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Das Vorspiel

Theodor Wolff: Das Vorspiel - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Vorspiel
authorTheodor Wolff
year1924
firstpub1924
publisherVerlag für Kulturpolitik
addressMünchen
titleDas Vorspiel
pages303
created20140121
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IV

Im Oktober 1898 hatte in Frankreich, nach dem Sturze des auf die Revision des Dreyfus-Prozesses hinstrebenden alten Brisson, Herr Charles Dupuy, ein biedermännisch korpulenter und rundherum unzuverlässiger Politiker, eine neue Regierung gebildet und Herrn Delcassé zum Minister des Äußern gemacht. Delcassé war damals sechsundvierzig Jahre alt, hatte viel für Zeitungen geschrieben, besonders die lauen Gemüter für eine Erweiterung des französischen Kolonialbesitzes zu erwärmen versucht und saß seit 1894 in der Deputiertenkammer, wo er mit scharfer Dialektik in allen Kolonialdebatten sprach. Wenige Wochen nach dem Einzug Delcassés in das Ministerium am Quai d'Orsay zog der Hauptmann Marchand in Faschoda ein. Frankreich mußte den englischen Drohungen weichen und Delcassé sandte, bei seinem Debüt, dem Hauptmann den Rückzugsbefehl. Marchand kam bald darauf nach Paris und wurde von der aufgeregten Menge mit begeisterten Huldigungsrufen und mit ebensoviel Schmährufen gegen England geehrt. Während das Publikum so seinen Gefühlen Luft machte, verhandelte Delcassé mit der englischen Regierung über die Gebietsteilung in Mittelafrika, und die Grenzen wurden nicht allzu ungünstig für Frankreich festgelegt. Als Herr Charles Dupuy nach dem Tode Felix Faures beseitigt wurde und am 22. Juni 1899 Waldeck-Rousseau sein staatsrettendes Kabinett bildete, blieb Delcassé von dem Umschwung der Dinge unberührt. Er brachte 1901 ein Abkommen mit Italien über Tripolis zustande, das später sehr wichtig werden sollte, und reiste erst allein und dann, nach dem Pariser Besuche des Zaren und der Zarin, mit dem Präsidenten Loubet nach Petersburg. Er überlebte auch das 140 Kabinett Waldeck-Rousseau und blieb, als 1902 der wirklich große Republikaner, innerlich schon durch Krankheit zernagt, zurücktrat, Minister des Äußern im Kabinett Combes. Er überlebte ebenso das antiklerikale, klösterschließende Kabinett Combes, denn auch Rouvier, der im Januar 1905 folgte, ließ die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten in seiner Hand.

Es ist oft gesagt worden, daß Delcassé in seinen ersten Ministerjahren nicht deutschfeindlich und sogar für eine Verständigung mit Deutschland gewesen sei. Er mag nicht sofort die Absicht gehabt haben, eine antideutsche Politik zu treiben, aber dafür, daß er mit einigermaßen zielklarem Willen sich der Verständigungspolitik zugewandt habe, sehe ich nirgends einen Beweis. Obgleich er mir manche gesellschaftlichen und andere Höflichkeiten erwies, zu denen nichts ihn nötigte, habe ich den Eindruck, daß er zu den Versöhnungspolitikern gerechnet werden könne, niemals gehabt. Sein unvorteilhaftes Äußere, sein unschönes Gesicht mit der geröteten, derben Nase und den etwas stechenden Augen hinter dem Kneifer und die Verschlossenheit seines Wesens konnten gewiß irreführen, das Urteil zu seinen Ungunsten beeinflussen, aber ich bezweifle, daß hinter dem Schild, hinter der teils echten und teils einstudierten abweisenden Kühle, irgendeine auf die Verständigung mit Deutschland gerichtete Überlegung vorhanden war. Man kann einwenden, er habe nach dem Erlebnis von Faschoda den Wunsch, diesen Schimpf den Engländern zu vergelten, verspüren müssen, und das habe ihn notwendigerweise auf den Weg nach Deutschland gedrängt. Aber das ist eine zu einfache Betrachtungsweise, und die politische Psychologie wird nicht immer durch die Gesetze der Logik regiert. Aus dem Aufsatz über den Ursprung der »Entente cordiale«, den Mermeix am 18. Oktober 1921 im »Figaro« erscheinen ließ, ergibt sich, daß Delcassé schon 1898, gleich nach seiner Ernennung zum Minister und unmittelbar vor Faschoda, an Herrn Paul Cambon, der damals Botschafter in Konstantinopel war, die Frage richtete, ob er bereit wäre, als Botschafter nach London zu gehen. Als Cambon 141 bemerkte, daß er in London eine andere Politik als die bisher betriebene einleiten würde, antwortete Delcassé: »Eine Annäherungspolitik? Das ist die Politik, die ich machen will, soweit es die Würde Frankreichs erlauben wird.« Und obgleich dann die Würde Frankreichs, wenigstens nach der hergebrachten Auffassung, durch die Faschoda-Affäre verletzt worden war, wiederholte im September oder Oktober 1898 Delcassé sein Angebot. Auch damals nahm er die Bedingungen Paul Cambons an. Man sieht: Delcassé wollte sich durch eine afrikanische Episode nicht lange aufhalten lassen und suchte vom Anfange seiner Ministertätigkeit an, über zerschmetterte Ehrensäulen hinweg und durch die Haufen der empörten Patrioten hindurch, den Anschluß an England zu gewinnen. Jedenfalls blickte er mehr nach London als nach Berlin.

Er blickte auch, mit einladenden Blicken, nach Rom. Dort hatte nach dem Rücktritt Crispis die französische Diplomatie mit viel Geschicklichkeit und ebensoviel Geld eine rührige Werbearbeit begonnen, und der italienische Minister des Äußern, Prinetti, der sich öffentlich gegen den Dreibund ausgesprochen hatte, tat für Frankreich, was in seinen Kräften stand. Frankreich ermunterte die Italiener, sich in Albanien eine beherrschende Stellung zu sichern, und durch das Abkommen von 1902 überließ Delcassé ihnen, zu gelegentlicher Eroberung, Tripolis. Durch diesen Vertrag gewann Frankreich für später die italienische Unterstützung in Marokko, aber es half auch, einen Stein aus dem türkischen Gebäude auszubrechen, der dann im Sturze so viel anderes mit sich riß. Die Hoffnung Delcassés, mit Hilfe Prinettis die Erneuerung des Dreibundvertrages zu verhindern, ging nicht in Erfüllung, denn Fürst Bülow, der im März 1902 mit dem italienischen Minister in Venedig zusammentraf, brachte den Vertrag äußerlich unverändert heim. Trotzdem erklärte Delcassé bald darauf in der Deputiertenkammer, im Tone eines Mannes, der einen Erfolg davon getragen hat, daß »die Politik Italiens weder unmittelbar noch mittelbar infolge seiner Allianz gegen Frankreich gerichtet« sei. Vermutlich hatte Herr Prinetti ihm heimlich, hinter 142 dem Rücken der Verbündeten, beruhigend zugewinkt. Und außerdem hatte Delcassé jenen Tripolisvertrag in der Tasche, der immerhin eine gute Schutzpastille war.

Fürst Bülow sagte im Reichstag über Italien: »In einer glücklichen Ehe muß der Ehegatte auch nicht gleich einen roten Kopf kriegen, wenn seine Frau einmal mit einem anderen eine unschuldige Extratour tanzt. Die Hauptsache ist, daß sie ihm nicht durchgeht, und sie wird ihm nicht durchgehen, wenn sie es bei ihm am besten hat.« Man hat diese zierliche Bemerkung getadelt, diese Ehephilosophie allzu nachsichtig gefunden, und sie erinnert ja wirklich ein wenig an die Philosophie in der »Parisienne« des wundervoll schonungslosen Henri Becque. »Vertrauen, Herr Lafont,« sagt Clotilde in Gegenwart ihres Mannes zu dem verstimmten Hausfreund, »Vertrauen – das ist das einzige System, das bei uns Glück hat«, und der Ehemann fügt hinzu: »Das war, liebe Clotilde, immer auch mein System.« Aber aus den diplomatischen Akten scheint sich doch zu ergeben, daß Fürst Bülow dieses System nicht gedankenlos angewendet hat. Er hat nicht jede Extratour für ein unschuldiges Vergnügen gehalten und hat nur, wie es seine Art war, der klatschhaften Nachbarschaft eine lächelnde Miene gezeigt. Dennoch hat Graf Monts, der deutsche Botschafter in Rom, die Politik des Fürsten Bülow sehr abfällig kritisiert. Graf Monts war für Scheidung und gegen die Erneuerung des Dreibundes, die nichts mehr sei als eine leere, Deutschland täuschende und einlullende Zeremonie. Dieser geistreiche Diplomat war der rücksichtsloseste aller diplomatischen Spötter, die Guillotine seiner Ironie köpfte wahllos die schönsten Herren und Damen des römischen Hofes, und er war nie so gut gelaunt wie dann, wenn er zeigen konnte, daß eine Büste nicht aus Marmor sei, sondern aus Gips. Die Berliner Ansicht, daß man wenigstens eine Einigkeit vortäuschen, das gelockerte Band zwischen Italien und den beiden anderen Bundesmächten immer wieder zurechtrücken müsse, um so ein völliges Hinübergleiten zu verhindern, gefiel seinem zerschneidenden Geiste nicht. Ob es richtig gewesen wäre, dem Grafen Monts zu folgen und durch einen Verzicht auf einen 143 zweifelhaften Verbündeten eine klare Situation zu schaffen, ist eine Streitfrage, zu der man sich, mit gleich guten Gründen, verschieden stellen kann. Der Skeptiker Monts, der als Botschafter die Wege der italienischen Politik richtig erkannt hatte, wandelte später als Privatmann auf den Wegen der österreichischen Politik, und vielleicht, weil er gewohnt war, zu verneinen, war er nicht ebenso glücklich im Bejahen.

Obgleich Herr Delcassé rechts und links gegen uns arbeitete, hätte er in seinem Bestreben, vor allem ein Realpolitiker zu sein, vielleicht auch von Berlin Gutes angenommen, besonders als man in London, weil man damals noch den Bund mit Deutschland dem mit Frankreich vorzog, Paul Cambon mit so viel Zurückhaltung empfing. Es waren Situationen denkbar, wo Delcassé, zwischen England und Deutschland gestellt, sich für Deutschland hätte entscheiden müssen, und die deutsche Staatskunst hätte jedenfalls erforschen können, ob um 1900 eine solche Situation bestand. Da Delcassé nach Faschoda einen Erfolg brauchte, blickte er nach Marokko, das gewissermaßen das einzige noch verfügbare Objekt und schon immer ein Ziel seiner kolonialpolitischen Unternehmungslust gewesen war. Seit langem hatte die französische Kolonialpartei, besonders die sogenannte algerische Gruppe, der als einflußreichstes Mitglied Herr Etienne angehörte, für eine aktive Marokkopolitik Stimmung gemacht. Der französische Einfluß in Marokko war bereits sehr mächtig, Frankreich hatte mit dem Sultan mehrere Verträge abgeschlossen, und man hatte auch allerlei über die Bildung von Grenzpolizeitruppen festgesetzt. Delcassé wollte diese »Aufsaugung« Marokkos beschleunigen, mußte aber einige Rücksicht auf die öffentliche Meinung und das Parlament in Frankreich nehmen und konnte auch andere Mächte, die ein Interesse an Marokko hatten, nicht ganz übergehen. Die öffentliche Meinung und das Parlament in Frankreich waren um 1900 jedem kriegerischen Abenteuer und auch einem Kriege mit den fanatischen Marokkanern äußerst abgeneigt. Unter den Mächten, die sich für Marokko interessieren mußten, stand Spanien in erster Reihe, und darum begann Delcassé Verhandlungen mit der Regierung in Madrid.

144 Diese Verhandlungen wurden anscheinend im Jahre 1900 eingeleitet und im nächsten Jahre zum Abschluß gebracht. Der Ministerpräsident Silvela vertrat mit großem Nachdruck und außerordentlicher Geschicklichkeit die Ansprüche Spaniens und verstand es, von Delcassé ungemein weitgehende Zugeständnisse zu erlangen. In dem Vertrage von 1901, der nicht ans Licht kam, wurde Marokko zwischen Frankreich und Spanien aufgeteilt. Silvela, der im Abschluß dieses Vertrages den größten Erfolg und das Hauptwerk seines Lebens sah, unterbreitete das Dokument der Königin-Mutter, aber Marie Christine verweigerte aus Furcht vor England ihre Unterschrift. Der Ministerpräsident gab seine Demission, zog sich vergrämt und verbittert aus dem politischen Leben zurück, und ein liberales Kabinett trat auf den verlassenen Platz. Sehr bald erfuhr man in London den genauen Inhalt des geplanten Vertrages, und die englische Regierung ließ unzweideutig erkennen, daß sie in der marokkanischen Frage mitzureden wünsche, und daß ein Abkommen, das ohne ihre Zustimmung abgeschlossen wäre, den sonst angenehmen englisch-spanischen Beziehungen nachteilig sei. Für die größte Seemacht war es nicht gleichgültig, was auf der marokkanischen Küste geschah. Und Gibraltar ist keine Theaterdekoration.

Nachdem so im Jahre 1901 das marokkanische Projekt am Widerstande Englands gescheitert war, hatte Delcassé, wenn er seine Hoffnungen nicht ganz begraben wollte, nur die Möglichkeit, einen von zwei Wegen zu gehen. Entweder mußte er versuchen, England für seine Politik zu gewinnen, oder er mußte dem englischen Einfluß einen anderen, gleich mächtigen gegenüberstellen. In den »Beiträgen zur Zeitgeschichte«, im »Berliner Tageblatt« vom 6. Dezember 1905, in denen die Entwickelung der Marokko-Affäre dargestellt wurde, habe ich gesagt, Delcassé habe direkte Schritte in Berlin, um sich den Beistand Deutschlands zu sichern, nicht unternommen. Aber der spanische Botschafter in Paris, Marquis del Muni, ein intimer Freund Delcassés, habe sich bemüht, das Terrain zu erforschen, und der deutschen Diplomatie vergebliche Zeichen gemacht. Auch wenn von 145 französischer und spanischer Seite gar keine Signalwinke und Andeutungen gekommen sein sollten, kann es fraglich erscheinen, ob die deutsche Diplomatie, die in der gleichen Zeit die englischen Bündnisangebote beiseite schob, nicht gut getan hätte, dem französisch-spanischen Sorgenkreise näherzutreten und fühlen zu lassen, man könnte vielleicht, unter Umständen, der hilfreiche Dritte im Bunde sein. Es schien, indem man den Franzosen, nach den kaiserlichen Blumen, einen geschäftlichen Vorteil bot, wenigstens nicht ganz unmöglich, die marokkanische Frage zu regeln und bei dieser Gelegenheit andere kolonialpolitische Wünsche Deutschlands der Verwirklichung näherzubringen. Der erste Sekretär bei der deutschen Botschaft in Paris, Graf Unico Groeben, war ein eifriger Anhänger dieser Ideen. Der Botschafter Fürst Münster, der nun mehr als achtzig Jahre alt war, sah nicht mehr scharf genug, um neue, noch ungelichtete Wege zu erkennen. Aber die eigentlichen Hindernisse lagen in Berlin. Das Auswärtige Amt hatte in der Marokkofrage kein klares Programm, oder eigentlich mehrere, sauber auf Aktenbogen hingesetzte Programme, und da man nicht wußte, was man wollte, wich man am liebsten jedem Entschlusse aus. Bismarck hatte, teils um die republikanischen Regierungen zu stärken, und teils, um die französische Unternehmungslust abzulenken, Frankreich bei der Festsetzung in Tunis und bei seinen anderen Kolonialeroberungen unterstützt. Auch der Gedanke, daß Frankreich sich Marokko aneignen könnte, war ihm keineswegs unangenehm. »Der Reichskanzler«, notierte Hohenlohe am 22. Februar 1880, »sprach auch über meinen Bericht über die französischen Pläne auf Marokko und meinte, wir könnten uns nur freuen, wenn sich Frankreich Marokko aneigne. Es habe dann viel zu tun, und wir könnten ihm die Vergrößerung des Gebietes in Afrika als Ersatz für Elsaß-Lothringen gönnen.« Seit dem Sturze Bismarcks wurde im Auswärtigen Amt mit Vorliebe versichert, man interessiere sich für Marokko nicht. Man dachte wie der Anachoret, nur dem, der sich den Unannehmlichkeiten des Lebens fernhalte, könne nichts geschehen. Dazu kam, daß man sich zwar 146 nicht mit England vereinigen, sich aber auch nicht mit England veruneinigen wollte und in dem Irrtum lebte, nach Ablehnung der englischen Bündnisvorschläge werde alles so bleiben wie bisher. Dazu kam schließlich, daß Herr von Holstein in seinem ganzen Fühlen und Denken antifranzösisch und zu einem sachlichen Eingehen auf die französischen Probleme gar nicht imstande war. Graf Groeben, der nach Berlin fuhr, um dort eine Verständigung mit der französisch-spanischen Gruppe zu empfehlen, wurde kaum angehört. Verstimmt durch diese Erfahrung, zog er es bald darauf vor, als Privatmann in Paris zu leben und kritischer Zuschauer der Ereignisse zu sein. Man vermied es, mit Frankreich über Marokko zu reden, ganz wie man die Aufforderung Landsdownes, sich mit der englischen Regierung über Marokko auszusprechen, unbeachtet ließ. Infolgedessen fanden sich die beiden anderen zusammen, die man in Berlin für unversöhnbare, durch ein unüberwindbares Fatum getrennte Gegner hielt. Als Delcassé und Landsdowne im Juli 1903 ihre Verhandlungen in London begannen, wurde Marokko das wertvolle Austauschobjekt. Der Stein, den die Berliner Bauleute weggeworfen hatten, wurde zum Eckstein der »Entente cordiale«.

