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Das Vorspiel

Theodor Wolff: Das Vorspiel - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Vorspiel
authorTheodor Wolff
year1924
firstpub1924
publisherVerlag für Kulturpolitik
addressMünchen
titleDas Vorspiel
pages303
created20140121
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vorwort

Wer die Artikel wieder liest, die George Clémenceau in den Tagen einer berühmten Affäre geschrieben hat, findet zwischen vielen anderen ausgezeichneten Bemerkungen die Worte: »Man ersetzt jetzt die Beweisführung durch das Zeugnis irgendeines Menschen, der behauptet, daß der Angeklagte schuldig sei. Und daraufhin ins Bagno, Verräter, und wer noch sagt, die Verurteilung sei hinfällig, ist gekauft.« Das logische Denken, die aus mittelalterlicher Finsternis emporgestiegene Vernunft, der Geist freier Kritik lehnten sich damals gegen ein Urteil auf, das ohne Wahrung der vorgezeichneten Rechtsformen, ohne aufklärendes Verfahren in verborgenen Hinterzimmern fabriziert worden war. Genau dreißig Jahre später aber wurde, wiederum in Paris, von Richtern, die ein erkennbares Interesse an einer Verurteilung hatten, ohne die primitivsten Rechtsgarantien ein ganzes Volk für schuldig erklärt. Nicht ein geheimes Gericht, sondern »alle Welt« hat dieses Urteil gefällt? Oh, »alle Welt« ist die Unwissenheit, der nachplappernde Papagei. Wie wir auch über die Ursachen des Krieges denken mögen – niemals können wir einen so willkürlich hinausgeschleuderten Spruch anerkennen. Obgleich ein Volk nicht verpflichtet ist, sich mit jeder Handlung solidarisch zu fühlen, bei der es weder informiert noch befragt wurde, muß jeder eine Entscheidung zurückweisen, die nicht dadurch entschuldbarer wird, daß sie eine Ära des Justizbankerottes eingeleitet hat. Dem niedrigsten Verbrecher wird gestattet, einen Richter abzulehnen, den er für feindselig, für befangen hält. Und wir sollten uns Richtern beugen, die einen Schuldspruch brauchten, um ihre Pläne ausführen zu können, und sollten die Reinheit eines Kollegiums proklamieren, in dem vielleicht mancher unter 6 der hoheitsvollen Toga seine eigene Schuld verbarg? Wenn ein gemeiner Raubmörder, ein zwölfmal vorbestrafter Dieb, ein schmutziger Mädchenhändler, ein abgefeimter Betrüger verhaftet worden ist, wird der Fall umständlich untersucht, vertiefen sich wachsame Anwälte in die Akten, werden der Beschuldigte und zahllose Zeugen immer aufs neue vernommen. Wo war in unserem Prozeß die Untersuchung, wo waren die Anwälte, die Akten und die Zeugen, und wann hat man den Beschuldigten angehört? Wenn ein Ehemann seine Frau oder ihren Liebhaber erschossen hat, erwägen die Geschworenen sorgfältig alle nahen und fernen Einzelheiten, durchforschen sie das ganze Vorleben der beteiligten Personen, lesen sie jede Zeile der im Nachtkasten entdeckten Briefe, suchen sie nach den Motiven, und wenn sie einleuchtende Beweggründe gefunden haben, sprechen sie frei. Das ungeheuer komplizierte, aus zahllosen Fäden gewobene Problem der Kriegsschuld wagte man durch einen Federstrich zu entscheiden, ohne auch nur flüchtig gefragt zu haben, von welchen Motiven das Handeln des Angeklagten bestimmt worden sei. Vielleicht hatte er Dokumente in seinem Besitz, die ihn zu der Meinung bringen mußten, sein Leben sei bedroht? Vielleicht hätte er den Richtern den Schlüssel zu einer Kammer reichen können, in der verborgene Wahrheiten ruhen? Ein Tribunal, das verurteilt, ohne zu hören, entweiht das Recht, das doch für das kostbarste Juwel in der Krone freier Nationen gilt. Oder ist es nur deshalb so kostbar, weil es so selten ist?

