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Das Vorspiel

Theodor Wolff: Das Vorspiel - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Vorspiel
authorTheodor Wolff
year1924
firstpub1924
publisherVerlag für Kulturpolitik
addressMünchen
titleDas Vorspiel
pages303
created20140121
sendergerd.bouillon@t-online.de
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I

Manche Bildhauer haben den Ruhm als einen kräftigen Mann dargestellt, der schnell schreitet und gleichzeitig vier Posaunen bläst. So erfüllte Deutschland am Anfange des Jahrhunderts, schnell und kräftig vorwärtsschreitend, aus vielen Posaunen mit seinen Tönen die Welt. Bismarck, der, wie ein unbeweglicher Steinblock, der inneren Vorwärtsentwickelung die natürlichen Wege versperrte, genial durchdringend aber, nur selten durch die Verschiedenartigkeit der Interessen abgelenkt, oder durch persönliche Reizbarkeit irregeleitet, die Strömungen der niemals stillstehenden Weltpolitik überwacht hatte, war vor genau einem Jahrzehnt entlassen worden und lag nun schon seit zwei Jahren in der Friedrichsruher Gruft. Seine staatsmännische Nüchternheit wurde von den wenigsten begriffen, seine Kürassierstiefel hatten sich dem Gedächtnis der Getreuen mehr eingeprägt als seine Lehren, der Groll seiner Eremitenzeit hatte Mißstimmung und Unruhe hinterlassen, und unter den Bismarckeichen klagten Barden, die von der Feinheit seiner politischen Gedanken nichts wußten und nur einen »Riesen« in ihm sahen. Der Vergleich mit den Riesen ist für Genies wie Bismarck eigentlich wenig zutreffend, denn von jenem Atlas an, der sich den Himmel aufladen ließ, über Polyphem, der durch Odysseus getäuscht wurde, bis zu den betrogenen Wagnerschen Walhallerbauern waren die Riesen eigentlich niemals besonders diplomatisch begabt. Aber die meisten Menschen schaffen sich ihre Götter nun einmal nach ihrem Ebenbilde, indem sie nichts vergrößern als das Format. Nach dem Tode Bismarcks wirkte die nicht immer mit politischem Sinne gepaarte Kraft, die im deutschen Volke lebte, weiter, die Räder der Industrie rollten, der Handel umspann die Erde, 10 die Reichtümer häuften sich und unermüdlich wurden Kinder gezeugt. Die deutsche Armee mußte für unüberwindlich gelten, obgleich das Wunder des Paradedrills, wie alle Wunder, einen Vergangenheitsduft hatte, die eingeschnürte Eleganz und das Selbstbewußtsein junger Leutnants nicht an die besseren Traditionen erinnerten, die Einschließung in eine besonders bevorzugte Kaste die Erziehung zur Weltkenntnis nicht begünstigen konnte und mancher ehrliche Beobachter allerlei sorgenvolle Betrachtungen in sein Tagebuch schrieb. Von diesem kraftvollen, rastlos steigenden Deutschland ging ein Glanz aus, der von vielen bewundert wurde und vielen unfroh in die Augen stach. Das Jahr 1900 lag anscheinend ganz in der Sonne da.

Wer damals in Paris lebte oder als Weltausstellungsbesucher dort erschien, sah auf dem Seineufer die Paläste der Nationen, in verschiedenen Stilen und Größen erbaut. Hoch und tüchtig, bunt bemalt, zusammengesetzt nach Nürnberger und Rothenburger Mustern, halb Patrizierfeste und halb Bierburg, lenkte das deutsche Haus die Blicke auf sich, und nicht weit davon stand, niedrig und wenig beachtet, das englische Gebäude, das offenbar nur da war, um eine unvermeidliche Repräsentationspflicht zu erfüllen. Das Publikum pilgerte zu dem deutschen Hause, drängte sich oben in den Sälen vor den aus Potsdam geschickten Watteaus und Lancrets und trank unten, gleichfalls mit Freude, das Münchener Bier. Von dem kleinen englischen Palast sprach man nicht. Die Affäre von Faschoda, wo Frankreich sich vor dem Willen Englands hatte beugen, der Oberst Marchand hatte umkehren müssen, zerquälte noch die französische Seele, und in jedem Abschnitt des Burenkrieges stiegen Haß, Spott und Hoffnung zur Oberfläche auf. Die Karikaturisten des »Rire« und der »Assiette au beurre« gingen bis an die letzte Grenze boshafter Möglichkeiten, der nationalistische Don Quichotte Millevoye schrieb in der »Patrie«: »Frankreich, das allzulange der gedankenlose, düpierte, mißbrauchte Soldat Englands gewesen ist, hat endgültig darauf verzichtet, die Politik der Londoner Krämer mit seiner ruhmreichen Flagge zu decken«, der Monarchist Paul de Cassagnac erklärte: »Ja, die 11 englische Beleidigung, die englische Drohung treiben uns unwiderstehlich zu Annäherungen, die noch vor kaum einigen Monaten widernatürlich erschienen und ohne verbrecherische Gedanken sich gar nicht fassen ließen«, und Juliette Adam versicherte, die Haut jedes Engländers habe einen unerträglichen Geruch. Der Krieg, den Frankreich und Rußland eines Tages ganz sicher gegen England führen würden, war ein Lieblingsthema der Strategiepropheten, eine Sondernummer der »Monde illustre« zeigte am 10. März mit vielen Bildern, wie in diesem Kriege – in dem Deutschland mit wohlwollender Neutralität auf der Seite Frankreichs steht – die britische Macht zerbrach. So mischte man dem englischen Gaste einiges Gift in den Begrüßungstrank.

Je weniger man in Paris das kleine Haus beachtete, mit dessen Aufrichtung England ein vornehm kühles Kompliment gemacht hatte, desto mehr war man geneigt, den Triumph zu betonen, den Deutschland auf der Weltausstellung errang. Und in der Tat, Deutschland hatte die mächtigsten Maschinen, die höchsten Krane, und langgereihte Glasbehälter deuteten den Vorrang, den jeder der deutschen chemischen Industrie zuerkannte, auch für die Laien an. Die liebenswürdige Neugierde, mit der das Publikum zu den deutschen Sälen und Hallen eilte, wurde nicht enttäuscht. Die Machtsymbole waren ein wenig reichlich bei Schmuck und Umrahmung verwendet, ein ungeheurer Adler, ein Meisterwerk des Eisengusses, reckte etwas zu bissig den Schnabel, aber vor all diesen Dingen zeigten die Franzosen eine nur selten strauchelnde Höflichkeit. Nur für die deutsche Malerei regte sich kein Interesse, obgleich sie, vorsichtig ausgewählt, sicherlich besser war als die Marktware der Pariser Salons, denen Degas, Monet, Sisley, Renoir, Pissarro und alle Großen immer ferngeblieben sind. Selbst die französischen Fachgelehrten ahnen weder etwas von der Malerei der deutschen romantischen Periode noch von der Generation der Bildnismaler, die sich um Leibl gruppiert. Diese eingewurzelte Gleichgültigkeit für fast alles, was aus deutschen Ateliers hervorgehen konnte, schwächte den Gesamteindruck nicht ab. Hunderttausende von Deutschen kamen nach Paris, auf 12 den Boulevards wurde keine andere Sprache mit so lauter Selbstverständlichkeit gesprochen wie die deutsche, jägerhafte Hütchen und praktisch hochgeschürzte Röcke wurden mit freundlichem Lächeln hingenommen, und mit Recht konnte Wilhelm II. am 14. November in der Thronrede sagen, daß auf dieser Weltausstellung »deutschem Fleiße und deutscher Kunstfertigkeit reiche Anerkennung zuteil geworden« sei.

In diesem Jahre fuhr der alte Burenhäuptling Krüger über den Ozean nach Europa und nachdem man das Schiff, das ihn trug, viele Tage lang vergeblich erwartet hatte, landete er am 22. November in Marseille. Ich stand mit vielen anderen auf dem Hafenquai, und alles war Rührung und Begeisterung, als der Alte, der es gewagt hatte, den Engländern zu trotzen, nun die entgegengestreckten Hände drückte und das weiße Haar auf seinem entblößten breiten Schädel im Winde flog. Er hatte einen noch prachtvolleren Kopf als der andere Bauernkönig Björnstjerne Björnson – mit dem Unterschiede, daß hinter der Stirnmauer des Südafrikaners nur die Klugheit eines zähen Dorfpolitikers und hinter der hohen Wölbung des Nordeuropäers eine Welt der Phantasie und der freiesten Gedanken lebendig war. Wenn man den alten Krüger so, im Sonnenschein von Marseille, zum ersten Male sah, konnte man noch nicht wissen, daß im Gefolge dieses hilfeheischenden Anklägers nicht nur der geläuterte Idealismus kam. »Wir werden uns niemals ergeben,« sagte der Alte auf dem Quai, »wir werden bis zuletzt kämpfen, wir haben ein großes Vertrauen zum ewigen Gott. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß, wenn Transvaal und der Oranjefreistaat je ihre Unabhängigkeit einbüßen sollten, dies erst geschehen wird, nachdem beide Burenvölker mit Frauen und Kindern vernichtet worden sind.« Dann fuhr man nach Paris, und ich sehe noch, wie überall an der langen Bahnstrecke, und nicht nur in jenem Südfrankreich mit seinen leichtentflammten Tartarinherzen, die Landbewohner winkten, Väter und Mütter ihre Kinder emporhoben: dort fährt er, der gegen England kämpft! Und in Paris ein Taumel, vor dem Cercle militaire, an der Place de l'Opéra, wo er auf dem Balkon 13 seinen Hut schwenkte, ein Fieberrausch, eine Beglücktheit mit Tränen und in jedem »vive Krüger« mithallend, ausgesprochen oder unausgesprochen, ein »à bas les Anglais!«

Im gleichen Augenblick, wo in Frankreich die uralte, von Jahrhundert zu Jahrhundert, von einem Geschlecht auf das andere vererbte Abneigung gegen England wieder hervorbrach, rührte sich deutlicher als seit langem die englisch-russische Rivalität. Als England sich in Südafrika ungeahnten Schwierigkeiten gegenübersah, beeilte sich Rußland, seine Macht in Asien vorzuschieben und in die britischen Interessensphären einzudringen. Im Januar schloß es mit Persien einen Anleihevertrag, der ihm das Recht gab, Bahnen zu bauen, und als Einleitung zur »friedlichen Eroberung Persiens« galt. Es war sehr rührig in Afghanistan, und der Zar empfing einen Abgesandten des Dalai-Lama von Tibet, der, wie die russischen Blätter versicherten, Schutz gegen England erbat. Vor allem aber betätigte sich der russische Eroberungsdrang in der Mandschurei. Rußland nahm nach dem Boxeraufstande an der gemeinsamen Expedition gegen China teil, ließ gleichzeitig seine sibirischen Truppen in die Mandschurei einrücken und Charbin besetzen und gab, nachdem es zuerst den allgemeinen Abzug aus Peking angeregt und seine Abteilungen von dort zurückgezogen hatte, die mandschurischen Gebiete nicht wieder heraus. Ganz offen richtete sich seine Politik gegen Japan, dem England sich in diesen Tagen schon genähert hatte, und gegen England selbst. Mit Gleichmut nahm es den Yangtse-Vertrag hin, in dem Deutschland und England versprachen, »den territorialen Bestand des Chinesischen Reiches unvermindert« zu wahren und für den Fall, daß eine andere Macht territoriale Vorteile erlangen sollte, sich »etwaige Schritte zur Sicherung ihrer eigenen Interessen in China« vorzubehalten, und kein russischer Soldat verließ Charbin. Englische Blätter ermahnten Rußland bitter und drohend, sich nicht in den Glauben einzuwiegen, England habe die Hand nicht frei. Die russischen Eroberer lächelten achselzuckend, der genußfrohe Satrap Alexejew, die Großfürsten, der vom Hofe protegierte Bezobrazow und die anderen Landspekulanten ließen die Beute 14 nicht fahren, alle meinten, daß England wirklich die Hand nicht frei habe, und beachteten nicht, daß es die rächende Waffe schon den Japanern in die Hände gab.