Ganz glatt und einfach ging das nicht. Die Schwierigkeiten waren so groß, daß ein paarmal alles zu scheitern schien. In den Kreisen der französischen Kolonialpolitiker gab es eine einflußreiche Gruppe, die keineswegs damit einverstanden war, daß der Verzicht Englands auf Marokko durch eine Anerkennung der englischen Herrschaft in Ägypten bezahlt werden sollte, und die hinter verschlossenen Türen Widerspruch erhob. Herr Etienne, der Führer der Kolonialparlamentarier, reiste nach Berlin, um sich nach neuen Möglichkeiten umzuschauen. Er mußte heimkehren, ohne eine offizielle Seele erblickt zu haben, denn im Auswärtigen Amt durfte ihn niemand empfangen. Er hatte im »Figaro« einen Artikel über das unvergeßliche Elsaß-Lothringen geschrieben und darum, oder angeblich darum, lehnte man jede Berührung mit ihm ab. Der am 8. April 1904 veröffentlichte französisch-englische Vertrag war, als politisches Werk 147 betrachtet, ein Mustervertrag. Ohne Kleinlichkeit, ohne engherziges Festhalten an sogenannten Rechten hatten beide Parteien, um ein großes Ziel zu erreichen, Opfer gebracht. Während die deutschen Weltpolitiker – Kleinkrämer mit pompösem Firmenschild – nicht imstande waren, irgendeinen in der Luft schwebenden Anspruch aufzugeben, wurde hier durch klugen Verzicht eine ungeheuere reale Machtstärkung erreicht. Die diplomatische Tradition Bismarcks war anderswo einflußreicher als daheim.

In Berlin hatte man den Anknüpfungsbesuch, den der König Eduard im Mai 1903 in Paris abgestattet hatte, für die Vergnügungstour eines Lebemannes gehalten, der zu schönen Erinnerungen zurückkehren will. Wahrscheinlich traf André Tardieu ungefähr das Richtige, wenn er schrieb, Wilhelm II. nehme den Onkel nicht ernst. Als Bülow am 8. April 1904 im Reichstage über das noch nicht veröffentlichte französisch-englische Abkommen sprach, wählte er – vielleicht wieder mehr aus diplomatischer Überlegung als aus Überzeugung – einen Ton freier Sorglosigkeit. »Wir hätten«, sagte er, »keine Ursache, anzunehmen, das englisch-französische Kolonialabkommen enthalte eine Spitze gegen irgendeine andere Macht« . . . »Was vorzuliegen scheint, ist der Versuch, eine Reihe von Differenzpunkten, die zwischen England und Frankreich bestanden, aus dem Wege zu räumen«, und dagegen könne »vom Standpunkt der deutschen Interessen nichts einzuwenden« sein. Ein gespanntes Verhältnis zwischen Frankreich und England wäre eine Gefährdung des Weltfriedens und deshalb nicht wünschenswert. »Was speziell Marokko angeht, das den Kernpunkt dieses Abkommens bilden dürfte, so sind wir, wie im Mittelmeer überhaupt, im wesentlichen wirtschaftlich interessiert. Deshalb haben wir auch ein erhebliches Interesse daran, daß in Marokko Ruhe und Ordnung herrscht.« Fürst Bülow betonte noch, daß Deutschland seine merkantilen Interessen in Marokko schützen müsse und schützen werde, aber er fügte hinzu, ein Grund zu der Befürchtung, daß »unsere Interessen in Marokko von irgendeiner Macht mißachtet oder verletzt werden könnten«, liege nicht vor. Sieht man von diesem Hinweis auf 148 die wirtschaftlichen Beziehungen ab, die sich aus dem im Jahre 1890 zwischen Deutschland und Marokko abgeschlossenen Handelsvertrage ergeben hatten, so enthielt die Rede kaum ein vorbeugendes und sicherlich kein drohendes Wort. Hat Bülow damals schon im Stillen Absichten gehabt, die durch liebenswürdige Redewendungen verborgen werden mußten, und hat er sich mit der harmlosen Maske des Optimisten auf die Lauer gelegt? Ein fester Plan oder auch eine feste Anschauung hatte sich ganz gewiß noch nicht geformt.

Was führte den Umschwung in den Berliner Stimmungen herbei? Ohne Zweifel spürte man, daß der englisch-französische Vertrag doch mehr wäre als »der Versuch, eine Reihe von Differenzpunkten zu beseitigen«, und der Gedanke an die versäumten Gelegenheiten erweckte, gerade weil man sich die eigene Schuld nicht eingestehen wollte, eine gewisse Bitterkeit. Während Graf Bülow im Reichstage die Beruhigungsrede hielt, war Wilhelm II. auf einer Mittelmeerfahrt. Er war abgereist mit der Absicht, den König Viktor Emanuel zu besuchen, aber auch in der Erwartung, den Präsidenten der französischen Republik, Herrn Loubet, zu sehen. Als ich im Dezember 1905 Näheres über diesen gescheiterten Plan mitteilte, wurde so getan, als wäre das ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Die diplomatischen Akten bestätigen alles und sogar noch viel mehr.

Am 4. Februar 1904 erzählte der immer geschäftige Fürst von Monaco dem Fürsten Radolin, daß er mit Loubet über Wilhelm II. gesprochen, und daß der Präsident der französischen Republik geäußert habe, er verehre und bewundere »diese große geschichtliche Figur« und würde dem Kaiser sehr gern einmal begegnen, aber es sei freilich nicht ganz leicht. Bülow, dem Radolin einen Bericht über diese freundlichen Redensarten schickte, fand die Idee einer Begegnung sympathisch, riet aber zur Vorsicht und fürchtete, der Kaiser könnte sich für das Projekt begeistern und dann einem peinlichen Echec entgegengehen. Aus allgemeinen und aus besonderen Gründen ist es durchaus verständlich, daß dem Fürsten Bülow eine Begegnung sehr wünschenswert erschien. Auch wenn es sich nur um eine nichtssagende 149 Anregung handelte, solide Grundlagen fehlten und die Wahrscheinlichkeit des Gelingens ungemein gering war, konnte man, behutsam und ohne sich zu kompromittieren, versuchen, den Faden weiterzuspinnen. Loubet wurde, wie Wilhelm II., in Italien erwartet, und der italienische Hof, die italienische Regierung und das italienische Volk bereiteten sich vor, ihn überaus festlich zu empfangen. Die für Deutschland höchst unerquicklichen und nachteiligen Wirkungen dieser Manifestationen konnten abgeschwächt, ihr Sinn konnte verändert werden, wenn es auf italienischem Boden zu einer Zusammenkunft zwischen dem deutschen Kaiser und Loubet kam. Aber dieselben Erwägungen, die den Fürsten Bülow veranlassen mußten, diese Zusammenkunft zu wünschen, mußten Delcassé bestimmen, alles Nötige für die Vereitelung des Planes zu tun. Er wollte die französisch-italienische Verbrüderung haben, den vollen Erfolg, den unverwässerten Eindruck, und das alles war gestört, wenn der deutsche Gast als Dritter mit an der Tafel saß. Radolin, den Bülow befragte, wies auf diese unverkennbare Abneigung Delcassés hin. Bülow verzichtete darauf, noch etwas in einer Angelegenheit zu unternehmen, die er nun mit Recht für aussichtslos hielt. Inzwischen hatte allerdings Tittoni, der italienische Minister des Äußern, vom Grafen Monts leicht angestoßen, den Gedanken aufgegriffen und sich anscheinend, wohl nur um sein Ziel zu verdecken, für die »Zusammenkunft zu Dreien« erwärmt. Es blieb aber bei dieser momentanen Erwärmung, der französische Botschafter Barrère sorgte für die Abkühlung, und Herr Tittoni strengte sich gewiß auch nicht übermäßig an. Leider kannte Wilhelm II. das Projekt und die schmeichelhaften Worte, die Loubet zum Fürsten von Monaco gesprochen hatte, und das alles hatte seinen lebhaften Geist sehr angeregt. Er hatte zwar geschwiegen, nicht durch hitzige Übereilung Schaden angerichtet, aber es war ihm doch nicht möglich, sich ganz von dem ihm liebgewordenen Gedanken zu trennen.

Der Besuch bei dem König von Italien verlief in den üblichen Formen, die Monarchen küßten sich auf beide Wangen, und während sie diese Pflicht in Neapel erfüllten, wurde 150 schon für Loubet gekocht und gebacken, und die französischen Fahnen wurden herbeigeschafft. Viktor Emanuel forderte den Kaiser nicht auf, dazubleiben, niemand sprach mehr von der Begegnung zu Dreien, und Wilhelm II. reiste ab. Er fuhr mit der »Hohenzollern« nach Sizilien, wo er nähere Nachrichten über die englisch-französischen Abmachungen empfing. Aus Syrakus telegraphierte er an den Fürsten Bülow, diese Abmachungen schienen ihm doch nicht ganz unbedenklich zu sein. In Berlin, im Auswärtigen Amte, las man jetzt mit Besorgnis die Berichte des Grafen Monts über das glänzende Programm, das zu Ehren des herannahenden Loubet erdacht worden war. Nicht der Besuch eines fremden Staatschefs, sondern ein Fest der Liebe wurde vorbereitet, alle Künste der Inszenierung wurden aufgeboten und die Volksstimmung wurde durch die Gehilfen der Herren Tittoni und Barrère mächtig angeheizt. Bülow erklärte dem italienischen Botschafter, dem Grafen Lanza, solche Feste seien mit dem Dreibundvertrage unvereinbar, und Monts erhielt Instruktionen, die man nicht als schwächlich bezeichnen kann. Er sollte fordern, daß der König von Italien in seinen Toasten den Dreibund erwähne, und er brachte diese Forderung bei Tittoni mit der ihm eigenen Bestimmtheit vor. Tittoni versprach nach einigem Zögern alles und hielt natürlich nichts. Der König und die Regierung überhäuften den Präsidenten der französischen Republik mit ausgesuchten Liebenswürdigkeiten, und in dem Toast bei der Flottenparade wurde mit keiner Silbe auf die Existenz eines Dreibundes angespielt. Monts ersuchte auf neue Weisung aus Berlin den italienischen Minister des Äußern, nun wenigstens weitere Tischreden zu verhindern, und Tittoni versprach abermals. Aber der König hielt einen noch schöneren Toast, in dem er in den herzlichsten Ausdrücken von der italienisch-französischen Freundschaft sprach. Dem italienischen Minister des Äußern ließ Monts sagen, seine Erziehung verhindere ihn, ein solches Benehmen mit den richtigen Worten zu bezeichnen, und am Abendfest im Palazzo Farnese nahm der deutsche Botschafter erst teil, als ihm, auf sein Verlangen, die Versicherung gegeben worden war, der 151 König werde ihm gegenüber in Gegenwart der Franzosen ostentativ höflich sein. Indessen, die Bemühungen, den italienischen Gastgebern die Folgen ihres Verhaltens fühlbar zu machen, wurden zerstört, als der noch auf Sizilien weilende Wilhelm II. in einem Telegramm an Viktor Emanuel seinem Dank für die gute Aufnahme schwungvollen Ausdruck verlieh. Vorher schon hatte es die Entrüstung des Grafen Monts erregt, daß der Kaiser auf italienischem Boden oder an der italienischen Küste geblieben war, um wie ein vernachlässigter Liebhaber durch das Fenster in den Ballsaal zu sehen. Wilhelm II. hatte an der Idee festgehalten, »zufällig« dem französischen Geschwader zu begegnen, und erst als ihm ein deutlich ermahnendes und zugleich höfisch geschicktes Telegramm Bülows überreicht worden war, hatte er sein Schiff in andere Gewässer gelenkt.

Ein Jahr später wollte Viktor Emanuel durch einen Brief an Wilhelm II. die peinlichen Erinnerungen auslöschen und Bülow riet zur Versöhnlichkeit. Der Kaiser, der sein Danktelegramm und seine Küstenbelagerung inzwischen vergessen hatte, fand jetzt, daß sein Kanzler zu entgegenkommend sei. Übrigens war auch Graf Monts gerade nach der französisch-italienischen Manifestation gegen einen offenen Bruch. Er gönnte Herrn Delcassé nicht diesen Triumph.

Wilhelm II. kehrte in sehr schlechter Laune von seiner Mittelmeerreise in die deutsche Heimat zurück. Seit dem fruchtlosen Schaukeln auf den Wellen vor Neapel hatte er auch mit wachsender Besorgnis über das englisch-französische Bündnis nachgedacht. Als er wieder auf deutschem Boden war, ließ er den Grafen Bülow ersuchen, nach Straßburg zu kommen. In der Unterredung, die dort stattfand, mußte Bülow offenbar seine ganze Verteidigungskunst aufbieten, denn der kaiserliche Zorn fiel schwer auf das Auswärtige Amt. Einige Tage später hielt der Kaiser in Karlsruhe eine Rede, die auf die Kriegstaten von 1870 hinwies und, nach der Gemütsruhe Bülows, überraschend und seltsam erschien. Es war ein noch nicht überall verstandenes Signal.

Man versuchte nun, aus dem englisch-französischen Abkommen wenigstens auch einige Vorteile für Deutschland 152 herauszuschlagen, und diese Versuche gingen nach zwei Seiten hin. Zunächst wollte man die englische Regierung zu einer Aussprache über die Neugestaltung der Dinge in Ägypten bewegen, und man hoffte, nach einem Ausspruch Bülows, an den ägyptischen »Nagel« dann alles übrige anzuhängen. Graf Wolff-Metternich mußte Lansdowne darauf aufmerksam machen, daß Deutschland für seine Zustimmung zu der Neuregelung dieselben Zugeständnisse wie Frankreich fordern könne, und die Frage der Handelsfreiheit in Ägypten wurde ausgespielt. Als Lansdowne sich sehr abweisend verhielt, erklärte Wilhelm II. dem englischen Botschafter Lascelles, diese Haltung erwecke den Verdacht, daß England und Frankreich Böses gegen Deutschland im Schilde führten, und wenn sich das nicht ändere, werde er, zur Vergeltung, »die britische Diplomatie in Petersburg auf das schärfste beobachten« und etwaigen Intrigen gegenüber »unnachsichtig« sein. Eine Einigung über Ägypten wurde zustande gebracht. Damit aber war die Unterhaltung abgeschlossen, und der ägyptische Nagel wurde, als ein untaugliches Objekt, nicht weiter benutzt. Man kam dann, allerdings zu spät, auf den Gedanken, sich Spanien zu nähern, die marokkanische Frage mit der Regierung in Madrid zu erörtern, und bot Marie Christinen für die Verhandlungen mit Delcassé die deutsche Unterstützung an. Delcassé, durch England gedeckt, wollte jetzt den Spaniern in Marokko nur noch einen Bettleranteil lassen, der spanische Botschafter in Paris, Marquis del Muni, ballte die Faust in der Tasche, Marie Christine sagte zu Radowitz, dem deutschen Botschafter, die Veröffentlichung des englisch-französischen Abkommens sei unfreundlich und taktlos, und auf alle diese Tatsachen und Symptome baute man in Berlin eine ziemlich optimistische Rechnung auf. Sonderbarerweise hoffte man sogar bereits auf greifbaren Gewinn, auf Fernando Po, das man reichlich bezahlen wollte, und auf eine marokkanische Hafenstation. Aus einem Telegramm Bülows an Radowitz geht das deutlich hervor. Wie konnte man meinen, Spanien sei für eine solche Politik, die es gleichzeitig mit Frankreich und mit England entzweit hätte, stark genug? Als England 153 und Frankreich sich noch nicht über Marokko verständigt hatten, Frankreich noch neben Spanien stand, hätte man die Winke del Munis, die Mahnungen des Grafen Groeben oder die Situation beachten und in Madrid anklopfen müssen, und dann hätte man vielleicht etwas erreicht. Jetzt waren die Bemühungen aussichtslos. Marie Christine dankte Herrn von Radowitz herzlich für die guten deutschen Ratschläge, und Spanien entschloß sich, weil es gar nichts anderes tun konnte, zur Annahme des neuen Marokkovertrages, der erheblich ungünstiger als der Vertrag von 1901 und nur durch einige Scheinkonzessionen Delcassés ein wenig präsentabel geworden war.

Das Auswärtige Amt legte sich nun, nach dem Scheitern dieser beiden Aktionen, allmählich eine Revanchestrategie zurecht. Delcassé, im Erfolge durch Eitelkeit geblendet, hatte den Kopf sehr unvorsichtig in die Schlinge gesteckt. Die in Formfragen gut geschulte und äußerlich immer korrekte englische Regierung hatte der deutschen den Vertrag notifiziert. Delcassé hatte dem deutschen Botschafter, dem Fürsten Radolin, am 23. März 1904 nach einem Diner in der Botschaft, »ziemlich freimütig« die Verhandlungen mit England angekündigt, ihm aber nur das, was er »die Substanz dieser Abmachungen« nannte, wie etwas, was Deutschland nicht berühren könne, mit einer leichten Geste mitgeteilt. Er hatte viel von Neufundland, ein wenig von Ägypten gesprochen, dann versichert, daß er in Marokko den status quo so lange wie möglich zu erhalten wünsche, und nur die Notwendigkeit, die algerische Grenze zu schützen, kräftiger betont. Unter anderen Dingen hatte er die Beschränkung der Handelsfreiheit auf dreißig Jahre überhaupt nicht erwähnt. Nachdem das Auswärtige Amt, froh über den Fund, diesen Rechtsgrund zum Vorgehen entdeckt hatte, richtete es sich, zunächst noch ohne bestimmte Linie und immer noch abwartend, auf die Offensive ein. Am 1. November mußte der deutsche Geschäftsträger in Tanger, Herr von Kühlmann, dem französischen Gesandten erklären, die deutsche Regierung sehe den Vertrag, der ihr nicht notifiziert worden sei, als nicht existierend an. 154 Delcassé, in voller Fahrt, lenkte seinen Triumphwagen nicht zurück. Statt Vorsicht zu üben, sandte er Herrn Saint-René-Taillandier mit sogenannten Reformwünschen zum Sultan nach Fes. Während er die Marokkaner bedrängen ließ, rollte er anderswo, und unter anderem in Konstantinopel, der deutschen Diplomatie Steine in den Weg. Übersah er den großen Stein, der auf seinem eigenen Wege lag?

