes Pferd, trotz meiner durch den verkrüppelten linken Arm behinderten 210 Reitfähigkeit gestiegen, und das Pferd hätte mich um ein Haar ums Leben gebracht, was Ihr Einsatz war! Ich ritt mitten zwischen den spanischen Anarchisten durch, weil Sie es wollten und Ihre Politik davon profitieren sollte, und jetzt wollen Sie mich, wo ich das alles – und, wie ich zuversichtlich glaubte, noch weit mehr – für Sie getan, mich einfach fahren lassen, weil meine Situation Ihnen zu ernst erscheint!! Aber Bülow, das habe ich nicht um Sie verdient! Nein, mein Freund, Sie bleiben im Amt und bei mir und werden mit mir gemeinschaftlich weiter arbeiten ad majorem Germaniae gloriam. Sie sind mir durch meine diesjährige Verwendung ja geradezu verpflichtet, Sie können und dürfen mir nicht versagen, damit wäre Ihre ganze eigene diesjährige Politik von Ihnen selbst desavouiert und ich auf ewig blamiert! Was ich (in dem Briefe unterstrichen) nicht überleben kann.« Ein Postskriptum besagte: »Der Morgen nach dem Eintreffen Ihres Abschiedsgesuches würde den Kaiser nicht mehr am Leben treffen« und die verzweifelte Mahnung: »Denken Sie an meine arme Frau und meine Kinder!« bildete den melodramatischen Schluß. Wenn nicht schon der Text des Briefes genügen würde, so ließe sich aus Flüchtigkeitsfehlern, falschen Interpunktionen und den heftigen Unterstreichungen die zitternde Hand des Schreibers erkennen. Nach dem Triumph eine solche Enttäuschung, nach dem »vortrefflichen breekfast« auf der russischen Kaiseryacht dieses Dessert! Es wäre grausam, bei der armen Bittschrift eines Monarchen zu verweilen, der sonst von Gott begnadet zu sein wähnte, den Völkern verkündet hatte, daß »ohne den deutschen Kaiser keine Entscheidung mehr fallen« dürfe, und vor seinen Untertanen nur als oberster Kriegsherr, als Herr über alles Schicksal, erschien. Marc Aurel hat gesagt, daß der Tod Alexander von Mazedonien und seinen Maultiertreiber in den gleichen Zustand versetzt habe, aber manchmal, wenn von der menschlichen Schwachheit die Maske herabgleitet, verwischt sich zwischen Hoch und Niedrig schon im Leben der Unterschied. Wilhelm II. brauchte nicht Selbstmord zu begehen. Bülow nahm selbstverständlich sein Entlassungsgesuch 211 zurück, fuhr nach Wilhelmshöhe und feierte dort mit seinem Kaiser ein Friedensfest.

Man kann finden, daß Fürst Bülow mit dem bedauernswerten Monarchen wirklich zu hart verfahren war. Zweifellos hatte die Einfügung der Worte »in Europa« den Wert des Vertrages nicht gerade gesteigert, aber der ganze, von Bülow und Holstein entworfene Vertrag hatte ohnehin keinen Wert. Wilhelm II. wollte, immerhin mit einiger Überlegung, Deutschland nicht für die Russen nach Asien marschieren lassen, und übersah, daß im Falle eines deutsch-englischen Konfliktes die russische Hilfe gänzlich unwirksam sein mußte, wenn sich daraus nicht eine Bedrohung der indischen Grenze ergab. Aber da dieses von der Zustimmung Frankreichs abhängige Bündnis überhaupt unausführbar, eine Seifenblase, ein Phantasiegebilde war, kam es auf Einzelheiten gar nicht an. Und der harmlose Glaube des Kaisers, daß Frankreich sich gewinnen lassen werde, war sehr viel entschuldbarer als die unheimliche Selbsttäuschung, in der Bülow und Holstein an dieses Unternehmen gingen. Der Kaiser lebte in der Überzeugung, daß man seine Weisungen befolgt, »die Kombination Rouvier« im Sinne einer deutsch-französischen Annäherung ausgenutzt habe und daß alle Hindernisse fortgefallen seien, aber Bülow und Holstein waren doch über ihre eigenen Taten besser informiert. Die Vertragskomödie auf dem »Polarstern«, durch die Frankreich in einen Bund zur Bekämpfung Englands hineingezogen werden sollte, fand am 24. Juli statt. Am 23. Juni hatte Fürst Bülow dem französischen Botschafter Bihourd den »Abgrund« angedroht, falls Frankreich die Konferenz nicht annehmen wolle, und in dem Monat, der zwischen den beiden Tagen lag, hatte man nach besten Kräften die Franzosen den Engländern in die Arme gejagt. Der Marokko-Konflikt war im schönsten Zuge, alle Kanonen der öffentlichen Meinung in Frankreich waren gegen Deutschland gerichtet, das Nationalgefühl war aufgepeitscht. Niemals waren die von England gestützten Franzosen so wenig zu einer Preisgabe der englischen Freundschaft und zu Liebesspielen mit uns bereit. Während in Björkö Wilhelm II. 212 dem Zaren von der Freundschaft mit den »Galliern« erzählte, stritt in Paris der Doktor Rosen mit Herrn Revoil über das Konferenzprogramm. Alles ging kraus durcheinander und die Linke der deutschen Staatsmänner wußte anscheinend nicht, was die Rechte tat. Später, im Oktober, entlud der Kaiser den aufgespeicherten Groll über das Mißglücken seines Projektes in jener Rede vom »trockenen Pulver« und »geschliffenen Schwert«, deren Ursprung damals niemand begriff. Nachdem er den Nervenzusammenbruch überwunden hatte, stärkte er durch solche Worte aufs neue sein Selbstbewußtsein, und das »himmlische Werkzeug« war wieder repariert.

Fürst Bülow zog es vor, das Vertragswerk von Björkö »abzubauen«. In Petersburg baute man es noch schneller ab. Auf der Heimfahrt, bei der Landung in Pillau, hatte Wilhelm, ganz erfüllt von seinem Erfolge, an Nicky geschrieben: »Die Stunden, die ich in Deiner Gesellschaft zubringen durfte, werden für immer in meinem Gedächtnis eingegraben sein.« Getragen von den Schwingen seiner Phantasie, hatte er in diesem Briefe dem Freunde und Vetter ausgemalt, wie nun »die kleineren Völker« sich »alle zu diesem neuen, großen Schwergewichtszentrum hingezogen« fühlen, »sich an diesen Hauptkörper anlehnen und um ihn kreisen« würden, und nebenbei mit Kasernenhumor von Marianne, der Französin, gesprochen, die verpflichtet sei, mit Nikolaus »im Bette zu liegen, schließlich auch mich hin und wieder zu liebkosen oder mir einen Kuß zu geben, aber nicht gerade in das Schlafzimmer des immer intriguierenden ›touche-à-tout‹ auf der Insel kriechen soll«. Noch am 24. August schrieb er: »Heute vor vier Wochen Björkö« und feierte »die festen Bande freundschaftlicher Vereinigung, die unseren Ländern, so Gott will, gute Früchte bringen wird.« Als er am 27. August in Rominten Witte, der nach den mit Roosevelt erfolgreich geführten Friedensverhandlungen aus Portsmouth heimreiste, empfangen hatte, berichtete er dem Zaren ausführlich über diesen Besuch. Witte habe ihm »den Eindruck eines Mannes von ungewöhnlicher Scharfsichtigkeit, Voraussicht und der seltenen Gabe der 213 Energie gemacht«. Er sei »ein fester Befürworter einer russisch-deutsch-französischen Alliance« und das, »was ich ihm von unserer Arbeit in Björkö erzählte«, habe ihn »infolgedessen sehr angenehm überrascht«.

Es ist richtig, daß Wittes politisches Ideal ein russisch-deutsch-französisches Bündnis gewesen ist. Witte, den Bülow seltsamer Weise zur englischen Partei rechnete, hatte schon im Jahre 1897, bei einem Besuche Wilhelms II. in Petersburg, dem Kaiser die Vorteile einer solchen Gruppierung dargelegt. Eine besonders tiefe Sympathie für Wilhelm empfand er nicht, und dieser sehr kühle Beobachter neigte überhaupt nicht zu »Sympathien«. Er verspottete die Uniformschwärmerei des deutschen Kaisers und sprach auch sonst von ihm sehr häufig mit einiger Ironie. In Rominten aber, in der Ungezwungenheit des Privatlebens, erschien der Kaiser dem russischen Gaste sehr zu seinem Vorteil verändert, liebenswürdig, einfach und »charmant«. Als in einem der Jagdschloßgespräche die große Politik angerührt wurde, erklärte Wilhelm II. plötzlich, der Wittesche Plan eines russisch-deutsch-französischen Bündnisses sei in Björkö zur Ausführung gelangt. Der Zar habe ihn ermächtigt, Witte dieses Geheimnis anzuvertrauen. »Nachdem Seine Majestät«, schreibt Witte, »mir diese außerordentliche Neuigkeit mitgeteilt hatte, fragte er mich, ob ich zufrieden sei, das Projekt ins Werk gesetzt zu sehen, und in meiner Naivität entgegnete ich, seine Worte hätten mein Herz mit Freude erfüllt.« Über den genauen Inhalt des Björkö-Vertrages freilich sagte der Kaiser in allen Unterhaltungen mit Witte nichts. Witte war der Meinung, Wilhelm II. wolle dem Zaren nicht vorgreifen, und nahm mit den besten Erwartungen Abschied von dem Schloßherrn, der ihm das Ehrengeleit bis zum Zuge gab.

Aber auch Nikolaus II. sprach sich, als er Witte empfing und ihm als Dank für den günstigen Frieden von Portsmouth den Grafentitel verlieh, über den Inhalt des Vertrages von Björkö nicht weiter aus. Er erwähnte nur den Brief, den Wilhelm II. ihm geschickt hatte, und sagte, er ersehe daraus zu seiner Freude, daß Witte die Anschauungen teile, aus denen der Vertrag von Björkö 214 hervorgegangen sei. Am nächsten Tage traf Witte den Minister des Äußern, den Grafen Lamsdorff, der ihn »mit bebender Stimme und kaum verhaltenem Zorn« fragte: »Billigen Sie wirklich den Björkö-Vertrag?« Als Witte entgegnete, daß er in der Tat eine Entente zwischen Rußland, Deutschland und Frankreich wünsche, fragte ihn Lamsdorff, ob er den Vertrag gelesen habe, und als Witte das verneinte, präsentierte ihm der Minister »sehr erregt und ganz außer sich« das Dokument. »Der Vertrag«, schreibt Witte, »bedeutete, daß wir Deutschland in dem Falle, wo es versuchen sollte, Frankreich zu bekriegen, verteidigen mußten, und das, obwohl wir 1890 einen Vertrag mit Frankreich abgeschlossen haben, demzufolge wir verpflichtet sind, es zu verteidigen, wenn es in einen Krieg mit Deutschland gerät. Andererseits verpflichtete sich Deutschland, das europäische Rußland im Falle eines Krieges mit irgendeiner europäischen Macht zu verteidigen, aber diese Bestimmungen waren ohne praktischen Nutzen, da uns im äußersten Orient, an unserer Achilles-Ferse, Deutschland uns selbst überließ.« Nach der Lektüre erklärte Witte, die Sache sei ungeheuerlich und Rußland werde dadurch in den Augen Frankreichs entehrt. Lamsdorff erwiderte, dem Zaren sei »dieses Detail entfallen«, denn »all das Geschwätz Wilhelms« habe ihm das Gehirn verwirrt. Lamsdorff, Witte und der Großfürst Nikolaus begaben sich gemeinsam zum Zaren, der nach einigem Zögern seine Genehmigung zur Annullierung des Vertrages gab. Wilhelm schrieb an Nicky noch ein paar mahnende Briefe, die keinen Erfolg hatten und einfach in das Archiv gelegt wurden, wo man nach der russischen Revolution sie mit all den anderen kaiserlichen Schriftstücken fand. Es war nur eine neue Unvorsichtigkeit, daß Wilhelm II., um den Einfluß Lamsdorffs zu zerstören, den Zaren gegen seinen Minister aufzustacheln versuchte und unter anderem versicherte, der König Eduard habe geäußert: »Lamsdorff, der ein sehr netter Mensch ist und mich alles wissen läßt . . .« Aus den Memoiren Wittes geht hervor, daß Nikolaus II. dem Grafen Lamsdorff die brieflichen Äußerungen Wilhelms nicht vorenthielt. Auch da wieder zeigte es sich, daß bei den 215 »Vettern und Freunden« die Diskretion nicht gesicherter als bei gewöhnlichen Sterblichen war. Und es ist nur selbstverständlich, daß man auch in London und Paris alles erfuhr, und daß man nun eifrig und geschickt an dem Abschluß eines englisch-russischen Vertrages zu arbeiten begann. Der Kaiser und seine Gehilfen hatten England durch einen Kontinentalbund »einzukreisen« versucht. In London bereitete man den Gegenzug vor.