Deutschland schien niemals seit Bismarcks Tagen so glanzvoll, so stark, so umworben und so zukunftssicher dazustehen wie in diesem Jahre, und alle Glocken, die das Jahrhundert einläuteten, läuteten ihm verheißungsvoll. Der »cauchemar des coalitions«, unter dem Bismarck gelitten hatte, schien ein ins Nichts aufgelöster Traum. Nikolaus II., der vor sechs Jahren, nach dem Tode des tatkräftig erscheinenden und in Wirklichkeit untätigen Alexander III. Zar geworden war, galt am Berliner Hofe als ein bequem zu lenkender Vetter und Freund. Er hatte das unter seinem Vater abgeschlossene Bündnis mit Frankreich übernommen, aber dieses Bündnis war zu keiner Kriegsmaschine gegen Deutschland geworden, und auch in Paris hatte man das seit langem eingesehen. »Rußland hält uns die Franzosen am Zügel,« sagte man in Berlin, »und diese Allianz ist nur ein Vorteil für uns.« In der Tat, Frankreich, obenein jetzt in die Dreyfus-Affäre verstrickt, war »gezügelt«, England gelähmt, mit den Franzosen durch leidenschaftlichen Haß, mit Rußland durch die Konkurrenz im Orient, in Ostasien besonders, entzweit. Wir konnten, so schien es, so sicher schlafen wie in Abrahams Schoß. Die anderen Mächte standen mit Eifersucht und Feindschaft einander gegenüber, der Zweibund hatte nicht mehr Leben als eine ausstaffierte Schaufensterpuppe, und nur der Dreibund schien fest und von einheitlichem Willen gelenkt. Als im Mai der deutsche Kronprinz mündig wurde, kam zu dem frohen Ereignis mit einem Schwarm von Fürsten und den Vertretern aller europäischen Höfe und Regierungen der Kaiser Franz Joseph nach Berlin, und der älteste der Monarchen sagte bei der Galatafel, daß die Freundschaft Deutschlands und Österreichs, »erweitert durch die Mithilfe unseres verehrten Freundes und Verbündeten, Seiner Majestät des Königs von Italien, für Europa ein Bollwerk des Friedens« sei. Wilhelm II. versicherte, der Entschluß Franz Josephs, zur Mündigkeitserklärung nach Berlin zu kommen, werde in tiefer Bewegung mit Dank empfunden, 15 »so weit heute in deutschen Landen ein Vaterherz schlägt«. Einigkeit und Treue wurden beschworen und gerühmt. Den Nachkommen, die dieses Erbe übernehmen sollten, wurde die glücklichste Zukunft prophezeit. Allerdings, wenige Monate später wurde in Rom König Humbert von dem Anarchisten Angelo Bresci ermordet und der mit einer montenegrinischen Prinzessin verheiratete Viktor Emanuel III. übernahm die königliche Macht. Aber Italien konnte nicht zu Frankreich und Rußland hinüberschwenken, solange England das Angriffsziel und der Widersacher dieser beiden Mächte war.

Dieses Jahr schied nicht nur zwei Jahrhunderte von einander, sondern es mündeten in ihm auch viele Wege, und viele Wege gingen von ihm aus. Es war reich an Vorzeichen und reich an Ereignissen, die erst nachträglich Bedeutung gewannen. Der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand vermählte sich mit der Gräfin Chotek und schwor in Gegenwart Franz Josephs, der Minister und Geheimen Räte, daß er bereit sei, die Kinder, die aus der Ehe hervorgehen könnten, »als nicht ebenbürtig und auch in der Pragmatischen Sanktion als nicht berechtigt zur Thronfolge in Österreich wie auch in Ungarn« anzusehen. Noch von einem anderen Vorfall schwang sich ein Bogen zu dem, was vierzehn Jahre später geschehen sollte: am 19. November protestierten im Reichstag die Abgeordneten Lieber, Bebel und Bassermann dagegen, daß vor der Einleitung des Chinafeldzuges die Volksvertretung nicht befragt worden sei, und Graf Bülow erklärte, der Reichstag werde einberufen werden, »wenn sich wieder ein ähnlicher Fall ereignen sollte, hoffentlich nicht in absehbarer Zeit«. Das Jahr 1900 zeigt Deutschland nicht nur in der beneidenswertesten Situation, strotzend von Macht und Reichtum, auf einer Höhe, wo es gesichert und frei um sich blicken kann. Dieses Jahr zeigt auch die Ansätze von Entwickelungen und Verwickelungen, politische und geistige Verirrungen, der goldgewirkte Tapetenvorhang verbirgt Peinliches, Morsches und Krankhaftes, und während das neue Jahrhundert strahlend über die Schwelle schreitet, kriechen schon die Lemuren mit.

16 Ein Ereignis dieses Jahres 1900, das eine Manifestation der Größe und des Glanzes sein sollte, mahnte daran, daß allzuvieles auf Äußerlichkeiten gestellt, die Tradition der spartanisch-sparsamen, den Luxus überflüssiger Kraftvergeudung und unnötiger Erschwerungen sorgfältig meidenden bismarckischen Politik verlorengegangen war. Am 22. August wurde dem Grafen Waldersee der Oberbefehl über das internationale Expeditionskorps, das in China die Boxer bestrafen sollte, übertragen und, prunkvoll ausgestattet und begleitet, wie Siegfried zur Brautwerbung nach Worms ritt, reiste dieser Heerführer ab. Als die Vorgänge in Peking, die selbstverständlich zu energischen Maßregeln zwangen, in Europa bekanntgeworden waren, hatte Wilhelm II., in vulkanischer Gemütsverfassung, dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, dem Grafen Bülow, telegraphisch einen gigantischen Feldzugsplan diktiert. »Peking muß regelrecht angegriffen und dem Erdboden gleichgemacht werden – dazu muß Heer mit Schnellfeuer- und Belagerungsgeschützen ausgerüstet werden – Peking muß rasiert werden – Marineinfanterie muß gleich hinaus.« Er hatte immer eine besondere Neigung, strategische Pläne für ferne Kriegsschauplätze zu entwerfen, von denen eine direkte Gefahr nicht zu drohen schien. Bülow, der auch die indirekte Gefahr, die Rückwirkung auf die europäische Situation, berechnete, hemmte nach Möglichkeit, unter mancherlei Komplimenten für die »bewundernswerten« und »meisterhaften« Leistungen des Monarchen, den kaiserlichen Adlerflug. Der Gedanke, daß ein deutscher Feldmarschall an der Spitze einer von allen Großmächten gemeinsam gebildeten Armee Peking erstürmen und die Chinesen züchtigen müsse, hatte sich sofort bildhaft in der Phantasie Wilhelms II. geformt. Offenbar um durch eine theatralische Befriedigung von noch schlimmeren Wünschen abzulenken, machte Bülow, nach einigem Zögern, sein diplomatisches Korps für die Verwirklichung dieser Idee mobil. In Petersburg wollte Kuropatkin einem deutschen General die Ehre nicht gönnen, in Paris war Delcassé äußerst unlustig, und die Engländer fanden es überflüssig, ihre Truppen unter einen fremden Oberbefehl 17 zu stellen. Hatzfeldt, der deutsche Botschafter in London, bat den Freiherrn von Eckardstein, alle seine Verbindungen mit den englischen Ministern auszunützen, »alle Batterien in Bewegung zu setzen«, weil »S. M. den allerhöchsten Wert darauf legt«. Mit Ach und Krach, mit Drängen und Drücken, kam man ans Ziel, nachdem Wilhelm II. in einem persönlichen Telegramm dem Zaren Nikolaus nahegelegt hatte, den Grafen Waldersee als Oberbefehlshaber anzuerkennen. Als man glücklich so weit gekommen war, erklärte Wilhelm II. in Wilhelmshaven, beim Abschied von dem Grafen Waldersee, der Herr Feldmarschall sei »auf Anregung und Wunsch des Kaisers aller Reußen« zum Oberbefehlshaber ernannt worden, auf Anregung und Wunsch »des mächtigen Herrschers, der weit bis in die asiatischen Lande hinein seine Macht fühlen läßt«. Schon vorher, am 9. August, hatte er, um die Zustimmung Frankreichs zu erhalten, dem Präsidenten der französischen Republik telegraphiert, der Zar habe »geruht, den Feldmarschall von Waldersee als Oberbefehlshaber vorzuschlagen«, obgleich man in Paris über den wahren Hergang genau unterrichtet war. Und seltsamerweise nannte noch im November, im Reichstag, Graf Bülow eine Bemerkung des Abgeordneten Richter, daß dieser Oberbefehlshaber den anderen Mächten aufgedrängt worden sei, »völlig unzutreffend« und versicherte, die Anregung sei »von außen an uns gelangt«. Schon im August aber hatte der russische »Regierungsbote« eine Erklärung gebracht, worin es hieß, Kaiser Wilhelm habe sich »direkt an Kaiser Nikolaus, wie auch an alle interessierten Regierungen, gewendet und den Feldmarschall Graf Waldersee zur Verfügung gestellt«. Bald darauf wurde die Behauptung, der Zar habe den Einfall gehabt, seine Truppen, die Soldaten des alliierten Frankreich und die Engländer unter einem deutschen Führer marschieren zu lassen, von Petersburg aus in noch weit unangenehmerer Weise widerlegt. Waldersee war, als ihm Wilhelm II. am 25. Juni auf der »Hohenzollern« zum erstenmal gesagt hatte: »Heute kann ich auf Sie rechnen«, nicht sehr erfreut gewesen, hatte, wie er in sein Tagebuch schrieb, das Gefühl gehabt, »daß wir uns in Abenteuer stürzen«, und 18 tadelte auf dem Papier auch milde die Hunnenrede: »Der Kaiser ist in seiner Ansprache an die nach China abgehenden Truppen in Wilhelmshaven doch wohl weit über das Zweckmäßige hinausgegangen.« Aber seine Eitelkeit und sein niemals rastender Drang nach ersten Rollen waren erheblich stärker als diese kleinen Bedenken, der Tagebuchschreiber spiegelte sich bald in der Vorstellung, »als Besieger der Chinesen heimkehren« zu können, und legte, wie er das bei jeder Stufe auf der Ehrentreppe zur Beruhigung seiner nicht nur nach dem Himmlischen strebenden Seele zu tun pflegte, sein »Schicksal in Gottes Hand«. Er erstürmte nicht Peking und er kehrte nicht als »Besieger der Chinesen« heim. Wider die Abrede zogen fünf Tage bevor er nach China abreiste, am 15. August, die russischen, englischen und japanischen Truppen unter dem russischen General Linewitsch in Peking ein. Während der deutsche Kaiser Reden hielt und Waldersee die Huldigungen begeisterter Gesangvereine entgegennahm, hatten die Rivalen das leichte Eroberungsgeschäft bereits besorgt, und Rußland erklärte nun, der Krieg sei beendet und es bleibe nur noch übrig, die Truppen zurückzuziehen. Wilhelm II. war sehr aufgebracht über diese russische »Rücksichtslosigkeit«, klammerte sich an die irrige Vorstellung, daß Peking »ein Flammenmeer und von Kämpfen angefüllt« sei, »die vielleicht nicht einmal günstig für die Verbündeten verlaufen«, und schrieb erregt, der russische Vorschlag zeuge »von einer solch gänzlichen Unkenntnis der Verhältnisse und Mangel an Überblick über die Lage, die geradezu niederschmetternd sind«. Nur mit großer Anstrengung wurde durchgesetzt, daß Graf Waldersee noch die Parade über eine internationale Armee abnehmen konnte, aber er fand, als er den Boden Chinas betrat, eine unerwünschte Ruhe und ein wieder ganz himmlisches Reich. Nikolaus II. war verärgert worden, hatte sich, in trotziger Übellaunigkeit, durchaus nicht als gehorsamer Zögling des älteren Vetters gezeigt, und unwürdiger Gefälligkeitsbettel an allen Türen verschlimmerte den Eindruck, den der Echec hinterließ. Und weshalb hatte man Deutschland, das zu groß dastand, um Großmannssucht zu brauchen, mit 19 Lächerlichkeit bedeckt? Weil äußerliches Machtgepränge »hie gut brandenburgisch« geworden war, ernste Überlegung flittrig-höfischen Launen sich beugen mußte und in dem ununterbrochenen Wechsel der Kostüme einmal die Rüstung Agamemnons kleidsam erschien.