Man hat im allgemeinen angenommen, Delcassé sei völlig ahnungslos gewesen und habe, wie ein verliebter Träumer durch den Wald spazierend, sich mit heiterstem Gemüte dem Baume genähert, hinter dem schon sein Gegner stand. Wer nur die Akten kennt, muß in der Tat meinen, Delcassé sei gänzlich unvorbereitet in sein Unglück hineingerannt. Aber das ist eine irrtümliche Auffassung, denn schon im Anfang des Sommers 1904 war er durchaus nicht ganz sorgenfrei. Es mag sein, daß die Reichstagsrede Bülows vom 8. April 1904 ihn einen Augenblick lang in Sicherheit gewiegt hatte, aber dann muß er aus Berlin, oder aus Monaco, Informationen über das, was nach der Rückkehr des Kaisers geschehen war, erhalten haben, denn bereits im Juni war er wach. In diesem Juni 1904 kam Fürst Lichnowsky nach Paris. Lichnowsky war Personalienrat im Auswärtigen Amte, wurde von Bülow begünstigt und, wie fast alle, von Holstein gehaßt und hatte bereits beschlossen, aus dem Dienste zu scheiden, der immer mehr unter der pathologischen Geistesverfassung des Hausgötzen litt. Nach einem Diner beim Fürsten Radolin in der deutschen Botschaft war Delcassé bemüht, Lichnowsky über Marokko aufzuklären, und es entwickelte sich ein langes Sophagespräch. Delcassé versicherte, eindringlich und in vielen Wiederholungen, daß es sein lebhafter Wunsch sei, sich mit der deutschen Regierung über die marokkanische Frage zu verständigen, und man braucht nicht daran zu zweifeln, daß dieser Wunsch aufrichtig war. Delcassé, der nach außen hin und vor dem Parlamente tat, als ob gar nichts Peinliches geschehen könne, fühlte sich also im Juni schon unsicher und beobachtete nervös den scheinbar noch klaren Horizont. Er wäre zu Verhandlungen, vielleicht 155 zu Angeboten und Zugeständnissen, bereit gewesen, um einer Bedrohung zuvorzukommen. Fürst Lichnowsky sandte an Holstein einen – bisher nicht veröffentlichten, irgendwohin verschwundenen – Bericht, in dem er den Verlauf der Unterhaltung wiedergab. Wahrscheinlich nannte Holstein, nachdem er den Brief gelesen hatte, in seiner gewohnten Art Lichnowsky einen Landesverräter, und sicher ist, daß er in solchen Mitteilungen eine strafbare Störung seiner hochpolitischen Pläne sah. Es lag ihm keineswegs daran, die Verlegenheit des Herrn Delcassé praktisch auszunutzen, für Deutschland irgendeinen realen Vorteil zu gewinnen. Er war von dem anderen beleidigt worden, der eine klügere Politik als er gemacht hatte, und er verhandelte nicht.

 

In Tanger residierte seit einiger Zeit als deutscher Geschäftsträger Richard von Kühlmann, der vorher zweiter Sekretär bei der Botschaft in London unter dem Grafen Wolff-Metternich gewesen war. Er hatte in Tanger Herrn von Menzingen, einen stillen und anspruchslosen Diplomaten, abgelöst. Beim Abschied in Berlin hatte Holstein ihm die Geleitworte mitgegeben: »Tanger ist ein guter Beobachtungsposten, aber wir erstreben in Marokko nichts. Der Kaiser hat das übrigens auch dem König von Spanien gesagt.« Kühlmann war jung, ehrgeizig, voll Unternehmungslust. Seine erste Idee nach der Ankunft in Tanger war, daß man sich mit den Franzosen dort einigen müsse, um lokale Vorteile zu erlangen. Die Franzosen verkehrten sehr liebenswürdig mit ihm, waren gesellschaftlich angenehm, gingen aber über seine Wünsche und Vorschläge mit eleganter Glätte hinweg. Sie waren selbst in einer delikaten Situation, denn sie besaßen zwar Abmachungen, wurden aber von den Marokkanern mit begreiflichem Mißtrauen und mit feindseliger Abneigung angesehen. Kühlmann hielt es unter solchen Umständen für ratsam, sich den Marokkanern zu nähern, um den Franzosen Schwierigkeiten machen, einen Druck auf sie ausüben zu können und so ein Mittel zur Durchsetzung seiner Wünsche zugewinnen. Diese Wünsche waren immer noch »lokal« und bescheiden, aber 156 dazwischen flogen die Gedanken doch wohl bereits zur hohen Politik.

Die sonst so aufschlußreichen, von Thimme und seinen Mitarbeitern so sorgsam hervorgesuchten und zusammengestellten diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes enthalten, wie ihr Herausgeber konstatiert, über die Vorgeschichte der Tangerreise wenig aufklärendes Material. Es ist nötig und erfreulicherweise möglich, diese Lücke auszufüllen. Im Februar 1905 stand Herr von Kühlmann, der sich gerade in der Wanne gelabt hatte, im Bademantel auf dem Dache seines Hauses, als der Korrespondent der »Kölnischen Zeitung«, Herr Hornung, sich unten auf der Straße zeigte und hinaufrief, er habe eine wichtige Neuigkeit. Aus Berlin sei die Meldung eingetroffen, der Kaiser plane eine Reise ins Mittelmeer. In der Unterhaltung, die nun folgte, setzte Hornung auseinander, daß man den Kaiser veranlassen müsse, nach Tanger zu kommen. Das würde eine ausgezeichnete Stärkung für die Politik des »Druckes« sein. Kühlmann und Hornung verfaßten sofort gemeinsam eine Depesche an das Auswärtige Amt. Sie schilderten den Nutzen, den der kaiserliche Besuch haben könnte, und sprachen daneben, da ihnen die kaiserlichen Liebhabereien nicht unbekannt waren, verführerisch von den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Einige Zeit darauf erhielt Herr von Kühlmann ein Telegramm, das ihm ankündigte, der Kaiser beabsichtige, mit der »Hohenzollern« Tanger zu berühren und an Land zu gehen. Der deutsche Geschäftsträger wurde ersucht, alles Nötige für den Empfang vorzubereiten und ein Frühstück von sechsunddreißig Gedecken zu bestellen. Als Herr von Kühlmann diese Nachricht erhielt, hatte er gerade französische Herren bei sich zu Gast. Er sagte ihnen: »Eine Überraschung! Der deutsche Kaiser wird Tanger besuchen«, worauf einer der Franzosen sein Glas erhob und lächelnd entgegnete: »Voilà de bonne guerre!«

Wilhelm II. war nicht sehr enthusiastisch, als man ihm mit der Idee der Landung in Tanger kam. Er hatte Bedenken und Zweifel, wollte im Grunde keinen Konflikt mit Frankreich, fragte wohl auch, wie der Eindruck in England sein 157 werde, und wurde erst durch Vorstellungen und Überredungskünste des Auswärtigen Amtes auf den Weg nach Marokko gebracht. Es scheint, daß der Kaiser für den Plan auf einer Abendgesellschaft im Reichskanzlerpalais gewonnen wurde, wo er sich mit Herrn von Holstein unterhielt. Holstein, der angeblich nicht einmal einen Frack besaß, vermied sonst die Begegnung mit dem Monarchen, was wohl weniger mit Männerstolz – von dem seine Berichte nicht immer zeugten – als mit Sonderlingslaunen oder dem Wunsche, als Sonderling angesehen zu werden, zu erklären war. Man dürfte dem Kaiser gesagt haben, daß alle Vorbedingungen für ein Gelingen der Aktion gegeben seien. Rußland war auf den mandschurischen Schlachtfeldern geschwächt worden und die parlamentarische Stellung Delcassés galt, trotz seiner Erfolge, nicht mehr für sehr stark. Würde England sich sehr über ein Unternehmen entrüsten, das geeignet schien, seinen hochstrebenden Vertragspartner ein wenig zu zügeln, den Einfluß Frankreichs im Orient zu dämpfen und ein zu schnelles Vordringen der Franzosen in Marokko zu hemmen? War nicht der König Eduard noch nach dem Vertragsabschluß bei der Regatta in Kiel gewesen, schienen bei diesem Sportfest die Verstimmungen, die das Scheitern der deutsch-englischen Bündnisverhandlungen hinterlassen hatte, nicht beseitigt, hatte der Gast nicht versichert, daß er mit den angenehmsten Empfindungen heimkehre, und mußte England, das nun seine ägyptische Beute geborgen hatte, nicht ganz zufrieden sein, wenn Frankreich einen kleinen Echec erlitt? Trotz all diesen Argumenten gab Wilhelm II., wie er in seinem Buche sagt, seine Zustimmung sehr »contre coeur«. Gewiß entspricht es der Wahrheit, wenn er erzählt, daß er sich gegen den Tanger-Besuch gewehrt habe, »weil mir die Marokkofrage zu viel Zündstoff zu enthalten schien«.

Es muß hier eingeschaltet werden, daß der Kaiser schon im April 1904, noch vor der Veröffentlichung des englisch-französischen Abkommens, sich entschieden geweigert hatte, auf einen ähnlichen, weit weniger delikaten Vorschlag Bülows einzugehen. Als er damals in Messina war, erhielt er 158 ein Telegramm Bülows, das über Ungehörigkeiten des Paschas von Fes berichtete und die kaiserliche Zustimmung zur Entsendung eines Kriegsschiffes an die marokkanische Küste erbat. Wilhelm II. ließ durch seinen diplomatischen Begleiter, Herrn von Tschirschky, antworten: »Eine von Deutschland allein zu unternehmende maritime Aktion gegen Marokko halten Seine Majestät bei der gegenwärtigen Lage der marokkanischen Frage für durchaus inopportun.« Die Verhandlungen zwischen England und Frankreich seien schon weit vorgeschritten, eine Flottendemonstration werde nur Mißtrauen erregen und angesichts der gespannten politischen Situation lehne der Kaiser seine Zustimmung zu militärischen Maßnahmen im Mittelmeere ab. Wilhelm II. hatte, wie man wiederholen muß, mitunter, wenn ernste Verwickelungen möglich wurden, einen sehr klaren politischen Blick. Dieses Telegramm aus Messina ist ein Beweis dafür. Auch sein Jawort in der Frage der Tangerreise hätte er gern wieder zurückgenommen. Schon am 20. März 1904, als in Deutschland die »Kölnische Zeitung« und in England die »Times« die ersten Mitteilungen über diesen Reiseplan brachten, suchte er den Rückzugsweg. Er telegraphierte an Bülow, die deutsche Kolonie in Tanger und die Marokkaner träfen Vorbereitungen, um seinen Besuch auszuschlachten, und er wolle keine Audienzen und verbitte sich jeden Empfang. Das Auswärtige Amt solle sofort nach Tanger melden, er werde incognito und nur als Tourist reisen und die Landung in Tanger sei noch höchst zweifelhaft. Bülow beschwor ihn in einer telegraphischen Antwort, nichts an den Reisedispositionen zu ändern, denn sonst werde Delcassé frohlocken und die Meinung verbreiten, französische Vorstellungen hätten diesen Rückzug bewirkt. Wilhelm II. schrieb unter Bülows Ermahnungen: »Einverstanden«, aber er schrieb es resigniert.

Wenn Wilhelm II. den Anschein erwecken möchte, daß er dem Drängen Bülows sehr energischen Widerstand geleistet habe, geht er in dem Bestreben, seine vorausschauende Vernunft zu zeigen, allerdings einen Schritt zu weit. Denn sehr bald teilte er bei einem Diner in der französischen 159 Botschaft seine Absicht, Tanger zu besuchen, dem Botschafter Bihourd mit. Wenn er noch Zweifel hegte, so war es jedenfalls falsch und doppelt überflüssig, dem französischen Gastgeber zu erzählen, er werde nach Tanger gehen. Wilhelm II. sagt weiter, er sei unterwegs auf dem Schiffe mit dem Freiherrn von Schoen, der ihn als Vertreter des Auswärtigen Amtes begleitete, übereingekommen, daß es besser sei, den Besuch zu unterlassen, und habe von Lissabon aus dem Kanzler diesen Entschluß telegraphiert. Erst nach der Antwort Bülows, »daß ich der Meinung des deutschen Volkes und des Reichstags, die sich nun einmal für einen solchen Schritt erwärmt hätten, Rechnung tragen müsse«, habe er sich schweren Herzens gefügt. Schoen in seinem »Erlebten« bemerkt: »In der Tat konnte ich im Laufe der Hinreise wahrnehmen, daß der Kaiser dem Tanger-Abenteuer nicht ohne einige Besorgnis entgegensah.« Im übrigen erklärt Freiherr von Schoen, seine eigene Lage sei unerfreulich gewesen, da er die Bedenken des Kaisers geteilt und doch als Vertreter des Auswärtigen Amtes den Auftrag gehabt habe, »den Kaiser nicht wankend werden zu lassen«, und darum sei er gern hinter den Grafen Tattenbach, den Gesandten in Lissabon, zurückgetreten und habe auf den Gott der Winde, Äolus, der die Landung wohl verhindern würde, vertraut. In seinen Berichten an das Auswärtige Amt verriet Freiherr von Schoen von seinen Beklemmungen nichts. Nach der Landung des Kaisers in Tanger telegraphierte er, es sei seinem Freunde Scholl, dem Generaladjutanten, gelungen, den letzten Widerstand zu überwinden und »die Ausführung der historischen Tat auszulösen«, die »mit Bravour durchgeführt« worden sei. Schon die Wendung von der »ausgelösten historischen Tat« beweist, daß auch der bis dahin verständige Schoen von höfischer Begeisterung ergriffen worden war. Noch sonderbarer ist die Bewunderung für die »Bravour«. In Lissabon, wo er am 27. März eintraf, erhielt Wilhelm II. neue Gründe zu pessimistischer Auffassung der Angelegenheit. An dem mit London so intim befreundeten Hofe erfuhr er allerlei über die englische Stimmung, was den Berliner Prophezeiungen durchaus widersprach. Die englische Regierung hatte 160 der französischen angekündigt, daß eine englische Flotte zum Besuch in einem französischen Hafen erscheinen würde, und die Erwartung geäußert, auch eine französische Flotte in einem englischen Hafen zu sehen. Die Königin Alexandra von England, die gerade in Gibraltar weilte, verließ diese Festung mit unverkennbarer Plötzlichkeit vor der Ankunft des Kaisers, und der englische Gesandte in Tanger, der ihr entgegenfahren wollte, wählte ein französisches Kriegsschiff für diese Begrüßungsfahrt. In Berlin hatte man, statt erst gründliche Informationen einzuholen, sich auf das politische Ingenium und die diplomatischen Fingerspitzen verlassen, und die Fingerspitzen hatten sich geirrt. So glatt, wie man gemeint hatte, verlief die Reise nicht. Bülow entwickelte in diesen Tagen eine außerordentliche Aktivität. Er bemühte sich, dem Kaiser alle Rückzugswege zu verbauen, ihm jeden Vorwand zu nehmen, und da er erfahren hatte, daß man in der kaiserlichen Umgebung sagte, Wilhelm II. werde in Tanger weder zu Fuß gehen, noch auf einem Esel reiten, noch in einer Sänfte einziehen, noch einen der temperamentvollen Berberhengste besteigen und also keines der landesüblichen Beförderungsmittel benutzen können, telegraphierte er an Kühlmann und empfahl »ein garantiert ruhiges Pferd«. Er wies seine Mitarbeiter im Auswärtigen Amte an, den fremden Diplomaten, die sich nach Marokko und Tanger erkundigen würden, ein »ernstes und impassibles Gesicht« zu zeigen und sich die Sphinx zum Muster zu nehmen, »die, von neugierigen Touristen umlagert, auch nichts verrät«. Das erinnert an Talleyrand, und vielleicht auch an Eugène Scribe.

Der Gesandte Graf von Tattenbach, der den Kaiser von Lissabon aus begleitete, spielte die Rolle einer »Autorität«, weil er schon einmal in Marokko gewesen war, und war ein Exemplar jener Gardepolitiker, die froh und frisch überzeugt sind, die Lösung aller Probleme lasse sich durch einen kräftigen Stoß in den Bauch erzwingen. Es war eine Bosheit des Schicksals, daß er bei dieser Gelegenheit in die Nähe des Kaisers geriet. Am 31. März um acht ein halb Uhr morgens traf die »Hohenzollern« vor Tanger ein. Als das 161 Meer vor der marokkanischen Küste sehr stürmisch wurde, wollte Wilhelm II. das als Vorwand benutzen, um nicht an Land zu gehen. Auf dem Kai wartete Herr von Kühlmann in Ulanenuniform. Die Meldung, daß der Kaiser Tanger nicht betreten wolle, entsetzte ihn und trieb ihn zu einem heroischen Entschluß. Seine Meinung war, man werde in Frankreich sagen: »L'Allemagne cane«, wie man 1870, nach der Beseitigung der spanischen Hohenzollern-Kandidatur gesagt hatte: »La Prusse cane«. Er sprang in eine Dampfbarkasse und fuhr durch die Wellen an die »Hohenzollern« heran. Die Barkasse konnte trotz allen Bemühungen an der Schiffstreppe nicht anlegen und man warf Herrn von Kühlmann eine Lotsenstrickleiter zu. So kam er, in völlig durchnäßter Ulanenuniform, an Bord. Wilhelm II. empfing ihn mit den Worten: »Wenn Sie mir zur Landung raten wollen, so sage ich Ihnen gleich, Sie können sich den Dampf sparen, es ist alles umsonst«. Der Kommandant des französischen Kreuzers »Du Chayla«, der vor Tanger lag, meldete sich und stellte, wie Herr Paléologue in seinen Memoiren behauptet, die Landung als leicht und nach anderen Zeugenaussagen als schwierig hin. Kühlmann ließ sich nicht abweisen und kämpfte mit allen Gründen, die er aufbringen konnte, für seine Idee. Schließlich wurde beschlossen, daß der Generaladjutant von Scholl und Herr von Senden ihn begleiten sollten, um sich die Situation anzusehen. Herr von Kühlmann zeigte ihnen in Tanger die Empfangsvorbereitungen und die Empfangsfreude der Marokkaner, und sie kamen mit den schönsten Eindrücken zur »Hohenzollern« zurück. Um elf Uhr fuhr der Kaiser ans Land. Es ist ganz klar, daß ihm, da er nun einmal an dieser Küste erschienen war, gar nichts anderes mehr übrigblieb. Nach all den Posaunenstößen, mit denen der Tangerbesuch den Franzosen, den Marokkanern und der ganzen Welt angekündigt worden war – und nachdem Wilhelm II. selber dem französischen Botschafter in Berlin seinen Reiseplan mitgeteilt hatte – hätte der Verzicht wenig erhebend gewirkt. Der Besuch verlief ohne Störung, die marokkanische Leibgarde defilierte unter Führung eines Engländers, dem der 162 Rote Adler-Orden III. Klasse verliehen wurde, und die Infanterie unter einem französischen Hauptmann, den man zu dekorieren vergaß. Auch das Frühstück zu sechsunddreißig Gedecken fand statt. Der Graf de Chérisey, der französische Geschäftsträger, wollte dem Kaiser, wie Schoen an das Auswärtige Amt berichtete, die »Grüße und Huldigungen Delcassés« überbringen. Wilhelm II. aber erteilte ihm die Antwort, er werde sich mit dem Sultan als gleichberechtigtem freien Herrscher direkt verständigen, allerhöchst seinen berechtigten Ansprüchen Geltung zu verschaffen wissen, und der Graf de Chérisey »erbleichte« und »zog gesenkten Hauptes ab«. Der Kaiser hielt eine Ansprache an den Onkel des Sultans und an die deutsche Kolonie. Die Komplimente für den Onkel, in denen es hieß: »Da ich den Sultan als absolut freien Souverän betrachte, will ich mich mit ihm über die Mittel zur Wahrung seiner Interessen verständigen«, wurden in Berlin von dem offiziösen Telegraphenbureau nicht ausgegeben, und man erfuhr sie erst durch Depeschen aus London und Paris. Schoen sagt, es sei keine förmliche Rede gewesen, sondern der Kaiser habe diese Bemerkungen nur im Unterhaltungstone gemacht. Wilhelm II. erwähnt in seinen »Ereignissen und Gestalten« den rhetorischen Teil des Festes gar nicht und berichtet nur, »die versammelten spanischen Anarchisten« hätten auf dem Platze ein großes Geschrei gemacht. In Berlin wurde später behauptet, der Kaiser sei, von der Bedeutung der Stunde und dem Zauber der Umgebung fortgerissen, auch bei dieser Gelegenheit rednerisch entgleist. Da man wußte, wie leicht er ausglitt, wäre es gewiß richtig gewesen, den Wortlaut seiner Ansprachen vorher festzustellen. Die Regie war doch sonst bis in die kleinsten Einzelheiten durchdacht. Man kann nicht glauben, daß der Reichskanzler, der sich sogar um das Pferd des Monarchen kümmerte, den rhetorischen Teil des Festprogramms vergaß. In dem, übrigens aussichtslosen, Versuch, die Rede zu verheimlichen, zeigte sich bereits das Bestreben, das deutsche Publikum möglichst wenig einzuweihen. Die Reichstagsabgeordneten hatte man, wie jedesmal, wenn eine 163 Staatsaktion im Gange war, rechtzeitig nach Hause geschickt.