Tirpitz erzählt, daß in einer Sitzung beim Reichskanzler am 31. Oktober 1904 Holstein »im Verfolge von kaiserlichen Initiativschritten« für ein Bündnisangebot an Rußland eingetreten sei. Frankreich sollte unter dem militärischen Drucke der beiden vereinigten Mächte bewogen werden, mitzutun. Tirpitz glaubte nicht, daß Frankreich sich durch ein »mit der Pistole erzwungenes Bündnis« gebunden fühlen würde, und hielt es auch für nicht zweifelhaft, »daß die Gefahr eines kriegerischen Zusammenstoßes mit England durch eine russische Allianz für uns wächst«. Seine ablehnende Meinung – und allerdings auch etwas optimistische Ideen über die Ungefährlichkeit Rußlands – sprach er in einem Briefe an den Unterstaatssekretär von Richthofen aus. Hammann nannte den Björkö-Vertrag »das Erzeugnis einer seltsam unwirklichen Phantasiewelt, in der man glaubte, mit höfischen Geheimtraktaten die Geschicke der Völker lenken zu können«. Schoen, der damals Botschafter in Petersburg war, bemerkte zurückhaltend, es sei »auch in dem engen Kreis der Eingeweihten eine nicht erwünschte Erinnerung geblieben, die einen leichten Schatten auf die amtlichen deutsch-russischen Beziehungen warf«.

Nachdem dank dieser Aktion, an der nur der Ausgang nicht überraschend war, nun auch in Rußland die antideutsche Bewegung sich verschärft hatte, verlegte sich Fürst Bülow darauf, zunächst eine Politik weiser Vorsicht zu befolgen, und vor allem, soweit als möglich, das verlorene Vertrauen wieder zu gewinnen. Von dem Tage ab, wo in Algesiras der Konferenzsaal geschlossen wurde, bis zum Oktober 1908, wurde, von einem Zwischenakt im Haag abgesehen, diese Politik konsequent durchgeführt, hatte die deutsche 216 Diplomatie nur eine Miene: die gute Miene zum bösen Spiel. Seit Herr von Holstein nicht mehr an seinem Schreibtisch im Auswärtigen Amte saß, begriffen die meisten, auf welche Abwege man geraten war. Man war ziemlich bedrückt, hatte den lebhaften Wunsch, die Dinge wieder einzurenken, die Spannung zu vermindern, und verfolgte nach allen Seiten hin die in dieser Lage allein richtige Politik der sanften Hand. Am 24. Mai 1906 sagte der Staatssekretär von Tschirschky im Reichstag: »Die Zeit der Mißstimmung zwischen Deutschland und England ist vorüber, der warme Ton, der anläßlich der letzten Anwesenheit der Vertreter deutscher Städte in England aus den Äußerungen englischer Staatsmänner zu uns herüberklang, wird jedenfalls bei der kaiserlichen Regierung und sonst allerorten die wärmste Aufnahme finden«, und am 15. August gab es in Kronberg eine Zusammenkunft zwischen dem Kaiser und dem König Eduard. In seiner Reichstagsrede vom 14. November teilte Fürst Bülow freundliche Gaben aus. Er erklärte zwar, um bei der Marokkothese zu bleiben: »Der Gedanke eines engeren Anschlusses oder eines Bündnisses mit Frankreich« – dieser Gedanke Wilhelms, der in der Tat jetzt jedem nüchternen Politiker kindlich erscheinen mußte – sei noch nicht realisierbar, aber er rühmte den Patriotismus der Franzosen und ihren nachahmungswürdigen nationalen Stolz. Er sagte: »Zwischen Deutschland und England bestehen keine tieferen politischen Gegensätze«, und bemerkte, daß Goethe und Kant den Engländern gehörten wie Shakespeare und Darwin uns. Mit Rußland seien seit langem in keiner Periode die Beziehungen »so normale, so ruhige und so korrekte« gewesen wie jetzt. Die schwebenden russisch-englischen Verhandlungen über Persien, Tibet und Afghanistan könnten uns nicht berühren, und wir hätten »keinen Grund, jene Verhandlungen zu stören oder ihr mutmaßliches Ergebnis scheel anzusehen«. Mahnend wandte sich Fürst Bülow gegen die Alldeutschen und sagte ihnen, daß »das Herz des Patrioten sich nicht zeigen soll in unterschiedslosem Raisonnieren auf alle Fremden«, und auch nicht »in kühnen Zukunftsträumen«, durch die überall Mißtrauen gegen uns verursacht wird. 217 Wilhelm II. hatte schon am 8. September die alldeutschen Beklemmungen und auch die sachliche Kritik mit dem Kaiserwort zurückgewiesen: »Schwarzseher dulde ich nicht.«

Im Jahre 1907 wurden die Blumenspiele, Freundschaftsversicherungen, Versöhnungsaktionen und Komplimente fortgesetzt. Die Taktik des offiziellen Optimismus half wenigstens äußerlich über die schwierige Situation hinweg. Dem Fürsten Bülow war dieser Optimismus nach außen hin ein Mittel, um eine ungeminderte Sicherheit zeigen und eine ausbessernde Politik treiben zu können, und sie war ihm im eigenen Lande ein Silberpanzer, zur Abwehr der Kritik. Für Wilhelm II., der auch auf den Trümmern noch gern in angenehmen Vorstellungen lebte, war der Optimismus ein unentbehrliches Stück Reisegepäck. Als der König Eduard im April 1907 seine Mittelmeerfahrt unternahm, tadelte die offiziöse »Süddeutsche Korrespondenz« jeden, der von der Möglichkeit eines englisch-italienischen Bündnisses sprach. Am 3. August war der Kaiser bei der Zusammenkunft mit dem Zaren in Swinemünde »von dem Gedanken der unabänderlichen Freundschaft unserer Häuser und unserer Völker erfüllt«. Im Mai erwiderten deutsche Journalisten den Besuch englischer Kollegen, im Juni kam der Lord-Mayor nach Berlin, am 14. August gab es in Wilhelmshöhe wieder eine Zusammenkunft zwischen dem Kaiser und dem König Eduard. Im November waren der Kaiser und die Kaiserin in Windsor, und Wilhelm II. nahm die Würde eines Ehrendoktors von Oxford an. Frankreich und Spanien hatten ihre Absicht, in Marokko militärische Ordnungsmaßregeln zu ergreifen, in Berlin angekündigt, der Minister Pichon hatte am 5. Juli in der Kammer von den »vortrefflichen Beziehungen zu unseren Nachbarn« gesprochen, und Fürst Bülow erkannte es im Reichstag »mit Dank an, daß die spanische und die französische Regierung uns rechtzeitig von ihrer beabsichtigten Aktion in Kenntnis gesetzt haben«, und fügte hinzu, wir hätten dieser Aktion selbstverständlich keine Hindernisse in den Weg gelegt. In derselben Rede sagte er, wenn man einmal aktenmäßig und wahrheitsgemäß die Geschichte der letzten zehn Jahre studieren werde, so werde 218 sich herausstellen, daß der Grund der Spannung zwischen Deutschland und England, die lange, zu lange auf der Welt gelastet habe, ein großes Mißverständnis gewesen sei. Solche Worte verfehlten nicht ganz ihren Zweck. Sie veränderten den Räderlauf der politischen Maschine nicht, aber sie trugen, wie viele Gegenäußerungen bewiesen, zur Beruhigung der nicht berufsmäßig politisierenden Kreise im Auslande und besonders auch im Inlande bei. Allerdings erklärte dann dazwischen Wilhelm II. am letzten Augusttage in Münster, daß »am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen werde«, was einer seiner Lieblingsgedanken war. Die anderen Völker, die einer fremden Medizin ebensowenig zu bedürfen glaubten, wie wir eine Kur auf ausländische Manier uns gefallen lassen wollten, nahmen diese Verheißung ohne sichtbare Freudenregungen auf.

Die versöhnlichen Reden und die zahlreichen Freundschaftsbesuche hätten – ohne das politische Bild der Welt wesentlich zu ändern – auf die allgemeine Stimmung vielleicht stärker gewirkt, wäre nicht in diesem Jahre 1907 eine ganz besondere Veranstaltung dazugekommen. Begrüßt von den einen, gehaßt und verspottet von den anderen, kam die zweite Haager Friedenskonferenz. Aus den diplomatischen Akten der Jahre 1898 und 1899 weiß man heute, von welchen wilhelminischen Kraftworten, welchen Produktionen des Holsteinschen Gehirns und welchen diplomatisch ausgleichenden Künsten des damaligen Staatssekretärs von Bülow die erste Haager Friedenskonferenz begleitet worden war. Der Lack der Universalbildung, mit dem Wilhelm II. die kritiklosen Besucher zu entzücken pflegte, war in der Glut des Zornes zersprungen, und wieder einmal war ungezügelt jenes Naturell hervorgebrochen, das, wie bei vielen flüchtig gewaschenen kurfürstlichen Ahnen und vielen treuen Vasallen, nicht sehr tief unter dem äußeren Glanz der Maskerade lag. Zu den Abrüstungsideen des Zaren, seines Vetters und Freundes, hatte Wilhelm II. geschrieben: »Wenn er mir das anbietet, schlage ich ihm hinter die Ohren«, und als man im Haag so kühn gewesen war, von Schiedsgerichten zu sprechen, hatte er mit der majestätischen 219 Versicherung, er »sch . . . . auf die ganzen Beschlüsse«, das diplomatische Papier befleckt. Holstein hatte die kaiserliche Willenskundgebung froh begrüßt, der kluge Münster, dem die qualvolle Aufgabe zugefallen war, Deutschland im Haag zu vertreten, hatte die allzu öffentliche Schaustellung der kaiserlichen Bedürfnisse verhindert, Bülow, immer gewandt und vermittelnd, hatte hinter dem Monarchen aufgewischt. Nun war man, 1907, abermals genötigt, nach dem Haag zu gehen. Die internationale Situation hatte sich seit der ersten Konferenz sehr zum Nachteil Deutschlands gewandelt, aber der militärische Gedankendrill der Berliner Politik war unverändert, und der Machtwahn eines Kaisers, der jede Erörterung angeblicher Herrscherprivilegien für eine Beleidigung seiner allerhöchsten Person hielt, war nicht kleiner geworden als ehedem.

In England war seit dem 11. Dezember 1905 der Liberale Campbell-Bannermann Ministerpräsident, ein durchaus ehrlicher, leider etwas unpraktischer Pazifist. Er vertrat den Abrüstungsgedanken mit allen Argumenten der Humanität und der Moral. Der Staatssekretär des Auswärtigen, Grey, der wahrscheinlich realistischer an eine Hemmung der deutschen Marinepläne dachte, hatte schon am 9. Mai im Unterhause erklärt, die Haager Konferenz müsse das verdienstliche Werk vollbringen, die Grundlagen des Friedens weniger kostspielig zu gestalten als bisher. Eines Tages werde irgendeine Macht sich entschließen müssen, den ersten Schritt zur Verminderung der Rüstungen zu tun. Am 5. März 1907 tadelten die Konservativen im Unterhause diese Abrüstungsschwärmerei. Campbell-Bannermann habe damit in Frankreich Besorgnisse, in Deutschland Verstimmung erweckt. Der Premierminister antwortete, es sei »unter den denkenden Menschen in allen Staaten Europas eine starke geistige Strömung vorhanden für Schiedsgerichte, für eine friedliche Schlichtung der Streitigkeiten und für eine Abschüttelung der riesigen Aufwendungen, die der jetzige Zustand mit sich bringt«. Er nannte die kriegerische Haltung der Mächte gegeneinander, die sich in dem übermäßigen Anwachsen der Rüstungen zeige, einen Fluch, und erklärte 220 es für notwendig, daß diesem Rüstungswettstreit, »wenn auch nur in bescheidenem Maße, Einhalt getan wird«. Die konservative englische Presse warf ihm, vermutlich ungerecht, vor, er wolle mit seinem Pazifismus nur die Radikalen einfangen, und auch die Leute der alten staatsmännischen Tradition, wie Balfour, waren abgeneigt. Trotzdem schlugen England, die Vereinigten Staaten und Spanien vor, auf der Haager Konferenz den Abrüstungsantrag zur Debatte zu stellen.