Seit zwölf Jahren beherrschte nun Wilhelm II. das Reich. Aus der Stunde seiner Thronbesteigung ist mir eine Erinnerung geblieben: Ulanen waren, als Friedrich III. den letzten Atemzug getan hatte, wie aus einem Versteck hervorgekommen, hatten das Schloß Friedrichskron umringt und alle Zugänge und Wege versperrt. Mit einer brutalen Ungeduld hatte der Erbe sich auf die Hinterlassenschaft gestürzt. Weder der angeborene Takt, der aus dem Herzen kommt, hatte ihn gezügelt, noch der anerzogene Takt, der dem gebildeten Durchschnittsmenschen eigen ist. Das Porträt Wilhelms II. zu malen, muß man denen überlassen, die nicht nur die Kaiserpose gesehen haben, sondern auch dann, wenn er zur Natur zurückkehrte, in seiner Nähe gewesen sind. Aus all ihren Schilderungen formt sich, seit die Lobgesänge der höfischen Troubadoure auch durch recht zahlreiche Weisen anderer Art ergänzt wurden, dem ohne Voreingenommenheit abwägenden Betrachter ein gewiß ziemlich vollständiges Bild. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Wilhelm auch schätzbare Eigenschaften besaß. Er hatte neben dem ausschweifenden Familienstolz die gegen Ausschweifung schützende Familientugend, ein Gedächtnis, aus dem er, wie aus einer sicheren Vorratskammer, Gehörtes und Gelesenes für den Gesprächsgebrauch schöpfte, und mit seinem unverkennbaren Talent für alles Technische hätte er gewiß ein ausgezeichneter Ingenieur werden können. Er war denjenigen gegenüber, die sich als loyale, ergebene Diener des Thrones zeigten, nicht ohne eine väterliche Gutmütigkeit. Da er, vor allem mit sich selbst beschäftigt, keinerlei Menschenkenntnis besaß, und der durchdringende Blick, den er auf die ihm vorgestellten Personen richtete, gar nichts durchdrang, wurde seine gnädige Gesinnung häufig mißbraucht. Wenn es ihm darauf ankam, Gäste und Überbringer von Huldigungen durch den Reiz seiner 20 Unterhaltung zu bestricken, so gelang ihm das fast immer vollkommen, und zum mindesten die meisten rühmten hinterher die Fülle seiner Kenntnisse und den Zauber seiner Persönlichkeit. Er sprach fast immer allein und hatte, wie ein Pico da Mirandola, anscheinend alle Wissenschaften durchforscht. Er war auch nicht so engstirnig in Vorurteilen befangen, nicht so orthodox verankert wie die Damen des Hofes, die bekümmert zum Himmel aufblickten, wenn er Ballin seinen Freund nannte oder jüdische Bankdirektoren an seiner Tafel empfing. Die Beschränktheit und der Kastenhochmut ultrakonservativer Junker konnten dem Vielreisenden nicht behagen, der so oft mit weltkundigen Männern zusammentraf. Leider waren diese anziehenden Gaben nur äußerer Glanz. Die richtigen Anschauungen wurden durch dynastische Bedenken und Liebhabereien, Bedürfnis der Selbsterhöhung, Launenhaftigkeit und Mangel an festem, ernstem Willen auf halbem Wege gehemmt und blieben unproduktiv. Die Fähigkeit, im Gespräche Kenntnisse aus allen Töpfen zu servieren, beruhte auf der erstaunlichen Gedächtnismechanik, sehr vieles war vorbereitet oder im Fluge erhascht. Das Ziel war erreicht, wenn die Gäste – die im Wohnzimmer des gelehrtesten Bürgers skeptischer gewesen wären – begeistert aus dem Schlosse gingen und verkündeten: ein neuer Friedrich, ein Universalgenie! Aus der stillen Mißachtung, die Wilhelm II. für die Rückständigkeit, die geistige Starrheit des Landjunkers empfand, und aus dem Verkehr mit Handelsherren und Finanzmännern ergab sich niemals der Wunsch, den Staat zu modernisieren, und niemals der Ansatz zu einer Reform. Die Großkaufleute, die reichen Bürger hatten ganz einfach in seinem aus Reminiszenzen zusammengesetzten Hofbilde die Patrizier von einst, die Fugger, die Mäzene darzustellen. Sie ließen sich daran genügen, hüteten sich vor unbequemen Bemerkungen, und der einzige Ballin, der allein eine intimere, freundschaftliche Gunst genoß, wurde von der Kaiserin, von der Umgebung argwöhnisch beobachtet und blieb, mit jedem Gedanken der Weltpolitik zugewendet, den inneren politischen Dingen fern. Die Väter saßen mit dem Kaiser bei Tisch, aber die Söhne, denen das richtige 21 Taufzeugnis fehlte, konnten es nicht bis zum Reserveoffizier bringen. Obgleich Wilhelm den Geist der konservativen Recken so wenig hochschätzte, wie sie seine unpreußischen Neigungen respektierten, brauchte und liebte er ihre breitschultrigen Gestalten als »treue Triarier« und Dekoration. Er sah in ihnen die Säulen urbrandenburgischer Historie und die Pfeiler der Dynastie. Sie, die es verstanden, die Rechnung zu präsentieren, wachten mehr noch über ihre als über seine Macht. Und Wilhelm II. war mit ihnen nicht nur durch die Gemeinsamkeit der Interessen, nicht nur durch den antidemokratischen Instinkt und eine volksfremde Auslegung der Herrscherstellung verbunden, sondern zu ihren derben Naturen zog ihn auch manches, was zurückblieb und sich geltend machte, wenn das Kostüm fiel und kein Bewunderer in der Nähe war.

Zwischen den einen und den anderen unterscheidend, blickte er doch, durchdrungen von der Erhabenheit des Gesalbten, in der Einsamkeit der gottähnlichen Monarchen, auf die einen und auf die anderen hinab. Wie er den Wunsch äußern konnte, daß man die friedlichen Wahlrechtsmanifestanten das nächste Mal nicht mit der flachen, sondern mit der scharfen Klinge bearbeiten sollte, sparte er einem Dohna gegenüber nicht mit seinem Spott. Die Memoirenschreiber sind verschiedener Meinung darüber, ob es einzelnen Persönlichkeiten gelungen sei, ihm in günstigen Minuten unbequeme Wahrheiten vorzutragen, und es ist bezeichnend genug, daß das als ein Problem erscheint. Allerdings wird bei Hofe auch jede Liebedienerei mit der Behauptung entschuldigt, der Monarch dulde und ertrage keine Aufrichtigkeit. Seine Lust an Theaterpomp und Vergoldung entsprach teils einem wirklichen Bedürfnis und teils einem Prinzip. Er konnte sich den Kalender nur als Festprogramm denken, und die Feste mußten der Majestät würdig sein. Reichtum übte eine große Anziehungskraft auf ihn aus, und während seine Minister wochenlang vergeblich auf eine Audienz warteten, empfing er jeden amerikanischen Emporkömmling, der auf sybaritisch ausgestatteter Luxusyacht zur Kieler Woche kam. Indem er den Sinn für Äußerlichkeiten in 22 die Armee trug, die unwahrscheinlichsten Kavallerieattacken und Schaustellungen inszenierte, sich unablässig mit Uniformphantasien beschäftigte und auch dort stumme Befolgung seines Willens forderte, begünstigte er die Abwendung von alter einfacher Pflichtauffassung und eine Entwickelung, die sein ehemaliger Hofmarschall Graf Zedlitz-Trützschler mit den Worten gekennzeichnet hat: »Je höher nach oben, um so größer natürlich auch die Streberei.« Aber er liebte die Pracht und das Gepränge nicht nur, sondern er hielt es auch für nötig, sich mit ihnen zu umgeben, um das Volk mit Ehrfurcht vor der kaiserlichen Größe zu erfüllen. Er konnte hinter den Kulissen sich ungezwungen bewegen, aber sobald er auch nur den nahenden Schritt eines einzigen Zuschauers ahnte, wurde er die Majestät. Steif aufgereckt, automatisch schritt er im unschön verschönerten Weißen Saale hinter den wie zur Maskerade ausstaffierten Herren des »Großen Vortritts« und mittelalterlichen Trompetern zum Throne, und starr, bewegungslos saß er bei der Heimkehr vom Paradefeld auf seinem Pferde, von der tücherschwenkenden Menge nicht nur durch Schutzleute, sondern durch eine Unendlichkeit getrennt. Die Herrscherkunst, die bestrebt ist, die Distanz zu verringern, hat sich im allgemeinen besser bewährt.