Bald nach dem Ereignis verließ Herr von Kühlmann, ohne den es vermutlich nicht stattgefunden hätte, den Ort der Tat. Herr von Tattenbach hatte während der Meerfahrt nicht verfehlt, vor dem Kaiser seine marokkanischen Kenntnisse auszubreiten, und wurde nach Fes entsandt. Er hatte seine Erfahrungen schon früher in Fes gesammelt und entwickelte in der marokkanischen Hauptstadt jetzt abermals einige der Eigenschaften, die man auf einem Exerzierplatz erwirbt. Herr von Kühlmann sehnte sich infolgedessen nach Abberufung, und sein Wunsch wurde erfüllt.

In Paris hatte man die erste Meldung, daß der Kaiser nach Tanger gehen wolle, sehr ruhig aufgenommen und dem Ereignis mit Neugierde, aber ohne Nervosität entgegengesehen. Die Sprache einiger offiziösen deutschen Organe, die der neuen Politik mit mehr Eifer als Geschicklichkeit zu Hilfe eilten, war etwas unangenehm aufgefallen, aber das Pariser Publikum, das alle Abende im »Vaudeville« dem preußischen Militärstück »Der Zapfenstreich« Beifall spendete, war nicht chauvinistisch erhitzt und auch noch nicht um die nationale Ehre besorgt. Delcassé wurde zu selbstbewußt und aufgebläht gefunden, und die »Entente« war, da man in alter Gewohnheit allen Geschäften mit den Engländern mißtraute, noch wenig populär. Man sagte ganz offen, daß Delcassé sich mit den Engländern zu tief eingelassen habe, und gönnte ihm eine Lektion. Nur einige vom Ministerium des Äußern benutzte Blätter, der »Matin«, der »Petit Parisien« und das »Journal des Débats«, erklärten, Delcassé habe korrekt gehandelt und dem deutschen Botschafter den Vertrag bereitwillig mitgeteilt. Als von London aus die »Times« die französischen Gemüter zu erhitzen versuchte, antwortete in Paris der »Temps«, obgleich gewisse Leute ihre Wünsche nicht verbergen könnten, werde der Tangerbesuch den korrekten Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland keinen Abbruch tun. Clémenceau, Gérault-Richard, Jaurès, de Lanessan, die Nationalisten der »Patrie« und der »Presse« und fast alle bekannten 164 Publizisten griffen Delcassé an. »Ich will«, schrieb Gérault-Richard, »in dem Schritt des Kaisers nicht sehen, was einige Unglückspropheten darin erblicken wollen – Wilhelm II. hat unsere Diplomatie einfach daran erinnert, daß es in der Welt ein recht bedeutendes Reich gibt, das Deutschland heißt.« Die Nationalisten von der Art des Herrn Millevoye hatten die anglophile Politik Delcassés immer bekämpft. Clémenceau, der eigentlich die Verständigung mit England hätte begrüßen müssen, folgte seinem Bedürfnis, jede kleine oder große Bildsäule zu demolieren, und schrieb höhnische Artikel, und für Jaurès und die Sozialisten war Delcassé auch deshalb unmöglich, weil er in den Tagen des Petersburger Blutbades der gefällige, beschönigende Anwalt des Zarismus gewesen war. Vor allem aber ergab sich, daß ein Minister in Nöten nicht mehr, wie noch vor zehn Jahren, eine schnell elektrisierte Menge hinter sich hatte, sobald er die große chauvinistische Trommel rühren ließ. Jene geistige Entwicklung, die man in Berlin nicht beachtet hatte, zeigte sich niemals deutlicher als in diesem Augenblick. Auch in den ersten Apriltagen, nach dem Besuche des Kaisers in Tanger, lasen die Franzosen die langen Schilderungen in den Blättern ohne feindliche Erregung und ohne patriotischen Zorn. Die Rente stand auf 99,70 und ging erst am 4. April auf 99,45 herunter, als die Ansprache des Kaisers bekannt wurde und allerlei Beunruhigendes aus London herüberdrang.

Die Berliner Strategie hungerte in den nächsten Wochen Herrn Delcassé sozusagen aus. Man vermied nach Möglichkeit den Verkehr mit ihm und ließ ihn im Unklaren darüber, was beabsichtigt sei. Delcassé, vereinsamt, gemieden, wie man einen Menschen mit »bösem Blick« meidet, und nur gestärkt durch die Beschwörungen seines Londoner Botschafters Paul Cambon, durch die liebenswürdigen Versicherungen des Präsidenten Loubet, der zu ihm hielt, und durch freundliches Zureden König Eduards – der am 6. April auf der Durchreise nach Marseille im Salonwagen mit Loubet konferierte – schwankte unschlüssig hin und her. Er suchte immer wieder und immer vergeblich Annäherung und ließ 165 sogar andeuten, der Preis einer Verständigung könnte die Überlassung eines marokkanischen Hafens an Deutschland sein. Am Quai d'Orsay sprach man sehr pessimistisch, erklärte, Deutschland wolle Frankreich »von Demütigung zu Demütigung treiben« und »nach jeder erfüllten Forderung eine neue Forderung erheben«, und von Berlin aus geschah nichts, um diese Beklemmungen zu beenden und Herrn Delcassé aus dem Dornengestrüpp herauszuziehen. Die deutsche Regierung ließ verkünden, daß sie zunächst mit dem Sultan von Marokko direkt verhandeln würde, und bei der Entsendung des Herrn von Tattenbach wurde diese Absicht möglichst hörbar betont. Man hatte sich immer mehr in den Gedanken hineingelebt, eine internationale Konferenz müsse über Marokko entscheiden und durch eine Reihe von Paragraphen, papierenen Grenzsteinen, den französischen Ausdehnungsdrang hemmen. Herr von Holstein war entzückt von diesem Projekt, Bülow billigte und verteidigte es, aber wahrscheinlich hatte der stolz lächelnde Beherrscher der Rechtsabteilung, der Staatsjurist Geheimrat Kriege, das Geschöpf in die Welt gesetzt. Juristen, die in den staatsmännischen Betrieb hineingeraten, sind mitunter eine Gefahr. Sie haben sehr oft unerschütterliche Rechtsnormen und verstehen die internationale Politik, wie Wagner im »Faust« das Leben versteht. Der Sultan von Marokko wurde bedrängt, die Mächte zu einer Konferenz nach Tanger einzuladen, und Herr von Holstein schrieb: »Ich halte es für höchst unwahrscheinlich, daß eine Konferenz, gegenüber dem Votum von Deutschland und Amerika, den Franzosen Marokko als Beute überläßt.« Herr von Holstein und Bülow hatten ein von keinem Schatten getrübtes Vertrauen zu Amerika und dem Präsidenten Roosevelt.

Am 4. April bat, nach einem Diner, Delcassé den Fürsten Radolin um eine Unterredung, wobei er mit bewegten Worten erklärte, er sei bereit, jedes Mißverständnis zu zerstreuen. Radolin hörte schweigend, »mit einem Lächeln auf den Lippen«, zu, wie Bülow es ihm befohlen hatte, war aber in seinem Herzen für Versöhnung und riet in seinem Berichte, »ein korrekt-höfliches Verhältnis wieder herzustellen«. 166 Bülow verhielt sich abgeneigt. Holstein erklärte, nachdem der Kaiser dem Sultan von Marokko so weitgehende Versicherungen gegeben habe, würde jedes Abweichen von dieser Linie ein neues Olmütz sein. Am 20. April entlud sich in der französischen Deputiertenkammer der Zorn gegen den Urheber der englisch-französischen Entente, in dem man nur noch einen Ruhestörer sah. Delcassé wurde nur durch Rouvier gerettet, aber von jetzt ab kontrollierte der Ministerpräsident die auswärtige Politik. Rouvier setzte sich, am 27. April, mit dem deutschen Botschafter in Verbindung und erklärte, Frankreich werde Deutschland jede gewünschte Genugtuung geben, das Revanchegeschrei sei Geschwätz und man müsse mit Deutschland zu engen Freundschaftsbeziehungen gelangen. Radolin, von Bülow und Holstein gedrillt und überwacht, hörte auch diese Erklärungen mit gespielter Teilnahmslosigkeit an. Auf Wunsch der französischen Regierung unternahm in Rom Luzzati vermittelnde Schritte beim Grafen Monts. Auch er sprach von einer »eklatanten Genugtuung«, die Frankreich gewähren wolle, und von pourparlers, die der Botschafter Barrère eröffnen werde, und Monts, der die ganze Berliner Marokkopolitik gründlich mißbilligte, empfahl in Berlin, die Gelegenheit zur Herbeiführung eines allgemeinen freundschaftlichen Abkommens mit Frankreich zu ergreifen, hatte aber, ganz wie Radolin, keinen Erfolg. Zum ersten Male sagte Radolin am 30. Mai, offenbar auf eine in den Akten nicht vorhandene Weisung hin, gerade heraus zu Rouvier, die Änderung der Dinge hänge von einem Wechsel in der Leitung der auswärtigen Angelegenheiten ab. Obgleich Rouvier antwortete, er könne Delcassé nicht auf deutschen Wunsch hin stürzen, und man würde ihm das niemals verzeihen, trug er sich schon längst mit der Absicht, den Lästigen über Bord zu werfen, und nur der Einspruch Loubets hinderte ihn daran. Im Februar 1904 hatte Delcassé, durch die russische Diplomatie ebenso falsch informiert wie die deutsche Regierung, dem Finanzminister Rouvier versichert, zu einem russisch-japanischen Kriege werde es nicht kommen, und die französische Finanzwelt wurde ganz so überrascht wie die Flotte des Zaren vor Port Arthur. Schon 167 seit damals hatte Rouvier, dem sehr viel an den Sympathien der Börse lag, eine stille Abneigung gegen den Urheber der falschen Spekulation.

Am 30. Mai traf der König von Spanien in Paris ein und wurde festlich empfangen. Am gleichen Tage erhielt Herr Delcassé eine Depesche von Paul Cambon, die ihm mitteilte, die englische Regierung sei bereit, »in die Prüfung eines Abkommens einzutreten, das die gemeinsamen Interessen der beiden Nationen im Falle einer Bedrohung garantieren könnte«, und dieses Telegramm wurde von Delcassé dem Präsidenten Loubet und Herrn Rouvier vorgelegt. Am nächsten Tage forderte die deutsche Regierung den Fürsten Radolin auf, nach Berlin zu kommen, um in seiner Eigenschaft als »oberste Hofcharge« bei der Hochzeit des Kronprinzen mitzuwirken, und Radolin nahm also an dem Diner, das am 4. Juni bei Delcassé zu Ehren des Königs von Spanien stattfand, nicht teil. Die Vertreter Frankreichs, die sich zum Hochzeitsfeste nach Berlin begeben hatten, wurden mit kühler Höflichkeit aufgenommen. Am 1. Juni, nach dem Attentat in der Rue de Rivoli, sprach der sonst gern gratulierende und telegraphierende Wilhelm II. nur dem spanischen König, nicht dem Präsidenten der Republik, seine Glückwünsche aus. Die Situation spitzte sich zu. Am 6. Juni wurde Delcassé in der Ministerratssitzung zum Rücktritt gezwungen.

Die Vorgänge, die sich am 6. Juni und unmittelbar vorher abspielten, sind in der französischen Presse im Juni 1905 und dann wieder im März 1922 sehr gründlich geschildert und erörtert worden, und beide Male, trotz der Gründlichkeit, etwas lückenhaft. Nach dem Sturze Delcassés erzählte der »Matin«, wie in jener Sitzung Delcassé für das englische Angebot einer militärischen Allianz eintrat und von den »hunderttausend« Mann sprach, die England an die Elbemündung und nach Schleswig-Holstein schicken wolle, und wie Rouvier ausrief: »Ehe ich eine solche Allianz unterzeichne, soll meine Hand verdorren!« Delcassé beschwor, nach dieser offenbar von ihm selbst diktierten Darstellung, seine Kollegen, sich nicht vor Deutschland zu beugen, und Rouvier soll ihn angeschrien haben: »Sie haben zu viel Erfolg gegenüber 168 Deutschland gehabt, Spanien losgelöst, England mit Beschlag belegt, Italien verführt!« Darauf soll Delcassé entgegnet haben: »Entschuldigen Sie, ich war französischer Minister des Äußern und hatte nicht die auswärtigen Beziehungen Deutschlands zu behüten«, aber er wurde überstimmt und vergoß zwei Tränen, als er den Saal verließ. Diese Tränen werden in den meisten französischen Schilderungen vermerkt. Die feuchte Offenbarung echt menschlicher Regungen wird seltsamerweise oft von denjenigen belächelt, die nichts dagegen einzuwenden haben, daß die homerischen Helden weinen und Achill am Strande des grauen Meeres den Verlust eines Mädchens beschluchzt. Anfang März 1922 wurde durch eine Bemerkung des Herrn Joseph Galtier im »Temps« über den »von Deutschland erzwungenen Rücktritt Delcassés« die Erinnerung zu diesem Ereignis zurückgelenkt, und es gab in der Pariser Presse eine lange Diskussion. Man war nun das siegreiche Frankreich und dieselben Leute, die es siebzehn Jahre vorher sehr vernünftig gefunden hatten, daß Delcassé hinausgeschoben wurde, fühlten sich jetzt nachträglich sehr bedrückt durch diese Tatsache und entleerten sich am Grabe des verstorbenen Rouvier von einer etwas lange aufgespeicherten Bitterkeit. Herr Maurice Paléologue, der zu den Mitarbeitern Delcassés gehört hatte, gab am 15. März 1922 in einem Briefe an den »Temps« eine neue Schilderung. Er wollte den Nachweis führen, daß Rouvier dem deutschen Botschafter die Abschlachtung Delcassés angeboten habe, während er gleichzeitig bemüht gewesen sei, durch lügnerische Versicherungen das Mißtrauen Delcassés einzulullen. Fürst Radolin – seine Geheimtelegramme wurden aufgefangen und entziffert – habe nach Berlin telegraphiert: »Der Ministerpräsident hat mir erklärt, er hege für unseren Kaiser eine lebhafte Bewunderung. Zweimal hat er mir gesagt, Frankreich wolle den Frieden um jeden Preis und habe keine Revanchegedanken mehr. Er hat mich gefragt, ob sich nicht eine Verständigung über Marokko zwischen uns erzielen ließe, durch Beratungen von Kabinett zu Kabinett. Zehn Minuten vor dem Diner hatte ich den Vertrauten des Herrn Rouvier empfangen, der mir versichert hatte, der 169 Ministerpräsident wäre sehr gern zur Beseitigung Delcassés bereit«. Herr Paléologue erzählte ferner im »Temps«, zwei Unterhändler Bülows, der Berliner Bankier von Schwabach und der Pariser Börsenmann Elie Léon, hätten auf Herrn Rouvier eingewirkt. Herr von Schwabach hat niemals einen solchen Auftrag gehabt, niemals mit Rouvier über diese Angelegenheit gesprochen, auch niemals durch Zwischenmänner mit ihm verkehrt, aber der mit Rouvier befreundete »rote Léon«, türkischer Untertan und angenehmer Gesellschafter, der an einer übertriebenen politischen Betriebsamkeit – und später auch an den Goldminen – litt, hat zweifellos die seidene Schnur, die Herrn Delcassé gereicht wurde, ein wenig mitgedreht. Herrn Paléologue haben, im »Temps« vom 19. März 1922, zwei ehemalige Minister aus dem Kabinett Rouvier, die Herren Bienvenu-Martin und Gaston Thompson, geantwortet und dabei eine Aufzeichnung, die ihr inzwischen auch schon aus dem Irdischen abberufener Kollege Chaumié gleich nach der entscheidenden Sitzung verfaßt hat, veröffentlicht. Aus der sehr dramatischen Erzählung des Herrn Chaumié geht hervor, daß Delcassé in der Sitzung die drohende Haltung Deutschlands als »Bluff« bezeichnete, während Rouvier erklärte, die Lage sei sehr ernst und Deutschland sei entschlossen, bei den ersten Anzeichen einer französisch-englischen Militäraktion ohne Kriegserklärung in Frankreich einzudringen.