In Frankreich protestierte der in solchen Dingen sehr reizbare »Temps« gegen diesen Versuch. Der »Temps« war seit dem Abschluß der »Entente cordiale« immer der Meinung, daß England auch zu Lande rüsten müsse, und er wurde bitter, als die englische Regierung, statt vom Rüsten, vom Abrüsten sprach. In Deutschland wurde der Abrüstungsvorschlag nicht nur von der konservativen, alldeutschen und nationalliberalen Presse, sondern von der Reichsleitung selber sofort mit kräftiger Entschiedenheit abgelehnt. Fürst Bülow erklärte am 30. April 1907 im Reichstage, falls im Haag der Abrüstungsvorschlag vorgebracht werden sollte, werde Deutschland sich an der Diskussion nicht beteiligen, und die Redner aller Parteien, mit Ausnahme der Sozialdemokraten, sprachen ähnlich wie er. Man hätte nicht nötig gehabt, sich so wuchtig und breitbeinig in den Vordergrund zu stellen, denn die Bestrebungen der Rüstungsgegner waren ohnehin aussichtslos. Der immer kluge Wolff-Metternich hatte, zuerst mit Zustimmung Bülows, eine ruhigere Behandlung der Frage gewünscht. Es ist aber unbegründet, wenn die Dinge hinterher manchmal so dargestellt werden, als habe nur Deutschland damals die Abrüstungspläne zerstört. Diese Pläne wurden von Frankreich und von den englischen Konservativen genau so wie von den deutschen Regierenden bekämpft. Deutschland konnte aber auch mit Recht sagen, daß es, bei seiner geographischen Lage, seine Rüstungsfreiheit nicht gerade in einem Augenblick aus der Hand geben könne, wo sich doch ziemlich deutlich ein für uns nicht erfreulicher Zusammenschluß der anderen großen Militärstaaten vollzog. Und die Notwendigkeit, sich in dieser Frage nicht binden zu lassen, wäre noch klarer hervorgetreten, wenn man im 221 Jahre 1907 schon das gewußt hätte, was man erst sieben Jahre später erfuhr. In dem Kabinett Campbell-Bannermann war Asquith Schatzkanzler, Haldane Kriegsminister, Lloyd George Minister des Handels und Sir Edward Grey Leiter der auswärtigen Politik. Während der pazifistische Premier die Abrüstung predigte, traf der gleichfalls pazifistisch redende Grey mit dem rührigen Paul Cambon eine Verabredung, wonach die englischen und französischen Generalstäbler in fortlaufenden Konferenzen darauf bedacht sein sollten, für den Kriegsfall ein Zusammenwirken der beiden Armeen und Marinen sicherzustellen. Gewiß, er meinte, nur für den Frieden zu arbeiten, als er Herrn Cambon seine Zustimmung gab. Aber ebenso konnte Deutschland sagen, es rüste nur des Friedens wegen nicht ab.

Leider verwarf Deutschland im Haag nicht nur den Abrüstungsvorschlag, sondern auch alle Anträge auf Einführung einer obligatorischen Schiedsgerichtsbarkeit. Es verwarf, mit der Erklärung, sich nicht binden zu wollen, den Antrag Frankreichs und der Vereinigten Staaten, einen obligatorischen Schiedsspruch für alle Fragen vorzuschreiben, die durch die verschiedenartige Auslegung bestehender Verträge hervorgerufen seien. Es lehnte einen anderen, einschränkenden Vorschlag, Streitigkeiten, bei denen nicht Ehre und Lebensinteressen in Frage kämen, schiedsrichterlich zu schlichten, gleichfalls ab. Österreich-Ungarn, die Türkei und Rumänien halfen uns, die Herrschaft weiter jenem Prinzip zu sichern, das schließlich das Schwert zum alleinigen Richter zwischen den Völkern macht. Auf der Haager Konferenz wurde nichts erreicht. Im November hielt Campbell-Bannermann beim Lord-Mayor-Bankett seinen Ideen die Grabrede, und fünf Monate später bettete man ihn selber ins Grab.

Wer die zweite Friedenskonferenz im Haag mitgemacht hat, bewahrt aus diesen Sommertagen manche Erinnerung. Der Haag hatte seine stille Feinheit wie immer, Scheveningen, noch vor der Badesaison, war auch nur durch die Vielsprachigkeit seiner Gäste ein Babel, aber in dieser Vielsprachigkeit, die es bis dahin selbst auf den berühmtesten Kongressen nicht gegeben hatte, und im Beieinanderhausen 222 der aus fernsten Ländern herbeigereisten Staatsmänner lag der Reiz. Im Doelen-Hotel im Haag wohnte – sonderbarer Friedensbote – der russische Delegierte Tscharykow, ein Mann, dem vielerlei nachgesagt wurde und der zu den Tätigsten des panslawistischen Klüngels gehörte, und im alten Hotel d'Orange in Scheveningen saßen die Staatsmänner Südamerikas. Im modernen Palasthotel in Scheveningen residierte, als der Hauptdelegierte Frankreichs, Léon Bourgeois, der, ohne die Kraft zu einer konsequenten Versöhnungspolitik, immer der Mann der Schiedsgerichte und der formgewandte Ehrenpräsident eines staatstreuen Pazifismus gewesen war. In der gleichen Millionärherberge spielte in seinem Zimmer Freiherr von Marschall wunderschön Klavier. Hinter einer anderen Tür ordnete der Rechtskenner des Auswärtigen Amtes, Herr Geheimrat Kriege, dem wir schon die Idee der Algesiraskonferenz verdankten, liebevoll die ungeheueren Aktenmassen, mit denen er, wie mit einer Mauer, schützend die Grundsätze der alten militaristisch-konservativen Weltanschauung umgab. »Marschall ist die bedeutendste Persönlichkeit hier und ich verstehe mich gut mit ihm«, sagte mir Bourgeois auf der Strandpromenade und fügte dann lachend einiges über das Walten des Aktenjupiters hinzu. Auch Marschall lachte, wenn man ihm das erzählte, und flüchtete, um allen Unannehmlichkeiten auszuweichen, in den Klangrausch der »Götterdämmerung«. Sehr viel hielt auch Marschall von den sogenannten überstaatlichen Vereinbarungen, Schiedsgerichten und ähnlichen Verträgen nicht. Cavour hat einmal gesagt, daß er das Schiedsgericht nicht liebe, da er der Ansicht sei, daß bei einem Schiedsgericht sehr viel Ungerechtigkeiten vorkommen, und so wollte im Grunde seines Herzens auch der Freiherr von Marschall, der ein Staatsanwalt gewesen war, das Recht vor allem nicht dem Richter anvertrauen. Diese Befürchtung, daß irgendeine Justiz pfuschend in die hohen politischen Spiele eingreifen könnte, entspringt einem eitlen und unbegründeten Glauben an die diplomatische Überlegenheit. Begreiflich dagegen ist es, daß realistische Geister nicht viel von der Tätigkeit pazifistischer Theoretiker halten, die 223 gewiß gutmütiger, ungefährlicher und sympathischer sind als die nationalistischen Propagandabeflissenen und nur allzu harmlos, wie zufriedene Kinder, am Rande der Flut aus Sand Wälle bauen. Der einzig wahre Pazifismus ist schließlich eine kluge, vorsichtige, nur auf friedliche Ziele und Mittel bedachte Politik. Es ist eine banale, aber durch die Geschichte hundertmal bestätigte Wahrheit, daß Pazifismus nicht vor Torheit schützt. Das Verhalten Deutschlands im Haag aber war nicht nur unpazifistisch, sondern unpolitisch, denn vor all den Delegierten ferner und naher Länder, vor einer demokratisch empfindenden Welt, standen wir als die Verhinderer einer besseren Welteinrichtung da. Sie waren gewiß auch nicht alle reinen Herzens, nicht nur zarte Schwärmer und selbstlose Menschheitsfreunde, aber sie konnten wenigstens behaupten, sie sähen den Kampf ums Dasein nicht nur als einen Faustkampf an. Alles, was sie in der Ferne über dieses militaristische, noch ganz in Kastengeist und Kasernendisziplin haftende, unter einen unkontrollierten Monarchenwillen sich beugende, in Macht starrende Deutschland gehört hatten, fand jetzt in ihren Augen Bestätigung. Und die Völker, die in ihrem Skeptizismus nicht viel erwartet hatten, deuteten doch achselzuckend auf den gepanzerten Koloß.

Man sollte indessen nicht, wie das jetzt vielfach und ohne viel Prüfung geschieht, aus dem Verhalten Deutschlands auf der Haager Konferenz, das gewiß von geringem psychologischem Verständnis und auch von einem sehr geringen Verständnis für gute und durchaus nützliche Einrichtungen zeugte, zu viel ableiten, und nicht den Schaden übertreiben, den es angerichtet hat. Neben den Imponderabilien, die ungeheuer wichtig sind, bleiben immer die Tatsachen bestehen. Wenn Deutschland im Haag sich weniger militaristisch, weniger bureaukratisch und konservativ gezeigt hätte, so hätte das psychologische Wirkungen gehabt, die allmählich wertvoll hätten werden können, und es hätte uns dem Empfinden der anderen Völker nähergebracht. Aber im Augenblick hätte es natürlich auch keinen Einfluß auf den Verlauf der Dinge, auf die Entwickelung der politischen Geschäfte ausgeübt. England und Frankreich waren in der 224 Marokkoperiode zueinander hingeführt worden und Frankreich glaubte nun, ohne festen Zusammenschluß mit England allen deutschen Gewaltversuchen ausgeliefert zu sein. Die Verständigungselemente in Frankreich waren entmutigt, der Chauvinismus arbeitete mit allen Mitteln, die Ranküne saß tief und jede Politik, die darauf ausging, die Sicherung gegen Deutschland zu mehren, wurde mit Befriedigung begrüßt. In England, und besonders im Kreise des Königs Eduard, hielt man es für richtig, aus der Situation alles herauszuholen, was sich irgend herausholen ließ. Jeder Akt der sogenannten Einkreisung ergab sich leicht und wie selbstverständlich aus der jetzt gefestigten Entente cordiale. Der Zug setzte auf dem neuen Gleise, auf das man ihn gebracht hatte, die Reise fahrplanmäßig fort. Die Festlegung der Dinge im Mittelmeer, nach den Wünschen Englands und Frankreichs, war die nächste Station. Eduard besuchte den König von Spanien in Carthagena, traf sich mit dem König von Neapel in Gaëta und, am 11. August 1907, mit Clémenceau, der seit zehn Monaten Ministerpräsident war, in Marienbad. Das englisch-französisch-spanische Mittelmeerabkommen wurde unterzeichnet und der Welt bekanntgemacht. Einen Vertrag mit Italien brauchte man nicht mehr. Ihm war von England und Frankreich längst im Geheimen Tripolis zugesichert worden und es hatte dafür diese beiden Mächte in Algesiras gegen Deutschland unterstützt. Der Freiherr von Marschall verbarg in Scheveningen nicht, daß er zu denen gehörte, denen eine Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich als das wünschenswerte Ziel und infolgedessen die Marokko-Politik verderblich erschien. Darüber konnte man auf dem Strande mit Léon Bourgeois plaudern, aber die »Annäherung« war jetzt das unerreichbare rosa Wölkchen am Horizont.