Unbestreitbar hinterläßt der dritte Band der »Gedanken und Erinnerungen« einen Eindruck, der für Bismarck selber nicht günstig ist, aber nur ein Meister kann Sätze wie diesen schreiben: »Auf welche Weise der Kaiser sich über den Willen Gottes vergewissert, in dessen Dienst er seine Tätigkeit stellt, darüber wird kaum ein klassisches Beispiel beizubringen sein.« Es könnte zur Ironie stimmen, daß rücksichtsloser noch als Bismarck, schärfer als der vielangegriffene Zedlitz-Trützschler der mit Gnadenbeweisen überhäufte Liebling Waldersee über Wilhelm II. geurteilt hat. Die Aufzeichnungen dieses Ehrgeizigen sind gewiß mit einiger Vorsicht zu betrachten, aber er hat den Kaiser nicht nur ohne Paradegeste gesehen, sondern auch in intimem Beisammensein seine Bekenntnisse entgegengenommen. Auf zahlreichen Tagebuchblättern hat er die Eitelkeit, den Dilettantismus, die Applaushascherei seines Monarchen beklagt. Unermüdlich 23 hat er, zwischen einem frommen Gebet und einer Intrigue, die Sucht nach Zerstreuungen, Tand und Firlefanz bejammert und sich darüber entrüstet, daß Wilhelm II. nicht arbeite, höchstens Zeitungsausschnitte lese, während skandalöserweise die Hofberichte dem Publikum vorredeten, er sei »von früh bis spät im Geschäft«. Aber peinlicher als die stechende Kritik Waldersees, als der bekümmerte Tadel Zedlitz-Trützschlers, als die große Ironie Bismarcks und die Urteilssprüche anderer, die vielleicht parteiisch richteten, sind für Wilhelm II. die Zeugnisse, in denen er selbst vor den Leser tritt. Drei solche Zeugnisse sind vorhanden: seine Randbemerkungen auf den diplomatischen Akten, seine Briefe an den Zaren Nikolaus und jenes Buch »Ereignisse und Gestalten«, in dem seine eigenen Diktate vermutlich von ungeschickter Schreiberhand zu trüber Eintönigkeit verwoben worden sind. Man darf nicht meinen, all die wilhelminischen Randbemerkungen seien unvernünftige und plumpe Schmierereien. Das ist nicht der Fall, viele Worte und Sätze sind gescheit und treffend, zeigen eine ganz richtige Auffassung, aber da sie, im Wechsel der Stimmungen, einander widersprechen und gewissermaßen niederschreien, ergibt sich der Eindruck eines geistigen Wirrwarrs und einer launischen Zerfahrenheit. Dazwischen findet sich dann zu Äußerungen des russischen Ministers Graf Murawiew – über die deutschen Fortschritte in Kleinasien – die kaiserliche Anmerkung: »So ungefähr muß Nikolaus I. Friedrich Wilhelm IV. gegenüber geredet haben! Das ist aber unter mir verflucht anders! Bitte!! Die Hacken zusammen und stramm stehen, Herr Murawiew, wenn er mit dem Deutschen Kaiser spricht.« Und es finden sich naive Phantastereien, furchtbare Versuche, die Geschichte umzukneten, und, zahllos, die aufgeregt und überstürzt hervorbrechenden Schmähungen, die Zeterrufe einer immer siedenden moralischen Entrüstung, die bald dem einen und bald dem andern gilt. Die Herausgeber der diplomatischen Akten haben, nicht ganz in Übereinstimmung mit den Gesetzen historischer Forschung, manche der wilhelminischen »Marginalien« unterdrückt. Vieles ist so grob, so beleidigend, so unanständig, daß 24 ihnen die Wiedergabe unmöglich erschien. Man kann es allenfalls, wenn auch nur mit Widerstreben, begreiflich nennen, daß Wilhelm II. in den Tagen vor dem Kriegsausbruch, in Aufregung und Überreiztheit, die Aktenstücke mit Schimpfworten versah. Schlimmer ist, daß er auch in ruhigen Zeiten eine Befriedigung in solchen Wortexzessen fand. Die Verantwortung für die zumeist unerträglichen Briefe an Niki – schön und sein eigenes Gewächs ist ein Brief aus Jerusalem – hat er von sich abwälzen wollen, indem er behauptete, er habe sie »mit Wissen der Reichskanzler, vielfach auf deren Wunsch«, verfaßt. Richtig ist, daß ihm für einen Teil dieser Briefe ein Wortlaut aus dem Auswärtigen Amte geliefert wurde, den er dann, sehr flüssig, ins Englische, die Korrespondenzsprache, übertrug. Aber auch dann, wenn er nicht den ganzen Brief selber fabrizierte, tat er vom Seinigen hinzu. Die zahlreichen Stallwitze über die französischen Alliierten des Zaren kamen nicht aus dem Amte, und wenn der vorgeschriebene Text ziemlich unverändert blieb, setzte die kaiserliche Hand wenigstens ein »Weidmannsheil« für die ein Kind erwartende Zarin Alix, einen Gruß des »Admirals des Atlantischen Ozeans an den Admiral des Stillen«, und vor allem ein »Tata!« an den Schluß. Lohnt es, von dem Buche »Ereignisse und Gestalten« zu sprechen, in dem Wilhelm die Dinge oft kenntnislos, flüchtig oder mit einer naiven Phantasterei behandelt, Wichtiges, das ihm unbequem ist, einfach fortläßt und den zu den Toten gebetteten Persönlichkeiten alle Schuld aufladen will? Von der ersten bis zur letzten Seite dieses dürren Buches soll noch einmal die eigene Unfehlbarkeit bewiesen werden, jeder Erfolg des Regimes kam »auf meinen Anregungen«, »meinen Plänen«, und wenn »meine Untertanen« schlechte Erfahrungen gemacht haben – »meine Schuld« ist es nicht.

Aus seinen unbestreitbaren Gaben konnte kein wirklicher Gewinn entstehen, weil sein Gottähnlichkeitswahn ihn völlig unkritisch machte, nicht nur zur Verachtung des Volksempfindens, sondern auch, ohne sichere Bildungsgrundlagen, zur Respektlosigkeit vor reiner Geistesbildung trieb. Er huldigte dem Geiste nur, wenn der Geist ihm, seinem Hause, seinen 25 dynastischen Legenden huldigte, und während Frankreich Triumphbogen für Pasteur errichtete, glaubte der deutsche Kaiser, einem Virchow weder Dank noch Ehrerbietung schuldig zu sein. Der Mangel an wirklichem Kulturgefühl hing zusammen mit dem Mangel an Geschmack. »Der gute Geschmack ist Ihr persönlicher Feind – wenn Sie sich durch Kanonenschüsse von ihm befreien könnten, würde er schon längst nicht mehr existieren«, hat angeblich Talleyrand zu Napoleon gesagt. Bei rücksichtslosen Eroberernaturen erscheint Geschmacklosigkeit beinahe als ein notwendiger Bestandteil der kraftgenialischen Brutalität. Ein »petit caporal« ohne diese saftige Kraftfülle wirkt, wenn taktvolles Verständnis seine Worte und Gesten nicht regelt, leicht als Korporal. Napoleon hat das unverdiente Glück, daß man mit seiner Epoche immerhin den in der Architektur zu reifen Schöpfungen gediehenen Empirestil in Verbindung bringt. Wilhelm II. hat jene Talmi-Renaissance hinterlassen, die der fürchterliche Ausdruck gedankenloser Prunklust und eingedrillter Heroenverehrung ist. Feineres Kunstempfinden war ihm fremd, die durchgeistigte Schönheit blieb ihm verborgen, Realismus und Naturalismus, die aus der akademischen Starrheit und der glatten Theatermache erlösen mußten, schienen ihm nur gemein. Gewiß hat ihm in Rom irgendeine pathetische Galeriefigur besser als der Moses des Michelangelo gefallen. Und wie er den Marmor nur als Material für eine im Grunde unsagbar nüchterne Heldenfabrikation gelten ließ, auf Theaterproben die historische Treue von Reiterkostümen höher als das reine Ausströmen des dichterischen Atems schätzte, blecherne Versgespreiztheit für Poesie nahm, so litten seine meisten Bekundungen unter dem Mangel an Geschmack, Taktsicherheit und Maß. Wenn er den Kaisermantel, den er vor der Menge trug, abwarf, stieg er manchmal aus den himmlischen Regionen in Auerbachs Keller hinab. Wenn er in burschikoser Stimmung oder in zorniger Hitze sich gehen ließ oder fern von der ehrfürchtig zuschauenden Galerie zu intimen Äußerungen ausholte, erschien häufig jene naive Derbheit, die der Komment des Korpsstudenten nur äußerlich unterdrückt. Dann fand er es lustig, einen bejahrten 26 Regimentskommandeur vor jungen Offizieren in den Schnee zu werfen und kalt abzureiben, seine Begleiter zum Durchwaten eines eiskalten Baches zu zwingen, oder er kniff einen Bundesfürsten und schlug einen fremden Prinzen aufs Hinterteil. Kenner der höfischen Gebräuche, die sein Herz gewinnen wollten, erzählten ihm die neuesten Witze – einige telegraphierten ihm sogar – und die Nordlandfahrten waren bei Bier und Wein durch eine Kasernenfröhlichkeit ausgezeichnet, vor der auch der Generalstabschef von Moltke verzweifelnd floh. An die Harmlosigkeit des Rekrutengemütes wurde ich erinnert, als ich bei einem Regattadiner auf der Unterelbe sah, wie der Kaiser, entzückt über jede angeblich spaßhafte Geschichte, sich auf die Knie klatschte und dröhnende Lachsalven von sich gab. In weniger heiterer Laune erschöpfte er auf dem Rande der diplomatischen Akten die Namenliste der Zoologie. Es war, als müßte sich zwischen all dem Theaterspiel seine Natur in solchen Scherzen und solchen Äußerungen befreien.

Solange das Theater währte, gab es in allem, was er tat und sprach, wie schon in der alltäglichen Betonung seiner Herrscherhoheit, einen Grad oder einige Grade zu viel. Es bestand eine gewisse Geschmacksverwandtschaft zwischen ihm und jenen Salondebutanten, deren Krawatten immer ein wenig zu bunt und zu auffallend sind. Die Reden, mit denen er sich an das Volk oder an die Welt wandte, zeugten zweifellos von einer sprachlichen Gewandtheit, die man als Rednergabe zu bezeichnen pflegt. Aber wenn man von dem politischen Inhalt ganz absieht und nur die Gestaltung der Sätze, die Auswahl der Worte und Bilder betrachtet, ist das meiste handgreifliche Rhetorik und billiger Effekt. Nicht allein in den Ideen, die vorgebracht werden, fehlt das zügelnde Maß. Die Vergleiche, die Darstellungen aus Vergangenheit und Gegenwart, mit denen der Redner die Gemüter entflammte, waren auch wie von Knackfuß gemalt.