Alle diese Darstellungen sind, wie gesagt, zwar voll dramatischer Spannung, aber lückenhaft und sehr Wesentliches scheint auch den am besten eingeweihten Erzählern nicht bekannt gewesen zu sein. Besonders das Folgende nicht. Während Fürst Radolin in Berlin an den Hochzeitstafeln saß, war der Botschaftsrat von Flotow mit der Leitung der Pariser Botschaft betraut. Flotow war durch die Unbeständigkeit körperlichen Befindens vielleicht an starker Initiative gehindert, aber er war ein kluger Berater, ein ruhiger, nüchtern abwägender Beobachter und einer von den wenigen, die Verständnis für das französische Geistesleben hatten und wirklich bemüht waren, auch den nicht so schnell sichtbaren Lagerungen der französischen Volksstimmung 170 näherzukommen. Am 5. Juni erhielt Flotow aus Berlin eine Instruktion, die seltsamerweise auch in den Akten des Auswärtigen Amtes sich nicht findet, und deren Sinn der war, daß der deutschen Regierung ein Verhandeln mit Delcassé nicht möglich sei. Das wurde nicht direkt und nicht in der knappen und krassen Form einer Ultimatumsforderung, aber immerhin scharf und deutlich erklärt. Flotow ging zu Herrn Louis, dem Direktor der politischen Abteilung am Quai d'Orsay. Er hatte den Auftrag, den Inhalt seiner Anweisung vorzutragen, das Schriftstück nicht zu überreichen, und führte diesen Auftrag aus. Louis, der keineswegs zu den Chauvinisten des Ministeriums gehörte, geriet in große Aufregung, und das Gespräch verlief sehr bewegt. Am nächsten Tage folgten dann die Kabinettssitzung und der Sturz Delcassés.

Auf diesem Teile des Weges hatte die Berliner Politik ein gewiß nicht sehr hohes, auch nicht sehr kostbares, aber immerhin ein verständliches Ziel. Nachdem man versäumt hatte, die Marokkofrage, entweder mit England oder mit Frankreich, in einer auch für Deutschland fruchtbaren Weise zu regeln, und nachdem man England und Frankreich zusammengebracht hatte, wollte man sich eines Ministers entledigen, der solche Fehler zu gründlich auszunutzen verstand. Ganz feste Monarchisten mußten es eigentlich tadeln, daß man den Monarchen als Sturmbock verwendete und auf dem heißen Boden Afrikas in den Vordergrund schob. Eine nicht durch dynastische Bedenken komplizierte Betrachtung kann zu dem nachsichtigen Urteil gelangen, daß die Landung in Tanger, sogar trotz der schlechten Vorbereitung und der falschen Beurteilung des englischen Standpunktes, ein zulässiges taktisches Manöver war. In der Führung der Angelegenheit sah manches so aus, als wäre es aus alten Intrigenstücken entlehnt. Aber diese Regiekünste verdarben noch nichts. Jedenfalls blieb im letzten Akte der Kampfhandlung, nachdem man Delcassé durch die stumme Abweisung all seiner Annäherungsversuche rotglühend gemacht hatte, keine Wahl mehr, und es war nun das einzig Richtige, bis ans Ende der Tat zu gehen. Zum mindesten an dem Tage, wo Delcassé auf die militärische Hilfe Englands 171 pochte, wurde sein Verschwinden zu einer politischen Notwendigkeit. Wenn man das in Frankreich verlorene Terrain zurückgewinnen wollte, so mußte man nun auf die Beseitigung des Mannes hinarbeiten, der jeder Verständigung hinderlich im Wege stand. Oder versuchte man nicht, das verlorene Terrain zurückzugewinnen? Man ahnte gar nicht, daß es etwas zurückzugewinnen gab. Wie man nicht gesehen hatte, daß man Frankreich und England nach langem Hader einander zutrieb, sah man nicht, daß man jetzt zum letzten Male die Möglichkeit hatte, die Entente zu lockern, die – noch sehr unsicher geknotet und fast unwillig ertragen – Frankreich an England band. Als der Sturz Delcassés in Paris bekannt wurde, applaudierte fast die gesamte französische Presse, das Publikum atmete erleichtert auf, die Rente fiel nicht um einen Centime. Niemand sah in diesem Ereignis etwas anderes als den persönlichen Echec eines in seiner Verblendung gefährlichen Ministers, niemand außerhalb der kleinen Delcassé-Clique und der Kreise um Harmsworth sprach von einer »Demütigung Frankreichs«, und alle Welt war überzeugt, durch gegenseitige Konzessionen werde der Zwischenfall nun schnell beigelegt werden, und eine Ära der Verständigung werde beginnen. Indessen, Herr von Holstein, die Alldeutschen und alle ähnlichen Volkspsychologen erklärten, die Franzosen müßten jetzt »an die Kandare genommen« werden, und auch Bülow war der Meinung, direkte Verständigung sei unzulässig und nicht in einer Aussprache, sondern auf einer feierlichen Konferenz müsse über Marokko entschieden werden, ob Frankreich wolle oder nicht. Wer etwas anderes sagte, begriff nichts von nationaler Politik.

Unmittelbar nach der Kabinettsitzung, in der Delcassés Abschiedstränen flossen, noch am 6. Juni, schickte Rouvier zu Flotow einen der Vertrauensmänner, die für ihn mit Gewandtheit, Eifer und Diskretion den regelmäßigen Geheimdienst versahen. Er wollte der Anklage vorbeugen, daß er den Minister des Äußern vergeblich geopfert habe, und erbat von der deutschen Regierung die Erklärung, sie sei nun ihm gegenüber zu einer freundschaftlichen Verständigung geneigt. Flotow übermittelte den Wunsch und glaubte, man 172 werde in Berlin nicht zögern, die günstige Situation zu benutzen und auf die Verhandlungen mit Rouvier einzugehen. Indessen, Bülow antwortete, man habe »den guten Willen, den von Delcassé angerichteten Schaden auszugleichen«, aber das könne »nicht von heute auf morgen, sondern nur allmählich geschehen«. Schon am 5. Juni hatte man im Auswärtigen Amte ein langes Telegramm redigiert, in dem Flotow aufgefordert wurde, von Rouvier energisch die Zustimmung zur Konferenz zu verlangen. Dieses Telegramm wurde am 6. Juni befördert und gelangte in die Hände Flotows, als die Camelots mit den Extraausgaben der Zeitungen über die Boulevards stürmten: »Démission de Monsieur Delcassé!« Die Anweisung, nun noch in dieser Stunde eine Aussprache abzulehnen und scharf auf die Konferenz zu dringen, schien Herrn von Flotow so sehr gegen alle Gebote politischer Klugheit zu verstoßen, widersprach so völlig seiner eigenen Auffassung, daß er zögerte, sie auszuführen, und sie, immer noch einen Widerruf erhoffend, ein paar Stunden lang in der Tasche behielt. Das Berliner Telegramm war, wie gesagt, vom 5. Juni, dem Tage vor dem Sturze Delcassés, datiert und vielleicht war es nur infolge eines Versehens abgegangen? Konnte ein fern von der geistigen Atmosphäre des Auswärtigen Amtes lebender, die Situation überschauender Mann begreifen, daß man jetzt Herrn Rouvier, der den deutschfeindlichen Delcassé gestürzt hatte, den Kampf ansagte, alle praktischen Kompensationslösungen verächtlich abwies, das bisher nicht aufgeregte Frankreich in seinem Nationalgefühl erregte und es trotz seiner Abneigung und gegen seinen Willen hinter den englischen Schutzwall trieb? Konnte ein gesundes Hirn den Gedanken fassen, daß das alles geschehen sollte, um eine Konferenz durchzusetzen, deren Ausgang keinem unverblendeten Politiker zweifelhaft war? Herr von Flotow begriff die staatsmännische Feinheit des von der juristischen Amtsabteilung entworfenen Konferenzplanes nicht. Als aber die erhoffte Gegenordre nicht eintraf, begab er sich zunächst zu Herrn Louis und trug ihm mündlich die neuen Forderungen der deutschen Regierung vor. Rouvier, der dann verständigt wurde, hörte die Botschaft 173 ziemlich ruhig an und geriet erst hinterher in eine tobende Erregung, als er erkannte, daß man in Berlin die Opferung Delcassés wie eine gleichgültige, erledigte Episode behandelte und jetzt über diese Leiche hinweg weiterschritt. Am 9. Juni bat er Flotow, der Berliner Regierung vorzustellen, daß die Konferenz für Frankreich eine Demütigung bedeuten würde, und daß für ihn jeder andere Ausweg annehmbarer sei. Indem er Delcassé beseitigte, habe er die Bahn für einen vollständigen Wechsel der französischen Politik freimachen wollen. Er erklärte sich bereit, zugleich mit der Marokkofrage andere Fragen, an denen Deutschland und Frankreich interessiert waren, zu regeln, wies auf Ostasien hin und sprach von der Bagdadbahn. Flotow, nicht mehr zuversichtlich, verfaßte seinen Bericht. Bald darauf trat er seinen Erholungsurlaub an und suchte, so gut es ging, in Kissingen Genesung von der Politik.

Am 11. Juni hatte Fürst Radolin, der nach Paris zurückgekehrt war, eine Unterredung mit Rouvier, die im 1905 herausgegebenen französischen Gelbbuch unvollständig dargestellt und in dem deutschen Weißbuch, den »Aktenstücken über Marokko«, überhaupt nicht erwähnt worden ist. Aus dem französischen Gelbbuch geht hervor, daß der deutsche Botschafter erklärte: »Wir haben dem Sultan versprochen, seine Unabhängigkeit aufrechtzuerhalten, und haben ihm ferner gesagt, daß die Reformen durch eine internationale Konferenz geregelt werden sollen. Wenn die Mächte diese Konferenz ablehnen, muß der status quo weiterbestehen. Sie müssen beurteilen, ob man einer Formfrage wegen riskieren soll, daß die Besserung der Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland unterbleibt.« Rouvier entgegnete, er habe auch nach reiflicher Überlegung für die Konferenzidee keine Sympathie. Aber jedenfalls könne man ihr nur nähertreten, wenn eine Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland vorangehe, und auch dann wäre die Konferenz weniger eine Lösung als eine Komplikation. Frankreich wolle die Souveränität des Sultans von Marokko und die Integrität seines Reiches nicht verletzen, aber es habe eine lange gemeinsame Grenze mit Marokko und sei mehr 174 als andere an der Ordnung in diesem Lande interessiert. Jedenfalls müsse man vor der Konferenz die Ansichten Deutschlands über die Reformen kennen. Fürst Radolin sagte am Schlusse der Unterredung: »Wir halten an dem Konferenzantrage fest. Wenn die Konferenz nicht stattfindet, bleibt es beim status quo, und Sie müssen sich klar darüber sein, daß wir hinter Marokko stehen.« Der Bericht des Gelbbuches sagt nicht, daß Rouvier ausrief: »Man setzt mir das Messer an die Kehle« und sich in heftigen Klagen und Anklagen erging. Er schweigt über das, was Rouvier dem Fürsten Radolin vorhielt: er hatte Delcassé beseitigt, der den Frieden hatte stören wollen, und nun erschütterte man seine Stellung dem Lande gegenüber und die Prophezeiung Delcassés, man werde Frankreich von Demütigung zu Demütigung treiben, verwirklichte sich. Radolin hat diese Szene oft erzählt. Auch er hat die Rolle, die ihm übertragen worden war, überaus ungern und ganz gegen seine Überzeugung gespielt. Er telegraphierte am 11. Juni, durch den zuverlässigen Finanzmann Betzold informiert, nach Berlin die Erklärung Rouviers: »Meine ganze Vergangenheit bürgt dafür, daß ich eine Verständigung und Annäherung suche, aber alles kommt darauf an, daß auch Deutschland dazu beiträgt, mir diese Haltung zu erleichtern«, und an den Rand dieser telegraphischen Mitteilungen schrieb Wilhelm II.: »Ja – gern – gut – ja, soll geschehen.« Wilhelm II. schrieb: »soll geschehen«, kümmerte sich, durch andere Eindrücke abgelenkt, anscheinend nicht um die Fortsetzung der Geschichte, und die Geschichte wurde in gleicher Manier fortgesetzt. Am 16. Juni mußte Fürst Radolin Herrn Rouvier eine Note überbringen, in der die deutsche Regierung es ablehnte, in Unterhaltungen über das Programm und die Ziele der Konferenz einzutreten, solange die Einladung zur Konferenz von der französischen Regierung nicht in aller Form angenommen worden sei. In den Distrikten an der algerischen Grenze müsse Frankreich natürlich das Mandat für die Organisation der Polizei erhalten, dagegen sei es notwendig, in den entfernteren Gegenden verschiedene Mächte mit dieser Aufgabe zu betrauen. Am 23. Juni erstattete der französische 175 Botschafter in Berlin über eine lange Unterredung mit dem Fürsten Bülow Bericht. Der Reichskanzler hatte ihm »in bestimmten und energischen Wendungen« seine »Überraschung und Enttäuschung« ausgedrückt. Man dürfe die Angelegenheit, die »übel, sehr übel« sei, nicht lange hinschleppen, der Weg sei von »Abgründen« eingerahmt. Bülow war, wie der Botschafter Bihourd mitteilte, dazwischen wieder sehr courtoisievoll, äußerte seinen Wunsch nach guten Beziehungen mit Frankreich und sagte auch lächelnd, Deutschland könne heute das nicht tun, »was ihm vielleicht in einem Jahre möglich sein wird.« Bei diesen ganzen, äußerst scharf geführten Auseinandersetzungen, in die dann von Zeit zu Zeit Fürst Bülow eine liebenswürdige Vertröstung auf die Zukunft hineingleiten ließ, handelte es sich nicht mehr um die Konferenz, die Rouvier schon über sich ergehen lassen wollte, sondern nur noch darum, die formelle Zusage Frankreichs ohne die von Rouvier geforderte Vorverständigung zu erzwingen. An »Abgründen« entlang zog sich diese Diskussion bis zum 28. September hin.

Nach dem ersten Besuch des Fürsten Radolin kam Rouvier sehr nervös in die Kammercouloirs und sagte auch hier den Abgeordneten, die ihn umringten: »Man setzt mir das Messer an die Kehle, ich weiß nicht, wohin man uns treiben will.« Seine Erregung teilte sich den Deputierten, der Presse, der Börse und dem ganzen Volke mit. Die Horchposten der deutschfeindlichen Lager hatten das Nötige bereits erlauscht. Mit unbeschreiblichem Jubel hatte man im Kreise der »Daily Mail«, des »Matin« und der »Nowoje Wremja« die Kunde von den deutschen Schritten vernommen. Als Delcassé stürzte und Rouvier, der Mann der französisch-deutschen Verständigung, der schon als Finanzminister im Kabinett Combes die deutschen Vorschläge in der Frage der Bagdad-Bahn gegen Delcassé vertreten hatte, allein als Dirigent der französischen Politik übriggeblieben war, schienen alle Hoffnungen für lange geknickt. Berlin richtete sie wieder auf. Rouvier hatte eine Schlichtung aller Streitpunkte, die außerhalb Europas für Frankreich und Deutschland existierten, und ein allgemeines Abkommen, ähnlich dem 176 französisch-englischen Vertrage, erstrebt. Die Berliner Taktik, die auf einen papierenen »diplomatischen Erfolg« ausging, fegte zur Freude der antideutschen Gruppen diese Pläne hinweg. Die öffentliche Meinung Frankreichs hatte sich nicht mehr einzig und allein von dem deutschfeindlichen Chauvinismus gängeln lassen, und die Annäherungsfreunde hatten Einfluß erlangt. Jetzt wurde die nationale Empfindlichkeit, die sich beim Unglück Delcassés nicht gerührt hatte, stürmisch lebendig, und wie gewöhnlich in solchen Fällen trug der haßatmende Nationalismus die arme Seele davon. Die Entente mit England hatte man mit Unbehagen hingenommen und mißtrauisch von der Seite angesehen. Jetzt zeigte England sich den Franzosen als Freund in der Not, führte ihnen zu Gemüte, daß sie ohne seine Hilfe rettungslos unter den preußischen Militärstiefel geraten würden, und die Entente, die etwas Unwirkliches, Schattenhaftes gewesen war, gewann lebendige Kraft. Wenn der deutsche Botschafter im Ministerium des Äußern bei Herrn Rouvier weilte, oder wenn die Minister berieten, warteten unten auf dem Quai d'Orsay jene französischen und ausländischen Journalisten, aus deren Artikeln das Gift strömte, wie der Alkohol aus den Behältern des »Assommoir«. Die Sonne am Sommerhimmel war nicht so strahlend, wie die wiedererwachte Triumphfreude, die auf ihren Gesichtern lag.