Das Hauptstück unter den Verträgen, die England damals abschloß, oder deren Abschluß es förderte, war sein Vertrag mit Rußland über Persien, Tibet und Afghanistan. Am 31. August 1907 setzte man in Petersburg die Unterschriften unter dieses Dokument. Der Staatssekretär des Auswärtigen, Grey, hatte am 13. Juni im Unterhause es als den 225 unmittelbaren Zweck des Abkommens bezeichnet, Zusammenstöße und Schwierigkeiten in denjenigen Teilen Asiens zu verhüten, wo die indische Grenze der russischen nahe liegt. Welche indirekten Folgen für die Entwickelung der allgemeinen englisch-russischen Beziehungen das Abkommen haben werde, hänge von seiner Wirkung auf die öffentliche Meinung der beiden Länder ab. Am 30. April hatte Fürst Bülow im Reichstag gesagt, der »Gegensatz zwischen Walfisch und Elefanten« sei nicht »als unabänderlicher Faktor in die politische Richtung einzustellen«. Herr von Holstein hatte bekanntlich jeden, der an eine solche Möglichkeit geglaubt hatte, naiv genannt. Sicherlich empfand Fürst Bülow die volle Bedeutung des Ereignisses und täuschte sich nicht darüber, daß es ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte sei. Bismarck hatte 1885 in seinem Briefe an Wilhelm I. gesagt, wenn eine englisch-russische Allianz zustande käme, so würde sie sich jederzeit durch Frankreich verstärken können und damit wäre die Basis für eine Konstellation geschaffen, »wie sie gefährlicher Deutschland nicht gegenüberstehen kann«. Frankreich war im Bunde, brauchte nicht erst hinzugezogen zu werden, und den Befürchtungen Bismarcks war die Verwirklichung gefolgt.

Spielte König Eduard, als er so geschäftig Schnüre um Deutschland zog, mit dem Gedanken an Krieg? Ganz sicherlich nicht. Ernsthafte Beobachter stellen, darüber befragt, dem König Eduard nicht ein so verdammendes Zeugnis aus. Sie schildern Eduard als einen Mann, der sich die Behaglichkeit des Lebens gewiß nicht durch kriegerische Unternehmungen hätte stören lassen wollen, gern den Verkehr mit seinen fürstlichen Verwandten in Deutschland, wenn auch nicht mit denen in Potsdam, pflegte, eine umfangreiche Familienkorrespondenz unterhielt und stets sehr interessiert für den Kleinkram dieses höfischen Lebens war. Eduard brachte immer, wenn er nach Deutschland kam, ein mit vielerlei Wünschen angefülltes Notizbuch mit. Es handelte sich um Beförderungen, Ernennungen und alle jene Auszeichnungen, die man an kleinen Höfen für gut empfohlene Personen vorrätig hielt. Er hatte Paris, seine Straßen, seine 226 Restaurants, seine Schauspiele und seine Schauspielerinnen immer sehr geliebt. Aber der Sohn der Königin Viktoria war lange Zeit hindurch überzeugt gewesen, daß England mit Deutschland zusammengehen müsse, und hatte offenbar ganz ehrlich der Bündnispolitik Chamberlains zugestimmt. Als er dann, ebenso wie Chamberlain und Landsdowne, meinte, daß man mit Berlin niemals zu einer Einigung kommen könnte, und als die ewigen Reibereien mit dem kaiserlichen Neffen hinzukamen, wollte er beweisen, daß der beste Staatsmann heutzutage nicht der sei, der immer im Hermelin herumspaziert. Der Freund der Citymillionäre zeigte seine überlegene Geschäftsgewandtheit, und der Sportsmann betrieb die Einkreisung wie einen Sport. Obgleich er zweifellos überzeugt war, daß der Neffe durchaus den Frieden aufrechterhalten wolle, mag er auch der Ansicht gewesen sein, das sprunghafte Wesen, das Glanzbedürfnis und die von keinem Parlament überwachten Unvorsichtigkeiten Wilhelms II. könnten eines Tages den nicht gewünschten Konflikt heraufbeschwören, und er sah in der Umgitterung Deutschlands nicht nur eine angenehme Unterhaltung, sondern auch eine Politik. Die englandfeindlichen Töne, die so laut aus Deutschland herüberschallten, konnten ihn veranlassen, auf die Sicherung seines Landes bedacht zu sein. Aber wenn er den Frieden widerstandsfähig machen wollte, so war das, was er unternahm, eine ganz falsche Kur. Er vergriff sich in der Dosis und übertrieb. In Deutschland wurden die Ruhigen nervös, die Hitzigen noch mehr erhitzt. Dem Chauvinismus in Deutschland mußte die Einkreisung zum wichtigsten Argument werden, und der Chauvinismus in Frankreich und Rußland mußte um so höher und gefährlicher aufflammen, je höher die Hoffnung auf England stieg. Immer wieder erkennt man, zurückblickend in die Vergangenheit und herumschauend in der Gegenwart, wie gering die Zahl derjenigen ist, die besonnen bleiben und Maß zu halten verstehen. Nichts scheint seltener zu sein als der Sinn für politische Architektur.

Wie der Volksglaube und seine Sänger dem Odysseus jede erdenkbare List und dem Don Juan jede vorstellbare 227 Liebesintrige andichten, so hat man in Deutschland zu der langen Verführungsliste des Königs Eduard noch einiges hinzugefügt. In Geschichtsbüchern und Zeitungsartikeln ist, als wäre es eine bewiesene Tatsache, versichert worden, Eduard habe im August 1908 in Ischl den Kaiser Franz Joseph zu verlocken und von Deutschland loszureißen versucht. Auch Hermann Oncken verzeichnet das, ohne irgendeinen Zweifel zu äußern, und bemerkt, daß der König bei Franz Joseph »auf unbedingte Ablehnung gestoßen« sei. Wo sind die Dokumente und Beweise, auf die sich diese Darstellung stützt? Fürst Bülow, der etwas davon wissen müßte, gehörte nicht zu denen, die in dieser Erzählung mehr als eine Legende sahen. Er hielt es für möglich, daß König Eduard den Kaiser Franz Joseph in irgendeinem Sinne habe beeinflussen wollen, glaubte aber nicht an den Versuch, durch ein Ischler Sommergespräch den Dreibund zu sprengen. Man hat, um die Geschicklichkeit Eduards ins Diabolische zu vergrößern, ihm eine Ungeschicklichkeit zugetraut. Obgleich er kein weitschauender Staatsmann von großen Maßen war, besaß er doch zusehr die Klugheit des Weltmannes, um sich eine prompte Zurückweisung zuzuziehen. Er wußte, daß er sich eine solche Zurückweisung holen würde, und brachte sich sicherlich nicht ohne jede Aussicht auf Erfolg in eine so peinliche Situation. Schon die ganze Stellung der beiden zueinander, die Stellung des jüngeren zum viel älteren Hausherrn, und ein gewisses Gefühl für Etikette schlossen das aus. Offiziöse Geschichtsschreiber der Habsburger haben ein Interesse daran gehabt, die Szene in Ischl in pathetischen Linien und leuchtenden Farben zu malen und den Anschein zu erwecken, als habe dort die Freundestreue über die schwerste Versuchung triumphiert. Hatte der alte Monarch nicht, statt die rettende Hand der Entente zu ergreifen, dem deutschen Bundesgenossen zuliebe stolz alle Gefahren auf sich genommen?

Was von der Liste Eduards ohne diese Zudichtung übrigbleibt, genügt. Es genügte, um in Deutschland auch diejenigen zu alarmieren, die nicht durch übertriebenen 228 Argwohn und durch theatralische Zorngesten jede Situation erschweren wollen. Es mochte hingehen, daß England und Rußland durch das Abkommen über Persien ihre Machtsphäre erweiterten, eine rücksichtslose Ausbeutungspolitik betrieben, während ihre Presse bei jeder ungeschickten Rede Wilhelms den Machtwahn Deutschlands anklagte und sich stellte, als nähme sie die alldeutschen Tiraden ernst. Eine wirkliche Bedrohung lag in der Tatsache, daß England den russischen Panslawismus und den französischen Chauvinismus vor seinen Wagen spannte und diese beiden Kriegsrosse, die eine friedliche Staatskunst zum mindesten sorgsam am Zügel hätte halten müssen, ermutigend vorwärtstrieb. Es mußte eine Gefahr für den europäischen Frieden daraus entstehen, daß Rußland, nach seinen Niederlagen in Ostasien, seine Revanche auf dem Balkan suchte, und wenn man in England einem Kriege vorbeugen wollte, durfte man den Brand nicht dorthin leiten, wo die entzündbarste Stelle Europas war. Der Gedanke, so den russischen Eroberungshunger von Asien abzulenken, kann mit der These vom berechtigten Egoismus erklärt, aber nicht mit einer gewissenhaften Friedenspolitik in Einklang gebracht werden, und auch die deutschen Irrtümer und die Torheit der Ratschläge, mit denen Wilhelm II. seinen Vetter, den Zaren Nikolaus, zum Marsch gegen die »Japsen« angespornt hatte, entschuldigen die englischen Staatsmänner nicht. Am 22. Juni 1907 hatte der belgische Gesandte in Berlin, Baron Greindl, in einem Bericht an seine Regierung gesagt, die von König Eduard geschlossenen Verträge seien nicht nur überflüssig, sondern »kompromittierten die Sache des Friedens, der sie zu dienen vorgeben, weil sie in den deutschfeindlichen Kreisen die Überzeugung erwecken, daß der Augenblick für ihre Verwirklichung naht«. Am 27. Januar 1908 schrieb derselbe Gesandte: »Die Politik, die König Eduard VII. unter dem Vorwand führt, Europa vor einer imaginären deutschen Gefahr zu retten, hat eine nur allzu wirkliche französische Gefahr heraufbeschworen, die für uns in erster Linie bedrohlich ist.« Auch der belgische Gesandte in Berlin und seine Kollegen wußten, als sie ihrer 229 Regierung die Dinge so schilderten, noch nichts von der geheimen Abmachung Greys und Paul Cambons, die dem französischen Tatengeiste zur freieren Entfaltung verhalf. Man hütet den Erdenfrieden nicht gut, wenn man, wie Faust, die drei Gewaltigen in seine Dienste nimmt.

Am 19. Juli 1908 fand dann die Zusammenkunft zwischen Eduard und dem Zaren in Reval statt. Wie im November 1899 die Englandreise Wilhelms II. unter den lauten Mißfallensäußerungen der deutschen Flottenvereinler und ihrer Genossen vor sich gegangen war, vollzog sich jetzt die Rußlandfahrt Eduards unter den Protesten der englischen Liberalen und der Arbeiterpartei. Die Liberalen und die Arbeiter in England standen mit ihren Sympathien bei den Vorkämpfern der russischen Revolution und hegten einen tiefen Widerwillen gegen den Zarismus, der in Knebelung und Auflösung der kaum geschaffenen Duma das einzige Heilmittel sah. Als die Arbeiterparteiler im Unterhause gegen die Reise Eduards protestierten, erklärte Grey, der Staatssekretär des Auswärtigen, Verhandlungen über irgendein neues Abkommen mit Rußland seien nicht im Gange und auch nicht beabsichtigt und eine Boykottierung Rußlands seiner inneren Angelegenheiten wegen wäre für beide Länder verhängnisvoll. Als Begleiter des Königs Eduard kamen der Unterstaatssekretär Hardinge, der Admiral Fisher und der General French nach Reval, der Zar brachte den Ministerpräsidenten Stolypin und den Minister des Äußern, Iswolski, mit. Beim Diner auf der Zarenyacht »Standart« sagte Eduard in seinem Trinkspruch, der englisch-russische Asienvertrag habe »die Bande, welche die Völker unserer beiden Länder vereinigen«, noch fester geknüpft. In den Kajütengesprächen, die nicht gleich der Welt bekanntgegeben wurden, erörterte man das neue, zum Heile Mazedoniens bestimmte Reformprogramm. Die russische Diplomatie konnte sich noch einmal davon überzeugen, daß England ihre Balkanpolitik billige, der russischen Ausbreitung gefällig nachhelfen wolle, die traditionelle Freundschaft für Österreich beiseite geworfen habe, und sie täuschte sich nur in der Annahme, es werde nun Rußland auch gestattet 230 sein, die Dardanellenfrage neu zu regeln und nach Konstantinopel zu gelangen.