Besonders in der zweiten Hälfte dieses Jahres 1900 richtete er, rastlos umherreisend, viele Reden an die deutsche Nation. Der soeben siegreich beendete Kampf um die Marinevorlage hatte ihn in Schwung versetzt. Am 20. Juni sagte er bei der 27 Enthüllung eines Christusdenkmals in Kiel, es habe gegolten, die eigentümlich schwere Aufgabe der Marine richtig darzustellen, und: »ein Zufall oder lieber Gottes Fügung hat es gewollt, daß ich bei dem Besuch eines Künstlerateliers diese packende, einen überraschenden Eindruck machende gewaltige Schöpfung sah«. Nachdem er am 29. Juni in Kiel eine Ansprache an die ehemaligen Gardisten, am 2. Juli in Wilhelmshaven eine erste Rede an die abfahrenden Chinatruppen gehalten hatte, begrüßte er am 3. Juli, wiederum in Wilhelmshaven, den Prinzen Rupprecht von Bayern, beim Stapellauf des Linienschiffes »Wittelsbach«. Dort sagte er: »Eure Königliche Hoheit konnten sich überzeugen, wie mächtig der Wellenschlag des Ozeans an unseres Volkes Tore klopft und es zwingt, als großes Volk seinen Platz in der Welt zu behaupten, mit einem Wort: zur Weltpolitik. Der Ozean ist unentbehrlich für Deutschlands Größe, aber der Ozean beweist auch, daß auf ihm und in der Ferne jenseits von ihm ohne Deutschland, ohne den deutschen Kaiser keine Entscheidung mehr fallen darf.« Am 27. Juli hielt er in Bremerhaven bei der Truppenabfahrt die Rede, in der, leider von der Geschichte aufbewahrt, die Sätze vorkamen: »Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht. Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Der Segen Gottes sei mit euch! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem Kaiser Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China auf tausend Jahre durch euch in einer Weise betätigt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.« Er sprach am 6. August in Bielefeld vor dem enthüllten Denkmal des Großen Kurfürsten, am 18. in Wilhelmshöhe zu Waldersee, am 25. in Erfurt bei der Enthüllung des Denkmals für seinen Großvater, am 7. September in Stettin beim Manöverfestmahl, am 22. September in Tilsit, wo es galt, ein Marmorbild der Königin Luise zu enthüllen. Er sprach am 24. Oktober zweimal beim Besuche der Ruhmeshalle, am 31. Oktober in Hildesheim abermals vor einem Denkmal Wilhelms I., am 23. November in Kiel zu den 28 Marinerekruten, am 16. Dezember zu Soldaten, die aus China heimkehrten, in Berlin. In Bielefeld erklärte er, jeder Hohenzoller sei »ein Statthalter auf Erden, der von seiner Arbeit vor einem hohen König und Meister Rechenschaft abzulegen hat«. Ganz ähnlich hatte Friedrich Wilhelm IV. im Jahre 1840 bei der Eidesleistung der Ritterschaft gesagt, daß er seine Krone »von Gott allein habe«, daß er sie aber »zum Lehen trage von dem Allerhöchsten Herrn« und ihm »Rechenschaft von jedem Tage und jeder Stunde« schuldig sei.

Fast alle, die zu einem ernsthaften Urteil berufen sind, haben die Ansicht geäußert, dieser Kaiser, der im Vordergrund der Bühne stehen wollte und sich am byzantinischen Beifall leicht berauschte, habe keinen politischen Sinn, kein politisches Tastgefühl gehabt. Bismarck hat das, nicht nur in der Zornstimmung, konstatiert, der sanfte Freiherr von Schoen hat zugestanden: »Diejenige Herrschergabe, die ihm am nützlichsten gewesen wäre, die Befähigung zu kühl abwägendem politischen Denken, ist ihm am meisten versagt geblieben,« und der Kronprinz Friedrich hatte schon in jenem Briefe, der im dritten Bande der Bismarckschen Erinnerungen mitgeteilt ist, aus der gleichen Beobachtung heraus vor der Einführung seines Ältesten in den Betrieb des Auswärtigen Amtes dringend gewarnt. »Wie war es möglich,« schreibt der ehemalige Direktor im Auswärtigen Amt, der Wirkliche Geheime Rat Hammann, »daß die Deutschen einen Mann, dessen Handlungen sich als schädlich für Land und Volk erwiesen, jahrzehntelang zu ihrem obersten Führer behalten haben, ohne daß bald hier, bald dort aufflackernde Angriffe in einen allgemeinen Kampf gegen diesen Kronenträger entbrannten?« und Hammann erblickt die Ursachen des stumpfen Zuschauens darin, daß der Kaiser die Reichseinheit verkörperte, Heer und Beamtenschaft zu seiner Verfügung standen, das politische Interesse im Fette des materiellen Wohlergehens erstickte, das deutsche Volk von der Höhe seiner Erfolge geringschätzig und verständnislos auf die Verfassungszustände anderer Länder sah. Man braucht nur an die Hunnenrede zu denken, um sich klar darüber zu sein, daß ein Monarch, der solche Worte in die Welt hinaussenden, 29 so unüberlegt den Ruf seines Landes schädigen konnte, als Politiker unzureichend war. Es trifft wohl zu, daß er sich bei solchen Worten wenig dachte, daß er sie nur aus Vergnügen am lauten Schall hinausschmetterte, daß er ebenso ahnungslos war, wenn er nach einer Manifestation der streikenden Straßenbahnbeamten an das Generalkommando des Gardekorps telegraphierte: »Ich erwarte, daß beim Einschreiten der Truppen mindestens fünfhundert Leute zur Strecke gebracht werden«, aber diese »Impulsivität«, mit der man seine Wortexzesse erklären wollte, ist gleichbedeutend mit politischer Unfähigkeit. Er war im Grunde seines Herzens durchaus kein Etzel und kein Tyrann, aber es ist eine schlechte Zensur, wenn man von einem Monarchen sagen muß: daß man seine Worte nicht ernst nahm, war, bis zu seinem Unglück, sein Glück. Staatskunst ist mit den anderen Künsten verwandt. Sie ist nicht denkbar ohne ein bewußtes oder unbewußtes Verständnis für Schlichtheit und Maß in Anwendung der Mittel, für architektonischen Aufbau, für harmonische Gliederung. Überlegung, die Zeit brauchte, konnte nicht zur Reife gedeihen. Die Stimmungen und Ansichten rannen durcheinander, kluge Gedankenblitze blieben Blitze, auf hastigen Kreuz- und Querfahrten wurde kein fester Standpunkt gewonnen. Indessen, man muß doch konstatieren, daß einige besonders schwere politische Fehler nicht von Wilhelm II. begangen wurden, manches erst nach Überwindung seines Widerstandes und gegen seinen Wunsch geschah. Es fehlte ihm nicht ganz an politischem Instinkt, aber diese Gabe trat mit einiger Beharrlichkeit nur hervor, wenn die Abneigung gegen Gefahr und Verwickelungen seinen Blick schärfte, und gewöhnlich war er wie ein Sänger, der, von der Natur mit einer Stimme ausgestattet, sich in der Tonlage vergreift.

Hinter all dem Getöse seiner Reden und der monumentalen Großartigkeit seiner Gesten stand niemals der Gedanke an Krieg. Immer, wenn die Phantasie sich verflüchtigte, die Wirklichkeit sich drohend näherte, wies er die Versuchung zurück. Vergeblich griffen die Alldeutschen ihn an, verhöhnten unzügelbare Polemisten seine Friedensliebe als Feigheit, 30 warf man ihm das Pariser Spottwort zu: »Preußen kneift.« Der erste, den er enttäuschte, war der Generalquartiermeister Graf Waldersee. Unablässig glaubte, vor und nach der Thronbesteigung Wilhelms, dieser General, daß der Krieg mit Rußland und Frankreich bevorstehe, und unablässig agitierte er für die Idee, Deutschland müsse diesen Krieg provozieren, »die Initiative ergreifen«, »zur Tat schreiten«, die noch nicht genügend vorbereiteten Gegner überfallen. Besonders in den Jahren 1883 bis 1888 behauptete er immer wieder, die Russen seien im Anmarsch, schrieb er in sein Tagebuch Sätze wie diesen: »Da wir völlig fertig sind, so ist es konsequent, wenn wir uns nunmehr schnell zum Krieg entschließen,« träumte er sogar davon, Polen wieder herzustellen. Von Bismarck, dem steifnackigen Gegner aller militärischen Einmischung und aller Präventivkriegspläne, konnte Waldersee nichts erhoffen, Wilhelm I., »der gute alte Herr«, der »nun doch anfängt, in der Tat recht schwach zu werden«, geriet – wie von jeher – in Entrüstung, wenn von Präventivkrieg gesprochen wurde, und der Kronprinz Friedrich zählte in kriegerischen Diskussionen nicht mit. Aber auf den Prinzen Wilhelm glaubte Waldersee bestimmt vertrauen zu können, und hoffnungsfroh schrieb er am 15. Februar 1887 auf ein Tagebuchblatt: »Prinz Wilhelm ist natürlich sehr kriegslustig und bedauert, daß es jetzt etwas friedlicher auszusehen scheint. Ich habe ihn durch meine Ansicht, daß die Vermehrung unserer Armee den Stein schnell ins Rollen bringen werde, sehr erfreut.« Sechzehn Monate darauf wurde aus dem Prinzen der Kaiser, und im gleichen Augenblick verschwand die Kriegslust vor dem sehr dringenden Wunsche, den Frieden erhalten zu sehen. Bismarck wurde, unter dem Beistand und dem Jubel Waldersees, gestürzt, aber Waldersee wurde bei der ersten Gelegenheit nach Hannover versetzt. Nur die Gewohnheit oder das Bedürfnis blieb, dem aufrichtigen Friedenswillen von Zeit zu Zeit nach außen hin etwas schreckhafte Züge zu verleihen. Wie man einst, in den Tagen der Gotik, Gotteshäuser mit wilden Fratzen umgab.

Überzeugt von seiner politischen Überlegenheit versuchte Wilhelm II. manchmal andere zu überlisten, sie zu entzweien, 31 geheime Minen zu legen, von denen er sich eine prachtvolle Wirkung versprach. Er überlistete niemanden, er trieb diejenigen, die er trennen wollte, nur zu engerer Vereinigung, und seine Minen explodierten nicht. Niemand hielt ihn für einen gefährlichen Schüler des Machiavell. Erst hinterher hat man so getan, als habe er die Fähigkeit besessen, die ganze Welt durcheinanderzubringen. In Wahrheit wurde das Naive in seiner Natur am deutlichsten bemerkbar, wenn er meinte, ungeheuer raffiniert zu sein. Er empfand bei seinen diplomatischen Manövern das Vergnügen eines Jungen, der Knallerbsen in der Schulstube verstreut. Es ist begreiflich, daß man darin eine Störung der Klasse sah. Daß er nicht den Wunsch hatte, den Frieden zu stören, war allen bekannt.