Wer dem Tendenzurteil von Versailles, das einem Geknebelten alle Schuld zudiktiert hat, fertige, für den Massenbedarf geprägte Sprüche gegenüberstellt, wird die fremden Völker nicht bekehren und immer nur den Eindruck erwecken, als sei er nicht Freund der Wahrheit, sondern Anwalt einer Partei. Schlagworte, allzuoft in Versammlungen von denjenigen vorgetragen, die am wenigsten zu einer solchen Rolle geeignet sind, dringen nicht überzeugend durch die Saalfenster in die abgeneigte Welt hinaus. Wer behauptet, daß man in Deutschland eine einwandfreie Politik gemacht, und daß jeder die Seele eines Friedensapostels gehabt habe, 7 rennt mit der Stirn gegen die Tatsachen, und wer zu viel beweisen will, beweist nichts. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, irgend etwas zu verstecken, und wir brauchen keine künstliche Beleuchtung, sondern recht viel natürliches Sonnenlicht. Das von Friedrich dem Großen zitierte Wort Fontenelles: »Wenn ich die Hand voller Wahrheiten hätte, so würde ich es mir überlegen, bevor ich sie öffnete«, ist ein schlechtes, kümmerliches Wort. Jede Hand müßte geöffnet werden, die noch Wahrheiten umklammert hält. Dieses ist auch das einzige Mittel, das man besitzt, um politisch unkundige Völker zu erziehen, sie von ihrem schlimmsten Feind, der Phrase, zu erlösen, sie hellhörig gegenüber der Verführung zu machen und vor Fehlern zu warnen, in die sie, wie Quartalstrinker, immer wieder verfallen. Man richtet die kleinen Wegzeichen auf, auch wenn man weiß, daß die Dummheit noch unüberwindlicher ist als der Wüstensand.

Ich würde mich auf den Spruch Goethes berufen: »Geschichte schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen«, wenn das nicht den Anschein erwecken könnte, als hätte ich Geschichte zu schreiben versucht. Nichts liegt mir ferner als die eitle Absicht, in das Heiligtum jener Hohenpriester einzudringen, die scharfsinnig alle Rätsel der Vergangenheit enthüllen. Es ist mir nicht vergönnt, in dem stillen, von der Welt abgeschlossenen Garten der Weisheit friedlich die Blumen zu begießen, und wie sollte der solche Vergleiche nicht scheuen, der auf der lärmvollen Straße wandert und nur dann und wann sein Notizbuch hervorziehen kann? In solcher Unrast ist er gegen Irrtümer schlecht geschützt. Das Buch, dessen erster, vorbereitender Teil hier folgt, soll auch keine lückenlose, ausgeglichene Darstellung einer politischen Entwickelung sein. Aus dem fortlaufenden Gang der Geschehnisse wird einiges herausgehoben, anderes nur als verbindender Kitt dazwischengefügt. Vielleicht habe ich, Wichtigeres beiseiteschiebend, manchem Vorgang nur deshalb breiten Raum gegönnt, weil ich ihn in der Nähe gesehen habe, oder weil mir durch die Erzählung der Beteiligten noch unbekannte, in keinen Akten aufgezeichnete Tatsachen dargeboten worden sind. Wenn 8 das ein Fehler ist, so könnte es doch auch einer der wenigen Vorzüge sein, die dieses Buch besitzt. Ich habe in oft wiederholten Gesprächen mit Persönlichkeiten, die an den hier geschilderten Ereignissen teilgenommen haben, die verschiedenartigen Meinungen und verborgenen Zusammenhänge kennengelernt. Und obgleich es schön sein mag, hinter den Mauern eines Klostergartens der Wahrheit nachzuspüren, ist es doch vielleicht auch ein Weg zur Erkenntnis, wenn man selber beobachtet, fragt, mit den Männern, die Kapitän oder Steuermann oder Erster Offizier gewesen sind, diskutiert und abwägend seine Schlußfolgerungen zieht. Gewiß, die »Objektivität« wird durch den eifrigsten Gedankenaustausch, durch Prüfen und Nachprüfen nicht verbürgt. Aber wir wollen einen Preis für den aussetzen, der ihr in historischen Werken und Abhandlungen über miterlebte Zeiten begegnet ist. Niemand von uns bezweifelt, daß die Gelehrten in ihren stillen Klausen berechtigt sind, mit dem Brahmanen zu sagen: »Den großen Geist jenseits der Dunkelheit, wie Sonne leuchtend, habe ich gesehen.« Weit zurückliegende Jahrtausende sind ihnen nahe, aber das Nahe wird fern. Auch sie haften am irdischen Leben, und die meisten sind nicht imstande, sich von sich selbst zu befreien und sich, ihre Wünsche, Instinkte und Vorurteile verlassend, bis zum Gipfel eines mittleren Berges emporzuschwingen. Obgleich sie nicht in der Brandung stehen, scheitern sie, und obgleich sie hinter Mauern studieren, reißt der Wind der Landstraße sie mit.

Berlin, April 1924

Theodor Wolff

 


 

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