Bei der Durchsicht der diplomatischen Korrespondenz aus jener Zeit erkennt man die Besorgnis, mit der die Berliner Regierung das Revaler Ereignis beobachtete, und ihre Bemühungen, hinter den Vorhang zu schauen. Am 20. Mai hatte Sir Charles Hardinge, »um Mißdeutungen vorzubeugen«, dem Geschäftsträger, Freiherrn von Stumm, mitgeteilt, für Anfang Juni sei eine Jachtfahrt des Königs Eduard zum Zaren geplant. Vor und nach der Begegnung beteuerte in Petersburg der Minister des Äußern, Iswolski, unermüdlich dem deutschen Botschafter, dem Grafen Pourtalès, daß keine neue politische Konstellation im Werden, keine gegen Deutschland gerichtete Abmachung im Entstehen sei. Als die Gäste abgereist waren, versicherte Iswolski: »Deutschland hätte ruhig mit dabei sein können.« Aus den von Siebert, dem ehemaligen Sekretär der russischen Botschaft in London, herausgegebenen Dokumenten ergibt sich immerhin, daß Sir Charles Hardinge und der Admiral Fisher den Russen rieten, ihre Flotte zu verstärken, und daß man dabei, angesichts der gespannten Lage, von der Möglichkeit eines zukünftigen Krieges sprach. Wenn es in sieben oder acht Jahren zum Kriege kommen sollte, würde ein zur See stark gerüstetes Rußland der Schiedsrichter sein. Nach dem Feste schickte Nikolaus an Wilhelm II. ein Beruhigungstelegramm. Er telegraphierte, offenbar doch ein wenig besorgt, dem kaiserlichen Vetter, Eduard sei sehr liebenswürdig gewesen und im übrigen sei alles geblieben wie vorher. Pourtalès äußerte in seinen Berichten die Meinung, daß man tatsächlich keine Verabredung getroffen, im wesentlichen sich nur über Mazedonien und Persien unterhalten habe, betonte aber auch, die wachsende Intimität zwischen Petersburg und London sei eine Erschwerung oder sogar eine Gefahr. Für gefährlich hielten diese Annäherung auch russische Politiker, wie der Führer der Rechten Purischkewitsch und der Duma-Präsident Chomiakow, die eine fatale Wirkung auf Deutschland befürchteten, und in England die liberale »Nation«, die sehr entschieden die innere 231 Unklarheit Sir Eduard Greys kritisierte und den vernünftigen und richtigen Grundsatz, daß man den Frieden erschüttere, wenn man eine große Macht isoliere, in vortrefflichen Artikeln vertrat. In einer der Unterredungen mit dem Grafen Pourtalès, die nach dem englischen Besuch stattfand, sagte Iswolski, Wilhelm II. habe leider auf dem Übungsplatz von Döberitz vor seinen Offizieren eine sehr unglückliche, gegen Rußland gerichtete Rede gehalten und auch sonst mit russenfeindlichen Äußerungen nicht gespart. »Unter diesem Eindruck ist der Zar nach Reval gegangen.« Wilhelm II., der eben noch auf dem Rande eines anderen Schriftstückes von »Hallunken« gesprochen hatte, schrieb entrüstet, das Lügen auf seine Kosten habe so horrende Dimensionen angenommen, daß er die Geduld verliere, und von allem Gesagten sei nichts wahr. Man braucht, trotz dieser Entrüstung, nicht daran zu zweifeln, daß Wilhelm II. vor indiskreten Personen sein Herz unvorsichtig erleichtert hatte, und auch die Mitteilungen über die Döberitzer Ansprache, die damals zuerst in der »Dortmunder Zeitung« erschienen, waren ungefähr richtig, wie mir einer der militärischen Zuhörer bestätigt hat. Das Auswärtige Amt, von dem Kaiser angetrieben, dementierte die Meldungen über die Paraderede nach allen Seiten hin. Die erkennbare Unlust, mit der das geschah, dürfte darauf zurückzuführen sein, daß man ähnliche Gefühle hatte wie der Mascarille, der geplagte Diener eines unbesonnenen Herrn in Molières Komödie: »Relier tant de fois ce qu'un brouillon dénoue, c'est trop de patience . . .«, ». . . immer wieder zusammenknüpfen, was ein Wirrkopf auseinanderbringt, erfordert zu viel Geduld.« Natürlich hatte Iswolski die Aussprüche des Kaisers nur herangezogen, aus einem alltäglichen Vorfall eine Staatsaffäre gemacht, um in den Gesprächen mit dem Grafen Pourtalès eine Abwehrwaffe schwingen zu können. Auch wenn Wilhelm II. niemals in den Ton eines zärtlichen Verwandten verfallen wäre, hätte der Zar seinen Gast, den König Eduard, herzlich begrüßt. Reval war nicht die russische Antwort auf einen Lapsus der kaiserlichen Beredsamkeit. Es war die englische Antwort auf das, was in Björkö geschehen war.

232 Wenn der Graf Reventlow in seinem Buche über Deutschlands auswärtige Politik den Lesern erzählt, man habe später »einwandfrei« erfahren, daß Eduard und der Zar, oder Hardinge und Iswolski, in Reval »sich darüber einig geworden« seien, nach Beendigung der russischen Rüstungen »im Verein mit Frankreich und den Balkanstaaten den Vernichtungskrieg gegen Deutschland und Österreich-Ungarn zu führen«, so zeigt das die Arbeitsweise jener Tendenzmaler, denen der gröbste Pinsel der liebste ist. Die »einwandfreien« Beweise fehlen, schon Hammann hat, in besserer Kenntnis, dieses Luftgebilde fortgeblasen, und mit all solchen Ausflügen ins Phantasieland hat man nur die Wahrheit um ihre Wirkung gebracht. Bindende Verpflichtungen hatten die Engländer in Reval noch nicht übernommen, und noch immer konnten sie Rußland im Stiche lassen, wenn anderswo besserer Gewinn sich zu bieten schien. Aber sie hatten die Summe ihrer Druckmittel vermehrt. Reval war der Höhepunkt in der politischen Tätigkeit des Königs Eduard. Wie zwei eifrige Geschäftsreisende fuhren er und Wilhelm II. von Ort zu Ort, aber während Wilhelm II. immer überzeugt war, die einen entzückt und die anderen mattgesetzt zu haben, schloß Eduard die Geschäfte ab. Nachdem Wilhelm II. abwechselnd den englischen Hof vor den arglistigen Absichten Rußlands und den Zaren vor den Betrügereien Englands freundschaftlich gewarnt hatte, taten sich die beiden gegen den Übereifrigen zusammen. Reval folgte auf Björkö wie das Stück eines geriebenen Routiniers auf einen Dilettantenversuch.

Die so auffällig inszenierte Zusammenkunft in Reval mit ihrer bedrohlich wirkenden Geheimnistuerei war, wie gesagt, ein Druckmittel für Eduard. Druckmittel, nicht nur Sport, nicht nur Äußerungen verwandtschaftlicher Abneigung, nicht nur Unternehmungen zur Landessicherung waren die verschiedenen Produkte seiner Einkreisungspolitik. England übernahm keine Verpflichtungen in Reval, aber es ließ zu, daß der Glaube an neue Verpflichtungen entstand. Es behielt seine Freiheit und konnte die Fahrtrichtung ändern, wenn anderswo ein besseres Ziel erreichbar war. 233 Ein Hauptziel, das Eduard erreichen wollte, dem die englische Politik zustrebte, war eine Verständigung mit Deutschland über den Flottenbau. Vieles war nebensächlich, dem man nur künstlich eine Bedeutung verlieh.

Der Historiker Erich Brandenburg, dessen Buch »Von Bismarck zum Weltkrieg« auch dann, wenn man nicht jedem Urteil und jeder Auffassung zustimmt und bei Überhastetem stutzt, die beste kritische Darstellung dieser Epoche genannt werden muß, vertritt die Ansicht, daß England aus der Bündnisenge sich gern in die freie Ebene der Neutralität zurückgezogen hätte, wo es, zwischen den feindlichen Gruppen, Schiedsrichter gewesen war. Die Politik der Bindung und der gegenseitigen Sicherung, in die es durch Deutschlands Vorgehen in der Marokkofrage und durch die Torheit von Björkö hineingedrängt wurde, habe weder seinen ursprünglichen Absichten entsprochen, noch zu seiner Lebensauffassung gepaßt. »Im Sommer 1908 wäre es wahrscheinlich noch einmal möglich gewesen, durch ein Zugeständnis in bezug auf den Flottenbau ein besseres Verhältnis zu England zu gewinnen« und »England in seiner Gesamtpolitik näher an Deutschland heranzuziehen«. In diesem Sommer des Jahres, 1908 äußerten Balfour, Lloyd George, Grey und Hardinge in vielen Unterredungen mit dem deutschen Botschafter, dem Grafen Wolff-Metternich, die Besorgnisse, die sich aus der rastlosen Vermehrung der deutschen Flotte für England ergeben müßten, und den Wunsch, durch eine Vereinbarung auf friedliche Weise aus einer so gespannten und gefährlichen Situation herauszukommen. Wenn Tirpitz und Bülow versichern, England habe schließlich nicht der Flottenbauten wegen am Kriege teilgenommen, so braucht man nur auf die damaligen Äußerungen der englischen Staatsmänner hinzuweisen, aus denen klar hervorgeht, daß das stärkste, das wirklich treibende Motiv der englischen Politik in der ganzen Periode immer diese eine große Sorge gewesen ist. Da die Freiheit, die Unabhängigkeit, die Macht und die Existenz der englischen Nation nur auf der maritimen Überlegenheit beruhten und unkluge Drohungen täglich über den Kanal gingen, so ist wirklich nicht zu 234 begreifen, daß der Einfluß, den die deutsche Flottenpolitik auf das Denken und die Entschlüsse Englands gehabt hat, noch abgestritten wird. Wolff-Metternich, mit seinem Verständnis für die Stimmung und die Lebensnotwendigkeiten des englischen Volkes, teilte mit, daß man ihm den Wunsch, kriegerischen Möglichkeiten durch einen Vergleich vorzubeugen, in höflicher Form ausgedrückt habe, und riet, wenigstens auf eine Diskussion einzugehen. Der Kaiser war empört über diese Berichte des Botschafters und kanzelte den klugen und vorausschauenden Grafen, der in den Gesprächen mit den englischen Ministern seine Befugnisse überschritten habe, wie einen Schuljungen ab. Ihm, dem Kaiser, sei »ein gutes Verhältnis zu England um den Preis des Ausbaues der deutschen Flotte nicht erwünscht . . .« »Wenn England uns nur seine Hand in Gnaden zu reichen beabsichtigt, unter dem Hinweis, wenigstens unsere Flotte einzuschränken, so wäre das eine bodenlose Unverschämtheit, die eine große Insulte für das deutsche Volk und seinen Kaiser in sich schließt.« War das Bemühen, durch eine Aussprache die drohende Explosion zu vermeiden, eine Beleidigung? Nur der Tor faßt immer die Sprache der Vernunft als eine Insulte auf.