Die Fehler und die Mängel Wilhelms II. wogen schwer, das Schicksal Deutschlands wurde unter ihm und sehr wesentlich auch durch ihn auf unheilvolle Bahnen gelenkt. Dennoch muß man denjenigen widersprechen, die ihn zum Sündenbock für alles machen wollen. Seine Erscheinung war nicht von allen Beziehungen zur Umwelt losgelöst. Sie trug in sich Eigenschaften, die man, junkerlicher oder spießbürgerlicher, in einem Teile des Volkes fand. Hell und wunderbar, mit dem Lichte der kühlen Sterne, leuchtete noch der Geist Goethes über der deutschen Nation. Aber nicht wenigen, die sich zu den Gebildeten rechneten, war seine Bedeutung fremd geworden, waren seine Spuren verwischt. Der Idealismus von Weimar und der politische Realismus Bismarcks konnten, zwei hochragende Säulen, nebeneinanderstehen. Aber die Kreise und Schichten, die von Goethe am weitesten entfernt waren, verehrten auch in Bismarck nur ein entgeistigtes Bronzebild. Sie gingen in einer Vorstellungswelt auf, die, mit dem Maßstabe der Kultur und der Vernunft gemessen, eine Welt der Theatralik, der Muskelrenommage und der Geistlosigkeit war. In diesen Lagern, die ganz ehrlich ihren Patriotismus für den einzig wahren hielten, umwarben Machtpropheten, die Bismarck rücksichtslos beiseite geschleudert hätte, leicht verführbare Seelen, wurde die reine Schönheit der Vaterlandsliebe zu einer 32 aufgeregten Vitzliputzligestalt. Dort waren Geschmack, Taktsicherheit und Maßempfinden noch weniger als in der Persönlichkeit Wilhelms II. entwickelt, und das Kraftgetue erhielt nicht durch geistige Beweglichkeit einen schillernden Glanz. Man fand Wilhelm II. nicht kernig genug, und sein Sprachschatz stimmte doch ganz mit der Ausdrucksweise dieser Kreise überein. Wie er schwelgten sie in unklaren Ideen und Bildern von Weltpolitik. Sein Sinn für das Grandiose und Bombastische entsprach ihren inneren Instinkten, und unfaßbar war ihnen, daß in der Figur des Läufers von Marathon mehr Größe liegen könne als in einem Mammutsteinhaufen, den man, als Symbol der Kraft, auf einer Anhöhe auftürmen ließ. Das deutsche Volk war in seiner ungeheuren Mehrheit von keinem Machtrausch ergriffen, suchte mit Ameisenfleiß sich ein lebenswertes Leben zu schaffen oder das schon Erworbene zu mehren und zündete Tag für Tag, ohne sich von einer Laterna magica ein »Imperium romanum« vorgaukeln zu lassen, seine Arbeitslampe an. Für nicht wenige derjenigen aber, die sich als Oberschicht fühlten, und für die kleinen Treitschkes der Universitäten und Schulen, können die Worte Hammanns gelten: »Ein Hang zum Prahlen und Auftrumpfen, ein gönnerhaftes Verhalten gegen andere Kulturnationen tritt als eine von zu raschen Erfolgen in Industrie, Technik, Handel und Schiffahrt wohl unzertrennliche Begleiterscheinung hervor.« Kaum eine andere Nation war so reiselustig wie die deutsche, und wie früher nur der Engländer, war der deutsche Tourist jetzt überall. Aber er zeigte in der Beurteilung fremder Menschen und Verhältnisse oftmals jene Oberflächlichkeit, die vor 1870 den französischen Reisenden zu einer Komödiengestalt gemacht hatte, und brachte dann die Überzeugung nach Hause, die anderen Völker seien degeneriert, im Wettbewerb zurückgeblieben, zu träge und zu eingerostet für den modernen Betrieb und ohne Zweifel dem Untergang verfallen. Wer sich, in besserer Kenntnis, bemühte, die Heimat von solchen Trugschlüssen zurückzuhalten, wurde von vielen unfreundlich angesehen und galt als entarteter Französling, als entnervter Anglomane, als nicht mehr national. So ging es, in ihrem 33 Kreise, auch den aristokratischen Diplomaten, die draußen verlernt hatten, die Hofmauer ihrer Geburtsstätte als den letzten Horizont zu betrachten, und im Grunde war das von Wilhelm II. gern zitierte Wort, daß am deutschen Wesen die Welt genesen werde, tief in viele Herzen eingeprägt.

Und wie diejenigen nicht berechtigt sind, Wilhelm II. zu kritisieren, die mit seinen Sentenzen sich eine Weltanschauung – ohne Anschauung der Welt – zusammengewoben hatten, so haben auch diejenigen kein Recht, ihn zu schelten, die während seiner Herrschaftszeit seine Weihrauchspender gewesen sind. Man muß dem Grafen Czernin zustimmen, wenn er in seinem Buche den deutschen Byzantinismus für eine Hauptursache allen Übels hält. Nie, sagt er, sei Wilhelm II. »zum Bewußtsein des tatsächlichen Effektes seiner Handlungen« gekommen, denn das ganze deutsche Volk habe ihn durch Schmeichelei und durch Kundgebungen liebedienerischer Ergebenheit irregeführt. »Der Wunsch, dem Kaiser alles Unangenehme fernzuhalten . . . ihn immer nur zu loben und ihn zu verhimmeln . . . dieses systematische Großziehen der kaiserlichen Gottähnlichkeit, welches im Grunde weder der Liebe zu seiner Person noch irgendwelchen dynastischen Momenten entsprang, sondern dem rein egoistischen Wunsch, sich nichts zu verderben«, habe auf die Dauer wie ein erschlaffendes Gift gewirkt. Die Servilsten seien nicht die am Hofe Lebenden gewesen, denn gerade aus diesem Kreise habe manchmal der Monarch ein freies selbständiges Urteil gehört. Zu den schlimmsten Schmeichlergruppen zählt Czernin »Generale, Admirale, Professoren, Beamte, Volksvertreter und Gelehrte, die den Kaiser seltener sahen«. Zedlitz-Trützschler führt in erster Reihe auch die »unglaubliche Liebedienerei« der Hofprediger an. »Ich bin«, sagt er, »über diese Predigten häufig aufs äußerste erschüttert gewesen, denn sie wirkten unheilvoller, als man sich vorstellen kann.« Philipp Eulenburg schrieb 1899 von der Nordlandreise auf der »Hohenzollern«: »Jetzt mäkelt alles ohne Ausnahme in einer ermüdeten, hoffnungslosen Weise, die dem gesamten Gefolge ein orientalisches Gepräge von 34 Fatalismus gibt.« Alles werde von einer »mißmutigen Angst vor dem Sultan« beherrscht. Kiderlen-Waechter, eine weniger ästhetische Natur, schilderte den gleichen Eindruck in anderer Form. Er schrieb, ebenfalls von der Nordlandfahrt, beim Anblick der schön uniformierten, aber tief gebeugten Rücken: »Feige, verlogene Gesellen!« Es ist zweifellos eine zu einfache, schematisierende, ohnehin streichende Betrachtungsmethode, wenn man, wie Czernin es tut, in den Deutschen des Kaiserreiches nur eine in Reih und Glied aufgestellte, zum Gehorsam erzogene Masse erblickt. So ganz vom Exerzierreglement durchdrungen, wie die meisten Ausländer meinten, war das deutsche Volk wirklich nicht. In den ausgeglichenen Linien war der Individualismus nur scheinbar ausgelöscht. Hinter der Disziplin steckte sehr viel Neigung zur Kritik, hinter dem Respekt sehr viel Respektlosigkeit. Aber die unabhängig Gesinnten mußten mit Widerwillen die Bedientenhaftigkeit mitansehen, die sich vor dem Imperator bis zur Erde bückte, und mancher, der seine Unabhängigkeit noch eben betont hatte, bückte sich mit den anderen um die Wette, sobald er in den Sonnenkreis des Monarchen trat. Vor den kindlichen, ehrlichen Seelen, den männlichen und weiblichen Ehrenjungfern, die mit Rührung von »unserem geliebten Kaiser« sprachen, standen in der ersten Spalierreihe jene Familien, deren Privilegien der Monarch schützen und deren Macht er sichern sollte, und ein reichgewordenes Bürgertum, das keine Kosten scheute, wohltätig wurde und gelehrte Forschungen förderte, um den Vorsprung des nicht gebenden, sondern nur nehmenden Adels einzuholen und auch ein wenig Hofgunst zu erringen. Weil der Kaiser den Schnurrbart in die Höhe zwirbeln ließ, wurden alle loyalen Schnurrbärte genau ebenso in die Höhe gedreht. So rannten die Höflinge des sehr kurzsichtigen Tyrannen Dionys, um gleichfalls kurzsichtig zu erscheinen, gegen alle Türpfosten an.

Vielleicht am traurigsten aber war es, daß in den Tempeln des angeblich freien Geistes, in Universitäten, Akademien und ähnlichen Anstalten, die Wissenschaft von allzuvielen zur Dienerin der Dynastie gemacht, nicht nur das wahre, unleugbare Verdienst der besseren Fürsten gerecht 35 gewürdigt, sondern die banalste Fürstengeste verherrlicht, jeder unbequeme und mißliebige Störer ferngehalten wurde, und daß aus den Gelehrtenstuben, ganz wie aus den Kommerssälen, die unwahre Huldigungsphrase aufwärtsstieg. Die Technik und die Chemie hatten eine glanzvolle Entwickelung, viele Forscher und Lehrer der Geistesbildung aber waren mit Gnadenketten umwunden, und die aufrechten Männer traten hinter den Dialektikern der Fürstenanbetung zurück. Es ist wahrhaftig nicht nötig, sich bei den Gefälligkeitssprüchen jener Historiographen aufzuhalten, die ganz in der Tradition des beschränkten Untertanenverstandes wurzelten, und auch nur etwas von dem Kinderbrei aufzutragen, der in jenen Küchen dem deutschen Volke bereitet worden ist. Aber das ganze Elend tritt klar hervor, wenn man die beiden Aufsätze, in denen der oft so routinefreie und hellblickende Karl Lamprecht 1900 und 1913 Wilhelm II. geschildert hat, wieder liest. Er nennt »Selbstsicherheit und Festigkeit der obersten Ziele« »eines der entscheidenden Kennzeichen der kaiserlichen Persönlichkeit«. Allerdings wechsele Wilhelm II. »rasch in der Wahl der Wege«, die zu diesem Ziele führen sollen, aber das zeige nur »die außerordentlich entwickelte Assoziationsfähigkeit der kaiserlichen Natur«, die es verstehe, »immer neue Kombinationen« zu Tage zu bringen. »Ein staatslebendiger Wille wirkt sich in tausend liebenswürdigen Einzelzügen aus und gestattet dem Herrscher jenen häufigen Ortswechsel, der ihn in großen Teilen des Reiches gleichsam ständig heimisch macht.« Die Impulsivität wird so verherrlicht: »Da der Kaiser oft genug gesehen hat, wie recht er in früheren Fällen gemeint und empfunden hat, so ist sie eher noch gewachsen und wird abgetönt nur durch zweierlei: durch eine erfahrungsreiche Bonhomie, die die Personen mehr als früher schätzt und berücksichtigt, und durch einen nicht minder erfahrungsreichen Humor, ja einen gewissen Frohsinn des Übersehens, der manche Dinge und Personen oft zur Verwunderung der Umgebung lange gehen und gewähren läßt.« Indessen, eine genaue Beobachtung währe doch fort, bis dann »im geeigneten Moment ein ernster, zumeist von überraschender Kenntnis getragener Eingriff 36 erfolgt«. Über diese angebliche Entwickelung im Wesen des Monarchen schrieb Philipp Eulenburg, der ein intimer Freund und ein guter Beurteiler war: »Er ist unverändert in seiner explosiven Art. Sogar härter und plötzlicher in seinem Selbstgefühl gereifter Erfahrung – die keine Erfahrung ist.« Wilhelm II. ist für Lamprecht eine »urzeitlich durchwebte Persönlichkeit von mächtigem Willen und entscheidendem Einfluß«, er besitzt »die schicksalsreiche Gabe des begeisterten Redners«, und da doch auch die mitunter peinlichen Wirkungen dieser schicksalsreichen Gabe irgendwie angedeutet werden müssen, sagt der vortreffliche Historiker, daß »diese höchste künstlerische Gabe, die ihm die Musen geschenkt, dem Kaiser eben in seinem Berufe wohl zu höchstem Glück, aber auch zu höchstem Schmerz gereicht hat, und daß ihm damit der ganze Empfindungs- und Schicksalsbereich eines schaffenden Künstlers immer und immer wieder erschlossen« wird. Der gelehrte griechische Sophist Favorinus aus Arelata wurde einmal von Kaiser Hadrian in einer wissenschaftlichen Frage zurechtgewiesen und schloß sich, obwohl seine These die richtige war, unterwürfig der kaiserlichen an. Als seine Freunde ihn tadelten, gab er die Antwort: »Laßt mich nur immerhin glauben, daß derjenige auch der klügste Mann auf Erden sei, der dreißig Legionen kommandiert.« In den Tagen Wilhelms I. hatte die glänzende Schar der deutschen Gelehrten, die das wieder auferstandene Deutsche Reich zu einer Ruhmeshalle des Geistes machten, königlicher Pflichttreue mit froher Bereitwilligkeit Lorbeern dargebracht. Aber sie hatten nie so inbrünstig die Höflingsweise nachgeahmt. In Mommsens »Römischer Geschichte« ist Cäsar Vollendung und Höhepunkt. Aber Mommsen spricht in seinem Werke von dem unvermeidlichen »Verhängnis der Monarchie«, daß »doch kaum alle tausend Jahre in dem Volke ein Mann aufersteht, welcher König nicht bloß heißt, sondern auch ist«. Er bekannte sich zu der Überzeugung, »daß jede noch so mangelhafte Verfassung, die der freien Selbstbestimmung einer Mehrzahl von Bürgern Spielraum läßt, unendlich mehr als der menschlichste und humanste Absolutismus« sei. Und er sah in Cäsar einen »jener seltenen Männer, denen der 37 Königsname es verdankt, daß er den Völkern nicht bloß gilt als leuchtendes Exempel menschlicher Unzulänglichkeit«.