Ich hatte in Paris und von Paris aus, trotz manchen Zweifeln, mir jede abfällige Kritik einer Politik versagt, die den Sturz Delcassés und die Reinigung der Luft zu erstreben schien. So laut ich konnte, warnte ich von dem Tage an, wo der Zug auf falschem Gleise hemmungslos weiterlief. Nachdem ich sofort nach dem Verschwinden Delcassés es als notwendig bezeichnet hatte, nun durch eine Politik des Entgegenkommens das Erreichte zu befestigen und »gewisse, von dritter Seite ausgehende Bestrebungen« zu vereiteln, schrieb ich am 16. Juni unter der Überschrift »Deutschland, Frankreich und die Marokkokonferenz«, man dürfe sich wohl fragen, ob der Gewinn, der von dieser Konferenz erwartet werde, wirklich den Einsatz lohne – ob es sich lohne, der Konferenz wegen die Verständigung mit 177 Frankreich zu erschweren, oder ob das Resultat, das von dieser Konferenz erwartet werde, nicht leichter und gefahrloser auf anderem Wege zu erreichen sei. »Wenn heute, nachdem Herr Delcassé zum Rücktritt gezwungen worden ist, die deutsche Diplomatie in Fragen von mehr formaler Bedeutung allzu unbeugsam auf ihrem Schein bestehen wollte, so würde das französische Publikum dem Annäherungsgedanken nicht mehr gewonnen, sondern entfremdet werden«, und der ganze moralische Erfolg wäre dahin. Am 21. Juni versuchte ich abermals, unter der Überschrift »Deutschland und Frankreich«, die Überflüssigkeit und die Schädlichkeit der geforderten Konferenz zu zeigen: »Wäre es nicht hundertmal einfacher gewesen, der französischen Regierung – der Regierung Rouviers, nicht Delcassés – von Anfang an zu sagen: Wir verlangen für unseren Handel völlige, unbegrenzte Freiheit, wir verlangen diesen und jenen Vorteil, aber wir wollen euch gleichfalls Vorteile zubilligen, falls ihr Ordnung und Sicherheit herbeiführen wollt?« Ich schrieb, daß man noch keineswegs sehe, was durch die Konferenzaktion gewonnen werden könnte, während es schon ganz klar sei, was man dadurch verloren habe, und sagte, indem ich den Stimmungsumschwung in Frankreich schilderte, man habe einer glücklich begonnenen Entwickelung »plötzlich, im Augenblick des ersten großen Erfolges, einen Stein in den Weg gerollt«. Am 11. Juli, nachdem man den vorläufigen »Akkord« mit Herrn Rouvier unter Hängen und Würgen zustande gebracht hatte, bemühte ich mich, nachzuweisen, daß man wahrhaftig nicht nötig gehabt habe, das ganze Porzellan zu zerschlagen, um zu diesen Abmachungen zu gelangen. Am 11. Juli sprach ich von den zwei Arten von Diplomatie: von der einen, die vor aller Welt einen »diplomatischen Erfolg« konstatieren möchte und sich wenig darum kümmere, was ringsherum aus den Fugen geht, und der anderen, »die sich nicht an Formeln anklammert, nicht den Triumph der Worte sucht« und einzig jene Politik verfolge, die Gambetta im Jahre 1875 in seiner Rede von Belleville als die »Politik der Resultate« bezeichnet hat. Diese Warnrufe, mit denen ich damals fast 178 allein blieb, fanden kein Gehör. Herr von Holstein war entrüstet und entlud seine Entrüstung in Worten, die er später ein wenig bereut zu haben scheint. In welchen Illusionen man lebte, zeigte unter zahllosen ähnlichen Äußerungen ein Artikel der »Täglichen Rundschau« vom 1. Oktober, in dem es hieß: »Wir können mit unserem Marokkounternehmen zufrieden sein, wenn wir die Loslösung Frankreichs von der englischen Umspannung und seine Annäherung an Deutschland auf unser Konto setzen dürfen« – eine Annäherung, »die noch nicht zu einem dauernden Zusammenschluß Deutschlands, Frankreichs und Rußlands zu gedeihen braucht.« Nicht nur Graf Reventlow, Harden und alle damaligen Wortführer der alldeutschen Richtung applaudierten, sondern auch aus den Reihen des Liberalismus gingen dem Fürsten Bülow kraftvolle Ermunterungstelegramme zu. Als ich zwei Jahre später nach Deutschland zurückkehrte, sprach mir Herr Geheimrat Hammann im Auswärtigen Amte sein Bedauern darüber aus, daß meine Meinung nicht durchgedrungen und der »psychologische Moment« verpaßt worden sei. Hammann hat in seinem Buche: »Der mißverstandene Bismarck« sehr zutreffend die geistige Wandelung beurteilt, die sich unter dem Eindruck der deutschen Marokko-Politik in Frankreich vollzog. »Die junge, nach 1870 geborene Generation«, schreibt er, »kehrte sich von dem Pazifismus der alten und den deutschfreundlichen Bestrebungen der sogenannten Humanitaristen der vorangegangenen Periode ab. An Stelle der Verehrer deutscher Geistesart: Renan, dem es beim Studium des geistigen Lebens Deutschlands im vorigen Jahrhundert war, als wäre er in einen Tempel eingetreten, ferner Taine, Monod und andere traten die Léon Daudet und Barrès und feuerten den kriegerischen Sinn und den Stolz der Franzosen auf ihre vermeintliche kulturelle Überlegenheit gegenüber den deutschen ›Barbaren‹ von neuem an.« Hatte Hammann das alles erkannt, als das Feld noch nicht zerstampft war, oder glaubte auch er, wie die Vögel in der Fabel Lafontaines, »an das Unglück erst, wenn es gekommen ist«? Da auf der schwarzen Liste Holsteins hinter seinem Namen 179 drei besonders dicke Kreuze standen, hätte auch seine rechtzeitige Einsicht wenig genützt.

Es muß wiederholt werden, daß, ganz wie der ehemalige Botschaftsrat Graf Groeben und sein Nachfolger von Flotow, der deutsche Botschafter Fürst Radolin über die Weisungen entsetzt war, die er aus Berlin erhielt. Fürst Radolin, der ehemalige Herr von Radolinski, war kein Mann mit starkem Rückgrat, nicht von der knorrigen Art des Fürsten Münster, aber er gab sich über den Schaden, den die Berliner Politik anrichten mußte, keiner Täuschung hin. Er hatte sich gleichzeitig das Vertrauen des Kaisers und der Kaiserin Friedrich, denen er als Hofmarschall diente, und das Vertrauen des Sohnes, Wilhelms II., zu erwerben gewußt. Das war etwas Ungewöhnliches und ungewöhnlich war auch, daß Holstein ihn liebte und ihn mit einer schützenden Fürsorge umgab. Als Fürst Radolin als Botschafter in Petersburg einen Konflikt mit einer Großfürstin gehabt hatte, suchte Holstein einen anderen Posten für ihn. In einer ziemlich rührenden Szene bat Holstein den Reichskanzler, Radolin nach Paris zu senden, indem er wieder alle Erinnerungen an das väterliche Haus Bülows zu Hilfe rief. Radolin verlegte sich in Paris auf den gesellschaftlichen Verkehr und machte, ohne jemals die Autorität Münsters zu erlangen, seine Sache nicht allzu schlecht. Die Marokko-Affäre schlug auch, mit unerwartetem Schlage, in seine Salons ein, und er versuchte vergeblich, dem Unheil entgegenzuwirken und gegenüber dem Auswärtigen Amte einige Selbständigkeit zu gewinnen. Er berichtete nach Berlin, was er in Paris beobachten konnte, und schilderte die Lage der Dinge so, wie sie war. Solche Berichte, die den ohnehin schwankenden Kaiser hätten aufklären können, paßten Herrn von Holstein nicht. Holstein erteilte seinem Schützling scharfe Rügen und verbat sich eine Berichterstattung, die zu sehr der Wahrheit entsprach. Ich habe aus eigener Anschauung die Stimmung kennengelernt, in der sich Fürst Radolin nach dem Eintreffen solcher Holsteinschen Kundgebungen befand. Sicherlich äußerte er in seinen Briefen an Herrn von Holstein von seinen inneren Gefühlen nichts. Aber in 180 seinem Arbeitszimmer teilte der Ärger sich in bitteren Worten mit. Früher, am Hofe asiatischer Fürsten, wurden mitunter die Gesandten, die eine unwillkommene Nachricht überbringen mußten, ganz einfach geköpft. Auch im deutschen diplomatischen Dienst blieb die Überbringung der Wahrheit ein undankbares Geschäft.

Es war zu jener Zeit schon denjenigen, die wenig von den Zuständen in der Diplomatie wußten, eine Gewohnheit geworden, die Schuld für alle Fehler auf die deutschen Vertreter im Auslande zu häufen, und diese Gewohnheit wurde nicht immer von der Berliner Zentralstelle bekämpft. Fürst Bülow pflegte für seine Mitarbeiter einzutreten, aber anderen war die Einrichtung der Prügelknaben sehr bequem. Die Generation der großen deutschen Botschafter hatte sich gelichtet, und es ist unbestreitbar, daß nur ein geringer Teil des neuen diplomatischen Korps die notwendigen Eigenschaften besaß. Aber die Schuld an den Mißerfolgen lastete eigentlich nur selten auf diesen im Auslande weilenden Diplomaten, denn die Politik wurde fast immer, und zumeist ohne Befragen der Botschafter und Gesandten, in Berlin gemacht. In der Marokko-Affäre war die Pariser Botschaft über die Pläne, die man in den Amtsbureaus der Wilhelmstraße verabredet hatte, überhaupt nicht informiert. Niemand hatte Herrn von Flotow mitgeteilt, daß man beabsichtige, nach dem Sturze Delcassés auf der Konferenzforderung zu bestehen. Noch schlimmer aber war doch, daß Fürst Radolin in seinen Berichten die Tatsachen so umdrehen mußte, wie es Herrn von Holstein gefiel. Welchen Zweck hatte es, im Auslande Botschafter zu unterhalten, wenn man nur falsche, tendenziöse Informationen haben wollte und alles fernhielt, was sich in den Rahmen eines erkünstelten, wirklichkeitsfremden Systems nicht einfügen ließ? Warum verlangte man Berichte, wenn man doch alles besser verstand? Im Jahre 1906 habe ich im »Berliner Tageblatt« den Reichstag gebeten, »vier Fragen« an die Regierung zu richten und sich unter anderem zu erkundigen, ob Herr von Holstein das Recht gehabt habe, die Botschafterberichte ins Gegenteil zu entstellen. Niemand wollte sich 181 rühren, kein angesehener Parlamentarier brachte diese Fragen auf die Tribüne, nur jener Elsässer Blumenthal, der später zu den Franzosen überlief, erörterte sie, unernst und skandalfreudig, und die Regierung wich der Antwort aus. Herr von Holstein glaubte vermutlich, sich nach Bismarck richten zu dürfen, der mit seiner starken und tyrannischen Hand nicht nur dem fahrigen, eitlen und für die französischen Monarchisten arbeitenden Grafen Arnim seine Macht gezeigt hatte, sondern auch über unbequeme Berichte gewissenhafter Botschafter in Zorn geraten war. Münster beispielsweise wurde, schon als er Botschafter in London war, wiederholt schroff angehaucht und erhielt, als er 1887 von Paris aus durch einen an Wilhelm I. gesandten Bericht über die friedliche Stimmung des französischen Volkes die Kreise des gerade mit einer Militärvorlage beschäftigten Bismarck störte, einen sehr groben Verweis. Sicherlich ging auch Bismarck, im Gefühl seiner Überlegenheit, viel zu weit, wenn er seine Diplomaten so herrschsüchtig an der Leine hielt. Sein größter Fehler war, daß er nur Massen, nicht Menschen formte, jahrzehntelang es unterließ, im deutschen Volke den politischen Sinn zu wecken und ein selbständig denkendes Regierungspersonal heranzubilden, und die tyrannische Art, mit der er auf der Höhe der Macht von seinen Diplomaten einen Mönchsgehorsam forderte, war auch nicht gerade geeignet, Staatsmänner zu erziehen. Nach dem Ausbruch des Krieges von 1870 schickte Schweinitz aus Wien Berichte, in denen er von den deutschfeindlichen Bestrebungen und Hoffnungen österreichischer Kreise sprach. Bismarck ersuchte ihn ärgerlich, das zu unterlassen, denn solche Schilderungen könnten den König beunruhigen und in seiner kriegerischen Festigkeit beirren. Man hat mir erzählt, daß Schweinitz, wenn er diese Geschichte vorbrachte, seinen Freunden sagte: »Bismarck konnte so sprechen, denn das Genie hat immer recht«. Herr von Holstein sprach ebenso und war kein Genie.

Die Dinge nahmen ihren Lauf, oder vielmehr ihren Schneckengang. Am 8. Juni war man, nach langem Ringkampf zwischen Rouvier und dem Fürsten Radolin, glücklich bis 182 zu dem »Akkord« gelangt. Was besagte der Akkord? Er erklärte, daß auf der Konferenz die berechtigten Interessen Frankreichs in Marokko und die aus Verträgen sich ergebenden Rechte Frankreichs nicht in Frage gestellt, die Souveränität des Sultans, die Integrität des marokkanischen Reiches und die wirtschaftliche Freiheit nicht verletzt werden sollten, die besondere Situation Frankreichs in Marokko anerkannt werden würde, und er betonte die »Nützlichkeit von polizeilichen und finanziellen Reformen, deren Einführung für kurze Zeit auf Grund internationaler Vereinbarungen geregelt werden soll«. Besonders der letzte Satz war ungemein unklar, denn was verstand man unter »kurzer Zeit«? Das ganze Dokument war ein Produkt der Verlegenheit. Rouvier hatte immerhin einiges erreicht, denn der »Akkord« enthielt doch einen »Meinungsaustausch«, und den Meinungsaustausch hatten die Berliner Formalisten entschieden abgelehnt. Jetzt, nach der Unterzeichnung des Schriftstückes, sollte auch über die »Ziele und Aufgaben« der Konferenz verhandelt werden, im französischen Ministerium des Äußern wurde ein detailliertes Memorandum über die einzelnen Reformfragen ausgearbeitet, aber nach einigen Tagen stockten die Besprechungen abermals, weil man in Berlin den nervös gewordenen Sultan von Marokko schonen wollte und weil man in Paris behauptete, Herr von Tattenbach sei in Fes bestrebt, die Zeit bis zur Konferenz mit der Jagd nach Sondervorteilen auszufüllen. Die französische Presse versicherte, die deutsche Regierung ziehe die Sache absichtlich hin. »Während Deutschland in Paris verhandelt«, schrieb der »Temps«, »betreibt es in Marokko seine Geschäfte, es zeigt uns den Knochen und nimmt ihn fortwährend zurück.« Die Sicherung der Handelsfreiheit in Marokko und die finanzielle Kontrolle machten keine unüberwindlichen Schwierigkeiten, und man stritt hauptsächlich um die Frage der Polizeiorganisation. Sollten die Franzosen beauftragt werden, die Polizei im ganzen marokkanischen Reiche zu organisieren, oder war ihre Vorzugsstellung, die man anerkannt hatte, auf die Grenzdistrikte beschränkt? Nachdem wieder zwei Monate verloren worden 183 waren – nicht für die französischen Chauvinisten und ihre Freunde im Auslande, die diese Zeit zu benutzen verstanden –, wurde Herr Doktor Rosen nach Paris geschickt. Der große, breitschultrige Orientkenner Rosen verhandelte nun täglich in einem Zimmer des Ministeriums mit dem kleinen, glatten Revoil, dem ehemaligen Generalgouverneur von Algier, der als Marokkospezialist zähe jeden Quadratmeter dieses gelobten Landes verteidigte und wie ein Advokat mit geschmeidiger Dialektik bei jeder unbequemen Wegstelle seitwärts entwich. Schließlich wurde am 28. September das Konferenzprogramm fertiggestellt. Paragraph eins betraf die »Organisation der Polizei außerhalb des Grenzgebietes« und Paragraph zwei die Finanzreform. Herr Revoil sagte mir in einer Unterhaltung, immer Süßes mit Bitterem mischend, daß die französische Regierung die versöhnliche Haltung des Fürsten Bülow sehr zu schätzen wisse und die aufreizende Sprache französischer Zeitungen bedauere, daß aber die aufgeregten Wogen nicht so schnell zu besänftigen seien. Um den Fall deutlicher zu machen, holte er aus der Vorratskammer seiner Erinnerungen die folgende Geschichte hervor: »Emile de Girardin und Alexandre Dumas fils hatten eines Tages zusammen ein Stück geschrieben und sich bei dieser Gelegenheit entzweit. Ein gemeinsamer Freund brachte die Sache wieder ins Reine, aber Dumas blieb von nun an reserviert, und als der Freund ihm das vorwarf, entgegnete er: ›Ich habe eine schöne chinesische Vase besessen, sie ist mir zerbrochen und man hat sie gekittet – nur tue ich nicht mehr Wasser und Blumen hinein‹.« Herr Revoil fügte hinzu: »Wir denken nicht wie Dumas fils – wir wollen Wasser und Blumen in die Vase tun. Aber man muß uns Zeit lassen – Zeit, Zeit!«

In der Tat, die chinesische Vase war zerbrochen, bevor wir sie eigentlich besessen hatten, und man hatte ihr, um das Unglück zu vollenden, noch einige besondere Stöße versetzt. Im Juli wollte Jaurès nach Deutschland kommen und hier über den Weltfrieden sprechen, dessen Erhaltung ihm am Herzen lag. In der gesamten deutschen Rechtspresse und in den nationalistischen Organen wurde gegen diesen 184 Besuch des deutschfreundlichen Volkstribunen wild und leidenschaftlich protestiert. Am 6. Juli veröffentlichte die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« ein Schreiben des Fürsten Bülow an den Fürsten Radolin. Der Botschafter wurde beauftragt, Jaurès zum Verzicht auf seine Reisepläne zu bewegen, und dieses höflich umkleidete Verbot wurde so dargestellt, als richte es sich nicht gegen den französischen Sozialistenführer, sondern gegen die »staatsfeindliche« deutsche Sozialdemokratie. Die Gegner Jaurès, die zugleich die Gegner des Friedens waren, triumphierten laut. Als dieser Vorfall bekannt wurde, schrieb ich: »Das Verbot, das den Gegnern der Annäherung wirksame Waffen liefert, nimmt den Anhängern einer solchen Politik den Mut. Meint die Diplomatie, diese Aufgabe allein vollbringen und allen Beistand und selbst den Beistand eines Jaurès entbehren zu können? Dann muß man erklären, daß das bisher Erreichte nicht ihr, sondern freiwilligen Hilfskräften, den Männern wie Jaurès zu danken ist und daß die Resultate ihrer eigenen Annäherungsbestrebungen einstweilen etwas negativer Natur gewesen sind.« Jaurès beantwortete das Verbot mit einem sehr vornehm gehaltenen Artikel, in dem er sagte, er beharre trotz allen Schikanen bei seinem Werke und seinen Ideen. Seine Leser aber fanden, daß er sich geirrt habe, und nur die wenigsten blieben ihm treu. Im Oktober, als die Pariser Verhandlungen endlich abgeschlossen waren, hielt bei einem Generalsdiner am Moltketage der Kaiser eine Rede über das »trockene Pulver« und das »geschliffene Schwert«. Diesmal war auch Jaurès sehr erregt. Er fragte, ob das deutsche Volk »das einzige Volk in Europa bleiben wolle, das sich dem persönlichen Willen eines Einzelnen unterwürfe«, und erklärte, Deutschland sei isoliert. Es sei isoliert »nicht durch eine diplomatische Verschwörung, nicht durch einen Angriffsplan der feindlichen Mächte, sondern durch den Gegensatz zwischen seinem willkürlichen Kastenregime und der gesamten europäischen Demokratie«.