Im Juli war Eduard in Reval gewesen, im August traf er bei Wilhelm II. in Kronberg ein. Hier sollte der Versuch unternommen werden, unter dem Eindruck der Zarentoaste und der sonstigen Geschehnisse Wilhelm für die Einschränkung der Flottenbauten zu gewinnen. Eduard selber vermied es, das Thema zu berühren, und überließ seinem Begleiter, Sir Charles Hardinge, die Führung der Angelegenheit. Wilhelm II. hat dem in Norderney weilenden Fürsten Bülow zwei Berichte über dieses Gespräch geschickt. Der kaiserliche Briefschreiber hat in seiner Schilderung sich selber groß und die Figur des Engländers möglichst klein dargestellt, aber es kann sein, daß Sir Charles Hardinge kein glücklicher Unterhändler gewesen ist. In dem Bericht erscheint die ganze Unterredung eigentlich nicht wie eine Aussprache ruhig diskutierender Männer, sondern wie ein Gezänk, wo der eine den anderen überschreien will. Als 235 Hardinge sagte, das englische Volk sei voll Aufregung und schwerer Besorgnis, weil in wenigen Jahren die deutsche Flotte der englischen überlegen sein werde, erwiderte Wilhelm, daß das »absoluter Blödsinn« sei. Als Hardinge erklärte: »Sie können kein authentischeres Material haben, als das, welches mir die Admiralität gegeben hat«, entgegnete Wilhelm, seinem eigenen Berichte zufolge: »Ihr Material ist falsch, ich bin Admiral auch der englischen Flotte, welche ich genau kenne, und verstehe das besser wie Sie, der ein Zivilist ist und davon nichts versteht.« Als Hardinge äußerte, daß man zu einem Arrangement kommen, daß Deutschland stoppen oder langsamer bauen müsse, antwortete der Kaiser: »Then we shall fight, fore it is a question of national honour and dignity.« . . . »Dabei sah ich ihm fest und scharf in die Augen«, so daß Hardinge »einen feuerroten Kopf« bekam und um Entschuldigung bat. Fürst Bülow, der bereits angefangen hatte, die Flottenpolitik Wilhelms II. und des Herrn von Tirpitz skeptisch zu beurteilen, blickte in Norderney beklommen auf das flottentragende Meer, als er die kaiserliche Erzählung empfing. Er hat sich vermutlich der Auffassung, daß »die nationale Ehre und Würde« unlösbar mit einem Flottenprogramm verbunden seien, nicht unbedingt anzuschließen vermocht. Auch die Versicherung Wilhelms, »die offene Aussprache, in der ich ihm – Hardinge – scharf die Zähne gezeigt hatte«, sei von günstiger Wirkung gewesen und Eduard sei »mit Freundschaft und Wärme« und »mit den besten Eindrücken« von Kronberg geschieden, beruhigte den Fürsten Bülow wahrscheinlich nicht. Er war über das Alter der Illusionen hinaus.

Wie weit Fürst Bülow sich von dem Flottenideal Wilhelms II. und des Herrn von Tirpitz bereits entfernt hatte, bewies sein Antwortbrief. Er legte dem Kaiser dar, daß England bei einer unablässigen Steigerung der Seerüstung wirklich die kriegerische Entscheidung vorziehen könnte, und erklärte, er halte es nicht für richtig, jeder vertraulichen Aussprache aus dem Wege zu gehen. Obgleich diese Vorstellungen keinen Eindruck auf den Kaiser machten, gab Bülow, der immer mehr dem tapferen Wolff-Metternich sich 236 anschloß, immer freier und klarer in der Beurteilung der Flottenpolitik und ihrer Folgen wurde, die Hoffnung nicht auf. In den letzten Monaten des Jahres 1908 versuchte er, in mehreren Schreiben und auch in einer mündlichen Diskussion Tirpitz zu einer Verlangsamung des Bautempos oder zu einer Änderung in der Auswahl der Schiffstypen zu drängen. Tirpitz blieb hartnäckig bei seinem Programm und bei seiner »Gefahrenzone«, über die man hinüber müsse und über die man doch niemals hinüberkam. Und Bülow, schon geschwächt durch die Ungnade des Monarchen, vermochte weniger als je gegen den Triumphator der Stunde, den künftigen »Hannibal«.

Da keine Verminderung der Schiffsbauten und der Kosten durchgesetzt worden war, der teuere Wettlauf weiterging, mußte das englische Volk seinen Beutel weit öffnen und das Unterhaus genehmigte das von Lloyd George ausgearbeitete große Steuerprojekt. Es lag in der Logik der Dinge, daß gleichzeitig die englisch-französisch-russische Vereinigung an Innigkeit und Festigkeit gewann. Im Jahre 1906 hatte Wilhelm II. an den Zaren geschrieben, »der Gedanke an einen aufgeblasenen aide-de-camp, von unserem Kollegen, dem Holzhauer Fallières, geschickt, damit er sich an Deiner Seite herumtreibe,« habe ihm »maßloses Vergnügen« gemacht. Er hatte es »furchtbar komisch« gefunden, daß der Holzhauer, der Präsident der französischen Republik, einen höheren Offizier an den Zarenhof entsenden wollte, und auch bei dieser Gelegenheit bewiesen, wie unüberbrückbar für ihn die Kluft zwischen den Staubgeborenen und den von Gott erkorenen Herrschern war. Fünf Wochen nach der Abreise Eduards von Reval wurde in demselben Reval, auf der Yacht »Standart«, der Holzhauer Fallières vom Zaren empfangen, wurde ihm zu Ehren der ganze militärische Paradepomp entfaltet, war zu seiner Begrüßung, wie für einen richtigen Monarchen, die Kriegsflotte mit donnernden Kanonen aufgereiht. Als diese beiden Begegnungen in Reval, deren Zusammenhang so eindrucksvoll war, sich ereigneten, war in Frankreich die am Tage nach Algesiras schon sehr gehobene Stimmung durch mancherlei Erfolge noch mehr in 237 Schwung gebracht worden, und sie wurde in steigendem Maße durch Zeitungsschreiber beherrscht, von denen man mit einem Worte des Kanzlers Ollivier sagen konnte, sie kletterten nach Art einer gewissen Tiergattung auf die Bäume und zeigten, wenn sie sich im Sichern fühlten, verächtlich ihr Hinterteil.

Im März 1906 wurde in Frankreich das Kabinett Rouvier durch ein Kabinett Sarrien abgelöst. Clémenceau übernahm das Innere, Bourgeois das Äußere, Poincaré die Finanzen, Briand den Unterricht. Sieben Monate später hatte man, zum ersten Male, ein Kabinett Clémenceau. Diesmal leitete Pichon die auswärtigen Angelegenheiten, Caillaux kam in das Finanzministerium und Picquart, der Picquart der Dreyfus-Affäre und Clémenceaus Liebling, wurde ein Kriegsminister ohne Glück und Glanz. Pichon, wie Picquart ein Günstling Clémenceaus und gewissermaßen eine Erfindung dieses Alten, war damals für eine Politik der Vorsicht und Mäßigung und dem Sturm und Drang ziemlich abgeneigt. Auch als Ereignisse in Marokko und die chauvinistische Boulevardpresse ihn zum Handeln nötigten, gab er sich Mühe, nicht in die Fehler Delcassés zu verfallen. Der marokkanische Bandenführer Raisuli schien Tanger zu bedrohen, französische Kriegsschiffe wurden abgesandt, fuhren aber, ohne Truppen gelandet zu haben, wieder heim. Der französische Arzt Mauchamp wurde in Marrakesch ermordet, französische Truppen besetzten Udjda, aber Pichon teilte vorher in Berlin mit, was er beabsichtige, und erhielt von der deutschen Regierung Segen, Ablaß und die besten Wünsche mit auf den Weg. Zwischendurch allerdings wollte Clémenceau zeigen, daß die Flamme unter der Asche glühe, und das geschah bespielsweise, als er, durch gelinde Versetzung, den General Bailloud bestrafen mußte, der in einer Rede allzu kriegslüstern geworden war. »Wenn Sie wüßten,« sagte er den Nationalisten in der Kammer, »mit welchen Worten ich den General Bailloud empfangen habe, dann würden Sie auch wissen, daß das Gefühl, von dem Ihre Herzen erfüllt sind, ebenso tief das meinige bewegt.« Pichon dagegen sprach sich ungefähr um die gleiche Zeit in derselben 238 Kammer sehr erfreut über »die vortrefflichen Beziehungen zu unseren Nachbarn« aus. Die Berliner Regierung vermied es klug, sich über Bailloud und Clémenceau aufzuregen, und bereitete dem auf Korrektheit wertlegenden Pichon keine Schwierigkeit. Indessen, in Marokko ereignete sich fortwährend etwas Neues und wenn die Chronisten der Pariser Presse diese Dinge grell schilderten, so wurde dabei gewöhnlich eine stolze Geste nach Berlin hin gemacht. Muley Hafid empörte sich gegen seinen Bruder, den auf Haremskissen verweichlichten Abdul Aziz, der Hafenmob in Casablanca tötete einige Franzosen, die französischen Kriegsschiffe bombardierten die Stadt und ungefähr tausend Einwohner kamen um. Auch dieses Vorgehen wurde, mit einem kleinen Vorbehalt, von der deutschen Regierung als berechtigt bezeichnet, und da die französischen Truppen nur Casablanca besetzten und nicht ins Land hineinmarschierten, ging die Sensation bald vorbei. Bülow erkannte im Reichstag mit Dank an, daß die französische Regierung die deutsche auch diesmal rechtzeitig von der Aktion unterrichtet habe, und äußerte, zugleich die Vergangenheit friedlich belichtend, es sei »kindlich, zu glauben, und tendenziös, glauben machen zu wollen, daß in unserer Zeit zwischen großen zivilisierten Nationen ein Krieg anders entstehen könne, als wegen einer Frage, die die Lebensinteressen der beiden Völker berührt«. So nistete sich Frankreich, immer gedeckt durch die korrekten Erklärungen Pichons und jeden Zwischenfall ausnutzend, konsequent und planvoll in Marokko ein. Man konnte das um so leichter wagen, da man erkannte, daß die deutsche Regierung zufrieden war, wenn man ihr durch Wahrung der Formen die Möglichkeit bot, sich mit Anstand aus der marokkanischen Affäre zurückzuziehen. Am 24. März 1908 suchte im Reichstag Freiherr von Schoen, der jetzt als Nachfolger des Herrn von Tschirschky Staatssekretär geworden war, die Verstimmten in Deutschland mit der Versicherung zu beruhigen, daß die Beziehungen zu Frankreich sich »in durchaus normaler und freundlicher Weise« entwickelt hätten, und daß »eine förmliche Verletzung der Algesirasakte durch 239 Frankreich« bisher nicht hätte »konstatiert werden können«. Die französische Regierung habe erklärt, daß sie keine Expedition nach Fes oder Marrakesch beabsichtige, und die kaiserliche Regierung dürfe nicht daran zweifeln, daß diese Erklärungen loyal und aufrichtig seien. Wilhelm II. sprach bei einem Festmahl in Straßburg die »ernsteste Überzeugung« aus, der europäische Friede sei nicht in Gefahr. Einen gewissen Erfolg erntete die Berliner Diplomatie, als Frankreich ihren Vorschlag annahm, Muley Hafid zum Sultan zu machen, aber es war eigentlich nur ein Scheinerfolg, da dieser neue Herrscher sich verpflichtete, die Kosten der militärischen Unternehmungen, durch die Frankreich angeblich die Ordnung in seinem Lande sichern wollte, zu tragen, und infolgedessen sogleich an der französischen Kette lag. Ende September erschwerte ein neues Ereignis der deutschen Regierung die Taktik der gespielten Zufriedenheit. Diesmal wurden in Casablanca der deutsche Konsulatssekretär und ein Konsulatssoldat, die sich für die Einschiffung entflohener deutscher Fremdenlegionäre interessiert hatten, von französischen Marinesoldaten angegriffen, festgenommen und erst nach einigem Verhandeln in Freiheit gesetzt. In Berlin bewies man auch diesmal Geduld und versöhnlichen Sinn. Dieser Vorfall aber gab Clémenceau Gelegenheit, sich dem französischen Volke als ein starker Mann zu zeigen, der die Würde Frankreichs zu wahren wisse und nach dem Worte Hamlets »einen Strohhalm groß verfechten« wolle, »wenn Ehre auf dem Spiel«. Man kann nicht sagen, daß er wie Don Quichotte gehandelt habe, der auch mit kühnen Gesten friedliche Geschöpfe herausforderte, denn er glaubte nicht, wie der fahrende Ritter, einen kampflustigen Gegner vor sich zu sehen. Aber die französische Presse sagte, daß er das nationale Bewußtsein neu gestärkt habe, und feierte ihn sehr.