Wenn in einem Lande mit fest organisierter Selbstverwaltung die freiheitsstolzen Staatsbürger einem alten Königshause ihre Hochachtung ohne zuviel Kritik beweisen, so ist das gute Lebensart und eine freundlich anmutende Pietät. Wenn in einem Lande mit einer Scheinverfassung abhängige und bevormundete Untertanen einen fast autokratisch regierenden Herrscher kritiklos umjauchzen, so ist das, mag man es hundertmal mit Traditionen, dynastischen Verdiensten und historischen Zusammenhängen erklären wollen, nichts als ein versteinertes Überbleibsel aus Zeiten, wo der Mensch sich verzückt des eigenen Willens entäußerte und in Ekstase den Blitz auf sich niederrief. Seit den Tagen der Reformation, die Börne die Mutter der großen Französischen Revolution genannt hat, waren die entscheidenden politisch-geistigen Bewegungen, die den Völkern die Freiheit brachten, ihren Staatssinn weckten, ihr Verantwortungsgefühl zur Grundlage ihres Schicksals machten, nicht mehr aus Deutschland hervorgegangen. Mit aller Kraft war ein Staat konserviert worden, der, in seiner Doktrin nur noch dem fortwurstelnden Österreich und dem unergründlichen Rußland vergleichbar, einer längst weiterentwickelten, von anderen Ideen erfüllten Welt verständnislos und unverständlich gegenüberstand. Was man in Deutschland als Konstitutionalismus bezeichnete, war ein Tafelaufsatz auf leerer Tafel, eine Dekoration, hinter der, unbelästigt und ungesehen, das eigentliche Schauspiel vor sich ging. Wichtig klingende Worte sollten aus dem Nichts ein Etwas machen, der Monarch mußte »mit dem konstitutionellen Mantel« bekleidet sein, mußte in seinen Handlungen vom Reichskanzler »gedeckt« werden, und in Wahrheit war das alles völlig unwichtig, war der Souverän Alleinherrscher, Herr über Tod und Leben eines ganzen Volkes, da er Krieg ohne Befragen der ohnmächtigen Volksvertreter beginnen und, ohne Zustimmung eines Parlamentes, Reichskanzler und Minister auswählen, behalten oder fortschicken konnte, wie es ihm gefiel. Als Wilhelm II. sein »Suprema lex regis voluntas« geschrieben hatte, regte man sich fünf 38 Minuten lang darüber auf. Wilhelm II. hatte die Dinge nur beim richtigen Namen genannt, und das war es, was man störend empfand. Umgeben von seiner Armee und einer Oberkaste, die eine Mauer zwischen ihm und dem Volke bildete, blickte der Kaiser auf die Menschen, die er im Gespräch seine Untertanen zu nennen pflegte, patriarchalisch hinab. Und für die Untertanen galt noch immer, was sechzig Jahre vorher Robert Prutz spöttisch gereimt hatte:

»Wer liegt, wie Ihr, so still im Hafen,
Wenn draußen Blitz und Donner kracht?
Wer kann, wie Ihr, so ruhig schlafen,
Indes sein König für ihn wacht?«

Ja, diese Untertanen begriffen kaum das Verhängnisvolle, Gefahrvolle ihres Zustandes, und da für den Augenblick die Geschäfte mehr zu blühen schienen als in anderen Ländern und der militärisch-dynastische Glanz dem Auge gefiel, hielten sie jeden für einen Zänker und Stänker und Auslandsnachäffer, der von Einschränkung der Souveränität, von Kontrolle, von Parlamentarismus sprach. So wollten, wie der Graf de Lauzun berichtet, die Neger einer fernen Südseeinsel sich totlachen, als man ihnen erzählte, daß auch Länder ohne König vorhanden seien. Erst nach 1900, bei der »Daily-Telegraph«-Affäre und anderen Gelegenheiten, verstiegen sich auch nichtsozialistische Abgeordnete im Reichstag zu einigen stumpfen Redewendungen über die notwendige Erweiterung der Parlamentsbefugnisse, aber zu solchen Höhen wagte man sich selten und wenn die Polemisten ihre Pfeile gegen den Kaiser richteten, so hielten sie den Kampf ganz auf dem Niveau des Persönlichen, griffen sie die Freundschaftsneigungen und die Schwächen Wilhelms II. an und vermieden den größeren Kampf gegen das unmöglich gewordene System. Der Gang über die Hintertreppen der Paläste schien mehr als der Aufstieg auf der Freitreppe des Volkshauses zu locken, Histörchen waren interessanter als das Vordringen zu neuer Historie, und es war reizvoller, vom Cäsarenwahn zu sprechen, als dem allgemeinen Wahn entgegenzutreten, in dem ein großes Volk sich, still 39 zufrieden, dem unbewachten Willen eines einzelnen, durch Geburtszufall ausgelesenen Mannes unterwarf. Der Zufall, der gerade diesen in die Herrscherwiege gelegt hatte, hatte wenigstens einen Menschen mit guten Absichten, wenn auch mit äußerst schädlichen Eigenschaften ausgewählt. Wenn er dem Lande einen Tollwütigen beschert hätte, wäre dieser Herrscher, umringt von Armee und Oberkaste und getragen von monarchischer Gesinnung, Anbetungsbedürfnis und Geistesbequemlichkeit, ganz ebenso imstande gewesen, seinen Genius wirken zu lassen, und nichts hätte seine Ausbrüche gehemmt. Und das Übelste: man machte aus der Demut eine frumbe Reckentugend, aus der bequemen und satten Gedankenträgheit eine staatsphilosophische Weisheit, aus dem ungermanischen Verzicht auf Mannheit ein germanisches Ideal. Weil man die militärisch und beamtlich scharf aufrechterhaltene Bevormundung nicht abzuschütteln wußte, sie für unerschütterlich hielt, kroch man unter die warme Decke und erklärte, das Glied der Herde sei auf Erden das freieste Geschöpf. Jene Gelehrten, die güldene Ketten dem Kranz des Weisen vorzogen, bewiesen, noch ganz wie in den Tagen der philosophierenden Metternichlinge, daß die wahre Freiheit in der Unfreiheit bestehe, und daß der Mensch nicht dazu gemacht sei, aufrecht zu gehen. Und indem sie so aus unfrei frei und aus krumm gerade machten, hatten sie, obgleich sie von den Humanisten zu stammen wähnten, eine große Ähnlichkeit mit jenen Scholastikern, die auch jedes Ding so lange bogen, bis es für die Rüstkammer des Autoritätsglaubens verwendbar war.

Hatte Wilhelm II., der ehrfurchtgebietend über seinen Untertanen thronen wollte, jemals über die Bedeutung des parlamentarischen Regimes nachgedacht? Er hat nicht einmal geahnt, daß nur noch dieses parlamentarische Regime in schweren Zeiten die Throne schützen kann. Wenn die Stürme kommen, hüllt die Phrase vom »konstitutionellen Mantel« den Monarchen nicht ein. Wenn die Gefahr heraufzieht, nützt es ihm nichts, daß ein Reichskanzler ihn »deckt«. Nur das parlamentarische Regime lenkt die Volkserregung von ihm ab. Nicht der Monarch wird dann getroffen, sondern 40 die mitregierende Parlamentsmehrheit, weil sie an der Verantwortung beteiligt war. Von dem Glauben durchdrungen, daß der ewige Wechsel der Zeiten ihn allein nicht berühren könne, und umgeben von einer ebenso selbstsicheren und verständnislosen Kaste, in seinen Irrtümern bestärkt durch all die Denkfaulen, Impotenten und Unterwürfigen, hat Wilhelm II. in den wenigen, die für das parlamentarische System eintraten, nur Umstürzler gesehen. Man konnte zu ihm die Worte des Teiresias sprechen: »Nicht Kreon schafft Dir Leides, nein, Du schaffst Dir's selbst.«

Dennoch – Deutschland war, als das alte Jahrhundert in das neue hinüberströmte, felsenfest, voll Blühen und Gedeihen und von außen her kaum bedroht. All das Zurückgebliebene, Zeitfremde, Enggeistige und Engherzige in seinem Staatsleben und seinem Kastenaufbau, all das, was in Zeiten tragischen Ernstes den Blicken plötzlich als längst veraltet erscheinen und zusammenbrechen mußte, konnte in der Zeit des Friedens und der Sattheit dauern und Rost konnte sich auf Brückenpfeiler legen, ohne daß die robuste Brücke in Einsturzgefahr geriet. Manchmal verstimmt, manchmal aufgeregt durch die rasselnden Reden und gewaltsamen Gesten, hatten die anderen Völker im Grunde die Überzeugung, daß die deutsche Regierungspolitik friedliebend sei. Trotz allen rhetorischen Kundgebungen Wilhelms II. war die Friedlichkeit seiner Gesinnung offenbar. Warmes und herzliches Gefühl, brüderliche Vertraulichkeit und jener Enthusiasmus, den man einem Geistesführer und Bahnbrecher widmet, wurden auch von jenen Nationen, auf denen nicht Neid und Eifersucht lasteten, dem deutschen Volke nicht dargebracht. Das vollendete Ideal der streng behüteten, streng in Ordnung gehaltenen Kinderstube flößte den zur Selbständigkeit Herangewachsenen keine Bewunderung ein. Den Reiz ostelbischer Laute, die aus Deutschland, nicht nur aus Ostelbien, hörbar wurden, begriff man draußen nicht. Die fremden Zuschauer empfanden es auch als widerwärtig, daß in Deutschland antisemitische Instinkte den Markt und das Kasino beherrschen durften, und hielten daneben die Tatsache, daß Frankreich, aufgerüttelt von seinen besten Politikern und 41 seinen Intellektuellen, gerade jetzt nach der kurzen Schmach des Dreyfus-Handels, rücksichtslos diese Krankheit vertrieb. Nein, Deutschland wurde auch im Jahre 1900 nicht mit inniger Zärtlichkeit betrachtet, hatte gegen sich die Rivalitäten der einen, das Kopfschütteln der anderen, schritt nicht zwischen liebend hervorgejauchzten Segenssprüchen einher. Aber alle nicht von Haß und Leidenschaft bewegten Beobachter gaben zu, daß es durch rastlose Tüchtigkeit und klugen Unternehmungsgeist, ohne den Frieden Europas zu stören, zu beispiellosen Ergebnissen gelangt sei, und es nahm – begünstigt durch die Zwietracht der Umwohner – im Kreise der Völker eine Vorzugsstellung ein. Wenn es sich diese Vorzugsstellung wahren und immer mehr sichern wollte, mußte es darauf bedacht sein, die Befürchtungen, die durch seine militärische Koloßgestalt, durch seine inneren Verhältnisse, durch die Allmacht eines unprüfbar waltenden Alleinherrschers hervorgerufen wurden, zu verstehen. Es mußte vermeiden, diese Befürchtungen durch eine unruhige Politik, durch wirre und lärmvolle Aktionen aufzustacheln und zu verstärken, und durfte nie die Worte Bismarcks vergessen: »Mein ideales Ziel, nachdem wir unsere Einheit innerhalb der erreichbaren Grenzen zustandegebracht hatten, ist stets gewesen, das Vertrauen nicht nur der minder wichtigen Staaten Europas, sondern auch der Großmächte zu erwerben, daß die deutsche Politik, nachdem sie die injuria temporum, die Zersplitterung der Nation, gutgemacht hat, friedliebend und gerecht sein will.« Und diejenigen, denen der Kaiser, nach persönlicher Neigung und ohne Mitwirkung einer Volksvertretung, die Leitung der deutschen Geschäfte anvertraute – und über ihnen der Kaiser selbst – mußten unablässig den Gedanken in sich tragen: der Tag, wo England, Frankreich und Rußland sich zusammenfänden, wäre für Deutschlands politisches Glück der Tag höchster Gefahr. Sie mußten alles vermeiden, was einen solchen Zusammenschluß fördern konnte, und sie durften sich durch keine populäre Stimmung, durch keine Agitation in Zeitungen und Vereinen, durch kein nationales Harfenspiel der ahnungslos und bismarckfremd unter den 42 Bismarckeichen sitzenden Barden und durch keine schmeichlerischen Vorstellungen der eigenen Phantasie von dem Wege ablocken lassen, der klar vorgezeichnet war.