Etwas noch Übleres geschah. Herr Professor Schiemann machte sich in der »Kreuz-Zeitung« zum Herold der »Geiseltheorie«. Hammann, der es wissen muß, erklärt, 185 Holstein habe diese Theorie aufgebracht, und bemerkt, daß die Wirkung, »den Bemühungen Bülows, ein besseres gegenseitiges Verstehen beider Völker herbeizuführen«, entgegengesetzt gewesen sei. Die Geiseltheorie besagte, daß bei einem Kriege zwischen Deutschland und England Frankreich gezwungen werden würde, zu wählen, und daß Deutschland den Krieg auf französischem Boden führen würde, wenn Frankreich sich nicht entschlösse, mit ihm gegen England zu gehen. Bei dem Gedanken, daß man sie gewaltsam, gegen ihren Willen, in einen Krieg hineinzerren wolle, gerieten die Franzosen aus allen Parteilagern in eine ungeheuere Empörung, und Jaurès äußerte seinen Zorn nicht weniger heftig als der extremste Nationalist. Man muß bedenken, daß Delcassé fortgejagt worden war, weil er sich bereit gezeigt hatte, auf militärische Angebote Englands einzugehen. Noch als im Oktober der »Matin« seine Enthüllungen über dieses angebliche Angebot und über die zustimmende Haltung Delcassés brachte, wurde der Minister, der Frankreich so auf Gedeih und Verderben mit England hatte zusammenketten wollen, wie ein dummdreister Schädling gescholten und gehöhnt. Die allgemeine Parole war: »Nicht mit England gegen Deutschland und nicht mit Deutschland gegen England«, was nicht ausschloß, daß die Sympathie, die sich vor kurzem noch Deutschland zugewendet hatte, jetzt kräftig zu England hinüberging. Clémenceau zerpflückte in der »Aurore« den Theaterkranz, den der »Matin« Herrn Delcassé gewunden hatte, und spritzte dann in den folgenden Zeilen alle Essenz seiner Polemik den Geiseltheoretikern ins Gesicht. »Ihr habt geglaubt,« schrieb er, »uns mit Furcht erfüllt zu haben, und ihr glaubt noch heute, daß wir in Erinnerung an euere Brutalität nur um so bereitwilliger euere Liebenswürdigkeiten erwidern werden, ohne euch zu fragen, zugunsten welcher Pläne ihr unsere Liebe begehrt. Ihr könnt sie nicht nur des Friedens wegen begehren, der ja gesichert ist – und wenn ihr sie begehrt, um in Europa die deutsche Hegemonie auf Englands Ruinen zu errichten, so werden weder euere Liebenswürdigkeiten noch euer Zorn uns eine andere Antwort entlocken können.« 186 Der Vorwurf, daß man Frankreich mit Liebenswürdigkeiten fangen wolle, richtete sich gegen den Fürsten Bülow, der sich damals nach einem Rückwege umsah und in einer Unterredung mit zwei Pariser Journalisten freundlich und hoffnungsvoll über die deutsch-französischen Beziehungen sprach. Solche Worte verhallten jetzt, und stärker als die vernünftige Bemerkung des Reichskanzlers, daß er sich von einem guten Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich eine Besserung des deutsch-englischen Verhältnisses verspreche, wirkte das Geiselbild der Herren Holstein und Schiemann auf die französische Volksphantasie.

Es muß hier die Frage eingeschoben werden, ob die englische Regierung Herrn Delcassé wirklich die hunderttausend Mann angeboten hat, die er am 6. Juni 1905 im entscheidenden Kabinettsrat aufmarschieren ließ. Eine im Jahre 1908 in der »Dépèche de Toulouse« erschienene Behauptung, man habe dieses englische Angebot schon am 31. Mai in Berlin gekannt, war, in dieser Form wenigstens, falsch. Allerdings waren dem deutschen Generalstab durch Agenten solche Mitteilungen zugestellt worden, und durch den Generalstab wurde das Auswärtige Amt informiert. Was die geheimen Agenten liefern, wird aber selten ohne Nachprüfung für ein feststehendes Faktum gehalten, da die Neigung betriebsamer und gewinnsüchtiger Zuträger, aus dem Schlamme des Geredes und der Gerüchte Gold zu machen, zu einiger Vorsicht zwingt. Gerüchte über englische Lockungen und Versprechungen liefen überall um. Am 7. Juni wies Flotow in einem Berichte darauf hin, daß die öffentliche Meinung Frankreichs »trotz des fortgesetzten und fast aufdringlichen Angebotes der englischen Hilfe« sehr ruhig und auch sehr mißtrauisch gegen alle solche Pläne geblieben sei. In den diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes findet sich keine Information, aus der man entnehmen könnte, es sei wirklich ein bestimmt formulierter Vorschlag von London nach Berlin gegangen. Der englische Botschafter in Berlin, Lascelles, offenbar auf jene Agentenmeldungen hin vom Kaiser und von Bülow befragt, erklärte entschieden, die ganze Angebotsgeschichte sei erfunden, 187 und genau so sprach sich am 16. Juni Lansdowne in London dem Grafen Wolff-Metternich gegenüber aus. Auch die englische Presse nannte die Geschichte erlogen und verrückt. André Tardieu sagt in seinem Buche über den Fürsten Bülow, man habe die Behauptung, daß England zum militärischen Beistand bereit gewesen sei, allgemein mit »leider berechtigtem Skeptizismus« aufgenommen. Im Oktober 1905 brachten dann der »Matin« und der »Figaro«, zweifellos von Delcassé inspiriert, sogenannte Enthüllungen über die englischen Bündnisbemühungen und die angeblichen hunderttausend Mann. Wilhelm II., den diese Sensationslektüre sehr aufregte, schrieb, daß das einer »Banditenverabredung zum Raubmord im Walde« gleiche, und wollte schon Wolff-Metternich aus London abberufen, beruhigte sich aber, als Fürst Bülow ihm zeigte, aus wie trüben Quellen die Sensation geflossen sei. Ein halbes Jahr später, im April 1906, legte, wie die in Brüssel aufgefundenen Dokumente ergaben, der englische Militärattaché, Oberstleutnant Barnardiston, den belgischen Generalstäblern einen englisch-belgischen Operationsplan vor. In diesem Plane tauchte das englische Landungskorps von hunderttausend Mann abermals auf. Es ist sehr möglich, daß Lord Lansdowne nicht immer wußte, was in den Militärküchen gekocht wurde, und auch in Deutschland haben die Militärs es ja mitunter für überflüssig gehalten, die Staatsmänner in ihre Geheimnisse einzuweihen. Ein gültiges und bindendes Bündnisangebot aber hätte nur von der englischen Regierung, nicht vom englischen Generalstab, ausgehen können, und vermutlich hat Delcassé in seiner Erzählung einen militärischen Wink zu einer diplomatischen Aktion aufgebauscht. Graf Wolff-Metternich hat mir in Beantwortung einer Frage gesagt, daran, daß das Hunderttausend-Mann-Angebot erfolgt sei, glaube er nicht. Aber die englischen Minister hätten immer betont, wenn Deutschland mit Frankreich Marokkos wegen in Krieg geraten sollte, so würde die öffentliche Meinung Englands jede englische Regierung zwingen, sich an die Seite Frankreichs zu stellen. Das wurde von nun ab im Foreign Office immer wieder 188 erklärt. Und jedesmal, wenn es der deutschen Diplomatie mitgeteilt wurde, wuchs in Paris das Sicherheitsgefühl, und damit der Tatendrang.

Obgleich man so viel Erfahrungen gemacht und so viel unangenehme Überraschungen erlebt hatte, bildete man in Berlin sich ein, die Konferenzchancen ständen durchaus nicht schlecht. In der Wilhelmstraße wurde behauptet, daß man in Algesiras die Unterstützung genügend zahlreicher Mächte finden werde, und man sprach abwechselnd und im Tone des Gutinformierten von Rußland, von Italien und von Amerika. Von Zeit zu Zeit tauchte sogar, genau wie nach dem Abschluß der »Entente cordiale«, die Versicherung auf, daß England nicht mehr so ganz auf französischer Seite sei. Noch in der dunkelsten Wolke sah man einen Stern. Graf Monts erinnerte im Auftrage des Fürsten Bülow den Marquis de San Giuliano, der jetzt die auswärtigen Angelegenheiten leitete, an die Bündnispflichten Italiens und bat ihn, auf der Konferenz »die Intimität des Dreibundes zum Ausdruck zu bringen«. San Giuliano entgegnete ohne Versteckspiel, mit seinen Sympathien sei er auf der Seite Deutschlands, aber durch die von seinen Vorgängern abgeschlossenen Verträge sei Italien zur Unterstützung Frankreichs gezwungen. Dann setzte Fürst Bülow einige Hoffnungen auf den alten Visconti Venosta, der als Vertreter Italiens nach Algesiras ging. Er schickte dem deutschen Delegierten, Herrn von Radowitz, ein Rezept, bezeichnete ihm genau die Behandlungsmethode, die angewandt werden müsse, um diesen »Schüler Cavours« für Deutschland günstig zu stimmen. Ähnliche Versuche wurden wieder in Madrid unternommen. Aber am sichersten meinte man auf Amerika zählen zu können. Dort hatte der Präsident Roosevelt, den Wilhelm II. seinen Freund nannte, zu dem deutschen Botschafter, dem Freiherrn Speck von Sternburg, gesagt, es sei ein Glück für die Zivilisation, daß »der unglaubliche Hallunke Delcassé abgetakelt ist«. Es ging, wie in dem Gedichte Schillers von den Idealen: »Doch ach! Schon auf des Weges Mitte verloren die Begleiter sich.« In Paris, wo man wußte, daß der Mittelmeervertrag Italien 189 an die französischen Interessen band, und auch sonst das Terrain genau studiert hatte, war man von der Isolierung Deutschlands überzeugt. Die französische Diplomatie, die sich so lange gegen die Konferenz gesträubt hatte, stieg jetzt, mit vollen Taschen, vergnügt in den Süd-Expreß.

 

Da Herr von Radowitz, der deutsche Botschafter in Madrid, schon ziemlich alt und gesundheitlich nicht mehr widerstandsfähig war, gab ihm die deutsche Regierung als zweiten Delegierten den robusten Herrn von Tattenbach mit. Die Entsendung des Herrn von Tattenbach, der die »aktive« Marokko-Politik verkörperte, bestärkte die anderen Mächte in einer Einigkeit, die sich grade durch scharfe Säuren am wenigsten zersetzen ließ. Herr von Radowitz, bei dem ich während des amerikanisch-spanischen Krieges in Madrid sehr interessante, durch seinen feinen Geist reizvoll verschönte Stunden verlebt hatte, war, trotz Altersbeschwerden, noch immer der vornehme Vertreter jener Diplomatenschule, die eine fesselnde Anmut und die Tradition des politischen Geschäftes besaß. Als er im Dezember auf der Durchreise nach Algesiras in Paris haltmachte, ließ er mich bitten, ihn in dem kleinen Hotel in der Rue de Castiglione zu besuchen, in dem er abgestiegen war. Gleich nach den ersten Worten sagte er: »Ich kenne Ihre Auffassung, aber ich glaube, Sie sind wirklich ein zu verhärteter Pessimist.« Wie er es in Berlin gehört hatte, entwarf er in einigen Strichen ein Weltbild, das sich in jedem Striche von der Wirklichkeit unterschied. Meine zweifelnden Einwendungen freundlich zurückweisend, bemerkte er, sogar ein Beschluß, der uns einen marokkanischen Hafen zuspräche, liege im Bereiche der Möglichkeit. Auf meine verblüffte Frage: »Mogador?« entgegnete er: »Nein, Casablanca« und lenkte dann ab.

Die Konferenz in Algesiras begann Mitte Januar, und vier Wochen vorher hatte Rouvier die Stimmung durch eine Rede vorbereitet, die schon recht deutlich dem neuen französischen Geiste angenähert war und eine starke Zuversicht verriet. Es zeigte sich schnell, daß Rouvier nicht mit falschen Sicherheiten geprunkt hatte, denn England, 190 Rußland, Amerika, Italien und Spanien bildeten in Algesiras eine gemeinsame feste Front mit Frankreich, während Österreich-Ungarn, ohne seine sogenannten Sekundantendienste ins Heroische zu treiben, uns wenigstens durch sein Eintreten für Kompromißlösungen half. In ihren Kundgebungen, Reden und Noten hatte die deutsche Regierung, indem sie die »Internationalisierung« der marokkanischen Frage forderte, sich auf den Standpunkt gestellt, die Entscheidung über Marokko könne nicht von einzelnen Mächten, auch nicht von Deutschland und Frankreich im tête-à-tête, getroffen werden, denn sie sei eine europäische Angelegenheit. In Algesiras zeigte Europa für diese Fürsorge wenig Verständnis und Dankbarkeit. Bismarck wurde jedesmal kratzbürstig, wenn Gortschakow behauptete, der russische Konflikt mit der Türkei müsse eine Herzenssache für ganz Europa sein. Es war ihm unerträglich, daß man die Interessen einer Macht zu europäischen Interessen stempeln wollte, und auf den Rand eines Gortschakowschen Schreibens vom 2. November 1877 schrieb er spöttisch: »Qui parle Europe a tort.«

Fürst Bülow erkannte, daß man durch starres Festhalten an den Holsteinschen Methoden die ohnehin unvermeidliche Schlappe in Algesiras nur vergrößern würde, und bereitete lavierend den Rückzug vor. Die Forderung, daß die Polizei außerhalb der Grenzsphäre internationalisiert werden solle, wurde nicht aufrechterhalten, und nur die Einsetzung eines neutralen Generalinspektors, einer Strohpuppe, wurde am Ende der langen Mühen erreicht. Holstein war seit Anfang März so ziemlich kaltgestellt. Der Staatssekretär von Richthofen starb, Herr von Tschirschky wurde sein Nachfolger und vom ersten Tage an begann zwischen Holstein und Tschirschky ein auf der einen Seite mit zorniger Erbitterung, auf der anderen mit bureaukratischer Beharrlichkeit geführter Kampf. Holstein, der selbst die Beförderung so oft abgelehnt hatte, wollte die Befehle des neuen Vorgesetzten nicht ertragen und reichte, wie er es schon ungezählte Male getan hatte, sein Entlassungsgesuch ein. Er erwartete, daß man es ihm, wie bisher jedesmal, unbewilligt 191 zurückgeben werde, aber am 5. April, als Fürst Bülow im Reichstag während der Marokko-Debatte ohnmächtig umsank, wurde dem »Unentbehrlichen« die kaiserliche Genehmigung des Gesuches überreicht. Man nahm ihm seine Akten und seine Schlüssel ab. So schnell wie irgend möglich liquidierte man die Konferenz, seine peinliche Hinterlassenschaft.

Sehr zahlreich und nur nicht sehr günstig für uns waren die Resultate der deutschen Marokkopolitik. Zunächst: sie zerschlug den friedensfreundlichen, für eine Annäherungspolitik wirkenden Franzosen die Glieder, sie brachte den französischen Nationalismus wieder in die Höhe, lieferte ihm die »vaterlandsfremden« Verbrüderungsschwärmer, die »Pazifisten«, die »Internationalisten« aus. Der französische Klerikalismus hatte in der Dreyfus-Affäre, dank der neuen, antiklerikal und antinationalistisch gesinnten Generation, einen völligen Zusammenbruch erlebt. Er lag auf der Lauer, erspähte, um sich wieder emporzurecken und die republikanischen Klosterstürmer niederzuschlagen, eine Gelegenheit. Man warf ihm von Berlin her den Rettungsgürtel zu. Der feine Skeptizismus des Monsieur Bergeret, die Weltbürgerlichkeit Renans, der »Nihilismus« Taines verblaßten am französischen Horizont. Bourget lehrte, mit der Kreuzfahne in der Hand, die Überwindung des Zweifels, Barrès übernahm die Erziehung der Jugend, die »nationale Energie« wurde die Losung und dort, wo die alten Gestirne bethlehemitische Verkündigung ausgestrahlt hatten, leuchtete jetzt der glutrote Stern der »Renaissance latine«. Es schien nun bewiesen: Jaurès, seine Freunde, die Leute aus der »Liga der Menschenrechte«, die antiklerikalen Schullehrer, die weltbrüderlichen Intellektuellen hatten Frankreich irregeführt, es fast in den Abgrund gestürzt. Rouvier, der Repräsentant einer kosmopolitischen Geschäftspolitik, der 1887 gemeinsam mit dem Präsidenten der Republik, Jules Grévy, schon den Friedensstörer Boulanger abgedrosselt hatte, war der Meinung gewesen, durch die Preisgabe Delcassés Deutschland versöhnen zu können, und er hatte am nächsten Morgen die schlimmste Enttäuschung erlebt. 192 Deutschland, sagte man, wolle keine Versöhnung, der brutale preußische Militarismus hatte diese armseligen Dorfschulpolitiker, diese faselnden Menschheitsphilosophen, diese linksrepublikanischen Schwächlinge abgeschüttelt, hatte sein Schwert in die Wagschale geworfen und schallend über das Verbrüderungsgeschwätz gelacht. Froh, in neuer Hoffnung, begann der nationalistisch geputzte Klerikalismus das verlorene Terrain zurückzuerobern, und mit frischen Kräften stieg er, wühlend, höhnend und hetzend, langsam, ganz allmählich und durch neue, ähnliche Ereignisse begünstigt, wieder empor zur Macht. Gewiß, die Möglichkeiten, die ohne die Marokko-Affäre bestanden hätten, bleiben zweifelhaft. Obgleich in Frankreich die friedensfreundliche Bewegung vor dem Beginn dieser Aktion so weit gelangt war, wie niemals vorher, mußte mit einem Rückschlag immer gerechnet werden, war die ganze Entwickelung auch ohne deutsche Fehler allen möglichen Gefährdungen ausgesetzt. Irgendein Zwischenfall konnte ohne Zutun einer deutschen Regierung eintreten und alles umwerfen, was kaum erst Form gewann. Aber war es nötig, daß die deutsche Regierung es umwarf, und wofür, für welches hohe Ziel, für welche große politische Idee warf sie es um?