Unter den Pariser Boulevardblättern, die unermüdlich die trägen Sinne aufpeitschten, die Flammen des Völkerhasses anschürten und in tapferen Gesten und herausfordernder Sprache schwelgten, zeichnete auch damals der »Matin« sich aus. Wenn man in Berlin seinen besonderen 240 Wünschen geneigt gewesen wäre, hätte er dieses patriotische Geschäft gegen ein anderes vertauscht. Am 6. Juni 1905, nach dem Sturze Delcassés, hatte ein hervorragender Mitarbeiter des »Matin«, Herr de Cuverville, den deutschen Geschäftsträger von Flotow besucht. Herr Bunau-Varilla, der von seiner Allmacht durchdrungene Besitzer des »Matin«, hatte durch diesen Abgesandten mitteilen lassen, er wäre bereit, seine Zeitung in den Dienst der Versöhnungspolitik zu stellen. Dafür sollte der deutsche Kaiser Herrn de Cuverville zu einer Unterredung empfangen. Der Journalist hatte Herrn von Flotow sogar gefragt, welche Persönlichkeit der deutschen Regierung als Nachfolger Delcassés willkommen wäre, und angedeutet, der »Matin« würde einer solchen Kandidatur seine wertvolle Unterstützung leihen. Herr von Flotow hatte erwidert, die Wahl eines Ministers sei eine französische Angelegenheit, und selbstverständlich keinen Namen genannt. Ebenso selbstverständlich ist es, daß der Kaiser Herrn de Cuverville nicht empfing und dem »Matin« nicht Gelegenheit gegeben wurde, ein Interview mit Wilhelm II. den anderen Wundern seiner Reportagekunst anzureihen. Seit diesem vergeblichen Schritt blies man am Boulevard de Poissonnière die chauvinistische Trompete mit verdoppelter Kraft. Da dem »Matin« die kaiserliche Sensation entgangen war, suchte er Sensationen bei Delcassé.

In Deutschland klagten die Kreise, die der deutschen Politik die falschen Wege gewiesen hatten, natürlich an jedem Tage lauter über die Nachgiebigkeit der Regierung und übten, statt einer Selbstkritik, die sehr notwendig gewesen wäre, mit außerordentlicher Heftigkeit Kritik. Am 8. Dezember bestritt Fürst Bülow im Reichstag, daß man von einer Niederlage der deutschen Politik sprechen könne, und nannte die Erledigung des Casablancafalles einen Sieg der Vernunft. Er warnte vor einer Überschätzung der »sogenannten Prestige-Politik« und kennzeichnete dieses nationale Ehrprunken wieder durch einen amüsanten Vergleich. »Ebenso wie es Frauen gibt,« sagte er, »die keine Schminke nötig haben, so gibt es Staaten, die stark genug sind, um 241 zu ihrem eigenen Vorteil auf eine kleinliche und unfruchtbare Prestige-Politik verzichten zu können«. Unbestreitbar konnte in den Jahren nach der Algesiraskonferenz die deutsche Regierung, der ihre Isolierung klar geworden war, die Marokkofrage gar nicht anders behandeln als es geschah. Sollte sie, gegenüber der geschlossenen Front und ohne einen einzigen sicheren Bundesgenossen, sich etwa verleiten lassen, das Spiel noch einmal anzufangen? Wenn man Bismarck zugemutet hätte, für Marokko die Situation Deutschlands zu gefährden, hätte er die Konfusionspolitiker niedergeblitzt. Man hatte seine kluge Vorsicht einmal nicht nachgeahmt, aber es war nicht nötig, zweimal denselben Fehler zu begehen. Eine Möglichkeit, den Ring zu sprengen, lag, da man jeden englischen Vorschlag zur Flottenverständigung eine »Unverschämtheit« nannte, nicht vor. Was Fürst Bülow über das Prestige sagte, war nicht nur amüsant, sondern auch dem Zwang der Tatsachen angepaßt. Es ist ein bei Heimjägern beliebter Irrtum, daß eine Politik feige und schwächlich sei, wenn sie sich nicht zwecklos, aussichtslos und sinnlos in Gefahren stürzt. Ebenso wie der andere Irrtum weit verbreitet ist, ein Hauptmerkmal des Löwen sei das Brüllen.

Wilhelm II. kam über den Fehler, den man mit der Marokkopolitik gemacht hatte, um so schwerer hinweg, da es nicht sein eigener Fehler gewesen war. Diese ihm aufgedrungene Politik hatte seinen ersten und gewiß nicht schlechtesten politischen Plan zerstört. Wie die Erinnerung an eine Jugendliebe haftete der Gedanke, daß er Frankreich hatte versöhnen wollen, in ihm fest. Bitter beklagte er sich in einer Randbemerkung über die Presse, die Frankreich und England »zusammengeschimpft« habe, wobei er allerdings einige andere Verantwortlichkeiten vergaß. Unfroh begleitete ihn der Vers, den alle in der Schule gelernt haben: »Adieu, charmant pays de France.« Er verhöhnte die »elenden Zivilisten«, das »Lumpengesindel«, die »Freimaurer« und hätte sie doch gern in Potsdam empfangen. Er machte unanständige Witze über »Marianne«, aber es war etwas Eifersucht dabei. Ganz ehrlich und aufrichtig, nur ohne 242 Kenntnis der Tatsachen, hatte er in Björkö geglaubt, nun sei das Ziel, die Freundschaft mit Frankreich, erreicht. Als auch diese Hoffnung zerronnen war, lag ihm daran, wenigstens die Spuren der Marokkoaffäre ausgetilgt zu sehen. Er hätte die Photographien von Tanger gern aus dem Album seiner Reisebilder entfernt.

Am 9. Februar 1909 unterzeichneten in Berlin der Staatssekretär Freiherr von Schoen und der französische Botschafter Jules Cambon einen neuen Marokkovertrag. In diesem Dokument erklärte die französische Regierung, sie wolle »die Integrität und die Unabhängigkeit des scherifischen Reiches aufrechterhalten, die wirtschaftliche Gleichberechtigung nicht antasten und die Interessen des deutschen Handels und der deutschen Industrie nicht schädigen«, und die deutsche Regierung erkannte »die besonderen politischen Interessen Frankreichs« an. Beide Regierungen verpflichteten sich, ein Zusammenwirken ihrer Staatsangehörigen »in den Unternehmungen, die diese erhalten könnten, zustandezubringen«. An den Vertragsverhandlungen hatte, außer Herrn von Schoen und dem jetzt als Vortragender Rat im Auswärtigen Amte tätigen Herrn von Flotow, der Gesandte von Kiderlen-Wächter, den Fürst Bülow aus Bukarest herbeigerufen hatte, hervorragend mitgewirkt. Dieser Vertrag wurde in den beiden beteiligten Ländern und in der übrigen Welt von den friedlichen Leuten sehr günstig aufgenommen. Man freute sich darüber, daß die Deutschen und Franzosen vernünftig zusammenarbeiten wollten, und meinte, der marokkanische Brand sei jetzt bis auf das letzte Fünkchen gelöscht. Die Unehrlichen und Unfriedlichen sagten sich, als sie den Vertragstext prüften, vermutlich, er lasse für neue Streitfälle genügend Raum und Gelegenheit. Bei dem Heißhunger, den die Konzessionsgewinnler in Marokko entwickelten, war die Wahrscheinlichkeit, daß sie unter einem leicht gebauten, schwankenden Zelte nun alle versöhnlich miteinander wohnen und abends freundschaftlich die Beute teilen würden, tatsächlich nicht allzu groß. Der Vertrag war ein sehr anständiges Werk, aber brüchig, weil er mehr Anständigkeit verlangte, als zu erwarten war. Er 243 hat gelebt, wie, einem schönen französischen Liede zufolge, die Rosen leben – einen Morgen lang. Als er unterzeichnet und bekanntgegeben wurde, weilte Eduard VII., zum ersten Male seit seiner Thronbesteigung und zum letzten Male, in Berlin. Bei einem Empfang, der im Rathaus stattfand, faßte er den Fürsten Bülow vertraulich am Knopf der blauen Husarenuniform und sagte: »Sie haben zwei schöne diplomatische Erfolge gehabt, nun sehen Sie, daß man nicht zu sehr damit paradiert.«

Häusliche Aufregungen, Konflikte und Skandale wurden in diesen Jahren nach der Algesiraskonferenz dem deutschen Volke so reichlich geboten, daß es noch flüchtiger als sonst durch das Fenster nach draußen sah. Im Jahre 1906 verlegten sich Zentrum und Sozialdemokraten, mit vielen Übertreibungen, im Reichstag auf das Enthüllen von Kolonialskandalen, im Sommer wurde Dernburg auf Bülows Vorschlag Staatssekretär im Kolonialamt, im Dezember kamen der Vorstoß des Zentrumsabgeordneten Roeren gegen die Kolonien, Dernburgs Rede über die »Eiterbeule«, die Auflösung des Reichstages, und dann folgten die Wahlen, in denen die Sozialdemokraten für das Zentrum mitbezahlen mußten und sich, siegreich, der »Block« zusammenfand. Den nicht allzuvielen, die energisch eine dringend notwendige, gründliche und rechtzeitige Erneuerung des weit hinter der Weltentwickelung zurückgebliebenen Staatswesens, einen entscheidenden Bruch mit dem System einer dünn verschleierten Autokratie, eine volksfrische Neubelebung des nur von einem adligen Familienkreise und konservativen Vertrauensmännern verwalteten Mechanismus, eine Durchbrechung der Triariermauer, Stärkung parlamentarischer Kontrolle und Verzicht auf falsche Flottenpolitik erstrebten, mußte die Blockperiode, der die prinzipielle Oppositionsmacherei der Sozialdemokratie den Weg geebnet hatte, überaus unwillkommen sein. Ich habe die damaligen Freisinnigen, die durch eine Verbindung mit den Konservativen Vorteile zu erhaschen hofften und natürlich den robusteren Naturen und den zu allen Geheimgemächern zugelassenen »Hoffähigen« unterliegen mußten, auf das schärfste 244 bekämpft, und sie sind aus der unnatürlichen Umarmung nur mit zerrissenen Ärmeln und ohne präsentable Frucht hervorgegangen. Wilhelm II. war in dieser Zeit mehr als je davon durchdrungen, daß er von Gott die Fähigkeit empfangen habe, ein großes Volk nach seinem eigenen Willen zu regieren, und Widerspruch und Einmischung in die »Rechte der Krone« wurden nicht erlaubt. Bülow wurde, als er einige Parlamentarier zu Besprechungen empfangen hatte, von dem Monarchen aufgefordert, solche Empfänge zu unterlassen, denn das Dreinreden von Abgeordneten in die Regierungsgeschäfte ginge nicht an. Ebenso war Wilhelm, wie Hammann mitteilt, bei einem Vortrage Bülows, der vorsichtig eine Wahlreform angeregt hatte, »über die in der Presse der Linken breit erörterte Forderung einer Liberalisierung Preußens sehr erregt«. In seinem Buche behauptet Wilhelm bekanntlich, er habe niemals eine Abneigung gegen den Liberalismus empfunden oder gezeigt. Schon im Jahre 1906 aber ereigneten sich Dinge, die für den Kaiser unangenehmer waren, wenn auch der äußerliche Byzantinismus auf allen seinen Pfaden immer der gleiche blieb. Die nächsten Freunde des Kaisers, die Mitglieder der Liebenberger Tafelrunde, wurden durch die Kampagne Hardens schwer getroffen, Philipp Eulenburg, der, wie sich aus seinen Briefen ergibt, zwischen allen Süßlichkeiten und schlechten Skaldenliedern vielleicht als einziger mitunter ein offenes Wort, eine Mahnung oder Warnung gewagt hatte, erlag dem von Holstein eingerührten Tränklein, jeder Akt des Sittenstückes vollzog sich unter der gespanntesten Aufmerksamkeit der Zuschauer und die ausländische Galerie erquickte sich an Epigrammen über das »vice prussien«. Obgleich dieser Einblick in den höfischen Freundschaftsverkehr zum mindesten den Glauben an die Urteilsfähigkeit des Monarchen nicht erhöhen konnte, schritt Wilhelm II, nachdem er den belasteten, aber geistig gewandten Philipp durch den unbescholtenen und nur sehr reichen Fürsten Fürstenberg ersetzt hatte, weiter zwischen ehrfürchtig beglückten Spalieren dahin. Im letzten Viertel des Jahres 1908 brach dann, mit der Veröffentlichung des 245 »Daily-Telegraph«-Interviews, der sogenannte Novembersturm los, für eine kleine Weile verschwand diesmal die strahlende Empfangsfreude aus den Gesichtern der Untertanen und Wilhelm II. hätte daran denken können, daß einmal auch zu Marie-Antoinette der Maréchal de Brissac gesagt hatte: »Madame, Sie haben dort unter Ihren Augen zweimalhunderttausend, die verliebt in Sie sind.«