Am 16. Oktober 1900 bat Fürst Hohenlohe den Kaiser um seine Entlassung aus dem Amte des Reichskanzlers und sah, wie er in seinen »Denkwürdigkeiten« mitteilt, daß Wilhelm II. das Gesuch schon erwartet hatte, »daß es also die höchste Zeit war, damit loszugehen . . .« »Wir sprachen dann«, notiert er weiter, »noch über den Nachfolger, und ich war angenehm überrascht, daß er gleich Bülow nannte, der jedenfalls im Augenblick der beste ist.« Graf Bülow wurde zum Reichskanzler ernannt. Da er schon seit drei Jahren als Staatssekretär das Auswärtige Amt geleitet hatte, war er dem Reichstag und dem Publikum nicht mehr unbekannt. Er war jetzt 51 Jahre alt, hatte sich bei den Botschaften in Paris und Petersburg betätigt, war Gesandter in Bukarest gewesen und hatte von 1893 bis 1897 als Botschafter in Rom gewirkt. Das Deutsche Reich hatte damals eine Anzahl ausgezeichneter Botschafter, Marschall in Konstantinopel, Münster in Paris und den freilich schon kränklichen Paul Hatzfeldt in London, und zwischen ihnen war Bülow, obgleich der jüngste, der geringste nicht. Dieser Schleswig-Holsteiner brachte jene leichte weltmännische Anmut mit, die in Deutschland selten wächst. Man könnte meinen, er sei aus anderen Zonen auf diesen harten Boden herübergeweht. Es war, auch für seine politischen Gegner, soweit sie künstlerischen Eindrücken zugänglich waren, ein Vergnügen, ihm zuzuhören, wenn er, die Daumen in die Armöffnung der Weste gesteckt und ein wenig den Oberkörper wiegend, im Reichstag sprach. Wie bei hochentwickelter Theaterkunst vergaß man beim Anblick der scheinbar natürlichsten Ungezwungenheit den Apparat. Er legte sich seine Reden sorgfältig vorher zurecht, sammelte sogar in den Ferien Worte und Einfälle, aber er war doch – eine Seltenheit – ein Redner, der die Vorbereitung nicht brauchte, sondern, so oft es nötig wurde, frei und schlagfertig zu improvisieren verstand. Er hat mir einmal gesagt, der gute Redner müsse nur den Schluß seiner Rede bereit haben und den Endpunkt vor sich 43 sehen. Was er im Reichstage vorbrachte, wenn er die Sozialisten angriff oder seine Politik verteidigte, war gewiß nicht immer aus schwer zugänglichen Tiefen geschöpft. Fesselnd war, wie er die Sätze rundete oder zuspitzte, schliff, im Lichte zeigte und dann leicht hingleiten ließ. Er hatte sehr viel gelesen, hatte in Paris, Petersburg und Rom mit vielerlei Menschen geplaudert und nannte manche historische Persönlichkeit seinen Freund. Unterstützt von der liebenswürdigsten italienischen Frau, der Tochter der Laura Minghetti, verwandelte er das Haus in der Wilhelmstraße aus einem Altmännlein-Hospital in einen Salon. Der alte Hohenlohe hatte nach einem Besuch des Theaters, in dem Hauptmanns »Hannele« gespielt wurde, in sein Tagebuch geschrieben: »Ein gräßliches Machwerk – überhaupt scheußlich« und sich erst durch Kaviar und Champagner wieder »in eine menschliche Stimmung« versetzt. Jetzt kam der Dichter des gräßlichen Machwerkes in das Reichskanzlerpalais.

Schon drei Jahre vorher hatte Wilhelm II. Herrn von Tirpitz, der zuletzt Chef der ostasiatischen Kreuzerdivision gewesen war, zum Staatssekretär der Marine gemacht. Herr von Tirpitz war – die freilich mit Vorsicht zu genießenden »Erinnerungen«, die er nach dem Kriege veröffentlicht hat, können diesen Eindruck nur verstärken – trotz seinen folgenschweren Fehlern ein Mann von vielen Gaben, dem nur die Gabe, sich einzuordnen, nicht verliehen oder fremd geworden war. Seine Verteidigungsthese, daß der Flottenbau die Beziehungen zu England verbessert habe, kann ebensowenig ernstgenommen werden wie seine meisten anderen politischen Theorien. Er war der große Flottengründer und legte sich, da man ihm volle Freiheit ließ, die politischen Notwendigkeiten nach seinen Admiralswünschen zurecht. »Als ich nun im Jahre 1897«, schreibt er, »in Potsdam eintraf, sagte mir der Kaiser, es wäre alles fertig für die Flottenkampagne, ich brauchte nur noch zuzustimmen.« Im Jahre 1900 kam dann das zweite, große, grundlegende, auf »Weltpolitik« losgehende Flottengesetz. Tirpitz ließ, wie er erzählt, vor der Einbringung der zweiten Vorlage den Kaiser bitten, beim Stapellauf des »Karl der 44 Große« in Hamburg von der Flottenvermehrung nichts zu sagen, aber Wilhelm II. nahm die Mahnung nicht an. Die Welt erfuhr den Plan durch eine »aufsehenerregende Rede des Kaisers, der im Rahmen eigner Ausdrucksweise unsere noch im ersten Vorbereitungsstadium befindlichen Erwägungen ohne Befragen des Reichskanzlers oder des Staatssekretärs des Auswärtigen in die Öffentlichkeit warf«.

Nach der Entlassung Bismarcks hatte Wilhelm II. an den Großherzog von Weimar telegraphiert: »Das Amt des wachthabenden Offiziers auf dem Staatsschiff ist mir zugefallen.« Er sah sich immer auf dem Schiffe und fand, wenn sein Geist an Meerbildern haftete, nicht immer sofort auf die feste Erde zurück. Die Flotte, von der er geträumt hatte, und mit der er Weltpolitik machen wollte, wurde gebaut. Indem man sie baute, begleitete man das große Unternehmen mit Posaunenstößen, als wenn es nicht darauf ankäme, etwas zu schaffen, sondern darauf, die Welt in Erstaunen zu versetzen, ihr ein Schauspiel zu bieten, ihre Bewunderung wachzurufen, und mehr noch ihren neidischen Zorn. Später sind andere, noch stärkere Flotten gebaut worden, die Japaner haben ein Schiff zum andern gefügt, die Amerikaner haben eine Riesenflotte errichtet, aber sie alle haben das ganz ruhig, ganz im Stillen getan. Hier schien immer die Hauptsache die über fünf Erdteile hindröhnende Rede beim Stapellauf. Man hatte den Flottenverein gegründet, der 1900 schon sechsmalhunderttausend Mitglieder hatte, politische Vorsicht verachtete und seine agitatorischen Schlagworte in alle Winde rief. Sehr bald mußte das Karthago jenseits des Kanals zu der Ansicht gelangen, daß hier ein neues Rom feindselig rüste, denn die Catos des Flottenvereines äußerten ihr »ceterum censeo« ziemlich unverhüllt.

Die Waldersee-Fahrt nach China war die buntscheckige Episode des Jahres 1900 gewesen, die Einbringung der Flottenvorlage im Reichstag war die schicksalsvolle Tat. Nachdem das Zentrum, die Richterschen Freisinnigen und die Sozialdemokraten gegen die Vorlage gekämpft hatten, schwenkte das Zentrum, und der Widerstand brach zusammen. Am 6. Februar sprach Herr von Tirpitz in der Debatte: 45 »Entwickeln wir unsere Flotte nach der Richtung der Schlachtflotte, so würde der Feind, ehe er zur Blockade schreitet, unsere Flotte niederkämpfen müssen.« Wir haben seither gesehen, daß der Feind auch ohne diese Niederkämpfung zur Blockade geschritten ist. »Er wird«, verhieß Herr von Tirpitz weiter, »vor die Frage gestellt werden, sobald er einen Krieg mit Deutschland beginnt, ob ein solches Geschäft eigentlich die Kosten deckt, das heißt, das Risiko verlohnt.« Und Herr von Tirpitz meinte, der Feind werde »sich voraussichtlich mit uns arrangieren«, wenn wir im Besitz einer starken Flotte seien. In derselben Reichstagsdebatte aber sagte Eugen Richter: »Hüten wir uns, daß wir nicht bei uns den Imperialismus züchten, dessen wir andere beschuldigen! Die Alldeutschen freilich stecken die Grenzen des neuen Weltreiches ab – Marokko, Kleinasien, Brasilien – und die Flottenprofessoren machen es ebenso.«

Ich habe, viel später, den Fürsten Bülow, der in seinem Buche allzusehr die Schlagworte des Herrn von Tirpitz verwendet, über die Entstehung der Flottenpolitik befragt. Er hat entgegnet, daß nach dem Sturze Bismarcks der Kaiser die Notwendigkeit empfunden habe, dem deutschen Volke einen neuen idealen Gedanken zu geben, und daß das ein Grund der Flottenkampagne gewesen sei. Als Bülow sein Amt übernahm, fand er die Flottenpolitik schon vor. Auf seinem Schreibtisch lag bereits fix und fertig das neue Ideal. Tirpitz schildert, wie er nach Friedrichsruh fuhr, um sich bei Bismarck »den Kugelsegen für das Flottengesetz zu holen«, und wie der Alte ihm eine schroffe, heftige Antwort gab. Bismarck hatte nichts übrig für die Ideale, mit denen man, wie mit Flügelrossen, ins blaue Abenteuer fliegt. 47

 

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