Das zweite Resultat war die Festigung, die dauernde Festigung der »Entente cordiale«. Nun, als England auch noch in Algesiras den französischen Sieg gesichert hatte, gab es kein Zurück mehr und das erste Ziel, das die deutschfeindlichen Gruppen in London, Paris und Petersburg sich gesetzt hatten, war erreicht. Und nicht nur England hatte Frankreich an jedem Tage und in jeder Minute der Konferenz unterstützt. Rußland und Italien, Spanien und Amerika, alle Mächte, die ihre Diplomaten nach Algesiras gesandt hatten, waren vom Anfang bis zum Ende, ohne Schwanken und Unterbrechung, für Frankreich eingetreten und hatten sich zu einer festen Front gegen Deutschland vereint. Auch Österreich war, wie Graf Goluchowski gern betonte, über eine vermittelnde »Neutralität« nicht hinausgegangen. Es hatte, in der Polizeifrage, durch Kompromißvorschläge dem deutschen Bundesgenossen den Rückzug 193 erleichtert, aber es hatte seine Absicht, diesen Bundesgenossen nicht auf einem Vormarsch zu begleiten, auch der Gegenpartei genügend klargemacht. Für diese ein wenig herablassend gewährte Handreichung dankte Wilhelm II. den Wiener Staatsmännern mit der üblichen Überschwänglichkeit. Nichts verriet deutlicher und unpassender, als sein überflüssiger, unkluger Dank, die politische Bedürftigkeit, in der sich Deutschland befand.

Das dritte Resultat aber zeigte sich sehr bald in Deutschland selbst. Hier hatten fast alle Parteien, mit Ausnahme der Sozialdemokratie, und die gesamte Presse, mit Ausnahme eines Sünders, die Marokko-Politik der Berliner Regierung vortrefflich gefunden und die meisten hatten große Hoffnungen auf sie gesetzt. Im Reichstag hatte nur Bebel auf die Friedensbedrohung, zu der diese Politik führen könnte, hingewiesen, die ganze Aktion scharf gerügt. Konservative und Nationalliberale machten diese Politik begeistert, Zentrum und Freisinnige machten sie gehorsam mit. Die alldeutsche »Tägliche Rundschau« hatte am 11. Juni 1905 versichert, die deutsche Regierung habe verhindert, daß »politischen Kombinationen und Machtverschiebungen Tür und Tor geöffnet« würde, »die zu Deutschlands Isolierung und damit zur eminentesten Gefährdung des europäischen Friedens führen könnten«, und der Artikelschreiber hatte rühmend erklärt: »das erkannt und im geeigneten Augenblick vereitelt zu haben«, sei ein unbestreitbares Verdienst. All die tauben Trojaner hatten in solchem Glauben geschwelgt. Aber nach der Konferenz von Algesiras, nach dem nicht zu verhüllenden Mißerfolge, schlug die Stimmung natürlich um. Als es klar geworden war, daß Deutschland nun wirklich beinahe »isoliert« dastand, wurde man sehr aufgebracht. Keiner von den Entrüsteten sagte sich oder gab zu, daß diese Verschlechterung der Situation die Folge der von ihm selber geforderten, gebilligten, belobten Fehler sei. Wie es in solchen Fällen üblich ist, schlug man nicht an die eigene Brust, sondern klagte allein die Gegner an. Es wurde aus den Ereignissen selbstverständlich nicht die Lehre gezogen, daß es nötig sei, solche 194 Fehler nicht mehr zu begehen. Es war eigentlich dargetan, daß nicht bei dem drauf losstürmenden Chauvinismus das Heil liege, sondern nur bei einer stetigen, nüchtern rechnenden Vernunftpolitik, aber gerade nach diesem Mißerfolge gewann die draufgängerische Geistesrichtung Boden, und ebenso nahm später, nach allen in ihrem Sinne begangenen Irrtümern, ihr Einfluß zu. Gleichzeitig begann jetzt das ärgerliche Gerede über das eben noch so laut gefeierte Auswärtige Amt. Es hatte sich schwach gezeigt, es hatte sich übertölpeln lassen, es hatte eine moralische Niederlage verschuldet, es hatte Deutschland bloßgestellt. In zehntausend Leitartikeln und Reden wurde, ohne Kenntnis des lebendigen Wesens, der Schatten des »eisernen Kanzlers« heraufzitiert. Mancher glaubte nun, daß man das Prestige des Auswärtigen Amtes wiederherstellen müsse, und Sorgen dieser Art haben, wenn sie den Geist zu sehr beschäftigen, noch immer zu neuen Fehlern geführt.

Wilhelm II. hatte während der Algesiras-Konferenz seine Empfindungen auf dem Rande der Akten in vehementer Weise ausgedrückt. Er hatte sich dort von seiner Erbitterung über die »jämmerlichen, verkommenen lateinischen Völker«, das Eunuchengeschlecht und die Hundsfötter, und nicht minder über »diese faulen, lügenhaften Russen« in hastigen Schriftzügen befreit. Wenn man liest, was er in seinem Buche über die Marokko-Affäre äußert, so gewinnt man den Eindruck, daß er sich möglichst schnell von der lästigen Geschichte zurückgezogen habe, wie einer, der seine Ruhe haben und nichts mehr wissen will. Offenbar weiß er auch heute von den damaligen Vorgängen nicht viel. »Der Sturz Delcassés trat ein,« schreibt er, »und Rouvier wurde Minister. Ich ließ nun sofort die Aktion einleiten, bei der ich auf des Fürsten von Monaco Unterstützung rechnen durfte. Der Kanzler wurde angewiesen, ein »Rapprochement« mit Frankreich vorzubereiten. Den Fürsten Radolin, der seine Instruktionen in Berlin persönlich erhielt, wies ich noch besonders darauf hin, die Konstellation Rouvier gut auszunutzen, um alle Konfliktsmöglichkeiten zwischen den beiden Ländern zu beseitigen.« 195 Es ist möglich, wenngleich überraschend, daß seine Kenntnis der Dinge wirklich nicht weiterreicht. Er hatte gewiß, wie aus seinen Bemerkungen zu dem Telegramm Radolins hervorging, nach dem Sturze Delcassés aufrichtig eine schnelle Verständigung gewünscht, und er scheint ebenso aufrichtig zu glauben, man habe »die Konstellation Rouvier« gut ausgenutzt. Auch Witte, der den Kaiser im September 1905 in Rominten besuchte, gelangte zu der Meinung, Wilhelm II. sei in die Marokko-Verhandlungen keineswegs eingeweiht. Der russische Staatsmann hatte ein lebhaftes Interesse daran, die marokkanische Affäre in Ordnung zu bringen, denn Rouvier hatte ihm in Paris erklärt, daß die neue Anleihe, die Rußland brauchte, erst nach Beseitigung der Konfliktsgefahr möglich sei. Witte machte dem Kaiser klar, daß man den Streit beenden und das Kabinett Rouvier unterstützen müsse, und versichert in seinen Memoiren, Wilhelm II. habe darauf gesagt: »Sie haben mich überzeugt« und sogleich ein Telegramm mit Weisungen für Bülow verfaßt. Diese Erzählung wird durch die Akten des Auswärtigen Amtes bestätigt, und nur gegenüber der Ansicht Wittes, er habe den Frieden gestiftet, muß bemerkt werden, daß er offenbar schon nach dem »Friedensschlusse« kam. Der Kaiser berichtete am 28. September dem Fürsten Bülow, der in Baden-Baden weilte, telegraphisch über die Unterredung mit Witte und fügte hinzu: »Gallien muß jetzt gut zugesprochen werden . . . damit es ohne ›Ranküne‹ bleibt«. Bülow telegraphierte am gleichen Tage an das Auswärtige Amt: »Wie stehen die Dinge in Paris? Ist Abschluß endlich erfolgt?« Er erhielt die Antwort, daß das Konferenzprogramm unterzeichnet worden sei. Tatsächlich war gerade am 28. September, als Witte, nach seiner Angabe, von Berlin aus Rouvier telegraphisch über den Erfolg der Romintener Unterhaltung informierte, in Paris die Einigung über das Konferenzprogramm zustande gekommen. Unbestreitbar bleibt, daß Wilhelm II. einen entschiedenen Widerwillen dagegen hatte, den Konflikt vergrößern zu lassen, und wenn er die Bedeutung der Schritte, die unmittelbar nach dem Sturze Delcassés unternommen 196 wurden, gekannt und begriffen hätte, so hätte er wahrscheinlich sein Veto eingelegt. Ob er taktisch klug handelte, als er im Dezember 1905 dem französischen Militärattaché Marquis de Laguiche in einer Unterredung erklärte, einen Krieg werde er nicht dulden, mag verschieden beurteilt werden, aber zu seinen unverzeihlichen Fehlern zählt das sicherlich nicht.

Fürst Bülow sagt in seiner »Deutschen Politik«, Deutschland habe in Marokko »nicht alles Erwünschte, aber alles Wesentliche« durchgesetzt. Statt einer einseitigen französisch-englischen Regelung der Marokko-Frage sei eine internationale Regelung geschaffen worden, und man habe auch verhindert, »daß eine internationale Konferenz der französischen Marokko-Politik einfach ihr Plazet gab«. Sind das nicht nur Formeln auf Holsteinschem Kanzleipapier? Juristische Genugtuungen ohne entscheidenden Wert für eine lebendige Politik? Aber Fürst Bülow führt für die Weigerung, nach dem Sturze Delcassés direkt, ohne Konferenz, mit Frankreich sich zu verständigen, noch andere Gründe an. Er sagt, ob Frankreich überhaupt geneigt war; uns einen »annehmbaren Preis« zu bezahlen, bleibe dahingestellt. Diesen Weg einzuschlagen, habe uns aber schon die Rücksicht auf unsere Stellung zur Türkei und zum Islam unmöglich gemacht. Im November 1898 habe Kaiser Wilhelm II. in Damaskus erklärt: »Mögen die dreihundert Millionen Mohammedaner, welche auf der Erde verstreut leben, dessen versichert sein, daß zu allen Zeiten der deutsche Kaiser ihr Freund sein wird.« In Tanger habe sich der Kaiser mit Entschiedenheit für die Integrität Marokkos eingesetzt. Wenn wir so kurze Zeit nach dieser Kundgebung Marokko an die Franzosen verkauft hätten, so hätten wir uns um jeden Kredit gebracht. Auch Freiherr von Marschall habe in jenen Tagen erklärt: »Wenn wir Marokko trotz Damaskus und Tanger jetzt preisgeben, so verlieren wir mit einem Schlage unsere Stellung in der Türkei.« Aber gerade Marschall hat, hinterher wenigstens, in jedem Gespräche, das dieses Thema berührte, die deutsche Marokko-Politik außerordentlich ungünstig kritisiert.

197 Welchen »annehmbaren Preis« hat Deutschland von der Algesiras-Konferenz heimgebracht? Wenn Fürst Bülow sagt: »Es mag dahingestellt bleiben«, ob Frankreich bereit gewesen wäre, den Verzicht auf die Konferenz mit einem annehmbaren Preise zu bezahlen, so kann man einwenden, daß ja die Botschaft in Paris das ergründen konnte, und daß auch zahlreiche inoffizielle, private Mittelspersonen sich bereit erklärten, zu erforschen, wie der Preis, den Herr Rouvier zahlen wollte, beschaffen sei. Zu denjenigen, die damals vergeblich bemüht waren, zu ermitteln und zu vermitteln, gehörte übrigens auch Herr von Kühlmann, der auf einer Urlaubsreise nach Paris gekommen war, dort seine französischen Bekannten sah, Vorschläge nach Berlin schickte und infolgedessen, wie alle anderen, bei Holstein in Ungnade geriet. Er hatte zwar den Kaiser nach Tanger gebracht und im Dienste dieser Aufgabe die sturmbewegte Flut durchquert und Strickleitern erklommen, aber er war nicht an dieser orientalischen Romantik hängengeblieben, war Realist und hatte einen klaren, bäuerisch-kaufmännischen Kopf. Indessen, der annehmbarste, der erstrebenswerteste, der weitaus wichtigste Preis bestand gar nicht in einer kolonialen »Kompensation«. Er bestand, wenn nicht in der Ermöglichung einer deutsch-französischen Verständigung, so doch in einer Lockerung der französisch-englischen Entente. Hier war der letzte günstige Augenblick. Hier lag das wichtigste Ziel. Wir hätten uns, wenn wir Marokko im Stiche gelassen hätten, um jeden Kredit in der Welt des Islam gebracht? Aber wir haben ja bald darauf Marokko im Stiche gelassen, und die Türkei ist uns trotzdem als Verbündeter in den Krieg gefolgt. Und hätten die gleichen Bedenken Deutschland dann nicht auch hindern müssen, Österreich-Ungarn seinen Beistand bei der definitiven Loslösung Bosniens zu leihen? Hätten sie unsere Haltung nicht beeinflussen müssen, als Italien die Vertreibung der Türken aus Tripolis unternahm?

In der Marokko-Affäre war Fürst Bülow unleugbar die handelnde Hauptperson. Alle Initiative schien von ihm auszugehen, in allen entscheidenden Momenten trat er führend und richtunggebend hervor. Holstein blieb mehr als in den 198 Verhandlungen mit England im Hintergrunde, und von der offenbar nicht geringen Tätigkeit des Staatsjuristen Kriege zeugt kein Aktenstück. Die historische Verantwortung ist klar. Aber klar ist auch, daß die von Holstein im Auswärtigen Amte geschaffene Atmosphäre mindestens nicht ohne Einfluß gewesen ist. Man würde den Fürsten Bülow unterschätzen, wenn man annehmen wollte, er habe in dem spitzfindigen Doktrinarismus Holsteins dauernd die feinste Form staatsmännischer Klugheit gesehen. Aber solange Holstein im Auswärtigen Amte saß, war die Luft dort ungesund, wurde jeder grade Gedanke krumm gebogen, jeder Sinn in Widersinn verfälscht. Daß auch Bülow, ohne sich ganz klar darüber zu werden, durch diese schiefe, rabulistisch verschrobene Mentalität angesteckt wurde, sieht man, wenn man seine spätere politische Führung mit seiner ersten, Holsteinschen Periode vergleicht. Nach dem Verschwinden Holsteins operierte Bülow nur noch einmal bei der Haager Konferenz, mit einengenden Thesen, juristischen Formelwundern und ähnlichem Kram. Er ließ sich noch manchmal, noch oft sogar, von Holstein, der geräuschlos zu ihm schlüpfte, Ratschläge erteilen und Anregungen bringen. Aber er verspürte nicht mehr täglich und stündlich, nicht mehr in jeder Minute einen Einfluß, der, wenn nicht durch die geöffnete Tür, durch alle Türritzen und sogar durch die Wände drang. Er übermalte sich, von dem besonderen Haager Falle abgesehen, die Wirklichkeit nicht mehr mit einer Lieblingsfarbe, beobachtete den Gang der Weltereignisse nicht mehr hinter geschlossenen Gardinen und zeigte auch dann, wenn er irrte, in der technischen Behandelung der einzelnen Aufgaben eine ungewöhnliche Beweglichkeit, Anpassungsfähigkeit und Geistesgegenwart. Er beging noch politische Fehler, vor allem in der bosnischen Affäre, aber die starre Dogmenpolitik war doch etwas, was hinter ihm lag.

Fern von dem Amtszimmer, in dem er aus künstlichen Doktrinen, statt aus Leben, Politik gemacht hatte, trug Herr von Holstein die ihm schwerste Last, die Last der Machtlosigkeit, noch bis zum Mai des Jahres 1909, zuschauend und tadelnd und manchmal auch den Fürsten Bülow lobend, für 199 den seine mißtrauische Seele eine vertrauensvolle Neigung behielt. Es gehört zu den besten Stücken der Kleinmalerei, wenn Bülow, im Verlaufe eines Gespräches auf dieses Thema gebracht, von dem letzten Besuche, den er dem hinschwindenden Holstein in der bescheidenen Junggesellenwohnung abstattete, eine mit vielen Einzelheiten ausgestattete Schilderung entwirft. Im Vorraum der kleinen Wohnung in der Großbeerenstraße saß die alte Freundin Holsteins bei einer Flasche Bier und Butterbrot. Holstein lag im Bett, mit roten Flecken auf den Wangen, in dem einfachen Schlafzimmer, wo an der Wand drei Photographien, die Photographien der »Zuverlässigen« – unter ihnen Paul Hatzfeldt – hingen. »Können Sie mir versprechen, daß Sie Reichskanzler bleiben werden?« fragte Holstein, indem er mit seiner abgemagerten Hand die Hand Bülows nahm. Bülow antwortete, das sei sehr fraglich, sein Verkehr mit dem Kaiser sei äußerst schwierig geworden, und außerdem werde die Erbschaftssteuer von den Konservativen bekämpft. Er sei noch immer für die Blockpolitik. Einen schwarzblauen Block mache er nicht mit, er habe auch genug und wünsche dringend zu gehen. Darauf sagte Holstein, daß Bülow bleiben müsse, denn es sei absolut kein Ersatzmann da. Nacheinander zählte er alle Kandidaten auf, die er alle verwarf. »Wenn Sie gehen,« sagte er, »wird der Krieg unvermeidlich sein.« Vierzehn Tage darauf wurde er in den Sarg gelegt.

So endete Herr von Holstein, schlicht und ehrenwert wie ein kleiner pensionierter Beamter, der bis zuletzt an sein Bureau zurückdenkt, die Beförderungsliste studiert und über jede Personalveränderung beifällig oder mißbilligend sein Urteil fällt. Die Großbeerenstraße, in der er starb, liegt abseits von dem bewegten Welttreiben, aber er hatte in der Wilhelmstraße ebenso fern von der Welt gelebt. Die menschliche Sympathie wendet sich gern denjenigen zu, denen eine gewisse Originalität nicht abgesprochen werden kann. Wir können indessen nicht verkennen, was uns der Besitz dieses Originals gekostet hat. 201

 

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