Unter dieser Fülle der heimatlichen Ereignisse wurde, wie erwähnt, das niemals sehr rege oder gar sehr verständnisvolle Interesse für ausländische Angelegenheiten noch mehr erdrückt. Erfreulich und geeignet, ein abgeneigtes Publikum zu befriedigen, waren ohnehin diese Angelegenheiten nicht. Aber kurz vor dem Novemberunwetter durchlebte Europa eine Krise, der auch die deutschen Bürger ihre Teilnahme zuwenden mußten, weil Deutschland sehr nahe daran beteiligt war. Am 5. November 1908 verkündete in Wien Kaiser Franz Joseph, dessen Politik jetzt durch Aehrenthal geleitet wurde, die Annexion Bosniens und der Herzegowina, und die Regierung des Deutschen Reiches eilte, mit Nibelungentreue, zur Unterstützung des Bundesgenossen herbei. Rußland, dessen Entrüstung hoch emporschlug, wich zurück. Das kriegerisch lärmende Serbien mußte sich grollend ducken, und das war der zweite Erfolg, zu dem König Eduard gratulierte, als er den Uniformknopf des Fürsten Bülow freundschaftlich zwischen den Fingern hielt. Nach der Algesiraskonferenz hatte Wilhelm II. dem Grafen Goluchowski, dem damaligen österreich-ungarischen Ministerpräsidenten, telegraphiert: »Sie haben sich als brillanter Sekundant erwiesen und können gleicher Dienste im gleichen Falle auch von mir gewiß sein«, und man hatte in Wien dieses Telegramm, das kompromittierend schien, keineswegs freundlich aufgenommen. In Deutschland hat sich damals und später niemand gefragt: was ist ein Sekundant?

Der Kaiser Franz Joseph und seine Staatsmänner haben immer den Gedanken gehegt, bei einem deutsch-französischen Kriege ohne Teilnahme Rußlands dürfe sich für Österreich-Ungarn keine Bündnispflicht ergeben, in einem österreichisch-russischen Kriege dagegen habe Deutschland 246 seinem Verbündeten beizustehen. Als Bismarck im September 1879 in Wien weilte, um dort mit Franz Joseph und Andrássy über das Bündnis zu verhandeln, schrieb er an den Kaiser Wilhelm I., daß Andrássy ihm erklärt habe, das Wiener Kabinett sei zwar »gern bereit, gegen ein mit Rußland verbündetes Frankreich sich zum Beistand zu verpflichten«, aber solange Frankreich sich nicht auf feindliche Bündnisse gegen Österreich oder Deutschland einlasse, »wolle der Kaiser Franz Joseph jedenfalls sich die Freiheit erhalten, dem befreundeten englischen Kabinett auf jede Frage wahrheitsgemäß antworten zu können, daß Österreich an keiner gegen Frankreich gerichteten Verabredung beteiligt sei.« Die außerordentliche Abneigung, die Wilhelm I., mit Rücksicht auf den Zaren, gegen den Abschluß des deutsch-österreichischen Bündnisses empfand, und der Bismarck seine Rücktrittsdrohung entgegenstellte, wurde durch diese Fassung des Vertrages noch vermehrt. Immer wieder kehrte Wilhelm I. zu dem Einwand zurück, daß Österreich bei einem französischen Angriff auf Deutschland nicht neutral bleiben dürfe: »Sonst ist keine Parthie égale!« Er drängte: »Legen Sie dies Andrássy nochmals ans Herz!« Bismarck entgegnete: »Ein Bündnis, nach welchem Österreich uns gegen einen Angriff von Frankreich allein schon beizustehen hätte, ist von Österreich weder angeboten noch zu erlangen, sondern wiederholt abgelehnt.« Ganz ebenso weigerte sich während der Verhandlungen über den Anschluß Italiens an das Bündnis, im Jahre 1882, Graf Kálnocky, »einseitig gegen Frankreich Defensivfront zu machen«, da Österreich-Ungarn von Frankreich »nichts zu fürchten« habe, und noch hartnäckiger sträubte sich Franz Joseph, indem er bemerkte, daß »ein Angriff Frankreichs auf Österreich nicht zu erwarten sei.« Durch einige beruhigende Abänderungen des Textes kam man in diesem Falle über die österreichischen Bedenken hinweg. Als vor dem Abschluß des neuen Dreibundvertrages 1886 die Italiener, auf die nordafrikanische Küste blickend, die Verpflichtungen ihrer Bundesgenossen erweitern wollten und Kálnocky sich mit Recht nicht geneigt zeigte, ohne italienische Gegenleistung Österreich-Ungarn »wegen Tunis 247 und Marokko« in einen italienisch-französischen Krieg hineinziehen zu lassen, schrieb Bismarck, weniger nachsichtig als 1879, an den Rand des Botschafterberichtes: »Österreich hat auch uns wenig Neigung gezeigt, Händel mit Frankreich zu bekommen«. Als der Botschafter Prinz Reuß die Äußerung Kálnockys übermittelte: »Niemand in ganz Österreich-Ungarn würde begreifen, warum man sich in einen Kriegszustand mit Frankreich versetzen solle, wenn Italien ambitiöse Absichten auf Tripolis oder Marokko haben sollte«, setzte Bismarck hinter die Worte: »Kriegszustand mit Frankreich« die Bemerkung: »Den hat der Kaiser Franz Joseph immer gescheut«. Im September 1886 beklagte sich Kálnocky dem Prinzen Reuß gegenüber bitter über die Politik Bismarcks, die sehr weise den österreichisch-ungarischen Expansionsdrang auf dem Balkan zu hemmen suchte und sich gegenüber den angeblichen Interessen Österreichs in Bulgarien mehr als kühl verhielt. Zu den Klagen Kálnockys, der unter solchen Umständen das Bündnis unfruchtbar fand, bemerkte Bismarck, Österreich leiste uns »weder Frankreich, noch England, noch dem Papst gegenüber irgendwelche Assistenz« und doch hätten wir deshalb nie den Wert des Bündnisses verneint.

In den dunkelsten der tragischen Tage haben die Deutsch-Österreicher treu zu dem deutschen Volke gehalten, mit dem sie, stärker als ein Vertrag, nun ein gleiches Schicksal verbunden hatte, und man muß hinzufügen: ebenso die Ungarn, obgleich die einen nicht gern zusammen mit den anderen genannt sein wollen. Wir müssen das um so höher bewerten, da bei uns die hochmütige Neigung, den Überlegenen zu spielen und geringschätzig auf andere Leute zu blicken, oft ungemein deutlich hervorgetreten ist. In einer freien Aussprache würde sich ergeben, daß nicht wenige Deutsch-Österreicher der Meinung sind, sie seien durch das Bündnis in den Kreis der Feindschaften, der Deutschland umgab, hineingezogen worden, während wir nur die Auffassung haben können, daß Deutschland in den ausschlaggebenden Konflikt mit Rußland als Gefolgsmann Österreich-Ungarns hineingeriet. Das Gemeinschaftsgefühl ist so lebendig, daß es durch solche 248 historischen Diskussionen nicht einen Augenblick lang gemindert wird. Obgleich die Deutschen in Österreich das regierende Element bildeten, waren sie doch nicht das allein herrschende Element. Und wie neben ihrer Sprache andere Sprachen nach Einfluß rangen, so mischten sich in der Politik des Hauses Habsburg Worte und Laute verschiedener Art. Sogar in der Politik, die im Namen Franz Josephs geführt wurde, war das Wort mit Vorbehalten verknüpft. Das Rezept der reservatio mentalis wurde in der Klosterapotheke, in der die Umgebung der Habsburger verkehrte, für alle Fälle aufbewahrt. Wie der liberalisierende Kronprinz Rudolf dachte, hat die Veröffentlichung seiner Briefe gezeigt. Er sah in Frankreich den »Urquell aller liberalen Ideen und Institutionen auf dem Kontinent« und verglich damit Deutschland, das »nichts als eine enorm erweiterte preußische Soldateska, ein purer Militärstaat« sei. Und der gar nicht liberalisierende Franz Ferdinand mit seinem Beichtvater, dem Dominikaner Graf Gallen, und jener klerikalen Aristokratengruppe, jenem Kreise des Belvedere, in dem man nicht immer nur die Umgestaltung Österreichs erwog? Es gab sehr gewundene Gänge in diesem habsburgischen Eskurial.

In Algesiras glitt der österreichisch-ungarische Delegierte, Graf Welsersheimb, obgleich er natürlich nicht, wie der Italiener Visconti-Venosta, sich auf der französischen, sondern auf der deutschen Seite hielt, an allen Konflikten behutsam vorüber und als er einmal, in der Frage, wie und von wem der oberste Polizeichef in Marokko, der europäische »Inspektor«, ernannt werden sollte, den Standpunkt Frankreichs etwas entschiedener bekämpft hatte, wurde er durch ein Telegramm des Grafen Goluchowski aufgefordert, sein Möglichstes für eine Verständigung zu tun. Diese Kompromißtaktik der österreichisch-ungarischen Diplomatie war vernünftig, entsprach ebensosehr dem deutschen Interesse wie dem österreichischen, aber sehr viel wurde dabei nicht riskiert. André Tardieu sagt in seinem umfangreichen Buche: »Le Mystère d'Agadir«, seit dem Beginn des Oktober 1908 habe die Geschäftigkeit der österreichischen Politik auf dem 249 Balkan Deutschland vor die Dreibundfrage gestellt. Der »brillante Sekundant« habe jetzt selber ernten wollen und, um seine Wünsche in dem einen Punkte durchzusetzen, sich bereit zur Nachgiebigkeit in anderen Punkten gezeigt »Auch in Marokko hatte die österreichisch-ungarische Regierung, sowohl bei der Anerkennung Muley Hafids wie in der Frage der Deserteure, eine Haltung eingenommen, die für Frankreich unzweideutig freundlich und sehr verschieden von der Haltung Deutschlands war.« Tatsächlich erklärte der österreichisch-ungarische Botschafter in Paris, Graf Khevenhüller, im Oktober 1909 einem Interviewer, daß Österreich in Marokko als loyaler Freund Frankreichs handeln wolle, und bei der Affäre von Casablanca wurde die Herausgabe des österreichischen Deserteurs, der gemeinsam mit den deutschen Deserteuren festgenommen worden war, nicht verlangt. Tardieu unterstrich, vielleicht nicht ohne politische Absicht, in seinem 1912 erschienenen Buche dieses Bemühen der Wiener Diplomaten, Frankreich für ihre Balkanpolitik zu gewinnen. Und er führte, zweifellos falsch kombinierend, den Entschluß des Fürsten Bülow, die deutsch-marokkanischen Zwistigkeiten durch einen Geschäftsvertrag endgültig zu beseitigen, auf die Befürchtung vor einem Abschwenken Österreichs zurück. In der Wiener Presse hatte nicht gerade Enthusiasmus über die deutsche Marokkopolitik geherrscht. Darin kann niemand und können am wenigsten diejenigen, die gleichfalls diese Politik nicht gut fanden, ein Verbrechen sehen. Aber, nehmt alles nur in allem: hätte, wenn Deutschland der Marokkofrage wegen in einen Krieg mit Frankreich und England hineingeraten wäre, das Haus Habsburg sich ohne Zögern in schimmernder Wehr und Nibelungentreue mit uns vereint? Wer in den Akten gelesen hat und alle Tatsachen wägt, dem stockt, auch wenn er es gern aussprechen möchte, auf den Lippen das Ja. Aufgabe eines brillanten Sekundanten ist es nur, darauf zu achten, daß das Duell der anderen tadellos vor sich geht. Obgleich Wilhelm II. mit seinem überflüssigen Telegramm an den Grafen Goluchowski in Wien Mißstimmung erregte, hatte er, ohne es zu wissen, diesmal das passende Wort gewählt. 251

 

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